Part 6
Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den andern.“
Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“
Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit. Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten Namen.“
„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“
Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht, nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen irgendwelche Geschäfte.“
„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“
Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht seine Wohnung angibt.“
„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“
„Drei Monate.“
„Wie?“
„Drei Monate.“
Michael sprang auf.
„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.
„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“
Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du wirst gehen und Wenzel suchen.“
„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“
„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen ... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.
Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.
„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage ihm das.“
Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus. „Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“
Michael schwor.
13
Michael verließ Lises Haus in großer Beunruhigung. Die ehelichen Zwistigkeiten nahm er nicht allzu ernst. In allen Ehen gab es Differenzen, und in der Ehe seines Bruders hatten sich schon in den ersten Jahren schwere Verstimmungen eingestellt. Zweimal war Lise schon durchgegangen.
Was ihn beunruhigte, ja erregte, das waren Lises Andeutungen über das veränderte Wesen seines Bruders. Wenzel war nie ein leichtsinniger Mensch gewesen, wenn er auch das Leben nie allzu schwer genommen hatte. Er machte sich keine großen Sorgen, in welcher Situation er sich auch befinden mochte. Sein unerschütterlicher Optimismus trug ihn über alle Schwierigkeiten des Daseins hinweg. „Immer Mut! Man muß dem Schicksal nicht aus der Hand fressen!“ war sein Wahlspruch. Und es ging immer, um die Wahrheit zu sagen. Mit dem gleichen Optimismus hatte Wenzel den Krieg durchgemacht. „Was soll mir geschehen?“ sagte er. „Vielleicht schießen sie mir einen Arm oder ein Bein ab, das ist mir völlig gleichgültig. Mehr können sie mir nicht anhaben.“ Und in der Tat, Wenzel trug kaum einige Schrammen in all den vier Jahren davon.
Wenzel hatte „zwei Spezialteufel“, wie er zu sagen pflegte. Der eine war der große Teufel Kohol, der Alkohol, der zweite war der Teufel Karo, der Karobube. Unter den Anfechtungen dieser seiner zwei Teufel hatte Wenzel in gewissen Perioden sehr zu leiden. Der Teufel Kohol verfuhr noch glimpflich mit ihm. Schlimmer war es, wenn er dem Spielteufel verfiel. Er spielte dann Wochen hindurch, er verspielte alles – aber am Schlusse stellte es sich heraus, daß er alle Verluste wieder wettgemacht hatte. „Ein blaues Auge!“ Oder: „Zwei blaue Augen!“
Was war nun mit Wenzel geschehen? Hatten seine „zwei Teufel“ wieder Gewalt über ihn bekommen? Er schickte Lise Geld, also mußte er entweder im Spiel gewinnen oder auf irgendeine Weise Geld verdienen. Was tat er? Wie lebte er? Michael kannte Wenzels Trotz und Stolz. Er würde eher verhungern als seine, Michaels, Hilfe anrufen, wenn es ihm, wohlgemerkt, wirklich schlecht ging.
Ja, sonderbare und merkwürdige Dinge waren das. Er verlor die Stellung bei Raucheisen, machte Geschäfte mit einem Bekannten, schickte Geld – aber mied Lises Haus. Was war das?
Auf jeden Fall beschloß Michael nun, Wenzel zu „suchen“, und doch hatte er noch vor einer Viertelstunde über die merkwürdige Zumutung seiner Schwägerin lächeln müssen.
„Eine sonderbare Aufgabe,“ sagte er, während er rasch dahinschritt. „Ich könnte eher eine Stecknadel in einem Haufen Spreu finden. Aber trotzdem tausend gegen eins steht, wollen wir es versuchen. Nur eine Frau kann solch einen Einfall haben.“
Er nahm ein Auto und befahl dem Chauffeur, ihn zu sämtlichen Weinstuben und Restaurants in der Nähe des Gendarmenmarktes zu fahren.
Schon in der fünften Weinstube stieß er zu seiner größten Verwunderung auf die Spur seines Bruders. Der Oberkellner, an den er sich wenden wollte, kam ihm rasch, mit diensteifriger Miene, mit den Worten entgegen: „Herr Hauptmann Schellenberg ist noch nicht hier.“
Michael war so verblüfft, daß er kein Wort hervorbrachte. Der Oberkellner indessen versicherte, daß ihm die frappante Ähnlichkeit sofort aufgefallen sei. „Ich dachte im ersten Augenblick, der Herr Hauptmann selbst trete ein.“
Ob er wisse, wo sein Bruder sich zur Zeit etwa aufhalten könne?
