Die Brücke im Dschungel

Part 5

Chapter 53,882 wordsPublic domain

Nun kommt die Pumpmeisterin heraus, sie hat in der Hand eine halbabgebrannte Kerze, von der Art jener starken Kerzen, die von Kindern bei kirchlichen Festen getragen werden.

Der Alte legt das Brett auf den Erdboden, hängt die Laterne ab, stellt sie neben das Brett und markiert mit dem Fingernagel die genaue Mitte des Brettes. Dann zündet er die Kerze an, tropft auf den markierten Mittelpunkt des Brettes Stearin und klebt die Kerze mit großer Sorgfalt auf dem Brette fest. Die Laterne hängt er nun wieder zurück an den Stamm.

Die Männer, die herumstehen, sehen aufmerksam zu, wissen jedoch nicht, worauf das alles abzielt, fragen aber auch nicht, um den Alten nicht zu stören.

Nun hebt der Alte das Brett mit dem brennenden Licht auf und trägt es vor sich zum Ufer des Flusses. Die Männer und auch eine Anzahl Frauen folgen ihm. Auf der Brücke wird man aufmerksam. Das Suchen und Fischen wird eingestellt, und auch diese Leute kommen näher, bleiben aber alle auf der Brücke stehen, um das Ereignis besser zu beobachten.

Eine uralte Indianerin hockt auf der Brücke, sieht auch zu, ist aber nicht neugierig und viel weniger interessiert an den Vorgängen als sonst irgend jemand. Sie raucht und raucht. Immer wenn sie einen Zug getan hat, betrachtet sie die Zigarette und drückt das Maisblatt etwas fester zusammen. Ich habe das Empfinden, daß sie außer dem alten Manne die einzige Person hier ist, die weiß, was da vor sich gehen soll. Ich hocke mich neben sie und gehe geradeswegs auf den Kernpunkt los: „Was wollen denn die da tun?“

„Die werden jetzt den Bastard suchen.“ Sie sagt das so leicht und so selbstverständlich, als ob sie an dem Erfolge nicht mit dem leisesten Gedanken zweifle.

„Wie meinen Sie das, Senjora? Suchen?“

„Ja suchen. Und nun werden sie ihn auch gleich haben, wenn er überhaupt im Wasser ist.“

„Wir haben doch die ganze Zeit gesucht und haben ihn nicht gefunden“, sage ich, um sie mehr zum Reden und zum Erklären zu bringen.

Sie grinst ironisch. „Wie das heutzutage die Esel tun, die ja so klug sind und alles besser wissen, so werden die das Böckchen nie finden. Da können sie alle miteinander suchen, vier Wochen lang. Und wenn er nicht von selber auftreibt und die Caimans und das Fisch- und Krabbenzeug noch etwas von ihm übriglassen, so kriegt ihn sein Vater nie mehr zu Gesicht.“

„Aber was hat denn das Licht damit zu tun? Wir haben doch tausendmal und überall herumgeleuchtet, und das Licht ist doch nicht heller als die Fackeln und Feuer, die wir hatten.“

„Ihr mit euren Laternen und Haken und Stangen. Das ist alles für den Hund, aber nicht für einen Menschen. Das Licht findet ihn ganz von selbst, wir brauchen nur aufzupassen, wo es hingeht.“

„Wie kann denn das Licht ihn finden, wenn wir ihn nicht finden?“

Auf diese Frage schweigt sie eine Weile, zieht ein paarmal an der Zigarette, betrachtet sich die Zigarette dann mit gedankenvollen Augen und sieht mich an, als ob sie überlegen wolle, ob ich einer Antwort wert sei.

Ich dränge nicht, sondern blicke nur hinüber zu der Gruppe, die sich jetzt in einem Kreise um den Alten sammelt, der in der Mitte steht und das Brett mit dem Licht in halber Armeslänge vor sich hält. Er sieht jetzt aus wie ein alter heidnischer Priester, der eine geheimnisvolle religiöse Handlung vorzunehmen bereit ist.

