Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 22

Chapter 223,411 wordsPublic domain

Eine Landung an dem Orte zu versuchen, an welchem wir uns befanden war ausgeschlossen, daher ohne einen Versuch zu machen, wurde der Befehl zur Umkehr gegeben und an der sandigen Uferstelle vor der Station Werra gelandet, die etwas landeinwärts auf einem erhöhten Punkte, bestanden mit mächtigen breitästigen Tamarindenbäumen, angelegt ist. Ihren Namen soll diese von dem eine Strecke flußabwärts liegenden großen Dorfe Werra erhalten haben; sie ist nur von einigen schwarzen Soldaten und deren Familien bewohnt und hauptsächlich als eine Uebergangsstation zu betrachten, denn die kleinen Erdwälle und Gräben ohne jegliches Verständniß hin und wieder aufgeworfen, verfallen und zur Vertheidigung ungeeignet, würden einem zahlreichen Feinde schwerlich am Vordringen abhalten. Eigentlich, wie mir mitgetheilt wurde, ist diese Station neutrales Gebiet, auf welchem vorkommende Zwistigkeiten zwischen den umwohnenden Häuptlingen von dem Verwalter der Station Fort Hohnston geschlichtet werden und die Besatzung vornehmlich die Aufgabe zufällt, die ausgeschriebenen Kopfsteuern in Landesprodukten einzutreiben.

Den Umständen gemäß hatten wir hier ein bequemes Nachtlager gefunden, was um so schätzenswerther war, als der nächste Tag voraussichtlich viel Arbeit bringen würde, da wahrscheinlich kein Landen eher möglich sein würde, als bis wir den am Nordende des Sees einmündenden Fluß wieder erreicht hätten, und was das Ungemüthlichste, schwerlich vor dieser Zeit etwas würden genießen können.

Früher als gewöhnlich blies am Morgen des 3. Januar der Trompeter die Reveille. Ein Jeder, darauf bedacht, vor der Abfahrt noch einen Becher voll Kakao oder Kaffee zu erhalten, beeilte sich desto mehr fertig zu werden, denn Rücksicht wurde auf Keinen genommen. Jeder mußte, sobald die Musterung der Soldaten vorüber, das Signal zur Abfahrt gegeben, bereit sein, seinen bestimmten Platz einzunehmen. Laut einer Verfügung des Majors hatte Leutnant v. Bronsardt, der auf dem Landwege früher in Fort Johnston eintreffen konnte als wir, von dort nach Werra einige mit dem Malombwe-See bekannte Leute zu senden, die auch, da selbe sich sehr beeilt hatten, tagszuvor eingetroffen waren, und nun auf den Booten als Führer vertheilt, wurden nach ihrer Anweisung die Fahrzeuge dirigiert. Je näher wir dem See kamen, desto weiter dehnte sich der Fluß aus und fast gewann es den Anschein, als ergieße sich derselbe hier in den See -- von einer Strömung war bei der großen Breite und Tiefe nichts mehr zu bemerken und daher kamen wir auch ziemlich schnell vorwärts. Eine ganze Strecke bei sich gleichbleibender Tiefe, waren wir in den spiegelglatten See hineingefahren -- zur Linken, wo das Land im Halbkreis den See umschließt blieb das Wasser klar und behielt seinen grünlichen Schimmer, dagegen zur Rechten und Voraus nahm es eine graue Färbung an aus einem Grunde, der uns noch unbekannt war, bald aber als ein Hinderniß auftreten sollte, das zu überwinden wir gewaltige Anstrengungen machen mußten.

