Part 1
Die Brüder Schellenberg
Roman von Bernhard Kellermann
1925 S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis zwanzigste Auflage Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
Die Brüder Schellenberg
Erstes Buch
1
Das Tor des Krankenhauses fiel hinter Georg Weidenbach ins Schloß. Er hüstelte, als er die rauhe Straßenluft einatmete, und stülpte den Mantelkragen in die Höhe. Und schon schlug er, fast automatisch, jenen Weg ein, den er in tausend Träumen und Phantasien während seines Krankenlagers gegangen war. Er verlor sich rasch im Gewimmel jener endlosen Straßenzüge, die quer durch die Stadt nach dem Alexanderplatz führen. Hier, am Alexanderplatz, war in einem Warenhaus seine Geliebte als Verkäuferin tätig, Christine, „der schwarze Teufel mit den Augen eines wilden Hengstes“, wie der Zeichner Katschinsky sie genannt hatte. Seine Geliebte, und wenn man wollte, seine Frau. Oder durfte er sie nicht so nennen? Nach all dem, was sich zwischen ihnen ereignet hatte? Und das war, bei Gott, nicht alltäglich!
Trotz der Knappheit seiner Barschaft, die zu äußerster Sparsamkeit mahnte, hätte Georg wohl die Elektrische nehmen können, aber er empfand es als eine Art Wollust, diese Stunde zwischen der Entlassung aus dem Krankenhaus und dem Wiedersehen mit Christine bis auf die letzte Minute und Sekunde auszukosten.
Ja, nun kam er also, treibend in diesem Strom hastender Menschen und jagender Wagen, und sie sah ihn nicht! Sie ahnte es nicht, daß er, Schritt für Schritt, immer näher kam. Würde sie zu Boden sinken? Er lächelte mit geweiteten Augen, ein erregtes, fast verzücktes Lächeln, aber so elend hatte ihn die Krankheit gemacht, daß sein Lächeln wie eine Grimasse des Schmerzes aussah. Er keuchte leise. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, die Knie zitterten ihm.
Das lange Krankenlager hatte ihn der Gegenwart entfremdet. Menschen, Stimmen, Gesichter, Gebärden erschienen ihm fremd, als sei er nach Jahrzehnten in diese Stadt zurückgekehrt, als sei er verändert in sie zurückgekehrt. Das monatelange Rauschen des fiebernden Blutes hatte seine Sinne verfeinert, so daß er Bewegung und Lärm um vielfaches verstärkt empfand. Die Straße jagte, die Straße donnerte, und fast überkam ihn eine Beklemmung.
Menschen und Gefährte schienen von einem wilden Strom fortgerissen zu werden, sie glitten und schossen vorüber, um in den Wirbel der Seitenstraßen geschleudert zu werden. Funken stoben aus den Rädern, blaues Feuer spritzte durch die nasse Luft. Omnibusse, mit Menschenleibern dicht beladen, Gesicht an Gesicht, bleich und fahl, schwankten wie Schiffe in den Strudel der Plätze, wo sie auf und ab stampften wie auf hoher See, und versanken. Der Boden zitterte und schwankte, die Luft gellte, es knallte wie von Explosionen. Wahrhaftig, es war wie in einer Schlacht.
Aus einem dicht über den düsteren Häusern hängenden lehmfarbenen Himmel fiel gleichmäßig ein feiner Sprühregen wie durch ein dünnes Sieb herab. Der Regen lag in Bläschen auf den schwarzen steifen Hüten der Herren, auf den Pelzen der Damen. Er hing auf den Schnurrbärten der Trambahnführer, und wenn man das Gesicht etwas schräg hielt, so netzte er, angenehm kühlend, Augenlider und Wangen.
Schritt für Schritt – und sie ahnte es nicht!
