Die Brüder Schellenberg

Part 4

Chapter 43,666 wordsPublic domain

Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler verschont.

Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er sich, ein Rückfall!

Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging. Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel.

In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.

Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt? Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös in den Wagen kroch.

In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches, etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob.

Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß!

Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon früher auf diesen Gedanken gekommen?

Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte, der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte. Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen, da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei.

„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da und da.“

„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.

„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“

Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich: Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen, wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur Lindenstraße.

Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war, vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten.

Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers.

Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet sofort ein! Jede Auskunft!“

Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet.

Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet: „Bedaure, es ist geschlossen.“

In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel, wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und Gedanken.

„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun kann.“

Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann.

„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen.

Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“

„Nein, nein,“ stotterte Georg.

Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles Gute!“

Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt, Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.

Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende? Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein.

Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand, mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden.

Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war.

Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst.

„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“

Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte: „Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“

Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er glücklich. Trotz allem.

9

Die Brüder Schellenberg stammten aus Mecklenburg. Hier auf dem fetten mecklenburgischen Boden, in einer anmutigen, stillen, dünnbesiedelten Landschaft hatte sich vor zwanzig Jahren der Major Schellenberg das Gut Klein-Lücke gekauft, nachdem er seinen Abschied beim Regiment genommen hatte.

Der Major war ein großer Mann, breit, mit sehnigen, schweren Händen, die immer etwas rot waren, und einem kantigen, massiven Schädel. Er war früh ergraut und wurde schnell weiß. In seiner Jugend war er ein leichtlebiger Offizier gewesen, Spieler, unermüdlich im Dienst des Bacchus und der Venus, bis er sich eines Tages ganz plötzlich von der Gesellschaft übermütiger Freunde zurückzog. Irgend etwas hatte sich ereignet, er sprach nie darüber. Eine Frau? Das Schicksal einer der vielen? Wer weiß es? Er lebte fortan nur noch für den Dienst, und es fiel den Kameraden auf, daß er von Jahr zu Jahr schweigsamer wurde. Anfangs lächelte er über ihre Spöttereien, dann überhörte er sie, und schließlich ließ man ihn in Ruhe. Er war streng, gerecht, sein Lebenswandel ohne Tadel, das Muster eines Offiziers. In späteren Jahren war er leicht reizbar. Er neigte zum Jähzorn und war furchtbaren Zornesausbrüchen unterworfen, unter denen er mehr noch als seine Umgebung litt. Die Maßlosigkeit der Jugendjahre schien wieder durchzubrechen. Einen Knecht, der faul im Heu schlief, schlug er einmal mit der Hundepeitsche nahezu tot.

Das Gut des Majors, Klein-Lücke, war nicht groß, kaum vierhundert Morgen, aber es wurde musterhaft bewirtschaftet. Die Felder stachen gegen die Äcker der Nachbargüter derartig ab, daß man glauben konnte, der Boden sei vollkommen verschieden. Die Wagen standen in Reih’ und Glied, blitzblank alles Gerät, die Ordnung musterhaft. Wenn nur eine Schaufel am unrechten Ort stand, so begann die Stimme des Majors zu gellen. Die Ställe! Er liebte Pferde und Vieh leidenschaftlich.

Der Major sprach am Tage kaum zehn Worte. Selbst im Schelten war er wortkarg. Er redete in einer Art von Telegrammstil. Nach der Tagesarbeit zog er sich in seine Bibliothek zurück. Er besaß mehrere tausend Bände und pflegte bis spät in die Nacht zu lesen, während er langsam seinen Rotwein schlürfte und drei Zigarren rauchte. Nie mehr. Sein Spezialgebiet waren Werke über Napoleon, Cromwell, Bismarck, Friedrich den Großen, kurz über Menschen der Tat. Die schöne Literatur interessierte ihn überhaupt nicht. Oft las er die halbe Nacht durch, aber in früher Morgenstunde war er wieder auf dem Hof.

Eines Tages erwachte der Major mit einer leichten Lähmung des linken Armes und der linken Schulter. Der Knecht mußte ihn mit Franzbranntwein einreiben, und als das nichts half, befahl er ihm, ihn mit der Peitsche zu schlagen. „Schlag zu!“ schrie er. „Fester! Fester!“ Schließlich ging er an einem Stock. Es war nicht Rheuma, wie er angenommen hatte, es war eine Lähmung, die langsam aber stetig fortschritt.

