Part 2
Augenblicklich versuchte Stobwasser ihn zu beruhigen. Beschwörend streckte er die Hand aus. „Setze dich wieder, Weidenbach, ich bitte dich! Ich will nicht mehr davon sprechen. Es gibt Dinge, die man selbst seinen Freunden nicht sagen kann. Aber, wie gesagt, es war uns unerklärlich, denn wir waren doch alle in solch vorzüglicher Laune, damals. Nun, ich verstehe, man tut manches, und später –“ Der Bildhauer hustete.
„Wie geht es Katschinsky?“ unterbrach ihn Georg.
„Katschinsky?“ Stobwasser lachte leise. Irgend etwas Lustiges war ihm eingefallen beim Klang dieses Namens. Er streckte die spitze Nase zur Decke. „Ich weiß es nicht. Du kennst ja Katschinsky, man sieht ihn oft wochenlang nicht. Er brachte mir den Kunden, der mir die kleine Holzplastik abkaufte und bis heute nicht bezahlte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Es soll ihm nicht schlecht gehen. Er ist elegant und vornehm geworden, verkehrt in Tanzdielen und Spielklubs. Soviel ich weiß, ist er beim Film angekommen. Höre, Weidenbach, eben denke ich daran, was wirst du beginnen? Hast du schon eine Beschäftigung?“
„Ich suche etwas. Ich fragte heute da und dort an.“
„Schön. Höre. Gehe sofort zu Katschinsky. Er hat ja Verbindungen in allen Kreisen, und ohne Verbindungen ist heute schwer etwas zu machen. Vielleicht kannst du auch beim Film ankommen?“ Ein Hustenanfall unterbrach Stobwasser, dann fuhr er lebhaft fort: „Und Christine, Georg, wie geht es Christine?“
Pause. Stille.
„Ich habe Christine im Warenhaus gesucht, aber sie scheint nicht mehr dort beschäftigt zu sein.“
Der Bildhauer richtete sich erstaunt auf. „Scheint? Scheint? Aber stehst du denn nicht in Verbindung mit Christine?“ schrie er vor Erregung.
Leise antwortete Georg: „Christine schrieb zuletzt nicht mehr. Meine Briefe, meine letzten Briefe“, schaltete er ein, da er sich vor dem Freunde schämte, „kamen als unbestellbar zurück.“
Stobwasser erwiderte nichts. Er lag lange still, und sein Atem pfiff. „Die Frauen sind merkwürdig,“ sagte er dann, mit einem neuen Hustenanfall kämpfend. „Sonderbar. Ich hätte es nicht für möglich gehalten,“ fuhr er fort, während er Georg mit seinen großen, fiebernden Augen aufmerksam betrachtete. „Und du hast dir doch ihretwegen – es ist doch ganz gewiß, sonst wäre es ja überhaupt unverständlich –, du hast dir doch Christines wegen eine Kugel in die Brust geschossen, Weidenbach?“
Wiederum erhob sich Weidenbach. Er trat einen Schritt zurück, schwieg, blickte zu Boden. Dann erwiderte er ganz leise, so daß Stobwasser ihn kaum verstehen konnte: „Sprich nicht mehr davon, Stobwasser, ich bitte dich herzlich. Was geschehen ist, ist geschehen. Es gab eine Szene zwischen Christine und mir, es gab immer Szenen und immer heftigere, und schließlich wußte ich nicht mehr, was ich tat.“
Stobwasser drückte Georgs Hand. Nach langem Schweigen sagte er: „Welch ein Satan, diese Christine! Und dabei ist sie noch kleiner als ich! Ach, und sie hörte auf, dir zu schreiben. Ja, die Frauen! Der Teufel soll sie holen, alle zusammen. Weißt du, Weidenbach, ich glaube, diese periodischen Störungen machen die Frauen völlig verrückt. Sie wissen nicht, was sie tun. Nun wohl, Christine hin, Christine her. Vergiß sie, Weidenbach – es gibt hundert Christinen!“
Georg schüttelte den Kopf. „Du täuschst dich, es gibt nur eine,“ entgegnete er.