Würde sie einen ihrer wilden Schreie ausstoßen? Würde sie die Arme in die Luft werfen und an seine Brust stürzen, angesichts der Käufer, angesichts der Kolleginnen, angesichts der strengen Augen der Aufsichtsdame? Oh, Christine – nein, nein, sie kümmerte sich um nichts ...
Die großen Scheiben des Warenhauses blendeten, drinnen schwankten Lichter und Menschen. Georgs Herz schlug: Die Stunde war da, tausendmal ersehnt und erträumt. In wenigen Minuten würde er sie sehen – würde er alles erfahren, Aufklärung erhalten über all das Unbegreifliche. Oder –? Sein geschwächter Körper bebte.
Um ganz offen zu sein, es gab ja manches, das nicht so einfach war. Er hatte nur nicht den Mut, es sich einzugestehen. Wie oft war er mitten in der Nacht aus dem Schlafe aufgefahren, um mit offenen Augen dazuliegen, bis der Tag graute? Wenn Christine etwa, nehmen wir es an, auch das war ja möglich – wenn sie nicht mehr hier sein sollte? Seit Wochen – warum betrügst du dich? –, seit Monaten hatte er, seit genau drei Monaten, keine Antwort mehr auf seine Briefe erhalten ...
Die trockene Wärme beruhigte, die Lichter, die Teppiche, die den Schritt dämpften. Eine Art von Wohlbehagen, ein Gefühl des Geborgenseins kroch über seinen durchfrorenen Körper, Röte überzog seine eiskalten, nassen Wangen.
Wie herrlich die Seide schimmerte! Eine Kaskade bunter Seidenstoffe stürzte aus einem hohen Brunnenbecken herunter in den Saal, funkelnd im Licht. Das Silber in den Vitrinen blitzte. Ein Verkäufer schleuderte einen Ballen Tuch auf den Ladentisch, daß er sich wie eine Schlange entrollte, die Schere blitzte in der Luft. Es roch nach feinem Leder, Juchten, nach den Parfüms der Frauen, die vorüberglitten. Die Türen der Aufzüge klirrten, Menschenbündel flogen in die Höhe, stürzten blitzschnell ins Bodenlose.
Hier war Reichtum, Luxus, Überfluß. Es sah ganz so aus, als gäbe es auf dieser Erde weder Hunger noch Kälte noch Entbehrungen. Das Riesengebäude mit seinen hundert Sälen war von oben bis unten angefüllt mit Waren. Die Waren waren bis zur Decke aufgeschichtet, sie überschwemmten die Säle, sprengten die Wände, überströmten die Wandelhallen und Treppenhäuser. Aber, war es nicht auffallend, im Vergleich zu diesen ungeheuren Warenmassen war die Zahl der Käufer nur gering. Man drängte sich nicht wie früher, stieß einander nicht an, kein Gedränge an den Kassen. Die Verkäuferinnen saßen hinter den Tischen, polierten sich die Nägel, färbten sich die Lippen, tuschelten. Glatzköpfige Herren gingen in den Gängen hin und her und blieben ab und zu stehen, um eine abgeschabte Stelle des Läufers zu untersuchen. Eine auffallende, fast bedrückende Stille herrschte in dem Warenpalast.
Nun brauchte man nur noch das Lager der Damenkonfektion zu durchqueren, an einigen gespreizten Wachspuppen vorbei, und man war in Christines Reich: Wäsche, Linnen, Spitzen für Damen.
Georg verbarg sich hinter einer dieser gezierten Puppen, die heiter glänzte und ihn mit ihren Augen verführerisch anstrahlte. Von hier aus vermochte er die Abteilung „Damenwäsche – Spitzen“ unauffällig zu überblicken. Auch hier, wo früher tausend eifrige Hände erregt in den Waren wühlten, waren nur vereinzelte Käuferinnen zu sehen. Eine dicke Dame in einem rötlichen Pelz, wie ein dicker Hamster, einige halbwüchsige Mädchen mit hohen fleischroten Strümpfen.
