Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 12
Jeden Morgen, sobald die Aussicht frei, d. h. die wallenden Nebel von den Sonnenstrahlen zerstreut waren, sahen wir an der Waldlisiere oder an erhöhten Punkten in der Ebene einige Busch- oder Wasserböcke, die zu uns herüberäugten, und meistens war es von Eltz, der schon früh zur Jagd aufbrach und sich an das Wild heranpürschte, auch fast immer 1 bis 2 Stück mitbrachte; indessen ich mit der Bahn weiterzog und während der kühlen Morgenstunden auch vorwärts kam.
Am dritten Tage endlich näherten wir uns wieder dem Walde und wo derselbe an seiner Kante licht genug war, so daß wir uns mit der Bahn zwischen Baum und Buschwerk durchschlängeln konnten, wurde derselbe schon des Schattens wegen aufgesucht; lagerten wir aber nach des Tages harter Arbeit im Walde, dann horchte man auf das Lied manches gefiederten Sängers, der in der erfrischenden Abendkühle jetzt erst sein Danklied schmetterte; dazu die girrende Taube, das lockende Perlhuhn -- wären nur die Mosquito barmherziger gewesen, solch ein Waldkonzert hätte man ungestörter genießen können.
Näherten wir uns hügeligem oder unübersichtlichem Terrain, so war die Einrichtung getroffen worden, den zu nehmenden Weg durch eine vorausgehende Kolonne mittelst weißer Fähnchen, welche an langen Bambusstangen befestigt waren, bezeichnen zu lassen, denn vorspringende Waldkanten behinderten des öfteren die Fernsicht, auch konnten wir nicht wissen, ob das wegelose Gebiet vor uns nicht unerwartete Hindernisse ausweisen würde.
Im Allgemeinen war das Fortschreiten mit der Bahn noch immer ein befriedigendes zu nennen; auch gab ich mir Mühe begangene Fehler dadurch auszugleichen, daß ich die Leute nicht mit überstürzender Hast arbeiten ließ, mehr im Guten sie aufforderte ihre Pflicht zu thun und ihnen zeigte wie sie sich die Arbeit erleichtern konnten, anstatt sie durch harte Worte und gar Drohungen abzuschrecken. Ich konnte daher auch gerne den einen oder anderen, wenn sie sich widerwillig zeigten, mit der Hand einen Klapps auf das nackte Fell geben, das schadete nichts, so lange sie nur wußten, daß es nicht ernst gemeint war, und ich fand die Leute immer willig meinen Anweisungen Folge zu leisten. Dennoch fehlten jeden Abend, wenn die Leute flüchtig nachgezählt wurden, einige und in 10 Tagen waren uns 63 Mann desertirt.
Dieses Resultat fanden wir, als wir uns dem Dorfe Umpassa genähert hatten (also annähernd ein Weg von 30 Kilometer zurückgelegt war) und hier durch Herrn von Eltz ein Namensaufruf der gesammten Mannschaft vorgenommen wurde. Nun zeigte es sich erst wie bald wir mit der Möglichkeit zu rechnen haben würden die Bahn nicht mehr fortbringen zu können, wenn in gleicher Weise die Leute uns verließen; darum der Sache herzlich überdrüssig, mit der Ueberzeugung, daß wir doch nicht Chilomo erreichen würden, wollte Herr von Eltz schon am nächsten Morgen den Transport verlassen und ich sollte denselben so gut oder schlecht weiter führen, als es mir möglich wäre. Das Ende aber war näher als wir dachten.
