Die Brüder Schellenberg

Part 15

Chapter 153,748 wordsPublic domain

Frau von dem Busch setzte ihm mit vielen Worten auseinander, daß es seine Pflicht sei, Lise und seine Kinder seinem Vermögen gemäß zu unterhalten.

„Ich tue es,“ erwiderte Wenzel erstaunt. „Aber Sie werden zugeben, daß es natürlich Grenzen gibt. Ich habe keine Lust, sechzehn Stunden zu arbeiten, um die Launen Ihrer Tochter zu befriedigen. Ich habe auch keine Lust, alle die Folgen der schlechten Erziehung zu tragen, die Sie Ihrer Tochter angedeihen ließen.“

Frau von dem Busch sah ihn mit einem beleidigten Blick an. „Sie sind herzlos und grausam!“ schrie sie außer sich. Ihr Gesicht war vor Erregung so weiß geworden wie ihr Haar.

„Nun, so will ich lieber herzlos als schwachsinnig erscheinen,“ erwiderte Wenzel. „Aber ich bitte Sie, mich jetzt zu entschuldigen.“ Er erhob sich und wies auf einen älteren, weißhaarigen Herrn, sehr schlank, der soeben eintrat. „Darf ich Ihnen Herrn General von Simmern vorstellen, der Ihnen zur Verfügung stehen wird?“

Es zeigte sich indessen, daß auch dieser würdige alte Militär die Interessen Wenzels vertrat.

„Ich muß offen bekennen,“ sagte der weißhaarige General, „daß sechzig Paar Schuhe in einem Jahr und zweihundert Paar Seidenstrümpfe doch immerhin –“

Frau von dem Busch unterbrach ihn. „Darf ich bitten, ich möchte mit meinem Schwiegersohn persönlich verhandeln.“

„Herr Schellenberg ist nicht mehr im Hause.“

Bleich, mit hektischen Flecken im Gesicht, verließ Frau von dem Busch das Haus. Sie nahm ein Auto und fuhr sofort zu Justizrat Davidsohn, einem Anwalt, den sie von früher her kannte und zu dem sie das größte Vertrauen hatte.

„Er ist taktlos und brutal!“ schrie sie im Auto, rasend, außer sich.

Davidsohn bat sie, sich zu beruhigen und ihm in aller Ruhe den Fall auseinanderzusetzen.

„Ich bitte Sie, ohne jegliche Schonung vorzugehen,“ ermahnte sie den Anwalt.

„Schellenberg?“ fragte der Justizrat. „Welcher Schellenberg? Es gibt zwei Schellenberg.“

„Wenzel Schellenberg.“

„Oh, Wenzel Schellenberg! Berichten Sie weiter, gnädige Frau. Es gibt noch Michael Schellenberg, von dem die Zeitungen so häufig sprechen.“

Frau von dem Busch trug ihre Angelegenheit mit allen Einzelheiten vor. Der Anwalt betrachtete sie mit aufmerksamen Augen, aber er hörte nur mit halbem Ohre hin. Er dachte an den Schriftsatz, den er in dem Prozeß Bergenthal & Co. noch in dieser Stunde diktieren mußte. Nur dann und wann warf er eine zerstreute Frage dazwischen.

„Hat Ihre Tochter eine Mitgift in die Ehe eingebracht?“

„Mitgift? O nein. Mein Mann war ein hoher Verwaltungsbeamter, er liebte es, ein Haus zu führen und legte großen Wert auf Kleidung. Es war seine Pflicht. Er diente nur dem Staat. Es war ihm unmöglich, Reichtümer zu sammeln. Damals waren die Beamten ganz anderer Art, Sie wissen es.“

„Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau. Ich wollte nur Klarheit. Hätte Ihre Tochter eine Mitgift bekommen, so wäre es vielleicht möglich gewesen, zu beweisen, daß Herr Schellenberg sein Vermögen auf Grund dieser Mitgift erworben hat. Gewiß, es wird alles geschehen, was in meiner Macht steht. Es ist selbstverständlich, daß Ihre Tochter Ansprüche und Rechte hat. Und wir werden diese Ansprüche und Rechte zu wahren wissen. Schellenbergs Vermögen wird heute schon auf viele Millionen geschätzt. Wir werden ihn zwingen, einige seiner Millionen herauszugeben.“ Das Gesicht des Anwalts rötete sich flüchtig vor Erregung. Er sprach, stand auf, ging hin und her, versprach, erweckte große Hoffnungen, er redete sich in Eifer. Und doch dachte er, während er sprach, ausschließlich an den Schriftsatz von Bergenthal & Co. Vor zehn Minuten hatte er genau so erregt vor Bergenthal gesprochen.