Immer dieselbe Richtung nordwärts einhaltend, glaubte ich anfänglich, daß wir in gleicher Weise quer durch den See hinfahren könnten, allein, sobald die genaue Färbung des Wassers als darunterliegender Schlamm erkannt wurde, mußte der Kurs ostwärts, mit dem rechten Ufer gleichlaufend, geändert werden, in welcher Richtung, nach Angabe unserer Lootsen, noch das tiefste Wasser zu finden sei. Der Kiel des Bootes, da die Wassertiefe nur noch zwei und einen halben Fuß betrug, wühlte die leicht-bewegliche Masse auf, so, daß in der Kiellinie ein schmutzig gelber Streifen hinter uns verblieb, der mithin sichtbar den Weg erkennen ließ, welchen wir genommen. Ebenso wurden mit jedem Ruderschlage die Schlammmassen aufgewühlt, in denen durch das klatschende Geräusch erschreckt, fortwährend eine beträchtliche Anzahl großer und kleinerer Fische vor dem Bug des Bootes hin- und herschossen; konnten diese nicht ausweichen, weil ihre Bewegungen ziemlich langsam waren, dann vergruben sie sich plötzlich in die weiche Masse und entzogen sich dadurch dem vermeintlichen Verfolger. Ausnahmlos war es eine Art Sumpffisch, ähnlich unserem Wells oder auch dem sogenannten Katfisch; ein flacher breiter Kopf, die Kinnladen mit Bartfasern besetzt, der Körper langgestreckt von heller gelblicher Färbung, konnte man diese zu derselben Gattung zählen, welche ich früher schon im untern Schire oder später im Nyassa-See zu fangen Gelegenheit gehabt habe. Höchst verwundert über eine solche Versumpfung des ganzen Malombwe Sees, äußerte sich Major von Wißmann dahin, daß eine solche erst im Verlaufe der letzten zehn Jahre allmählich eingetreten sein kann, denn er habe vor dieser Zeit, als er von der Westküste kommend und den Kontinent durchquert hatte, diesen See tief und klar gefunden, und diese Angaben bestätigten sich auch, indem wir überall eine durchschnittliche Tiefe von zehn Fuß fanden. Es war nämlich leicht genug eine Bambusstange bis auf den Grund durch den Schlamm hindurchzustoßen, nur das zurückziehen wurde schwerer, weil die bindende Masse in der Tiefe durch den Druck der oberen Schichten fester und zäher geworden war. Uebrigens erwies sie sich als eine Thonablagerung und es liegt die Vermuthung nahe, daß dieselbe in ihrem Fortbestand im Laufe der Zeiten diesen großen See schließlich zum größten Theil in festes Land umwandeln muß, durch welches der Schirefluß sich eine Straße offen halten wird.

Auf die Ursache dieser ungewöhnlichen Erscheinung werde ich später bei der Beschreibung des Nyassa Sees eingehend zurückkommen, vorläufig nur sei erwähnt, daß dieses Material von den zahlreichen Gebirgsbächen und einiger größerer Flüsse, welche in den Nyassa münden, in diesen hineingeführt wird und durch Strömungen, zum Abschluß des ungeheuren Sees, dem Schirefluß, geleitet, hier im ausgedehnten flachen Bette des Malombwe durch wohl unerklärliche Umstände, jedenfalls durch eine zu schwache Strömung in diesem See in letzter Zeit abgelagert wurde.

Man hätte meinen sollen, die weiche Masse unter uns könne die Boote am Fortkommen nicht sonderlich hindern, indes, als wir nach einiger Zeit nur noch zwei Fuß Wasser fanden, mußten wir die Erfahrung machen, daß dieselbe sich am Boden festsetzte, sodaß durch Rudern oder Schieben nicht mehr weiter zukommen war. Stundenlang arbeiteten wir in heißer Sonnengluth mit aller Anstrengung um hindurchzukommen, aber es wollte nicht gehen, auch der Wind, der in diesem Fall unser bester Verbündeter hätte sein können, wehte, als er endlich aufsprang, aus der entgegengesetzten Richtung und, als schließlich um ein Uhr Nachmittags an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war, beorderte der Major die kleineren Boote längsseit, um eine Erleichterung des großen Fahrzeuges vornehmen zu lassen.

Auch dieses Mittel erwies sich als nutzlos, konnten doch die schon schwerbeladenen Boote nur noch wenig aufnehmen, selbst das Kanoe wurde mit Mehlsäcken beladen, um sein Theil zur Erleichterung beizutragen, -- aber trotzdem blieb ein erneuerter Versuch eine vergebliche Mühe. Nun erhielten unter meiner Führung die kleineren Boote den Auftrag, nach allen Seiten hin die Wassertiefe zu untersuchen, ob nicht doch noch ein Ausweg zu finden sei; die Behauptung der Lootsen, daß es zu beiden Seiten noch viel flacher wäre, wollte uns nicht recht einleuchten, -- doch alles Suchen war Zeitverschwendung, es gab nur die eine Fahrstraße und diese erwies sich für das große Boot als zu flach!