Die folgenden Thatsachen in Erwägung ziehend, kann ich nicht umhin zu erwähnen wie leicht abergläubische Furcht den Sinn des Negers verwirren kann, nämlich die Aufrufung aller Namen machte schon auf die Leute einen peinlichen Eindruck, um so mehr, als die betreffenden Capitaos für das Weglaufen der ihnen unterstellten Leute verantwortlich gemacht und für ihre Achtlosigkeit mit Strafe bedroht wurden, wiewohl diese, wenn ihr Einfluß nicht groß genug war, keinen der weglaufen wollte, hätten halten können, ebensowenig wie wir Europäer es im Stande gewesen wären. Ferner kam dazu, daß am Abend dieses 4. Novembers die noch Tags vorher im hellen Glanz erscheinende Mondscheibe nicht sichtbar wurde, sondern bald nach Sonnenuntergang sich tiefe Dunkelheit über die Erde ausbreitete, und erst später, als der Mond schon einen beträchtlichen Bogen über den Horizont zurückgelegt hatte, kam allmählich seine Scheibe wieder zum Vorschein; es war eine totale Mondfinsterniß eingetreten. Solchen Phänomina legt der Eingeborene nun eine weittragende Bedeutung bei, aus dem Grunde, weil er sich das Auftreten derselben nicht erklären kann und schreibt diesen einen großen Einfluß auf seine Handlungen zu, je nachdem er sie als gutes oder böses Omen zu betrachten geneigt ist. Mit dem Gesagten wollte ich nur andeuten, daß diese Vorgänge nicht ganz ohne Einfluß auf die Absicht der Leute, uns im Stiche zu lassen, geblieben sind und die nur eines Anlasses bedurfte, um zur Ausführung zu kommen.
Im Uebrigen war dieses Naturereigniß für einen aufmerksamen Beobachter ein fesselndes Bild. Die klare Atmosphäre durch kein Wölkchen getrübt, leuchtete der wundervolle Sternenhimmel in hehrster Pracht -- von welchem herab die fernen Welten ihr Licht in das Weltall hinaussendeten und dem Menschen auf der kleinen Erde verkündeten, daß in unendlicher Ferne Millionen Körper um Sonnen kreisen, die viel gewaltigere Dimensionen haben müssen als die, welche Licht und Leben spendend unsere Sonne heißt -- dazu die weite Wildniß, unabsehbare Grasebene und landeinwärts tiefdunkler Wald! Entlang der Wagenreihe lodern die Wachtfeuer zum nächtlichen Himmel empor, von denen her dumpfes Gemurmel vieler Menschenstimmen, die sonst herrschende Stille unterbrach. Im fernen Osten wird nun ein schmaler Streifen goldenen Lichtes in Form einer Sichel sichtbar -- breiter und breiter wird der glänzende Rand, man sieht wie sich scheinbar ein dunkler Körper an der Mondscheibe vorüberschiebt, bald fluthet magisches Licht wieder durch den Weltenraum auf die dunkle Erde hernieder und bleicht den Glanz der goldenen Sterne; bis nach Verlauf einer guten Stunde der Vollmond, von dem schwarzen Schatten der Erde befreit, wieder sein volles Licht über die wilde Scenerie und den weiten Fluren Afrikas ergießt.
Die ausgesprochene Absicht des Führers, den Transport zu verlassen, führte noch am selben Abend zu Unterhandlungen mit dem mir bereits bekannten Häuptling Tengani, der eine Anzahl Träger und Maschillaleute stellen sollte. Letztere, gewöhnlich 12 bis 16 Mann stark, tragen den Reisenden in einer Art Hängematte, die mit ihren beiden Enden an einer starken Bambusstange befestigt ist, schnell vorwärts, indem sich die Leute fortwährend abwechseln und im kurzen Laufschritt imstande sind, in einem Tage eine weite Strecke Weges zurückzulegen.
Es ist dieses zeitweise ein angenehmes Reisen, insofern man nicht auf schlechten Wegen mühselig wandern braucht, und jeder Europäer benutzt eine Maschilla, wenn ihm die Mittel dazu zur Verfügung stehen; man hat aber auch darauf zu achten, daß die Leute sicher und zuverlässig sind, denn es ist nicht so ganz ungefährlich, da das Ausgleiten oder Stürzen eines Mannes für den Getragenen schlimme Folgen haben kann, wenn er ebenfalls mit der ganzen Wucht des Körpers auf den Erdboden oder gar Gestein aufschlägt. Mehrmals habe ich später das Pech gehabt, durch Ausgleiten eines Mannes auf schlüpfrigem Boden, Bekanntschaft mit diesem oder einer Wasserpfütze machen zu müssen.
