Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 15
Das Familienleben des Eingebornen kann als ein zufriedenes angesehen werden, man findet wenigstens, daß der Hausherr sich öfters auch um die noch kleinen Kinder bekümmert und so der Frau, auf welcher alle Arbeiten des Hauses und des Feldes ruhen, in etwas unterstützt, sonst aber träge seine Tage verbringt, wenn ihn nicht die Noth oder Gewinn veranlassen für den Europäer zu arbeiten.
Mehrfach beobachtet man hier bei den Frauen die unschöne Sitte, in dem dicken Fleisch der Oberlippe einen Ring zu tragen, wodurch diese sehr entstellt wird, namentlich bei alten Frauen wird dem verfallenen Gesicht -- schon ein Urbild der Häßlichkeit -- dadurch etwas abschreckendes gegeben. In jeder Beziehung lästig muß dieses eigenthümliche Schmuckstück sein, und gehörte es nicht zum guten Ton, denn auch die schwarzen Frauen sind eitel nach ihrer Art, wie alle Evastöchter, so würde die schmerzhafte Operation und das hinderliche Anhängsel wohl bald in Fortfall kommen.
Es war am 2. Dezember 1892, als ich mich zur Abreise von Umpassa, wo ich so lange unfreiwilligen Aufenthalt gehabt hatte, rüstete. Die begehrten zehn Mann waren gestellt worden und fast alle männlichen Einwohner des Dorfes hatten sich um ihren freigegebenen und noch beschenkten Häuptling versammelt. Alle schienen zufrieden zu sein, daß nun endlich die weißen Männer sich anschickten, sie zu verlassen; von denen sie des Guten so viel hätten haben können, wenn sie der Arbeit weniger abhold und ihr Fumo verständiger gewesen wäre.
Ich trieb zur schleunigen Abfahrt, weil ich den halb zur Mitfahrt gezwungenen Eingebornen nicht recht traute, wenigstens voraussetzen konnte, daß sie anfänglich jede Gelegenheit zum Entweichen benutzen würden, was auch richtig einem der Leute trotz der scharfen Aufsicht gelungen war. Wohl ließ ich durch den als Aufseher mit vier Soldaten zurückgelassenen Handwerker Dohmann sogleich nach dem Entlaufen unter den zahlreichen Zuschauern nachforschen; dies indes nur zum Scheine, um den anderen zu bedeuten, daß sie im Auge behalten würden und ein Fluchtversuch ihnen nicht leicht werden sollte.
Die Flußfahrt ging anfänglich wegen des starken Stromes nur langsam von Statten, obwohl wir mit Einschluß der Lagerbesatzung über zwanzig Mann in dem Fahrzeug hatten, die mit langen Bambusstangen versehen, gleichmäßig und unablässig dieses vorwärts schoben. Diese nicht leichte Arbeit wird erst durch längere Gewohnheit weniger ermüdend; wo es nothwendig, griffen wir Europäer auch zu, mußten aber uns zugestehen, daß, wenn man seine ganze Kraft anwendet, nicht allzu lange aushalten kann.
Besonders Erwähnenswerthes trat uns auf dieser Fahrt nicht in den Weg. Legten wir Abends am Ufer an, vergnügten wir uns mit Fischfang, der auch ergiebig genug war; auf kurze Jagdausflüge wollte ich mich nicht einlassen, zumal die Uferumgebung immer wild und unzugänglich blieb, sodaß es doch längerer Märsche bedurft hätte, ehe am Waldesrand oder auf freieren Grasflächen Wild gefunden werden konnte. Wir hatten auch noch Fleisch genug, da Brückner auf seiner Herunterfahrt hier in der Umgegend ein großes Zebra erlegt hatte, dessen Fleisch die Leute sich an Feuer geröstet hatten, so war kein Mangel.