Die Alte betrachtet mich mit halbgeschlossenen Augen, und da sie offenbar bemerkt, daß ich sehr ernst bleibe und die Vorgänge am Ufer mit keiner Geste oder Miene abfällig beurteile, spricht sie, mich unausgesetzt im Auge behaltend: „Der Junge ruft doch unausgesetzt.“

„Der Junge ruft?“ frage ich erstaunt. „Ich höre nichts.“

„Freilich nicht“, sagt die Alte. „Ich kann das auch nicht hören. Kein Mensch kann das Rufen hören. Aber das Licht hört das Rufen.“

„Das Licht?“ frage ich. Und weil ich glaube, nicht genau verstanden zu haben, was sie in ihrem vermischten Dialekt gesagt hat, frage ich noch einmal: „Sie wollen sagen, das Licht hört das Rufen!“

„Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er wird das Licht zu sich heranrufen. Und das Licht wird kommen. Das Licht wird zu ihm kommen und wird bei ihm stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“

Es war Nacht. Beinahe Mitternacht. Und es war im Dschungel, und ich war mitten unter Indianern. Als die Alte das so erzählte, als ob es sich um irgend etwas ganz Alltägliches handele, kam mir der Gedanke, daß entweder sie irre ist, oder ich bin es. Aber ich hatte auch gleichzeitig das Gefühl, daß in dieser Umgebung, unter diesen Umständen und unter diesen Vorgängen, die sich seit nun etwa vier Stunden zugetragen hatten, alles andere, was die Alte mir erzählt haben würde, unnatürlich geklungen hätte, daß sie gar nicht anders reden konnte, als sie in Wirklichkeit tat.

Ich blieb bei ihr hocken. Sie sagte nichts mehr, rauchte ruhig weiter und blickte gleichgültig zu der großen Gruppe hinüber. Der Alte hielt das Brett mit dem brennenden Licht noch weiter vor sich und begann nun laut zu reden. Es war wie eine Beschwörung. Nach einer langen Reihe von Worten folgte jedesmal ein Satz, der durch eine Pause eingeleitet wurde und mit gehobener Stimme gesprochen wurde. Dieser Satz wurde von allen Anwesenden in einem singenden getragenen Tone als Refrain nachgesprochen.

Alle Männer hatten den Hut in der Hand und folgten der Zeremonie ernst und feierlich.

Es kam häufig das Wort „Heilige Jungfrau“ darin vor, was als Refrain gesprochen wurde. Aber das Gefühl, daß, wenn die Indianer beten, sie zwar den Namen des christlichen Gottes und der christlichen Heiligen auf den Lippen tragen, jedoch in ihrer Vorstellung ihre alten heidnischen Götter haben, hatte ich vorher nie so stark und unabweisbar empfunden wie in dieser Nacht. Sie sprachen „Heilige Jungfrau“, aber sie meinten die indianische Göttin Cioacoatl. Wie kann ein zimtbrauner Indianer sich vorstellen, daß die gnadenreiche Göttin, die er bittet, in seinem Herzen zu wohnen, eine weiße Hautfarbe hat, die Farbe, die ihn an Leichen und an Aas erinnert, die Farbe einer Haut, deren Ausdünstung ihm unangenehm ist? Die Namen der Götter und Göttinnen hat er gewechselt, ihre Gestalt, ihre Hautfarbe, ihr Wesen nicht.

Diese Beschwörung geht eine gute Weile nun vor sich. Endlich hebt der Alte das Brett sehr hoch, so hoch seine Arme reichen, so daß es sich im Wasser widerspiegelt, und spricht noch einen langen Satz, der mit einem von allen gesprochenen Refrain endet.

Blitzschnell hat sich Perez ausgekleidet, und während er bis zu den Schenkeln im Wasser steht, reicht ihm der Alte das Brett mit der brennenden Kerze.

Perez hält das Brett hoch über sich und watet in den Fluß, bis ihm das Wasser über die Hüften reicht. Jetzt wartet er eine Zeit, damit das Wasser, das durch sein Waten in Bewegung gekommen ist, sich beruhige. Dann setzt er ganz behutsam das Brett auf den Wasserspiegel und watet so ruhig als möglich zum Ufer zurück. Das Brett folgt ihm ein klein wenig, weil das Hinauswaten einige schwache Wellen zurückließ.