Wie oft stand dieser Saal, glitzernd von Lichtern, wie eine Vision vor seinen Augen, während er in schlaflosen Nächten in die Ampel des Krankensaals starrte!
Plötzlich aber – plötzlich verspürte Georg einen Riß in der Brust, als sei ein Blutgefäß zersprungen: dort stand Christine!
Er hielt sich an der glänzenden Wachspuppe fest, an dem dünnen Kimono, das sie über den nackten, lackierten Beinen trug: an der Kasse lehnte, in einem blau-weiß gestreiften Kleide, ein Mädchen, das, einen Zettel in der Hand, mit der Kassiererin sprach. Beine und Arme etwas dünn, der Nacken mager, aber die Hüfte breit. Über dem Nacken ein Gewirr von Locken, schwarz, blauschwarz, lebendig bei jeder kleinen Bewegung, fliegend, und immer in Erregung. Die Damen schienen sich zu zanken. Die Kassiererin setzte den Kneifer auf und beugte sich ärgerlich über den Zettel.
Georgs Herz schlug. Wie lange schon mochte sich die Kassiererin über den Zettel beugen? Die Wachspuppe, die er mit den Fingern berührte, begann zu schwanken und drohte über ihn zu stürzen.
Plötzlich aber wandte sich das Mädchen mit den schwarzen Locken ab und kam geradewegs auf ihn zu ...
Es war nicht Christine. Ein flaches, ödes Gesicht, wie Insulaner sie aus Kokosnüssen schneiden, die Augen flach wie Kürbiskerne, leer, ausdruckslos. Er blieb betäubt stehen. Das hölzerne Gesicht kam immer näher, wurde größer und ging vorüber.
Aber – so sagte er sich –, und er fühlte, daß er sich mit einer Hoffnung betrog, um sich zu beruhigen, sie kann ja in einer andern Abteilung tätig sein, nicht wahr? Langsam, leise zitternd in den Knien, wanderte er durch alle Stockwerke des Warenhauses. Höhlen aus blitzenden Messern, Grotten aus funkelndem Kristall. Phonographen schrien, elektrische Sonnen glühten ihn an. Er spähte, forschte. Nirgends.
Als er wieder die Straße betrat, war es Nacht geworden. Es regnete noch immer. Die Häuser schienen geborsten, und das Licht brach aus allen Fugen und zerrann in den Asphaltseen.
Georg verkroch sich in die Ecke einer kleinen Kneipe, um sich mit einem Imbiß zu stärken. Plötzlich aber sprang er auf, bezahlte und eilte zu dem Warenhaus zurück. Es war geschlossen.
„Wie töricht!“ rief er aus und schlug sich heftig die Stirn. „Du hättest doch ihre Kolleginnen fragen können. Sie hätten dir gewiß Auskunft gegeben. Einen ganzen Tag hast du verloren, du Narr! Jetzt ist es zu spät.“
2
In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel, das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief, völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben.
Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag. Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren: seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen. Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung, niemand konnte sich hier verbergen.
Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er war nicht verlegen, oh, keineswegs.
Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen.
Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der Straßendämme.
Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.
„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht.
„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie hatte etwas Besseres gefunden.“
„Besseres?“
„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“
Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben. Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.
Gut, also am Nachmittag.
Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein Lächeln, eine Verbeugung.
Georg empfahl sich.
Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte Erscheinung.
Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“
Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“
„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“
Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.
Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser, Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins. Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.
Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.
„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie Beschäftigung für mich haben.“
Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. „Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott gemacht hat?“
„Hegelström – bankerott?“
„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten Sie, daß Sie das nicht wissen?“
Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.
Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“
„Nein, wie sollte ich es wissen?“
„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße. Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“
„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“
„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie etwas in den Zeitungen gelesen?“
Georg wurde blutrot.
Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat geben, ich wüßte nichts.“
Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch einmal bei ihm!“
„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“
„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen – hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“
Bestürzt verließ Georg das Haus.
Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.
