Die Brüder Schellenberg

Part 9

Chapter 93,652 wordsPublic domain

Unterdessen war der Wagen völlig abgeladen, und Lehmann gab dem Bauern Instruktionen. Er möge sofort einen Boten ins Depot schicken und sagen lassen, er, Lehmann, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen – aber der Einarmige fluchte gar nicht, sondern er lächelte ganz freundlich –, lasse die ganze Gesellschaft verfluchen, wenn man nicht sofort die Autos mit dem Material für den Schuppen sende. Sie säßen hier im Regen. „Radfahrer brauche ich, Boten!“ Und der Teufel soll sie holen, wenn das Material nicht heute noch eintrifft. „Du aber,“ sagte er zu dem Bauern, „siehst zu, daß du möglichst schnell den Proviant herbringst. Meine Leute müssen essen. Also nun los, mein Freund, und laß deinen Renner laufen.“

Moritz stieß Georg den Ellenbogen in die Seite. „Was sagte ich dir!“ rief er. „Es sind die richtigen Ausbeuter! Höre nur, wie der kleine Leutnant kommandiert, wir werden hier nichts zu lachen haben.“ Der Schlächter arbeitete, daß ihm der Schweiß über das breite gutmütige Gesicht lief. Nach monatelanger Untätigkeit berauschte er sich an der Arbeit.

Eine Zeitlang hatte der hellgraue Fleck da oben über den finsteren Kronen einen lebhafteren Glanz angenommen. Es waren schon einzelne blendende Flecke sichtbar geworden, und Georg hatte gehofft, die Sonne würde endlich durchbrechen. Nun aber begann es wieder zu regnen. Es war nicht niedergehender Nebel wie vorher, es regnete in dünnen Schnüren. Und plötzlich pfiff der Wind, und es begann zu graupeln und zu schneien. Im Augenblick war der Wald weiß.

Der Zimmermann mit den fiebernden Augen, der, die großen Hände auf den Knien, teilnahmlos auf einer Kiste saß, begann vor Kälte zu zittern. Man fluchte und schimpfte. Welche Schweinerei und was für eine verrückte Arbeit! Der Teufel solle diesen Schellenberg und die ganze Bande holen! Georg fühlte, wie sich sein ganzer Körper mit einer Eisschicht überzog. Der Schlächter in seinem Wollkittel aber lachte. „Das bißchen Wasser? Schämt euch, was für Kerle seid ihr!“

„Und wo sollen wir schlafen heute nacht? Auf dem nassen Boden?“

„Schurken sind das! Schleppen uns mitten in den Wald, damit wir hier krepieren!“

„Und wie steht es mit dem Futter?“

Ein junger Mann mit feindseliger Miene warf die Axt hin und spie aus. „Ich bin kein solcher Narr!“ rief er aus und ging mit schnellen wütenden Schritten davon. Bald war er außer Sicht.

„Laßt den Langen ruhig nach Berlin zurücklaufen!“ lachte Moritz. „Die Bauern werden die Hunde auf ihn hetzen!“

Da tauchte Lehmann im Schneegestöber auf der Landstraße auf. „Der Schuppen kommt!“ schrie er laut.

Und in der Tat, auf der Landstraße, inmitten des Schneegestöbers, kamen zwei mächtige Lastautos mit Balken und Brettern angefahren. Auf diesen Balken und Brettern standen zwei verwegene Burschen, halbnackt in der Kälte, herkulisch gebaut, die reinen Athleten. Diese verwegenen Burschen schrien schon, bevor die Autos standen, und begannen augenblicklich Balken und Bretter hinunterzuwerfen.

„Seht ihr, so wird bei uns gearbeitet,“ sagte Lehmann mit triumphierendem Lächeln.

Die Balken und Bretter waren mit Nummern und farbigen Zeichen versehen, und die verwegenen Burschen dirigierten das Abladen.

„Die roten Zeichen dorthin und die grünen dorthin!“ Es konnte ihnen nicht schnell genug gehen. Trotz des Schneegestöbers lief allen der Schweiß vom Gesicht, und schon setzten sich die Autos wieder in Bewegung.

