Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 14

Chapter 143,543 wordsPublic domain

Das Gerücht, ein Krokodil habe ein Kind geraubt, verbreitete sich unglaublich schnell bis zum Dorfe, von wo sofort lautklagende Weiber und Männer mit Speeren, auch alten Donnerbüchsen bewaffnet, zum Flusse eilten, die dann schreiend und wehklagend am Ufer lange Zeit hin und her wanderten, bis die dunkle Nacht solchem Beginnen ein Ziel setzte. Das Klagen und Weinen konnte man später vom Dorfe her durch die Stille herüberschallen hören, als sollte des Jammerns kein Ende sein.

Am nächsten Morgen wanderten der Vater des geraubten Kindes mit einer alten Feuerschloßbüchse bewaffnet, ebenso die Mutter, die einen Speer mit Leine, ein Wassergefäß, sowie einen grünen Bananenbündel auf dem Kopfe trug, am Ufer auf und ab. Soviel sie aber auch lamentiren und bitten mochten, ihr Kind kam doch nicht wieder, auch der Räuber ließ sich nicht wieder sehen. Uebrigens wird das Unthier nach solcher Beute immer lüsterner, ihm auch durch die Unvorsichtigkeit der Eingebornen der Fang sehr erleichtert, bis die sichere Kugel eines Europäers diesem Räuberleben endlich ein Ende macht.

Zwei Tage lang währte dieser Aufzug. Am dritten versammelten sich alle Weiber des Dorfes am Ufer und stimmten ein unglaubliches Klagegeschrei an, das anfänglich noch in Bitten und Anerbietungen bestand, als alles aber vergeblich war, gaben sie dem Krokodil unter Verwünschungen die denkbar schlechtesten Namen, welche ihre Sprache besitzt und, dann heiser und müde genug vom anhaltenden Schreien kehrten sie in ihr Dorf zurück; den Eltern des Kindes es überlassend, sich so gut es geht über den Verlust zu trösten. Solche Auftritte kommen zu häufig vor, als daß man sie als einen Ausnahmefall betrachten könnte, die Sorglosigkeit der Eingebornen, sowie die Schlauheit der Krokodile führen nur zu oft diese immer wieder herbei.

Jetzt wo allmählich die Regenzeit herannahte, kamen fast alle 8 Tage schwere Gewitter heraufgezogen, die um so heftiger sind, als die Atmosphäre mit Elektrizität geschwängert ist; furchtbar rollt der Donner durch die tiefhängenden schweren Wolkenmassen, der Blitz, gleich glühenden Schlangen, durcheilt das Himmelsgewölbe, einer flammenden Lohe gleich sind ringsum die zuckenden Feuergarben. Die Elemente, welche hier mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch kommen, werden meistens nach kurzer Zeit durch einen heranbrausenden Wirbelsturm, der die gleicherzeit niederströmenden Wassermassen vor sich her über die durstige Erde peitscht, zerstreut. Schnell bilden sich Seen und Teiche an tieferliegenden Orten, auch im ausgetrockneten Flußbett geben schon die fluthenden Wasser eine kleine Idee von dem, was sie sein werden, wenn erst die Regenzeit eintritt und die Schleusen des Himmels sich öffnen.

