Die Buben der Frau Opterberg

Part 5

Chapter 53,639 wordsPublic domain

»Wollen wir recht gute Freunde werden, Herr Opterberg?«

Frau Christiane hatte während des Gespräches nicht die geringsten Gewissensbisse empfunden, daß sie den wählerischen und großtuerischen Schlemmern zu Reichenau nicht mit der Zeche beigesprungen war. Ei, sagte sie sich, bei mir hatte der Herr Professor kein Guthaben wie bei der Kirchengemeinde, und so habe ich ihn doch gezwungen, seinen Aufwand selber zu begleichen. Und sie erkundigte sich freundlich nach dem Ergehen der Barthelmeßkinder.

»Sie sind so außergewöhnlich begabt,« erklärte der Professor, »daß es mich fast erschreckt. Die drei Jungen werden sicherlich in die Fußtapfen ihres Vaters treten, und mein kleines Mädchen entwickelt sich nicht nur zu einer reizvollen und eigenartigen Schönheit, sondern auch zu einem recht überlegenen Geist. Sie werden nachher selbst urteilen können, gnädige Frau.«

»Werden Sie von den Kindern abgeholt, Herr Professor?«

»Wir haben uns für den Nachmittag ein Stelldichein vor dem Opterberghof gegeben. Meine Frau und ich beabsichtigen, um den anstrengenden Weg zu sparen, hier in der Nähe in einem Wirthaus zu Mittag zu essen und dann später mit den Kindern die Bahn zu benutzen.«

»Eine Dorfkneipe ist gewiß kein angenehmer Sonntagmittagsaufenthalt,« erklärte die nach neuester Mode gekleidete kleine Frau Barthelmeß und zog ein lustig Mäulchen, »aber was tut man nicht seinen Kindern zuliebe.«

»Sie essen ganz einfach einen Teller Suppe bei uns,« entschied Arnold Opterberg. »Besser als in der Dorfkneipe ist sie bestimmt. Mehr kann ich nicht versprechen.«

»Mein Gott,« sagte die zierliche Frau und schaute zu ihrem stattlichen Gatten auf, »eine so herzlich entgegengetragene Freundschaft nur um einer leeren Besuchsform willen zu kränken, wäre undankbar und philisterhaft zugleich.«

So blieben sie, und es wurde ein langes und heiteres Mahl. Wohl hatte der Professor an allen Fürstenhöfen und selbst im Vatikan gespeist, aber einen solchen Kälberbraten gebe es höchstens noch in Traumbüchern, und gegenüber einer deutschen Hausfrau seien alle Köche der Welt ärmliche Stümper.

»Ich bin keine deutsche Hausfrau,« gestand Frau Hadwiga Barthelmeß flüsternd dem Hausherrn. »Ich kann lieb und fröhlich sein, das ist alles. Aber es ist nicht viel? Nein?«

»Ob es viel ist,« erwiderte Arnold Opterberg und ließ seinen Blick wohlgefällig auf dem quecksilbrigen Persönchen ruhen, »das entzieht sich leider vorläufig noch meiner Beurteilung. Ich werde mich jedoch auf Ihren Wunsch gern bemühen, hinter diese Frage zu kommen.«

Ihr zierlicher Zeigefinger tippte schon wieder an seiner Schulter. »Jetzt weiß ich’s, daß Sie ein Leichtsinn sind.«

Arnold Opterberg winkte, da das Mahl zu Ende war, den Knaben zu und hieß sie, eine Flasche Champagner aus dem Keller zu holen. Frau Hadwiga hörte es und tat einen kleinen Freudenschrei. »Oh, ich werde öfter kommen,« rief sie entzückt, »ich werde öfter kommen, hier werde ich verstanden.« Zunächst aber kamen die Barthelmeßkinder und stürzten mit Geschrei in den Hof und behaupteten, nicht zu Mittag gegessen zu haben, so daß Frau Christiane, um den Lärm zu beschwören, sofort den Kaffeetisch herrichten lassen mußte. Die großen Jungen und das kleine Mädchen stopften an Weißbrot und Kuchen in sich hinein, bis der letzte Krümel vertilgt war, tobten alsbald durch die Ställe, tranken ein paar Hühnereier leer, entdeckten die Obstkeller und füllten sich die Taschen. Die kleine Sabine Barthelmeß aber bemerkte den wenig huldvollen Blick, mit dem Martin Opterberg, der Haussohn, dem Treiben zuschaute, und sie schmeichelte sich an ihn heran und wollte nur noch an seiner Hand gehen und, als sie vorgab, müde geworden zu sein, von ihm ›Huckepack‹ getragen werden.

