Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 13
Bald sah ich auch eine kleine kultivirte Fläche Landes, die darauf hindeutete, daß in nicht allzu großer Entfernung menschliche Wohnungen zu finden sein müssen, ich fand auch nach näherer Untersuchung im Gebüsch verborgen eine kleine Wärterwohnung, die zur Zeit, wenn solche abgelegenen Felder bestellt werden von einigen Leuten bewohnt wird, um Nahrung suchende Flußpferde, welche mit Vorliebe solche Aecker nächtlicher Weile verwüsten, durch Lärm zu verscheuchen, jetzt aber unbewohnt war. Indessen war ich doch froh die Gewißheit zu haben, nicht irre gegangen zu sein, und einen in der Nähe stehenden verkrüppelten Baum erkletternd, gelang es mir über die Gebüsche hinweg Umschau zu halten. Ich erkannte in einiger Entfernung eine Vorrathskammer der Eingebornen und strebte derselben zu, hoffend, daß ich die würde erklimmen können, um mich dann besser zu orientiren, wo ich mich eigentlich befände. Es sind dieses etwa 15 Fuß hohe aus einfachen Baumstämmen aufgeführte Gerüste, auf welchen die Bewohner eines Dorfes in großen runden Korbgeflechten, mit einem ebensolchen Dache versehen, ihren Vorrath an Getreide, Mtama und Mais aufbewahren; namentlich in Gegenden, wo es vorkommt, daß der Fluß in der Regenzeit Alles überschwemmt und die Menschen dann Dörfer und Hütten den Elementen preisgeben müssen. Durch diese Bauten, die stets in solchem Falle noch mit Canoes zu erreichen sind, schützen sie sich vor Hunger und Noth.
Das Erklettern des Gerüstes war trotz der körperlichen Abspannnng nicht so schwer, doch über die vorstehende Plattform konnte ich erst nach mehreren Versuchen und Aufbietung aller Kraft gelangen; schließlich oben angelangt, hatte ich die Genugthuung, weite Umschau über den wie einen Silberstreifen sich hinschlängelnden Fluß und über die wilde Gegend in ihrer sich gleichbleibenden Monotonie, halten zu können.
In weiter Entfernung flußaufwärts glaubte ich denn auch eine bekannte Baumgruppe zu erkennen unter welcher ich einst nach mühseligem Marsch Rast gehalten hatte und die vor dem Dorfe Umpassa liegen mußte. Soweit nun orientirt, machte sich das Verlangen nach Nahrung geltend, die unmittelbar neben mir in Mengen lagerte, aber um einen Maiskolben zu erlangen, hätte ich das Geflecht zerschneiden müssen, ein Versuch, das Dach zu heben, war mißlungen; dieses jedoch mochte ich nicht thun und den Besitzer so schädigen, dem sicher an ein Paar Maiskolben nichts gelegen war, der aber später durch Vögel und namentlich Ratten einen beträchtlichen Schaden erlitten hätte. Herabgestiegen, nahm ich die beschwerliche Wanderung durch das wegelose Gras in heißer Sonnengluth wieder auf, bis ich endlich einen Fußpfad fand, auf welchem ich nach halbstündigem Wandern das Dorf erreichte.
Recht auffallend war die Ruhe im Dorfe, als sich weder Mann, Weib, noch Kind sehen ließen; erst nach längerem Suchen kam ein altes Mütterchen zum Vorschein, das mir auf Verlangen in einer Kürbisschale das langentbehrte Wasser geben konnte. Nach der Ursache, wo die Einwohner abgeblieben seien, brauchte ich nicht zu forschen, denn inzwischen hatte ich vom Lager herübertönend, wildes Geschrei und Halloh vernommen, welches mich veranlaßte, so schnell als es noch gehen wollte hinüberzueilen, um die Veranlassung kennen zu lernen.