Mensch und Thier sucht Schutz vor diesen plötzlich hereinbrechenden Gewalten, wo immer ein Zufluchtsort sich bieten mag, und eigenthümlich, im Aufruhr der Elemente zeigen sonst scheue und furchtsame Thiere wenig Furcht vor den Menschen, suchen instinktmäßig vielmehr dessen Nähe. So machte ich jedesmal bei solcher Gelegenheit, abgesehen von anderen Thieren, in meinem Zelte die Bekanntschaft äußerst gefährlicher Schlangen, die das heraufziehende Wetter ahnend, aus dem hohen Grase flüchteten, um im Zelte sich einen sichern Platz aufzusuchen. Das erste Mal, vom Regen überrascht, suchte ich bei den Leuten ein Unterkommen, doch das Wasser strömte in solchen Massen vom Himmel, daß ich befürchtete der Boden im Zelt würde überfluthet werden; ich eilte durch den Regen hin und fand meine Annahme auch bestätigt. Um nun zunächst dem Wasser einen Abfluß zu schaffen, grub ich mit einer Säbelschneide kleine Furchen im Erdboden und ohne meiner näheren Umgebung weitere Beachtung zu schenken, setzte ich mich in aller Gemüthsruhe auf das Feldbett um Schuhe und andere Sachen, die unter dem Bette lagen, auf dasselbe niederzulegen. Ich war gerade im Begriff eine Patronentasche noch darauf hinzuwerfen, als dabei mein Blick auf das Kopfende des Bettes fiel und hier sah ich aufgeringelt eine etwa einen Meter lange ganz grüne Schlange liegen, deren Kopf etwas erhoben, sich hin und her bewegte, wobei die schmale spitze Zunge aus dem geschlossenen Rachen schnell aus- und einfuhr.

Das Thier zeigte scheinbar keine Gereiztheit, war höchstens durch die unwillkommene Störung nur etwas aufgebracht; sonst im Vertheidigungszustand hätte es eine drohendere Haltung angenommen. Ich überlegte nicht lange was thun -- ließ langsam die Tasche zur Erde gleiten und die Bewegung der Schlange fest im Auge behaltend, ergriff ich einen neben mir an der Zeltwand lehnenden Stock, aus der Haut des Flußpferdes gefertigt, dann hob ich leise diese gefährliche Waffe und ließ sie plötzlich mit aller Wucht auf dies drei Fuß von mir entfernt liegende Reptil niedersausen.

Jedoch schneller als ich, war die Schlange; die Gefahr wohl ahnend, zischte sie im Augenblick, als die Waffe niederfiel blitzschnell auf und entging dem tödtlichen Streich, den ich auf ihren Kopf gerichtet hatte, dafür aber traf ich den aufgeringelten Körper so, daß das Rückgrat an verschiedenen Stellen gebrochen wurde und dem Thiere die Kraft genommen war noch aufzuschnellen und den beabsichtigten tödtlichen Biß mir beizubringen.

Sofort sprang ich auf, führte schnell den zweiten Schlag, der nun unterhalb des Kopfes traf und das Thier wehrlos zusammenbrechen ließ. Vorläufig mich mit dieser Schlange begnügend, verließ ich vorsichtshalber doch das Zelt, denn hatte ich recht gehört, befand sich noch eine darin, deren Aufenthalt zu entdecken ich keine Lust verspürte, da mit solchen erregten Thieren kein Spaßen mehr ist. --

Sobald das Unwetter vorübergezogen war, die Sonne wieder mit gedämpfter Gluth aus dem blauen Aether herniederschien und die durstige Erde die gespendete Wasserfluth aufgesogen hatte, machten wir uns daran, die Seitenwände des Zeltes zu lösen, dann alle Leute im Kreise um dieses aufgestellt, sollte verhindert werden, daß nichts ungesehen hindurch kommen konnte. Bei der darauf erfolgten Durchsuchung kamen noch zwei dieser giftigen Reptile zum Vorschein, die gewandt und flink aus dem Kreise zu entweichen suchten, sie wurden aber von Europäern, welche mit hohen Stiefeln an den Füßen einen etwaigen Biß nicht sehr zu fürchten brauchten, schnell getödtet. In Folge waren wir vorsichtiger, zumal schon am nächsten Tage in den Blättern eines Bananenbaumes eine ebensolche Schlange entdeckt wurde, die aufgeschreckt, zu entkommen suchte, wobei sie sich an den Blüthenkolben der Bananenfrucht mit dem Schwanze hängend, von dort zur Erde gleiten lassen wollte; schnell umstellt, wagte sie wohl nicht den Sprung, konnte auch scheinbar sich nicht wieder in die Höhe rollen, sodaß es mir dadurch möglich wurde, dem hin und her sich schwingenden Reptil durch einen tüchtigen Hieb den Kopf zu zerschlagen und es gänzlich zu tödten.