Thatenlos nach so großer Anstrengung hier mitten im See sitzen zu bleiben und vielleicht auf günstigen Wind zu warten, der allein im Stande war, uns aus diesem Dilemna zu befreien, war des Majors Absicht nicht, auch solches geduldige Abwarten seiner Natur entgegen, darum, nun einmal nicht weiter zu kommen war, beschloß er, das große Boot unter Aufsicht von Dr. Bummiller und +de la Fremoire+ sitzen zu lassen und mit den drei kleineren den Versuch zu wagen, ob nicht Land zu erreichen sein werde. Schwer war dieses Unternehmen nicht; sobald einmal der Schlammgürtel hinter uns lag, hatten wir freies Wasser, auch betrug die Distanz bis zum nächsten Ufer höchstens sechs englische Meilen, aber der Umstand, daß wir am östlichen Ufer überhaupt nicht landen durften, war das Mißliche unserer Lage. Die feindlich gesinnte Bevölkerung dieser Gegend, welche sich bisher unter die Botmäßigkeit der Engländer nicht hat stellen wollen, verwehrte jeden Durchzug durch ihr Gebiet und wehrte mit Waffengewalt jedes Unternehmen der Art, sodaß der Malombwe-See nur an der westlichen Seite von Fußgängern umgangen werden konnte. Gewiß waren wir stark genug, einen Angriff abzuschlagen und eine verweigerte Landung zu erzwingen, -- doch nur eine zwingende Nothlage hätte einen Kampf, wie solcher wahrscheinlich unausbleiblich gewesen wäre, in den Augen der Herrn Engländer rechtfertigen können; sie hätten sicherlich die Alarmtrommel gerührt und das anmaßende Benehmen der Deutschen, auf ihrem Gebiet Kämpfe zu führen, mit echt englischer Unverfrorenheit gegeißelt.

Alle solche unliebsamen Verwickelungen zu vermeiden, war natürlich des Majors Bestreben, daher auch von vornherein ausgeschlossen, was solche herbeiführen konnte. --

Wie immer, so wurden auch jetzt die gegebenen Befehle prompt und schnell ausgeführt; bald lag das große Boot weit hinter uns und wir folgten jener Richtung, in welcher ich, auf Rekognoszirung ausgesandt, das tiefste Wasser gefunden hatte, wobei ich einen hohen Bergrücken in der Ferne, der die Form eines langgestreckten Sattels hatte, als Richtobjekt im Auge behielt.

Schon nach halbstündigem kräftigen Rudern hatten wir uns durchgearbeitet und vor uns lag ein tiefer, breiter Wassergürtel, der nordwärts, wohin unser Weg lag, kein Hinderniß aufwies, ebenso nach dem Lande zu in gleicher Weise sich ausbreitete, nur, wie es den Anschein hatte, waren dort die Ufer niedrig und flach, sodaß an den meisten Punkten ein Landen wohl mit einigen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Mit der Kursänderung, von Ost nach Nord, hatte ich gehofft, würde sich Gelegenheit bieten, eine weite Strecke segeln zu können, aber der frisch wehende Wind änderte seine Richtung nach +NNO+ und durch den schnell aufgewühlten Seegang wurde uns das Fortkommen sehr erschwert. Die kleinen, tiefbeladenen Boote, die im aufgeregten Wasser auf- und niederstampften, konnten bald nicht mehr folgen, -- das Kanoe hatte sich schon dem Lande zugewandt und suchte unter dem Schutz des Ufers besser fortzukommen, -- da, als die Boote immer mehr Wasser schöpften und ein Sinken nicht unmöglich schien, weil wir dasselbe nicht so schnell ausschöpfen konnten, gab ich dem großen Boote, worauf sich der Major befand, das Nothzeichen, und bald darauf längsseit gekommen, wurden diese nach Möglichkeit entlastet. Auch dem Kanoe, das zu tiefbeladen war, sollte Unterstützung werden, allein, dieses beachtete die abgegebenen Signale nicht, strebte vielmehr nach dem Lande zu, bis der Major des Wartens überdrüssig, die Fahrt fortzusetzen befahl. Leider wußten wir es nicht, daß das Kanoe, als es hinter eine vorspringende Landzunge verschwunden war und im flachen Wasser vorwärts zu kommen versuchte, von den am Ufer sich sammelnden Eingebornen angegriffen wurde, die dieses zwangen, aus dem Bereich der feindlichen Schußwaffen zu bleiben, wodurch es genöthigt wurde, das tiefe Wasser wieder aufzusuchen und hier selbstverständlich gegen Wind und See nur äußerst langsam weiterkommen konnte. Die abgegebenen Nothsignale hatten wir der großen Entfernung wegen nicht gehört, waren daher auch in völliger Unkenntniß von der Gefahr geblieben, welcher sich unser Artist Herr Franke ausgesetzt hatte. Nach vierstündiger mühevoller Fahrt näherten wir uns endlich dem Nordende des Sees und je näher wir der Einmündung des Schire kamen, die wie ein schmaler blauer Wasserstreifen von uns sichtbar wurde, desto ruhiger wurden die bewegten Wellen, sodaß die Boote schneller vorwärts kamen und die ermatteten Leute nicht mehr so angestrengt zu rudern brauchten. Indeß beim Näherkommen bemerkten wir erst die im weiten Kreise vorgelagerten Grasinseln, zwischen denen hindurch zukommen, da sie auf einer vorgelagerten flachen Barre festlagen, uns nicht gelingen wollte. Um das große Boot zu entlasten, wurde jeder Mann in das Wasser geschickt, aber ob wir auch mit aller Anstrengung schoben, selbst den Sand unter dem Boote wegzuschaffen suchten, mißlang es doch. An jeder freien Stelle, wo Aussicht vorhanden schien, noch durchzukommen, wurde der Versuch erneuert, jedoch immer wieder mußten wir zurück. --

