Die Brüder Schellenberg

Part 3

Chapter 33,796 wordsPublic domain

„Ja, kommen Sie.“ Er drängte Georg mit dem Eigensinn eines Betrunkenen in die Kneipe. „In aller Gemütlichkeit,“ fuhr er fort, indem er Georg auf einen Stuhl schob, „in aller Gemütlichkeit wollen wir sprechen. Bringe zwei Kognak, Anton!“ schrie er dem hemdärmeligen Wirt zu. „Ja, Christine – ein feines Kerlchen, ein apartes Kerlchen, aber –“

„Ich wollte Sie ja nicht erschrecken und beleidigen, mein Herr,“ wandte er sich wieder an Georg und schob ihm ein Glas Branntwein hin. „Es war nicht meine Absicht. Sie haben gesehen, daß meine Frau dahinten tot liegt, und aus diesem Grunde bin ich bei jeder Gelegenheit gleich so außer Rand und Band.“ Er goß sich den Kognak in die Kehle und nötigte Georg zu trinken. „Trinken Sie, junger Mann, damit Sie Farbe bekommen. He Anton! Auch Christine liebte es, zuweilen ein Gläschen zu trinken. Sie war garnicht so zimperlich.“

„Christine?“ unterbrach ihn Georg verwundert.

„Ja, Christine. Am Abend, da tranken sie zuweilen ein Gläschen zusammen, Ihre Christine und sie, die nun dahinten liegt.“ Rusch deutete mit dem Daumen hinter sich.

„Einmal nun, sehen Sie, da stieg sie in eine Droschke ein – und hast du nicht gesehen – auf der andern Seite fiel sie wieder hinaus. Und wir lachten, hahaha! Alles lachte. Was ist dabei, wir haben alle unsere Schwächen.“

„Christine fiel aus der Droschke?“

„Aber nein, nein. Sie fiel aus der Droschke, sie, die nun dahinten liegt. Trinken Sie doch, trinken Sie aus, damit ich sehe, daß Sie mir nichts nachtragen.“

Georgs Augen brannten. Seit wann Christine nicht mehr bei ihm wohne?

Der Schlosser dachte nach. Er kniff das beschmierte Gesicht zusammen. „Seit wann?“ erwiderte er. „Lassen Sie mich nachdenken? Ja, seit wann? He, Anton, erinnerst du dich? Diese kleine Schwarze, weißt du, die soviel lachen konnte.“

„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein Erstaunen zu verbergen.

„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen. Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder zum Kino.“

Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er.

Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“

Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.

„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre. Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein, und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt. Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.

Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in der Zeitung.

Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß, sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus, alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her.

Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er hieß Roth.

Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche. Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir, wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist, bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen.

Aber nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessante. Eine Straße vorher verließ mich Roth und sagte mir, in genau einer Viertelstunde wirst du nachkommen. Es ist jetzt ein Viertel vor zwölf Uhr. Komme du Punkt zwölf. Ich komme Punkt zwölf. Das Fenster wird langsam aufgemacht, und ich steige ein. Wissen Sie, mein Herr, was nun passierte?“

„Nein,“ sagte Georg, der nur aus Höflichkeit zuhörte. „Wie sollte ich es wissen?“

Rusch lachte, daß seine dicke Zunge zwischen den Bartstoppeln sichtbar wurde. „Sofort ergriffen mich zwei Paar Arme. Ich war der Polizei in die Hände gefallen. Haben Sie in Ihrem Leben so etwas gehört?“

„Also hatte Roth Sie verraten?“

„Er hatte mir eine Falle gestellt, und ich war in diese Falle gegangen. Er und Mariechen wollten mich loshaben, und so ließen sie mich hochgehen.

Nun, ich bekam zwei Jahre, und ich schwieg.