Ganz begeistert verließ Frau von dem Busch das Bureau des Anwalts.

Es ist gut, daß ich gekommen bin und die Angelegenheit in die Hand genommen habe, sagte sich Frau von dem Busch, als sie in das Auto stieg. Lise allein wäre nie zurechtgekommen. Millionen, hatte er gesagt. Es wäre wirklich ein Glück, wenn diese kleinliche Rücksichtnahme auf jeden Pfennig endlich aufhören würde. Lise würde sie noch segnen.

Frau von dem Busch gab sich Träumereien hin, während sie durch die von Menschen überfluteten Straßen rollte. Sie war zum Beispiel noch nie in Ägypten gewesen. Und bei ihrer Neigung zur Bronchitis wäre für sie das ägyptische Klima im Winter gewiß eine Wohltat.

9

Jenny speiste mit Wenzel im Hotel Eden.

„Haben Sie schon an die neue Wohnung gedacht, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel.

„Nein,“ erwiderte Jenny, und sie errötete. Es schien ihr, als klänge Wenzels Stimme streng und rügend. Du mein Gott, sie konnte solch rasche Entschlüsse nicht fassen. „Ich habe zur Zeit noch mit meiner Garderobe zu tun. Das läßt sich in meiner alten Wohnung besser bewerkstelligen.“

„Dann trifft es sich sehr gut,“ fuhr Wenzel erfreut fort. „Ich war vorgestern hier im Hotel mit einem schwedischen Geschäftsfreund. Er hatte hier zwei Zimmer und ein Schlafkabinett und ein Bad, eine wirklich reizende Wohnung, die auf den Tiergarten hinausgeht. Der Schwede ist abgereist, und ich habe diese kleine Wohnung für Sie gemietet.“

Jenny betrachtete ihn mit großen Augen, dann schüttelte sie den Kopf. „Hier im Eden? Aber, du lieber Himmel, das ist mir viel zu teuer.“

„Sie bekommen die Wohnung sehr billig, Fräulein Florian,“ entgegnete Wenzel. „Ich bin mit dem Direktorium gut bekannt. Aber nun kommen Sie gleich mit, ich werde Ihnen die Wohnung zeigen. Ich bin gewiß, daß Sie davon entzückt sein werden.“

In der Tat, die Räume waren herrlich. Besonders das Bad entzückte Jenny. In alle Räume hatte Wenzel große Blütensträuße stellen lassen. Jenny sagte kein Wort, sie errötete tief. Das war ihr Dank.

Als Katschinsky aus Hamburg zurückkam und erfuhr, daß Jenny ins Eden gezogen war, wurde er blaß wie ein Toter. Das luxuriöse Logis schien ihm mehr zu verraten als alles andere. Augenblicklich machte er sich auf, Jenny zu besuchen. Oh, sie war sehr vornehm geworden. Man mußte sich bei ihr anmelden lassen, bevor man empfangen wurde.

Als Katschinsky die Tür des kleinen Salons öffnete und Jenny erblickte, erschrak er, so schön war sie. Nie hatte er sie so schön gesehen. Sie trug ein Kleid, das er nicht kannte. Ihre Haltung war sicher und ruhig, voll natürlichen Stolzes. Sie ging wie ein Reh.

Sie stand am Fenster und wandte ihm ganz langsam den sanft schimmernden Blick zu, mit einem leichten, etwas verlegenen Lächeln in den Mundwinkeln, als ob sie sagen wollte: Ah, da bist du ja wieder, du hättest noch länger wegbleiben sollen. Nein, nie war sie so schön gewesen. Er hatte alle Linien ihres Gesichtes und ihres Körpers in diesen beiden Wochen in Hamburg mit sich herumgetragen, den Glanz ihrer Augen und den unbegreiflichen Reiz ihres sanften Gesichtes. Und doch war sie viel, viel schöner, als er sie in seinen Gedanken gesehen hatte.

Aber als Jenny Katschinsky durch die Tür kommen sah, war ihr erster Gedanke der gewesen, daß sein Gesicht zu zart, zu unmännlich, zu weichlich, ja weibisch war.

Katschinsky nahm Platz, schlug die Beine übereinander und stützte das Kinn in die Hand.

Er kann keine Bewegung machen, ohne zu posieren, dachte Jenny. Früher hatte sie häufig gesagt: sein wunderbar gebauter und trainierter Körper zeigt immer schöne Linien, er kann gar keine häßliche Bewegung machen.

