Die Brüder Schellenberg

Part 14

Chapter 143,775 wordsPublic domain

„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. Denn Sie haben es ja im Leben nicht mit Tigern zu tun, sondern mit Menschen. Der Tiger ist gewiß eine achtunggebietende Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte noch schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, sein Gebiß mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit nach seinem Opfer zu schleudern. Das alles aber kann der Mensch, der weitaus schrecklicher ist als der Tiger. Er opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine Genußsucht, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, für seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem wildesten Tiger nicht in den Sinn käme.“

„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“

„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“

Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es Ziegelsteine abfärben, dachte er.

„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente, erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere. Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich weiß es.“

Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie?

Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir, Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren. Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies, dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung anvertrauen?“

Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu begreifen.

„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit zweitausend Mark im Monat reichen?“

„Aber gewiß.“

„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute Kameraden werden.“

7

Lise war den ganzen Tag sehr erregt. Am Abend um sechs Uhr sollte Frau von dem Busch in Berlin eintreffen. Trotzdem Lise sich schon am frühen Nachmittag fertig gemacht hatte, sich förmlich „abhetzte“ – trotzdem kam sie zehn Minuten zu spät auf den Bahnhof. Zu ihrem großen Glück mußte der Zug einige Minuten Verspätung gehabt haben. Die Reisenden strömten gerade über den Bahnsteig.

Lise sah die Mutter neben dem Waggon stehen, eingehüllt in Mantel und Pelzkragen. Ihr Hut hatte einen zu breiten Rand. Dazu trug sie einen Schleier. Frau von dem Busch liebte es, sich für die Reise extravagant zu kleiden: etwa wie eine etwas schrullenhafte englische Millionärin. Einige Jahre zurück, aber kostbar im Material.

Frau von dem Busch winkte mit dem Schirm. Diese Bewegung erschien Lise ungnädig und ungeduldig.

„Da bist du ja, Mamachen!“ rief Lise aus und stürzte in die Arme der Mutter. „Verzeihe, daß ich mich verspätet habe, aber das Auto hatte eine Panne.“ Sie log zu ihrer Entschuldigung, obwohl es gänzlich unnötig war.

„Oh, dieses Berlin!“ seufzte Frau von dem Busch, die mit großer Aufmerksamkeit ihr Handgepäck im Auge behielt. „Hier, Träger Numero zweiundvierzig, nehmen Sie das Handgepäck. Vergiß die Nummer nicht, Lise.“

„Welch häßliches Wetter du mitgebracht hast, Mamachen.“ Es schneite in dicken Flocken. Aber die Flocken zerrannen sofort wieder auf dem Pflaster.

Endlich war das Gepäck verstaut und sorgfältig nachgezählt.

„Gott sei Dank, das wäre überstanden,“ sagte Frau von dem Busch, und ihre Stimme wurde klar und sicher. „Die Ankunft ist immer das Schlimmste. Wie geht es zu Hause, Lise? Ja, mein Kind, ich bin gekommen, um deine Angelegenheiten etwas in die Hand zu nehmen.“

„Ich freue mich, daß deine Erkältung vollkommen verschwunden ist, Mamachen,“ lenkte Lise ab. Sie wollte nicht, daß ihre Mutter schon im Wagen von diesen unerquicklichen Dingen spreche.

„Es war nicht eine Erkältung, Lise. Es waren zwei und dazu das Rheuma. Der Winter war sehr schlecht.“

Wieviel Gepäck sie mitgebracht hat, dachte Lise. Wie lange wird sie bleiben wollen?

Die beiden Kinder, Gerhard und Marion, empfingen die Großmutter im Treppenhause. Sie hatten länger als eine halbe Stunde vor der Tür gewartet. Als sie die Großmama erkannten, stießen sie ein lautes, freudiges Geheul aus.

„Aber so tobt nicht so, ihr Wildfänge,“ besänftigte sie Frau von dem Busch. „Was sollen die Leute sagen? Kommt erst herein!“ Sie herzte und küßte die Kinder, und ihr sonst etwas frostiges Gesicht strahlte glücklich. Sie errötete vor Freude. „Da sieht man euch endlich wieder, und wie reizend sie euch herausgeputzt haben.“

Das Mädchen gab sich den Liebkosungen der Großmutter vollkommen hin. Sie schmiegte sich mit ihrem ganzen Gewicht in ihre Arme und wäre herabgestürzt, hatte man sie nicht festgehalten.