Zum Ufer gekommen, bot sich mir an der Stelle, wo gewöhnlich die Frauen vom Dorfe Wasser schöpften, etwas unterhalb des Lagers, ein Anblick dar, der würdig gewesen wäre von der Hand eines Malers aufgenommen zu werden. Ich traute meinen Augen kaum; auf einem gewaltigen, noch halb im Wasser liegenden Flußpferde tanzten die schwarzen Gestalten herum, während einige meiner Leute mit langen Buschmessern die Hinterschenkel des Kolosses abzutrennen suchten; die Eingebornen aber, in Ermangelung solcher Instrumente, mit ihren Speeren die dicke Haut aufzuschneiden und Fleisch zu erlangen sich bemühten. Bald erfuhr ich auch, daß es dem Zimmermann Ottlich gelungen war einem mitten im Flusse auftauchenden Flußpferd einen tödtlichen Schuß beizubringen und, ehe das Thier in die Tiefe sinken konnte, von kühnen Eingebornen, die sich mit einem Canoe herangewagt hatten, mit einem starken Tau ans Land geholt worden war. Fünfzig Mann waren aber nicht imstande gewesen den gewaltigen Fleischklumpen höher das Ufer hinauf zu schaffen, sodaß mit der Zerlegung in der erwähnten Weise begonnen werden mußte, und, da die Europäer nach dem Fleische eines Cibokos kein Verlangen trugen, hatten sie es außer dem bereits abgetrennten Kopf den Leuten und Eingebornen überlassen.
Der Stärkung vor allem bedürftig, glich eine Mahlzeit, bestehend aus Biscuits und Sardinen, das zehnstündige Fasten wieder aus, und nachdem einige Leute nach der im Walde erlegten Antilope ausgesandt waren, denen ich noch möglichst genaue Weisung gab, wo das Thier zu finden sein würde -- ich hatte nämlich bis zu jenem Orte, am zurückgelegten Wege, wo Büsche standen, hin und wieder kleine Zweige als Merkzeichen niedergebrochen, die einmal aufgefunden, den Leuten nicht entgehen und sie zur betreffenden Stelle hinführen würden -- beschloß ich dem Streite ein Ende zu machen.
Ich sagte dem Fumo Tengani, der nicht minder eifrig wie alle Uebrigen bestrebt war sich einen Antheil am Fleisch des Thieres zu sichern, er und seine Leute würden alles unter sich theilen dürfen, wenn er mir dafür zusichert, sobald der erste Leichter ankommt, ein Dutzend Arbeiter gegen Bezahlung zu stellen, die nöthigenfalls wenigstens bis Chilomo mitgehen müßten; auch gelegentlich Boten geben wolle, welche ich nach dorthin oder Port Herald zu senden haben würde. Billig genug war das Verlangen, auch in Anbetracht der großen Gabe, von welcher zu eigenem Gebrauch verhältnißmäßig wenig genommen wurde, nicht zu viel verlangt. Ich ersah auch aus der hier versammelten Anzahl Dorfbewohner, daß die bisherige Ausflucht des Häuptlings »er habe keine Mannschaft« leere Redensart gewesen war.
Besonders hierauf hinweisend, ging er denn auch auf die gestellte Bedingung ein und überzeugt, daß im Lager überreichlich Fleisch vorhanden war, überließ ich bis auf die werthvolle Haut, die sauber dem glücklichen Schützen abgeliefert werden mußte, den Eingebornen das Thier. War aber vorher schon Zank und Streit bei der Zerlegung gewesen, war das Kämpfen um Mein und Dein bald nachher nicht mehr hübsch anzusehen; eine Begierde die an Habsucht grenzte, machte jeden auf den andern neidisch, dem es gelungen war ein besseres Stück Fleisch zu erlangen. Toll war es, wenn die Weiber sich die von den Männern zugetragenen Eingeweide gegenseitig entrissen, sie kämpften darum bis die Siegerin mit der Beute entfloh, um sobald diese in Sicherheit gebracht war, sogleich wieder auf dem Schauplatz zu erscheinen, damit sie sich einen neuen Antheil sichern konnte. Bis weit in die Nacht hinein -- das frische Fleisch wurde sogleich an hellen Feuern gebacken -- schallte das Lärmen zum Lager herüber; man hätte meinen können, die Theilnehmer am Gelage lägen sich fortwährend in den Haaren. Am anderen Morgen war aber auch nicht das Geringste von dem mächtigen Thiere übrig geblieben, nur vereinzelte Knochen und die sauber ausgeschrapte Haut.