„Wohin fahrt ihr?“

„Nach Glücksbrücke!“

„Geht es dort vorwärts?“

„Sie wollen die Häuser noch aufstellen, bevor der Frost kommt!“

Die Häuser aufstellen? Was für ein sonderbarer Ausdruck!

„Grüßt den Chef!“

Schon waren sie verschwunden. Augenblicklich wurde der Bau des Schuppens in Angriff genommen.

„Zurücktreten!“ brüllte der Schlächter, genau wie die Stationsbeamten schreien, wenn ein Schnellzug heranbraust. Er balancierte auf der Schulter einen schweren Balken, den zwei Mann kaum tragen konnten. Seine Blicke nach links und rechts heischten Bewunderung.

Lehmann hatte sich eine neue Pfeife angezündet und gab klar und ruhig seine Befehle. Der Schuppen war bis ins kleinste vorgearbeitet und brauchte nur aufgestellt zu werden.

Nun ging es plötzlich. Die Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit war verschwunden. Alle griffen eifrig zu. Die Arbeit hatte plötzlich Sinn und Ziel. Es galt ein Obdach für die Nacht zu schaffen.

In der Kolonne befand sich ein alter Maurer, dem das Alter die Beine krummgezogen hatte. Er war in großer Erregung. Verzweifelt ging er hin und her und suchte bei den Kameraden Gehör zu finden. Endlich hielt er es nicht mehr aus und trat zu Lehmann, der ihn ruhig anhörte, ohne den Blick von der arbeitenden Kolonne zu wenden.

„Fundamente?“ sagte er endlich. „Lieber Freund, wozu sollen wir Fundamente mauern, der Schuppen ist ja nur provisorisch.“

Selbst der Große, Bleiche, der Zimmermann, hielt es auf seiner Kiste nicht mehr aus. Er kroch heran und setzte sich auf einen Baumstamm, um wenigstens zuzusehen. Die Sehnsucht, mitzuarbeiten, brannte in seinen kranken Augen. Schließlich erhob er sich, um mit anzupacken.

„Bleiben Sie weg!“ rief Lehmann. „Werden Sie mir erst gesund!“ Und den andern schrie er zu: „In einer Stunde ist es Nacht. Schlagt ein Dach zusammen! Ein paar provisorische Wände gegen den Wind. Hier sind Bretter, Äxte, Nägel. Und dann Feierabend, Schluß für heute. Zündet ein Feuer an! Was für Narren seid ihr! Hier ist Holz in Fülle, und ihr friert!“

Ein Feuer! Herrliche Idee! Weshalb war niemand auf diesen Gedanken gekommen? Einer blickte den andern an, zitternd vor Kälte und blau gefroren.

Im Nu flammte das Feuer auf, Späne, Äste. Es lohte mächtig in der Dunkelheit, und eine beizende dicke Rauchwolke stieg bis in die Kronen der Bäume empor.

„He, du da auf deiner Kiste!“ rief der krummbeinige Schlosser, „komm hierher und wärme dich!“

Wärme, die die durchnäßten Kleider trocknete. Schon entspannten sich die bleichen, mürrischen Gesichter. Glühende Äste sprangen durch die Luft, und die brennenden Tannenzweige verbreiteten einen erfrischenden, starken Geruch. Dieses Dasein im Walde, das vor ein paar Stunden unmöglich schien und Trostlosigkeit in allen Herzen erweckte, es erschien nun schon erträglicher, fast wie ein Abenteuer.

21

Plötzlich war es Nacht geworden. Eine feindselige, kaltblinkende Finsternis, und aus dieser Finsternis, die erschrecken konnte, tauchte plötzlich ein gespenstisch flammendes Pferd, ein scheinbar riesiger, glühender Schimmel, im Feuerschein auf. Der Bauer war zurückgekehrt mit Stroh und Proviant.

„Ist hier jemand, der etwas vom Kochen versteht?“ fragte Lehmann.

Ein dünnbeiniger hagerer Mann, mit mächtiger Hakennase, trat vor. Ein Kellner, der früher, wie er behauptete, auf den großen Ostasiendampfern Dienst gemacht habe.