Der Zufall wollte, als wir in einen Creek gerathen waren, aus welchem ich einen vermuthlichen Ausweg suchte, daß ich, ohne Waffe zur Hand, im hohen Ufergebüsch die nächste Bekanntschaft mit einer Wildkatze machen mußte. Als das fauchende, schön gezeichnete Thier keinen Rückzug mehr sah, machte es ernstliche Miene den unwillkommenen Störer anzugreifen, und glaube ich, die scharfen Krallen, sowie das nicht zu verachtende Gebiß waren allem Anschein nach im Stande recht bedenkliche Wunden zu verursachen. Erst das Erscheinen eines mich begleitenden Mannes machte das Thier anderen Sinnes, es sprang durch das Blättergewirr in die Tiefe und suchte unter den Wurzeln der Sträucher über dem Wasser einen Zufluchtsort.
Vom Glück begünstigt, vorwärts getrieben durch einen starken Wind, der die Menschenkraft unnöthig machte, erreichten wir schon nach wenig Tagen Chilomo, woselbst schnell die nothwendige Erleichterung des Fahrzeuges vorgenommen und dieses nach kurzem Aufenthalt weiter expedirt wurde, um so weit als möglich von dem anhaltend günstigen Winde flußaufwärts getrieben zu werden. Unsere Umpassa-Leute zogen es vor, doch die Fahrt mitzumachen, zumal ihnen reichliche Verpflegung neben dem Verdienst zugesichert wurde, was sie in ihrem Heimathsdorf nicht hatten; auch stellte ihnen Brückner, der weiter hinauf auf große Heerden Flußpferde gestoßen war, bestimmt ein solches Thier, das er den Leuten zur Nahrung schießen werde, in Aussicht.
Uebrigens hat Brückner auf seinen Fahrten eine ganze Anzahl dieser Thiere erlegt, und mit dem überreichen Fleischvorrath spekulativ verfahrend, ließ er öfters, wenn er sich festgefahren hatte oder über eine Sandbank nicht hinweg kommen konnte, die Leute des nächsten Dorfes zusammen rufen, die dann sein Fahrzeug auch gerne gegen Ueberlassung eines halben Cibokos aus gefährdeter Lage befreiten und ihn eine Strecke weit unterstützten, bis er wieder freieres Wasser vor sich sah.
Für die Führer der deutschen Expedition war von Seiten des britischen Kommandanten der Kanonenboote Kapitän Robertson, das für diesen extra erbaute Haus in Chilomo zur Verfügung gestellt worden und war dadrinnen auch nur ein Zimmer und zwei Seitenkabinets vorhanden, so waren ein Tisch und Stühle doch ein ungewohnter Comfort, wenigstens war es etwas anderes als das Einerlei des Zeltlebens. Ich fand hier noch Leut. Bronsart von Schellendorf vor, der auf die angekündigte Auslieferung eines portugiesischerseits angehaltenen Sudanesen wartete und erst am 7. Dezember seinen Marsch nach Katunga antreten konnte.
Hier in Afrika, wo die Ameise in ungezählten Milliarden vertreten ist, tritt sie entweder als alles zerstörende Termite auf, oder siedelt sich in Häusern und Hütten an, wo dann nichts vor diesen kleinen Thierchen, was Nahrung heißt, zu schützen ist, beobachtet man nicht die Vorsicht, alles was Süßigkeiten enthält in Wasserbehälter zu stellen, so sucht sie in wahren Völkerwanderungen sich Zutritt zu verschaffen und durch die Unzahl der dabei umgekommenen Thiere wird oft die Speise, oder der Inhalt nicht gut verschlossener Konservenbüchsen ungenießbar gemacht. Ich erwähne dieses, weil im Lager die Anwesenheit der kleinen braunen Ameise zur wahren Plage geworden war, vor der absolut nichts mehr geschützt werden konnte, und die Behauptung des Obersteuermanns Gerloff, er habe schon das nutzlose Vertilgen aufgegeben und den Ekel, die Ameise gelegentlich mit den Speisen verzehren zu müssen, überwunden, konnte ich glaubhaft genug finden, nachdem es mir bei längerem Aufenthalt nicht besser erging.