Uebrigens labten wir Europäer uns nicht minder an einem Wildbraten, wozu der von den ausgesandten Leuten glücklich aufgefundene Buschbock das Nöthige lieferte; ich glaube das Flußpferdfleisch hätte im anderen Falle uns schadlos halten müssen! --
Wenige Tage später traf Brückner mit seinem Leichter beim Lager ein, hatte aber so wenig Leute bei sich, daß ich mich genöthigt sah ihm Ersatz zu verschaffen, damit es ihm möglich werde gegen den Strom fortzukommen. Gleicherzeit brachte er die Nachricht, der Major sei schon von Katunga aufgebrochen und habe wahrscheinlich mit seinen Lasten bereits das Schiregebirge überschritten, aber auch die traurige Kunde, daß der Kesselschmied Wedler, bisher sein Assistent, durch den heftigen Anprall seines Fahrzeuges gegen das Ufer sehr schwer verletzt sei; derselbe habe sofort von seinen Leuten nach Blantyre gebracht werden müssen, wo vermuthlich noch unser Expeditionsarzt Dr. Röver anzutreffen war, wenn nicht, ein englischer Missionsarzt sich des Verletzten annehmen könnte.
Es muß jedoch für den Verunglückten eine Höllenqual gewesen sein vier Tage lang in einer Maschilla zu liegen, ehe ihm Linderung und Hilfe zu Theil wurde.
Die Ankunft des Leichters gab mir Veranlassung, den Fumo Tengani laut getroffener Verabredung um Stellung einer Anzahl Leute anzugehen, aber ich sollte abermals die Erfahrung machen, daß Zusagen und Versprechungen bei den Eingebornen wenig Geltung haben und erst nach langen Verhandlungen bewog die Drohung, er würde im Weigerungsfalle bei dem englischen Administrator Mr. Hiller in Chilomo angezeigt werden, ihn, mir zehn Mann zu stellen, zu mehr wollte er sich nicht bewegen lassen; ich war aber auch mit dieser Zahl zufrieden, wenigstens konnte der Leichter expedirt werden.
Ein ähnlicher Fall trat eine Woche später ein. Wißmann war nämlich mit seinem Fahrzeug in Chilomo eingetroffen, und wie jedesmal, seine Leute desertirt, er hatte nur noch vier Suaheli Bacharias bei sich mit denen es unmöglich war die Fahrt fortzusetzen. Da in Chilomo absolut keine Leute zu bekommen waren, hatte ich nun auch Ersatz zu schaffen, war vielmehr dazu verpflichtet, als mir mit einem Eilboten von Katunga aus die Nachricht von v. Eltz zugegangen war, daß mir vorläufig der Befehl über die ganze Transportexpedition übertragen sei.
Ich wandte mich nun zunächst nach Port Herald und bat um einige zwanzig Mann; der Bescheid aber, den ich erhielt, ließ mich erkennen wie aussichtslos eine solche Bitte gewesen und wie wenig geneigt man dort war uns noch zu unterstützen, was selbstverständlich nur darauf zurückzuführen war, daß die früher gestellten und desertirten Leute sich bitter über uns beschwert hatten. Es spielt das Schicksal aber doch oft wunderbar im Menschenleben! -- Hätte jener Mr. Steavenson, an den ich mich gewandt hatte, wohl ahnen können, daß ein Deutscher ihm später das Leben erhalten sollte, zu einer Zeit, als er schwer verwundet in meiner Hütte lag! überhaupt meine Unterstützung ihn und seine Gefährten aus höchst bedrängter Lage erst befreite, jedenfalls würden dann seine Entschließungen anders ausgefallen sein.