Gerhard dagegen war zurückhaltend und scheu. Er wand sich abwehrend, so gut es ging, ohne daß es allzusehr auffiel, in den Armen der Großmutter. Er liebte es nicht, von ihr abgeküßt zu werden. Wo sie ihn küßte, entstand ein nasser Fleck, und das haßte er. Sie hat ja einen Schnurrbart, dachte Gerhard. In der Tat, Frau von dem Busch hatte einige dünne Härchen auf der Oberlippe, die für gewöhnlich aber niemand beachtete.

„Lege doch erst ordentlich ab, Mamachen.“

Frau von dem Busch trug noch den Mantel. Nur den Pelzkragen hatte sie abgeworfen. Ihr Hut saß etwas schief von den Liebkosungen der Kinder.

„Ich kann mich nicht satt an ihnen sehen!“ rief sie aus. „Marion hat genau solche hübsche rote Backen, wie du sie hattest, Lise. Jede ein Apfel. Gerhard sieht nicht so wohl aus. Das ist ein ganz anderes Gesicht,“ sagte sie zögernd, und Gerhard, der sie nicht verstand, aber ahnte, daß diese Worte nichts Angenehmes bedeuteten, sah sie mit einem argwöhnischen Blick an.

Frau von dem Busch stopfte den Kindern Schokolade in den Mund. „Und du, wie heißt du?“ wandte sie sich plötzlich an das Zimmermädchen.

„Ich heiße Marie,“ antwortete das Mädchen und lachte. Das Mädchen lachte nur, weil Frau von dem Busch sie duzte.

„Weshalb lachst du? Bei mir sollte ein Mädchen es sich einfallen lassen, so zu lachen. Bringe eine Nadel und einen Faden, siehst du nicht, daß eine Masche von Marions Strumpf rinnt. Oh, diese Mädchen von heute haben keine Augen im Kopf.“

Gerhard mußte der Großmutter die französische Grammatik bringen und ihr zeigen, wie weit er bereits in den Lektionen gekommen war. „Und, wie sagt man: Hier bin ich, Gerhard?“ fragte sie. Gerhard wußte wohl, wie man sagte, aber er empfand es beleidigend, daß man ihm alberne Fragen in dieser herrischen Form vortrug, und so antwortete er nicht. Seine grauen Augen glänzten abweisend, es waren Wenzels Augen. Zudem entdeckte die Großmutter Eselsohren in der Grammatik, und sie versprach Gerhard, ihm morgen zu zeigen, wie man ein Buch einbindet.

„Ein stolzes, eigenwilliges Kind, Lise,“ sagte die Großmutter. „Aber schon ist die große Begabung des Vaters unverkennbar.“

Lise staunte.

Endlich war die Begrüßung zu Ende. Frau von dem Busch hatte die Reisekleidung abgelegt. Sie küßte Lise, sah ihr lange und zärtlich in die Augen, und dann begaben sich die beiden Frauen in das Speisezimmer.

„Ich habe gleich decken lassen, Mamachen.“

„Oh, wie gut, ich bin ordentlich hungrig. Ja, es war höchste Zeit, daß ich wieder einmal nach Berlin kam, um mit dir über all die Dinge zu sprechen.“

„Wollen wir zuerst essen, Mamachen?“ fragte Lise und zerknitterte die Stirne.

Nach Tisch aber – nachdem die Kinder zu Bett gebracht worden waren – gab es für Frau von dem Busch kein Halten mehr. „So,“ sagte sie und lehnte sich in den Sessel zurück, und Lise wußte, daß die Mutter nunmehr von dem wichtigen Thema nicht mehr abzubringen war. „Also,“ begann Frau von dem Busch, „ihr zankt euch noch immer?“

„Zankt?“ Lise sah die Mutter verständnislos an.