Nebenbei zeigte sich noch eine etwa drei Fuß lange Eidechsenart, die insofern für uns lästig wurde, als sie unseren freilaufenden Hühnern nachstellte und diese dadurch so scheu wurden, daß sie Nachts nur auf einem im Lager befindlichen hohen Baum ihr Nachtquartier aufschlugen. Wohl lauerten wir solcher Eidechse auf, aber es wollte nicht gelingen das vorsichtige und höchst gewandte Thier habhaft zu werden oder zu erlegen.
Einen freundlichen Anblick gewährten die hier in den Sträuchern sich aufhaltenden Chamäleons; tagsüber saßen sie ruhig auf einem Ast und schnellten gelegentlich die klebrige Zunge aus, um ein Insekt zu erhaschen, dabei boten sie dem stillen Beobachter ein wechselvolles Farbenspiel dar. Gewöhnlich grün oder oder blaugrau, wechselte die Farbe ihres Körpers im Sonnenstrahl allmählich und ging in bronzefarbener Schattirung untermischt mit goldgrün über; erregt oder gestört wechselten die Farben schneller, sodaß man versucht war anzunehmen, das Chamäleon könne je nach Belieben die verschiedensten Farbentöne annehmen, von grün, blau, bronze in grau, selbst schwarz und weiß. Verfolgt man das sonst träge Thier, muß dieses selbst genau im Auge behalten werden, denn im Blättergewirr, wo es die gleiche Farbe annimmt, entgeht es sonst unfehlbar. Sieht es sich irgendwie bedrängt, zischt es seinen Gegner an und versucht mit seinen unförmlichen großen Kinnladen zu beißen, weicht aber doch immer wieder zurück, dabei geschickt solche Schlupfwinkel wählend, die ihm einen Ausweg gestatten, bis man ermüdet die Nutzlosigkeit das Thier zu erfassen einsieht, und will man das harmlose Thier nicht gerade tödten, von der Verfolgung abstehen muß.
In der hohen steilen Uferwand, die hier an der Mündung des Ruoflusses in den Schire, gebildet ist, haben sich tausende hochrothe langgeschwänzte Vögel tief in das Erdreich ihre Nester gegraben und wenn diese in Schaaren über Land oder Wasser eilig hinfliegen, in wirren Massen sich in den Lüften zusammenhaltend wie die Tauben, dann lassen sich diese mit einer Wolke vergleichen. Mir blieb leider nicht die Zeit, diese interessante Vogelart eingehender zu studiren, über ihr Leben und Treiben Näheres zu erfahren, aber immer boten sie ein anziehendes Bild, wenn sie geschäftig mit Futter im Schnabel zu ihren Nestern zurückkehrten, um schnell wieder über das Wasser hinzuschweben und unermüdlich dem Nahrungsfang oblagen. Unter den ungezählten Erdlöchern, die alle von ganz gleicher Form und Größe, findet jeder Vogel ohne Weiteres seine Wohnstätte, ein Drängen und kreischendes Schreien habe ich nur bemerkt, wenn eine größere Anzahl zu den Nestern sich herandrängte und alle an die Uferwand sich klammernd nicht sogleich Einlaß fanden, welcher aber seinen Eingang gewonnen hatte, vertheidigte diesen sofort gegen einen vermutheten Eindringling.
Chilomo als bedeutender Ansiedelungsort bietet vorläufig nur wenig Anziehendes, wiewohl es am ganzen Zambesi und Schire der einzige Platz ist, wo man mit einem regelmäßigen Aufbau vorgegangen ist und geht man längs der einzigen Häuserreihe die an der Ruoseite erbaut ist, gaben die zur Linken abgesteckten Straßen und Quadrate einen Anhaltspunkt, in welcher Weise sich der spätere Ort entwickeln soll.