12

Nun steht das Brett ruhig im Wasser, als ob es entscheiden wolle, wohin es zu gehen habe.

Perez wickelt sich sein Hemd um die Lenden und tritt vom Ufer zurück, um von der Brücke aus das Brett zu beobachten. Aller Leute, die anwesend sind, bemächtigt sich jetzt eine atemlose Spannung. Die Männer haben die Hüte noch in der Hand, oder sie haben sie irgendwo hingeworfen. Niemand raucht. Man hört nicht ein Wort. Nur das Singen und Tschirpen des Dschungels tönt in der Luft. Gebannt hängen alle Augen an dem Licht. Niemand weiß, ob das Wunder vor sich gehen werde, wie es Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende vor sich gegangen ist. Ein einziger Glaube erfüllt diese Versammlung von Menschen, und nicht einer denkt, daß jenes Licht versagen könne. Es muß versagen, wenn der Junge nicht im Wasser ist; denn wenn er nicht ertrunken ist, kann er nicht rufen, und das Licht kann nur dem Rufe folgen. Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei und der gleichzeitige Atemzug eines vielköpfigen Körpers:

Das Brett hat sich bewegt.

Unendlich langsam schwimmt es vom Ufer fort nach der Mitte des Flusses zu. Es bleibt stehen, wiegt und wackelt ein wenig auf dem Wasser und rückt, kaum merklich, wieder weiter voran.

Die ganze Front der geländerlosen Brücke ist mit Menschen besetzt, die auf dem Boden knien, die Hände auf den Balken stützen, den Kopf weit über den Rand der Brücke halten und mit stieren Augen auf das Brett starren. Niemand wagt zu atmen, teils aus Spannung, teils aus einem Gedanken heraus, daß der Atem den Lauf des Brettes beeinflussen könne.

Ich sehe alle diese braunen, dunkelroten und dunkelgelben Gestalten der Reihe nach an. Die schwarzen Augen spiegeln in einem Funken das Licht auf dem Brette wider. Nackte Körper und von zerfetzten Hemden halbbedeckte Körper. Auf den Scheiteln und in den Nacken das dicke, schwarze, strähnige, ölig glänzende Haar. Die Füße nackt oder mit rohen Sandalen bekleidet. Dazwischen die Frauen mit ihren roten, grünen, blauen und gelben Gazekleidern und mit grellfarbenen Blumen im Haar, durch den Gegensatz ihrer europäisch erscheinenden, in modernen Fabriken hergestellten Kleidung viel unheimlicher wirkend als die Männer, deren halbe oder zerlumpte Kleidung natürlicher und harmonischer erscheint.

Der Gedanke an die mysteriöse Handlung, die diese unheimlichen Gestalten vornehmen, ihre abergläubische Hoffnung, daß das Wunder sich vollziehen werde, das trübe Licht der Laternen von der Pumpe her, das flackernde Aufflammen eines der Uferfeuer, das wieder angefacht worden ist, das schwimmende Brett mit dem Licht im Wasser, das der Mittelpunkt aller Augen ist, das dumpfe Schweigen dieser Masse von Menschen und das Singen des Dschungels, beginnt so entsetzlich auf mir zu lasten, daß ich fühle, mich nur durch einen gewaltigen Schrei von dem Alpdruck, der mir die Kehle abschnürt, befreien zu können. Wo ist die Welt? Wo ist die Menschheit geblieben? Ich bin auf einem anderen Planeten, von dem ich nie mehr zurück kann, zu meiner Rasse, zu meinen Wiesen und meinen Wäldern und meinen Bergen. Ein einziger hier braucht jetzt nur aufzustehen, mit dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen: „Der da, der Weiße, der Fremde, der ist schuld; der hat das Unglück über die Mutter und über uns alle gebracht. Er ist hierher gekommen, und sofort hat der Fluß, der ihn haßt, uns das Kind geraubt. Seht ihr es nicht an seinen Augen, mit denen er unsere Kinder vergiftet?“