»Du bist doch schon ein großes Mädchen,« wehrte Martin Opterberg. »Da gehört sich’s nimmer.«

»Auch nicht, wenn man sich gefällt?« fragte die kleine Sabine verwundert.

Als am späten Abend der Spuk von dannen gebraust war, atmeten die Knaben auf. »Mir scheint die ganze Woch’ nichts wert, wenn der Sonntag schlecht verlaufen ist,« erklärte auch Christoph Attermann. Aber ob sie auch ärgerlich waren, dieser Sonntage folgten sich viele in dieser Winterszeit, denn Arnold Opterberg war _nicht_ ärgerlich, seit ihm die kleine, schwarzhaarige Unrast zu Weihnachten die Augen zugehalten und ihn auf den Mund geküßt hatte. Das sei ihr Weihnachtsgeschenk, aber erst die Probe.

Der Professor wollte es ihr nachtun und breitete die Arme nach Frau Christiane aus.

»Weshalb denn nicht, schönste Hausfrau? Sehen Sie doch nur Ihren Arnold?«

»Ja, der Arnold!« sagte Frau Christiane in gut gespielter Bewunderung, »das ist ein arg ritterlicher Mensch. Aber ich hab’ nur den einen Mund, und auf den haben sich schon meine Buben gespitzt.« Und sie nahm den Martin und den Christoph und küßte die jubelnden Jungen weidlich ab.

Dann aber geschah es, in der Zeit zwischen Weihnachten und Ostern, daß auch Herr Arnold Opterberg aus seiner verzauberten Sonntagsstimmung aufgeschreckt wurde.

Der Konfirmationstag nahte. Martin Opterberg und Christoph Attermann saßen im Konfirmandenunterricht, und der Herr Pfarrer strich den Mädchen wohlwollend über die Scheitel. Plötzlich rief er einen träumenden Knaben an, der nicht zu antworten wußte, ließ den Erschreckten vortreten, legte ihn über die Bank und straffte ihm die Hosen. Totenblaß erhob sich Martin Opterberg.

»Ich bitte den Herrn Pfarrer, das zu unterlassen,« brachte er mit schwerer Zunge hervor.

Der Pfarrer hielt inne. Sein Gesicht war dunkelrot geworden.

»Was erfrechst du dich? Gut, du sollst mit diesem Sünder tauschen. Tritt vor.«

Martin Opterberg rührte sich nicht. »Meine Mutter hat’s verboten,« stieß er hervor.

Der zornige Mann suchte ihn aus der Bank zu ziehen. Da sprang auch Christoph Attermann auf.

»Unsere Mutter hat’s verboten, und wir sollen’s nicht ansehen, hat sie gesagt.«

Dem Zornigen nahm’s die Besinnung.

»_Unsere_ Mutter?« höhnte er. »Das ist mir ja ein hübsches Bekenntnis! Darum also hat man dich auf den Opterberghof heimgeholt?«

Martin Opterberg hatte die Verunglimpfung schneller verstanden als der Bruder und Freund.

Er fühlte nur eins: die Mutter war beschimpft. Und mit einem schluchzenden Aufschrei warf er sich auf den Angreifer und schlug blindlings mit den geballten Fäusten auf ihn los. Da hatte auch Christoph Attermann verstanden. Er schlug nicht blindlings drein. Er holte aus und zielte und schlug zwei-, dreimal wie mit Hammerschlägen, daß der schwere Mann sich nur mit Mühe vor den schäumenden und hochgereckten Buben durch die Tür in Sicherheit bringen konnte. Und Christoph Attermann ging mit Augen, die wie Kohlen glommen, die Reihen der Mädchen entlang, die Faust vorgestreckt, und schrie sie heiser an: »Nun, wollt ihr mir nicht _auch_ die Hand küssen, ihr Gäns’, ihr?«