Häufig genug hatte ich hier Gelegenheit, in diesem einzig größeren Settlement der Engländer am unteren Schire mit diesen zusammen zu kommen und wie ich schon früher mich bemüht habe auszuführen, zeigt der Egoismus der englischen Nation hier in ihren Vertretern kein sehr anmuthendes Bild, indem nichts Gleichberechtigtes an die Beherrscherin der Meere und Völker gleichen Anspruch erheben darf; allgewaltig herrschend, will es scheinen, als gehöre mit Fug und Recht die Erde nur ihr und der Schwächere muß weichen, will er nicht den Zorn des mächtigen Albion auf sich lenken, um schließlich zu unterliegen; dem gefährlichen Gegner ist im Konkurrenzkampf schwerlich eine andere Nation auf diesem Gebiete gewachsen! --
Das schwache Portugal, heute ohnmächtig, sieht durch das eigennützige aber zielbewußte Vorgehen der Engländer sich hart bedrängt, es fand nicht die Kraft dem Andringenden einen Damm entgegen zu setzen, und man könnte sagen: giebst du ihm die Hand, nimmt er dir den Schopf; aber die große Schuld liegt darin, daß die Portugiesen in diesem jahrhunderte langem Besitz sich nicht über die Bevölkerung empor geschwungen und sie mit sich gezogen haben, um das reiche Erbtheil zur Blüthe zu führen, sondern was sich in dieser Kolonie als lebenskräftig bewährt hat, ist zu ihr hinabgestiegen, das Interesse für das Mutterland ging unter in dem Bestreben der Selbstsucht zu fröhnen.
Eine melkende Kuh ist der weite Besitz geblieben, dessen Hilfsquellen nun nahezu erschöpft sind und kein Versuch wurde gemacht, dessen verborgene Reichthümer zu erschließen, durch Arbeit das Land reich und durch ihr seine Völker frei zu machen; Druck und geduldete Knechtschaft führten Zustände herbei, die heute diesen großen Besitz als eine Illusion erscheinen lassen und dem Kolonisationstalent der portugiesischen Nation, (dies als Resultat betrachtet) kein gutes Zeugniß ausstellt.
Zu spät, nachdem andere Nationen im thatkräftigen Aufschwung durch die Macht geistiger Größe die Saat auszustreuen beginnen und die Früchte ihrer Arbeit zu ernten sich anschicken, sieht Portugal sein Eigenthum gefährdet, aber schon zu tief in Lethargie versunken findet es nicht mehr die Kraft einen neuen Anlauf zu nehmen und mit den Konkurrenten in den Wettkampf einzutreten. Was Wunder also, wenn die Herren Engländer für die unfähigen Portugiesen nur Verachtung übrig haben, die auch unverhohlen zum Ausdruck kommt, weil der kleine schwache Gegner, den der mächtige zertreten möchte, einen Rückhalt an anderen Nationen findet, die der zügellosen Ländergier Englands ein: bis hierher und nicht weiter zurufen! Es spielt sich hier allmählich ein Vorgang ab, der zu einem Abwirthschaften der Portugiesen führen muß und Deutschlands Kolonialpolitik, die mit junger frischer Kraft in den Kampf eingetreten ist, sollte gerade auf diesem Gebiete, wo der verschlagene rücksichtslose Engländer der einzige Gegner ist, mit der Autorität des deutschen Namens der verhängnißvollen Umschließung durch die Engländer entgegentreten. Zu Englands Ungunsten wirft der Portugiese seinen Haß gegen dieses in die Wagschale -- und kommt einst die Entscheidung, sollten wir vorbereitet sein, eine Umarmung England durch Besitznahme der portugiesischen Kolonie zur Unmöglichkeit zu machen! --
Acht Tage war ich in Chilomo anwesend, als am 8. Dezbr. Abends von Eltz unerwartet mit dem Leichter Wissemanns eintraf, mit der Nachricht, daß über den Aufbau des Dampfers die endgültige Entscheidung getroffen sei und dieser nun an den Ufern des Nyassa-Sees erbaut werden sollte; zu diesem Zwecke sollte ich nun unverzüglich mich aufmachen und den Major, ehe er seine Weiterfahrt nach diesem See antrete, noch in Mpimbi am oberen Schire zu erreichen suchen.