Ich wäre nicht der erste Weiße, der in ein Indianerdorf kam und mit seinen Augen ein oder zwei oder gar noch mehr Kinder mordete, gesunde Frauen tödlich erkranken, kräftige Männer im Busch verunglücken ließ, Hühnern die Eier aus dem Neste wegguckte und die Jaguare herbeisang, um die schönsten jungen Kühe zu schlagen. Und wenn sie mir hier meine Zauberei und Morderei heimzahlen und ich nicht wieder zurückkehre, wer wird je erfahren, wo ich geblieben bin, wo meine Gebeine faulen und meine Knochen bleichen? Die Geier arbeiten schneller als die Alligatoren und die Riesenkrebse. „Auf einer Reise durch den Dschungel umgekommen.“ „Beim Fischen von Alligatoren gepackt worden.“

Aber warum sollte ich Unbehagen empfinden? Da steht ja Sleigh, weiß am Körper wie ich, Gedanken, die ich denke, Sprache, die ich spreche. Er steht hinter den Knienden und blickt ebenfalls nach jenem Brette. Sollte diese Masse von einem dummen, ihr aber sehr vernünftig erscheinenden Gedanken ergriffen werden, Sleigh ist meine Rettung. Er würde an seinem großen Hute rücken und würde sagen: „Aber das dürft ihr doch nicht machen. Das ist ja dumm. Er hat den Jungen nicht ins Wasser geworfen.“ Dann würde er sich zu mir wenden und sagen: „Ich muß nach der schwarzen Kuh sehen, vielleicht ist sie jetzt hereingekommen.“ Und dann würde er mich allein lassen. Wenn ich in Stücke gerissen bin, wird er zurückkommen und zu den Leuten sagen: „Wer hätte so etwas gedacht? Ich glaube nicht, daß er den Jungen ins Wasser geworfen hat.“ Sleigh! Wer ist Sleigh? Er lebt ein halbes Menschenalter unter diesen Indianern, er hat eine Indianerin zur Frau und hat Kinder mit ihr. Er ißt nur indianische Kost und fühlt sich in einem Hause, wie es hier Weiße haben, ungemütlich. Nicht der aus einer Kreuzung hervorgegangene Wolfshund ist er, nein, er ist der aus Bewußtsein und aus Gleichgültigkeit gegenüber dem zivilisierten Menschen sich selbst erzeugte Wolfshund. Ohne eine Miene zu verziehen, wird er dabeistehen, wenn diese erregte Masse plötzlich eine lächerliche Idee bekommt und mich zerfleischt.

* * * * *

Das Brett ist jetzt etwa fünf Schritte vom Ufer entfernt. Es rastet wieder eine Weile, beginnt nun zu quirlen und gerät quirlend in die Strömung des Flusses. Die Strömung ist eine ganz leichte, sie ist kaum bemerkbar, aber doch vorhanden. Einen Schritt folgt das Brett der langsamen Strömung, dann bleibt es stehen und quirlt wieder auf der Stelle.

Abermals folgt es der Strömung drei oder vier Schritte, was eine gute Weile in Anspruch nimmt. Und abermals steht es, quirlt herum und kommt nun ganz langsam zurück, der Strömung entgegen.

Die Menge findet nichts Auffallendes oder gar Verwunderliches in der Tatsache, daß jenes Brett der Strömung entgegengleitet. Das erscheint diesen Leuten in dem Falle durchaus natürlich. Sie sind nunmehr überzeugt, daß der Junge im Wasser ist, daß er ruft, und daß er nicht die Strömung hinuntergeschwemmt ist.

Das Brett kommt zurück, so langsam freilich, daß man sein Kommen nur bemerken kann, wenn man die Punkte markiert, wo es vor einer Weile war, und wo es jetzt ist.

Nun hat es sich verfangen in dem Geäst eines irgendwo am Ufer abgerissenen Strauches, der sich in Wasserpflanzen festgehängt hat.

Regungslos sieht die Menge zu, und auf den Gesichtern vieler zeigt sich Enttäuschung. Einer der Männer will hineinspringen, um das Brett zu befreien, aber der alte Indianer verbietet es ihm und sagt: „Kein Strauch und nichts kann das Brett festhalten. Laßt uns geduldig warten.“

Und in der Tat, es dauert nicht allzulange, da quirlt das Brett wieder und dreht sich aus den umklammernden Ästen heraus. Es schwimmt weiter der Strömung entgegen, und langsam kommt es wieder auf die Brücke zu.