Diesmal suchten sie nicht die Mutter auf. Diesmal galt der Vater. Das sagte ihnen auf der Heimfahrt ein seltsam zartfühlendes Jünglingsempfinden. Und sie berichteten dem Vater wortgetreu und gaben ihm die Hand darauf, daß sie nichts hinzugefügt und nichts hinweggelassen hätten, und Arnold Opterberg fuhr mit dem nächsten Zuge nach der badischen Hauptstadt zur Oberkirchenbehörde und erlangte die sofortige Beurlaubung und nachfolgende Versetzung des Mannes nach Prüfung des ärgerlichen Geschehnisses.

Einem Pfarrer der Nachbargemeinde wurde die Einsegnung übertragen. Er kam auf den Opterberghof und besprach sich mit Arnold Opterberg. Der rief die Knaben herein und befragte sie.

»Der Herr Pfarrer meint, ob ihr lieber in seiner Dorfgemeinde eingesegnet werden wollt als in der Stadt?«

»Nein,« erklärten die Knaben fest, »das dürfen wir wegen der Mutter nicht.«

Der weißhaarige Pfarrer reichte ihnen die Hand. »Es ist recht so und soll so bleiben.«

Frau Christiane aber tat, als wüßte sie von all den Geschehnissen nichts, und ihr Benehmen zu den Knaben war nicht um einen Hauch anders als ehedem. »Sie dürfen nicht des Glaubens werden, sie hätten etwas anderes als etwas Selbstverständliches getan,« sagte sie zu dem Gatten. Nur in ihren Augen stand ein noch tieferer Glanz, wenn sie heimlich auf ihre schlanken Buben schaute.

Am Tage vor der Einsegnung kam Christoph Attermann zu ihr. Sie waren allein.

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »ich weiß nun auch, weshalb mein Vater in Kehl begraben liegt. Es ist nicht deshalb, weil er zufällig aus der Gegend stammt.«

»Nein, Christoph, sondern weil er seinen Sohn lieber hatte als sein krankes Leben.«

»Mutter,« fragte Christoph Attermann weiter, und seine Mundwinkel zuckten, »warum reistest du gerade in diesen Tagen mit uns in die Berge und zu den Rheinquellen?«

»Es geschah, Christoph, weil ich ahnte, was dein Vater tun würde, weil ich dich deiner Knabenerinnerungen wegen aus der Nähe der Dinge forthaben und dir in der Kraft und Herrlichkeit der Berge die Freude am Leben schenken wollte.«

»Und aus keinem anderen Grunde, Mutter?«

»Doch,« sagte Frau Christiane, trat vor ihn hin und schloß ihn fest in ihre Arme, »um dich spüren zu lassen, daß du eine Mutter gewonnen hast und ich einen Sohn.«

»Deshalb komme ich,« murmelte der Junge an der Frauenbrust, »deshalb komme ich, um dir zu danken.«

Am nächsten Tage standen Martin Opterberg und Christoph Attermann Hand in Hand vor dem Geistlichen, der sie gemeinsam einsegnete. Frau Christiane saß neben dem Gatten im Kirchenstuhl, und ihre Augen leuchteten.

4

Schon trugen die Buben vom Opterberghof die Primanermützen auf den blonden Häuptern, schon zeigte sich schüchtern der erste Flaum über der Oberlippe und verlieh den Knabengesichtern den Ausdruck der ersten Jungmännlichkeit. Hoch und aufrecht schritten sie beide einher, der junge Opterberg schlank und nervig, der junge Attermann breitschultrig und muskelhart, beide mit den wetterbraunen Gesichtern, die Sonne, Wind und Regen auf den täglichen Märschen zur nächsten Eisenbahnhaltestelle und den ausgedehnten Knabenstreifen in Wald und Feld so kräftig gebeizt hatten. Nicht nur Frau Christiane, auch Arnold Opterberg sah ihnen oft prüfend nach, und es erschien ihm an der Zeit, die väterliche Erziehung etwas stärker in den Vordergrund treten zu lassen. Längst waren die beiden Buben gewöhnt, jedes Pferd auf der Weide zu reiten und fest auf dem Kutschbock die Zügel zu führen, auch kannten sie seit frühester Kinderzeit jede ruhigere Stelle im Strombett, die sich zum Schwimmen und Tauchen eignete, und ein jedes Strudelbecken, in dem sich der Salmenfang lohnte. Jetzt aber nahm Arnold Opterberg sie wohlbewaffnet mit auf die Pirsch in die Hänge des Hochwaldes und lehrte sie, mit weidgerechter Kugel den Bock auf die Decke legen, den balzenden Auerhahn anspringen und den im Liebesrausch blinden und tauben vom hohen Tannenast herunterholen, im Schnee der Saufährte folgen und den Keiler im Lager überraschen. Das stärkte Mut und Gewandtheit, gab dem Auge die Sicherheit und der Hand die Ruhe und zwang die raschen Gemüter, sich zu beherrschen, bevor die Kugel unwiderruflich den Lauf verließ. Diese Jägererkenntnis der jungen Jahre sollte ihnen oft noch im Mannesleben zum Leitstern werden.

Daß Herr Arnold Opterberg zuweilen über die Grenzen der jagdlichen Erziehung hinausgriff und in einsamer Jagdhütte seine Begleiter in die Geheimnisse der Grogbereitung einweihte, auch wohl mit ihnen beim Abstieg in einem Schwarzwalddorf den einen oder anderen Liter Markgräfler Weines ausstach und sie zur Verschönerung der Stunde eine Pfeife Tabak blaffen ließ, war Frau Christiane durchaus nicht verborgen, wie die stolzen Jungmänner annahmen, denn das nächstemal fanden sie in ihrer Feldflasche statt des kalten Milchtees einen wärmenden Rotwein vor, so daß sie beim ersten Schluck vor Schrecken fast dem Stickhusten erlegen wären, und ein anderes Mal im Rucksack ein halbes Dutzend zusammengebündelter Schweizer Stumpen mit einem Zettel von Frau Christianes Hand: »Solange ihr sie im Freien raucht, schadet’s keinem Menschen.« Nur als Arnold Opterberg die Gemeinsamkeit der Trink- und Rauchersitten auch ins Haus verpflanzen wollte, strich sie ihm begütigend über den Ärmel: »Nimm ihnen nicht die Freud’ am Studentenleben vorweg, Arnold. Das erste Räuschlein muß in der Begeisterung der Jugend errungen sein, wenn’s eine schöne und tragfähige Erinnerung werden soll.«

»Tragfähig? Wie verstehst du das?«

»Daß man sich später nicht scheut, darüber hinzulaufen.«

Arnold Opterberg lachte. »Hast Recht, Frau. Ich werd’ mir den Professor rufen. Dem hält’s nicht ganz so scharf mit den Erinnerungen.«

Der Professor kam auch ungerufen. Seine Arbeit, die vertraglich auf zwei Jahre bemessen war, hatte er nun schon in das dritte Jahr hinüberzuziehen gewußt und manchmal auch durch Übernahme kleinerer Reiseaufträge unterbrochen. Die Kirchenherren sahen sauer drein. Das änderte an der überlegenen Miene des Professors nicht das geringste. Er war sich bewußt, daß die Herren das Erneuerungswerk nicht mitten in der Ausführung stecken lassen konnten und daß der bisher entnommene Vorschuß beträchtlich genug sei, um den Meister vor jäher Kündigung des Vertrags zu schützen. So ging er gar lieblich und gelassen mit den flügellahmen Heiligen und dem bröckelnden Zierwerk an Wänden und Altären um und durfte sich mit Fug darauf berufen, daß seine Arbeit, wenn auch langsam geschafft, so doch von vollendeter Meisterschaft und unübertrefflicher Stilreinheit sei. »Wünschen Sie eine eilige Zuckerbäckerarbeit,« pflegte er den Drängern zu sagen, »so empfehle ich Ihnen meinen Kollegen Dingsda. Ein Kunstwerk, das den höchsten Ansprüchen des Kenners genügt, will aus dem Samenkorn hervorwachsen wie eine edelblühende Pflanze.« Und die Herren, die den Kenner spielten, nickten Beifall.

Professor Barthelmeß setzte die Feierabendstunde um ein bedeutendes früher an, als es auf dem Opterberghof der Brauch war, und da der Arbeitstag ihm ohnedies nicht die genügende Zeit ließ, sich seiner Familie zu widmen, so holte er in den reichlichen Mußestunden das Versäumnis vollauf nach und erschien nie anders als in Begleitung seiner Gattin Hadwiga, seiner drei Söhne Bernhard, Fridolin und Hartwig und seiner Tochter Sabine. Ein vornehmes Patriarchentum, das er bei solchen Anlässen zur Schau stellte, verwandelte vielerorts das erste Entsetzen über den zahlreichen Besuch in Scham und Bewunderung. Frau Christiane aber schaute mit heiterem Lächeln durch die väterliche Maske hindurch und ließ einige Abende Buttermilchsuppe und in der Schale gekochte Kartoffeln mit Speckrösterchen auftragen. Da zog der Spuk bald an ihrem Hause vorüber und fiel wie ein Heuschreckenschwarm bei einem der neuangesiedelten Fabrikanten ein. Auch Frau Hadwigas großen Bedarf an Butter, Käse und Eiern vermochte Frau Christiane zu ihrem Leidwesen bald nicht mehr zu decken, denn es war seltsam, wie oft in diesem Jahre ihre Kühe vor dem Kalben standen und keine Milch lieferten und ihre Hühner aus dem Mausern gar nicht herauskamen und darum keine Eier legten. Dreierlei nur konnte sie nicht verhüten, und sie nahm es als eine Art Verkehrssteuer, die sie unter den Gesamtunkosten des Hofes aufrechnete: daß Arnold Opterberg mit dem ganz besonders weinverständigen Professor die besten Flaschen zu leeren liebte, daß Professor Barthelmeß bei solchen Gelegenheiten kleine Geldanleihen zu machen pflegte und daß die Barthelmeßkinder bei ihren Spielen beharrlich Stall und Scheuer bevorzugten und zufällig aufgefundene Hühner-, Enten- und Gänseeier ohne alles Fackeln in sich hineintranken.

»Was sich nicht wehrt, kommt in den Magen,« sagte Frau Christiane kopfschüttelnd, aber sie drückte mitleidig beide Augen zu, wenn sie eins der zweibeinigen Wiesel bei der Beute überraschte.

»Es ist halt die Zigeunerwirtschaft bei den Alten schuld,« meinte sie im Gespräch mit dem Gatten. »Nun ja, der Patriarch bleibt in seiner Rolle, denn, wenn ich meine Bibel kenne, so übten die alten Patriarchen ja wohl auch ihr Gewerbe im Umherstreifen aus.«

Arnold Opterberg lachte. »Und das schwarzhaarige Sabinchen könnte als Lockvogel Rebekka am Brunnen sitzen.«

»Als modernes Mädchen sitzt sie lieber am Karpfenteich. Schau doch einmal, wie das Ding mit den Augen Bescheid weiß und jählings gutberechnete Blicke schießt, und zählt kaum zwölf Jahre. Unser Martin freilich wird rot vor Zorn, und der Christoph beschaut sich so seltsam seine Hände, als ob er ihr am liebsten das Sitzleder vollhauen möcht’.«

»Wie ist es möglich,« spottete der Hausherr, »daß die Buben der Frau Christiane Opterberg so arge Weiberhasser sein können.«

»Weil sie doch an mir hängen. Meinst du, es wäre nicht gerade deswegen, Arnold, daß sie sich fragen: Wie würd’ das Mädel meiner Mutter zu Gesicht stehen?«

»Ach du liebe Muttereitelkeit! Laß die Buben erst mal ins Feuer kommen. Ich war auch drin und weiß ein Liedchen davon zu singen.«

»Ein Liedchen, Arnold? Die Bescheidenheit ist doch sonst nicht dein Hauptfehler.«

Der Professor kam durchs Hoftor geschritten. Sabine Barthelmeß stürzte ihm entgegen. »Hat er nicht eine Gestalt wie der Flötenspieler im Vatikan?« rief sie und zeigte auf den schlanken Martin Opterberg, der sich unwillig abwandte.

»Aber er pfeift dir was, dein Flötenspieler,« knurrte Christoph Attermann sie an.

»Du bist ja auch nicht häßlich, Christoph,« lenkte schnell das Mädchen ein, »nur zu stark betont in der Linie. Doch das ist halt Geschmackssache.«

»Gott sei Dank,« atmete Christoph Attermann auf, »daß ich dein Geschmack nicht bin und daß ich die Linie betone.«

»Der Christoph Attermann ist ein Rüpel,« entschied der Professor, »und von einem Eichenknorren lassen sich keine Orangen ernten.«

»Das muß wahr sein,« bestätigte Frau Christiane, »aber es lassen sich Bretter und Pfosten daraus fertigen zu einem standfesten Haus, und aus dem, was nebenbei fällt, lassen sich immer noch Eichenprügel schnitzen.«

Der Professor zog ein wenig die Augenbrauen hoch und strich sich den knisternden Bart.

»Ich verstehe den Vergleich nicht sofort. Aber wir wollen die glücklichen Kinder sich selbst überlassen und auf das bißchen eigene Glück Bedacht haben. Der Tag war schwer, Opterberg. Dürfte ich wohl um ein Glas Milch bitten?«

»Kuhmilch oder Liebfraumilch? Sie müssen schon deutlicher werden, Barthelmeß.«

»Sie haben es ja wieder gut vor. Aber ich bin kein Spielverderber. Also Liebfraumilch.«

»Wissen Sie,« sagte Opterberg, »aus dem kleinen, begrenzten Weinberg am Stift. Nur das ist Wachstum.«

»Ich weiß, ich weiß,« lehnte Professor Barthelmeß ab. »Ein Spatz ist keine Nachtigall, wenn sie auch beide zur Familie der Sperlingsvögel gehören. Lassen wir die Nachtigall singen, Opterberg.«

Und die Nachtigall sang bis in die späte Nacht. --

Ostern nahte. Die Reifeprüfung in der Gymnasialstadt war beendet, Martin Opterberg und Christoph Attermann kamen von der Bahn und schritten rüstig durch die Felder. Sie sprachen kein Wort, aber zuweilen blieben sie mit einem Ruck stehen, blickten sich in die Augen und lachten sich trunkenen Mutes an. Dann schritten sie um so eiliger aus.

Aus der Ferne schon erspähten sie vor dem Hoftor eine Frau, die Ausschau hielt in die Weite.

»Die Mutter!« jubelten sie, schwenkten ihre Mützen und setzten in wilden Sprüngen über den Weg.

Frau Christiane weilte schon seit Stunden vor dem Tore. Mitten im werktäglichen Schaffen hatte es die arbeitsfreudige Frau überfallen, daß sie die Hände sinken lassen und hinaushorchen mußte. Und langsam, von einem unwiderstehlichen Gefühl getrieben, hatte sie Fuß vor Fuß gesetzt und war wie traumwandelnd hinausgeschritten bis vor das Tor. Seit Stunden stand sie und schaute in die Weite und horchte in sich hinein, während sie glaubte hinauszuhorchen. Heute wurden ihre Buben flügge. Und wenige Tage nur, und sie würden die Schwingen regen zum Ausflug in die Welt. Dann war das Nest leer.

In der Harrenden und Horchenden wurden die Stimmen der Vergangenheit lebendig. Sie redeten eifernd laut und wiederum schmerzlich leise in dem Kampf um die Seele des Mannes, die schweifen wollte im Blauen, statt Wurzel zu schlagen im Grünen. Hatte die tiefere Erkenntnis der Frau um des Lebens Möglichkeiten obgesiegt? Noch heute, nach zwanzig Jahren der Ehe, schweifte des Mannes unruhige Seele bei Tag und Nacht und wußte von der Heimatbedeutung des Opterberghofs nicht mehr als ein Vogel von seinem Futterplatz. Und dennoch, trotz der Niederlagen, die sie in den ersten Ehejahren mehr und mehr in eine innere Vereinsamung drängen wollten, die wurzelstarke Frau hatte dennoch obgesiegt. Nicht über des Gatten leichtes Zecherblut, aber über ihr eigenes Blut und des Weibes drängende Liebeserwartungen. Sie hatte sich als Siegerin erklärt, seit sie ihren Buben an die Brust legen konnte, und als glückliche Eroberin dazu, seit sie dem Einzigen, den sie in Schmerzen geboren hatte, in dem Milchbruder einen Kameraden hatte geben können.