Auf diesen Befehl hin rüstete ich mich, nach Uebergabe des Kommandos, zur eiligen Abfahrt nach Katunga, nachdem das benöthigte Handwerkszeug noch zusammengestellt und der Zimmermann Ottlich als mein Begleiter ausgewählt worden war. Am 10. schon konnten wir mit einem gecharterten Boote der Afr. Lakes-Co., wie solche zur Beförderung von Reisenden und Lasten benutzt wurden, flußaufwärts abfahren. Beim Abschied von Chilomo ließ sich das freudige Gefühl, daß nun die Zeit thatkräftigen Handelns ist, nicht unterdrücken. Zwar was im Schooße der Zukunft verborgen -- wäre das uns zu schauen vergönnt gewesen -- hätte das düstere Bild voll Gefahren und Entbehren wohl die Freude, nun gehe es endlich vorwärts, dämpfen können; obgleich ich wohl wußte, welche ungeheuren Anforderungen noch an den persönlichen Muth und an die Thatkraft jedes Einzelnen gestellt werden würden! Aber es ist der höchsten Weisheit Vorbedacht, daß selbst die nächste Stunde in Dunkel gehüllt vor uns liegt und wir nicht Herr unseres Geschickes sind.
Den Windungen des Flusses folgend, zwischen den vielen Sandbänken uns den Weg suchend, bot nach mehrstündiger Fahrt schon die Scenerie einen ganz anderen Anblick, insofern, als Wald und Busch zurücktrat und zu beiden Seiten und so weit das Auge sehen konnte nur hohes Elephantengras untermischt mit Rohr sichtbar blieb. Am ersten Abend schon, am Rande der Graswüste angelangt, die wie der Moramballamarsch, hier den Namen Elephantenmarsch führt, geriethen wir in Verlegenheit wegen Feuerholz; es war nicht genügend Bedacht darauf genommen worden, weil bisher fast überall solches noch aufzufinden gewesen war, hier aber nun gänzlicher Mangel eintrat, sodaß wir uns mit mühselig zusammengesuchtem Rohr behelfen mußten um nothdürftig einen Topf Kaffee zu unserer frugalen Mahlzeit bereiten zu können.
Mit Recht führte diese Gegend ihren Namen, in der ungeheuren Ebene sind nicht allein Heerden von Elephanten, sondern der ganze Thierpark Central-Afrika in allen Gattungen vertreten. Daß hier Wild im Ueberfluß, wie so viele Augenzeugen bestätigt und kühne Jäger erfahren, ließ sich wohl nach der Gegend zu urtheilen, voraussetzen, aber trotzdem war es nicht verlockend, in diese Grasebene einzudringen, worin absolut nichts zu sehen war und nur die Wildpfade, die zum Wasser führten, ein Fortkommen gestattet hätten.
Auf Abrathen unserer Bootsleute wurde ein beabsichtigter Ausflug aufgegeben, so sehr allen auch ein Stück Wild willkommen gewesen wäre, indes die feste Behauptung, der Löwe hause zahlreich in diesem weiten Revier, machte es bedenklich, vielleicht dem König der Thiere auf so ungünstigem Terrain gegenüber treten zu müssen. Wir sollten auch nicht lange im Zweifel darüber sein, denn als die Nacht herabgesunken und die Stimmen der Natur in dieser tagsüber fast feierlichen Stille erwachten, einstimmend in den Accord, den der quakende Frosch und die zirpende Grille angestimmt, dröhnte, wenn auch ferne, das Brüllen des Löwen zu uns herüber.
Während der zwei Tage, die wir in dieser öden sich immer gleich bleibenden Wildniß zubrachten, hatte ich gehofft gelegentlich mehr Wild zu sehen und schußgerecht zu bekommen, allein entgegen der Gewißheit, daß ringsum zahlreiche Thierarten sich aufhalten müßten, zeigte sich sehr wenig am Ufer, dafür aber am Abend des zweiten Tages eine gefährlichere Art, die uns wider unseren Willen zur ernsten Vertheidigung zwang. Wir waren zu den Stellen gekommen, wo nach Brückners Mittheilung ganze Heerden gewaltiger Flußpferde den Fluß versperren sollten und wo es ihm verschiedentlich gelungen war, einige zu tödten; es aber auch gefährlich sei, mit einem Kanoe (hier wurde Bronsart v. Schellendorf mit einem solchen umgeworfen) oder kleinen Boot durchzukommen.