Das Leiden verhinderte den Major, aktiv am Krieg teilzunehmen. Er verwünschte sein Dasein; ohne mit der Wimper zu zucken hätte er sein Leben für sein Land hingegeben. Während der Kriegsjahre war er nachsichtig gegen das Gesinde und fürsorglich für alle Familien. Er schlief nun fast nicht mehr. Große Karten lagen auf den Tischen in der Bibliothek ausgebreitet. Den Verlust des Krieges konnte er nicht verwinden. Er sprach nun überhaupt nicht mehr, zog sich völlig zurück und vernachlässigte sogar den Hof. Am Tage der Unterzeichnung des Friedens von Versailles schoß er sich eine Kugel durch den Kopf. Man hörte einen dumpfen Fall in der Bibliothek, mitten in der Nacht. Es war ein Laut, als falle ein Baum.

Eine Sekunde nach dem Fall wurde das Haus alarmiert durch ein verzweifeltes, hilfloses Weinen, als weine ein entsetztes Kind. Das war die Gattin des Majors. Sie hatte den dumpfen Fall gehört und wußte augenblicklich, was geschehen war.

Margarete Schellenberg war eine zarte, stille Frau, im Wesen völlig verschieden von ihrem Gatten. Sie war verträumt und ging durch die Wirklichkeit wie eine Schlafwandlerin. Sie zitierte Verse von Goethe und Heine und las Romane. Früher hatte sie auch gesungen – Schellenberg hatte sich in ihre süße Stimme verliebt. Sie sang auch jetzt noch zuweilen, mit einer kleinen, rührenden, etwas zittrigen Stimme. Das aber tat sie nur, wenn sie sich unbelauscht glaubte. Sie hatte die zartesten Hände und einen leisen, fast unhörbaren Gang. In den letzten Jahren hatte sie neben ihrem Gatten gelebt, fast ohne von ihm noch beachtet zu werden. Er sah sie kaum mehr, auch wenn er ihr bei Tisch gegenübersaß. Nach dem Tode des Majors verließ sie ihre Zimmer nicht mehr. Der Hof verfiel.

10

Die Brüder Schellenberg, Wenzel und Michael, hatten die Statur ihres Vaters.

Sie waren groß, breitschultrig und hatten denselben massiven, eckigen Schädel. Beiden war es eigentümlich, daß immer ein Lächeln auf ihren etwas derben, gebräunten Gesichtern lag, ein fast unsichtbares Lächeln, oft nur der Schimmer einer inneren Fröhlichkeit. Wenzel hatte die stahlgrauen, zuweilen etwas harten Augen des Vaters, während Michael die sanften braunen Augen der Mutter erbte. Allerdings ohne den goldenen Grundton, der die Augen der Mutter auszeichnete, als sie noch jung war, und der herrlich warm funkelte, wenn das Licht tief in die Augen fiel. Wenzel und Michael wuchsen wie junge Wölfe auf Klein-Lücke auf. Der Vater kümmerte sich kaum um sie, ihre Wildheit gefiel ihm. Die Mutter, verschüchtert und still, hatte nicht die Kraft, sie zu bändigen. Sie zitterte nur. Sie waren die wildesten Knaben, die man weit und breit finden konnte. Sie ritten zu zweit, ohne Sattel, auf einem Pferde, einem Hengst, den sonst niemand berühren durfte. Das Tier – sonderbar genug – ließ sich von ihnen alles gefallen. Es stand still, wenn einer der Knaben abstürzte. Sie kletterten auf die höchsten Bäume, sodaß die Mutter fast ohnmächtig wurde, wenn sie sie oben in den Wipfeln schwanken sah. Im Alter von zehn Jahren waren sie schon gewaltige Jäger. Sie jagten, was sie jagen konnten: Vögel, Eichhörnchen, Schlangen, Hasen. Damals lebte auf dem Hof ein Hund, ein Fleischerhund – genannt Isaak – groß wie ein Kalb, ein bissiges und übelgelauntes Tier. Mit diesem Hunde, dessen Augen gelb und böse blendeten und dem selbst der Knecht auswich, balgten sie sich auf der Erde, daß die Kleider in Fetzen gingen. Sie hatten Bogen, nahezu zwei Meter hoch, und schossen riesige Pfeile, die dreizöllige Nägel als Spitze trugen. Sie beschossen sich gegenseitig, und bei einem dieser Kriegsspiele erhielt der jüngere Michael einen Schuß in den Knöchel, der leicht fatale Folgen hätte haben können. Aber es ging gut ab. Seit dieser Zeit hinkte Michael ein wenig.