3
Karl Stobwasser sah nicht aus wie ein Bildhauer, eher wie ein Schneider. Es war ein kleiner schmächtiger Bursche mit einem schmalen Kopf, etwas schiefem Mund und auffallend spitzer, langer Nase. Auf der Baugewerbeschule in der Provinz – wo Weidenbach sein Mitschüler war – hatten seine vorzüglichen Steinmetzarbeiten und Holzschnitzereien die Bewunderung der Mitschüler und selbst der Lehrer erweckt. Vor zwei Jahren war Stobwasser nach Berlin gegangen, fest entschlossen, seinen Weg als Bildhauer zu machen. Er hatte auch bald Erfolge, wenn auch nur geringe. Ein angesehener Kunstkritiker hatte lobend auf seine Holzplastiken hingewiesen.
Stobwasser hatte seine Werkstatt im Hofe einer Charlottenburger Mietskaserne in einer Art Remise oder Stall aufgeschlagen. Dieses kleine Loch nannte er sein Atelier. Neben der Werkstatt befand sich ein wirklicher Stall, aus dem ununterbrochen eine Ziege in den kleinen finsteren Hof hinausjammerte, sooft sich nur ein Schritt vernehmen ließ.
Stobwasser war zu Hause, Gott sei Dank! Eine heisere, krächzende Stimme antwortete auf Georgs Klopfen. Als er in den kleinen, eisigkalten, halbdunklen Raum eintrat, fuhr ein verwilderter Kopf aus den Decken einer kleinen Eisenbettstelle empor. Eine lange, spitze Nase war das einzige, was Georg klar erkennen konnte.
„Wer ist es?“ fragte die heisere Stimme des Bildhauers, und Nebel dampfte aus seinem Munde.
„Ich bin es, Georg.“
Der Bildhauer fuhr noch höher aus den Decken empor und richtete seine spitze Nase auf Georg. Er bewegte den wilden Haarschopf hin und her und vermochte kein Wort hervorzubringen.
„Wie? Wer?“ rief er dann erschrocken aus.
„Georg!“
„Aber ist es möglich?“ Stobwasser warf erregt die Arme in die Luft. „Du? Weidenbach? Ist es denkbar? Aber – verstehe mich – du siehst, daß ich es nicht fassen kann! Man hat mir doch gesagt, daß du – gestorben seist!“
„Nein, ich lebe noch,“ entgegnete Georg mit einem leisen, bitteren Lachen.
Der Bildhauer schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie ist es denkbar?“ rief er aus. „Wer erzählte es denn nur? Katschinsky? Die Jenny Florian? Ich verstehe es nicht, wie konnte man es denn erzählen, wenn es nicht wahr war? Oh, mein armer Kopf, ich kann gar nicht denken! Nun, einerlei, wie das Gerücht aufkam – du lebst!“ schrie Stobwasser mit heiserer Stimme. „Du lebst also noch! Ach Gott sei Dank! Dreimal war ich im Krankenhaus, um dich zu besuchen, aber man hat mich nicht vorgelassen! Und dann also – dann erzählte man es im Café! Lieber Himmel, was für Dinge geschehen können!“ Er streckte Georg beide Hände entgegen. „Nun, Gott sei gelobt! Umarme mich, Bruderherz! – Oder bist du aus dem Jenseits gekommen, um mir einen Besuch abzustatten? Wie?“ Der Bildhauer lachte und hustete. Glühendheiß brannten seine Hände. Er schwieg eine Weile, während er Georg mit großen, glänzenden Augen betrachtete. „Laß dich ansehen, alter Freund,“ sprudelte er dann außer sich vor Freude hervor. „Wie wunderbar ist es doch! Und ich trauerte schon um dich. Und manchmal, es ist wahr, da habe ich dich beneidet. Nein, wie wunderbar ist es doch! Und da kommt er also plötzlich herein –!“
Georg sah sich in der kahlen Werkstatt um. „Wo sind deine Tiere?“ fragte er, um von dem Thema abzulenken, das ihn peinigte. Früher war Stobwasser stets von einer Menge von Tieren umgeben gewesen: Papageien, Katzen, Kakadus, Mäusen.