„Zankt, ja. Ihr seid beide Kinder. Auch Wenzel, Gott, was für ein Kind er ist, ein wilder Junge, der dumme Streiche macht. Aber man muß zugeben – und ich habe es ja auch nie geleugnet –, daß er viele gute Eigenschaften hat. Zum Beispiel, er ist kühn, mutig, entschlossen, das ist eine Eigenschaft, die nicht alle Männer, ja, die wenigsten, haben. Dabei ist er ja eigentlich gutmütig –“

Lises Gesicht flammte. „Mama,“ unterbrach sie die Mutter, sofort erregt. „Du scheinst die Situation, die du ja zur Genüge kennst, absichtlich verkennen zu wollen.“

„Absichtlich? Ich bitte recht herzlich, mein Kind.“

„Ja, absichtlich. Du weißt sehr gut, daß es zwischen mir und Schellenberg aus ist, ein für allemal zu Ende.“

Frau von dem Busch lächelte nachsichtig. „Das sind nur Worte, Lise,“ entgegnete sie. „Ich habe Eheleute gekannt, die dreimal geschieden wurden und sich immer wieder heirateten. Wenzel ist eine schrankenlose Natur, er mußte sich austoben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt schon anderer Meinung geworden ist. Jedenfalls werde ich den Versuch machen –“

Lise machte Miene aufzustehen. „Ich habe es dir hundertmal wiederholt, Mama,“ sagte sie mit eigensinnig zerknitterter Stirn. „An eine Aussöhnung ist nicht zu denken. Wenigstens was meine Person betrifft, nie, niemals. Und auch Schellenberg –“

Zärtlich griff Frau von dem Busch nach Lises Hand. „Ich meine es ja nur gut mit dir,“ fuhr sie fort, „wir können doch über all diese Dinge ruhig und offen sprechen. Deshalb bin ich ja nach Berlin gekommen. Man hört so viel. Neulich war Oberst von Carlowitz aus Berlin bei mir. Was er alles erzählte! Dieser Wenzel, wer hätte es gedacht, soll ja eine ganz fabelhafte Karriere gemacht haben! Wer hätte ihm das zugetraut? Oberst von Carlowitz sagte, Wenzel sei einer der fabelhaftesten Köpfe von Berlin. Das heißt, ich will offen sagen, an Wenzels großen Fähigkeiten habe ich ja nie gezweifelt.“

Lise verzog die Lippen. „Es quält mich, Mama,“ sagte sie.

„Aber ich verstehe nicht, wieso soll es dich denn quälen? Man muß über all diese Dinge ruhig sprechen können. Der Zeitpunkt einer Aussöhnung scheint dir also noch nicht gekommen zu sein? Das ist schade, sehr schade. Ich hätte es begrüßt. Oberst Carlowitz erzählte, daß Wenzel sich in geradezu blendenden Verhältnissen befindet. Er sprach von ungeheuren Reichtümern.“

Gequält preßte Lise die Hände an die Schläfen. „Oh, Mama, ich will nichts von diesen Reichtümern. Ich will nichts von diesem zusammengescharrten Geld!“

Frau von dem Busch öffnete erstaunt den Mund. „Wie töricht du bist!“ rief sie aus. „Du bist ja immer noch seine gesetzmäßige Frau! Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin. Du bist eine Künstlerin, eine Idealistin, du verstehst es natürlich nicht, deine Interessen wahrzunehmen.“

„Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,“ erwiderte Lise gelangweilt.

„Du bist zufrieden? Und Oberst von Carlowitz erzählte, vielleicht übertreibt er, daß Wenzel vor kurzem die Jacht einer Großherzogin gekauft habe!“ Frau von dem Busch wollte alles, jede Einzelheit wissen, sie war ja nur zu diesem Zwecke nach Berlin gekommen.

Lise wiederholte, daß sie nichts Neues zu erzählen habe. Sie hatte ja über alles bereits hundertfach schriftlich und mündlich berichtet. Das war die Wahrheit. Bis auf jene Dinge, die Lise absichtlich verschwieg, war Frau von dem Busch in alles eingeweiht.