Der Kellner sann nach. „Wenn ich mich recht entsinne, so verabredete er sich zu einer Partie Schach mit Herrn Hauptmann Mackentin, und zwar, wenn ich mich nicht täusche, im Café Thielscher oder im Café Philipp. Thielscher ist gleich in der Nähe. Das Café Philipp liegt bei der Börse.“
Es wäre doch wahrhaftig wie ein Wunder! dachte Michael und kroch, angeregt von dem Abenteuer, ins Auto.
14
In der Tat saß Wenzel Schellenberg zu dieser Stunde im Spielsaal des Cafés Philipp. Er saß mit einem steinernen Gesicht da und starrte auf das Schachbrett, eine tiefe Falte zwischen den Brauen. Wenzel war leidenschaftlicher Schachspieler, ganz wie Michael. Das Spiel faszinierte ihn. Es war fast wie eine Schlacht, Kampf von Gewalten, deren Stärke mit jeder Änderung der Position wechselte. Tag und Nacht konnte er vor dem Schachbrett sitzen, und noch nach Wochen war er imstande, besonders interessante Partien aus dem Gedächtnis nachzuspielen.
Wenzel gegenüber saß Hauptmann Mackentin, mit schmalem, hohem Kopf und grauen Schläfen. Die Nase dieses Herrn stand auffallend schräg im Gesicht. Im Munde hielt er eine Zigarre in der Richtung der Abweichung der Nase, so daß die Nase noch um vieles schiefer im Gesicht zu stehen schien. Dieser Herr blinzelte zuweilen mit einem leisen Lächeln in Wenzels steinernes Gesicht. Er hatte dunkle, rasche, kluge und verschlagene Augen. (Ratte hatte ihn Lise genannt!) Am gleichen Tisch saß in respektvoller Haltung ein wenig abseits vom Schachbrett ein junger, unbedeutend aussehender Mann mit blondem Scheitel und jugendlich roten Bäckchen, wie ein kleiner Leutnant in Zivil.
Trotz der späten Nachmittagsstunde war das Kaffeehaus noch ziemlich dicht besetzt. Aus allen Winkeln stieg dicker Zigarrenrauch empor. Die Börse war heute außerordentlich lebhaft und fest gewesen. Die meisten Effekten waren gestiegen, man erwartete eine Belebung der Geschäfte. Die Erregung der Börse zitterte noch in allen Gesprächen nach.
Wenzel lehnte sich in den Sessel zurück, trank ein Gläschen Wermut und biß die Spitze einer großen Zigarre ab, ohne die Augen auch nur einen Moment vom Schachbrett zu entfernen. Der Herr mit der schiefstehenden Nase hob zwinkernd die dunklen, raschen Augen zu ihm und ließ ein kleines Lachen hören.
„Sie täuschen sich, lieber Freund,“ sagte Wenzel. „Sie überschätzen die Stellung dieses Springers, und ich werde es Ihnen beweisen. Die Partie wird aber noch zwei Stunden dauern. Wir wollen sie morgen fortsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben, Mackentin.“
Der Herr mit der schiefen Nase erklärte sofort mit einer kleinen Verbeugung sein Einverständnis.
Wenzel wandte sich hierauf an den jungen Mann, der bescheiden nebenan saß und sich augenblicklich etwas steifer aufrichtete, als Schellenbergs Blick auf ihn fiel. „Und nun zu Ihrem Walde, Herr von Stolpe. Es ist eine Sache, die mich sehr interessiert, eine sehr interessante Sache. Was meinen Sie, Mackentin?“
„Mein Vetter kam zufällig wieder einmal nach Berlin und erzählte mir von der Angelegenheit. Ich dachte sofort, daß Sie Interesse dafür haben würden.“
„Also Sie glauben, daß der Wald unter Umständen zu kaufen wäre? Wie groß, sagten Sie?“
Der junge Mann rückte etwas näher und begann mit etwas dünner, knabenhafter Stimme über den Wald zu berichten: es war ein Wald in der Nähe der Oder, soundso groß, der Wald gehörte dem Staat. Die Forstverwaltung hatte beschlossen, den Wald abzuholzen und das Terrain unter Umständen zu verkaufen, konnte sich aber nicht entschließen, die vorliegenden Angebote zu akzeptieren. Ein Vertreter des Raucheisen-Konzerns habe lange Unterhandlungen geführt, zuletzt aber seien alle Unterhandlungen gescheitert.
