Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 16
Kurz darauf überholten wir ein anderes Boot mit zwei englischen Gouvernementsbeamten, mit denen wir fortan gemeinschaftlich die Fahrt fortsetzten, auch der Einfachheit halber, gemeinschaftliche Küche machten; in solcher Wildniß findet man sich schnell zu einander, theilt auch gerne und macht sich solche Reise so angenehm wie es die Umstände eben gestatten. Unter anderem erfuhr ich, daß diese beiden jungen Leute am selben Morgen auch ein Renkontre mit jener Flußpferdheerde gehabt und mehrere Thiere verwundet hätten, sonst aber direkt nicht angegriffen worden wären; so erklärte es sich, daß die Cibokos noch höchst gereizt und wüthend, sich ohne Weiteres auf das nächste Boot warfen, mit der ernsten Absicht Revanche zu nehmen für die Schmerzen und der gestörten Ruhe.
Ich habe mich zwar später in noch schlechteren Situationen befunden, aber nie wieder wie hier solche Masse von diesen Colossen beisammen gesehen, die sich in dem Bestreben einig waren, ihren schlimmen Feinden den Untergang zu bereiten. Es ist auch nur zu erklärlich; das beständige Jagen macht die Thiere, die sonst friedlich und nur für die Eingebornen oft eine große Plage sind, bösartig und gefährlich, ihre Vernichtung wird dann eine Art Nothwendigkeit, und mit der fortschreitenden Civilisation verschwindet mehr und mehr das Flußpferd, das in der Urwildniß bisher seine ungestörte Heimath gehabt hat. Je höher flußaufwärts wir kamen, desto wechselvoller und vielgestaltiger wurden die Ufer des Schire, bald hoch, bald niedrig mit starkem, dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen, zwischen denen hindurch die Dörfer der Eingebornen versteckt hingestreut lagen und aus deren zunehmender Zahl auf eine ziemlich zahlreiche Bevölkerung zu schließen war.
Der Fluß selbst ist zuweilen eng und tief, bald breit und dann flach, sodaß es schwer hält mit dem Boote fortzukommen; viele Flußarme bilden größere und kleinere Inseln; man sieht aber wie verheerend der starke Strom bei hohem Wasserstand sein muß, wenn er große Erdmassen abspült oder gewaltige Bäume mit sich stromabwärts führt.
Auf hochgelegenem Terrain, dort wo der Fluß eine Hügelkette durchbrochen hat, fanden wir am linken Ufer einige europäische Ansiedelungen, wo Versuche mit dem Kaffeebau vorgenommen waren und mühselig ein kleines Terrain dem höchst fruchtbaren Waldgrund abgewonnen war; freilich ist alles der Natur und den Mitteln die zu Gebote stehen angepaßt und daher auch nur primitiv, aber die Arbeit findet doch ihren Lohn, indem der dankbare Boden die aufgewendete Mühe reichlich vergilt.
Die Gastfreundschaft ist hier allgemein in Gebrauch, darum fällt es nicht weiter auf, wenn ein von dem abwesenden Besitzer verlassenes Haus von dem Reisenden für eine Nachtruhe in Beschlag genommen wird, selbst die schwarzen Diener desselben erheben dem Europäer gegenüber keinen Einspruch und so ist es eine wohlübliche Einrichtung, daß jedem müden Unbekannten, der viele Tage durch die Wildniß gezogen, am gastlichen Herd die hochwillkommene Ruhe gestattet wird.
Kurze Rast hielten wir noch vorübergehend bei der Etappestation wo der Proviantmeister von Liebermann mit wenigen Soldaten als Aufseher eingesetzt war, mit der Anweisung ein freundliches Verhältniß mit den umwohnenden Häuptlingen anzubahnen, um durch deren Willfährigkeit den großen Mangel an Trägern in etwas abzuhelfen. Weiter hinauf nahm die Gegend schon einen entschiedenen gebirgigen Charakter an, die Felsenmassen rückten immer näher zum Flusse, auch an dem starken Gefälle der zuweilen wirbelnden Strömung, gegen die nur mit aller Kraft anzukämpfen war, konnte man voraussetzen, daß die Murchison (Schire)-fälle nicht mehr allzu ferne seien.