Nun steht es am siebenten Pfeiler, stößt leicht gegen ihn und wird wieder abgestoßen. Es beginnt nunmehr auf den sechsten Pfeiler loszuwandern. Dort angekommen steht es lange und ganz ruhig.

„Jetzt steht es! Da ist der Junge!“ wird von einem Dutzend Stimmen gleichzeitig gerufen.

„Laßt uns warten!“ sagt der Alte. „Das Licht steht noch nicht.“

Und kaum hat er das gesagt, da löst sich das Brett von dem Pfeiler los und wandert, immer längsseit der Brücke haltend, auf den fünften Pfeiler zu. Auf seinem Wege wird es wieder und wieder von der leisen Strömung getroffen, wodurch es mehrere Male von der Brücke einen Fuß oder einen halben abgetrieben wird. Aber immer kommt es zurück zur Brücke mit einer Beharrlichkeit, als würde es von einem festen Willen gelenkt.

Es hängt nun wieder am fünften Pfeiler. Aber nicht lange. Dann dreht es sich um diesen Pfeiler und wandert schneckenlangsam unter die Brücke.

Die Leute klammern sich mit den Händen fest an dem Balken und stecken die Köpfe weit herunter, um die Wanderung des Brettes besser verfolgen zu können. Ein großer Teil springt erregt auf und läuft auf die andere Längsseite der Brücke hinüber, weil man jetzt von der anderen Seite ebensoviel bereits sehen kann wie von dieser. Andere wieder haben sich in die Mitte der Brücke flach auf den Bauch gelegt und stieren durch die weiten Spalten der Bretter auf das Wasser hinunter. Das Brett ist immer dieser Pfeilerverstrebung entlang gekrochen, bis es endlich mitten unter der Brücke ist. Dort hält es eine Weile und wandert nun, immer genau mitten unter der Brücke haltend, auf den vierten Pfeiler zu, jedoch nur auf die Länge eines Fußes.

Hier steht es nun. Und hier steht es jetzt wie genagelt. Es kehrt sich weder an Strömung noch an die leichte Brise, die über das Wasser fegt.

Der Menschen bemächtigt sich eine ganz ungeheuerliche Erregung. Man hört ihr schweres Atmen. Den meisten bricht dicker perlender Schweiß aus. Das lastende Schweigen wird von einem gelegentlichen Flüstern unterbrochen, so schüchtern, als habe man Angst vor der eigenen Stimme.

Das Brett beginnt nun, ohne sich auch nur einen Finger breit von der Stelle fortzubewegen, zu tänzeln und zu schaukeln und dreht sich dabei langsam im Kreise. Es macht den Eindruck, als wolle es nach unten gehen, auf den Grund des Flusses, und als sei auf der Unterseite des Brettes ein Haken, an dem es nach unten gezerrt würde.

Der Alte beobachtet das Brett sehr scharf und ausdauernd. Endlich sagt er: „Da könnt ihr jetzt tauchen. Da liegt der Kleine.“

Eine Stelle, an der ihn niemand gesucht, niemand vermutet hätte. Denn wie kann er, der über den Rand der Brücke gestolpert ist, unter der Brücke liegen?

Perez ist schon im Wasser, und sofort folgen ihm zwei andere Männer. Perez ist der erste an der Stelle. Er schiebt das Licht beiseite und taucht unter.

Nach wenigen Sekunden kommt er wieder hoch und ruft: „Der Junge ist da. Ich habe ihn gefühlt.“

Die Leute auf der Brücke sind alle aufgestanden und sehen auf Perez, der von dem flackernden Licht trübe beleuchtet, ein unheimlich entsetztes Gesicht zeigt.

Die Garza hat den Mund weit aufgerissen, kann aber nicht schreien. Sie ballt eine Faust und steckt sie in den Mund. In ihren Augen jagen Grauen, Angst vor der letzten brutalen Wahrheit und ein schwacher Glimmer von Zweifel und Hoffnung. Nicht wissend, wohin ihren Blick zu lenken, starrt sie mit einem Ruck nach der Richtung auf den Weg nach Magiscatzin, wo der letzte Funke der Hoffnung ruhen bleibt.

