Die Brüder Schellenberg

Part 7

Chapter 73,772 wordsPublic domain

„Ich habe es sehr bedauert, daß du nicht Wort halten konntest. Vieles würde dich interessieren. Meine Versuchsfelder, meine Kalt- und Warmhäuser. Es ist eine ungeheure Arbeit, aber sie belohnt sich. Ich habe die überraschendsten Erfolge erzielt, eine fast tropische Vegetation.“

Hier lachte Wenzel wiederum laut heraus. „Tropisch? In dieser fürchterlichen und von Gott verfluchten Sandwüste! Ah, seht an!“

„Nun,“ lenkte Michael ein, „lege meine Worte nicht auf die Goldwage. Tropisch mag ja etwas übertrieben sein. Höre weiter.“

Endlich kam Michael auf seinen „großen Plan“ zu sprechen. Die Synthese von Industrie und Landwirtschaft. Industrialisierung des Landbaus. An Stelle der anarchischen Wirtschaftsform eine großzügige Planwirtschaft für das gesamte Reich. Produktive Zusammenfassung aller Kräfte der Nation. Systematische produktive Verwendung freiwerdender oder brachliegender Arbeitskräfte ...

Der Kellner servierte die Brathühner und den Kalbsrücken.

Wenzel hörte mit gerunzelter Stirn zu. Dieser „große Plan“ Michaels – er erschien ihm verstiegen, ja phantastisch. „Ich fürchte sehr,“ unterbrach er Michael, der immer eifriger wurde, „ich fürchte, daß du dich trügerischen Hoffnungen hingibst. Es mag wissenschaftlich sehr interessant sein, zugegeben, aber einen Rat will ich dir geben, Michael, und der kostet dich nichts. Wenn du soweit bist – wenn! –, dann sieh zu, daß du dich möglichst schnell nach Amerika verziehst. Hier, höre, in diesem Deutschland, in diesem Europa überhaupt, ist kein Boden für Reformen und derartige Dinge, die sich nicht sofort bezahlt machen!“

Michael schüttelte den Kopf. „Amerika? Sollte es dort besser sein?“

„Vielleicht. Ich lese zuweilen in den Zeitungen, daß irgendein Millionär, der Zeit seines Lebens das Volk ausplünderte, plötzlich für eine Sache Unsummen stiftet. Hast du hier je so etwas gehört? Wie? Ich bitte dich! Bei den Riesenvermögen, die es hier im Lande gibt? Seitdem es keine Ordenssterne mehr gibt und tönende Titel, halten sie die Taschen noch ängstlicher geschlossen. Nein, glaube mir, Michael, hier ist kein Platz für dich, in diesem Lande und in diesem Europa!“ Wenzel wurde dunkel vor Zorn.

„Du scheinst kein besonderes Vertrauen in dieses Europa zu setzen!“ Michael lächelte.

„Nein! Wahrhaftig nicht! Sprich mir nicht mehr davon!“ rief Wenzel aus, und das Blut stieg ihm abermals ins Gesicht. „Lüge, Heuchelei, Egoismus, nationalistischer Wahnsinn und Größenwahn, das ist heute Europa. Ein materieller und moralischer Trümmerhaufen! Lassen wir das.“

„Höre, Wenzel,“ entgegnete Michael mit erhobener Stimme, „wenn Europa so ist, wie du es darstellst, müßte man dann nicht um so mehr bemüht sein, diesen Trümmerhaufen wegzuräumen und Europa neu aufzubauen?“