So sah ich mich denn genöthigt nochmals den Häuptling Tengani dringend um Unterstützung zu ersuchen, obgleich ich voraussetzen mußte, daß im Nothfalle erst Zwangsmittel in Anwendung kommen würden, ehe er sich dazu verstehen würde; ich bekam aber im Dorfe solchen Bescheid, wie ich ihn nicht erwartet hatte. Kurzweg abgewiesen, ließ mir der Fumo sagen: sind die Leute, welche er mir bereits gegeben erst wieder in ihrem Dorfe angelangt, und nicht wie er vermuthe, gezwungen worden weiter zu gehen, dann wolle er wieder mit dem weißen Manne verhandeln. Eine gewisse Berechtigung hatten die vorgebrachten Gründe, als ich selbst voraussetzen mußte, die zehn Mann seien mit Brückner weiter gegangen, daß dieses indes freiwillig geschehen, wußte ich ebenso gut. Ich hatte nämlich Anweisung gegeben, die Leute wegen ihrer Ablöhnung zu mir zu schicken, auch hätte es diesen jederzeit frei gestanden zu gehen, wenn sie gewollt hätten.
Auf gütige Einigung war also nach einer solchen Abweisung nicht mehr zu rechnen; daher wandte ich mich nothgedrungen an den englischen Administrator in Chilomo und bat nach Klarlegung der Verhältnisse, dem Fumo Tengani die Anweisung zu geben, mir die benöthigte Anzahl Leute zu stellen, denn der nebenbei gemachte Vorwand, die Bewohner müssen jetzt ihre Aecker bestellen, war nichtig, insofern, als die Frauen diese Arbeit verrichteten und die Männer nur höchst selten zu einer Handreichung sich bequemten.
Die wenige Tage später eingetroffene Antwort, von zwei Askaris (Soldaten) überbracht, informirte mich dahin, daß die als Polizei fungirenden Leute sich mit dem Häuptling in Verbindung zu setzen haben und diesen verlassen werden, da er als widersetzlich bekannt war, aus seinem oder den nächstliegenden Dörfern mir Leute zu geben, andernfalls haben die Soldaten Auftrag, den Fumo mit nach Chilomo zu führen, was er aber umsomehr vermeiden wird, als es ihm bekannt ist, daß er dann nicht straflos ausgeht. Ich glaubte daraufhin nun ein leichtes Spiel zu haben, da ich durch die englisch sprechenden Leute meine Wünsche übermitteln lassen, also kein Mißverständniß entstehen konnte.
Es war indes mit dem alten Fuchs nichts anzufangen; er sagte wohl nach langem nichtssagenden Verhandeln zu, Leute zu bringen, sandte auch einige Mann in das Lager, wurde aber dann darauf gedrungen, die bestimmte Anzahl endlich zu senden, machte er allerlei Einwendungen und Ausflüchte, so daß es wirklich eine Geduldsprobe war, diese mit anzuhören, und wollte man sich nicht selber schädigen, indem durch seine Abführung jede weitere Verhandlung aufhörte, mußte gewartet werden. Am zweiten Tage, Sonntag den 20 Nov., der Leichter war zur Abfahrt bereit, ging ich gegen 9 Uhr Morgens in das Dorf mit dem festen Vorsatz der Sache nun ein Ende zu machen, entweder der Häuptling gab die versprochenen Leute oder die Soldaten sollten ihn ohne weiteres nach Chilomo bringen. Von nichts unterrichtet, (die Askaris hatten mir nur die Mittheilung gemacht, es seien die Eingebornen zu einem großen Schauri versammelt) fand ich im Dorfe eine unerwartet große Anzahl Männer vor, zusammengerufen von dem Fumo, die wie aus dem Verlauf der Verhandlung ersichtlich wurde, sich zu einem großen Protest gegen das Vorgehen der Europäer hier eingefunden hatten. In die Mitte der Männer tretend, die alle im weiten Kreise am Boden hockten, wandte ich mich der Berathungshütte und den Aeltesten zu, dabei wollte es mir scheinen, als würden unter dem lauten Gemurmel so vieler Stimmen drohende Zurufe ausgestoßen, das erst auf das Geheiß der an meine Seite getretenen bewaffneten Askaris verstummte. Mir that es fast leid allein und waffenlos gekommen zu sein, durfte nun aber durchaus nicht zeigen, daß ich irgend welche Besorgniß hegte, mußte vielmehr dem Kommenden furchtlos entgegentreten, um Herr der Situation zu bleiben.