Auch in den trockenen Blättern am Fuße der Bananenbäume wurden öfters Schlangen bemerkt; wußten wir eine solche darin verborgen, ließ ich den Baum umstellen und die Blätter in Brand setzen, woraus denn bald das Thier aufschnellte und vernichtet werden konnte.

Oft war es im Zelte wegen der brütenden Hitze in den ersten Nachmittagsstunden nicht auszuhalten, deshalb suchte ich gewöhnlich unter den breiten Bananenblättern, auf einem Feldbett liegend, den kühleren Schatten auf. Hierbei passirte es mir ebenfalls, daß über meine fast unbedeckte Brust eine Schlange derselben Art sich hinwegschnellte, die ich, sofort aufspringend, noch im nahen Grase verschwinden sah. Ein eigenes Gefühl durchzuckt einem bei solcher unerwarteten Berührung, und der Gedanke, an solchem Ort einer Gefahr eigener Art ausgesetzt gewesen zu sein, verleidet den Aufenthalt an dem einzigen schattigen Platz den wir hatten.

Jetzt, wo im Lager wenig zu thun war, ich stündlich auf einen Leichter wartete, der mich von hier nach Chilomo bringen sollte, suche ich die freie Zeit, wenn nicht mit astronomischen Beobachtungen, mit der Erforschung der mich umgebenden Natur auszunutzen, wobei ich das Nützliche mit dem Angenehmen verband und gelegentlich der Jagd obliege, da die Waffe in diesem Lande des Europäers stetiger Begleiter sein muß.

In früher Morgenstunde, wenn noch glitzernder Thau an Gräsern und Büschen hängt, der die erschlaffte Natur während der Nacht erquickt hat, folge ich meistens dem ausgetrockneten Flußbett, um wie ehedem ein Verirren im Urwald zu vermeiden. Oft sah ich auch Affen und Wildkatzen über den Weg springen, die gewandt die steilen Uferwände hinaufeilten und im dichten Gebüsch verschwunden waren, ehe noch die Büchse zum tödtlichen Schuß in Anschlag gebracht werden kann.

Weiter hinauf, zwischen hügeligem Terrain, haben sich Wildbäche von den Port Herald-Bergen kommend, ihr enges Bette gegraben und geht man auf dem sandigen oft steinigen Grund entlang, sieht man erst, mit wie gewaltiger Kraft die schäumenden Fluthen hier zur Regenzeit gewüthet haben müssen! Baumriesen, deren Halt im Erdreich unterwaschen und herabgestürzt sind, liegen von den Fluthen festgekeilt in das enge Bett und über den Stamm des Baumes oder durch sein Gezweig führt nur der Weg weiter. Solche Hemmnisse zwingen die tosenden Fluthen seitwärts einen Ausweg zu suchen, wodurch das Erdreich höhlenartig unterspült und zum Einsturz gebracht wird. Die Wurzeln vieler dieser Waldriesen, welche die hohe Böschung krönen, sind freigelegt und es bedarf keines sehr heftigen Windes, um sie niederzulegen; auch die kommende Regenzeit, wenn die gurgelnden Wasser die Arbeit wieder beginnen, wird manchen Baum zum Stürzen bringen, der anfänglich noch von Ufer zu Ufer eine Brücke bildet, später dann im trockenen Bette unter den glühenden Sonnenstrahlen bleichen muß. --