Als Lise eingesehen hatte, daß Wenzel auf keinen Fall mehr zu ihr zurückkehren würde, hatte sie sich, wenn auch unter Qualen, damit abgefunden. Sie spielte zuerst die Rolle der verkannten, verlassenen Frau. Sie war auch in der Tat viele Monate wirklich unglücklich. Sie sah plötzlich alle guten Eigenschaften Wenzels im hellsten Lichte erstrahlen. Aber die Zeit ging, die guten Eigenschaften verblaßten, und die schlechten Eigenschaften traten hervor. Nunmehr sah sie nur noch die schlechten Eigenschaften Wenzels, und sie sah ein, daß ein Mensch wie er „nicht zu ihr paßte“. Das anfängliche Unglück aber hielt sie nicht ab, ihr Leben wenigstens äußerlich in den gewohnten Formen fortzuführen. In ihrem Salon gingen Damen und Herren aus und ein. Man kam zum Essen, wann man wollte, zum Tee. Man konnte zu Lise Schellenberg immer kommen, immer gab es Umarmungen und Küsse. Es verging fast kaum ein Tag, an dem nicht drei, vier Besuche dagewesen wären. Zweimal in der Woche spielte ein Quartett, jeden Tag war Gesangsstunde, dazu Konzerte, Theater, Einladungen aller Art. Als es mehr und mehr bekannt wurde, daß Wenzel Reichtümer erwarb, beobachtete Lise, daß das Interesse an ihrer Person sich wesentlich erhöhte. Man betrachtete sie aufmerksam, und ihre Freundinnen begannen auf diese Veränderung hinzuweisen. „Lise, man hört Dinge –“ Aber Lise richtete sich sofort überempfindlich auf und machte weiteren Ausführungen mit einem Blick ein Ende. „Sprechen wir nicht davon, kein Wort mehr.“

Es lag nicht in Wenzels Natur, geizig zu sein. Er hatte kein Arg gegen Lise im Herzen. Im Gegenteil, er wußte, daß er sie tief verletzt hatte. Da waren ja auch seine beiden Kinder, und es lag ihm daran, daß sie eine vorzügliche Erziehung genossen. Lises Ansprüche aber wuchsen von Monat zu Monat.

Michael fungierte in diesen Jahren als Vermittler zwischen dem Bruder und Lise. Wenzel, der klare Verhältnisse liebte, hatte ihr durch Michael und den Anwalt mehr als einmal die Scheidung vorgeschlagen und ihr glänzende Vorschläge in materieller Hinsicht gemacht. Oft war Lise nahe daran gewesen, anzunehmen. Aber seit sein Reichtum notorisch geworden war, setzte sie allen Vorschlägen ein eigensinniges Nein entgegen.

Sie kaufte Wäsche, sie kaufte Kleider und Schuhe, sie kaufte Hüte und Pelze, aber die Rechnungen ließ sie alle Wenzel zustellen. Er befahl, daß sie bezahlt werden sollten, daß man aber den Firmen mitteilte, daß er nicht mehr für die Schulden seiner Frau aufkäme. Er fing an mit einzelnen Firmen zu prozessieren. Lise ging zu anderen Firmen, und wieder kamen Stöße von Rechnungen.

„Es tut mir leid, daß sie mich zu anderen Schritten zwingt,“ sagte Wenzel mit einem bösen Lächeln. Er übergab die Angelegenheit einem seiner Anwälte. Und die Richter, die beim Anblick dieser Rechnungen kaum die Sprache zurückfanden, entmündigten Lise.

Als der Anwalt Lise diese Nachricht mitteilte, wurde Lise zum erstenmal in ihrem Leben wirklich ohnmächtig. Drei Tage lang schwankte sie kreidebleich durch die Wohnung. „Ich hätte nicht gedacht, daß er ein Schuft ist,“ sagte sie. „Das ist die furchtbarste Enttäuschung, ich hielt ihn nur für leichtfertig.“

Natürlich hatte Lise der Mutter diese beschämende Sache mit der Entmündigung nie mitgeteilt. Sie hatte ihr nur angedeutet, daß sie mit Wenzel prozessiere, da er die Rechnungen – Schuhe, Kleider, Wäsche für die Kinder – beanstande.

Und über diesen Prozeß, der nach Lises Darstellung noch immer nicht beendet war, geriet Frau von dem Busch an diesem Abend abermals in helle Erregung.

„Wie gut ist es, daß ich wieder einmal gekommen bin, um nach dem Rechten zu sehen, Lise!“ rief sie aus. „Die Anwälte machen mit dir natürlich, was sie wollen. Morgen werde ich zu Justizrat Davidsohn gehen. Er ist ein alter Freund von Papa. Und dann noch etwas. Weißt du, Lise, wozu ich mich entschlossen habe, jetzt in dieser Minute?“ Frau von dem Busch hatte sich vor Erregung erhoben und blickte Lise mit einem kühnen Blick an.