Stobwasser saß keuchend in den Decken und sah Georg lange an. „Also – trotz alledem?“ rief er überrascht aus. „Nun, sie war ja ein wundervolles Mädchen, diese Christine, zugegeben. Sie war ein herrliches Geschöpf, gütig und wild in einem und voll toller Einfälle. Aber gehe jetzt, Weidenbach,“ keuchte er, „das Sprechen tut mir weh. Die Brust schmerzt mich. Ich bin so glücklich, daß ich dich wiedersah, alter Freund. Und komme bald wieder, ich liege hier tagelang. Du kannst auch bei mir wohnen, wenn du willst. Wir können recht gut zu zweien hier hausen. Und der Kaufmann kann ja jeden Tag bezahlen, ich habe ihm geschrieben. Lebe wohl, Weidenbach, und vergiß nicht zu Katschinsky zu gehen, er weiß stets Rat.“
Schon im Hofe hörte Georg Stobwasser noch husten. Aus dem Ziegenstall schob sich zwischen Lumpen der Kopf der hungrigen Ziege, die Georg kläglich nachmeckerte.
4
„Heißes Wasser nennen Sie das?“ rief Katschinsky unwillig der Wirtin zu. Noch immer tyrannisierte er die alte gutmütige Frau. Sie ließ sich alles von ihm gefallen. Er mochte bezahlen oder nicht, sie scharrte ihre letzten Groschen für ihn zusammen, denn sie hatte sich in den hübschen Jungen vergafft.
Katschinsky war eben dabei, sich zum Ausgehen fertig zu machen. Während er sich mit dem Apparat den weichen, kaum sichtbaren blonden Flaum von Wangen und Kinn schabte, unterhielt er sich mit Georg. Es war warm und hell in seinem Zimmer.
„Stobwasser? Natürlich werde ich Karl besuchen,“ sagte er mit seiner immer etwas spöttisch und hochmütig klingenden Stimme. „Aber ich will Ihnen etwas sagen, Weidenbach. Dieser Stobwasser ist ein kurioser Bursche. Ich bringe ihm einen Käufer, er kauft ihm eine Plastik ab, macht eine Anzahlung, und nun schreibt ihm dieser unglückselige Stobwasser fortgesetzt Mahnbriefe.“
„Es geht ihm nicht gut, zur Zeit, Katschinsky,“ warf Georg ein.
„Nun, wem geht es gut, frage ich? Man tut so etwas nicht, es verstimmt den Käufer. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er Karl die Plastik zurückgeschickt.“
„Stobwasser ist krank. Er hat nicht einmal Geld, um zu heizen.“
„Trotzdem, trotz alledem, Sie müssen zugeben, Weidenbach –“
Katschinsky hatte offenbar ganz vergessen, daß sie sich früher geduzt hatten. Er hatte augenblicklich einen um eine Nuance förmlicheren Ton gewählt, als sein Blick Georgs abgetragene Kleidung streifte. So schien es Georg wenigstens.
Für Kurt Katschinsky, den Maler und Zeichner, hatte er immer Bewunderung empfunden und sich ihm ganz von selbst untergeordnet. Einige Karikaturen Katschinskys waren in Witzblättern erschienen. Katschinsky hatte in der Juryfreien mit Erfolg ausgestellt, und es bestand für Georg kein Zweifel, daß Katschinsky den Weg zum Ruhm betreten hatte.
Katschinsky war ein ungewöhnlich hübscher junger Mann. Er war blond und trug das Haar peinlich genau gescheitelt. Er wirkte größer, als er tatsächlich war, und auch schlanker. Er hatte große graue Augen und das etwas zarte und blasierte Gesicht eines verwöhnten Muttersöhnchens. Er war der Sohn einer Beamtenwitwe in Hamburg, die ihren letzten Pfennig für ihn opferte. So kam es, daß Katschinsky stets etwas Geld hatte und es sich leisten konnte, Jenny Florians Freund zu sein, einer jungen Schauspielerin, die zu den schönsten Frauen Berlins zählte. Wenn diese beiden jungen Menschen sich auf der Straße oder in einem Restaurant zeigten, so richteten sich stets alle Augen voller Bewunderung auf sie.