Ausnahmslos sind beide Ufer mit dichtem Busch und Bäumen bestanden, das dazwischen wuchernde Gebüsch ist fast undurchdringlich, vor allem, Sträucher mit vielen scharfen Stacheln, sind ein großes Hinderniß und will oder muß man absolut hindurch, kann man darauf rechnen, Haut und Kleider lassen zu müssen. Die Großartigkeit dieser Urnatur, die erhabene Einsamkeit in dieser Wildniß, hinterlassen bei dem aufmerksamen Beobachter einen nachhaltigen Eindruck, der unauslöschlich bleiben muß, wenn man dazu die vielartige Thierwelt in goldener Freiheit gesehen hat. Ein reiner Gottesodem weht durch diese lichtumflutheten Waldgefilde, Herz und Sinn erfreuend, ganz anders als in jener kalten emfindungslosen Menschenwelt, aus der die Freiheit verdrängt und nur die Selbstsucht herrschen mag. Am unentweihten Altar der Natur fallen die selbstgeschmiedeten Fesseln unfreien Geisteslebens, das Große, Wahre, ein versöhnender Geist, tritt heran, vor dessen reiner Lichtgestalt sich tief die empfindende Seele neigt. --

Schon jetzt, nachdem mehrfach recht reichlicher Regen gefallen, treibt die Vegetation, aufs Neue geweckt, überall frische Triebe; Stellen am Ufer oder im Walde, die man längere Zeit nicht gesehen, erkennt man kaum wieder. In wenigen Tagen hat die Natur fast ein neues Kleid angezogen -- bald kommt das Blühen und Sprießen allerwegen, vom goldenen Sonnenstrahl geweckt -- und der Frühling naht. Viele Stauden mit goldgelben Doldenblüthen, ähnlich unserer Moosblume, sowie eine Epheuart mit Blüthen wie Rittersporn, blaßblau und schön gezeichnet, haben frühzeitig den Schlaf abgeschüttelt und mit den immer blühenden Lianen am Flußufer sich vermischend, stellen sie ein wundervolles Blumengewinde dar.

Auch die kegelförmige Blüthenkrone, der über fünf Fuß hohen Tabakspflanze, die an geeigneten Stellen von den Eingeborenen gepflanzt worden, vollendet das harmonisch Ganze. Den Mangel an rauchbarem Kraut mußte uns diese ersetzen, indem die rothbraunen trockenen Blätter gesammelt und zerschnitten wurden. Ueberhaupt ist der Tabaksbau für einige Völkerschaften hier ein lohnendes Geschäft; das Produkt wird vielfach als Tauschartikel benutzt, worauf ich später eingehender zurückkommen werde, nachdem ich die Art der Zubereitung von den Völkern am Nyassa-See hatte kennen gelernt.

Besondere Methoden haben die Einwohner, sich auf primitivem Wege ihre Pfeifen herzustellen; z. B., das Horn einer Gabelantilope wird unten mit Holz oder auch Thon verschlossen, seitwärts in dem hohlen Theil dann eine Oeffnung für den Mund und im rechten Winkel hierzu noch eine für den Pfeifenkopf gebohrt, der meistens, wenn nicht aus Holz, aus einem kleinen Kirbis besteht, dessen unteres Ende durch ein kurzes Rohr mit dem Horn verbunden ist. Man könnte sich berathende Indianer im großen Kreise um ihre Feuer sitzend und die Friedenspfeife kreisen lassend vorstellen, in derselben Weise geht dies Unikum von Pfeife auch bei den Bewohnern dieses Landes von Hand zu Hand und Mund zu Mund, ein Jeder thut ein oder zwei tüchtige Züge, dann giebt er sie weiter.

Uebrigens habe ich auch bei anderen Stämmen kunstvoll gearbeitete Pfeifen gesehen, die mühsam geschnitzt, große Geduld und Ausdauer erfordert haben, dafür dann auch als ein Schmuckstück betrachtet werden, das dem Verfertiger nicht feil ist, wenigstens verlangt er für solch' ein Stückchen Holz einen erheblichen Preis.