Der Fumo Tengani indes war nicht sonderlich erbaut davon, Träger und Maschillaleute stellen zu sollen, und die leere Ausflucht, er habe keine Leute, oder werde erst nach solchen senden, hieß so viel: den ihm mißliebigen Europäer nicht unterstützen zu wollen. Auch am nächsten Morgen, als wir mit der Bahn mitten durch sein Dorf hindurchzogen, blieben erneute Verhandlungen erfolglos, sodaß anzunehmen war, er wolle nicht helfen, trotzdem ihm ein Geschenk und hohe Bezahlung zugesichert wurde.
Es hatte an diesem Morgen den Anschein, als arbeiteten unsere Leute mit größerer Lust; denn anfänglich, und bis wir durch das Dorf Umpassa hindurch waren, ging alles trotz der geringen Kräfte vorzüglich. Auch ein hinter dem Dorfe befindliches trockenes Flußbett, durch welches die Wagen mit voller Fahrgeschwindigkeit geführt werden mußten, um die hohe Uferböschung hinauf zu kommen, stellte hohe Anforderungen an die Leute; bis plötzlich beim abermaligen Vortragen des Geleises alle sich an der Tete sammelten und durch lautes Murren ihre Unzufriedenheit kundgaben.
Dieses auffällige Benehmen und die Weigerung weiter arbeiten zu wollen, welches ich mir erst nicht erklären konnte, hatte seinen Grund darin, daß den Leuten verweigert worden war sich Wasser zu holen; so groß unser Vorrath auch war, in wenig Stunden hatten die Leute alles ausgetrunken, und so stellte sich nun bei schwerer Arbeit und glühender Sonne großer Durst ein. Der Führer hatte dazu noch die Kapitaos für das Murren ihrer Leute verantwortlich gemacht, und die Folge war Gehorsamsverweigerung.
Das Nutzlose einsehend, die höchst erregten Menschen noch zur weiteren Arbeit bewegen zu können, mußte früher als sonst Pause gemacht werden; kaum aber war das Signal »das Ganze halt« geblasen, als alle Arbeiter in wilder Jagd zum Dorfe Umpassa eilten, mit Mühe nur konnte ich mich dem Strome entgegenstellen und die Leute veranlassen die Fässer und Wasserbehälter zum Wiederauffüllen mitzunehmen.
Vier Stunden später riefen Trompete und Trommel vergeblich zur Arbeit, Niemand folgte dem Rufe mehr, und zweifellos war es, daß unsere sämmtlichen von Port Herald mitgenommenen Arbeiter desertirt waren. Ausgesandte Suaheli und Soldaten bestätigten denn auch bald diese Befürchtung und als ich nach den vermißten Fässern forschen ließ, wurden diese jenseits des Dorfes unter Bäumen vereinzelt liegend aufgefunden; mithin hatte sich die Arbeiterkolonne nach beendeter Arbeit sofort auf den Weg gemacht, um in ihre Dörfer zurückzukehren.
Nicht das war das Schlimmste, daß wir nun weit vom Schirefluß in Busch und Gras mit 20 Suaheli und wenigen Soldaten saßen, und es ein Unding war mit dieser Handvoll Leute die Bahn noch weiter zu bringen, sondern daß die Expedition weit und breit bei den Eingeborenen in Mißkredit gebracht worden war; und in der Folge, da ich beim Bahntransport verblieb, konnte ich ein Lied davon singen, wie es thut, wenn man von aller, auch der geringsten Hilfeleistung abgeschnitten ist.