Eingeleitet wurde sodann das Schauri mit der Verlesung jener Verfügung, die Bezug hatte auf die Stellung von Leuten, und im Weigerungsfalle auf die Abführung des Fumo. Darauf ließ ich erklären, daß keiner glauben solle, er müsse umsonst arbeiten oder werde gezwungen weiter mitzugehen als er sich verpflichtet habe; ein Jeder erhalte den ausbedungenen Lohn, sobald er zurückkehre. Nachdem nun noch lange hin und her gesprochen worden war, wovon ich so gut wie nichts verstand, nur den Sinn des langen Geredes durch die verhandelnden Askaris erfahren konnte, erhob sich plötzlich aus der Mitte der Vornehmen und Häuptlinge ein mir bereits bekannter Sprecher und legte mit lauter Stimme seine Ansichten dar; doch schließlich hatte er sich so in Extase geredet, daß sein Sprechen nur noch ein Schreien war, erst als er sich beruhigte, erfuhr ich, um was es sich eigentlich gehandelt hatte. Solche Redner, meistens Medizinmänner, üben einen großen Einfluß aus, deren Rathschläge gewöhnlich befolgt werden und manche unheilvolle That wird daraufhin ausgeführt. Sie versetzen ihre Zuhörer in Wuth der Begeisterung, die dann den Worten unmittelbar die That folgen lassen, ob diese verhängnißvoll ist oder nicht; Ueberlegung kennt der Neger in solchen Momenten nicht mehr.
Gutes war es sicherlich nicht, was dieser Medizinmann seinen aufmerksamen Zuhörern verkündigte, und wer hätte die Folgen absehen können, wenn sein Einfluß die volle Wirkung erlangt hätte! Es war für mich vielleicht ein Glück, daß die Askaris den Ausführungen des wüthenden Redners energisch Einhalt geboten hatten, sogar die Waffen erhoben, als er nicht Folge leistete, woraus ich schließen konnte, die Situation sei schon recht bedenklich geworden. Als er aber zur Ruhe gewiesen wurde, erhob sich ringsum ein drohendes Gemurre, welches die Soldaten anfänglich Mühe hatten zu beschwichtigen.
Darauf erfuhr ich in kurzen Worten den Sinn der langen Rede, nämlich: die weißen Männer kommen in das Land und nehmen was ihnen beliebt, führen große Kriegsschiffe und Boote auf den Fluß, haben viele schwere Lasten, welche die Bewohner müssen transportiren helfen; dazu wird der schwarze Mann dann noch gezwungen sein Dorf zu verlassen und weit mit dem Europäer zu gehen, der ihn noch obenein schlecht bezahlt und behandelt!
Es ist nicht schwer sich hierzu die weiteren Ausführungen des erregten Mannes, der seine Erfahrung aus dem Vorgehen der Portugiesen und Engländer geschöpft, auch nicht so Unrecht hatte, denken zu können, wie immer aber, so war es auch hier der Fall, der Bewohner dieses Landes kann sich keine Vorstellung davon machen, daß die wenigen in sein Land gekommenen Weißen verschiedenen Nationen angehören sollten; sieht er doch bei allen das gleiche Bestreben, daß diese auf seine Kosten sich Vortheile verschaffen, ihm seinen ungeheuren Besitz nehmen und in seiner Freiheit beschränken. Er dehnt also seinen Haß und Abneigung auf alles aus was fremd heißt, indem er es nicht begreift und versteht, wie eine Handvoll weißer Männer verschiedenen Völkern angehören kann, da jeder Portugiese und Engländer, gleichviel, ihm klar zu machen sucht, daß hinter jedem ein mächtiges Volk steht, in dessen Namen er Besitz ergreift und das ihn schützt.