Spät Abends, am 24. November, traf per Eilbote, durch Leutnant Bronsart von Schellendorf von Chilomo gesandt, die Nachricht im Lager ein, daß meine Anwesenheit dort unbedingt erforderlich sei, woraufhin ich mit zwei Eingebornen in einem kleinen Kanoe die Fahrt flußaufwärts in aller Frühe des nächsten Morgens unternahm. Man muß in einem solchen schmalen ausgehöhlten Baumstamm, ohne jedwede Stützen (Ausleger), die hier nicht gebräuchlich sind, worin man nur sitzen, sonst sich nicht weiter bewegen kann, und ausgesetzt der glühenden Sonne, solche Tour unternommen haben, um annähernd beurtheilen zu können, was es heißt, elf Stunden lang in einem solchen Fahrzeug zuzubringen. Gewandt und sicher aber sind diese Fährleute, sie stehen in dem schwankenden Kanoe und bewegen bei der unausgesetzten Arbeit nur ihren Oberkörper, wodurch ein Umschlagen desselben, was bei unsicherer Hantirung unausbleiblich wäre, vermieden wird.

In Chilomo angekommen, lag wider Erwarten nichts von Bedeutung vor, nur einige desertirte Sudanesen, welche von Katunga aus mit ihren Waffen das Weite gesucht hatten, sollten verfolgt werden, wozu die Hilfe des portugiesischen Stationschefs am Ruofluß in Anspruch genommen und der Telegraph zu deren Ergreifung in Thätigkeit gesetzt wurde. Ich persönlich konnte dabei nicht viel thun, und die eilige Fahrt nach Chilomo war eigentlich eine nutzlose gewesen. Ich orientirte mich noch über den Zustand des Lagers und die Beschaffenheit des hier aufgestapelten Materials und trat schon am nächsten Tage bei guter Zeit, um noch vor Dunkelwerden das Lager wieder zu erreichen, die Rückfahrt an.

Unterwegs hatten wir über tiefes Wasser hingleitend, ein kleines Rekontre mit einem Flußpferd zu bestehen, das von mir verwundet, wüthend auf das Kanoe losging; aber da der Fluß an jener Stelle zu tief, war dasselbe nicht imstande das Kanoe umzuwerfen, sonst hätte es uns übel ergehen können. Weniger glücklich war einst Leutnant Bronsart in einem ähnlichen Falle. (Ein wüthendes Thier griff sein leichtes Kanoe an und warf es um, nur der Umstand, daß er sich, die Gefahr erkennend, ganz nahe dem Ufer gehalten hatte, verdankte er das Leben.)

Am Abend des 30. November kam Brückner mit seinem leeren Fahrzeug in Umpassa an, aber ohne genügend Leute, was ich von den tags zuvor schon eingetroffenen Bewohnern Umpassas, die bereits in Chilomo den Leichter verlassen hatten und von mir ausbezahlt worden waren, erfahren hatte. Auch von Wissemanns Leuten waren einige darunter, die sich wegen der Behandlung beklagten und wegen der rückständigen Löhnung Schwierigkeiten machten. Es wollte mir nicht recht einleuchten, daß diese Leute erst vor wenig Tagen den vermuthlich zur Zeit bei der Etappestation befindlichen Leichter verlassen haben sollten, sie waren vielmehr längst vorher desertirt und hatten sich nur nicht gemeldet, weil sie glaubten, mit den Angekommenen nun gleichen Verdienst ausbezahlt zu erhalten. Nachdem ich aber ihre Namen festgestellt hatte und ihnen vorrechnete, daß sie mir etwas weiß machen wollten, was aber hier nicht angebracht sei und sie nun dafür von Rechts wegen eigentlich nichts haben müßten, schränkten sie ihre Forderungen auf ein bescheidenes Maaß ein.

Solche Versuche, den Europäer anzuführen, sind nichts Seltenes unter dieser Menschenrace, was namentlich von solchen Leuten gilt, die längere Zeit bei einem Weißen bedienstet waren. Nie wird sich der Neger die Tugenden des Europäers aneignen, vielmehr zu seinen Untugenden dessen üble Gewohnheiten hinzufügen und diese mit Vorliebe nachzuahmen suchen, wird deshalb auch unter Seinesgleichen bald ein Muster von Geriebenheit. Mir lag daran, auf gütigem Wege mich mit dem Häuptling Tengani zu einigen, da nun doch nochmals die Verhältnisse mich zwangen, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, insofern als ich ihn abermals um Stellung von zehn Leuten ersuchen mußte.