Das Nächste was in dieser schlimmen Lage nun zu thun, war einen Weg ausfindig zu machen, auf welchem wir die Bahn zum Flusse schaffen konnten und dann uns nach Hilfskräften umzusehen, die bereit wären uns die schwere Arbeit zu erleichtern; nächstdem galt es eine Uferstelle aufzufinden, wo später die Leichter bequem anlegen und beladen werden konnten.
Während der Transportführer flußaufwärts durch Gras und Gebüsch einen Weg zum Flusse suchen ging, wandte ich mich dem Dorfe Umpassa zu und erkundete hier von einigen Bewohnern bald, welches der nächste und beste Weg zum Flusse sei. Geführt von Eingebornen, stand ich schon nach etwa 15 Minuten am Ufer des Schire und fand hier, verdeckt durch eine kleine Bananenanpflanzung, sowohl einen guten Lagerplatz, als auch eine bequeme Anlegestelle. Darauf zum Dorfe zurückgekehrt, unterhandelte ich mit Häuptling Tengani wegen Leute, die uns behülflich sein sollten die Bahn fortzuschaffen.
Wider Erwarten zeigte sich der Fumo bereitwilliger, als nach der am vorhergehenden Tage bekundeten Weigerung uns Leute zu geben, hätte erwartet werden können und nach Uebereinkunft stellte der Fuma dann auch 42 Mann. Zur Feldbahn zurückgekehrt war Herr v. Eltz, der keinen bequemen Weg durch Gebüsch und Gras gefunden hatte, mit den vorläufigen Abmachungen einverstanden und nach längerem Schauri begannen wir rechts abbiegend mit den Leuten die Bahn fortzuschaffen.
Am Nachmittage des nächsten Tages, Sonntag den 6. November, waren wir nach angestrengter Arbeit denn endlich so weit, den Wagenzug in drei Reihen nahe dem Flusse auffahren zu können und uns so gut es ging dazwischen ein Lager einzurichten. Die Umpassa-Leute waren nun aber mit ihrer Ablöhnung nicht zufrieden, da, anstatt wie es richtiger gewesen wäre jedem einzelnen den Lohn auszuzahlen, dem Fumo der ganze Betrag überreicht wurde, der je nach Belieben seinen Leuten für ihre Arbeit entweder nichts oder nur wenig abgab. So war die Folge, daß wir es nun auch mit diesen gänzlich verdorben hatten und die vorher schon getroffene Verabredung, daß am selben Abend noch 20 Mann mit Herrn v. Eltz nach Chilomo abgehen sollten, wurde nun ihrerseits nicht eingehalten, so mußte derselbe, nur begleitet von einigen Suaheli, ohne Träger und Maschilla-Leute aufbrechen.
Die Feldbahn, als praktisches Transportmittel, steht ihre Verwendbarkeit außer Frage, selbst auf solchem Terrain, wie wir es zu durchziehen hatten; können nur die Bedingungen -- annähernd genügende Menschenkraft, dazu der benöthigte Proviant -- erfüllt werden, ist viel damit zu erreichen, der Führer nicht an die Zeit gebunden, kann dann die Kräfte seiner Mannschaft schonen, und langsam zwar, aber sicher zum Ziel gelangen. Verurtheilt, für voraussichtlich längere Zeit ein einsames Lagerleben hier zu führen, mußte ich zunächst darauf bedacht sein, für die Europäer eine einigermaßen sichere Unterkunft zu beschaffen, was in gänzlicher Ermangelung von Zelten -- für mich war nur ein kleines vorhanden -- nicht so leicht war, da wir an einen Aufbau von Hütten nicht denken konnten, weil der Wald zu weit und auch Arbeitskräfte fehlten. Man lernt aber in Afrika den Umständen Rechnung tragen und Noth macht erfinderisch, dazu, gewöhnt ein schützendes Dach schon als einen Vorzug zu betrachten, ist man in der Wahl eines solchen nicht gerade sehr penibel, sondern begnügt sich mit dem denkbar einfachsten, sofern es nur Schutz gegen Sonnengluth und Regen bietet. In dieser Hinsicht mußten wir uns denn auch zu helfen suchen so gut es gehen wollte.