Sogleich ließ ich der Versammlung durch den Dolmetscher erklären, daß wir Deutsche nicht mit unsern Lasten hierher gekommen sind, um ein Schiff zu bauen oder gar hier im Lande zu bleiben, sondern wir gingen weit von hier zu dem großen Nyassa-See und kommen nie mehr zurück, alle aber wüßten auch, daß wir viele und schwere Lasten haben, welche wir nicht tragen können, darum sollen sie uns nur kurze Zeit helfen um von hier fortzukommen, und wer es thut, wird gut bezahlt.
Nach dieser Verkündigung herrschte momentan tiefes Schweigen -- dann aber erhoben sich wieder viele Stimmen, die im wirren Durcheinander das Gehörte diskutirten. Mir indes wurde die Sache schließlich zu bunt, und so erklärte ich dem Häuptling rundweg, wenn er mir bis die Sonne am höchsten stehe keine Leute gegeben habe, gehe er unbarmherzig nach Chilomo. Dieser gab denn auch, nachdem er den Ernst dieser Erklärung und jede fernere Weigerung als nutzlos eingesehen hatte, eine bestimmte Zusage; ich aber verließ unbehelligt die Versammlung, um im Lager das Weitere abzuwarten.
Um 3 Uhr Nachmittags kam der Fumo mit 9 Mann und versicherte, daß am Wege nach Chilomo weitere acht zu diesen stoßen würden; er gab auch den Soldaten genau Anweisung an welchem Orte dies geschehen würde. Nachdem ich noch die Askaris für ihre Mühe belohnt hatte, versprachen sie die Kolonne sicher im Lager von Chilomo abzuliefern.
Die Veranlassung zur Uebergabe des Kommandos an mich war dadurch gegeben, daß von Eltz nach Blantyre zum Major gerufen wurde. Der Grund dazu war, eine endgültige Entscheidung über die hochwichtige Frage zu treffen, ob es noch möglich sein würde die Expedition, wie vorerst geplant, noch nach dem Tanganjika-See zu führen, oder den Nyassa-See als Endziel zu betrachten; hatten sich doch bisher uns solche Schwierigkeiten in den Weg gestellt, daß zu befürchten war, das Schiffsmaterial, namentlich die werthvollen Maschinentheile, würden einen vermuthlich noch über ein Jahr währenden Transport nicht mehr aushalten, wenigstens durch den Einfluß der Witterung, die Eisen in den Tropen rasch angreift, beträchtlich geschädigt werden. Ein Gutachten hierüber und über die Möglichkeit eines längeren Transportes von mir eingefordert, konnte ich dieses nach bestem Wissen nur dahin beantworten, daß es, nach der Beschaffenheit des Materials zu urtheilen, wünschenswerth erscheine, den Dampfer schon am Nyassa-See zu erbauen; ein Durchführen der Expedition aber bis zum Tanganjika schließlich das Ergebniß haben könnte, aus stark mitgenommenen Beständen das Schiff erbauen zu müssen.
Bedenkt man, mit welchen Schwierigkeiten wir bisher schon zu kämpfen gehabt hatten, wie überaus gegen alle Erwartung langsam die Expedition hatte vordringen können, so mußte die Voraussetzung, die Hindernisse könnten noch viel größer werden, volle Berechtigung finden, und nach dem Vergangenen zu urtheilen, das Endziel, der Tanganjika, in weiter Ferne gerückt erscheinen.