Mit Genuß verspeiste Wenzel die Pfirsich-Melba, die in einem mattsilbernen Pokal serviert wurde. Er schüttelte den Kopf und sagte ruhig und mit einer nicht ganz echten Gleichgültigkeit: „Wir wollen uns nicht ereifern, Michael. Glaube du, was du willst, und laß mir meinen Glauben. Ich fürchte nur, Michael – du wirst deine Wunder erleben. Ich fürchte es, ich fürchte! Kennst du denn diese Menschen? Nein, sage ich dir, du kennst sie nicht. Ich habe mich nun zwei Jahre mit ihnen herumgeschlagen, und ich weiß heute, wie sie sind.“ Mehr und mehr redete sich Wenzel ganz gegen seinen Willen wieder in Zorn. Er fletschte die Zähne, während er die Frucht in den Mund schob. „Für diese Menschen hier, für diese sogenannten Europäer, gibt es nur noch ein Ziel: Geld! Geld! Besitz! Dabei schreien sie immer, die Amerikaner seien Tag und Nacht auf der Jagd nach dem Dollar. Sie sind es, ja zum Teufel, sie selbst sind es! Geld! Und wenn der Staat dabei aus den Fugen geht!“ Wenzel lachte zornig auf und schlug mit der Hand auf den Tisch. „So sehen sie in Wahrheit aus, mein Brüderchen, verlasse dich auf mich. Alle diese berühmten Herren in ihren tadellosen Cutaways, Gamaschen und Seidenhüten, einer wie der andere. Für sie gibt es weder Umkehr noch Rettung.“

Michael schüttelte lächelnd den Kopf. „Du kennst nur einen geringen Teil der Gesellschaft, Wenzel,“ erwiderte er. „Ich kenne einen ganz anderen Teil. Ich kenne hunderte, die uneigennützig von früh bis spät in ihren Laboratorien und Bibliotheken arbeiten.“

„Nun schön, irgendwo in einem Winkel werden noch solche Käuze hausen. Von dir abgesehen, Michael, habe ich noch nie einen kennengelernt.“

„Sieh zu, Wenzel,“ fuhr Michael fort, „wenn es für diese Gesellschaft, wie du glaubst, keine Einsicht gibt, so müßte man trotzdem versuchen, sie vor dem Chaos zu retten, indem man soziale Ausgleiche schafft und eine neue Volksgemeinschaft anstrebt.“

Wenzel lachte zornig auf. „Sie wollen ja gar nicht gerettet werden!“ rief er. „Sie fühlen ja nicht einmal, daß der Boden unter ihnen schwankt. Sie wollen auch keinen Ausgleich. Zum Teufel, was für Worte gebrauchst du doch? Sie wollen alles für sich allein, und den anderen gönnen sie nichts. Das allein ist ihre Lebensanschauung! Ah, sieh da, jetzt kommen die Schnäpse.“

Michael aber gab sich nicht so rasch geschlagen. Er werde ihm, Wenzel, die Angelpunkte zeigen, um die sich diese Probleme bewegen, und sofort werde Wenzel begreifen –

Nunmehr gab Wenzel es auf, dem Bruder zu widersprechen. Mit großer Sorgfalt mischte er sich aus drei verschieden gefärbten Likören einen Schnaps zurecht. Dann betrachtete er Michael mit einem gutmütigen, nachsichtigen Lächeln. „Nun gut,“ unterbrach er ihn endlich, „glaube, was du willst. Ich für meine Person glaube nicht, daß diese Probleme gelöst werden können. Sie sind zu schwer, zu groß, zu verworren.“

„Sie werden gelöst werden, Wenzel! Trotzdem, trotz alledem!“ erwiderte Michael voll Überzeugung und Eifer.

Wenzel sah ihn erstaunt an. Dann lächelte er. „Willst du vielleicht diese Probleme lösen?“ fragte er und zwinkerte mit den Augen.

„Ja, ich will sie lösen!“ schrie Michael, nun war es an ihm, laut zu werden. „Ich, Michael Schellenberg, dein Bruder!“

Wenzel lehnte sich zurück, und es sah ganz so aus, als wolle er wieder in das laute, sarkastische Lachen ausbrechen, das Michael verletzte. Aber er tat es nicht. Er schwieg eine Weile, dann hob er das Glas und sagte: „Nun schön, Michael, auf deine Gesundheit! Vielleicht, es ist ja nicht unmöglich – löst du in der Tat diese Probleme! Denn du hast etwas, was zu diesen Dingen gehört. Du hast noch die Kraft zu glauben. Ich habe diese Kraft längst nicht mehr.“ Seine Hand zitterte heftig, als er das Glas zum Munde führte.

In diesem Augenblick trat der Direktor des Restaurants mit einer Verbeugung an den Tisch, um sich zu erkundigen, ob die Herren mit den Leistungen des Etablissements zufrieden seien.