Gleich anfangs hatte ich den Auftrag erhalten, die Wassertiefe überall zu untersuchen, aber mir wollte es auch nicht gelingen, irgendwo eine Passage aufzufinden, die tief genug gewesen wäre für das große Boot, bis ich schließlich, innerhalb des weiten Beckens, wo bedeutend tieferes Wasser, so weit nach Westen zu mit einem der kleinen Boote vorgedrungen war, daß ich es kaum noch für möglich hielt, hier einen Ausweg zu finden. Ein abgegebenes Signal hieß mich zum außerhalb der Barre umhersuchenden Boote zurückkehren und deshalb, die weitere Untersuchung aufgebend, glaubte ich schon einen Mißerfolg melden zu müssen, als ich doch noch auf dem Rückwege unter den äußersten Grasinseln einen schmalen Kanal entdeckte, der sich als tief genug auswies, hier das Boot hindurchzubringen. Vorher, als alles Suchen und Mühen vergeblich gewesen war, drängte sich in mir die Ueberzeugung auf, daß der projektirte Bau des Schiffes in Mpimbi an ein solches Hinderniß scheitern müsse, -- wie wollten wir wohl das wahrscheinlich noch tiefer gehende Schiff über solche Barre hinwegbringen, da uns doch keine Mittel zu Gebote standen, nöthigenfalls einen Kanal durch diese Barriere graben zu können. Mit der Auffindung einer Fahrrinne schwand nun diese Besorgniß und zum Boote zurückgekehrt, konnte ich die Mittheilung machen, daß ein Ausweg gefunden sei.

Längst schon war hinter dem dicht an den See herantretenden Höhenzug, dessen zerklüftete Gipfel gleich einer starren Felsenmasse kahl in die Lüfte hineinragten, die Sonne verschwunden, ihre letzten Strahlen umspielten mit schwachem Scheine nur noch die höchsten Spitzen, und bald mußte die frühe Nacht hereinbrechen; über uns aber stand schwarzes Gewölk, das am Horizont graugelb gefärbt dem Kundigen den heraufziehenden Sturm anzeigte. -- Ueberraschte uns das Unwetter noch auf dem Wasser mußte die Situation höchst ungemüthlich werden, wozu alle Aussicht vorhanden, als wegen der schnell hereinbrechenden Dunkelheit die zahlreichen Untiefen innerhalb der Barre nicht mehr zu erkennen waren und wir alle Augenblick mit dem großen Boot festsaßen. Schließlich aber kamen wir doch hindurch, und uns plötzlich in der tiefen Schiremündung befindend, strebten wir dem rechten Ufer zu, um auf der äußersten, ganz flachen, mit Rohr und Gras bewachsenen Landspitze zu landen. Wohl hätte das gegenüberliegende Ufer unserem Zwecke viel besser entsprochen, weil es bedeutend höher und trockener war, Baum und Strauch auch Schutz geboten hätten, indeß die Vorsicht gebot eine Landung hier zu unterlassen, da es immerhin nicht ausgeschlossen war, daß unter dem Schutze der Dunkelheit von feindlicher Seite ein nächtlicher Ueberfall ins Werk gesetzt werden könnte, der uns freilich nicht überrascht, aber doch eine unliebsame Störung verursacht hätte.

