Part 22
Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen.
Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken.
„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch aussprechen.“
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte ihr in die Augen.
„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben. „Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?“
„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete.
„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen breitete.
„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.
7
Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen, am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen früh nach Paris abreisen werde.
Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren Triumph.
Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten. Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden.
„Leben Sie wohl, Schellenberg,“ sagte Esther lachend auf englisch zu Wenzel. „Ich hoffe, Sie wiederzusehen.“
Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte.
„Oh, hier sind ja auch noch Blumen!“ rief Esther mit der Stimme eines erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett „Wenzel Schellenberg!“ sagte sie. „Seht an! Wie originell!“
Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen, fand ihren Beifall.
Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan zurechtgelegt hatte.
Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten, war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen, Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden.
Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe.
Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!
„Seht an, Wenzel Schellenberg,“ sagte Esther leise und erstaunt. Sie wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen?
Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im Hotel abgegeben worden.
Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte. Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden.
Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!
Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei. Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die Ohren stopfen.
„Bei Gott, es ist Schellenberg!“ rief Esther mit heller Stimme aus, überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich.
„Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,“ antwortete Wenzel lachend und schüttelte ihr die Hand.
Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.
Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.
„Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,“ sagte Esther.
Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. „Zum ersten Male?“ fragte er mit gelangweilter Stimme. „Ist es möglich? Und wie gefällt Ihnen Paris?“
Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris förmlich berauscht war. „Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,“ rief er aus, „sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht, glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist _Sacré coeur_, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich, man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.“
Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron nichts ahnte.
„Welche Vitalität!“ dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.
„Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,“ sagte Esther. „Es gibt eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?“
„Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?“ entgegnete der Baron mit verletzter Miene.
„Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden, manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.“
„Natürlich habe ich Lust!“ erwiderte Wenzel.
Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.
„Wann fangen wir an?“ fragte Wenzel in bester Laune.
„Heute, wenn Sie wollen,“ entgegnete Esther.
„Nun gut, dann heute.“
Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach Paris getragen hatte.
Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden, frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große, unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den Dolmetscher.
„Es sind etwas starke Dinge,“ sagte sie.
„Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und phantasievoll sind, hassen die Prüderie.“
Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien angefüllt!
Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole, leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und undurchdringlich.
Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der großen Theater sie nie erlaubt hätten.
„Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,“ sagte Wenzel.
Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. „Sie können mich betrachten, solange Sie wollen,“ antwortete sie. „Aber ich wünsche nicht, daß Sie über Ihre Entdeckungen sprechen.“
Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half, ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.
Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen Scheiben der Nachtportier starrte.
„Wie töricht Sie sind!“ sagte sie ganz leise, tadelnd und zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.
8
Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris zu stürzen.
So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther Weatherleigh, und da war Paris.
Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.
„Sie müssen mit uns speisen!“ rief sie aus. „Und hier ist Sir John, mein früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.“
Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts geschehen.
Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war er schon wieder in Paris.
9
Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm, stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.
„Willkommen zurück!“ rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.
Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.
Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.
„Wie geht es euch, und was gibt es Neues?“ fragte Georg.
„Eine Menge Post ist da!“ antwortete Christine, während sie den Arm um Georgs Schulter legte. „Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben, und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus Berlin zurückgekommen.“
„Genehmigt?“ Georg blieb voll Spannung stehen.
„Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.“
Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der Straße.
„Wie wunderbar!“ rief er aus. „Und doch muß ich noch Verbesserungen anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir erzählen.“
Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte. Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.
Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre zukünftige Gestalt.
Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.
Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große, fehlerlose Früchte.
„Du hast schon Erdbeeren?“ fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch setzten.
„Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,“ lachte Christine.
Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. „Ich sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!“
Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was er alles gesehen hatte!
„Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.“
Er war in dem großen Siedlungsgebiet „Neuland“ gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte. „Neuland“ war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen sollte in „Neuland“ die Heimat finden.
Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein Ende.
„Aber nun an die Arbeit, Christine!“ rief er plötzlich aus, indem er ungeduldig aufsprang. „Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.“
Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte vorgesehen werden.
Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu ernähren.
„Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,“ sagte Georg erregt. „Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.“
Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete Stadt vor sich.
„Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.“
„Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,“ wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.
Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig das Kind schlief!
10
Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder nach Berlin zurück.
Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand. Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber, der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre Zeit verfügen konnten.