„Der Vater meines Vetters bekleidet eine einflußreiche Stellung in der Forstverwaltung,“ warf Mackentin ein.
„Sie deuteten es mir an,“ unterbrach ihn Wenzel. „Also Raucheisen kam nicht zum Ziel?“
„Nein, er hat zu wenig geboten.“
Wenzel lächelte spöttisch: „Raucheisen bietet immer zu wenig. Ich kenne ihn. Sagten Sie nicht, daß der Wald an die Oder grenzt?“ Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche und begann sich Notizen zu machen. „Fünfhundert Hektar, sagten Sie?“
„Der springende Punkt, Schellenberg,“ warf Mackentin mit leicht schnarrender Stimme ein, „der springende Punkt scheint mir der zu sein: Die Forstverwaltung will das Terrain nur abgeben, wenn es zu Zwecken verwandt wird, die der Allgemeinheit der ganzen Provinz sozusagen wiederum zugute kommen.“
„Ich verstehe, Mackentin,“ erwiderte Wenzel mit einem leisen Lachen. „Wann kehren Sie zurück, Herr von Stolpe?“
„Ich werde morgen zurückfahren.“
„Fahren Sie morgen mit Ihrem Vetter, Mackentin, und sehen Sie sich den Wald an.“
„Sehr wohl.“ Mackentin verbeugte sich.
„Sehen Sie zu, ob das Gelände sich zu Industrieanlagen eignet, und klopfen Sie dann bei den hohen Herren an. Sagen Sie“ – wieder erschien das leise Lächeln auf Wenzels Lippen –, „sagen Sie, wir beabsichtigen auf dem Gelände große Industrieanlagen zu schaffen, die den Handel der Provinz günstig beeinflussen würden. Wenn man den Wunsch haben sollte, sich zu beteiligen, so sei dagegen natürlich nichts einzuwenden.“
„Ausgezeichnet, sehr wohl.“
„Vielleicht können Sie auch vorschlagen, daß wir ein Stickstoffwerk auf dem Gelände errichten, das den ganzen Osten mit Stickstoff versorgen soll. Machen Sie ein ausführliches Exposé, so daß wir völlig fertige Vorschläge unterbreiten können. Wir können später ja immer noch tun, was wir wollen. Und was die Zahlungen anbetrifft, drei bis sechs Monate Ziel.“
„Sehr wohl,“ antwortete Mackentin.
„Und Sie, Herr von Stolpe,“ wandte sich Wenzel an den jungen Mann mit den roten Bäckchen und sah ihm mit einem klaren, festen Blick in die Augen. Sein Gesicht erschien in diesem Augenblick fast hart. „Was fordern Sie als Provision für den Fall, daß das Geschäft perfekt wird?“
Der junge Mann wurde tiefrot.
Wenzel lachte laut heraus: „Man sieht, daß Sie aus der Provinz kommen. Geschäft ist Geschäft!“
Hier griff Mackentin ein. „Mein Vetter verlangt natürlich keine Provision, lieber Schellenberg,“ sagte er. „Er wäre dagegen glücklich, wenn er eine Anstellung hier in Berlin bekäme.“
„Schön! Entwerfen Sie den Vertrag, Mackentin. Ich bitte Sie, Herr von Stolpe. Worte kann man vergessen. Die Welt schwankt in diesen Tagen.“
Die beiden Herren erhoben sich.
„Ich spreche Sie heute noch, Mackentin. Es kann etwas spät werden. Und noch etwas – einen Augenblick – es fiel mir etwas ein – noch etwas,“ wiederholte Wenzel zerstreut. Sein Blick schweifte durch den Raum des Kaffeehauses. Er war bei seinen letzten Worten völlig unsicher geworden, als habe ihn plötzlich das Gedächtnis verlassen. Irgend etwas hatte ihn verwirrt, und doch wäre er nicht imstande gewesen zu sagen, was es war. Diese Gesichter, die um die Tische herum saßen, kannte er fast alle. Seit zwei Jahren bewegte er sich unter diesen Gesichtern. Sie saßen in den Direktionszimmern der Konzerne, der Banken, der Filmgesellschaften, stürzten sich mit ihren Aktentaschen in ihre Autos hinein. Sie waren immer auf der Jagd von einer Konferenz zur andern, hatten nie Zeit, arbeiteten bis in den späten Abend, um ihre Nerven in der Nacht in irgendeinem Spielklub aufzupeitschen. Vielen von ihnen sah man es bereits deutlich an, daß sie nicht mehr mit fünf, sechs Stunden Schlaf auskamen. Die trockene Luft der Dampfheizung und der Zigarrenrauch der Konferenzzimmer hatten sie vernichtet.