Sofort nach der Landung war die Aufrichtung der Zelte das nächste und Jeder griff zu, die schützende Leinwand am Erdboden mittelst Pflöcke zu befestigen, während Soldaten und Diener unter Aufsicht eines Europäers Kisten und Kasten nach der trockensten Stelle hinschleppten und aufstapelten, denn laut Befehl des Majors sollten alle Boote möglichst schnell entlöscht und zu der am nächsten Morgen beabsichtigten Aktion, dem verlassenen Boote Hilfe zu bringen, bereit gehalten werden. Schneller aber brach das Unwetter über uns herein! Mit dem ersten gewaltigen Windstoß, der die erst halb aufgerichteten Zelte wieder niederriß, stürzte die Regenfluth derartig hernieder, daß wir im Augenblick vollständig durchnäßt waren und gegen den heulenden Wind die flatternde Leinewand zu bergen suchten; auch glich der Erdboden um uns bald einem Teich, es hatte den Anschein, als wäre der Fluß ausgetreten, weil das mit dem Niveau des Flusses fast gleich hoch liegende Land schon vollständig durchtränkt, kein Wasser mehr aufnehmen konnte.

Zu all den Widerwärtigkeiten, welche uns dieser Tag schon gebracht hatte, kam nun noch das Schlimmste, daß wir kein Feuer anzünden noch irgendwie Aussicht hatten, etwas Warmes genießen zu können, denn Brennholz hatten wir nicht und schwerlich war auf dieser öden Landspitze solches zu finden, -- trockenes Rohr und Gras zwar hätte schon genügt, aber auch dieses war nun durch den heftigen Regen unbrauchbar gemacht. Endlich, als das Mannschaftszelt wieder aufgerichtet war, neben das des Majors vorläufig das Einzige, und die nothwendigsten Arbeiten beendet waren, konnten wir daran denken, dem knurrenden Magen, der den ganzen Tag gefastet, zu befriedigen; trockene Bisquits zwar und kalte Konserven, wozu ein gespendeter Cognac kam, mußten genügen, aber es war doch wenigstens etwas, um die Lebensgeister wieder anzuregen.

Zum Glück zog mit dem heftigen Wind auch die Regenfluth bald vorüber, -- und es konnte nun an die Aufrichtung einer Signallaterne gedacht werden, die dem einsam in dunkler Nacht auf dem weiten See umherirrenden Canoe als Wegweiser dienen sollte, aber ob auch Minutenlang das flackernde Licht im Winde aufblitzte, wollte es doch nicht gelingen, die Laterne brennend zu erhalten, soviel Vorsicht auch dagegen angewendet wurde, -- unsere Zeltlaternen waren eben nicht dazu eingerichtet, im Winde zu brennen. Große Besorgniß um das Schicksal der Insassen des Canoes, von denen immer noch kein Lebenszeichen bemerkt werden konnte und die unzweifelhaft vom Sturm und Regen überrascht worden waren, erfüllte Jeden; verschiedentlich patroullirte ich am Seeufer hin und her, in die Nacht und Dunkelheit hinaus horchend, ob nicht ein Ruf oder Schuß zu hören sei, -- war es doch kein Kinderspiel, in einem ausgehöhlten Baumstamm ohne jegliche Seitenstützen auf dem wildbewegten See umherzuirren. Und wenn ich meiner Befürchtung hätte Worte leihen sollen, würde ich wenig Hoffnung haben geben können, daß die Vermißten solches Unwetter glücklich überstehen würden, zumal das Canoe mit etwa dreißig Säcke Ugali (Maismehl) beladen worden war, fast unser ganzer Vorrath, auch mußte die Ladung dieses ungelenkig und ungeeignet machen, Sturm und Seegang zu überdauern.

Stunden voll ängstlicher Spannung gingen hin, jedes entfernte Geräusch ließ uns auffahren, wenn aber die ausgestellten Posten befragt wurden, hieß es immer wieder, es ist nichts zu hören, und jeder Rapport, der dem Major abgestattet wurde, mußte verneinend lauten. Hätte ich nicht die Nutzlosigkeit, in dieser rabenschwarzen Nacht mit einem Boote auf den See hinauszufahren, eingesehen, würde ich längst einen Versuch unternommen haben, -- aber leider war die Aussicht vorhanden, selbst irre zu fahren, -- in welcher Richtung auch sollte ich die schon halb Aufgegebenen suchen. Auch Signalschüsse wurden in Zwischenräumen abgegeben, da wir vergebens bemüht gewesen, Haufen von Rohr zu entzünden, um Leitfeuer am Seeufer aufflammen zu lassen, -- alles vergeblich, keine Antwort kam; nur der wieder beginnende Regen war wie ein leises Rauschen vernehmbar, sonst drang kein Ton durch die tiefe Stille zu uns herüber.