Michael benutzte die Unterbrechung, um das Versprechen einzulösen, das er Lise gegeben hatte. „Ich habe versprochen zu telephonieren,“ sagte er, indem er sich erhob. „Wirst du mich eine Minute entschuldigen, Wenzel?“

16

Als Michael zurückkam, saß Wenzel in den Stuhl zurückgelehnt, die Zigarre im Munde, und betrachtete ihn mit einem spöttischen, aber gutmütigen Lächeln. „Nun, was sagte sie?“ fragte er, und seine grauen Augen blinkten.

Michael errötete. „Lise läßt dich grüßen,“ antwortete er. „Und sie läßt dich bitten, sie anzurufen.“

„Sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen.“ Wenzels Brauen zuckten. „Sie hat ja Zeit!“

Michael legte die Hand auf den Arm des Bruders und fügte leiser hinzu: „Und sie läßt dich bitten, zu ihr zurückzukehren. Sie quält sich, Wenzel! Was in aller Welt ist zwischen euch vorgefallen?“

Nun flammten Wenzels Augen auf. Sein Gesicht verdunkelte sich. „Ich werde nie, niemals zu ihr zurückkehren,“ sagte er mit großer Bitterkeit in der Stimme. Er schlürfte hastig den Kaffee. „Und nun werde ich dir erzählen, Michael,“ fuhr er fort. „Wir haben uns lange nicht gesehen, und in dieser Zeit ist vieles geschehen, vieles! Ich werde dir berichten, wie alles gekommen ist. Lange, viel zu lange sprachen wir uns nicht.“

„Es ist nicht meine Schuld, Wenzel. Du weißt es.“

Wenzel atmete erregt. „Also höre,“ begann er, „um mit der einen Sache anzufangen: Ich habe nichts gegen Lise, hörst du? Ich schätze sie, ich achte sie. Ich habe sogar etwas Liebe für sie übrig behalten. Manchmal habe ich sogar Sehnsucht nach ihr – und den Kindern. Trotzdem werde ich nicht zu ihr zurückkehren, nie, nie! Und weißt du weshalb, Michael? Ich werde es dir offen bekennen: weil sie mir im Wege ist.“

„Wie soll ich das verstehen?“ fragte Michael. „Sie ist dir im Wege? Lise?“

„Nun, die Worte scheinen doch klar zu sein,“ fuhr Wenzel mit einem feindseligen Klang in der Stimme fort. „Sie ist mir im Wege! Sagt das nicht genug? Auch ich habe nämlich meine Pläne, mein Brüderchen, genau wie du. Meine Pläne sind allerdings ganz anderer Art, ganz anderer. Und bei diesen Plänen steht mir Lise im Wege. Das ist alles! Übrigens,“ unterbrach er sich, „von diesen Plänen wirst du später erfahren. Du hast ja mit Lise gesprochen. Was hat sie dir über mich gesagt?“

Michael gab einen kurzen Bericht seines Besuches. Er vermied es, dabei den Bruder anzusehen.

Wenzels Augen aber waren forschend auf ihn gerichtet. „Und? Und du verschweigst mir nichts? Hat sie mir nicht Vorwürfe gemacht? Hat sie nicht diese Geschichte mit Raucheisen wieder vorgebracht? Schon errötest du! Hat sie nicht auch Andeutungen gemacht, daß ich inkorrekt gehandelt hätte, sogar ein bißchen – sagen wir – sagen wir es offen: ein bißchen ehrlos?“

„Nicht in dieser Form, keineswegs, Wenzel.“

Wenzel lachte bitter. „Da siehst du es. Sie sollte mich kennen, und sie sollte – wäre das nicht das Selbstverständliche – mich decken, für den Fall, daß irgend etwas vorgefallen wäre. Niemand ist auch nur auf den Gedanken gekommen, daß ich bei Raucheisen irgend etwas Inkorrektes getan hätte. Da fing Lise an, Gerüchte auszustreuen. Irgend etwas müsse da vorgefallen sein! Nun, du hast ja gehört, wie weit sie schließlich gegangen ist. Schließlich hat sie ihrer ganzen Bekanntschaft erzählt, daß ich ein Defraudant sei.“

„Ich beschwöre dich, Wenzel!“ fiel ihm Michael ins Wort.