„Darf ich eine Frage an Sie richten?“ fragte Katschinsky, während er sich mit einem heißen Tuch, das die alte Wirtin gebracht hatte, das Gesicht abtrocknete und Georg durch den Spiegel mit seinem schönsten, liebenswürdigsten Lächeln zulächelte.
„Fragen Sie ruhig.“
„Ich meine, Weidenbach“ – der Maler puderte Wangen und Kinn mit einer zarten flockigen Quaste – „es interessiert mich: tut es weh – das, Sie verstehen mich?“
Georg antwortete nicht. Das Blut stieg ihm in die Wangen.
Da begann Katschinsky zu lachen. „Ach, es fehlte noch, daß Sie mir böse sind, lieber Freund. Es interessierte mich. Ich werde es ja nie tun, ich hätte gar nicht den Mut dazu. Und einer Frau wegen – ach, du lieber Himmel!“ Er goß eine Essenz ins Haar und zog sorgfältig den Scheitel. Dann legte er den Kragen an und knüpfte mit großer Sorgfalt die Binde. Er schien für eine Weile die Anwesenheit Georgs ganz vergessen zu haben.
Katschinsky war stets gut gekleidet gewesen, und doch staunte Georg über die Eleganz des modischen Anzugs, den er heute trug. Die Hosen, an den Hüften weit geschnitten, waren tadellos gebügelt. Dazu trug Katschinsky Seidenstrümpfe und Lackschuhe. Die Krawatte war aus schiefergrauer schwerer Seide.
„Ich freue mich, daß es Ihnen gut geht, Katschinsky,“ sagte Georg – und er schämte sich des heimlichen Gedankens, daß Katschinsky ihm vielleicht aus der Verlegenheit helfen könnte. Die Wärme des Zimmers hatte Georg aufgetaut. Seine Stimme wurde leichter, sein Benehmen freier.
„Der Schein trügt,“ erwiderte Katschinsky, indem er kokett den Kopf über die Schulter drehte und spöttisch lächelte.
„Sie haben gewiß Erfolge? Stobwasser deutete es an.“
Katschinsky prüfte mit einem Handspiegel die Zähne, wobei er das Gebiß von den Lippen entblößte. Seine Zähne waren vorbildlich schön, regelmäßig, schneeweiß. „Erfolge!“ rief er aus und lachte leise. „Es ist eine sonderbare Art von Erfolgen!“
„Haben Sie viel gearbeitet?“
Katschinsky schüttelte den Kopf. „Nein, nein,“ erwiderte er und polierte sorgfältig die Nägel, „ich habe fast nichts gearbeitet, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Müdigkeit über mich gekommen, eine ungeheure Müdigkeit. Ich bin wohl stets ehrgeizig gewesen, Weidenbach, aber ich hatte nie eine große Energie. Wozu auch? Im übrigen habe ich nicht die geringste Begabung.“
„Sie sollten keine Begabung haben, Katschinsky!“ rief Georg erstaunt aus und lachte, seit langer Zeit zum erstenmal.
Katschinsky sah einen Augenblick auf. Der bedingungslose Glaube an sein Können, der so deutlich aus Weidenbachs Lachen klang, hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt. Er errötete leicht. „Nein, nein,“ sagte er, „ich habe es einmal geglaubt, aber ich sehe jetzt ein, daß ich kein Talent habe. Ich kann nur nachahmen, was andere vorgemacht haben. Ich müßte arbeiten, viel arbeiten, aber dazu fehlt mir die Energie.“
„Was tun Sie also?“
Katschinsky zog die Schultern hoch. „Sie sind ein ehrlicher Junge, Weidenbach,“ sagte er, während er die Hände mit Puder einrieb. „Es ist möglich, daß Sie einmal ein großer Künstler werden, gerade weil Sie so einfach und aufrichtig empfinden. Ich will Ihnen nichts vormachen. Meine Mutter ist gestorben, und ich habe die Möbel, die sie mir hinterließ, verkauft. Für den Erlös habe ich mir Garderobe angeschafft. Ich tat das nur aus Eitelkeit, aber es stellte sich heraus, daß es das Vernünftigste war, was ich tun konnte. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, Weidenbach, daß es hier in Berlin Hunderte von jungen Männern gibt, die elegant gekleidet sind – Bügelfalten, Monockel, elegante Schuhe –, und man weiß nicht, wovon sie leben. Aber sie haben das Aussehen der Sorglosen, ihre Gesichtsfarbe ist gut, die Hände sind gepflegt. Auf den Kleidern auch nicht ein Stäubchen. Sie gehen auf dem Kurfürstendamm spazieren und trinken in den Hallen der vornehmen Hotels um fünf Uhr Tee. Wovon leben all diese jungen Leute, Weidenbach? Nun, sie werden es Ihnen nicht verraten. Sie bilden eine Klasse für sich. Und erst, wenn Sie sich so kleiden wie diese jungen Männer, haben Sie die Möglichkeit, in ihre Geheimnisse einzudringen.“
„Also wovon leben sie denn?“ unterbrach Georg den Maler ungeduldig und sah ihn mit einem neugierigen Blick an.