„Wozu, Mama?“ fragte Lise.

„Ich werde morgen zu Wenzel gehen! Ja, ich werde es tun!“

„Er wird dich nicht einmal empfangen, Mama,“ entgegnete Lise mit einem spöttischen Lächeln.

Schon funkelten die Augen der alten Dame zornig. „Oh, er wird es nicht wagen, mich abzuweisen,“ sagte sie und ballte die kleine, bleiche Faust.

8

Lise gab sich alle Mühe, der Mutter den Aufenthalt in Berlin so angenehm wie möglich zu machen. Frau von dem Busch wollte nur eine Woche in Berlin zubringen, um sich hierauf in ein Sanatorium zu begeben. Wahrscheinlich in den Weißen Hirsch bei Dresden. Ihre Nerven waren angegriffen und ihr Darm geschwächt. Überhaupt fühlte sie sich noch nicht ganz erholt.

Die Damen besuchten Theater, Konzerte. Lise gab Einladungen. Die Wohnung wimmelte von Menschen. Das berühmte Quartett spielte, Lise sang. Ein Lohndiener mit weißen Handschuhen reichte den Tee. Frau von dem Busch saß mit ihrer weißen Haarkrone, umringt von Damen und Herren, und strahlte vor Entzücken. Man sagte ihr Schmeicheleien über ihr Aussehen, über Lise und Lises Stimme. „Hören Sie doch, dieser Ton!“ Sie war eine noch schöne Frau, mit roten Wangen. Besonders schön waren ihre gepflegten, mit Ringen geschmückten Hände. Ihr linkes Augenlid war etwas gelähmt und bedeckte das Auge um eine Kleinigkeit mehr als das rechte. Das gab ihrem Gesicht den Ausdruck großer Nachdenklichkeit und geheimnisvoller Verschwiegenheit.

Die Woche war längst vorüber, aber Frau von dem Busch traf noch nicht die geringsten Anstalten abzureisen. Wie lange bleibt sie noch? fragte sich Lise. Sie liebte die Mutter aufrichtig, aber sie ertrug ihre Gegenwart nach einer Reihe von Tagen nur schwer.

„Herrlich ist es bei dir in Berlin, Liebling,“ sagte Frau von dem Busch und tätschelte Lises volle, weiche Wangen. An den Vormittagen „arbeitete“ sie im Haushalt. Das heißt, sie beschäftigte die Mädchen. Die Gardinen wurden gewaschen, die Türen und Fenster abgeseift. Die Garderobe wurde nachgesehen, die Wäsche. Dann wurden die Fußböden gewichst. Frau von dem Busch selbst rührte keinen Finger. Sie erledigte am Schreibtisch ihre umfangreiche Korrespondenz und erschien nur alle fünfzehn Minuten. Ihre Dispositionen waren indessen so klar, daß niemand zu widersprechen wagte.

An einem Vormittag aber verschwand sie geheimnisvoll. Lise wußte sofort, was dies zu bedeuten hatte. Sie war zu Wenzel gegangen! Sie kannte den Eigensinn der Mutter und war der Ansicht, daß ihr eine kleine Demütigung nicht schaden würde.

Es muß gesagt werden, daß Frau von dem Busch nicht nur die Interessen ihres Kindes verteidigen wollte; auch ihre Neugierde trieb sie zu Wenzel. Da hatte sie nun unaufhörlich die verschiedensten Gerüchte und Legenden vernommen – sie war ja vor zwei Jahren schon einmal in Berlin gewesen –, aber gerade im letzten Jahre hatten diese Legenden eine phantastische Färbung angenommen.

Das Haus in der Wilhelmstraße wimmelte von Menschen. Ein Paternoster-Werk stieg auf und ab. Menschen sprangen heraus, schlüpften hinein. Der Lift stieg lautlos in die Höhe. Ein Diener nahm ihre Karte höflich und wohlerzogen entgegen und öffnete ihr die Tür eines kleinen, luxuriös eingerichteten Wartesalons. Nicht ein Stäubchen! Hier konnte Lise lernen.