Am 14. Dezember, Mittags, nach achttägiger Fahrt, passirten wir Katunga, Station der African Lakes Co., um etwa zwanzig Minuten oberhalb derselben in Chukwakwa, der englischen Gouvernementsstation, neben der das deutsche Lager erbaut war, zu landen.
8. Von Katunga bis Blantyre.
Die deutsche Station, unmittelbar am Ufer des Schire gelegen und etwa einen Kilometer vom Fuße der steilansteigenden Gebirgskette entfernt, bestand aus zwei Wohnhäusern für Europäer, den Soldatenhütten und einem Proviantschuppen; während den ganzen Lagerplatz eine undurchdringliche Dornhecke umschloß. Was aber das Vortheilhafteste, es waren mehrere gewaltige Tamarindenbäume im Lager, deren weites dichtbelaubtes Geäst gegen die heiße Sonnengluth kühlen Schatten spendete, auch dadurch den Aufenthalt in den Häusern, während der heißen Tagesstunden, angenehmer machte.
Landschaftlich war es ein ganz anderes Bild, welches den Beobachter hier umgab; umschlossen zur Rechten, wenn man den Blick flußaufwärts nach den Schirefällen richtete, von immer höher ansteigenden Bergmassen, die in dunkler Bläue sich verloren und vom Fuße bis zu den höchsten Kuppen von einem zusammenhängenden Gebirgswald bestanden sind, hob sich das Terrain zur Linken mehr hügelförmig aus der Flußniederung aufwärts, um in der Ferne zur Gebirgsform übergehend, das Flußbett wie ein weites tiefliegendes Thal erscheinen zu lassen. Und trägt die Gesammtheit auch den Charakter einer ungebundenen freien Wildniß, ist dieses wechselvolle Bild der Gebirgsnatur im Gegensatz zur undurchdringlichen Wildniß der Urwälder in der Tiefebene, ein erhebendes. Selbst unter der Gluth der sengenden Sonnenstrahlen weht hier ein frischerer Odem und freier athmet die Brust, fast scheint es als wäre das Gefühl eines auf ihr lastenden Druckes weggenommen, auch die physische Kraft erstarkt, belebt den sinkenden Muth und die Thatkraft und Schaffensfreudigkeit kehrt wieder.
Mein Aufenthalt im Lager sollte nur von kurzer Dauer sein, da ich laut erhaltener Ordre, so schnell als möglich vorwärts gehen und den Major vor seiner Abreise nach dem Nyassa-See noch erreichen mußte; ich setzte mich deshalb auch unverzüglich mit dem englischen Beamten Mr. Bowhill in Verbindung, um mit dessen Unterstützung die benöthigten Träger, etwa 40 Mann, zu erhalten, und dies aus dem Grunde, weil mir der die Aufsicht im Lager führende Maschinist Engelke mitgetheilt hatte, daß ohne Genehmigung des englischen Beamten kaum Träger zu erhalten sein werden. Was nun das persönliche Entgegenkommen des Mr. Bowhill betraf, konnte ich als Unterstützungsuchender mich nicht beklagen, aber die entgegengebrachte Freundlichkeit hatte doch etwas Gezwungenes und, als er mir sein Herz ausgeschüttet, Klage über Klage gegen das eigenmächtige Vorgehen der Deutschen angehört hatte, die darauf hinausliefen, daß man seine gute Absicht und Hilfsbereitschaft so wenig gewürdigt, schließlich ihn zurückgewiesen habe, war es mir bald klar, er wolle nur gegen Jemand, der ihn vollständig verstehen konnte, sich reinwaschen, wenigstens stellte er noch an mich die Zumuthung, da er deutscherseits wegen seiner Handlungsweise höheren Orts angeklagt worden war und die Folgen fürchtete, für ihn, wenn sich die Gelegenheit bieten würde, in Blantyre einzutreten, in dem Sinne, daß er entschieden verkannt worden sei. Anstatt der Zusicherung, mein Ersuchen um Leute nach Kräften zu unterstützen, wäre es mir lieber gewesen, er hätte rundweg erklärt, er wolle oder könne nicht helfen, denn dann hätte ich mir selber helfen müssen und nicht einen Augenblick gezögert mit anderen wegen Träger in Unterhandlung zu treten.