„Wovon wir leben?“ antwortete Katschinsky, und ein eitles, zynisches Lächeln umspielte seinen schönen Mund. „Das ist nicht so leicht gesagt. Nun, wir leben, und wir leben nicht schlecht. Können Sie tanzen, Weidenbach, gut tanzen? Nun, so kommen Sie mit mir in eine Tanzdiele, um fünf Uhr. Ich führe Sie ein. Sie tanzen ein paar Schritte, man wird Ihnen Tee, Gebäck, Zigaretten und Liköre servieren, und wenn Sie besonders gute Figur machen, wird man Sie noch honorieren. Sie werden erfahren, daß es elegante Restaurants gibt, wo man mit einer hübschen Dame, die natürlich ebenfalls ohne jeden Tadel gekleidet ist, ganz umsonst zu Abend speisen kann.“
„Ist es möglich?“ fragte Georg.
„Ja, es ist möglich,“ erwiderte Katschinsky, dem die Verblüffung dieses armen, abgehetzten, bleichen, vom Regen zerweichten Weidenbach Vergnügen bereitete. Er schlüpfte in das Jacket und strich es mit den Händen am Körper glatt. Dann begann er mit leisen Schritten auf und ab zu gehen, und in seinem Gang drückten sich Befriedigung über die tadellose Kleidung und jenes Wohlbehagen aus, das eine sorgfältige Toilette bereitet. Sein schönes Gesicht strahlte von einem leichtsinnigen Lächeln, während er plauderte. „Man macht Bekanntschaften, knüpft Beziehungen an. Zuweilen trifft man auch da und dort eine hübsche Dame, die einen in ihr Haus einlädt. Man ißt und trinkt und läßt es sich wohl sein. Und dann, das ist das Allerwichtigste, gibt es eine ganze Menge von Spielklubs, die sich erkenntlich zeigen, wenn man ihnen zahlungskräftige Mitglieder zuführt. Man kann auch spielen, wenn man es versteht. Aber, um ehrlich zu sein, Weidenbach, darin bin ich noch Dilettant. Ich habe einen Freund, früherer Offizier der russischen Garde. Oh, der versteht zu spielen! Nimmt er nur die Karten in die Hand, so ist das Glück auf seiner Seite. Sie sehen, Weidenbach, so lebt man also. Und wenn man so leben kann, weshalb soll man sich anstrengen? Kunst – wer will heute in diesem Lande etwas von Kunst wissen, wer versteht etwas von Kunst. Diese Zeiten sind vorläufig vorüber.“ Plötzlich hielt Katschinsky inne. Er blieb stehen und blickte Georg nachdenklich an. „Es gibt übrigens noch etwas, womit man mühelos Geld verdienen kann!“ rief er dann lebhaft, von seinem Einfall begeistert, aus. „Hören Sie, Weidenbach, vielleicht wäre dies etwas für Sie!“
In Weidenbachs Augen erwachte Hoffnung.
„Ja, mein lieber Junge, ich glaube, ich habe es gefunden! Am Ende sind Sie zu mir gekommen, weil Sie Geld brauchen und sich sagten, Katschinsky hat vielleicht etwas. Aber Weidenbach, Sie brauchen nicht zu erröten, um Himmelswillen. Ich kann Ihnen nur dies sagen,“ Katschinsky zeigte lächelnd seine schönen Zähne, „es gibt in der Welt nichts Törichteres, als vor einem Katschinsky zu erröten. Aber, um es nicht zu vergessen. Diese eine Sache, die vielleicht etwas für Sie wäre! Kokain!“
„Kokain,“ flüsterte Georg enttäuscht.