„Nun gut, nehmen Sie die Sache in die Hand.“

Der Kellner zog den Rock aus und fing augenblicklich an mit großer Gewandtheit zu wirtschaften. Kartoffeln, Erbsen, geräucherte Wurst. Schon dampfte der Kessel, und es dauerte nicht lange, so war die Mahlzeit fertig. Die Blechgeschirre in der Hand, hockte die Arbeitskolonne um das Feuer. Wie das schmeckte! Gierig schlangen sie die Mahlzeit hinunter, manche verbrannten sich Lippen und Mund.

Ohne Gnade enthüllte der grelle Schein des Feuers die Abgezehrtheit und Blässe der Gesichter, die fahlen Wangen mit den Hungerfurchen, die Lumpen, die den Körper bedeckten. Fast alle starrten ins Feuer, die Gedanken weit von hier, während sie die Mahlzeit aus den Blechgeschirren löffelten. Fiebernde Augen, andere stumpf verkrochen in die Höhlen, ohne Blick, als scheuten sie sich, noch mehr zu sehen von dieser Welt. Augen, entzündet von Entbehrungen, gerötet von ungeweinten Tränen, Augen, deren Blick unstet irrte, Augen, angefüllt mit Angst und Schrecken. Und alle starrten ins Feuer, und jedes Auge sah in der Flamme ein anderes furchtbares Bild: bettelnde Kinder, hungernde Frauen, frierende alte Leute, Kranke, die auf Lumpen lagen. Gesprochen wurde nicht, kaum daß dann und wann eine Bemerkung fiel. Man war müde, verstimmt, argwöhnisch und ohne Hoffnung.

Georg, vor Erschöpfung fiebernd, sah sich die Gefährten genauer an. Da war zuerst Moritz, der Schlächter, dessen stahlblaue Augen lebenslustig sprühten, breit, mit Muskeln bepackt, ein untersetzter Boxer. Er lächelte vor sich hin und strich zuweilen sein kleines helles Schnurrbärtchen, das zu knistern schien. Er war der einzige, der ohne Sorge war. Da war der dünnbeinige Kellner, dessen große Hakennase einen mächtigen Schatten über das bläulich-weiße hohlwangige Gesicht warf. Unaufhörlich nagte er an der Lippe, als quäle ihn ein und derselbe Gedanke. Seine pechschwarzen Rattenaugen flackerten unruhig. Da war der bleiche große Zimmermann mit den groben Händen und den glühenden Fieberaugen. Er berührte kaum das Essen. Da war der kleine krummbeinige Schlosser mit dem großen Schnauzbart. Er hieß Heinrich. Er konnte nicht eine Minute auf einem Platz stillsitzen. Immer erhob er sich wieder, um Zweige zu brechen und sie ins Feuer zu werfen. Neben ihm kauerte der alte Maurer, ein kleiner Mann, mit fahlem Greisengesicht. Seine Augen tränten. Er hatte über den Schädel einen alten breitkrempigen Hut gestülpt, der offenbar einmal auf einem Maskenball mitgewirkt hatte. Rings um die Krempe waren noch Spuren einer Pleureuse zu sehen, die einstmals herumgenäht war und schlecht abgetrennt wurde.

Da war noch ein älterer Mann, in einen langen geflickten alten Soldatenmantel gewickelt. Der Schlächter titulierte ihn „Herr General“. Er hatte mächtige Brauen, wie Vogelfedern. Sein eckiger Schädel war völlig kahl, aber sein Bart, wenn auch dünn, reichte bis auf die Brust. Irgendein gestrandeter Krämer oder Handwerker. Er war nahezu eingeschlafen und schwankte in seinem grauen Soldatenmantel hin und her. Da war ein junger Mann mit einem Diebsgesicht und abstehenden großen Ohren, die im Feuerschein lackrot glühten. Er trug eine Hose und ein zerfetztes Hemd und sah grüngefroren aus, trotzdem er sich so dicht ans Feuer gesetzt hatte, daß seine zerrissenen Stiefel dampften. Da waren noch ein paar nichtssagende Gesichter, ein Kriegskrüppel mit einem Glotzauge.