Es war am Rande der Grassavanne, der Fluß schmal und tief, die Ufer wieder mit Busch und Baum bestanden, das Hinterland reicher an saftigem Grün, als in einer schmalen Biegung des Flußbettes eine Heerde von etwa 50 Cibokos beim Erblicken des Bootes wuthschnaubend im Wasser auf- und niedertauchten, was auf eine große Erregtheit dieser Thiere, die hier schon oft Wunden empfangen hatten, und dadurch bösartig geworden waren, schließen ließ. Wir hielten uns beim Anblick einer so großen Zahl auch vorsichtshalber unter dem linken Ufer im tiefen Wasser und suchten so etwaigen Angriffen auszuweichen. Um die Thiere fern zu halten, damit sie nicht unter das Boot kommen und einen Versuch zum Umwerfen desselben machten, gaben wir wenige, aber wohlgezielte Schüsse auf die nur eben über Wasser auftauchenden Köpfe ab, es war dies die einzige Möglichkeit, die wuthschnaubenden Thiere von einem verhängnißvollen Angriff abzuhalten.
Zwei der kühnsten Bullen, mittlerweile verwundet, konnten wir nur durch schnelles Vorwärtsrudern deren Absicht, das Boot zu kentern, entgehen; den neben uns auftauchenden Thieren sandten wir zwar aus nächster Nähe Kugeln zu, aber auf ihrer Panzerhaut haben sich die Bleigeschosse wohl breit geschlagen ohne durchzudringen. Ehe darauf die Thiere einen neuen Versuch machen konnten, war das Boot in den Strom gelenkt und auf flacheres Wasser in Sicherheit.
Geräth das Flußpferd in Wuth, wird sein weitschallendes Grunzen zum dumpfen Gebrüll und aus den Nasenlöchern spritzt es das Wasser fontänenartig in die Luft; ist Gefahr vorhanden, hebt es den Kopf nur so weit über Wasser, daß es mit den Augen frei Umschau halten kann, um sofort wieder untertauchend, dann unvermuthet an einer näheren oder entfernteren Stelle wieder hochzukommen.
Dem Anschein nach hatten in diesem entlegenen Flußgebiet die Flußpferde hier ihr Domizil aufgeschlagen, wo sie bisher kaum gestört, ein beschauliches Leben haben führen können; eine geeignete Gegend haben sie sich aber auch ausgesucht, denn wildromantischeres habe ich an den Ufern des unteren Schire kaum gefunden. Durch das Gebüsch zu dringen, war nur auf solchen Gängen möglich, die das Flußpferd sich darin gebrochen hatte, wenn es nächtlicher Weile weit landeinwärts sein Futter sucht. Hatte man sich auf diesen tunnelartigen Wegen durch Busch und Dorn gewunden, fand man auf ansteigendem Terrain Gras- und Waldflächen, die wohl kaum je von eines Europäers Fuß betreten worden sind, denn einladend ist diese Wildniß nicht, auch nicht eines Jeden Sache, auf schlüpfrigen Pfaden vorzudringen, um die Großartigkeit einer jungfräulichen unberührten Natur zu bewundern und in solcher Abgeschlossenheit das Werden und Sein, das Sterben und Vergehen zu betrachten.