Ja, alle diese Gestalten waren seinem Blick vertraut, jede, er kannte ihre Gewohnheiten, ihren Gang – plötzlich aber war unter ihnen eine Gestalt von völlig verschiedener Haltung aufgetaucht. Von einer gelassenen, ruhigen, sicheren Haltung, und diese Gestalt, die er nur dann und wann zwischen den unruhigen Köpfen und den hin und her eilenden Kellnern undeutlich sah, absorbierte auf eine völlig rätselhafte Art seine Aufmerksamkeit so vollkommen, daß ihm die Worte entfielen. Und plötzlich stand über diesen unsteten Gesichtern, die er seit zwei Jahren um sich sah, ein ganz anderes Gesicht: ein Gesicht der Ruhe und Sammlung, mit einem höchst merkwürdigen und feinen Lächeln. In der Tat, es war sein Bruder.
„Mein Bruder!“ rief Wenzel leise aus und erhob sich freudig erschreckt.
In diesem Augenblick sah ihn Michael und kam mit einem frohen Lächeln auf ihn zu. „Ah, da bist du ja!“ rief Michael erfreut aus und drückte Wenzels Hand.
„Mein Bruder Michael, meine Herren,“ sagte Wenzel, und sein dunkles Gesicht wurde vor Erregung um eine Schattierung dunkler. „Ich habe Ihnen von ihm erzählt. Er ist seinerzeit mit dem Stickstoffwerk Logan in die Luft geflogen, aber es hat ihm, da er ein Schellenberg ist, weiter nicht geschadet. Er ist eine der ersten wissenschaftlichen Leuchten unseres Landes.“
„Oh, ich weiß, ich weiß sehr wohl,“ schnarrte Mackentin mit einer etwas steifen Verbeugung, „ich bin sehr wohl informiert. Ihr Bruder erzählte häufig von Ihnen.“
„Da hörst du es!“ warf Wenzel ein und lachte.
„Und zwar mit einer gewissen Schwärmerei, die man selten findet unter Geschwistern. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Doktor Schellenberg.“
„Wie kommst du hierher?“ fragte Wenzel, nachdem die beiden Herren sich verabschiedet hatten. Erst jetzt schien ihm das Merkwürdige dieses Zusammentreffens aufzufallen.
„Ich war bei Lise, ich wollte dich besuchen.“
Sofort verfinsterte sich Wenzels Gesicht. „Oh,“ sagte er. „Ich verstehe.“
Schon bei dem ersten Blick in das Gesicht seines Bruders hatte Michael erkannt, daß mit Wenzel eine Veränderung vorgegangen war. Wenzels Gesicht hatte früher stets ein gutmütiges, spöttisches Lächeln gezeigt. Dieses Lächeln war verschwunden. Das Gesicht war verschlossen, der Blick kalt, und wenn Wenzel lächelte, so war es nicht das leichte, gutmütige, spöttische Lächeln von früher, es war ein flüchtiges, zerstreutes Lächeln, das urplötzlich wieder erstarrte.
„Du hast nichts vor, Michael? Nun, das ist prächtig. Höre, wir haben uns lange nicht gesehen, wir werden einen herrlichen Abend zusammen verbringen und einander ganze Romane erzählen. Komm jetzt, ich werde dich in eine ganz wundervolle Schlemmerkneipe führen. Der Koch war früher bei einem russischen Großfürsten in Stellung.“ Mit einer scheuen Zärtlichkeit legte er Michael den Arm um die Schulter, während sie das Kaffeehaus verließen.
15
Wenzel war offenbar hocherfreut über das unerwartete Wiedersehn mit dem Bruder. Während sie gingen, legte er den Arm noch fester um Michael. Sein verschlossenes Gesicht löste sich, seine Augen glänzten.
