Part 25
Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin stattfand.
Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in See.
17
Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah, zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es geschehen.
„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht mehr hier sein.“
Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus nebenan.
Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen Lippen.
Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte: „Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“
Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? „Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.
„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener Menschen, die morden konnten?
Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.“
Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf.
„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn, nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des Traumes nicht mehr entsann.
„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie im Theater spräche:
„O gib, vom weichen Pfühle, Träumend, ein halb Gehör! Bei meinem Saitenspiele Schlafe! Was willst du mehr?“
Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen, wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“ und ging in das Badezimmer.
Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.
Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und blickte zur Nische.
„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er! Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen. Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter einer Rose.
Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu, Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.
„Schlafe! Was willst du mehr?“
Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.“
Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm triumphierend.
„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.“
Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte furchtbar.
„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
Da schwand ihr das Bewußtsein.
18
Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel und wurde augenblicklich vorgelassen.
Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels Kopf gebunden.
Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu geben.
Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und nahm Platz.
Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.
Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als gewöhnlich.
„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“ fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.
„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren Blick zu Boden geheftet.
Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und Zylinder.
Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
„Sehr wohl.“
Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier Uhr morgens Briefe.
„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin. „Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –
19
Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande, ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging nicht anders.
Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel konsequent bleiben, aber –.
Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.
Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter langweilten ihn.
Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die „Kleopatra.“ Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot, das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles entgegennimmt, was man ihm bietet.
Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher „Kleopatra“ las, stand jetzt der Name „Esther Schellenberg“. Diese Aufmerksamkeit entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.
Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.
Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in Deutschland.
In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.
Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre. Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.
20
Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude und Glücksgefühl.
„Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,“ begann Michael etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte. „Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.“
Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.“
Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. „Ich will nicht,“ sagte er kurz.
„Du willst nicht?“ Michael sah überrascht auf. „Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!“
Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. „Was kümmert es mich,“ sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, „was geht mich das Elend der breitesten Schichten an?“
„Es geht dich nichts an?“ fragte Michael. Er war plötzlich bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.
„Nein, es geht mich natürlich nichts an!“ fuhr Wenzel mit einer unverständlichen Erregung fort. „Es ist Sache der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!“
Michael senkte den Kopf. „Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch tausend Widerstände gehemmt zu werden.“
„Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an, wenn sie zu indolent dazu sind?“
Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er erwiderte nichts.
Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: „Weshalb mischst du dich in die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!“
„Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.“
Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. „Du bist töricht, Michael. Weshalb greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.“
Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf Wenzel gerichtet.
„Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden. Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.“
Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. „Wer ist man?“ schrie er. „Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.“
Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.
„Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,“ sagte Michael. „Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken zu dir.“ Er blickte nochmals in Wenzels Augen. „Du willst uns das Darlehn also nicht geben?“
Wenzel wandte sich ungeduldig ab.
„Ich begreife nicht,“ fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek schweifen, „ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.“