Während der Leichter beladen wurde, leitete ich die Unterhandlung mit dem Fumo ein, ihm noch bevor ich Umpassa verlassen würde, ein Geschenk versprechend, wenn er willig, mir die benöthigten Leute geben wolle. Allein hatte er früher schon seine Abgeneigtheit gegen die Europäer deutlich genug gezeigt, machte er jetzt kein Hehl daraus und wurde unverschämt, verstieg sich sogar zu nutzlosen Drohungen. Daraufhin nun erklärte ich ihm das Ultimatum: er stelle bis zum Abend die gewünschten zehn Mann, oder ich hole ihn am nächsten Morgen mit Soldaten aus seinem eigenen Dorfe heraus und bringe ihn nach Chilomo, dies sei mein letztes Wort, Verhandlungen gebe es nun nicht mehr.

Nach den Schwierigkeiten zu urtheilen, welche der Fumo jedesmal gemacht hatte, konnte ich voraussetzen, daß er auch diesmal sich nicht gutwillig fügen werde, und wie ich es erwartet, kamen keine Leute; am nächsten Morgen aber, als ich meine Ankündigung wahr machen wollte, fand ich im Dorfe weder den Häuptling noch irgend welche Leute vor, konnte auch nicht erfahren, wohin er sich begeben hatte und erst am nächsten Tage, als ich sehr früh zum Dorfe ging, fand ich einen jungen Menschen, der mir die gewünschte Auskunft gab, auch den Weg zu des Häuptlings Schamba (Anpflanzung) mir zeigte, wohin dieser sich zurückgezogen hatte, um der angekündigten Festnahme zu entgehen.

Nach langem Marsch durch Urbusch und Gehölz fand ich denn schließlich den Fumo auf seiner Besitzung, wo er mit seiner Frau in aller Ruhe das Feld umhackte.

Zu ihm herangetreten, forderte ich ihn auf sich zu entscheiden, ob er mir die Leute geben wolle, andernfalls ich ihn jetzt abführen lasse. Seine gereizte Antwort war: er habe überhaupt keine Leute, und erging sich gegen die ausgesprochene Absicht ihn mitzunehmen, in Drohungen, in welche sein Weib durch lautes Lamentiren wacker mit einstimmte. Er sah aber doch ein, daß Widerstand nutzlos war und von den beiden Soldaten, die ich bei mir hatte, in die Mitte genommen, folgte er willig zum Lager.

Noch war es nicht Mittag geworden, als auch schon die Aeltesten des Dorfes im Lager erschienen und höchst erregt, die Freigabe ihres Häuptlings forderten, als ich ihnen die Bedingung genannt, unter welche diese jetzt nur noch geschehen könnte, zogen sie wuthentbrannt ab, sodaß ich voraussetzen mußte, sie würden irgend eine Dummheit begehen und gar wegen ihrer großen Ueberzahl Gewalt anwenden. Indes am Nachmittag kamen sie wieder und besprachen sich mit ihrem Häuptling, worauf mir denn die Zusicherung gegeben wurde, es sollten die gewünschten zehn Mann am frühen Morgen zur Stelle sein, dafür aber die Freilassung des Fumo forderten.

Das Resultat, wenn ich dieser Forderung gewillfahrt hätte, wäre gewesen, daß ich mit dem Leichter nicht hätte abfahren können und das Nachsehen gehabt hätte, denn solcher Zusage konnte ich nicht mehr vertrauen; daher bedeutete ich ihnen, ihr Fumo solle sofort frei sein, sobald mir die Leute übergeben werden. Einen Zwang hatte ich dem Häuptling nicht weiter auferlegt, er konnte sich im Lager frei bewegen, stand nur unter Aufsicht des täglich aufgestellten Postens und durfte sich nicht entfernen. Am Abend, um ein Feuer unter den Bananen gelagert, hatte der Fumo dort auch, in ihm gegebenen Decken gehüllt, sein Nachtquartier aufgeschlagen, welches sein Weib mit ihm zu theilen sich entschlossen hatte, wenigstens wollte sie nicht ihren Eheherrn in solcher Lage im Stiche lassen. -- Sein Groll schien sich mit der Zeit gelegt zu haben. Ich fand ihn in angelegentlicher Unterhaltung mit den Leuten, als ich einen mit dem Leichter angekommenen Suaheli-Bacharia, der von rheumatischen Schmerzen arg geplagt wurde, durch Elektrisiren einige Linderung zu verschaffen suchte.