Den Glauben an die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung bemühte er sich aber schnell zu zerstören, indem er am nächsten Abend mit zwei Anliegen zu mir kam, die schwere Beschuldigungen gegen unsere wenigen im Lager anwesenden Leute enthielten. Darnach sei ihm von dem Häuptling eines in der Umgegend liegenden Dorfes folgende Beschwerde zugegangen: es seien in der vergangenen Nacht drei Leute aus dem deutschen Lager in dem Dorfe gewesen und hätten nach dem Fumo verlangt, als dieser aber vor Furcht sich verkrochen hätte, soll einer der Bewaffneten einen Schuß abgegeben haben und schließlich nach Verübung allerlei Unfugs hätten die Ruhestörer sich entfernt.
So unwahrscheinlich mir diese Anklage auch erschien, fühlte ich mich doch verpflichtet, eine strenge Untersuchung anzuordnen; wie ich aber voraussetzen konnte, war unter unsern sechs Leuten keiner, dem ein solches Vergehen nachzuweisen gewesen wäre, denn die von uns Europäern stets ausgeführten nächtlichen Rundgänge hatten ergeben, daß jeder der Leute im Lager anwesend gewesen war. Auch der Sudanesenposten konnte keine Angaben machen, was sicherlich geschehen wäre, wenn ein Suaheli sich entfernt hätte, da der pflichtgetreue Soldat mit dem etwas leichtsinnigen Suaheli nichts zu thun haben mag, und so konnte ich nur annehmen, daß die Beschuldigung auf eine Verleumdung hinauslaufen müsse.
Der zweite Fall, wonach am selben Abend zwei von der Etappestation zurückgekehrte Sudanesen in ein Zuckerrohrfeld Verwüstungen angerichtet haben sollten, war ernster. Eine Anzahl Eingeborner war sofort nach dieser Entdeckung zu dem Gouvernementsbeamten gekommen und hatten bittere Beschwerde geführt, der die Zeugen auch mitgebracht hatte und die aus den aufgestellten Soldaten einen Schauß (Sudanesen-Unteroffizier) dieses Vergehens beschuldigten. Der schwarze Unteroffizier, den ich selbst als einen unserer tüchtigsten Soldaten kannte, leugnete entschieden und bezeichnete die Aussagen der Natives als Lügen; die Ankläger nun ins Verhör genommen, stellte es sich heraus, daß sie wohl zwei Soldaten gesehen hätten auf dem Wege zwischen den Feldern, auch annähmen, diese hätten das Zuckerrohr geraubt, sonst aber nicht beweisen konnten, gerade diese beiden hätten es gethan! --
Solcher Nichtswürdigkeit, die einen schlimmen Verdacht auf unbescholtene Leute warf, war ich daraufhin entschlossen mit aller Energie auf den Grund zu gehen; konnte ich auch eine Bestrafung der Ankläger nicht herbeiführen, wenigstens sollte dann der englische Beamte einsehen, daß er als bestellter Anwalt der Eingebornen, nicht so obenhin diesen glauben und vielleicht durch ungerechte Beschuldigung Unschuldige in Verdacht und harte Strafe bringen könne. Zur Aufklärung der Sache bestand ich nun entschieden darauf, daß die Ankläger nicht entlassen, sondern bis zum nächsten Morgen unter irgend einem Vorwand in Gewahrsam gehalten würden, dann sollten, geführt von einem Europäer die beiden Soldaten zum Thatort geführt werden und aus den Fußspuren, die im weichen Boden nicht verwischt sein würden, festgestellt werden, ob diese Anschuldigungen grundlos seien oder nicht, was sehr leicht bewiesen werden konnte, da unsere Soldaten auf allen Märschen und überhaupt stets Stiefel an den Füßen trugen.