Katschinsky lachte laut auf. „Ja, Kokain!“ rief er aus. „Sie scheinen wenig begeistert zu sein, und die Sache ist doch so einfach. Sie versuchen Kokain aufzutreiben. Sie werden schon Leute finden, die Kokain haben, und wir könnten dann zusammen arbeiten. Für die Abnehmer sorge ich. Was sagen Sie dazu?“ Katschinsky lachte laut und fröhlich.
„Das ist nichts für mich,“ stammelte Georg. „Ich bin nicht für solche Dinge geschaffen. Ich habe dazu nicht die geringste Begabung.“
Katschinsky betrachtete ihn mit einem leisen Bedauern in den grauen Augen. „Schade, sehr schade,“ sagte er dann leise. „Ich befürchte, daß Sie es nicht leicht haben werden, Weidenbach. Nein, Sie sind nicht für solche Dinge geschaffen, das sehe ich. Sie sind nur für die Arbeit geschaffen. Sie werden ewig arbeiten, und die andern werden den Nutzen von Ihrer Arbeit haben und Sie auslachen?“
„Nun, so lassen Sie sie lachen. Meinetwegen, wenn ich nur Arbeit habe,“ antwortete Georg, indem er sich erhob. Der Zynismus Katschinskys widerte ihn plötzlich an. „Sie sind nicht böse, Katschinsky, daß ich Sie besuchte?“
„Böse, wieso? Ich versäume ja nichts. Ich gehe hier auf und ab und warte auf einen telephonischen Anruf. Ich muß wissen, wo heute abend gespielt wird, und dann, sehen Sie, habe ich eine Verabredung im Bristol.“
„Und Jenny, Jenny Florian?“ fragte Georg, schon den Hut in der Hand. „Wie geht es Jenny Florian? Ist sie noch in Berlin?“
Katschinsky erbleichte. Er blieb augenblicklich stehen. Seine Augen schillerten böse, und sein hübscher, knabenhafter Mund wurde plötzlich hart und herrisch. Dieses Gesicht würde Georg nie vergessen. Es war hochmütig und kalt und verriet allzu deutlich, daß Katschinskys freundliches und liebenswürdiges Benehmen nur Verstellung war.
„Sie sollen Jennys Namen nie mehr aussprechen!“ herrschte Katschinsky Georg an, und wie ein eigensinniges Kind stieß er mit dem Schuh auf den Boden. Sofort aber sah er ein, daß er Georg verletzt hatte, und er versuchte es wieder gutzumachen. „Verzeihen Sie,“ sagte er mit ruhigerer Stimme, obwohl die Worte noch zitterten. „Vergeben Sie mir, daß ich erregt wurde. Aber sooft ich an Jenny denke, könnte ich rasend werden. Sie hat Karriere gemacht, Weidenbach. Sie fährt in einem wunderbaren Mercedeswagen, und Sie sollten einmal sehen, wie sie lächelt, wenn sie mich grüßt, ganz als sei ich ihr einmal auf einer Gesellschaft so nebenbei vorgestellt worden. Jenny Florian, ich will Ihnen eines verraten, Weidenbach, ist eine Frau, die es weit bringen wird! Sie ist die gewandteste Schauspielerin auf der Bühne des Lebens, die es gibt. Auf der Bühne versagte sie. Sie wissen, daß sie es versuchte. Sie versucht es jetzt mit dem Film, wir werden ja sehen, wie weit sie kommt. Allerdings – in diesem Falle steht eine Finanzmacht hinter ihr. Im Leben aber, das muß man zugeben, spielt sie ihre Rolle wunderbar! Sie spielt nur gegen sehr hohe Gage. Und sie wird jedes Engagement sofort brechen, wenn Sie ihr mehr bieten können.“ Katschinskys Gesicht war während der letzten Worte – er deklamierte etwas – wieder erbleicht. Seine Lippen bebten. In seinen hellgrauen Augen funkelte ein kalter böser Glanz.
In diesem Augenblick schrillte das Telephon.
„Hier ist der Anruf,“ sagte Katschinsky erregt und reichte Weidenbach flüchtig die kühle Hand.
„Leben Sie wohl, Weidenbach,“ sagte er, ohne Georg anzusehen, und eilte an den kleinen Schreibtisch, wo das Telephon stand.
5
Georg stieg langsam die Treppe hinab. Er hat sich ja sogar die Lippen gefärbt! dachte er. Er roch nach Essenzen, Puder und Zahnwasser des Malers.
Das also war Katschinsky, vor dem er sich neigte, dachte Georg, während er, verwirrt von dem Besuch, zur Station der Untergrundbahn eilte. Wenn er mit den Zügen Glück hatte, so konnte er noch vor Geschäftsschluß am Alexanderplatz sein. Enttäuschung und Traurigkeit bemächtigten sich seiner. Was war aus Katschinsky geworden? Was machte diese Zeit und diese Stadt mit den Menschen? Ein Verräter, ein Abtrünniger, ein Schamloser. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er Katschinsky geliebt hatte und zwei Jahre lang um seine Freundschaft warb. Und wie erregt er wurde, als er Jennys Namen nannte? Wie er sie sofort beschimpfte. Was war geschehen? Nun, er würde ihn nicht wiedersehen, lebe wohl!
Gerade noch zur rechten Zeit erreichte Georg das Warenhaus. Die Verkäufer und Verkäuferinnen, erschöpft von der trockenen verbrauchten Luft, warfen schon Blicke auf die Zeiger der Uhren. Der Chef der Personalabteilung aber, ein kleiner runder Herr, hatte eigentlich schon Schluß gemacht und empfing Georg mit einer verdrießlichen Miene. Er zog die Brauen zusammen und sah nun wahrhaft vergrämt und verzweifelt aus.
„Ich bin ja eigentlich kein Auskunftsbureau, junger Mann,“ rief er aus, „aber immerhin – Christine März, sagen Sie? Nun, einen Augenblick. März, Christine – sie hat vor drei Monaten die Firma verlassen und wohnte damals –“ Er schrieb die Adresse nieder und reichte Georg den Zettel mit den Fingerspitzen, als klebe Schmutz daran. Es war eine etwas verrufene Straße.
Georgs Gesicht aber leuchtete. Augenblicklich machte er sich auf den Weg, und blitzschnell, wie ein Mensch, dem die Verfolger auf den Fersen sind, schoß er durch die Menge, die in der Zeit des Geschäftsschlusses die Straßen überschwemmte. Außer Atem und mit Schweiß bedeckt erreichte er das bezeichnete Haus. Er blieb stehen und sah sich dieses Haus an. Sofort schüttelte er, enttäuscht und niedergeschlagen, den Kopf.
Die Adresse war vom August, und jetzt war man im November. Es war recht gut möglich – ja es war sicher, er fühlte es – daß Christine nicht mehr in diesem Hause wohnte. Immerhin, vielleicht würde man ihm Auskunft geben können.
Und während er langsam und etwas zaghaft auf das Haus zuging, quälten ihn wiederum die alten Gedanken, die ihn seit drei Monaten marterten: Weshalb hatte sie plötzlich keine Nachricht mehr gegeben? Hatte sie Berlin verlassen? O nein, er fühlte, daß sie in der Stadt war! War sie gestorben? O nein, er fühlte, daß sie lebte! War sie krank? Lag sie in irgendeinem Krankenhaus? Vielleicht. Unmöglich, gänzlich unmöglich war es ja, daß sie ihn verlassen haben könnte, ohne ein Wort. Hatte er nicht Beweise ihrer Liebe und Leidenschaft, wie? Gab es größere Beweise als das, was Christine getan hatte?
Wie eine gewöhnliche Mietskaserne im Osten sah das Haus aus, ebenso verwahrlost, dunkel und finster wie die Häuser ringsum. Neben dem Toreingang war eine Kneipe. Zwei bezechte Kutscher standen darin, kleine Schnapsgläschen in der Hand. Hier trat Georg ein und fragte nach der Adresse des Schlossers Rusch. Rusch? Das sei richtig hier. Im dritten Hof, parterre.
Die Höfe waren klein und eng, eigentlich nur Lichtschächte. Es brannten winzige Laternen, und die Wände sahen wie mit Schimmel bedeckt aus. Da und dort glomm ein trübes Licht, der Geruch schlechten Fettes, mit dem gekocht wurde, drang aus den Türen. Aus dem dritten Hof kam eine kleine Frau, ein Tuch über den Kopf geschlagen. Georg beugte sich vor, um unter das Tuch blicken zu können: das kleine bleiche Gesicht einer älteren Frau, die still und lautlos weinte.
Der dritte Hof war der kleinste. Er war ganz dunkel, und das Regenwasser plätscherte aus irgendeiner durchlöcherten Rinne mitten auf den Hof herab. Zwei Parterrefenster des Hofes zeigten hinter herabgelassenen fleckigen Vorhängen mattes Licht.
Diesen Vorhängen tastete sich Georg entgegen. Sofort roch er, daß er an der rechten Stelle war. Er roch die Werkstatt eines Schlossers. Noch einen anderen Geruch unterschied er – den Geruch von Kerzen.
Die Türe zur Wohnung des Schlossers war nur angelehnt, und Georg lugte durch den Spalt. Sein Herz schlug so sehr, daß es ihm nicht möglich gewesen wäre, jetzt irgendein Wort zu sprechen. Drinnen glitzerte es – was war es doch? – Kerzenlicht, wie ein Christbaum. Er hatte in der Erregung die Tür berührt, so daß der Spalt sich vergrößerte. Da sah er, daß in der Stube, der Werkstatt des Schlossers, die Leiche einer dicken, behäbigen Frau aufgebahrt lag. Zu beiden Seiten des fahlen, gutmütig lächelnden Gesichts standen zwei flackernde Kerzen. Er hörte ein gurgelndes Schluchzen und dann ein lautes Räuspern. Ein Schatten reckte sich über Wände und Decke, und eine laute, rauhe Stimme sagte: „Ist jemand hier?“
„Ich bitte zu verzeihen, daß ich störe,“ stammelte Georg, und schon näherte sich die Gestalt der Türe.
Ein großer breitschultriger Mann stand vor Georg. Seine Augen waren verweint. Er hatte sich offenbar mit den schmutzigen Fäusten die Augen ausgerieben, so daß dicke schwarze Ringe um die Augen lagen, wie eine phantastische Brille.
„Was wollen Sie?“ fragte der Mann unwirsch und heftete den Blick scharf und funkelnd auf Georg.
„Ich komme sehr ungelegen,“ erwiderte Georg leise. Der Blick dieses Mannes erschreckte ihn. „Ich wollte eine Auskunft haben.“ Er fragte, ob Christine März noch hier wohne?
Das Gesicht des Schlossers nahm einen verächtlichen Ausdruck an. „Die!“ knurrte er. Oh, die sei schon lange, lange nicht mehr hier. „Aber was wollen Sie von ihr, junger Mann? Wollen Sie etwa die Schulden bezahlen, die diese Person hinterlassen hat? Sie ist noch zwei Monate Miete schuldig.“
Georg stammelte eine Entschuldigung und wich zurück.
Der Schlosser Rusch trat aus der Türe und rief ihm nach: „Es ist noch eine Pappschachtel von dieser Person hier, mit alten Lumpen! Vielleicht wollen Sie die Pappschachtel haben? Ich werde sie Ihnen bringen.“
„Ich will nichts,“ erwiderte Georg, indem er in den Torweg eilte.
„Nun, so warten Sie doch!“ polterte Rusch. „Weshalb gehen Sie so rasch. Warten Sie doch! Es ist ja alles nicht so schlimm gemeint. He, Sie!“
Bei der Kneipe, die am Ausgang des Torwegs zur Straße lag, holte ihn der Schlosser ein. Nun erst bemerkte Georg, daß der Schlosser mit dem beschmutzten Gesicht betrunken war.
„Sie wollten nach Christine fragen?“
„Ja.“
„Nun, ich werde Ihnen von Christine erzählen.“
„Sie wollten?“