Aber ich sagte mir, wenn ich herauskomme, seid ihr beide verloren. Und als ich herauskam, sehen Sie, mein Herr, da kaufte ich mir ein Messer und einen Revolver, und ich sagte mir, wartet nur ihr beiden, wo ich euch auch finde! Aber es war schwer sie zu finden. Ich arbeitete am Tage, abends aber besuchte ich immer eine Reihe von Tanzlokalen. Und nun hören Sie, Herr, nun kommt das Interessanteste.“ Rusch goß sich ein neues Glas hinunter. „Nun kommt das Interessanteste, mein Herr. Eines Abends komme ich in ein kleines Tanzlokal in Treptow. Es war nicht sehr voll, und plötzlich, wen sehe ich? Roth und Mariechen. Ich gehe auf sie zu, und was glauben Sie? Ich hatte die Hände in den Taschen und hatte den Revolver und das Messer bereit. So kam ich also auf sie zu. Roth riß sofort aus. Aber Mariechen, was glauben Sie, was sie tat? Mariechen fiel in die Knie und schrie so jämmerlich, wie ich nie einen Menschen schreien hörte. Und dabei hob sie die Arme in die Höhe. Und was glauben Sie, was geschah? Ich vergaß meinen ganzen Zorn und alle Eide, die ich geschworen hatte. Ich hob Mariechen auf und sagte, aber Mariechen, was gibt es denn zu brüllen? Und sie weinte und schluchzte, und ich beruhigte sie. Da wurde sie endlich ruhig, und sie sagte, sie werde jetzt wieder bei mir bleiben. Denn sie liebe mich viel mehr als diesen Roth. Das tat sie auch, mein Herr. Und sehen Sie, solche Dinge gibt es auf der Welt.“

Plötzlich hob Rusch die beiden großen Fäuste in die Luft und brüllte: „Und nun ist sie tot, Mariechen! Nun liegt sie da hinten und ist tot! Mariechen! Mariechen!“ Er schlug sich mit der Faust auf den Kopf.

„Nun, Rusch, beruhige dich,“ sagte der Wirt. „Du wirst es schon verwinden.“

„Und nun ist Mariechen tot!“ brüllte Rusch nochmals.

Georg erhob sich, um zu gehen.

„Nein, nein, bleiben Sie bei mir,“ bat der Schlosser, „bleiben Sie bei mir. Ich muß einen Menschen haben, mit dem ich reden kann. Ich werde Sie nicht mehr mit meinen Geschichten belästigen. Wir wollen von Ihrer Christine sprechen.“

Und er fing an zu erzählen, wie gut Christine zuerst mit seiner Frau ausgekommen sei. Sie haben immerzu Kuchen gebacken – ah, fein! Dann aber habe sie ihre Stellung verloren und sei in Verlegenheit geraten. Da sei öfter ein kleiner, blonder Herr gekommen mit einem Kneifer und habe sie ausgeführt. Und später, da sei ein hagerer, dunkler gekommen, vielleicht ein Russe. Er kam immer in den Hof und pfiff – so eine traurige Weise ...

Georg sprang auf, und er war so rasch verschwunden, daß der Schlosser ins Leere griff, als er mit den beiden Fäusten nach ihm langte.

6

Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.

Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten Kräfte ab. Er wehrte sich.

Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf, treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde tapfer.

Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten Deutschlands.

Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du, dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer, glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen, abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den Kopf. So war es also nichts.

Nun, wenn nicht hier, so anderswo.

Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.

Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen. Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?

Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.

Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran, so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.

Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang, Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude, Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.

Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so geschah es in jeder Nacht.

Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die ganze Nacht aufrecht.

7

An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte der Husten bis zum Boden.

Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig. Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften, die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.

Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen, durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?

Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen. Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker. Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine Besserung erwartet werden.

Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.

Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten sich. Oft schwankte er beim Gehen.

Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken kauerten andere Schatten.

Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald der langsame Schritt in der Ferne verklang.

Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur feinklingend in der stillen Nacht.

In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen, die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.

Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.

Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie!

Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.

Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte.

8

Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.

Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?

Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im „Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte er ihm zur Last fallen.

Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn, als habe er ein Verbrechen begehen wollen.

Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.