„Wir wollen das Wiedersehen ordentlich feiern, Brüderchen!“ rief er aus, nachdem sie in der Ecke eines kleinen, feierlichen Restaurants Platz genommen hatten. „Was für eine wundervolle Überraschung ist das! Nicht für die schönste Frau Berlins würde ich dich austauschen. He, Kellner, wo bleibt ihr so lange? Seht ihr nicht, daß ich einen erlauchten Gast mitgebracht habe?“
Der Kellner verneigte sich vor Michael. Dann harrte er, diensteifrig, den Notizblock in der Hand, in einer Haltung, die Achtung vor dem hohen Trinkgeld ausdrückte. Hinter dem kunstvoll aufgebauten Büfett dienerte der Küchenchef mit seiner hohen weißen Mütze.
„Frische Oderkrebse sind eingetroffen, Herr Hauptmann.“
„Bitte, Wenzel, ich bin gewöhnt, sehr einfach zu essen,“ warf Michael ein.
„Du wirst essen, was ich dir vorsetze, und es nicht bereuen. Oderkrebse, sagen Sie?“ Wenzel nahm das Einglas aus dem Auge, das er zum Studium der Speisekarte eingeklemmt hatte, und blickte Michael an. „Hörst du? Glaubst du an Vorbedeutungen? Erst vorhin sprach ich mit den beiden Schafsköpfen, die ich dir im Café vorstellte, von der Oder, in ganz besonderer Angelegenheit. Na – also gut, mein Freund, Oderkrebse.“
„Ein halbes Dutzend?“
Nun lachte Wenzel, daß sein starkes Gebiß blitzte. „Ein Dutzend natürlich! Wofür halten Sie uns? In der Brühe gekocht, und dazu, hören Sie, ein Glas von dem alten Sherry, den nur die Stammgäste bekommen. Du mußt wissen, Michael, das Etablissement hat den Weinkeller eines bankerott gewordenen früheren Staatsministers aufgekauft. Kostbarkeiten! Diese Leute waren noch Kenner, das muß man sagen. Also mit den Krebsen bist du einverstanden?“
„Einverstanden, meinetwegen. Seit Jahren habe ich allerdings keine Krebse mehr gegessen.“
„Um so besser werden sie dir schmecken. Aber nun weiter. Sie können einstweilen die Krebse bestellen,“ wandte er sich an den Kellner, der mit einer Verbeugung verschwand. „Aber nun höre weiter,“ fuhr Wenzel fort. „Sie haben hier ein Konsommee mit Spargelköpfen, ein Tropfen nur, herrlich. Gut, angenommen. Und dann sieh hier, Michael, Forellen, Bachforellen. Wie wäre es damit?“
„Was willst du noch alles bestellen?“ fragte Michael.
„Noch alles?“ Wenzel lachte. „Aber höre, es beginnt ja erst. Nun kommen die schweren Kaliber. Alles Bisherige war nur leichtes Schützenfeuer, um den Feind zu reizen. Notieren Sie, Kellner. Brathühner mit diversen Salaten, Kalbsrücken mit Champignons. Keinen Widerspruch, Michael. Hierauf Pfirsich-Melba, und dann Käse. Sodann eine Schwadron Schnäpse. Zuletzt Kaffee – aber Sie kennen meinen Geschmack: so stark, daß sich ein Toter im Sarge überschlägt. Den Sekt haben Sie kaltgestellt? So, das wäre erledigt.“ Wenzel lehnte sich behaglich in den Sessel zurück. „Du lebst wohl sehr bescheiden auf Sperlingshof, Michael?“
„Ich lebe wie ein Bauer.“
„Prächtig siehst du aus! Braun wie das Brot, das aus dem Backofen kommt! Es ist wunderbar, wie ein Bauer zu leben,“ fuhr Wenzel mit einem leichten Seufzer fort. „Zuweilen jedenfalls. Aber auf die Dauer ist es langweilig, sehr, sehr langweilig. Für mich jedenfalls wäre es nichts mehr. Zur Zeit wenigstens. Ich brauche Unruhe, Lärm, Abwechslung – ah, da sind ja die Krebse schon! Und der Sherry! Sieh ihn dir an – die Reliquie eines Weins. Und nun, Michael, laß uns in aller Ruhe genießen. Erzähle mir, wie es dir geht. Erzähle mir von Sperlingshof und deinen Plänen! Du hast gewiß noch die alten Pläne – wie ich dich kenne?“ Wenzel zeigte sein altes, gutmütig spöttisches Lächeln und kniff ein Auge zu.