Das also waren die Gefährten, die ihm das Geschick zugewiesen hatte. Jeder dieser Männer war vom Schicksal getroffen, sonst säße er nicht hier in der Finsternis des Waldes. Die einen waren verbraucht, und die Wirtschaft hatte keinen Platz mehr für sie, andere waren nicht mitgekommen und gestrandet, andere ein Opfer der wirtschaftlichen Krisis. So saßen sie also und starrten ins Feuer und wälzten ihr Schicksal in ihrem Kopf hin und her, ohne es fassen zu können.

„Wenn man nur wüßte, was hier gebaut werden soll?“ fragte der kleine alte Maurer mit dem breitkrempigen Hut.

Niemand antwortete, sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Endlich sagte der Schlosser: „Du siehst doch, daß der Wald umgeschlagen werden soll.“

„Aber wenn er umgeschlagen ist, so muß doch etwas hier gebaut werden.“

„Es wird eine Kirche gebaut werden, damit du es weißt!“ warf Moritz dazwischen.

Der Alte kicherte kindisch. „Eine Kirche!“ rief er aus. „Wer wird hier mitten im Walde eine Kirche bauen? Du bist ja ein ganz Kluger! Mitten im Walde!“

Damit war das Gespräch zu Ende, und alle schwiegen wieder. Nur der alte Maurer kicherte noch zuweilen: „Eine Kirche! Eine Kirche!“ Und er erzählte, daß er vor dreißig Jahren eine Kirche gebaut habe, in Hamburg. Aber niemand hörte zu.

Die Wärme, die sie röstete, die Luft und die Arbeit hatten sie alle müde gemacht. Einer nach dem andern kroch ins Stroh. Auch Georg. Aber er schlief nicht. Er blickte in die Glut des erlöschenden Feuers draußen, in die grenzenlose grimmige Finsternis des Waldes. Ein wunderbares und herrliches Sausen ging in der Ferne durch den Wald. Stark, wie Gewürz, hauchte die Luft aus den nassen Wipfeln. Tannen, frisches Holz und faulende Rinde. Man roch den Schnee, obschon er fast vollständig wieder geschmolzen war. Das gänzlich Unbegreifliche aber, das war diese wunderbare große Stille da draußen.

Plötzlich war es Georg, als sinke er in die Tiefe, und schon war er eingeschlafen. Er erwachte einige Male in der Nacht, um immer sofort wieder in tiefen Schlaf zu versinken. Als er das erstemal erwachte, sah er plötzlich den Einarmigen neben dem niedergebrannten Feuer auf einem Baumstamm sitzen, die Pfeife im Munde. Wieder erwachte er. Es regnete, und durch das provisorische Dach fielen einzelne Tropfen auf sein Gesicht. Das Feuer glimmte noch ein wenig. Lehmann war verschwunden. Die Gefährten lagen mit verzerrten Gesichtern, den Mund offen, schnarchten und röchelten. Nur der große, bleiche Zimmermann saß schlaflos mit offenen Augen, die glänzten, wie die Augen einer Eule.

22

Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch.

„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen. Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“

Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“

Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch.

Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt.

„Spute dich: er meint uns.“

Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo, nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren frisch gerötet.

Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.

Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten, dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab.

Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“

Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und eine alte an den Knien zerschlissene Hose.

„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird alles in Ordnung kommen.“

Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den halbfertigen Schuppen an, während sie aßen.

„Ob wir es heute noch schaffen?“

Kopfschütteln. Zweifel.

„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus demselben Kessel aß.

Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr. Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich. Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren Notizbücher, Rollen, Pläne.

Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.

„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak besorgen?“

„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“

„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt, mein Junge, am Tage?“

„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“

Wir? Wer waren diese „Wir“?

Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging, während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn.

„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.

Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen – lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren. Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war. Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry. Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht.

„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“ Gelächter.

Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner, Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und erntete großen Beifall.

Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle, die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer.

Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken alle in tiefen Schlaf.

Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab.

23

Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.

Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts, immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“

„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen, bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“

Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten. „Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich nicht in ein Krankenhaus.“

Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel. Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen wollte.

„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.

Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der Arbeit auf.

„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“

Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten. Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen.

Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt.