Die Buben der Frau Opterberg

Part 6

Chapter 63,555 wordsPublic domain

Nein, wehleidig wurden sie nicht an diesem Abend im Opterberghause. In der fensterreichen Giebelturmstube hatte der Hausherr den Tisch gerichtet, und während die Gläser aneinanderklangen, rauschte der junge Rhein sein stürmisch Wanderlied hinein und wetteiferten lockend die tannengrünen Höhen des Schwarzwaldes mit den rätselhaften Berggebilden der Alpen im Abendschein. Der ungewohnte Wein löste den Jünglingen die Zunge, daß sie mit dem jugendtrunkenen Hausherrn um die Wette schwärmten und Pläne schmiedeten, und Frau Christiane saß unter ihnen und blickte lächelnd in ihr Glas.

»Also das Ingenieurfach habt ihr euch erwählt,« rief Arnold Opterberg, »Strombau, Brückenbau, Tief- und Hochbau und was weiß ich! Immerhin -- ein freier Beruf, der einem die Wunder der Welt erschließen kann. Als Jurist Prozesse wegen einer Ungezieferbude führen, als Mediziner jedermann das Klistier setzen und als Schulmeister tagaus, tagein den Nürnberger Trichter bei anderer Leut’ Kindern spielen -- nee, wär’ auch nicht mein Fall. Über die Theologie aber müßten sich die Theologen erst selber einmal einig sein. In den Weinbergen des Herrn stecken mir zu viel Pantscher, die das Hochzeitswunder zu Kana auf den Kopf stellen und aus Wein Wasser machen. Da wird das Herz nicht froh. Also es bleibt beim Ingenieurfach. Das ist doch noch ein Stück Leben, gesehen durch ein Stück Kunst, und ich habe nicht ganz umsonst zu Düsseldorf die Musen gegrüßt. Christiane, merkst du was?« Er war aufgestanden und hatte die Gläser frisch gefüllt. »Und nun wollen wir das Verbrüderungserzeugnis von Kunst und werktätigem Leben in diesen beiden Fahnenjunkern leben lassen. Das Ingenieurwesen und seine beiden jüngsten Jünger: hoch, hoch und zum dritten Male -- hoch!«

Sie standen im Kreise und stießen leuchtenden Auges miteinander an. Und Arnold Opterberg umarmte die Gefeierten und rief: »Jungens, am liebsten zög’ ich mit euch. Aber ich besuche euch oft! Darauf könnt ihr das Abendmahl nehmen.«

Die Wahl der Hochschule wurde zur Erörterung gestellt. Das wurde ein lustig Streiten. Die Namen Karlsruhe, Darmstadt, Aachen mißfielen Arnold Opterberg durchaus. Er wünschte Klang und Farbe in ihnen zu spüren wie in Freiburg, Heidelberg, Bonn.

»Aber Vater, es geht um eine technische Hochschule.«

»Lari fari, es geht in den ersten Semestern darum, daß ihr irgendwo eingeschrieben seid und belegt. Denn ihr wollt doch zunächst Studenten werden und dann erst Ingenieure. Grundgütiger Gott, da sollte _mir_ einer die Wahl freistellen!«

Martin Opterberg strahlte Christoph Attermann an. Der wiegte bedächtig den Kopf.

Frau Christiane ließ ihre Augen wandern, von einem zum andern hin.

»Es ist Männersache,« hob sie an, als sie zum Sprechen aufgefordert wurde, »und die Frau kann zu dieser Frage wohl nur das Gefühl reden lassen.«

»Laß es reden, Mutter,« riefen die Jungen wie aus einem Munde.