Nachdem die Prozedur beendet war, fragte ich auch den Häuptling, ob er nicht anfassen wolle -- es geschähe ihm nichts dabei --; die Neugierde bewog ihn schließlich die Griffe anzunehmen, um selbst sich zu überzeugen, ob in der kleinen selbstthätigen surrenden Maschine ein böser oder guter Geist sitze, der solches Geräusch verursache. Der Strom, noch anfangs schwach, schien ihm das prickelnde Gefühl in den Händen und Armen zu behagen, als ich aber stärkeren Strom spielen ließ, so daß er die Hände nicht mehr öffnen konnte, schnitt er doch gewaltige Grimassen und sein Weib, ängstlich geworden, faßte mit beiden Händen zu, um die Griffe wegzureißen, fuhr aber entsetzt zurück, als nun auch der Strom sofort durch ihren Körper ging.

Als darauf die Maschine außer Thätigkeit gesetzt war, wollten beide doch nichts mehr damit zu thun haben, betrachteten vielmehr den unscheinbaren Kasten mit argwöhnischen Blicken und sind wohl heute noch davon überzeugt, daß es in der Macht des weißen Mannes liege, Geister zu bannen und zu beherrschen. --

Betrachtet man im Allgemeinen die Lebensweise dieses umwohnenden Volksstammes, findet man in den Bezirken, wie solchen ein jedes größere Dorf vorstellt, patriarchalische Zustände; der Häuptling, als das Oberhaupt, übt im Verein mit den Angesehensten die Gerichtsbarkeit aus und schlichtet etwa vorkommende Streitigkeiten; sonstige Angelegenheiten werden in öffentlicher Versammlung durchberathen, in welcher das Wort des Medizinmannes und dessen Ansichten meistens ausschlaggebend sind, um so mehr, je fester dieser sich in die Gunst der Dorfbewohner zu setzen verstanden hat. Uebt doch das Geheimnißvolle und Unerklärliche auf die Gemüther dieser einfachen Naturkinder, die dem Aberglauben stark verfallen sind, einen allzu großen Einfluß aus. Bei Ceremonien und anderen für sie höchst wichtigen Vorkommnissen lauschen sie achtungsvoll den Worten des weisen Mannes oder machen ihre Entscheidung über irgend eine wichtige Unternehmung von dem guten oder bösen Omen, welches der Medizinmann durch geheime Manipulationen ihnen prophezeit, abhängig.

Oefter beherrscht ein mächtiger Häuptling auch mehrere Dörfer, jedoch muß man das Gemeindewesen als mehr republikanisch bezeichnen, denn nach der fortschreitenden Macht der Europäer, die in den Augen der Eingebornen eine viel größere ist, hat der Nimbus der Häuptlinge viel verloren und ihre Alleinherrschaft, die oft zu großer Willkür und Ungerechtigkeit geführt, ist heute gebrochen; behaupten kann sich und bedeutenden Einfluß besitzt nur der noch, dessen Persönlichkeit Achtung zu erzwingen weiß und der in seinem Urtheil gerecht und maßvoll bleibt. Mag auch der weiße Mann noch immer als Eindringling betrachtet werden und der von diesem ausgeübte Druck dem freien Neger als ein nur widerwillig getragenes Joch erscheinen, so ist dieser doch für ihn die höchste Instanz, an die er sich wendet, sobald Streitigkeiten zu schlichten sind, die früher oft zu blutigen Fehden Veranlassung gaben in welchen der Stärkere auch das Recht auf seiner Seite behielt.