Mit zwölf Jahren kamen die beiden Knaben zur Schwester der Mutter in die Stadt. In dieser Stadt – einer kleinen Stadt Mecklenburgs – sah man sie auf den Dachfirsten reiten. Bei einem Eisgang trieben sie auf einer Eisscholle, mächtige Prügel schwingend, durch die ganze Stadt, zur Belustigung der Straßenjugend und zum Schrecken der Erwachsenen. Bei einer Brücke, wo sich das Eis staute, kletterten sie, gewandt wie Gemsen, über das Eis ans Ufer, um eine Viertelstunde später wieder auf einer Eisscholle, prügelschwingend, durch die Stadt zu treiben. Es waren richtige Teufel.

Der ältere, Wenzel, wurde Offizier. Der jüngere, Michael, wurde Landwirt und Chemiker.

Nach Beendigung seiner Studien arbeitete Michael einige Jahre in den Laboratorien der Deutschen Stickstoffwerke. Diese Laboratorien bildeten einen Komplex wie ein riesiges Hotel, und hier, inmitten des Luxus der wunderbarsten Apparate, fühlte sich Michael wie im Paradiese. Er war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, als er ein Verfahren zur Herstellung von Harnstoff erfand, das fast um ein Drittel billiger war als die bekannten Methoden. Sein Name wurde in der Fachwelt bekannt. Die Deutschen Stickstoffwerke beeilten sich, die Erfindung zu erwerben, und auf diese Weise fiel dem jungen Mann eine jährliche Rente von beträchtlicher Höhe in den Schoß.

Michaels neue Methode zur Herstellung von Harnstoff sollte in dem großen Stickstoffwerk Logan am Rhein zuerst praktisch angewandt werden. Umbauten und Einrichtungen würden etwa sechs Monate Zeit beanspruchen. Michael befand sich aber kaum vierzehn Tage in Logan, als jene große Explosionskatastrophe eintrat, die noch in aller Erinnerung ist. Es flogen im ganzen fünfhundert Eisenbahnwaggons Stickstoff in die Luft, vierhundert Menschen wurden getötet, und ein großer Teil des etwa fünfzehn Kilometer langen Werkes von Logan wurde zerstört. Bei dem Explosionsherd entstand ein Loch, in das man eine fünfstöckige Mietskaserne ohne jede Schwierigkeit hätte unterbringen können.

Wie durch ein Wunder kam Michael bei der Katastrophe mit dem Leben davon. Er schlief im Junggesellenheim des Werkes und wurde am frühen Morgen, die Explosion ereignete sich bei der ersten Morgenschicht, aus dem Bett geschleudert. Im gleichen Augenblick schwankte das Haus und zerriß in zwei Teile. Mit einem verknitterten Schlafanzug bekleidet, erreichte Michael inmitten einer Lawine von Schutt das Freie. Was, um Himmelswillen, war geschehen? Er vermochte nicht zu denken, dann aber schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Stickstofflager explodiert sein müßten. Die Silos waren in die Luft gegangen! Mauern von Staub verdunkelten die Sonne. Die durch die Explosion zerrissenen Rohre und Röhren, die unter Druck standen, heulten infernalisch, und aus der Staubwolke stieg wie aus einem brodelnden Nebel eine rubinrote, glasige Stichflamme zum Himmel empor. Gestalten stürzten dahin, taumelnd, schreiend, schlugen mit dem Gesicht auf die Erde. Unaufhörlich folgten kleinere Explosionsschläge, und Felsblöcke, wie beim Ausbruch eines Vulkans, surrten heulend durch die Luft.

Die wenigen Überlebenden dieses Teiles des Loganwerkes erinnern sich heute noch an Michael, wie er augenblicklich handelte, dahin, dorthin eilte, um Verschüttete, die fürchterlich schrien, zu befreien. Dann sammelte er ein Häufchen verstörter Arbeiter um sich und disponierte. Und es fiel allen auf, mit welcher Klarheit er, dieser junge Mensch, der mit einer Kruste von Staub und Blut bedeckt in seinem Schlafanzug vor ihnen stand, seine Anordnungen gab.

„Erstens“, sagte er, „müssen wir die Verschütteten befreien. Zweitens müssen wir die Toten bergen. Drittens müssen wir sofort die Straße vom Schutt räumen, um sie für den Verkehr freizumachen. Viertens müssen wir alles, was einzustürzen droht, niederreißen, um weiteres Unglück zu verhüten, und fünftens müssen wir Logan wieder aufbauen. Vorwärts, schafft Leute! Und sofort eine Telephonverbindung!“

Den ganzen Tag über gab Michael den Kolonnen seine Anweisungen, immer in seinem verknitterten Schlafanzug. Aber niemand kam es in den Sinn, darüber auch nur zu lächeln. Erst am Abend gab man ihm einen Mantel, und erst als es dunkel wurde, wusch er sich das Gesicht.