»Gut, ihr Buben, aber es ist nur eine Meinung und beileibe keine Beeinflussung. Ich mein’ halt _so_ in meinem Frauen- und Muttersinn: Gewiß werdet ihr zu allererst nicht gar zu viel schaffen und euch hinter den Büchern vergraben, weil ihr erst just von den Büchern kommt. Eure Jugend wird nach dem Leben greifen und nach den tausend Eindrücken in der neuen Umgebung und in der neuen Freiheit. Das ist Jugendrecht und auch wohl der notwendige Ausgleich, und ich gönn’s euch von Herzen. Ihr sollt als Männer nicht sagen dürfen, ihr hättet in der Jugend ein Versäumnis begangen, dem ihr nachtrauern müßt.«

Arnold Opterberg griff nach seinem Glase und trank es aus. Die Jünglinge sahen es und schwiegen. Ihre Blicke kehrten zur Mutter zurück. Und Frau Christiane fuhr fort:

»Es mag Ausnahmen geben, die den Jugendschwang nicht brauchen. Ich halt’ nichts von diesen Ausnahmen, die die Freud’ als Zeitvergeudung betrachten, wie ich auch von altklugen Kindern nichts halte. Nur die Freude hebt uns über den Kleinkram des Lebens hinaus, und nur aus der Freude wird die rechte Arbeit geboren. Also lernt in Gottes Namen die Freud’ in jederlei Gestalt kennen und wählt euch die rechte aus zur Erinnerung. Ich würde dazu Freiburg wählen, weil es so mitten in unseres Herrgotts Schwarzwaldgarten liegt und weil es euch, bevor ihr euch an die eigentliche und ernste Lebensarbeit macht, noch einmal die Heimat lieben lehrt in allen ihren Wundern. Dann mögt ihr weiter.«

Frau Christiane nickte ihren Buben zu und ließ den Blick in den Abend wandern. Und die Buben sprachen erregt durcheinander und besprachen die Fächer, die sie auch in Freiburg belegen könnten: Mathematik, Geologie, Chemie, Physik.

Das schwirrte durcheinander …

Vorbei der Schulzwang. Vorbei das jähe Auffahren im Morgendämmern mit dem ersten Blick nach der gnadenlosen Uhr. Fünfmal gellte auch heute ihr Schlag. Marsch, auf den Weg, durch Feld und Wald, durch Wetter und Wind zur fernen Eisenbahn, die nicht wartet! Martin Opterberg streckte sich wohlig in seinem Bett: »Schlag du fünftausendmal. Deine Macht ist aus. Ich bin ein Freiherr geworden.«

Christoph Attermann aber erhob sich ruhig aus seinem Bett und begann ein großes Wasserplätschern.

»Heda, Student,« rief ihm Martin Opterberg lustig aus den Kissen zu, »du träumst dich wohl eben in deine Kinderzeit zurück? In die Klappe, Fuchs! Wir singen als Morgenlied: Frei ist der Bursch!«

»Die Mutter ist auf, Martin. Ich höre sie schon. Da möcht’ ich ihr Gesellschaft leisten.«

»Grüß sie von ihrem traumseligen Sohn.«

Im ersten Morgendämmern stand Frau Christiane in ihrem Felsgarten. Ihr Rundgang durch die Ställe war beendet, Knechten und Mägden die Früharbeit angewiesen. Der Himmel färbte sich rosafarben. Über den Vorbergen des Schwarzwaldes tasteten schon die Strahlen der aufgehenden Sonne.

Eine kleine Weile hier zu stehen und alles erwachende Leben in sich hineinzutrinken, war Frau Christianes tagtägliche Morgenandacht. Christoph Attermann gewahrte sie und verhielt seinen Schritt, um ihr Tun nicht zu stören. Doch Frau Christiane hatte den Schritt schon vernommen und sagte, ohne sich umzuwenden: »Das ist der Christoph. Guten Morgen, mein Bub. Weshalb schläfst du nicht aus wie der Martin?«

»Guten Morgen, Mutter. Der Martin hat mir schon einen Gruß an dich aufgetragen. Ich hörte dich im Hause und dacht’, du könntest mich brauchen.«

»Ei, Christoph, solltest du nicht eher darum gekommen sein, weil du _mich_ brauchen möchtest?«

»Du weißt alles, Mutter. Ja, darum kam ich. Aber ich seh’, ich stör’ dich gerade.«

Sie reichte ihm die Hand und zog ihn näher.