Es scheint, daß Major von Wißmann seinen anfänglichen Plan die Expedition über die Schirefälle zu führen nach näherer Erkundigung über den Weg, den einst Livingstone genommen, hat aufgeben müssen und den vielleicht schwierigeren über das Gebirge deshalb gewählt hat, weil die Trägerfrage in dieser Zeit eine heikle geworden war. Blantyre freilich war ein starker Stützpunkt, als Uebergangstation gedacht, allein eine gewisse Abhängigkeit von den Engländern damit auch verbunden, insofern als das Trägermaterial zum großen Theil ihnen zur Verfügung stand, wodurch den Unterhändlern ein großer materieller Vortheil erwachsen mußte.
Aus unserer Verlegenheit Nutzen zu ziehen, waren die Herren Engländer gern bereit, hatten doch schon vorher ein Portugiese und auch ein einflußreicher Händler in Chilomo sich erboten, hunderte von Leute zu stellen, aber die überaus hochgeschraubten Bedingungen waren für die Kasse der Expedition denn doch ein wenig zu weit gegriffen. --
7. Im Lager von Umpassa bis Katunga.
Die geschilderten Vorgänge brachten in der Einförmigkeit des Lagerleben immerhin eine, wenn auch nicht gerade angenehme Abwechslung, die in gewisser Beziehung etwas anregend wirkte, zumal das lange Warten auf die Leichter, welche uns von hier erlösen sollten, auf die Dauer doch langweilig wurde. Für eine tägliche Beschäftigung sorgte ich zwar schon aus dem Grunde, damit die Unthätigkeit nicht eine üble Angewohnheit würde, zu welcher die menschliche Natur in dieser heißen Gegend große Neigung zeigte; die große Hitze bedingt schon an und für sich eine körperliche und geistige Erschlaffung, gegen welche das Muß ein vorzügliches Radikalmittel ist.
Nach des Tages Gluth waren die kühleren Abendstunden eine wahre Erholung, gewöhnlich saßen wir am Ufer unter den breitblättrigen Bananen und schauten in die vorüber rauschenden Fluthen des Schire oder sahen dem Leben und Treiben der Negerkinder zu, die entweder Fische fingen oder mit wildem Geschrei sich auf flacheren Stellen im Wasser tummelten, gerade als wäre bei solchem übermüthigem Spiel durchaus keine Gefahr vorhanden. Verschiedentlich hatte ich die kleine Gesellschaft schon fortgewiesen, auch die älteren auf die mögliche Anwesenheit eines +mamba+ (Krokodils) aufmerksam gemacht, indes, dann suchten sie sich einen anderen Tummelplatz in der Nähe aus, um bald wieder, wenn die Luft rein war, zurückzukehren.
Wir hatten während der ganzen Zeit unsers Hierseins selten nur ein vorüberschwimmendes Krokodil bemerkt, und zeigte sich mal eins schußgerecht, wurde dem Thier das Wiederkommen verleidet; doch ausgeschlossen war es nicht, daß sich solch' ein Räuber im Schilfgrase verborgen hielt, um eine günstige Gelegenheit mit Geduld abzuwarten, und mit einer köstlichen Beute das Weite zu suchen.
Am Abend des 17. November, ich war von einem kurzen Jagdausflug zurückgekehrt, suchte ich wie gewöhnlich unter den Bananenbäumen einen Ruheplatz und sah von hier dem lustigen Treiben der schwarzen Kinderschaar ein Weilchen zu, die ausgelassen sich im Wasser herumbalgten, Knaben und Mädchen durcheinander. Plötzlich ertönte aus dem Munde eines kleinen Mädchens ein verzweiflungsvoller Schrei, welcher alle anderen Kinder entsetzt auseinanderfahren und zum Ufer fliehen ließ. Sofort aufspringend sah ich noch, wie die in die Höhe geworfenen Arme des Kindes unter dem Wasser verschwanden. Wieder also war durch Unvorsichtigkeit dem tückischen Feinde ein junges Leben zum Opfer gefallen, der, am Strande des Schilfes wohlgeborgen, die Annäherung seiner Beute abgewartet hatte und schnell mit derselben in die Tiefe verschwand.