„Natürlich! Ich sehe nun die Lösung in voller Klarheit vor mir!“ erwiderte Michael eifrig. „Gerade jetzt bin ich dabei, den Arbeitsausschuß zusammenzustellen. Manche Enttäuschung, viel begeisterte Zustimmung –“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Unverbesserlich bist du!“ sagte er und zerriß knackend einen Krebs.
„Unverbesserlich? Weshalb sagst du –?“
„Nun, nun – stoße dich nicht an meinen Worten, Michael. Du hast deine Ansichten – ich die meinen. Ich bin zur Zeit etwas skeptisch allen derartigen Dingen gegenüber. Ich sehe die Menschen mit andern Augen an – aber nichts davon! Später wollen wir ja über alles sprechen. Hörst du – über alles! Erzähle, sprich. Ich habe heute zehn Stunden lang gesprochen und bin etwas abgespannt. Erzähle vorläufig nur von dir, ich höre zu.“
Michael berichtete, während sie speisten. Seine Arbeit, seine Versuche, sein „großer Plan“. Seine Augen strahlten, und die Röte färbte ihm das Gesicht. Er konnte nicht von seiner Arbeit und von seinem „großen Plan“ sprechen, ohne augenblicklich Feuer und Flamme zu werden.
Plötzlich unterbrach ihn Wenzel, der nur zerstreut zuzuhören schien. „Übrigens, wie hast du mich eigentlich gefunden?“ fragte er.
Michael lächelte verlegen. „Ein Zufall! Man hatte mir gesagt, daß du in den Lokalen in der Nähe des Gendarmenmarktes zu verkehren pflegst.“
„Man?“ Wenzel runzelte die Stirne und sog eifrig an einer Krebsschere. Er schwieg eine Weile. „Und so hast du dich also auf den Weg gemacht?“ fragte er dann spöttisch.
„Es war gar nicht schwer, dich zu finden, so wunderlich es auch scheinen mag.“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Nur du kannst so etwas fertigbekommen. Aber sprich weiter. Ich interessiere mich für all diese Versuche, wenn ich auch wenig oder nichts davon verstehe. Ich war Offizier und nur auf mechanische Arbeit gedrillt. Was kann diese berühmte Bodenfräse?“
Michael setzte eifrig auseinander, daß diese Fräse den Boden auf fünfzig Zentimeter Tiefe mit kleinen Messerchen zerschnitt, so daß der Boden rigolt wurde, besser als es ein Gärtner mit dem Spaten je vermöchte, vom Pfluge gar nicht zu sprechen.
„Sehr interessant!“
Michael fuhr fort. Er sprach von Methoden, die geeignet waren, die landwirtschaftliche Produktion zu verdreifachen, zu verfünffachen. „Ich habe zum Beispiel eine Wiese angelegt, nur fünf Morgen, die künstlich beregnet wird. Diese Wiese liefert mehr Futter, als eine gewöhnlich bewirtschaftete Wiese von zwanzig Morgen hervorbringt.“
Wenzel hob den Blick und lächelte. „Du läßt also regnen,“ sagte er. „Du läßt den Weizen auf der flachen Hand wachsen? Wie teuer kommt dich das Gras zu stehen?“
„Vorläufig ist es ja noch etwas teuer, zugegeben.“
Wenzel brach in lautes Lachen aus. „Du bist ja ein ausgezeichneter Wirtschafter!“ rief er aus.
„Es sind Versuche, mißverstehe mich nicht.“
„Verzeihe, daß ich lachte, Michael. Du weißt, ich verstehe von all diesen Dingen nicht das geringste.“
„Weshalb hast du mich nicht auf Sperlingshof besucht, Wenzel? Du hattest es ja versprochen.“
Wenzel ließ die Gabel sinken. „Ich hatte es versprochen, ja,“ sagte er. „Oh, mein Gott, was habe ich nicht alles versprochen im Frühjahr und Sommer? Aber siehst du, ich hatte keine Zeit. Nicht eine Stunde bin ich von Berlin weggewesen, es sei denn in Geschäften.“