»Du kannst teilnehmen. Wer das hier betrachtet, Morgen für Morgen und jahraus, jahrein, dem kann der Glaube an die Unsterblichkeit nimmer vergehen und erst recht nicht der Mut zum Leben. Noch ist alles winterschwarz und so öd’, daß du über dich selbst jammern möchtest, und da kriecht schon zu deinen Füßen das erste Leberblümchen aus dem Erdreich, siehst du, gerad’ hier, wo wir stehen, und putzt sich und reckt sich ins Licht, als hätt’ es nur eben ein Schläfchen hinter sich und wär’ nun wieder fröhlich bei der Sach’. Und die Fruchtknoten an den Obstbäumen haben während des Winterschlafs ihr Säfteschwellen nicht eingestellt und bereiten sich im kahlen Holz schon wieder zur seligen Blüte. Und die bleiche Wintersonne kriegt einen goldenen Glanz und gar so viel Wärme, daß es uns wohlig über den Rücken rieselt und all das müde Blut in uns verwundert die Augen aufschlägt. Schau, Christoph, da kommt die Sonne selbst, und weil wir Frühaufsteher sind, lehrt sie uns ihren Spruch, und der lautet: ›Im Haushalt Gottes gibt es keinen Tod und nur ein täglich Auferstehen. Und wenn’s gestern Nacht war, so ist darum doch heute wieder Tag. Menschlein, Menschlein, du mußt nur erst den rechten Abstand zu dir selbst und deinem lächerlich winzigen Sorgenbündelchen gewinnen, um die ganze Größe der Schöpfung zu erkennen und dich selbst als ein unsterblich Glied.‹«

»Du bist glücklich, Mutter.«

»Ich war’s nicht immer. Ich bin’s geworden. Ich hab’ manchen Stein zerklopfen müssen, bis ich zu der Quelle in mir kam. Und so müssen wir alle. Christoph, es geht nur um die Liebe im Leben. Um sie nur allein. Wer am stärksten zu lieben vermag, ist der Glücklichste. Nun sprich, was dich in der Frühe zu mir führt.«

»Es ist so klein, Mutter …«

»Dann wollen wir es nicht erst groß wachsen lassen. Sprich tapfer drauf los.«

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »es wäre wohl am Platze, daß ich dir aus tiefstem Herzen dankte für alles, was du an mir getan hast. Von der Muttermilch an, die du mir gegeben hast wie deinem eigenen Sohn. Aber schau, da stock’ ich schon. Denn dafür allein, daß du mich an deine Brust gelegt und mich gesäugt hast, dafür wär’ mir ein Dank wie ein anmaßlich Wort, weil die Gabe zu unfaßlich hoch darüber steht. Und ich bin auch gar nicht gekommen, dir zu danken, weil ich ja von deiner Liebe gar nicht loslasse und immer wiederkommen werd’ und gar keinen Abschluß find’.«

»So ist’s recht,« ermunterte Frau Christiane. »Es ist recht, weil es das Selbstverständliche ist. Und nun sag das Deine.«

»Mutter,« hob Christoph Attermann von neuem an, »der Martin und ich, wir sind Brüder. Aber der Martin ist ein Opterberg-Erbe, und ich bin ein Attermann-Erbe, und danach muß ich jetzt den Weg, der in die Selbständigkeit führen soll, richten. Es wär’ sonst ein falscher Ton in unserem brüderlichen Verhältnis, und ich gäb’ mir einen Anstrich auf seine Kosten. Ach, Mutter, lach nicht. Du hast mir bei der Einsegnung vor Jahren vorgezeigt, daß der Erlös aus meinem Väterlichen und Mütterlichen die Summe von sechstausend Mark getragen habe. Wie ich mir mein Studium einzurichten gedenk’, wird’s auskömmlich reichen. Aber die Freud’, mit dem Martin gemeinsam das Studentenleben zu betreiben, werde ich aufstecken müssen. Darum bleiben wir uns doch die gleichen und gehen als Männer wieder Hand in Hand.«

Frau Christiane schaute angestrengt in die aufsteigende Sonne.