„Meine Tiere?“ Der Bildhauer ließ den Kopf sinken. „Meine lieben Tiere? Ach, es war zu kalt für sie hier, ich habe keine Kohlen. Eine Dame, eine barmherzige Seele, hat sie in Kost und Logis genommen. Seit Wochen bin ich nicht wohl. Selbst ein Hund würde in diesem Loch krank werden. Setze dich doch, Georg. Ich war eben aufgestanden, um etwas Tee zu kochen. Auf dem Wandbrett dort steht eine Tasse, nimm diese Tasse für dich und gib mir das Glas.“
Der Bildhauer nahm das heiße Glas in die Hände und wurde von Frost geschüttelt. „Schade, schade. Auch nichts kann ich dir anbieten, nicht einmal einen Kognak. Es ist zu ärgerlich!“
„Und wie ging es dir, seit wir uns nicht sahen, Stobwasser?“
Stobwasser führte das Glas mit zitternden Händen zum Munde und versuchte, den heißen Tee zu schlürfen. „Ich kann es immer noch nicht fassen, liebster Kamerad – aber sprechen wir nicht mehr davon. Ja, du fragst, wie es ging? Gut und schlecht. Es war nicht so einfach durchzukommen,“ sagte er heiser, „aber ich verlor den Mut trotz allem nicht. Du weißt ja, ich hatte damals drei Figuren zu modellieren für die Villa eines Seifenfabrikanten. Nun, die Figuren mißfielen leider der Madame und wurden wieder heruntergeschlagen, und ich bekam keinen Pfennig. Ich konnte ja klagen, siehst du, so sind sie, die reichen Leute. Aber ich konnte ja nicht einmal den Anwalt bezahlen. Dann verkaufte ich eine kleine Holzschnitzerei, aber der Käufer zahlte nur eine geringe Summe an, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Die Reichen können sich nicht in die Lage des Armen versetzen. Sie können sich nicht vorstellen, daß man dasitzt und auf jeden Schritt horcht. Dann hatte ich Aussichten, die sich nie verwirklichten. Und nun bin ich krank und liege hier. Aber nun erzähle du,“ schloß der Bildhauer, indem er das Glas abstellte und sich in die Decken hüllte. „Das Sprechen strengt mich an.“
„Ich? Es gibt nichts zu erzählen von mir,“ wich Georg aus.
Stobwasser blickte ihn mit großen, fiebernden Augen an. „Nichts zu erzählen, sagst du? Man sollte doch meinen! Höre, Weidenbach, wir haben ja stundenlang über dich diskutiert und sind uns doch nicht klar geworden.“
„Worüber wolltet ihr euch denn klar werden?“ unterbrach ihn Georg verlegen, mit leiser, hilfloser Stimme.
„Es war uns allen unerklärlich,“ flüsterte der Bildhauer und streckte den Kopf so nahe wie möglich an Georg heran. „Es ist mir noch wie heute! Zwei Tage vorher waren wir alle zusammen in Potsdam, Katschinsky und Jenny Florian, du und die kleine Christine, und wir waren ja in solch ausgelassener Laune. Oh, du meine Güte!! Und zwei Tage später, da kommt Katschinsky zu mir hereingestürzt, hier herein in mein Atelier und sagt: ‚Weißt du schon – Weidenbach –?‘ Und ich sagte: ‚Unmöglich, wie soll das nur möglich sein!‘“ Der Bildhauer brach ab, neigte sich vor und fragte noch leiser, während seine Augen doppelt so groß wurden: „Sage mir doch, Weidenbach, weshalb hast du es getan?“
Weidenbach erhob sich hastig und stammelte irgend etwas.