„Wie war es in Hamburg?“ fragte Jenny.

Welche Gleichgültigkeit lag in ihrer Stimme. Er kam von der Beerdigung seiner Mutter, und sie fragte: Wie war es in Hamburg? Offenbar hatte sie vollkommen vergessen, daß seine Mutter gestorben war.

Jenny errötete nun. Die Taktlosigkeit ihrer albernen Frage kam ihr zum Bewußtsein.

Katschinsky erzählte von seiner Reise. Er spielte den Gleichgültigen und Unbeteiligten, den Freund, der tief gekränkt, aber zu stolz und großmütig ist, um sich diese Kränkung merken zu lassen.

Jenny bemerkte, daß er sich vollkommen neu eingekleidet hatte. Strümpfe, Schuhe, alles war völlig neu und modern. Es fiel ihr ein, daß seine Mutter ein kleines Vermögen besessen hatte.

„Und wie steht es mit der Odysseus-Gesellschaft?“ fragte Katschinsky. „Hast du abgeschlossen?“

„Ja, ich habe abgeschlossen.“

„Die Bedingungen gut?“ fuhr Katschinsky mit großer Gleichgültigkeit fort.

„Ja.“

Dann verließ Katschinsky das Thema, obwohl er doch ein Recht gehabt hätte, Näheres über die Bedingungen zu erfahren. Er ging.

Am nächsten Nachmittag aber kam er wieder. Jenny sah es sofort seinen Augen an, daß er heute nicht die Rolle des Gleichgültigen spielen werde.

„Ich bin gekommen, dich zu einem Spaziergang abzuholen,“ sagte er in munterem Tone, als habe es nie eine Verstimmung zwischen ihnen gegeben. „Wir wollen etwas gehen, und dann möchte ich mit dir Stobwasser besuchen.“

Jenny schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht,“ antwortete sie. „Willst du Tee haben? Um sechs Uhr kommt der Regisseur zu mir. Ich habe zu arbeiten.“

„Nun, wenigstens eine halbe Stunde, er kann ja ruhig etwas warten. Mache mir die Freude, Jenny.“ Er haschte nach ihrer Hand und versuchte sie zu berühren. Er wußte wohl, welche Macht er früher über sie besessen hatte. Sobald er sie nur berührte, verlor sie alle Kraft und war ohne jeden Widerstand. Aber Jenny wich ihm aus und wiederholte nur, daß sie zu arbeiten habe, daß sie aber gern mit ihm ein halbes Stündchen beim Tee plaudern wolle.

Sie klingelte, und sofort erschien der Kellner. „Wenn Herr Doktor Brinkmann kommt, so sagen Sie ihm, daß ich ihn erwarte.“

Sie will mir beweisen, daß ich ihr gleichgültig geworden bin, dachte Katschinsky.

Als Jenny den Tee eingoß, wobei sie ihren schlanken Körper leicht zurückneigte, während sie mit einem Finger den Deckel der Teekanne festhielt, wurde Katschinsky von einer Art Raserei ergriffen. Seine Vorsätze, sich zu beherrschen, waren wie weggeblasen. Er erhob sich bleich. Sein Atem ging hörbar vor Erregung.

Jenny, die Teekanne in der Hand, schlug das Auge groß und abwehrend zu ihm auf. Aber dieser Blick, der ihn zurückdrängte, verstärkte nur noch seine Erregung. Er nahm eine Zigarette vom Tisch, preßte sie zwischen den zuckenden Fingern und fragte, während er versuchte, die Zigarette anzuzünden: „Wie weit bist du mit ihm, Jenny? Ich wäre dir dankbar, wenn du aufrichtiger wärest. Bist du schon die Seine geworden?“ Seine Brauen flogen auf und ab.

Jenny wich zurück. „Was für ein Ton ist das?“ fragte sie leise und erbleichte. Nie war sie schöner, als wenn sie bleich wurde.

Katschinsky geriet noch mehr in Erregung. „Ich habe nie gedacht, daß du so feige bist, Jenny!“ rief er.

„Ich gebe keine Antwort auf eine solche Frage,“ erwiderte Jenny, und ihr Auge glühte auf.

„Du weißt so gut wie ich, daß er ein Halsabschneider ist!“ schrie Katschinsky rasend.

Jenny streckte zur Abwehr die Hände aus. „Pfui, pfui! Ich will es nicht!“ rief sie und stampfte zornig mit dem Fuße auf.

„Jedermann weiß es, also weißt du es auch.“ Katschinsky brachte erregt einige Fälle vor, die man sich von Wenzel Schellenberg erzählte.

