Die Brüder Schellenberg

Part 24

Chapter 243,580 wordsPublic domain

Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung, daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.

„Gnädige Frau!“ Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen.

Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte Zusage. „Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.“

Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.

Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte er: „Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht.“ Vollmond war vor Erregung blaß geworden.

Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.

13

Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.

Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen, Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen Augen in den Abgrund versinken.

„Dieser Abenteurer!“ keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen, das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses, Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung der beiden Ehegatten bestehe.

Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen, sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen „Abenteurer“ heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.

14

„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny Stobwasser an.

Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten Beschlag fertig zu machen.

„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny Wenzel zu entschuldigen.

Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten. Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb, der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.

Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm. Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung aushändigen durfte.

Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.

Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief. „Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben. Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um „alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.

Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung wieder auf.

Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu sprechen, das Theater rief an.

„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten. Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.

Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm.

Dieser Brief!

Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er „sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn? „Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...

Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte vergiften können.

Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.

„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm Wenzels Schreiben.

Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.

„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.“

„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.“

Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.

Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.

Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.

„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.

Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“

Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht arbeiten.

Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.

Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin zurück.

15

Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los wäre.

Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder über die Gesellschaft herfallen würden!

Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete, endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen verpraßt!

„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“

Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte Vertrauen entgegengebracht.

„Wie kann ein Gesicht so lügen?“

Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten. Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht gönnten, Neidische, die alles besser wußten.

„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck. Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der Gesellschaft Neu-Deutschland machte.

Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.

Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er alle Angriffe ruhiger.

Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor: die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu. Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten, keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge der Frauen.

Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene Gefühl der Kameradschaft.

Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.

Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“ gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals werden.

War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei, drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen, morgen, übermorgen ...

Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.

„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.

Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer Tag würde über Europa emporsteigen.

Der Tag war nahe!

„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb mit fliegenden Händen.

Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch die Schar seiner Feinde.

16

Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die Treppe herab zum Wagen.

Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet, wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen Eindruck machten.

Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack, Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie – ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen. Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit, welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und Steinpflanzen in den Ritzen.

Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.

Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.

Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack. Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur eines Blickes zu würdigen.

Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen, leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes. Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren. Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.

Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.

„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.

Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“