»Nun sprich auch jetzt, daß ich Recht hab’, Mutter, und nimm mir den Druck.«

»Christoph,« sagte Frau Christiane und blickte immer noch in die junge Sonne, »ich muß dir ein Geständnis machen. Mit den sechstausend Mark stimmt’s nimmer.«

Über die breite Stirn Christoph Attermanns zog eine brennende Scham. »Verzeih, Mutter,« stammelte er, »ich hab’s in meiner Gedankenlosigkeit nicht berechnet. Das Schulgeld und die Erziehungskosten --«

»Du Narr,« sagte Frau Christiane, ohne den Blick aus der Höhe zu wenden, »sollen wir etwa gegeneinander aufrechnen? Was der Opterberghof an dir gehabt hat und du am Opterberghof? Nein, es ist eine viel größere Leichtfertigkeit, als du es ahnst, und ich muß mit der Sprache heraus. Also ich hab’ -- ich hab’ mit deinen sechstausend Mark -- kurz, ich hab’ damit, wie man an der Börse sagt, spekuliert.«

»Spekuliert?« Christoph Attermann lachte, wie von einem Alb befreit. »Und hin ist’s?«

»Hin? Du bist wohl von Sinnen, Bub? Man spekuliert doch nicht, damit’s hin geht? Verdoppelt hab’ ich’s, und die Zinsen stehen auch noch dazu.«

»Mutter,« fragte Christoph Attermann ungläubig, »wann hast du denn das getan? Sieh mich doch an, Mutter.«

Da schaute ihm Frau Christiane gelassen in die zweifelnden Jünglingsaugen.

»Hör zu, Christoph. Die anderen wissen nicht davon, und aus guten Gründen. Vor einer spekulierenden Mutter wäre die schuldige Achtung ins Wanken geraten. Es ist aber geschehen, und es war, als der Landhunger der Fabriken einsetzte. Da hab’ ich heimlich für dein Erbteil gekauft und ums Doppelte wieder verkauft. Es ist geglückt.«

»Und wenn’s nicht geglückt wär’?«

»Ja, mein armes Christophel, dann wärst du ein Bettelbub geworden.«

»Das glaub’ ich dir nicht, Mutter. Zum erstenmal im Leben glaub’ ich dir was nicht.«

»Das magst du dummer Bub halten, wie du willst. Die Haupsach’ ist und bleibt: das Geld ist da und ist dein. Und du wärst mir ein netter Geizhals, wenn du jetzt noch den Martin allein nach Freiburg ziehen lassen wolltest.«

Der Junge hob die Arme. Dann warf er sich wortlos an Frau Christianes Brust. --

»So, und nun geh hin und erzähl dem Martin, auf welche Glücksweis’ du dein Vermögen verdoppelt hast und daß du mit ihm Schritt halten kannst.«

»Mutter,« stammelte Christoph Attermann, »was sag’ ich nur zu all deiner Liebe …?«

Zu ihren Füßen brauste und schäumte der junge Rhein, kristallen und blau, wie er aus den Bergen kam, in denen seine Quellen lagen.

»Wenn sie dich zu viel dünkt,« sagte Frau Christiane, »so gib dafür von deiner an Martin,« fuhr ihm durchs Haar und ging ins Haus. --

Noch einmal gab es in der Osterwoche Becherklang im Giebelturmzimmer. Professor Barthelmeß war gekommen inmitten seines Familienlebens. Seinem ältesten Sohn Bernhard war, in Anbetracht, daß man ihn zur Rekrutenmusterung vorgeladen hatte, von der Schule nach hartem Kampf das Einjährigenzeugnis bewilligt worden, und die Brüder Fridolin und Hartwig hatten es gleichzeitig erhalten, weil sie die Erklärung abgaben, sich nicht einem wissenschaftlichen, sondern einem künstlerischen Berufe widmen zu wollen.

»Was ihnen der Vater geben kann, vermag ihnen nicht Schule und nicht Hochschule zu geben,« erklärte Professor Barthelmeß feierlich. »Ich werde meine drei Söhne der christlichen Kunst zuführen. Sie erhebt über den Alltag und nährt ihre Jünger.«

Als Martin Opterberg vom Vater ausgeschickt war, neuen Wein in die Giebelstube zu holen, und mit den Flaschen im Arm die Giebeltreppe hinaufgestiegen kam, huschte ihm die zwölfjährige Sabine Barthelmeß entgegen.

