Die Brüder Schellenberg

Part 23

Chapter 233,666 wordsPublic domain

Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand und qualmte auf einem Stück Papier weiter.

Was war das?

Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf Scheidung eingereicht.

Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen zu bedecken. „Sie wollen euch von mir wegnehmen!“ schrie sie. Die Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.

Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. „Wer will uns wegnehmen?“ fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet.

„Nun, Papa!“

Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie erwarte.

Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch, müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe.

„Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,“ sagte er mit einem müden Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das Zimmer.

„Wie geht es mit der Stimme?“ fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich.

„Die alte Sache?“ fragte er. „Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden trennen?“ Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich.

Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch. „Lies nur, Michael, lies!“ schrie sie. „Wenzel ist ein Schurke! Ein vollendeter Schurke!“

„Weshalb diese Heftigkeit, Lise?“ sagte Michael und runzelte ärgerlich die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des Gerichts.

Nun begann Lise leise zu wimmern.

„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder nicht anvertrauen kann?“

Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“ sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten sprechen und zu vermitteln suchen.“

„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris. Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus.

Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein. Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.

Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra Schellenberg zu erinnern.

„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede Vorbereitung.

„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.

„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang unter genauer Beobachtung standen.“

„Das ist eine Infamie!“

„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera. Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu, gnädige Frau?“

Lises Augen blitzten. „Ich antworte auf diese Frage nicht!“ erwiderte sie.

Der Justizrat lächelte nachsichtig. „Mir, Ihrem Anwalt, können Sie getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst am Morgen verlassen.“

„Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!“ schrie Lise.

Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. „Sie sollen sich nicht erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den Eindruck. Es sind Daten genannt.“

Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie noch in der gleichen Stunde hinaus.)

„Was die Kinder anbetrifft,“ so fuhr der Justizrat fort, „so ist das ja nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.“

„Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose Lüge!“

„Ich weiß, ich weiß,“ beruhigte sie der Justizrat. „Das ist ja nicht so schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier, einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund Fleisch, und wie häßlich!“

Hier sprang Lise empört auf. „Ich habe es mit den größten Schurken und Schuften der Welt zu tun!“ schrie sie.

Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht zu erregen. „Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen Teil erklären.“

„Wie, mich?“ unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. „Ich werde nachweisen, daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.“

Der Justizrat schüttelte den Kopf. „Sie kennen die Gesetze nicht, gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.“

„Wie?“

„Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.“

„Dann sind die Gesetze einfach Unfug!“

In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu erzielen.

Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich wissen. Wenzel hatte die letzte „Brücke“ abgebrochen, und diese Bemerkung mit den „paar Pfund Fleisch“ würde sie ihm bis zu ihrem Tode nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben. Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und eine Dummheit aus?

Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.

„Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ unterbrach sie der Justizrat. „Wenzel Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung aussprechen wird.“

„Nun verstehe ich gar nichts mehr!“ rief Lise verzweifelt aus. „Ich will ja die Scheidung nicht!“

Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben. Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine Sache Ledermann _contra_ Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.

Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.

Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe! Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die Angelegenheit mit allen Mitteln!“

11

Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht, schönen Frauen nachzusehen.

An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.

Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte er.

Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“

Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.

Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die Luft ein.

„Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,“ sagte sie, und zum ersten Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.

Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther, obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den Rückweg fanden.

Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.

Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war. Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.

„Oh, wie unangenehm!“ rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.

Esther runzelte die Stirn. „So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.“

Wenzel lächelte. „Telephonieren Sie in das Hotel,“ sagte er.

„Sie sind abscheulich,“ erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.

„Sie lachen?“ fragte sie verwundert.

Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. „Ich lache über Sie, Esther Weatherleigh,“ sagte er, „ich muß lachen, weil Sie so ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.“

Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor Erstaunen. „Und was bezwecken Sie damit?“ fragte sie – oh, nun war sie wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und steifer zu werden.

Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: „Spielen Sie nicht die gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen, befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan, Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.“

Esther ging weiter. „Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?“ fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um welche Dinge es sich handeln könnte.

„Es ist eine sehr einfache Sache,“ fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und tastend. „Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und ...“

„Und da sind noch andere,“ unterbrach ihn Esther.

Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.

„Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen, Esther Weatherleigh!“

Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer schmalen, steifen Statue.

„Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!“

Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend. Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.

„Sie sollen nicht lachen über diese Frage!“ rief er, viel zu laut für einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen, wie Eis, das brannte. „Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher Aufrichtigkeit gerichtet.“

„Sie tun mir weh,“ sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. „Oh, wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.“

Darauf Wenzel: „Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich verlange nur, daß Sie meine Frau werden.“

„Das ist mir zu wenig,“ antwortete Esther.

„Dann werden Sie meine Geliebte!“

„Das ist mir zuviel,“ entgegnete Esther mit einem Lächeln. „Aber,“ fuhr sie zögernd fort, „vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt das?“

„Es gilt!“

Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein leuchtendes Meteor über das Firmament zog.

Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. „Sie haben gewonnen, Wenzel!“ rief sie und lachte.

12

„Da bist du ja wieder,“ sagte Jenny Florian freudig lächelnd und schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten von einer tiefen und milden Freude.

Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne Stimme nicht mehr vernommen.

„Da bin ich wieder, mein Liebling,“ erwiderte er laut, mit etwas gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. Er küßte sie herzhaft auf den Mund.

Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.

Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles bleiben wie früher.

Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im Zimmer hin- und herzugehen.

„Woran denkst du?“ fragte sie.

Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.

Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört, natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte, aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau zurückzuführen. „Hast du Sorgen?“ fragte Jenny schmeichelnd.

Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.

„Aber vielleicht hast du doch Sorgen,“ drängte Jenny weiter. „Ich verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation erlitten hast.“

Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. „Wie lächerlich klein ist diese Welt!“ rief er aus. „Ich habe in der Tat anfangs einen tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug, auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.“

Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück. Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London, Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten, desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem Gesicht und schwieg.

Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, „Der Roman einer Tänzerin“, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.

Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.

„Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!“ rief er, in jenem übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. „Wir wollen tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende gefunden.“

Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.

In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle Umstände: „Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das Telephon, fangen Sie an.“

Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon. Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.