Sie ließ ihn nicht aussprechen. „Gehe, gehe,“ sagte sie. „Du bist ungerecht, ich will dich nicht hören, wenn du so sprichst.“

Katschinsky lenkte ein. „Du brauchst mir nur meine Frage zu beantworten, und ich gehe – für immer,“ sagte er, und sein Blick grub verzweifelt in ihren Zügen. Seine grauen Augen glänzten böse, sie funkelten vor Haß. Ja, er haßte sie, Jenny, ebensosehr wie er sie liebte. Aber mehr als sie, tödlich haßte er jenen Abenteurer, der diese Frau mit seinem Gelde gekauft hatte, er haßte ihn um so mehr, je weniger er die Möglichkeit hatte, ihm irgendwie beizukommen. Aber er würde sich rächen, eines Tages, oh, keine Angst, die Stunde der Rache würde kommen. Tag und Nacht würde es für ihn, Katschinsky, keinen anderen Gedanken mehr geben.

In diesem Augenblick klopfte es, und Doktor Brinkmann, der Regisseur, trat ein.

Katschinsky stand bleich, mit zitternden Lippen. Eine Sekunde lang hatte er geglaubt, Schellenberg werde kommen.

Jenny aber fand augenblicklich die Sicherheit zurück. Sie begrüßte Dr. Brinkmann und machte die Herren bekannt. Während sie den Tee servierte, plauderte und klingelte ihre Stimme heiter durch den Salon.

„Herr Katschinsky hat es schon beim Film versucht, aber er fand nicht die richtige Anerkennung. Ich glaube aber, daß er sehr große Begabung hat. Sie sollten ihn sich einmal näher ansehen, Herr Doktor Brinkmann.“

Dr. Brinkmann blinzelte mit den Augen und betrachtete Katschinsky aufmerksam, wie ein Händler, der ein Pferd betrachtet. „Oh, vorzüglich,“ sagte er, „das Äußere ganz vorzüglich,“ und er traf mit Katschinsky eine Verabredung.

Welche Torheit habe ich begangen, dachte Jenny. Aber nur um rasch ein Gesprächsthema zu finden, war sie auf diesen Gedanken verfallen. Katschinsky küßte ihr artig die Hand, lächelte, verbeugte sich und ging.

10

Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen. Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle, wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh, er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe nicht!“

Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer, irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.

„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr umtun.“

Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten, wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken, etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die Schellenberg interessieren konnte.

Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen, bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde, bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her.

Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel, den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die Vorbereitungen zu treffen.

Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg, der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt.

Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen. Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge, Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander verbunden.

Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten Kaufherr instandsetzen lassen.

Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“, das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See. Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.

Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste geladen werden, nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden in einigen Automobilen verfrachtet und trafen mit dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon empfing sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik.

Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie ein verwunschenes Schloß,“ sagte sie.

„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, nahm sie ohne viele Umstände unter dem Arm und führte sie fort.

Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich nicht wohl bei all diesem Lärm, bei all diesem lauten Gelächter, bei dieser rasenden Musik und bei den Scherzen der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die einen leichtsinnigen Ton liebten, die andern zumeist mit Freundinnen, eleganten Geschöpfen, eine Kollegin von ihr darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne Tänzerin, berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden sich einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher Eltern, ohne Tadel angezogen, ohne Tadel der Scheitel, die Hände, aber blasiert und langweilig. Sie erzählten Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus dutzendmal gehört hatte. Welche Leere.

Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich zu trinken, und selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. Die Tänzerin stieg auf den Tisch und tanzte zwischen den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß. Wenzel hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als Jenny dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich an diesem Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel stellte sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft, aber doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke, die er einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja wie ein Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und sehr spitz, so fühlte sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie hatte sie ihn so lachen gehört. Er lachte ausgelassen wie ein Knabe.

Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich hell wie bei einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln am Seeufer aufstellen lassen. Sie brannten alle zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in dem stillen Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man beglückwünschte Wenzel zu dieser Idee.

„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen wir mit dieser Nacht anfangen, und wie schauerlich finster ist es doch auf dem Lande.“

In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Musik davon. Die Gesellschaft verteilte sich in vier kleine Boote, und man ruderte zu den Inseln. Wenzel half der Tänzerin beim Aussteigen. Er legte seine große knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder litt Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald zu Ende.

In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. Die Damen fröstelten, die jungen Bankiers stülpten den Rockkragen in die Höhe und sagten: „Es ist kalt, Schellenberg!“

„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“

„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“

„Ihr werdet schon sehen!“

Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was Schellenberg unternehmen werde.