Es verursacht ein eigenes peinliches Gefühl, solch' unbestimmtes Warten -- zumal, wenn man mit dem Tode, als einen Faktor zu rechnen hat, der einmal da ist und sich durch keine findige Klügelei aus der Lebensrechnnng wegstreichen läßt, und in diesem Falle stand ein Gefährte zwischen den Faktoren Leben und Tod -- nach welcher Seite hatte das Zünglein der Wage sich geneigt? Das war eine stumme Frage an das Schicksal, die die nächste Stunde beantworten mußte; denn entweder bald oder niemals sahen wir die Vermißten wieder. So floh die flüchtige Zeit dahin -- im ängstlichen Harren für uns eine Qual -- für die draußen auf dem weiten See mit der tiefen Dunkelheit noch Kämpfenden eine Ewigkeit....

Wie eine Erlösung klang endlich der Ruf des äußersten Postens »es seien drei Schüsse gefallen« zu uns herüber, und zum Ufer eilend, horchten wir in die Nacht hinaus, konnten aber nichts mehr vernehmen; hätte der Posten nicht so fest an seine Behauptung gehalten, wir würden geneigt gewesen sein, es als eine Täuschung anzusehen, die aber hinfällig werden mußte, wenn man in Betracht zog, daß das Gehör eines Schwarzen, der Posten war ein Zuluneger, viel feiner ausgebildet ist als das unsrige, wenigstens durch ein freies Leben in der Natur die schwachen Laute viel besser unterscheiden konnte wie wir. Zweifellos mußte der Mann etwas vernommen haben, das nur als ein Nothsignal aufzufassen war, und von unserer Seite nun drei Schüsse abfeuernd, war es nach einiger Zeit wieder derselbe Posten, der eine Antwort vernommen haben wollte; während andere nur ein sehr schwaches Geräusch wie aus weiter Ferne gehört hatten.

Zunächst nun wurde nochmals der Versuch gemacht, an unserer längsten Stange die Laterne wieder aufzurichten, hatten auch die Genugthuung, wenigstens eine Zeitlang dieselbe brennen zu sehen, obgleich das stark flackernde Licht blos einen unsicheren Schein abgab -- wir thaten wenigstens, was wir thun konnten, um den Verirrten einen Anhaltepunkt zu geben, wohin sie, wenn überhaupt das schwache Licht sichtbar für sie sein sollte, ihr Fahrzeug lenken konnten.

Das unthätige zweifelhafte Warten wollte mir nicht recht in den Sinn und trotzdem ich nicht gewußt, wohin in solcher Dunkelheit ich mein Boot hätte lenken sollen, kam doch immer wieder das innere Drängen, hinausfahren zu müssen und sei es aufs Geradewohl; auch konnte ich mir es wohl am besten vorstellen, in welcher Verfassung sich die fünf Menschenkinder befinden mußten, waren es doch bereits fünfzehn Stunden, daß sie in solcher engen Nußschale Sonne, Sturm und Regen ausgesetzt gewesen.

Einmal entschlossen, Hilfe zu bringen, wenn es mir gelingen sollte das Canoe aufzufinden, hatte ich die Erlaubniß dazu vom Major einzuholen; eine solche wurde mir auch sofort gegeben mit der Bemerkung: Sie wollen wirklich in dieser Nacht hinaus, -- nun das ist recht, -- aber vor allen Dingen seien Sie vorsichtig.

Mit dem Boote, mit welchem ich die Fahrt unternehmen wollte, hatte es übrigens keine Noth; mit Luftkästen versehen, konnte ich in demselben jedem Unwetter trotzen. In der Voraussicht, daß die gewaltigen Seen Inner-Afrikas nicht die ruhigen Wasserflächen sind, wie sie nach Ansicht von Laien aufgefaßt werden, hatte ich neben der Zerlegbarkeit auf die Sicherheit der Schiffsboote bei der Herstellung derselben Bedacht genommen, und deshalb alle drei so konstruiren lassen, daß eine Gefahr des Untersinkens bei gewöhnlicher Belastung so lange ausgeschlossen war, als die luftdichten Behälter intakt blieben.