Wenzel hob die große Hand und legte den Kopf zur Seite. „Nun, lassen wir das, es ist nicht wesentlich. Soll sie behaupten, was sie will. Sollen die Leute glauben, was sie wollen. Was kümmert es mich? Es ist mir völlig einerlei. Es ist mir sogar einerlei, wenn sie glauben, daß ich Raucheisens Tresor ausgeplündert habe. Ich bin so weit gekommen, daß ich auf das Urteil meiner Mitmenschen keinen Wert mehr lege.“

Michael schwieg. Welche Bitterkeit, dachte er, was muß mit Wenzel vorgegangen sein?

„Sieh, das mit Lise ist also sehr einfach,“ fuhr Wenzel, seine Erregung beherrschend, fort. „Sie ist mir im Wege. Das ist die ganze Erklärung. Ich kann sie nicht brauchen. Sie langweilt mich. Ich bin nicht für die Ehe geschaffen, Michael, und du bist es auch nicht, glaube ich. Du weißt, ich habe Lise seinerzeit entführt. Was würde ich heute dafür geben, wenn es möglich wäre, sie ihrer Mutter wieder zurückzubringen!“

„Das ist häßlich von dir!“ rief Michael empört aus.

„Häßlich? Vielleicht! Aber es ist die Wahrheit, und ich habe mir vorgenommen, mit dir offen und aufrichtig zu sprechen. Du sollst dann urteilen. Du magst mich dann selbst verurteilen. Aber nun weiter! Ich habe vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bei Raucheisen gearbeitet. Ich stand also sehr früh auf, heißt das, und kam erschöpft nach Hause. Lise pflegt lange liegen zu bleiben und nach Tisch eine Stunde zu ruhen. Da ist es natürlich kein Kunststück, am Abend frisch und munter zu sein. Abends gingen wir aus. Sie schleppte mich zu ihrer langweiligen, hochmütigen Verwandtschaft, in Theater, Konzerte. Das alles kostete Kraft und vor allem Geld. Ich schaffte das Geld herbei, und das Geld zerrann in Lises Händen. Sie verschwendet nicht, aber sie versteht nicht zu wirtschaften. Sie hat auch gar keine Zeit, sich mit diesen lächerlichen Dingen abzugeben. Du weißt, sie ist Sängerin. Sie hat eine sehr hübsche Stimme, und du weißt ja auch, daß ein ‚berühmter Gesangspädagoge‘ ihr prophezeit hat, daß sie Primadonna an der Scala von Mailand werden würde. Ich wünsche ihr viel Glück. Wir Männer haben unsern Beruf und machen nicht viel Aufhebens davon. Aber wenn eine Frau einen Beruf hat, so ist dieser Beruf der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, Haushalt, Kinder, alles. Natürlich mußte Lise öffentlich auftreten. Sie hat zwei Konzerte gegeben und immerhin einige Erfolge gehabt. Die Konzerte mußte ich bezahlen. Ich bezahlte den Agenten, den Saal, den Pianisten, die Blumensträuße, mit einem Worte, alles. Das Kleid für die Konzerte kostete mich ein halbes Monatsgehalt. Und dazu die Aufregung! Acht Tage vor dem Konzert ist sie krank. Zwei Stunden vor dem Konzert ist sie vollständig heiser. Der Agent fleht. Und schließlich steht sie strahlend auf dem Podium. Soll sie ihren Weg zur Scala machen, aber soll sie es allein tun und mich nicht verrückt machen! Ich gebe dir einen Rat, Michael, wenn du einmal heiraten solltest, so heirate nie eine Frau mit einem Beruf, und vor allem, heirate nie eine Sängerin. Heirate überhaupt nicht, wenn es dir möglich ist! Denn du heiratest ja nicht die Frau allein, du heiratest ihre ganze Verwandtschaft, du heiratest ihre Gewohnheiten, Fehler, Laster, alles.