In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch anmutenden Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser und schwamm hinter den Booten her. Er lachte und prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich wie ein Pudel, der aus dem Wasser steigt.

Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an Wenzel heran, berührte seinen nassen Ärmel und sagte: „Sie werden sich erkälten, kleiden Sie sich sofort um.“

Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab und sah Jenny in die Augen. Der Ton, in dem sie ihre Bitte aussprach, hatte ihn betroffen gemacht. Jenny war ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand schnell im Hause.

Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war glücklich, als sie wieder in Berlin war.

11

Jenny hatte ihre Arbeit längst voller Eifer aufgenommen. Es war eigentlich das erstemal in ihrem Leben, daß sie voller Fleiß, Hingabe und Ausdauer arbeitete. Die Möglichkeit, die ihr geboten wurde, war ungeheuer selten, ein wahrer Glücksfall, und sie wußte, daß es an ihr lag, sie zu nützen.

Wenzel hatte ihren Tag eingeteilt, ihr Instruktionen gegeben, und sie folgte ihnen. Sie nahm Unterricht bei einem Tanzmeister und begann ganz von vorn mit der alten Ballettschule. Erst ging es sehr schwer, dann machte sie rasch Fortschritte, und ihr Lehrer war zufrieden.

Wenzel hatte ihr seine Reitpferde zur Verfügung gestellt, und sie nahm Reitunterricht. Jeden Morgen ritt sie im Tattersall. Sie fühlte sich leicht und frisch, war entzückt von dem Glanz der Pferde, ihren guten Augen und ihrem Geruch. Und es kam der Tag, da sie mit Genugtuung die völlige Beherrschung ihres Körpers verspürte. Sie fühlte jede Bewegung, jede kleinste Muskel. Sogar das Gehen auf der Straße war ihr ein Genuß, sie empfand es fast als Wollust.

Täglich arbeitete sie mit dem Regisseur. Doktor Brinkmann war eine schlichte, immer begeisterte Seele von einer grenzenlosen Geduld und Güte. Wenn er mit ihr arbeitete, saß er da und blinzelte, korrigierte, ließ wiederholen. Jetzt erst fing sie an zu begreifen, was es hieß, zu gestalten. Nach einigen Wochen ließ Doktor Brinkmann sie vor dem Aufnahmeapparat spielen. Sie sollte sehen lernen, wie sie sich gefilmt ausnahm. Die ersten Aufnahmen hätten Jenny fast entmutigt. Doktor Brinkmann hatte es darauf abgesehen, ihr ihre Fehler vorzuführen. Nun begann eine anstrengende, ja qualvolle Arbeit. Jeder Schritt, jede Bewegung, jede Geste mußte gelernt sein. Doktor Brinkmann selbst malte ihr das Gesicht, wie die Linse es verlangte. Plötzlich ging es. Es war keine Hast mehr da, keine Unsicherheit. Die Bewegungen flossen, das Auge glänzte und flammte leidenschaftlich.

„Sie werden es lernen!“ rief Doktor Brinkmann erfreut aus. (Sie ahnte nicht, daß er ein besonders hohes Honorar von Wenzel für seine Arbeit erhielt.)

Schon in kurzer Zeit wollte die Gesellschaft einen kleinen Spielfilm in Italien aufnehmen lassen.

Jenny gab sich ihrer Tätigkeit begeistert hin. Sie arbeitete, sie fieberte Tag und Nacht. Fast jeden Abend besuchte sie irgendein Lichtspieltheater, um zu beobachten, zu lernen. Langsam schien sich ihr auch diese schwierige Kunst zu erschließen.

Oh, und sie arbeitete auch – sie gestand es sich offen –, um die Stunden und Tage zu töten, da sie Wenzel nicht sehen konnte. In den Theatern, Bars und Weinstuben, die er mit ihr besuchte in der Gesellschaft seiner Freunde, quälte sie die Nähe dieser Freunde und eine kleinliche Eifersucht, die ihr jede Minute vergällte. Sie war glücklich, wenn er allein mit ihr speiste. Dann aber verging der Abend so schnell, und wenn sie allein war, überfiel sie die Qual der Trennung von neuem mit schrecklicherer Gewalt. Es war nicht möglich Wenzel zu erreichen. Er bat sie, ihn anzurufen. Aber häufig stand sie zwei Stunden am Apparat, sie stampfte mit den Füßen vor Ungeduld, aber immer wieder meldeten sich Stolpe, Mackentin, Goldbaum oder sonst jemand.