Die Brüder Schellenberg

Part 8

Chapter 83,766 wordsPublic domain

„Michael, ich begriff es vorerst nicht! Aber dann begriff ich es, und dann verstand ich es. Seit der Marneschlacht spekulierte er auf das Fallen der Mark. Während ich Narr noch da draußen im Dreck herumlag, während wir uns alle noch in Fetzen schießen ließen, war dieser alte Mann schon längst an der Arbeit, aus unserm sicheren Untergang Geld zu machen.

So kam es, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr haßte. Einmal geschah es, daß ich zehn Minuten zu spät kam. Er blickte auf die Uhr und sagte, ohne mich anzusehen: ‚Sie sind zehn Minuten zu spät.‘ Ich erwiderte: ‚Der Wagen wurde aufgehalten.‘ Daran antwortete er nichts mehr, und dieses Schweigen war viel beleidigender als irgendwelche Vorwürfe. In diesem Augenblick fühlte ich ganz das Entwürdigende meines Automatendaseins. Ich fühlte die Unverfrorenheit, die Kälte, die Härte, die scheinbar selbstverständliche Unverschämtheit, die der Reichtum einzugeben scheint.

Ich fühlte, so geht es nicht weiter. Und schon damals – verstehe mich recht –, schon damals begann ich meine Maßnahmen zu treffen. Ich hatte es satt, mich täglich beleidigen und demütigen zu lassen. Der Haß trat mir in die Augen, wenn ich den alten Mann nur ansah. Aber siehst du, er beachtete mich ja gar nicht.

Ein halbes Jahr später hatte ich verschlafen und kam fünfzehn Minuten zu spät. Nun mußt du wissen, daß ich fast anderthalb Jahre bei Raucheisen war und im ganzen acht Tage Urlaub gehabt hatte. An diesem Tage sagte Raucheisen nichts. Ich empfand deutlich die Kälte, die er ausströmte. Am nächsten Tage wurde ich in eine andere Abteilung versetzt. Er hatte kein Wort gesprochen, er hatte sich nicht von mir verabschiedet. Das setzte allen Kränkungen die Krone auf.

Aber die Ungnade des alten Mannes war mein Glück. In dieser Abteilung hatte ich viel mehr Zeit, viel mehr Sammlung, und ich konnte meinen Schlachtplan ausarbeiten. Nun sollst du weiter hören, und es wird dir Vergnügen machen. Aber erst wollen wir den Musikern ein Glas schicken!“

Eine kleine russische Kapelle war in das Restaurant gekommen und hatte zu konzertieren begonnen. Wenzel beorderte den Kellner und ließ der Kapelle Erfrischungen schicken. „Sie sollen das Wolgalied spielen!“ Und, schon spielten und sangen die Russen das Wolgalied.

„Höre!“ rief Wenzel aus. „Das ist ein Lied! Höre zu, dieses Lied berauscht mich, und ich höre es immer in meinen Ohren, seitdem ich unterwegs bin.“

Michael zog die Uhr und berichtete Wenzel etwas verlegen, daß er Lise versprochen habe, bis elf Uhr telephonisch Nachricht zu geben. „Willst du ihr nicht irgendein gutes Wort durch das Telephon sagen, Wenzel?“ bat Michael den Bruder.

Wenzel schüttelte nur heftig den Kopf. Er brauste nicht mehr auf, der Wein hatte ihn schon versöhnlicher und milder gestimmt. Aber er blieb halsstarrig. Michael wagte einen neuen Versuch. Lise sei vorhin am Apparat so außerordentlich erregt gewesen, daß er aufs äußerste erschrocken sei. Lise habe erklärt, daß sie die Nacht nicht überleben würde, wenn Wenzel nicht nach Hause käme. Sie habe gedroht, sich aus dem Fenster zu stürzen.

Nun stieg Wenzel das Blut ins Gesicht. Er beherrschte sich jedoch, sein Atem ging schwer. „So soll sie sich meinetwegen aus dem Fenster stürzen!“ sagte er, und sein Mund war hart und brutal. „Möchten doch alle Menschen in die Hölle gehen, die ihre Mitmenschen mit diesen feigen Drohungen quälen!“

Michael stand auf. „Nun, ich werde ihr irgendein Wort sagen, um sie zu beruhigen. Zum Beispiel, daß du sie morgen anrufen wirst.“

„Sage, was du willst,“ sagte Wenzel, schon wieder etwas ruhiger.