Die bereits erwähnte längs dem Ufer liegende Bananenanpflanzung war das einzige schattenspendende Objekt weit und breit, und dieses benutzend, wurden einige entleerte Wagen in dieselbe hineingeschoben, darüber von Seitenwänden provisorische Dächer errichtet, diese mit wasserdichtem Tuch überdeckt, war unter den breiten Blättern der köstlichen Bananenpflanzen ein idyllischer Aufenthalt fertig gestellt.
Anfänglich war auch die Jagd noch ergiebig und mancher Busch- oder Wasserbock wurde in das Lager gebracht, sodaß zeitweise Ueberfluß an Fleisch im Lager vorhanden war. War aber mal ein Warzenschwein erlegt worden, überließ ich die Beute, bis auf die besten Stücke, dem Fumo Tengani, weil die Suaheli und Bacharias als Muhamedaner solches nicht essen, hoffend dadurch ein besseres Verhältniß zwischen uns und den Bewohnern wieder herstellen zu können. Allein es ist sehr schwer das einmal verlorene Zutrauen dieser einfachen Menschen wieder zu gewinnen. Es wollte sich trotzdem keiner bewegen lassen auch nur für kurze Zeit bei uns zu arbeiten; gleichen Mißerfolg fand ich überall, so weit ich auch meine Leute in die näheren oder entfernteren Dörfer senden mochte.
Später wurde unsere Lage bedenklicher, als Mangel an Proviant, Mtamamehl und Bataten eintrat, und tagtäglich 4 bis 6 Mann ausziehen mußten, um aus weitentlegenen Dörfern das Nöthigste für die noch über zwanzig Köpfe zählende Mannschaft heranzuschaffen. Dazu kam auch noch das Fleisch in Fortfall, weil das Wild schließlich scheu geworden und demselben nicht mehr so leicht beizukommen war. Es hatten sich auch, durch erlegtes Wild angelockt, Hyänen und Leoparden eingefunden, die nächtlicher Weile das Lager absuchten und uns freihängendes Fleisch verschiedene Male raubten.
Das Jui-i -- Jui-i der Hyänen, welches man als das Lachen dieses widerlichen Thieres bezeichnet, ist in stiller Nacht keine angenehme Musik, dabei aber so durchdringend, daß man stets davon aus dem Schlafe auffährt und sich versucht fühlt dem nächtlichen Störenfried, der unheimlich leise zu schleichen versteht, eine Kugel auf das Fell zu brennen -- wenn sie sich nur beikommen ließe -- was uns später nur ein einziges Mal gelang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, es sei nicht immer wohlgethan mit mehreren Begleitern auf Jagd zu gehen, weil beim Erscheinen Mehrerer das Wild stutzig wurde und abging; man nahm die Leute auch nur darum mit sich, um etwa erlegte Thiere fortzubringen, da es schwer hält im wegelosen Wald einen bestimmten Ort wieder zu finden. Aus diesem Grunde machte ich mich eines Sonntag Morgen sehr früh auf den Weg mit dem festen Vorsatz Wild zu schießen, es sei was es sei; denn der Mangel im Lager war recht fühlbar geworden, da seit nahezu einer Woche kein frisches Fleisch mehr zu erhalten gewesen war und selbst die ausgesandten Leute nur wenige Hühner hatten aufkaufen können. Ehe im Urwald der Tag noch recht zum Durchbruch gekommen, war ich schon sehr weit vorgedrungen, indes alles vorsichtige Spähen war nutzlos, wo sonst auf den rasengleichen Grasflächen im weiten Walde meistens immer Riedböcke etc. zu finden waren wollte heute kein Thier sich zeigen, nur wilde Tauben und Perlhühner, oft genug schußgerecht, lenkten durch ihr Locken und Schreien die Aufmerksamkeit auf sich. Aber ich wollte mir nicht voreilig Großwild, das noch ungesehen auf irgend einer nahen Lichtung stehen konnte, verscheuchen, war solches doch stets zu finden, wenn auch nicht immer zu erlegen gewesen.