Lise hat es immer gut gemeint, ich möchte gar nichts gegen sie sagen, aber es lag an ihrer Erziehung, und es lag an ihrer Anschauung, daß sie mich langsam an Händen und Füßen knebelte. Keine Angst, Michael, es waren keine Ketten, die man meilenweit rasseln hörte, es waren dünne Stricke, ein kleiner Ruck, und ich war frei. Es gibt eben Menschen, die auch nicht einen Bindfaden um den kleinen Finger vertragen, und zu diesen gehöre ich. Verstehst du jetzt, Brüderchen?“

Michael saß lange still. „Ich sollte meinen,“ begann er dann nachdenklich, „daß sich doch irgendein Weg finden lassen sollte. Vergiß nicht, da sind auch deine Kinder.“

Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht sentimental. Zuweilen habe ich Sehnsucht nach den beiden Kleinen. Aber es vergeht wieder. Auch Kinder sind solche Fesseln, und ich habe mir vorgenommen, alle Fesseln abzuschütteln. Ich sehe schon, daß ich dich mit meiner Erklärung nicht befriedigen kann. Du hast noch immer nicht begriffen, daß es unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen einen Weg zu gehen, der die ganze Kraft eines Mannes braucht.“

Michael sah den Bruder mit forschendem Blick an. „Was für ein Weg ist das, von dem du immer sprichst?“ fragte er.

„Nun, auch das sollst du hören. Aber wir wollen jetzt eine neue Flasche bestellen. He, Kellner!“

17

Die neue Flasche war angekühlt. Wenzel biß die Spitze einer Zigarre ab und steckte sie umständlich in Brand. Dann legte er die Hand auf den Arm Michaels.

„Um alles zu verstehen, Michael, muß ich dir aber meine Geschichte mit Raucheisen erzählen.

Du weißt, wie ich zu Raucheisen kam. Ich glaube, ich habe es dir einmal geschildert. Raucheisens Sohn – er war der einzige Sohn des alten Raucheisen, Otto, und da ist noch seine Tochter Esther, jetzige Lady Weatherleigh, die kürzlich diesen englischen Schiffsreeder geheiratet hat –, also dieser Otto Raucheisen hauste mit mir über ein Jahr in einem Unterstand an der Westfront. Er ist gefallen und starb in meinen Armen. Der alte Raucheisen wünschte Näheres zu hören, und da er einer der Gewaltigen Deutschlands war, so schickte man mich hin, um Bericht zu erstatten. Diese Szene werde ich dir nicht erzählen, vielleicht gelegentlich einmal. Darüber spreche ich nicht gerne. Nun, Raucheisen entließ mich mit den Worten, daß er mir jederzeit zur Verfügung stände, wenn ich einmal irgendeinen Wunsch hätte. ‚Sie haben meinem einzigen Sohn in seiner Todesstunde Beistand geleistet‘, sagte er, ‚ich bin Ihnen für immer verpflichtet‘. Schön, schön.

Der Krieg war zu Ende, und ich saß auf der Straße. Vier Jahre lang hatte ich den Buckel hingehalten, die Heimat mit meinem Leibe gedeckt, wie es so schön hieß, und nun konnte ich krepieren. Da ich nichts gelernt hatte und nichts konnte, so wollte ich in das neue Heer eintreten. Aber Lises Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ‚Um Himmels willen, wie kannst du, nie, niemals!‘ Sie würde es nicht überleben. Du kennst sie ja, diese eingebildete Närrin!

Schön, ich fügte mich also dieser albernen alten Frau, die mit ihrem Dünkel ihre ganze Umgebung tyrannisiert. Irgendwo würde sich ja wohl Beschäftigung für mich finden. Ich ging von Pontius zu Pilatus, und überall war man sehr höflich, notierte sich meine Adresse, und ich hörte nichts weiter. Viele meiner Kameraden saßen in herrlichen Stellungen. Ja, zum Teufel, wie waren sie zu diesen herrlichen Stellungen gekommen? Sie saßen die letzten Kriegsjahre in Kriegsämtern, Beschaffungszentralen und allen möglichen Institutionen, wo sie Beziehungen zur Industrie anknüpfen konnten. Ich will nichts dagegen sagen, kein Wort, um Gottes willen, mißverstehe mich nicht, aber sie haben eben diese Beziehungen anknüpfen können, und diese Beziehungen haben sich schließlich prachtvoll verwenden lassen. Siehst du, es gab da zum Beispiel Geheimräte, die die Verhandlungen in der Abfindung der Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatten, sie sind heute in leitenden Stellungen bei diesen Schiffahrtsgesellschaften. Das sind, mein lieber Freund, die guten Beziehungen. Auf deine Gesundheit!