18

Schweren Herzens forderte Michael die Verbindung. Es gab nichts Peinlicheres für ihn, als Notlügen gebrauchen zu müssen. Lieber Himmel, was sollte er der unglücklichen Lise nur sagen? Er würde ihr also erzählen, daß sie einträchtig beisammen säßen, daß er Wenzel versöhnlicher gestimmt habe und morgen bei ihr vorsprechen werde, um ihr über alles zu berichten, daß er – aber, siehe da, Lise war gar nicht zu Hause.

„Gnädige Frau ist ausgegangen,“ sagte das Mädchen.

„Sie ist nicht zu Hause?“

„Nein, sie ist bei Major Puchmann und kommt erst gegen zwölf Uhr zurück.“

Michael atmete auf.

Das Wolgalied hatte stürmischen Applaus. Wenzel war aufgestanden und trank der russischen Kapelle mit einer begeisterten Geste zu.

„Spielt es nochmals!“ schrie Wenzel den Musikern zu. Er hatte leuchtende Augen. „Welch ein Lied, Michael! Höre doch.“

Die Kapelle spielte das Lied abermals.

„Lise ist bei Major Puchmann,“ berichtete Michael, als die Kapelle geendet hatte.

Wenzel lachte laut heraus. „Siehst du!“ rief er. „So sind die Frauen! Man darf sie nicht zu ernst nehmen. Ach, wir wollen sofort eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“

„Und nun, Wenzel, erzähle weiter,“ sagte Michael, nachdem der Kellner die neue Flasche gebracht hatte. „Du sagtest vorhin, dieses Lied klänge in deinen Ohren, seitdem du unterwegs bist. Unterwegs? Was heißt das? Ein merkwürdiger Ausdruck!“

Wenzel nickte. „Ja,“ erwiderte er, „seitdem ich unterwegs bin. Du mußt nämlich wissen, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin!“

„Also sprich deutlicher! Was tust du, was willst du? Was hast du vor?“

„Was ich vorhabe, Michael? Ich werde es dir mit einem Worte sagen!“ Wenzel sah Michael mit starren, glänzenden Augen an. „Ich bin unterwegs, ein Raucheisen zu werden,“ sagte er dann.

Michael begriff nicht. „Ein Raucheisen?“

„Ja, ein Raucheisen!“

Michael sah den Bruder verblüfft und völlig verständnislos an. „Ist es wirklich dein Ernst?“ sagte er. „Was heißt das, ein Raucheisen zu werden?“

„Was das heißt? Mißverstehe mich nicht. Nicht einer von jenen kleinen Raucheisen, wie es Dutzende gibt, sondern ein wirklicher Raucheisen. Wenn er es vermocht hat, weshalb soll ich es nicht können? In dieser Zeit des wirtschaftlichen Chaos ist alles möglich.“

Michael war noch immer fassungslos. „Aber ich verstehe nicht, was für einen Sinn soll es haben, was für einen Zweck? Sagtest du vorhin nicht selbst –“

Aber Wenzel unterbrach ihn: „Ein Raucheisen, weißt du, was das bedeutet? Es bedeutet absolute und letzte Unabhängigkeit! Ich will, siehst du, um es kurz zu sagen, auch endlich zu den Leuten gehören, die auf den Knopf drücken, und dann kommen die Sekretäre herein, und die Autos fahren vor. Ich habe keine Lust mehr, als Automat behandelt zu werden und andern Leuten den Narren zu machen. Wozu? Ein schönes Leben, schöne Dinge, Pferde, Automobile, Wein, Frauen, Reisen.“

Michael schüttelte den Kopf. „Aber ist dies ein Ziel?“ fragte er. „Kann dies einen Lebensinhalt bilden?“

„Lebensinhalt? Ziel? Was für große Worte. Ich bin kein ägyptischer Pharao.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Wäre ich ein ägyptischer Pharao, so würde ich mir sagen: Es ist einerlei, wie lange und auf welche Weise ich lebe – in meiner Pyramide werde ich ewig leben. Aber ich habe keine Ewigkeit vor mir. Wenn ich tot bin, ist alles zu Ende. Ich bin nicht dünkelhaft genug, um an ein ewiges Leben zu glauben. Fünfzig, sechzig Jahre, und in dieser Zeit muß alles vollendet sein. Alle denken so, heute, mehr oder weniger bewußt. Daher unsere Eile – Schnellzüge, Schnelldampfer, Flugzeuge. Um aber diese fünfzig, sechzig Jahre vollzufüllen, vollzufüllen bis zum Rand, Michael, dazu brauche ich Geld, Geld! Habe ich Geld, so habe ich alles: Freiheit, Gesundheit, die Erde, die Sonne, Schönheit, Liebe – alles andere ist Unsinn.“

Michael war erbleicht. Er schüttelte ganz verstört den Kopf. „Wie töricht, wie töricht,“ wiederholte er fast zornig. „Wenzel! Sprachst du nicht selbst vorhin voller Verachtung –?“

„Verstehe mich recht, Michael. Ein Ziel muß der Mensch haben, und wenn es auch nicht gerade ein erhabenes Ziel ist. Was ich soeben sagte, ist meine Philosophie, und danach will ich handeln. Verächtlich oder nicht, das ist mir gleichgültig. Ich habe nicht die Gabe, mich für eine Idee zu begeistern wie du. Ich habe auch, offen gestanden, keinen Glauben an die Menschen mehr.“

„Keinen Glauben an die Menschen mehr?“

„Glauben? Haß, Verachtung, das ist alles, was mir blieb. Oh, ich verabscheue sie. Ich habe ihre Feigheit, Grausamkeit, Eitelkeit, ihren Geiz, ihre Habsucht, Albernheit und ihren schmutzigen Egoismus zur Genüge kennengelernt. Ich glaube auch nicht mehr an sogenannte Ideale. Siehst du, so völlig bankerott bin ich, Michael. Ganz wie diese Zeit und diese Welt, in der alles bankerott geworden ist, Glaube, Wissenschaft, alles.“

„Täusche dich nicht,“ warf Michael sofort eifrig ein. „Keineswegs ist der Glaube bankerott. Fühlst du nicht, daß in allen Herzen ein neuer Mystizismus erwacht? Und die Wissenschaft? Der Materialismus ist bankerott, nicht sie. Die Wissenschaft ist soeben in eine neue Epoche eingetreten, die glänzender sein wird als alle vergangenen.“

„Sei es,“ entgegnete Wenzel, „du kannst recht haben. Aber du kannst mich nicht überzeugen! Du kannst rufen, so laut und so lange du willst, ich höre und verstehe dich nicht mehr, Bruder. So wahr es ist, daß du der einzige Mensch bist, den ich liebe und achte, so wahr ist das, was ich sage.“ Wenzel deutete auf sein Herz. „Hier liegt ein Toter. Er steht nicht mehr auf,“ sagte er etwas pathetisch.

Es war nicht so sehr das Bekenntnis Wenzels, das Michael erschütterte, es war der verzweifelte, zynische Ton, in dem er es vorbrachte. „Nun bedaure ich es noch mehr,“ sagte er, „daß du mich nicht auf dem Land besucht hast, vielleicht wärst du dort auf andere Gedanken gekommen.“

„Wie konnte ich denn?“ erwiderte Wenzel. „Bedenke, mein Ziel reizt mich ebenso, wie dich das deine reizt. Es lockt, und ich kann nicht mehr widerstehen. Es ist zu spät, Michael. Ich bin auf dem Absprung! Hörst du? Ich bin auf dem Absprung. Mehr noch: ich bin schon abgesprungen! In die Leere – in das Nichts vielleicht. Ich weiß, daß es kein großes Ziel ist. Trotzdem! Ob ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, wer weiß es? Komm, und nun sollst du etwas sehen, Michael!“

Hastig brach Wenzel auf.

Vor dem Restaurant stand eine elegante, schwarzlackierte Limousine. „Steige ein,“ sagte Wenzel mit einer fast knabenhaften Freude über Michaels verblüfftes Gesicht.

„Ist es dein Wagen?“ fragte Michael.

„Natürlich ist es mein Wagen. Anders geht es nicht.“

Der Wagen hielt vor einem Bureaugebäude in der Wilhelmstraße. „Folge mir,“ sagte Wenzel, und zögernd kam Michael hinterher. An einer Tür stand nichts geschrieben als „Schellenberg“. Ein Diener öffnete, und Wenzel führte Michael durch eine Flucht großer Arbeitsräume voller Schreibmaschinen und Bureaumöbel. Alles war völlig neu. Man roch noch Lack und Farbe.

„Das alles hier ist Schellenberg,“ sagte Wenzel mit einem fröhlichen Lachen. „Wir haben diese Räume erst vor einer Woche bezogen. Vorher hauste ich in ein paar Löchern in einem Hof, ganz im Geheimen, sozusagen.“ Wenzel öffnete eine Tür und führte Michael in ein sehr bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer. Neben der eisernen Bettstelle stand ein Stuhl mit einem Telephonapparat. „Das hier sind meine Privatgemächer,“ erklärte Wenzel. „Vorläufig, Bruder, vorläufig nur. Wir wollen sehen, ob ein Schnaps zu finden ist. Ah, siehst du, hier. Ich bitte dich herzlich, Michael, ein Gläschen wollen wir noch trinken, bevor die große Reise weitergeht.“

Michael staunte noch immer. „Was tust du eigentlich?“ fragte er den Bruder. „Was für eine Firma hast du? Wie hast du dies alles geschaffen?“

Gerade auf diese Frage hatte Wenzel gewartet. Hätte Michael nicht gefragt, so hätte er von selbst davon zu sprechen begonnen. „Was ich tue?“ fragte er und ging, die Hände in den Hosentaschen, auf und ab. „Ich kaufe, ich verkaufe. Ich fing damit an, die Holzladung eines viertausend Tonnen großen finnischen Dampfers zu kaufen. Es war Grubenholz, das der Raucheisenkonzern aus irgendeinem Grunde nicht abgenommen hatte. Ich erfuhr es und kaufte das Holz auf eigene Rechnung. Ich verkaufte die Ladung zwei Wochen später, ohne sie je gesehen zu haben. So fing es an.“

„Hattest du denn Geld?“ unterbrach ihn Michael.

Wenzel lachte. „Geld? Ich hatte kein Geld, aber ich hatte Kredit. Damals war ich ja noch bei Raucheisen. Es gab Bankfirmen, die auf meine Vermittlung, Empfehlung und Freundschaft angewiesen waren. Eine einzige Information von meiner Seite konnte ein kleines Vermögen bedeuten.“

„Ah, jetzt fange ich an, zu begreifen.“

„Ich habe, höchst einfach, meine Verbindungen mit dem Raucheisenkonzern benutzt, wie andere ihre Verbindungen benutzten. Es ist vielleicht nicht vollkommen – wie soll ich sagen – honorig, aber ich habe mir diese feinen Unterschiede längst abgewöhnt. Dann kaufte ich ein kleines Bergwerk im Anhaltischen, um es nach einem Monat wiederum an einen Holländer zu verkaufen. Es war ein großes Geschäft, das mir die nötige Anfangsgeschwindigkeit gab, und doch habe ich dafür nicht einen Pfennig Geld ausgegeben. Ich habe das Bedürfnis, mich dir mitzuteilen, Michael, und so will ich dir nicht verhehlen, daß dieses Bergwerk Raucheisen angeboten war. Raucheisen zögerte. Ich kam ihm zuvor und ließ das Bergwerk rasch durch meine Bank ankaufen. Nun brauchte ich Raucheisen nicht mehr. Ich kündigte meine Stellung. Nicht er hat mich entlassen, ich entließ ihn! Das kannst du Lise sagen! Und so ging es weiter. Ich lieh Geld und arbeitete damit, ganz wie andere es machen, ganz wie Raucheisen es macht. Zur Zeit spezialisiere ich mich auf Papierfabriken.“

Michael erhob sich. „Nun gut, ich wünsche nur, daß du es nicht bereust.“

„Schön, dann also lebe wohl! Unsere Wege werden sich wohl vorläufig etwas trennen, so fürchte ich.“

„Ich fürchte es,“ antwortete Michael und blickte zu Boden.

„Warte, halt!“ rief Wenzel und ging an einen Schreibtisch. „Ich will dir etwas sagen, Michael. Du kannst vielleicht Geld brauchen, für deine Pläne, und ich habe gerade Geld. Nimm es. Wie gesagt, mein Gewissen ist noch nicht ganz so abgestumpft wie das anderer Geschäftsleute. Zuweilen ist es noch ein bißchen beunruhigt. Ich möchte mich sozusagen freikaufen mit diesem Scheck, von gewissen sozialen Verantwortungen, und du tust mir einen großen Gefallen, wenn du ihn annimmst.“

Es war ein Scheck von außerordentlicher Höhe.

„Schön,“ sagte Michael. „Ich nehme den Scheck, denn ich gebrauche ja das Geld nicht für mich. Gut, gut, und nun lebe wohl!“

Die Brüder reichten sich die Hände und sahen sich in die Augen. Oh, es hatte keiner Angst vor dem andern, und keiner wich um einen Millimeter zurück.

„Den Wagen!“ rief Wenzel dem Diener zu.

„Danke,“ antwortete Michael. „Ich gehe zu Fuß. Lebe wohl!“

Und er ging mit der Trauer im Herzen, seinen Bruder verloren zu haben.

19

Was Georg Weidenbach in den ersten Wochen nach seiner Abfahrt von Berlin da draußen auf dem Lande erlebte, schien ihm gleich verwunderlich wie das sonderbare Haus in der Lindenstraße.

Er meldete sich in der kleinen Stadt, die man ihm bezeichnet hatte, und hier schickte man ihn in ein Dorf, Dobenwitz, etwa eine halbe Wegstunde entfernt. Die Nacht sank schon über das flache, öde Land, als Georg, erschöpft und vor Kälte zitternd, Dobenwitz zu Gesicht bekam. Bei den ersten Hütten holte ihn ein klingender, mutiger Schritt ein. Ein junger, breitschultriger Mann in einer gestrickten Wolljacke trat dicht an ihn heran und blickte ihm unter den Hut.

„Zur Arbeitsstelle?“ fragte er mit einer hellen, freundlichen Stimme, die augenblicklich Georgs Vertrauen gewann. „Nun, so gehen wir zusammen.“ Der breitschultrige junge Mann in der Wolljacke war munter und gesprächig. Er erzählte, daß er Schlächter sei, Moritz mit Vornamen, aber es seien elende Zeiten. Seit Monaten sei er ohne Arbeit, obschon er sich die Beine krumm gelaufen habe. „Was willst du?“ rief er aus. „Niemand hat Geld, um Fleisch zu kaufen. Die Schlachthöfe sind verödet. Wo sie früher dreitausend Stück antrieben, da treiben sie heute keine fünfhundert an. Da hast du es!“

„Was für eine Arbeit wird man uns hier geben?“ fragte Georg, von der Munterkeit des Gefährten ermutigt.

Das wußte Moritz nicht. Es war ihm auch völlig gleichgültig, wenn es nur Arbeit war. Steineklopfen oder Erde karren, einerlei, immer noch besser, als auf der Straße zu liegen. Er hatte nur gehört, daß sie hier außen einen Kanal bauten. Allerdings, um ganz ehrlich zu sein, großes Vertrauen hatte er zu dieser Sache nicht! Etwas stimmte da nicht oder –? Er schob die Mütze ins Genick und kratzte sich den Kopf. Dann entwarf er von diesem Unternehmer Schellenberg kein sonderlich günstiges Bild. Er bezahle nur ein Viertel der Löhne in bar und die übrigen drei Viertel in Versprechungen. „Ha? Wie? Aber was solle man tun? Besser als auf dem Pflaster verrecken. Was bleibt uns armen Hunden übrig?“

Das Dorf lag dunkel und verlassen im Regen. Keine Seele weit und breit, nicht einmal ein Hund schlug an. Das letzte Haus aber zeigte ein matterleuchtetes Fenster. Ein Schatten ging vor dem Hause auf und ab. Georg roch den Rauch von Tabak.

„Arbeitsstelle?“ schrie der Schlächter.

„Richtig!“ antwortete eine klare Stimme, und der Schatten trat in den Lichtschein. Es war ein noch ziemlich junger schlanker Mann, der eine Pfeife in der Hand hielt. Trotz der Dunkelheit sah Georg, daß er nur einen Arm hatte. „Noch zwei!“ rief der junge Mann mit komischer Verzweiflung aus. „Sie senden mir mehr und mehr, der Teufel soll sie holen! Was soll ich mit euch anfangen? Nun, es wird gehen, es muß gehen. Tretet ein!“

Das kleine Haus war eine Art Scheune. Im Lichtschein einer Talgkerze, die auf den Tisch geklebt war, unterschied Georg eine Anzahl von Gestalten, die auf dem Stroh lagen und offenbar schliefen. Ein großer breitgebauter Mann lehnte mit dem Rücken gegen die Wand und starrte sie mit großen fiebernden Augen an, ohne ein Wort zu sprechen und ohne eine Miene zu verziehen. Einer drehte sich im Stroh herum und erwiderte mürrisch ihren Gruß. Woher waren sie alle gekommen, und welches Schicksal hatte sie hierher in die Einöde geführt? Wie lange fieberten die Augen dieses Mannes schon, bis er den Weg nach Dobenwitz gefunden hatte?

Der Einarmige öffnete die Türe und sagte halblaut: „Ich habe nur ein Stück Brot heute abend. Ich war auf euch nicht eingerichtet. Nehmt es aus dem Tisch! Es ist mein Brot, aber ich gebe es euch gern. Und nun gute Nacht, Kameraden!“

Georg erinnerte sich, daß das Unternehmen sich verpflichtete, die Arbeiter zu verpflegen.

„Das also nennen sie Verpflegung,“ sagte der Schlächter und schnitt das Brot in zwei Teile. „Hier, nimm! Wenn sie uns morgen nicht besser füttern, laufe ich nach Berlin zurück.“

Dann warf sich Moritz kauend ins Stroh, und bald schlief er ein.

Georg suchte sich ebenfalls einen Winkel und streckte die zerschlagenen Glieder aus. Hinter der Wand rasselte eine Kette, eine Kuh schnob. Das Talglicht erlosch, und nun war es ganz dunkel. Trotzdem konnte Georg sehen, daß der Einarmige ohne Pause vor dem Hause auf und ab ging, wie ein Wachposten. Zuweilen stoben Funken aus seiner Pfeife.

Dobenwitz? Und was soll all das bedeuten? Betäubt von der frischen Luft und ermüdet von der Reise fiel Georg in einen unruhigen Schlaf, die ganze Nacht hindurch von schrecklichen Träumen gemartert. Er empfand es als Wohltat, daß er am Morgen all diese entsetzlichen Träume, in denen auch Christine eine Rolle spielte, völlig vergessen hatte.

20

„Aufstehen und fertig machen zur Arbeit!“ rief die helle Stimme des Einarmigen, und die Schläfer fuhren aus dem Stroh. „Auch dich meine ich, Kamerad,“ fügte er hinzu und zog den Schlächter am Bein. „Immer munter, Kinder!“

Das Frühstück bestand aus warmer Milch und Schwarzbrot.

„Es wird schon besser, siehst du,“ lachte der Schlächter und stieß Georg an.

Vor dem Hause wartete auf der Straße ein kleiner Bauernwagen mit einem schmutzigen Schimmel. Der Wagen war beladen mit Sägen, Äxten, Spaten und allerlei Gerät.

„Fahr nur voraus!“ rief der Einarmige dem Bauern zu, der auf dem Wagen saß. „Du kennst ja den Weg.“ Und der Schimmel setzte sich in Bewegung.

Mißmutig, verschlafen, verstört und vergrämt setzte sich die Rotte von Männern in Bewegung. Sie waren im ganzen zwölf, mit dem Einarmigen, der langsam hinter ihnen herging, dreizehn.

Der Regen hatte etwas aufgehört, und die Felder dampften. Es schien dürftiger Boden zu sein. In dem schiefergrauen, riesenhaften Himmel war ein heller Fleck von noch kälterer grauer Färbung. Dort hinten, irgendwo hinter meilendicken Nebelwänden, mußte sich die Sonne befinden.