»Gib mir schnell einen Kuß, Martin. Daß du an mich denkst.«

»Bist du toll, Mädel?«

Sie stand eine Treppenstufe höher als er, beugte sich schmiegsam vor und küßte ihn auf den Mund, bevor er, die Flaschen im Arm, abwehren konnte, huschte vor ihm die Treppe hinauf ins Zimmer zu den anderen und saß bei seinem Eintritt mit unschuldig gesenkten Augen.

Vierzehn Tage darauf trafen Martin Opterberg und Christoph Attermann in der alten Musenstadt Freiburg ein, um schon am nächsten Morgen als Füchse der Burschenschaft zu erwachen.

5

»Bindet die Klingen! -- Los! -- -- Halt!«

Immer wieder dieselbe helle Befehlsstimme. Immer wieder dasselbe leise Sirren der Stahlklingen und ihr hartes Aufdröhnen auf dem schweißfeuchten Filzdeckel.

»Was, ihr Füchse? Das treibt den Kneipendunst besser aus den Schädeln als die schönste Knetkur beim Herrn Hofbarbier. Auf die Mensur -- los! Terz! Quart! Mit der Klinge fangen, nicht mit dem Kopf! Der Hieb ist die beste Deckung! Allemal! -- Halt!«

Prustend schälte sich Martin Opterberg aus dem wulstigen Fechtzeug. »Den Donner auch,« raunte er Christoph Attermann zu, der in der Ecke des Fechtsaals neben ihm stand und sich aus der Halsbinde löste, »da sing’ noch einer: ›Frei ist der Bursch!‹ Mit den Eulen ins Bett und mit den Hühnern heraus. Ich hab’ keine drei Stunden Nachtruhe gehabt.«

»Ging’s mir anders, Martin? Aber der Fechtwart hat Recht: der Dunst von der gestrigen Kneipe ist ’raus aus dem Schädel. Saufen kann jeder, aber Freiheit heißt doch wohl: frei werden durch Pflichtenerfüllung.«

»Rechnest du den Frühschoppen nachher und den Mittagsbummel und die Nachmittagsspritzfahrt und die Abendkneipe ebenso zu den Pflichtenerfüllungen wie in der Frühe den Fechtboden?«

Christoph Attermann lachte gutmütig.

»Martin, wenn ich’s noch wär’, der so sprechen wollt’. Dir wächst ja alles von selber zu. Den Schläger handhabst du schon wie ein alter Fechter, daß sie dich sicher schon vor Ende des Semesters auf die Fuchsenmensur herausstellen werden, und beim Bechern und Singen wirst du nicht müd’, bis der letzte nach Hause strebt. Ich muß mir das alles mühsam erlernen und schimpf’ doch nicht.«

»Hei, weshalb schimpfst du nicht?«

»Weil ich mir denk’, die Verbindungserziehung ist vonnöten, damit man zu jeder Stund’ sich zusammenreißen lernt und nie außer Rand und Band kommt. Wer einmal befehlen will, muß sich selber gehorchen können. Und das weiß keiner besser als der Martin Opterberg, und wenn er erst gewaschen und gestriegelt ist und die Mütz’ auf dem Kopf hat und das Band um und zieht durch die Straßen Freiburgs, ›fast als wollt’ er eine suchen, die die Allerliebste wär’,‹ wer jubelt da am lautesten sein ›Frei ist der Bursch‹?«

»Ach, Christoph,« sagte Martin Opterberg und legte dem Freund den Arm um die Schulter, »es ist doch wunderschön …« Sie zogen über die Straße und kamen an der Universität vorbei.