Also ich hatte keine Beziehungen, und da ich ebensowenig wußte und konnte wie die andern, so kam ich nirgends an. Schließlich, nachdem Lises Briefe immer jämmerlicher wurden und immer flehender, schließlich tat ich das, was Lise und ihre Mutter von vornherein als das Selbstverständliche empfohlen hatten: nämlich, ich wandte mich an den alten Raucheisen. Du kannst meine Gründe verstehen, weshalb ich es nicht gerne tat. Sein Sohn war zufällig in meinen Armen gestorben, und dafür sollte ich – nun, es war nicht meine Sache. Aber schließlich gab ich auch in diesem Punkte nach. Du kannst beobachten, daß ich bisher in allen Punkten nachgegeben habe – nun, das ist jetzt zu Ende.

Ich schrieb also an Raucheisen, und zu meinem größten Erstaunen antwortete er mit wendender Post. Drei Tage später war ich mit einem glänzenden Gehalt engagiert. Ich sage offen: glänzend, denn meine Leistungen waren anfangs gleich Null. Ich wurde zu einem von Raucheisens Sekretären abgerichtet. Punkt einhalb acht Uhr mußte ich anwesend sein. Um sechs Uhr steht Raucheisen auf. Es kommt der Masseur, der Friseur, der Bademeister. Der Kammerdiener kleidet ihn an, und ein Viertel vor sieben sitzt Raucheisen am Frühstückstisch, und ein Viertel nach sieben trägt ihn der Wagen in sein Bureau. Wir Sekretäre harren auf das Klingelzeichen des Gebieters. Wir haben zu erinnern, zu notieren, wir sind lebendige Terminkalender. Wir führen Unterhandlungen mit den einzelnen Direktoren und Abteilungschefs, wir notieren, erstatten Bericht. Es war ein infernalischer Dienst, mit einem Wort.

So verlief mein Leben anderthalb Jahre lang. So lange, mein lieber Michael, dauerte es also, bis ich begriff – kannst du dir denken, was ich begriff –?“

Ohne Michaels Antwort abzuwarten, fuhr Wenzel fort: „Du kannst es dir nicht denken, Michael, also will ich es dir offen sagen – bis ich begriff, daß ich ein vollendeter Narr war! Wie alle andern Sekretäre und Direktoren, die sich um die Sonne Raucheisen drehten. Viele von diesen Narren haben es heute noch nicht begriffen und werden es nie begreifen.“

„Ja, weshalb warst du denn ein Narr?“ fragte Michael.

Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus. „Weshalb?“ erwiderte er, indem er die Gläser auffüllte. „Das sollst du gleich erfahren. Ein Narr war ich und dazu noch ein unwürdiger und lächerlicher Narr! Bei meiner Vorstellung hatte sich Raucheisen meiner natürlich noch erinnert und sich die Mühe genommen, mit mir fünf Minuten zu plaudern, mit einem etwas geheuchelten Interesse zwar, aber immerhin mit einem menschlichen Ton in der Stimme. Er hat mir nie verziehen, daß er weinte – was ist natürlicher? –, als ich ihm den Tod seines Sohnes schilderte. Und doch, dieser Otto Raucheisen hat mich durch und durch mit Blut getränkt, und ich mußte ihm Mut zubrüllen, weil er so schreckliche Angst vor dem Tode hatte. Doch das gehört nicht hierher. Fortan aber war ich für Raucheisen ein Automat wie alle seine Mitarbeiter. Er sah mich von dieser Zeit an kaum noch an. Er hatte eine leise, etwas belegte Stimme, aber er sprach nur so leise, um Kraft zu sparen. Er ist das verkörperte Prinzip der Ökonomie der Kräfte. Da saß er also, der kleine alte Mann, etwas zusammengekrümmt, wachsgelb von seinem Leberleiden, eine gelbe, mattglänzende Glatze mit Wölbungen und Buckeln. Du hast ihn nie gesehen?“