Eine Einwendung von Seiten des Mr. Bowhill, diesen Fall nicht auf die Spitze zu treiben, da wenige Kupfermünzen die Geschädigten schon zufrieden stellen würden, konnte mich nicht bestimmen das Gesagte zurückzunehmen, auch die Prophezeihung, wir Deutsche schädigen uns nur durch solches Vorgehen gegen die Eingebornen, da diese uns boykotieren könnten und hinfort kein Proviant mehr verkaufen möchten, wir also in Noth gerathen würden, war nutzlos, und wohl oder übel, sollten nicht die Folgen auf ihn selbst zurückfallen, mußte er sich fügen.
Als der Morgen kam sandte ich den Zimmermann Ottlich und den Schiffsbauer Zander unter militärischer Bedeckung mit genauer Instruktion versehen zu den weit entfernt liegenden Zuckerrohrfeldern, um an Ort und Stelle die eingehendsten Nachforschungen anzustellen; wie das Ergebniß aber auch ausfallen möge, die Hauptankläger sollten unter allen Umständen wieder zurückgebracht werden. Mit begreiflicher Spannung sah ich der Rückkehr der Abgesandten entgegen und hatte mich auf eine harte Auseinandersetzung mit dem englischen Beamten gefaßt gemacht, indem ich nicht gesonnen war, wenn die Unschuld der Beschuldigten erwiesen würde, die mir unterstellten Leute von nichtsnutzigen Eingebornen beleidigen zu lassen.
Am Nachmittage kamen denn auch alle nach einem ermüdenden Marsch in das Lager zurück, mit dem Bericht, daß sie von den Anklägern kreuz und quer geführt worden seien und schließlich an verschiedenen Punkten nur je eine abgebrochene Zuckerrohrstaude gefunden hätten; ferner sei nur die Fußspur eines Natives bemerkt worden, von Stiefelabdrücken im weichen Boden oder gar einer muthwilligen Zerstörung war überhaupt keine Rede. Nach einer solchen offenbar schimpflichen Handlungsweise, als welche diese grundlose Anschuldigung sich herausgestellt, hatte ich nicht übel Lust, zwei der Hauptankläger solch' einen Denkzettel zuzudiktiren, daß ihnen für die Folge ähnliche Handlungen verleidet würden, jedoch war dieses nicht rathsam und auch nicht möglich, da meine Befugniß nicht so weit ging eigenmächtige Entscheidungen zu treffen und diese dem die Gerichtsbarkeit ausführenden englischen Beamten nur zustanden, der aber auf meine Frage, was er nun zu thun gedenke, die Uebelthäter nur mit einem strengen Verweis bedachte und sie dann laufen ließ. Mir mußte es genügen, daß er mit Beschämung einsah, wie unüberlegt er eine ungerechte Sache zu vertreten sich bemüht hatte und die Nachgiebigkeit seinerseits diesen Vorfall als beendet zu betrachten, ließ mich um des Friedens Willen berechtigte Vorwürfe zurückhalten.
Die Erkenntniß, von dem guten Willen des Gouvernementsbeamten abhängig zu sein und die Thatsache, daß derselbe täglich eine Anzahl Träger über das Gebirge sandte, für mich aber nicht so viel Leute beschaffen konnte oder wollte, als ich für meine nothwendigsten Lasten gebrauchte, ließ mich erkennen, nutzloses Warten sei verschwendete Zeit, und zunächst darauf die englischen Händler in Katunga, dann einige Häuptlinge um Ueberlassung einiger Mannschaften ersuchend -- mußte ich doch bald mich davon überzeugen, wie nutzlos meine Bemühungen waren -- die Zeit drängte zwar und doch war ich machtlos den Verhältnissen gegenüber! --
Eifrig damit beschäftigt aus den hier lagernden geringen Beständen meine Lasten zu vervollständigen, mußte ich die Entdeckung machen, daß der Inhalt mehrerer Kisten, die Hobeln, Beile und anderes Handwerkszeug enthielten, durch die weiße Ameise zum Theil zerstört und unbrauchbar geworden waren. Solches Ueberhandnehmen der kleinen unscheinbaren Thiere konnte aber nur durch die Unachtsamkeit einzelner Europäer entstehen, die nicht durch zeitgemäßes Umpacken der Kisten der enormen Beschädigung vorzubeugen gesucht hatten, sondern an verschiedenen Orten mehrere Wochen lang die Kisten ohne Unterlage auf dem Erdboden stehen ließen und dadurch den kleinen Nagern Zeit gaben, ihre Erdgänge in das Innere aufzubauen, somit in aller Ruhe ihre Zerstörungswuth ausführen konnten.
Uebrigens wimmelte es geradezu von großen und kleinen Ameisen im Lager zu Chukwakwa, in einer Weise, daß man sich gegen die lästigen Thierchen nicht zu schützen imstande war. Saß man bei brennender Kerze Abends in der einsamen Hütte, ein Kistenbrett als Tisch, ein Koffer als Stuhl und versuchte die Gedanken zu sammeln, um einen längst schuldigen Brief für die Angehörigen endlich zu beendigen, da sobald eine Mußestunde nicht wieder kommen würde, dann dauerte es nicht lange, bis eine Anzahl schwarzer Ameisen durch die Kleider ihren Weg bis zur bloßen Haut gefunden hatten und an den Beinen hinauf oder im Genick ihren Spaziergang unternahmen.
So lange nun das eigentliche Prickeln und Krabbeln nicht überlästig wurde und man Ausdauer genug besaß, die Ameisen nicht zu stören, verhielten sich die kleinen Quälgeister auch einigermaßen anständig, aber fuhr man wüthend nach einer Stelle hin mit der Hand, wo ein Schalk, aus Aerger vielleicht weil ihm auf seinem Wege ein Hinderniß entgegenstand, die scharfen Kneifzangen in die Haut eingegraben hatte, um diesen zu tödten, faßten, durch die Bewegung erschreckt, gleich eine ganze Anzahl Zangen die empfindliche Haut und kniffen, als würden an jeder Stelle glühende Nadeln eingeführt. Sprang man aber auf, war es für alle anderen am Körper befindlichen Ameisen das Signal, herzhaft zuzufassen, suchte man dann vielleicht an den Beinen die Thierchen abzusuchen, zwickten andere tief im Genick, wo man nicht hinreichen konnte, oder im Ohr etc., bis man sich mit starker Willenskraft den Plagegeistern übergab und geduldig den Schmerz ertrug oder genöthigt war, sich auszuziehen um dann den Ameisen beizukommen suchte.
Weniger belästigend, aber auch höchst unangenehm wurden Tausende kleiner Insekten, die nach dem Lichte zustrebten und durch die Flamme verbrannt bald den provisorischen Tisch mit ihren zuckenden kleinen Körpern bedeckten, vom Papier mußten sie fortwährend abgeschüttelt oder weggepustet werden -- es war geradezu ein Wettfliegen um den Tod. Ich glaube manch' unbekanntes Insekt, Fliege, Motte und auch Käfer wäre aus der großen Anzahl herausgefunden worden, wenn ein Spezialist der Insektenlehre an Ort und Stelle solchen Vorrath an Nachtschwärmern hätte untersuchen können. Die Gesellschaft vollzählig zu machen, huschten lautlosen Fluges, nur zuweilen einen gespenstigen Schatten auf die erleuchtete Wand werfend, beutejagende Fledermäuse vorüber, sich an der menschlichen Gestalt nicht kehrend, die den Kopf in die Hand gestützt, eilige Buchstaben auf das Papier niederkritzelte, oder unbeweglich eine Zeitlang nachdenkend, dem Hasten und Jagen der Insekten zusah, welche sich nicht eilig genug ihre zarten Flügel verbrennen konnten.