Wer hatte vordem ihres Reichtums gedacht? Nicht einmal der Gatte, den nur die Stunde lockte. Nun vermochte sie alle die Schätze, die sich unaufhörlich in ihr sammelten wie das Quellwasser im Berge, den Buben zu geben, und während sie in lautloser Freude gab und gab, spürte sie erst die ganze Fülle ihres Reichtums.

Frau Christiane stand am Tore und hielt Einschau und Ausschau. Ihre Lippen bewegten sich.

»Das ist das Glück. Spüren selbst in der Einsamkeit, daß man reicher ist als die tobende Welt, weil man aus sich selber schöpfen und spenden darf. Ihr habt mich dies Glück gelehrt, ihr Buben. Ich will’s euch danken euer Leben lang.«

Ein Tropfen stieg ihr ins Auge. Sie schüttelte ihn ab. Sie hatte daran gedacht, daß ihr Nest leer werden würde. Was nun mit den zuströmenden Schätzen in der Einsamkeit?

»Nein,« sagte sie laut, »eine Mutter, die ihre Kinder ins Leben sendet, kann gar nicht einsam sein. Ich bin die Quelle, und sie sind der Strom. Und der Strom mag brausen, so fernhin er will, sein Lebenswasser holt er sich doch aus der Quelle.«

Auf dem braunen Ackerwege tauchten die Gestalten der Heimkehrenden auf. Sie sah der Buben Mützenschwenken und die wilden Sprünge über die Ackerschollen querfeldein.

»So sollt ihr allzeit zu eurer Mutter gesprungen kommen und klares Quellwasser finden, ihr Buben,« und sie hob die Arme und winkte den stürmisch Heimbegehrenden entgegen und fühlte sich von vier Jünglingsarmen umfaßt und die tollen Küsse der flaumbärtigen Lippen auf ihren Wangen.

»Wir haben’s geschafft, Mutter, wir haben’s geschafft!«

»Wollt ihr mich umbringen, ihr Wilden?«

»Mitnehmen möchten wir dich, mitnehmen in die Freiheit!«

»Um mich am nächsten Kreuzweg in der Freiheit sitzen zu lassen.«

»Um dich der ganzen Welt vorzuweisen: das ist unsere Mutter Christiane!«

»Das wär’ mir das Rechte,« lachte Frau Christiane, bekam ihre Hände frei und wuschelte durch das Blondhaar ihrer Buben. »Damit die ganze Studentenschaft schreit: Da kommen die Opterbergsbuben mit ihrer Kinderfrau. Nein, nein! Jetzt zeigt denen da draußen, daß ich euch wirklich das Laufen beigebracht hab’.«

»Mutter, du wirst so allein sein, während wir draußen Tollheiten machen!«

»Macht ihr nur eure Tollheiten. Dann wird’s euch heimtreiben, um euch bei der Mutter Rats zu holen, und ich bin nicht mehr allein.«

»Ach Mutter,« rief Martin Opterberg übermütig, »wieviel Tollheiten werden wir begehen, um dir die Freud’ zu machen.«

»Uns, Mutter, uns,« rief Christoph Attermann, »um deine Stimme zu hören.«

»Kommt immer, ihr Buben, früh oder spät. Für eine Mutter gibt’s keine Zeit. Eine Mutter wartet immer. Und nun marsch hinein und laßt euch beglückwünschen. Der Vater war euretwegen stundenlang im Keller und gewiß nicht, um eine trockene Red’ zu studieren.«

Da nahmen die jungen Studenten Frau Christiane in die Mitte und zogen in den Hof, und Arnold Opterberg stand mit einem alten, kunstvoll geschliffenen Pokal auf der Schwelle des Hauses und winkte ihnen mit dem Kelch entgegen. »Trinkt einmal erst, trinkt einmal erst, damit wir nicht wehleidig werden. Es lebe die Freiheit!«