„Nein.“

„Er hat den Kopf eines Römers, in heller Bronze gegossen. Tiefe Augengruben, eine Hakennase, breite, satte Lippen mit tiefen Rissen. Die Unterlippe ist besonders breit und besonders satt. Aber vielleicht ist das mit dem Bronzekopf übertrieben. Man könnte auch sagen, sein Kopf sei in Wachs modelliert, und wenn er die breiten Lippen öffnet, so sieht man kleine Zähne, Puppenzähne, und seine Augen sind wie kleine grüne Glaskugeln, scharf und ängstlich, fast feige. Nein, Michael, er ist jemand, glaube es mir, und wenn ich abfällig über ihn urteile, so mußt du manches abstreichen, denn ich – hasse ihn! Das war er also: Johann Karl Eberhard Raucheisen, dem ein Fürstentum unter der Erde gehört und ein Fürstentum über der Erde. Vor dreißig Jahren hatte er das horizontale Prinzip der Vertrustung begonnen, seit zehn Jahren war er zum vertikalen Prinzip übergegangen. Erst hatte er nur Eisen und Kohle. Dann produzierte er alles, vom Dampfkessel bis zum Rasiermesser. Und heute hat er seine eigenen Dampfer, um seine Produkte zu befördern. Der Konzern ist so groß, daß niemand imstande ist, ihn mit allen seinen Verzweigungen zu überblicken – aber Raucheisen tut es! Ich habe heute noch die größte Bewunderung für ihn, trotz allem. Es gibt keinen zweiten Kopf wie ihn in ganz Deutschland.“

„Wie hast du dich mit ihm verstanden?“

„Eigentlich sehr gut. Ich war ja ein Automat, und unser Verkehr vollzog sich ohne jede Reibung. Langsam aber begann ich den alten Mann zu hassen. Ich haßte seine Kälte, oft saß er da, klein, in sich zusammengezogen, ganz Eis und Gefühllosigkeit. Ich haßte seine menschliche Teilnahmlosigkeit. Zu welchem Zwecke arbeitete dieser alte Mann vom frühen Morgen bis in die späte Nacht? Es galt, dieses große Werk zu verwalten. Gut. Aber weshalb vergrößerte er es fast täglich? Und langsam begriff ich, daß nicht er das Werk dirigierte, sondern das Werk ihn. Er war ein Sklave dieser unheimlichen Maschinerie geworden, die er aufgebaut hatte. Ich fühlte seinen Geiz in allen, auch den kleinsten Dingen. Dieser Geiz war entsetzlich. Ich fühlte seine Habgier. Und ich begriff endlich, daß er gar nicht der Idee diente, dieses Werk zu verwalten, sondern daß es sein einziges und wahres Ziel war, Geld zusammenzuraffen. Und das ist die Wahrheit! Und als ich dies begriffen hatte, haßte ich ihn noch mehr!

Ein einziges Mal, da verriet er sich. Du wirst wissen, daß er wie ein Rasender aufkaufte, mit Krediten der Reichsbank, die er mit entwertetem Gelde zurückzahlte. Ganze Komplexe, Walzwerke, Gruben bekam er fast umsonst. Bei einer großen Transaktion, wo er einen beträchtlichen Teil seines Vermögens einsetzte, wagte einer der Finanzdirektoren einzuwerfen, daß doch der Tag kommen könne, da die Mark plötzlich steigen werde. Raucheisen schüttelte den Kopf und lächelte. Er lächelte nur sehr selten und dann das Lächeln eines eitlen alten Mannes, und dann sah man seine kleinen, schmalen Zähne, die ich hasse. ‚Die Mark wird sinken, bis sie in Atome zersplittert ist,‘ sagte er. ‚Es gibt keine Macht der Welt, sie aufzuhalten, ich weiß es. Ich weiß es seit‘ – nun höre, Michael, seit wann er es wußte! Mit einem triumphierenden Lächeln sagte er: ‚Ich weiß es seit der Marneschlacht und habe danach meine Finanzpolitik eingerichtet.‘“

„Sagte er das wirklich? Oh, wie schändlich!“