Part 16
Jenny hatte nie geliebt. Sie wußte es jetzt, ihre Liebschaft mit Katschinsky, was war das gewesen? Nichts. Nun aber fühlte sie zum erstenmal in ihrem Leben, was Liebe ist. Und nun wußte sie, daß Liebe keine Freude ist, sondern eine Qual. Das Herz brannte ihr in der Brust wie Feuer. Sie vermochte nicht mehr an etwas anderes zu denken. Sie schrieb Briefe an Wenzel, aber sie sandte diese Briefe nicht ab. Sie fürchtete sein Lächeln, und auch sie selbst, Jenny, haßte nichts mehr als Sentimentalität.
In manchen Stunden der Unruhe versuchte sie, sich gegen ihre Leidenschaft zu Wenzel aufzulehnen. In der Einsamkeit der schlaflosen Nächte zeichnete sie sich sein Bild, und sie übertrieb alle seine Eigenschaften. Sie machte ihn maßloser, als er war, genußsüchtiger, brutaler, herzloser, sie sah, wie sein Blick schamlos die Frauen traf, aber es nützte alles nichts. Augenblicklich erhob sich ein anderer Wenzel, aus dessen kräftiger Stimme ein Hauch von Wärme auf sie eindrang, ein Freund, der seine Freundschaft eher verbarg als zeigte, der fürsorglich war und es nicht liebte, daß man ihn daran erinnerte. Oft schien er ihr wie ein Dämon, der dahinraste und Menschen verschlang, und in der gleichen Minute erschien er ihr wie ein großer Knabe, der herzlich lachte und dem man nicht böse sein konnte.
Wie war er wirklich? Wer war dieser Wenzel Schellenberg? Sie versuchte ihn zu ergründen, vergebens.
Aber es war geschehen, das Unglück, oder Glück, wie man es nennen wollte, war geschehen. Es gab für sie kein Zurück mehr. Wie zitterte sie, wenn sie seinen Schritt hörte! Wie erbleichte sie, wenn er zur Tür hereinkam! Er hatte ihr versprochen, mit ihr, sobald er Zeit habe, auf zwei, drei Tage irgendwo hinzureisen, wo sie ganz allein wären. Sie sehnte diese Reise herbei, für sie gab es nur noch die eine Frage: Wann? Aber Wenzel hatte nie Zeit.
12
Eine Hölle waren diese Tage und Nächte für Katschinsky. Zu spät kam die Reue über sein Benehmen bei seinem letzten Besuch in Jennys Salon. Er selbst war es gewesen, der die Brücken, die zu Jenny führten, abgebrochen hatte. Es gab nichts Törichteres für einen Mann, er wußte es genau, als seinen Rivalen mit Schmähungen anzugreifen. Wie furchtbar, wie ehrlos, wie erbärmlich war all das gewesen. Es war so rasch und unverständlich gekommen, daß er es noch Tage nachher nicht begreifen konnte.
Nun war es zu spät. Reue, Gram und Eifersucht peinigten ihn. Er ertrug das Leben nur, wenn er die Möglichkeit hatte, Jenny wenigstens zuweilen zu sehen. Das beschäftigte seine Gedanken, erfüllte seine Phantasie. Im luftleeren Raum konnte niemand leben. Also lauerte er Jenny auf: um hinter einer Litfaßsäule zu erbleichen, sobald er auch nur einen Ärmel ihres Mantels sah. Wenn dieses dunkelblau lackierte, breit und niedrig gebaute Auto vor dem Hotel vorfuhr, so grub er die Nägel in das Fleisch seiner Hände, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er war ohnmächtig, aber er würde sich rächen, – wie und wann, das würde sich finden.
War Stolpe im Auto, so empfand er eine freudige Erleichterung. An der Gewalttätigkeit, mit der der Wagenschlag zugeworfen wurde, erkannte er Schellenberg. Das Auto fuhr fort, und er wartete stundenlang, bis es wiederkam. Er kannte seine Scheinwerfer. Oh, wie furchtbar, all diese funkelnden Lampen dieser Schar von Automobilen, die ihn anfunkelten, die in der Nacht aus der Finsternis herankamen und den Kurfürstendamm entlangflogen. Sie blendeten ihn, daß er taumelte, er erschrak wie vor Gespenstern. Und jetzt endlich, dort kamen die beiden bösen Lampen herangeflogen. Nun war sie zu Hause. Ihre Zimmer waren hell. Ihre Zimmer erloschen.