Eine solche Exkursion am anderen Tage, Morgens in aller Frühe unternommen, führte mich schließlich zu einem Nebenfluß des Schire, der aber zur Zeit so flach war, daß vielfach Wassertümpel gebildet waren, die nur Zu- und Abfluß hatten durch schmale Wasserrinnen; aber ansehnliche flachgebaute Fische waren in beträchtlicher Anzahl doch in diesem klaren Gewässer und bedauernd, daß ich diese nicht erlangen konnte, verfiel ich darauf sie von den Leuten nach dem Ausfluß jagen zu lassen, und wenn sie auf Grund geriethen, mit Schrotschüssen zu tödten; alle die getroffen waren kamen hoch und nach zwei Schüssen hatten wir eine reichliche Mahlzeit.
Unter der Beachtung aller Vorsicht, suchten wir an diesem Morgen einer zweiten Heerde Flußpferde, die sich an einer Stelle, wo der Fluß zwei auffällige rechte Winkel gebildet hatte aufhielten, zu entgehen. Alles Geräusch vermeidend, schlichen wir mit dem Boote unter die Ufergebüsche entlang und ob manches Thier auch keine fünfzehn Meter entfernt auftauchte, griff es doch nicht an, wir vermieden aber kluger Weise durch Schüsse die Kolosse erst zu reizen, dazu war das Wasser nicht tief genug, um unnütz sich der Gefahr auszusetzen, umgeworfen zu werden und alles zu verlieren.
So unbehelligt aber sollten wir doch nicht wegkommen. Es mochte gegen Mittag sein, als an der Mündung eines Nebenflusses, wo durch angeschwemmte Sandbänke das Flußbett sehr verengt worden war und nur eine zwanzig Meter breite Rinne der stark strömenden Fluth offen blieb, eine große Heerde, nach Schätzung über hundert Thiere, thatsächlich die Durchfahrt sperrten. Sie ließen auch beim Erblicken des Bootes uns keinen Zweifel, daß sie gesonnen wären uns nicht so ohne Weiteres passiren zu lassen, denn brüllend gingen die Bullen zum Angriff auf uns über ohne daß sie von uns gereizt waren, während die Weibchen sich weiter zurückzogen und mit den auf ihren Rücken hockenden Jungen außer Schußweite blieben.
Das Wasser war klar genug, um die auf dem Grunde laufenden unförmlichen Massen erkennen zu können, wir bemerkten auch einige Male einen schwachen Ruck, bis wir wohl auf eine flachere Stelle gerathen, plötzlich hochgehoben wurden und wäre das Boot nicht so schwer beladen gewesen, unfehlbar hätte der mächtige Bulle, der den Angriff unternommen hatte, uns ein gefährliches Wasserbad bereitet. Schlimmer als dieses wäre in der starken Strömung der Verlust aller Sachen gewesen und wiewohl das Boot ganz nahe dem Ufer, mehr als das Leben hätten wir nicht retten können.
Selbstverständlich gaben wir nun Feuer und geriethen im Eifer mitten in diese große Heerde hinein, kamen aber nicht hindurch, sondern waren gezwungen zu landen und uns durch Gestrüpp und Gras einen Weg zu bahnen, um oberhalb der Heerde zu gelangen. Hier auf die Weibchen feuernd, von denen bald zwei tödtlich getroffen sich im Flusse hin und her wälzten erreichten wir, daß die Bullen die Passage frei gaben und nach einstündigem Schießen, in welcher Zeit noch eine ganze Anzahl verwundet worden war, hatten sich die Thiere in einen tiefen Seitenarm verzogen.
Mit äußerster Anstrengung suchten wir nun das andere Ufer zu erreichen und hatten bald die Heerde hinter uns, die, als das Boot ihnen entgangen war, wüthend hinterher stürmte; brüllend den Oberleib über Wasser hebend, rissen einzelne den gewaltigen blutrothen Rachen auf, dessen Kinnladen wohl alles zu zermalmen imstande wären, wenn die Natur das Thier nicht zum Wiederkäuer, sondern zum Raubthier bestimmt hätte. Einige zugeschickte Kugeln, welche einigen wohl noch recht schmerzhafte Zahnschmerzen verursacht haben mögen bewirkten, daß das Schauspiel ein Ende hatte, worauf wir unsere Reise unbelästigt fortsetzen konnten.