Vor ihnen lag ein großer Wald, in den die schmale, schlechtgehaltene Landstraße schnurgerade hineinführte. Offenbar war dieser Wald ihr Ziel. Aus den Äxten und Sägen konnte man auf die Arbeit schließen, die man ihnen zuweisen würde.

Ohne ein Wort zu sprechen trotteten sie dahin. Der große breitgebaute Mann mit den fiebernden Augen, der Georg am Abend aufgefallen war, ein Zimmermann, schwankte zuweilen beim Gehen. Nach etwa einer halben Stunde hatten sie den Wald erreicht, und nach einer weiteren halben Stunde schien es, als ob sie im Herzen eines unendlichen Waldes angekommen wären. Der Einarmige befahl Halt, und der Wagen blieb stehen.

„Abladen!“ kommandierte der Einarmige. Niemand rührte sich. Alle standen sie und starrten den Wagen an. Der Einarmige lachte laut heraus. „Seid ihr denn eine Gesellschaft von Narren? Habt ihr noch nie einen Wagen abgeladen? Munter, Kinder, munter. Ich heiße Lehmann und verstehe keinen Spaß!“ Aber er lachte, als er diese Warnung aussprach.

„Dahin! Dorthin!“ kommandierte Lehmann mit seiner hellen Stimme zuweilen. Er ging langsam auf der schmutzigen Straße hin und her, sog an seiner kurzen Pfeife und lächelte vor sich hin, das zarte Gesicht in die Höhe gerichtet, Regentropfen auf den Augen und auf den frischen roten Wangen. Dann – der Wagen war fast entladen – ging er ein Dutzend Schritte in den Wald und deutete auf einige eingeschlagene weiße Pfähle. „Hier, wo die Pfosten stehen, soll der Schuppen Nr. 1 stehen!“ rief er. „Das Unterholz zuerst weg, dann die Bäume. Spaten, Äxte!“ Plötzlich blickte er Georg ins Gesicht. „Leiten Sie das Abholzen,“ sagte er zu ihm. „Das Material für den Schuppen kann jeden Augenblick kommen, und wir kommen in die Nacht hinein.“ Laut schrie er über die Kolonne hinweg: „Wir kehren heute nicht mehr ins Dorf zurück! Munter, Kinder! Arbeitet, damit wir heute Nacht unter Dach kommen!“

Unter Dach kommen? Wie stellte er sich das vor?

Und wieder ging Lehmann auf der schmutzigen Landstraße auf und ab, zwanzig Schritte vor und zwanzig Schritte zurück, und rauchte. Nur zuweilen setzte er sich auf einen Stein, um die Pfeife zu stopfen. Er klemmte sie zwischen die Knie, stopfte den Tabak mit dem Daumen hinein, dann nahm er die Streichholzschachtel zwischen die Knie, strich das Streichholz an und setzte die Pfeife in Brand.

Schon kam Moritz mit einer Axt. Er hatte die Ärmel der Wolljacke hinaufgestülpt, herausfordernd sah er eine Fichte an. Die Muskeln seines Nackens schwollen an, und schon hieb er den Stamm, daß die Späne flogen.

„Was für ein Schuppen soll hierherkommen?“ fragte ein kleiner Krummbeiniger mit großem Schnauzbart, Schlosser seines Zeichens, und blickte Georg hilflos an.

„Rede nicht, arbeite!“ antwortete ihm Moritz an Georgs Stelle. „Was kümmerst du dich um Dinge, die dich nichts angehen?“

Blaugefroren und zitternd vor Schwäche leitete Georg die Arbeit, die Axt in der Hand. An den eingeschlagenen Pflöcken konnte er erkennen, daß der erste Schuppen etwa zwanzig Schritt lang und zehn Schritt breit werden sollte. Einige Schritte davon entfernt war ein zweiter Schuppen von etwa dreifacher Größe abgesteckt und daneben ein dritter von der gleichen Größe.

„Was soll hier geschehen?“ fragte der kleine krummbeinige Schlosser hartnäckig.

„Offenbar sollen wir den Wald abholzen,“ antwortete Georg.

Der Schlosser warf einen verzweifelten Blick in die Kronen der hohen Föhren und Fichten empor und schüttelte den Kopf.