Drei Wochen lang war Michael taub, obschon die Schallwelle der Explosion über ihn hinweggesprungen sein mußte, da sie ihm anders das Trommelfell zerrissen hätte. Irgendeinen Schaden trug er nicht davon. Einige schlaflose Nächte, dann war er wieder vollkommen in Ordnung.

Michael arbeitete hierauf zwei Jahre auf dem großen Versuchsgut der Deutschen Stickstoffwerke, Breda. Er veröffentlichte in dieser Zeit eine Reihe von Aufsätzen über Fragen der wissenschaftlichen Bodenkultur, die die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin erregten. Die Hochschule bot ihm einen Lehrstuhl an, und so geschah es, daß Michael nach Berlin kam. Aber schon nach einem Jahre drehte er diesem Institut den Rücken zu.

Er kapitalisierte seine Tantieme bei den Deutschen Stickstoffwerken und erwarb ein dreihundert Morgen großes Gut in der Nähe von Berlin – Sperlingshof –, das er zu einem modernen Versuchsgut ersten Ranges umwandelte. Die Erde! Mit seiner ganzen Leidenschaft – die Schellenberg taten alles leidenschaftlich – richtete er seine Energie auf die Erde, den Boden, der, fast unbekannt, unerforschter als die chemischen Elemente, seine Geheimnisse streng hütete, ob ihn die Menschen auch schon Tausende von Jahren bebauten.

Es gab keine neue oder alte Methode des Land- und Gartenbaus, die Michael auf Sperlingshof nicht versucht hätte. Es gab keine Maschine, die er nicht ausprobiert hätte. Bodenimpfung, Berieselungsmethoden, Regenanlagen, Glashäuser. In Tausenden von Töpfen standen, sauber etikettiert, verschieden behandelte Versuchspflanzen. Der Boden war schlecht, Sand, aber er vollbrachte Wunder. Wie eine Oase lag Sperlingshof in der kargen Landschaft. Fachleute kamen, staunten, disputierten, kritisierten. Michael arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Die chinesische Landwirtschaft! Sie beschäftigte ihn monatelang. Sie gab Aufschluß über vieles. In diese Zeit fiel eine Broschüre, die großes Aufsehen in Fachkreisen erregte. Michael bewies, daß die Großstädte jährlich Hunderte von Millionen an kostbaren Nährstoffen in ihren falsch behandelten Abwässern verschwendeten. Europa, behauptete er, habe zugunsten der Technik in frevelhafter Weise die Probleme des Landbaus vernachlässigt.

Aber nicht jene Probleme allein beschäftigten Michael. Plötzlich taten sich – im Zusammenhang mit ihnen – ganz ungeheure Horizonte auf. In der Einöde von Sperlingshof wurde Michael von sozialen und soziologischen Problemen so leidenschaftlich ergriffen, daß sie bestimmend für sein ganzes Leben werden sollten.

Hier reiften die Pläne, in deren Verwirklichung er seine Lebensaufgabe erblickte!

Die Wintermonate pflegte Michael in Berlin zu verbringen. Er hatte im Osten der Stadt ein paar Zimmer gemietet. Hier arbeitete er Tag und Nacht, und Bücher, Pläne, Zeichnungen, Notizen häuften sich auf allen Tischen.

Seinen Bruder Wenzel sah Michael nur selten. Im ersten Winter kam Wenzel nach Berlin, um sich eine passende Stellung zu suchen – „nicht allzuviel Arbeit und ein hohes Einkommen“. Die Brüder verbrachten fast alle Abende zusammen. Sie waren sich noch immer wahrhaft zugetan, obschon Michael in seiner Entwickelung eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte.

Wenzel, der stets Glück hatte, fand in der Tat eine ausgezeichnete Stellung! Er wurde Sekretär bei dem alten Raucheisen, dem Chef des Raucheisen-Konzerns, dem ein großer Teil des Ruhrgebiets gehörte – „ein deutsches Fürstentum unter der Erde“, wie Wenzel sagte – und der gegen achtzig industrielle Großbetriebe kontrollierte. Wenzel ließ seine Familie nachkommen, Lise und die beiden Kinder, und richtete sich irgendwo im Westen eine luxuriöse Wohnung ein. Seit dieser Zeit sahen sich die Brüder – ohne jeden sonderlichen Grund – ganz selten. Im letzten Winter nur zweimal.

11

In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.