»Gehen wir einen Augenblick hinein, Martin?«

»Hinein? Schau dir einmal den festen Bau an. Der läuft uns nicht so leicht weg.«

»Aber wir laufen ihm weg, weil wir gar so lose gebaut sind, und das säh’ doch weiß Gott aus wie blasse Angst und Kneiferei. Hält’s dein Hirn nicht aus nach dem bißchen Kneipen?«

»Also komm schon herein, du Quälgeist. Mein Hirn hält sämtliche Herren Professoren aus, aber ich mein’, _ein_ Kolleg genügt für heut, um ihnen die Ehre zu erweisen.«

So zogen sie ein und drückten sich in die Bänke, und als sie wieder in die Frühlingssonne traten, grüßten sie erst ein Rudel frischer Studentinnen und ließen die lachenden Mädel an sich vorüberstolzieren, bevor sie den Frühschoppen aufsuchten.

»Prachtmädel darunter, Christoph. Mit denen müßte sich gut in den Schwarzwaldbergen wandern lassen.«

»Du wärst imstande dazu.«

»Du vielleicht nicht? Wer redete denn vorhin so hoch daher von blasser Angst und Kneiferei, als es galt, mich ins Kolleg zu schleppen? Umschichtig, Christoph. Jetzt ist die Reihe an mir, und du bist mein.«

»Es sind Medizinerinnen, Martin. Man trifft sich kaum.«

»Was sonst noch? Von morgen an schieben wir medizinische Kollegs ein. Ohne Beleggelder. Selbstverständlich. Der Professor wird sich freuen, zwei Hörer mehr um seine Weisheit versammelt zu sehen. Ach, Brüderlein, stachle du noch mal meinen wissenschaftlichen Eifer an.«

Auf dem Franziskanerplatz plätscherten die Wasser des roten Sandsteinbrunnens. Vom Säulenschaft sann ein steinerner Mönch. Berthold Schwarz war’s, der Freiburger Franziskaner.

»Wenn der nicht gelebt hätt’, wär’ die Menschheit glücklicher,« lenkte Christoph Attermann das Gespräch ab.

»Du meinst, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulver erfunden hätte. Ach Christoph, die Menschheit würd’ sich nur auf andere Weis’ umbringen. Entweder sie balgen sich um eine schöne Helena, oder um den lieben Gott, oder um einen verprügelten Grenzaufseher. Die Hauptsache ist, daß sie die Windklappe öffnen und sich balgen können. Und wenn der Fuchs da drüben in seiner stolzen Farbenpracht sich noch ein einziges Mal erdreistet, mich anzuäugen, während ich hier vor Weisheit triefe, so werde ich ihn sofort einmal ansegeln und -- --«

»Jedenfalls hätten die Schulmeister ihr schönstes Sprüchlein weniger, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulver erfunden hätte,« lenkte Christoph Attermann in Gemütsruhe nochmals ab. »Links schwenkt, Martin. Wir sind die letzten zum Frühschoppen, wie immer.«

»Natürlich!« rief Martin Opterberg und betrat hochaufgerichtet die Wirtschaft. »Wenn du mich Tag für Tag ins Kolleg verschleppen mußt!«

Die Burschenschaft saß beim zweiten Glas. Man ließ die Zuspätkommenden das erste Seidel restlos leeren. »Zur Dämpfung lasterhafter Streberei vor Mitternacht,« erklärte der Fuchsmajor Tillmann, ein großer und schöner Mensch, der sich der Kunstgeschichte verschrieben hatte. »Sah ich euch nicht mit nüchternem Magen ins Kolleg schlüpfen, während ich am Fenster die Morgenpfeife reinigte? Auf trockenem Boden wird der Halm zu Stroh, und die Hähne, die allzufrüh krähen, sind schon um Mittag heiser. Laßt ab von der Überheblichkeit gegen eure Mitmenschen.«

»Die Junker vom Opterberghof wünschen beizeiten Minister zu werden,« lobte ein narbenbedeckter Bursch in ausgezeichneter Haltung. »Ich halte mich Euren Gnaden sehr empfohlen.«

»Der Grüters,« bemerkte sein Nachbar, ein hoch- und breitgewachsener Student mit ruhigem Blick, »schlägt überall seine Nägel ein und denkt in seinem schönen Sinn: irgendwo und irgendwie muß der Hut mal hängen bleiben.«

»Lieber Broich, wenn du dich mit mir unterhalten möchtest, so sorge, daß Stoff im Glase ist.«

»Erbarmen,« rief der Fuchsmajor Tillmann. »Werdet doch nicht schon geistreich, wenn die Menschheit noch den Schlaf in den Augen hat. Ich bitte um einige Rücksichtnahme.«

»Wer waren denn die Töchter in Apoll, die ihr so angelegentlich grüßtet?« fragte Grüters obenhin über den Tisch.