Langsam durch den Wald dahingehend, achtete ich nur darauf, daß ich die einmal eingeschlagene Richtung auch innehielt und hatte ich fast den eigentlichen Zweck vergessen, denn bald hier, bald dort unter den gewaltigen Bäumen, Nüsse oder sonstige Früchte sammelnd, zogen die mächtigen vereinzelt stehenden Schirmakazien und andere unbekannte Arten, sowie der reiche Pflanzenwuchs meine Aufmerksamkeit von der Thierwelt ab, bis ich plötzlich zwischen den lichteren Bäumen Wild sich bewegen sah. Es war ein stattlicher Wasserbock, der auf Vorposten äsend, meine Annäherung noch nicht bemerkt hatte, und wohl wissend, wie schwer es ist, gerade solchem Thiere beizukommen, schlich ich mich vorsichtig von Baum zu Baum, bis auf etwa 100 Meter heran. Im selben Moment aber, als das laute Echo des Schusses durch den Wald hallte, brachen dicht bei mir zur Linken aus einem weiten Grasgebüsch mehr als 30 Stück Wild heraus, die auf kurzer Distanz verdutzt stehen blieben und mich anäugten; erst der zweite Schuß brachte sie in Bewegung, und im Nu waren sie fort.
Das zweite Thier, das schnell verendete, ließ ich liegen -- an ein Fortschaffen war ja nicht zu denken -- und folgte dem ersten, aber trotz der Blutspur bemühte ich mich vergeblich die Beute zu erreichen. So weit ich auch durch Dick und Dünn dem Thiere nacheilte, hatte doch die schnellfüßige Antilope einen zu großen Vorsprung gewonnen; schließlich als ich die Verfolgung aufgab und mich recht besann, war ich in ein solches Urdickicht gerathen, wo jede Orientierung aufhörte. Ich fand jedoch bald einen Wildpfad, verfolgte diesen bis ich eine Grasfläche erreichte, wo es möglich war die Sonne zu sehen, um nach ihrem Stande die annähernd rechte Richtung zu wählen, welche zum Schirefluß zurückführen könnte.
Jede Lust zum Jagen war mir vergangen, obgleich ich eine Wildkatze, auch einzelne Kudus, die größte Antilopenart, und eine kleine Büffelheerde zu Gesicht bekam. Erst als ein Volk Perlhühner, etwa 40 Stück mir vor die Flinte kam, schoß ich wieder, fand aber im hohen Grase und dichten Unterholz keins der Thiere, weil sie gar zu flink im Gebüsch verschwanden, wohin ich nicht folgen konnte; sie sind nur zu erlangen, wenn sie unter Feuer liegen bleiben.
Sieben Stunden schon wanderte ich ohne Wasser und Proviant, der Wald wollte mir endlos scheinen und wäre ich nicht überzeugt gewesen, daß ich recht gegangen war, der aufsteigende Zweifel hätte mich leicht irreleiten können. Endlich aber sah ich doch durch die Walddämmeruug, rechts voraus einen hellen Schimmer, der ein Ende dieses mächtigen Reviers anzudeuten schien und vorwärts strebend, fand ich mich bald am Rande einer scheinbar endlosen Grasebene. Rechts oder links nun wenden, das war die nächste Frage -- doch die weite Einsamkeit gab hierüber keinen Aufschluß, darum auf gut Glück die bisherige Richtung inne haltend, bahnte ich mir einen Weg durch das übermannshohe Schilfgras, das gleich einer lebenden Mauer mich umschloß, keine Fernsicht noch Ausblick weiter gestattete, als nur das blauweißlich schimmernde Himmelszelt, wo die Lichtfluth das Auge blendete.