Nun konnte er wieder atmen. Er besuchte einen Tanzklub, eine Diele, eine Spielergesellschaft, bleich, ein blasiertes Lächeln auf seinem schönen Munde, mit einem hochmütigen Gesichte saß er da. Er begann zu trinken. Katschinsky hatte nie getrunken und vertrug nichts. Schnell war er sehr berauscht. Er schritt, wirre Worte hervorstoßend, oft weinend durch die finsteren Straßen und griff nach der ersten Dirne, der er begegnete. So ging es Nacht für Nacht. Schließlich hatte er sich, wenn er berauscht war, eine Lüge ersonnen, die er immer wieder vorbrachte und an die er im trunkenen Zustande nahezu selbst glaubte. Er erzählte diesen Dirnen, daß er eine Geliebte gehabt habe, schön wie eine Göttin, sagenhaft schön, und sie sei an der Grippe gestorben. Das erzählte er jede Nacht mit allen Einzelheiten. Schließlich kam es so weit, daß er bei den Dirnen weinte, wenn er seine Geschichte erzählte.
Tiefste Schmach. Tiefste Erniedrigung.
Er fing an, Jenny glühend zu hassen. Auch an ihr wollte er sich rächen. Er entwarf Pläne. Vielleicht würde er ihr schönes Gesicht mit einer Säure übergießen, aber schon erschrak er und schrie: „Nein! Nein!“
Eine Wendung trat ein. Unscheinbar begann sie. Jener Regisseur, jener Doktor Brinkmann hatte ihm in der Tat eine Unterredung, wie er es versprochen hatte, gewährt. Er hatte ihn in einigen Statistenrollen verwandt, um ihn auszuprobieren; hierauf aber hatte Katschinsky nichts mehr von ihm gehört. „Natürlich,“ sagte er bitter, „hinter mir stehen keine Millionen.“ Plötzlich aber erhielt er von Doktor Brinkmann einen Brief mit der Bitte, sich so bald wie möglich bei ihm einzufinden.
„Sie können nichts, Herr Katschinsky,“ sagte Doktor Brinkmann ganz offen. „Sie haben es auch nie behauptet, daß Sie etwas können. Sie sind ja kein Schauspieler. Aber vielleicht werden Sie es lernen. Eine unserer Tochtergesellschaften dreht einen Film, und Sie sollen darin eine der Hauptrollen spielen. Sie sollen nichts spielen als sich selbst. Unterstehen Sie sich nicht, an etwas anderes zu denken.“
Katschinsky spielte. Die ersten Aufnahmen waren gänzlich unverwendbar. Bald aber ging es. Man brauchte in diesem Film einen gutaussehenden jungen Mann, der sich gut kleidete und sich zu benehmen wußte. Gerade die etwas falsche Eleganz Katschinskys, das falsche Benehmen Katschinskys waren es, was der Regisseur suchte.
Der Film gefiel. Nun, da die Regisseure ihm die Maske gemacht hatten, zeigte es sich, daß Katschinsky mit seinem schmalen Gesicht, seinen etwas schrägstehenden Mandelaugen, seinem blasierten Mund sich außerordentlich gut photographieren ließ. Er war gerade jener Typ schöner junger, amerikanisch aussehender Männer, den man suchte. Die Gesellschaft unterbreitete ihm einen Jahresvertrag. Der Erfolg machte Katschinsky sicherer, seiner Eitelkeit wurde geschmeichelt, und er fand wieder etwas Halt. Er hatte Jenny keineswegs vergessen. Noch häufig versuchte er einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber er zitterte nicht mehr, er erbleichte nicht mehr.
Eines Tages, als er am Eden vorbeischlenderte, lief er Jenny in die Arme. Plötzlich stand sie vor ihm, wie aus dem Boden gewachsen. Sie hielt den Schritt an und betrachtete ihn mit erschrockenen, hilflosen Augen.
Ja, nun zitterte sie, und er war ganz ruhig. Er wechselte die Farbe, dann zog er den Hut und begrüßte Jenny, als sei nichts vorgefallen.
„Ich bitte dich um Verzeihung, Jenny,“ sagte er mit seinem hübschesten Lächeln. „Der Teufel ist in mich gefahren, wie konnte ich dir eine solche Szene machen, es ist mir heute unbegreiflich. Aber begreife, Jenny, daß ich toll war vor Eifersucht. Nichts aber ist hündischer als Eifersucht, und du weißt, Jenny, daß das immer meine Ansicht war.“ Schon lächelte er leichtsinnig und fröhlich. „Es ist viel besser, daß wir gute Kameraden sind, Jenny. Findest du nicht auch?“
„Es ist gewiß viel vernünftiger,“ antwortete Jenny und nahm seine Hand. „Du bist ein törichter Junge gewesen.“ Sie gingen nebeneinander her und plauderten wie gute Freunde.