»Studentinnen,« erwiderte Christoph Attermann.

»Habe ich nach dem Gewande gefragt?« belehrte ihn Grüters. »Studentinnen ist ein Herdenname. Ich meine, ob in der Schale eine süße oder eine bittere Mandel steckt?«

»Hübsche Mädel sind’s,« rief Martin Opterberg und sprang dem verlegenen Freund rasch zur Hilfe. »Wer etwas vom Kern wissen will, muß sich schon selber bemühen und die Nüsse knacken. Das Ergebnis scheint mir Frage des Geschmacks.«

»Du bist keck, Füchslein von neunzehn Lenzen. Sei dankbar, wenn dich erfahrene Männer lehren.«

»Was, deucht euch, ist dieses?« rief der Fuchsmajor Tillmann und stieß seinen Zeigefinger durch einen Sonnenkringel.

»Das ist eine Bierbretzel, Leibbursch.«

»Jüngling, du trägst noch die Eierschale des Materialismus am Steiß. Ich mahne dich zu einem tiefen Trunk der Erkenntnis. Rest weg. Danke. Nun? Ist es immer noch eine Bierbretzel?«

»Wahrhaftig -- jetzt seh’ ich’s klarer. Es ist ein goldner Sonnenkringel.«

»Frühlingssonne,« rief Tillmann. »Allererste, golden lockende Frühlingssonne. Wie ein Bräutigamsreif legt sie sich um meinen Finger und ruft hinaus aus den engen Mauern in die blauenden Weiten. He, ihr Füchse, wißt ihr ein passend Verlobungslied?«

»Der Herr Professor -- liest heut kein Kollegium, Drum ist es besser -- man trinkt eins ’rum«

sangen die Füchse.

»Es ist notwendig,« bemerkte Tillmann, »daß ich euch einigen Fuchsenunterricht in der freien Natur gewähre. Das geht ja nur ums Fressen und Saufen, und der heilige Geist kommt zu kurz. Punkt drei Uhr antreten zum Marsch auf den Schloßberg und wohin uns die Füße tragen. Gesegnete Mahlzeit.«

Um drei Uhr sammelte sich ein Trüpplein Farbentragender am Martinstor, dem die Jugendsonne aus dem alten Steingequader lachte. In der langen Straßenzeile sprangen tänzelnd die Brunnen und flüsterten von ihrer Mutter, der Dreisam, und den Schwarzwaldbergen ringsumher. Das Trüpplein zog die geborstene Stadtmauer entlang und schwenkte am lustigen Schwabentor singend ins knospende Rebgelände ein, das den Trümmerberg der einst so trutzenden Schlösser selig lächelnd überzog. Und der Gesang brach ab, als das Trüpplein die erste Höhe erstiegen hatte und aus wundertrunkenen Jugendaugen hinunterschaute auf das Gewirr der grauen Dächer und altertümlichen Giebel, aus dem der schlanke Turm des Münsters wie ein veilchenfarbener Traum der Vergangenheit sehnsüchtig gen Himmel ragte.

»Das ist die einzige Blüte der Gotik, die sich noch im Mittelalter voll zur Blume entfaltet hat,« lehrte aus tiefem Schauen heraus der kunstbefreundete Tillmann. Seine Augen tranken sich satt und schweiften über die andachtsvollen Gesichter der Jüngeren.

»Nun, wie wär’s denn jetzt mit dem schönen Lied vom Herrn Professor, der heut’ kein Kollegium liest?«

Aber keine Stimme erhob sich zum übermütigen Saufauslied.