Nach längerer Zeit traf ich unerwartet auf einen Wildpfad, der Spuren vorübergegangener Zebras aufwies und da diese noch frisch, verfolgte ich sie in entgegengesetzter Richtung in der Voraussetzung, daß die Thiere von der Tränke gekommen sein mußten. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, denn bald traf ich auf diesem Pfade dichtes Ufergebüsch an, daß sich erst lichtete, als ich eine Art Graben erreicht hatte, der aber so überwuchert war, daß es einzig nur für Thiere möglich schien, hindurchzudringen.
Wohl hätte ich am Ende des dunklen Ganges leicht Wasser finden können, wenn ich mich hindurch hätte winden wollen, aber ohne ein Mittel dieses zu schöpfen, scheute ich mich auch dort Wasser zu trinken, wo allnächtlich der Panther, Hyäne und andere Thiere zur Tränke kamen; mehr noch ließ mich die Unheimlichkeit des Ortes davor zurückschrecken, da unvorbereitet, eine Begegnung mit einer gefährlichen Katze keine besondere Annehmlichkeit ist, wie ich es im Somali-Land bei Kismaju erfahren mußte, wo ich mit einem Begleiter, anstatt Menschen zu finden, die uns und die Gefährten in bitterer Noth helfen sollten, im dichten Gebüsch einen sprungbereiten Panther antraf, und hätte nicht ein glücklicher Zufall das blutdürstige Raubthier verscheucht, würde ein Angriff dieser Katze doch wohl einen bedenklichen Ausgang genommen haben.
Den quälenden Durst bezwingend, wandte ich mich zunächst flußaufwärts und erkämpfte mir sozusagen Schritt vor Schritt einen Weg durch das dornige Dickicht, um zum Flusse zu gelangen, hoffend, daß es mir gelingen würde irgendwo doch noch Wasser zu erreichen; aber wie unglaublich schwierig es ist im glühenden Sonnenbrand durch solches Gestrüpp sich zu winden, kann man nur nach persönlicher Erfahrung beurtheilen. Endlich stand ich am Ufer, das aber überall steil abfiel und nirgends einen Zugang zum Flusse bot; ich sah unter mir nur Rohr und dichtes Schilfgras, welches die Wasserfläche weithin bedeckte, so daß, hätte ich auch herankommen können, dieses dem Fuße keinen Halt geboten haben würde, um zum fließenden Wasser zu gelangen.
Vergeblich also war alles Mühen gewesen -- so nahe dem erquickenden Naß und doch so unerreichbar -- da entschloß ich mich, um die Qual zu lindern, eine im Urwald gefundene Frucht, von breitästigen gewaltigen Bäumen, ähnlich einer Citrone, goldgelb und saftig, anzuschneiden und diese zu versuchen; allein kaum hatte der Saft die Lippen berührt, als sie, wie mit einer ätzenden Flüssigkeit besprengt, sofort entsetzlich an zu brennen fingen und zu dem qualvollen Durst kam noch der entsetzliche Schmerz! Nun fast völlig ermattet, suchte ich am Rande der Grasebene fortzukommen, in der Voraussetzung, daß das Lager flußaufwärts liegen müsse. Doch nach einiger Zeit kamen mir ernste Zweifel, ob ich wohl die rechte Richtung eingeschlagen hätte, da in dieser Wildniß nichts einen Anhaltepunkt abgab, und die schwerwiegende Frage war, flußaufwärts- oder -abwärtsgehen. Ein langes Besinnen in solcher Lage konnte nur von Nachtheil sein und Wankelmuth irreleiten, darum, ob falsch oder recht, weiter ging ich, das Gewehr als Stütze benutzend, denn die sonst leichte Last lag wie ein Centnergewicht schon auf den Schultern.