Ja, nun waren sie wieder gute Freunde geworden. Katschinsky erwies ihr Aufmerksamkeiten. Er sandte ihr Blumen und Bücher. Sie sah seine Bemühungen, alles wieder gutzumachen, und sie freute sich darüber. Dann und wann besuchte er sie auch zum Tee. Sie trafen sich in den Filmateliers zuweilen zufällig. Katschinsky benahm sich immer gleichmäßig kameradschaftlich.
Eines Abends aber – sie waren zusammen mit Stobwasser im Café gewesen – änderte er plötzlich den Ton. Sie gingen durch eine dunkle, menschenleere Straße. Er berührte plötzlich ihren Arm und drückte ihn zart an sich. „Höre, Jenny,“ begann er, bemüht seine Erregung zu verbergen, „ich will dir alles beichten. Ich habe das Bedürfnis, dir alles zu gestehen, was geschehen ist.“
Die Berührung seiner Hand empfand Jenny unangenehm. Dieser leichte Druck seiner Hand verletzte sie – obgleich sie ihn einst geliebt hatte –, nur aus Nachsicht duldete sie seine Berührung. Mit hochgezogenen Brauen und nervösen, gequälten Lippen hörte sie seine Beichte.
Er gestand ihr alles: wie er ihr auflauerte, wie er trank, bis er sinnlos betrunken war, wie er den Straßenmädchen die Geschichte erzählte von seiner schönen Geliebten, die an der Grippe gestorben sei.
Jenny zog die Schultern an. Sie zog sich scheu wie ein Tier, das sich bedroht fühlt, zurück. Sie machte ihren Arm frei und trug Sorge, daß auch ihr Gewand ihn nicht berührte. Und mit jedem Wort, das er sprach, hervorstieß, stammelte, mit jedem Wort entfernte sie sich mehr von ihm. Jedes Wort trieb sie in immer weitere Fernen. Sie hätte Lust gehabt zu laufen, aber sie wußte, daß er ihr dann nachgelaufen wäre, und sie wollte vor den wenigen Menschen, die diese Straße passierten, jegliches Aufsehen vermeiden. Seine Worte waren verletzend, sie schmerzten und beleidigten sie, sie waren schamlos. „Sieh, so liebe ich dich, Jenny, so maßlos liebe ich dich! Ich kann deinen Körper nicht vergessen! Verstehe mich doch, fühle es doch!“
Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.
„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus, „sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn erhalte.
Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen andern.“
„Liebst du ihn wahrhaftig?“
„Dreimal wahrhaftig!“
Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.
Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers geworden.“ Jenny heischte Antwort.
Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.
„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh, wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“
Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich dir noch verzeihen.“
Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du machst dich nur lächerlich!“
In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten, sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet nicht, bis das Licht erlischt.
13
Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den halbdunkeln Raum.
Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen, daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es, geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“
Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.
Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit sollte drei Tage dauern.
„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter, als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“
Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände kletterten eilige Funken.
Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr kannte. Lieben Sie Gedichte?“
Jenny sah erstaunt auf.
Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“
Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.
„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme dabei klingt.“
Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen:
„O gib, vom weichen Pfühle Träumend, ein halb Gehör! Bei meinem Saitenspiele Schlafe! Was willst du mehr?“
Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht.
„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein. Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist. Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme mich jetzt schon dieser Trivialität.“
Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und schwieg.
Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir, ertränken.“
Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus; aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure Verachtung klang aus Wenzels Stimme.
„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen, daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“
Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“ fügte sie noch leiser hinzu.
„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine Bedingungen nicht verschweigen.“
Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später nie mehr diese Klarheit des Wassers?
Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du mir antworten.“
Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich kapituliere.“
„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist, diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“
Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“
Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht tun?“
So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.
Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen.
Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete. Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen, sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende, liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein Diamant funkelt, in den das Licht fällt.
Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa, die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die „Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus rosigem Marmor entzückte Jenny.
„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.
Jenny war begeistert. Sie hatte so etwas Herrliches nie gesehen.
„Nun, ich will sie dir schenken. Hier soll Jenny Florian wohnen.“
Jenny schrie auf. Aber schon hob sie abwehrend die Hände. „Nicht schenken, Wenzel!“ rief sie. „Nein, nicht schenken!“ Sie wurde plötzlich nachdenklich.
„Nun, dann wohne hier, solange es dir gefällt. Das Haus wird fertig sein, bis du aus Italien zurückkommst.“
In den nächsten Tagen reiste Jenny mit der Filmgesellschaft nach dem Süden. Der Zug fuhr vorwärts, aber sie fuhr in Gedanken schon wieder zurück. Bei jedem besonderen Gehöft, bei jedem besonders aussehenden Baume sagte sie sich: Wenn ich euch erst wiedersehen werde! Sie war unglücklich. Aber – so sagte sie sich resigniert – es ist dein Beruf.
14
Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm brauste seit einigen Tagen dahin.
Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont hatte. Er sollte später ein „Park“ werden.