Durch die herrschende Ruhe im halbdunklen Raume kühn gemacht, raschelte auch vorsichtig eine Ratte in der Rohrwand, um nach und nach auf dem Boden der Koffer einen Entdeckungszug nach Genießbarem zu unternehmen, bis sie einem plötzlich mit Wucht zugeschleuderten Schuh oder anderem Gegenstand auszuweichen suchte und mit Schrecken einsah, daß zum nächtlichen Rekognosziren die Zeit noch nicht gekommen sei. Dies sind neben sonstigen Annehmlichkeiten eines Lagerlebens mehr oder weniger unliebsame Zugaben, die aber sofort vergessen sind, sobald die kühle Nachtluft im Freien die heiße Stirne kühlt und das Auge sich in die wundervolle Sternenwelt des tropischen Himmelsgewölbes versenkt, oder dem phosphorartigen elektrischen Lichte des kleinen Leuchtkäfers zuschaut, der sich auf der Stiefelspitze oder den Kleidern zum Ausruhen hingesetzt hat, während hunderte Seinesgleichen in Busch und Gras umherfliegen, sich selbst und anderen den Weg erleuchtend -- unergründliche Wunderwelt der Schöpfung, wer ermißt die strahlende Flammengluth jener unendlich fernen Welten im ungemessenen Aether, oder ergründet die Leuchtkraft, welche die fürsorgliche Natur diesen kleinen Lebewesen auf ihren kurzen Lebensweg mitgegeben! Der Mensch mit seinem stolzen Wissen und Können muß vor dem Erhabensten und dem Geringsten in der Natur bekennen, daß alles Stückwerk ist, er im kühnen Wissensdrang wohl in die Geheimnisse der Natur einzudringen sucht, aber Räthsel auf Räthsel sein ernstes Forschen hemmt, die er nicht zu lösen vermag; indes wo nur ein leiser Schimmer der Erkenntniß das Dunkel des Geheimnißvollen erhellt, da muß der forschende Geist das urewige Walten der Gottheit anerkennen.
Drei Tage nutzlosen Bemühens für meinen Weitermarsch Träger zu erhalten, waren hingegangen und am Sonntag den 18. Dezember hatte ich mich schon gerüstet am anderen Schireufer in weit landeinwärts liegenden Dörfern mein Heil zu versuchen, als in den Morgenstunden dieses Tages der nunmehrige Chef der Transportexpedition, von Eltz, von Chilomo per Boot im Lager eintraf um fortan hier, wo voraussichtlich erst nach Monaten die Arbeiten beginnen und Träger zu bekommen waren, sein Domizil aufzuschlagen.
Nach mehrstündiger Verzögerung konnte ich erst am Nachmittage die beabsichtigte Tour unternehmen, mithin wurde der in heißer Sonne begonnene Marsch etwas strapaziös. Zwischen ausgedehnten, zum Theil bepflanzten Feldern führte ein Fußpfad schließlich zu einem zwischen welliges Waldterrain an steilen Abhängen des Schireufers erbauten Dorfe, dessen Häuptling mit großer Bereitwilligkeit auf mein Ersuchen, mir eine Anzahl Leute zu geben, einging, nur hob er hervor, er könne höchsten 10 Mann stellen -- sein kleines Dorf habe nur wenig Bewohner und davon seien die meisten jungen Leute für die Engländer thätig. Die Ueberreichung eines kleinen Geschenkes meinerseits besiegelte den Vertrag, wenn irgend angängig, sollten am nächsten Morgen bestimmt die Leute im Lager eintreffen.