Und das gehörte alles ihm, den sie – in ihrem Zorn, als er Lise entführte – einen „gemeinen Verbrecher“ genannt hatte, einen „dummen Jungen, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren“ – das war nun allerdings viele Jahre her und durch ihre Erregung erklärlich. Sie bereute.

Zuerst kam ein junger Mann mit roten Bäckchen ins Zimmer, dem man sofort die gute Erziehung anmerkte. Er klappte mit den Absätzen, verbeugte sich, bat um eine Sekunde Geduld. Dann kam ein sehr distinguiert aussehender Herr mit einer schiefen Nase, ein Hauptmann mit einem unverständlichen Namen, der höflich ersuchte, sich noch eine Minute gedulden zu wollen. Frau von dem Busch war nahe daran, Wenzel alle seine Sünden zu vergeben.

Dann aber kam etwas zur Tür herein, etwas Massiges, Schwammiges, das über den Kneifer schielte, rot wie eine Rübe, einen kleinen roten Scheitel auf der Glatze, rote Bartstoppeln auf den feisten Backen. Goldbaum. Er verdarb den ganzen guten Eindruck.

„Mein Name ist Goldbaum, gnädige Frau,“ sagte die rote Rübe und nahm in einem Sessel Platz. „Ich bearbeite die privaten Angelegenheiten des Herrn Schellenberg. Ich bitte, gnädige Frau, Ihre Wünsche zu äußern –“

Frau von dem Busch aber verlangte Herrn Schellenberg persönlich zu sprechen. Die Masse schwankte, erhob sich, beteuerte, daß es schwer sei, außerhalb der Reihenfolge – und der Rothaarige verschwand.

Man sagte mir ja, sonderbare Elemente, dachte Frau von dem Busch. Es ist natürlich manches wahr daran.

Da kam der kleine rotbäckige Leutnant mit den guten Manieren wieder und führte sie direkt in Wenzels Arbeitszimmer.

Frau von dem Busch hatte sich vorgenommen, um der „Sache ihres Kindes zu dienen“, auf Wenzel einfach zuzugehen, als sei nichts geschehen, und ihm zu sagen, daß zwischen den Menschen – aber der Blick Wenzels, der sich hinter einem großen Schreibtisch höflich erhob, belehrte sie sofort, daß bei diesem Burschen ein solcher Ton ganz und gar nicht am Platze sei.

Sie breitete nicht die Arme aus, wie sie es beabsichtigt hatte, von ihrer ganzen einstudierten Rolle blieb nur ein harmloser Ton der Anrede, dessen Unverfrorenheit Wenzel verblüffte.

„Ich bin in Berlin, Wenzel,“ sprudelte sie hervor, „und ich mußte dich sehen, um dir guten Tag zu sagen und dich zu beglückwünschen. Wie du aussiehst, prächtig. Etwas voller bist du geworden. Nicht dieses Gesicht, Wenzel – wir haben uns zuweilen gestritten, ich weiß es. Aber wir sind ja nur Menschen, und du bist klug genug, um zu vergessen.“

„Ich vergesse nichts! Ich vergesse niemals!“ fiel ihr Wenzel brüsk ins Wort. Sein Gesicht verfinsterte sich für einen Augenblick. Dann bat er sie mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Seine Augen waren kalt, hart und ohne jede Gnade.

„Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Frau von dem Busch,“ sagte er hierauf, indem er die Augen ruhig und leidenschaftslos auf das Gesicht seiner Schwiegermutter heftete. „Was wollen Sie?“

Wenzel war der alten Dame vom ersten Augenblick an überlegen. Er war, nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte, völlig ruhig, sachlich, geschäftsmäßig, während sie vor Erregung bebte.

„Ich bin gekommen, Wenzel,“ sagte Frau von dem Busch, die plötzlich ihre Sicherheit verloren hatte, „um mit dir die geschäftlichen Angelegenheiten Lises zu ordnen.“

„Sie sind geordnet,“ erwiderte Wenzel kühl und höflich. Er schob Frau von dem Busch eine Mappe mit Rechnungen und einen Kontoauszug hin. „Hier sind die Abrechnungen, und hier sind die Rechnungen, die ich für Ihre Tochter bezahlt habe.“