Bevor ich von dem freundlichen alten Fumo Abschied nahm, wollte er mir auch noch ein Gegengeschenk verabreichen lassen und zwar, da sein Besitzthum höchst gering, sollte dieses in einem lebenden Huhn bestehen; es hatte aber seine Schwierigkeit mit den wenigen im Dorfe anwesenden Frauen und Kindern die halbwilden Hühner einzufangen, die auf Hütten und Bäumen flogen und nur mittelst Wurfgeschosse wieder herabzubringen waren; die wilde Jagd blieb schließlich doch resultatlos, bis ich dieser dadurch ein Ende machte, daß ich einen bezeichneten stattlichen Hahn niederschoß. Die Neugierde des Fumo war nun freilich geweckt und wollte er, ich solle mehrere Hühner abschießen, welchen Gefallen ich ihm aber nicht that, weil es mir unnütz erschien, aus reinem Vergnügen die ängstlichen Thiere zu tödten, stillschweigend jedoch ließ ich von einem meiner Leute an einem entfernteren Baumstamm ein handgroßes Blatt Papier befestigen und darauf mehrere Schüsse abgebend, wurde dessen Verwunderung über die Treffsicherheit der Waffe noch gesteigert, er schrieb dieser die Eigenschaft zu, unfehlbar sicher zu sein, sobald der weiße Mann sie benutze. Man gewinnt übrigens eine gewisse Sicherheit in der Handhabung der Waffen, wenn, wie in diesem Lande, die Schieß- und Jagdfreiheit eine ungebundene ist.
Der praktische Engländer, nicht allein daß er die Eingebornen zu gewissen Abgaben verpflichtet, hat die Jagdgerechtsame insofern heutigen Tages beschränkt, als je nach der Thiergattung, d. h. der verwendbaren, eine Taxe erhoben wird, die z. B. auf Elephanten 15 Lstr. = 300 Mk. beträgt. Es finden sich aber nicht viele passionirte Jäger, die unabhängig, speziell der Nachstellung unseres größten Vierfüßlers obliegen, denn dieses ist leichter gesagt als gethan, indem der Muth und die Ausdauer eines Jägers hierbei auf keine geringe Probe gestellt wird, wenn er die mächtigen Thiere auf ihren Wandergängen verfolgen will, die imstande sind ihren Standort derartig zu wechseln, daß zwischen heut' und morgen ein Abstand liegt, der fünfzig und mehr Kilometer beträgt und für dies scheinbar plumpe Thier nicht mal eine allzugroße Leistung ist; bieten doch Wald und Sumpf, Thal und Hügel diesem kein besonderes Hinderniß, auch die Eigenschaft eines vorzüglichen Steigers im gebirgigen Terrain besitzt der Elephant in hohem Grade.
Möge hier gleicherzeit die Aussage eines eingebornen Jägers, der vielfach mit unermüdlicher Ausdauer den Elephanten gefolgt ist und um der theuren Zähne willen ihnen nachgestellt hat, Platz finden. Nebenbei bemerkt steht mein Gewährsmann bei Seinesgleichen um der Erfolge willen im hohen Ansehen und rühmt sich derselben nach Gebühr -- er sagt: hatte ich mit meinen Leuten irgendwo den Standort einer Edelelephantenheerde ermittelt, wo noch Voraussetzung dieselbe sich wegen reichlicher Ernährung längere Zeit aufhalten würde, suchten wir unbemerkt diese zu beobachten und den benutzten Pfad zur Tränke aufzufinden. Die Thiere, meistens sicher, da sie von keiner Gefahr bedroht sind, wechseln nicht oft und wo im dichten Gebüsch ein Abweichen nicht leicht vorauszusetzen war, gruben wir möglichst schnell tiefe Fallgruben, die so bedeckt wurden, daß selbst der vorsichtige Führer der Heerde nicht stutzig werden konnte.