Kein Wort fällt, man hört nur das leichte Scharren von Füßen auf der Brücke.

Perez ist wieder getaucht und mit ihm einer der Männer.

Sie kommen hoch mit den Händen voll faulen Ästen und Gestrüpp.

Dann tauchen sie aufs neue. Es blubbert, abgerissene Pflanzen und kleines Gesträuch quirlen hoch. Triefend taucht einer der Männer auf, und drei oder vier Sekunden später erscheint auf der Wasserfläche etwas Schwarzes, das langsam hochkommt, bis man erkennt, es ist der dichte Haarschopf des Perez. Sein Kopf ist nun ganz über Wasser. Er schüttelt sich, prustet, atmet und schluckt und kommt nun weiter nach oben. In seinen Armen hat er den kleinen Carlos, dessen Beinchen, mit den neuen Stiefelchen an den Füßen, in einen unnatürlich spitzen Winkel eingekrümmt sind.

„Chiquito mio!“ schreit die Garza und rennt zum Ufer, wo sie Perez erwartet.

Perez kommt herangewatet und steigt die niedrige Uferböschung empor. Nun steht er vor der jungen Mutter, die in ihrem grünen flimsigen Tanzkleide und mit den glutroten Blumen im Haar ihn mit weit ausgestreckten Armen empfängt. Mit unsagbar trauriger Geste, wie sie nur Tiere und Menschen des Urwaldes und Dschungels ausdrücken können, legt er den kleinen Leichnam in die ausgestreckten Arme der Mutter. Er tut es mit solcher Zartheit, als wäre der Körper hauchdünnes Glas.

In diesem Augenblick schreien die Pumpmeisterin und eine Anzahl anderer Frauen schrill auf, und der Schrei geht in das klagende Trauerschreien über, das eine Weile andauert und dann abebbt.

Die Garza hat den Kleinen gegen ihre Brust gepreßt. Mit der einen freien Hand quetscht sie seine feuchten und geschrumpelten Händchen.

Perez schleicht sich scheu hinweg, als habe er das ganze Herzeleid verursacht.

13

Ein älterer Indianer kommt herbei, redet auf die Mutter ein und nimmt ihr das Kind ab. Er hält den kleinen Körper an den Füßen hoch, und aus dem Munde fließt nichts als Blut und nur ganz wenig Wasser. An der Stirn wird jetzt eine dicke Beule sichtbar. Nase und Mund sind verquollen, und der Oberkiefer ist aufgeschlagen. Ich taste den nach unten hängenden Schädel ab und fühle ein kleines Loch. Eine Laterne ist jetzt zur Hand, und ich sehe, daß dieses Loch offenbar von einem Nagel herrührt.

Ein anderer Mann preßt nun den Leib des Knaben, aber auch jetzt fließt nur wenig Wasser aus dem Munde, während immer noch Blut sickert.

Der Garza laufen die Tränen dick aus den Augen, und sie schnüfft ruckweise und schwer mit der Nase, die sie einige Male mit dem Kleide abputzt. Sie versucht, die Knie des Kleinen durchzudrücken, damit die Beinchen, die so spitzwinklig in den Kniegelenken eingekrümmt sind, daß die Hacken beinahe die Oberschenkel berühren, gerade werden mögen. Trotz ihres Schmerzes denkt sie doch schon an die „schöne Leiche“, die das Kind sein soll, das letzte, was sie für ihren Kleinen tun kann. Und mit den spitzen Beinchen dürfte die Leiche wohl nie schön aussehen. Aber die Knie sind schon ganz starr, und es gelingt ihr nicht. Endlich versucht der Mann, der bisher den Leib auspreßte, die Knie durchzubiegen, und nach langem geduldigen Kneten, Drücken und Ziehen gelingt es ihm auch. Während der Mann an den Knien massiert, streichelt die Mutter die kleinen Stiefelchen, deren fabrikneuer Lackglanz an vielen Stellen der langen Einwirkung des Wassers widerstanden hat. Sie drückt und preßt die Stiefelchen, und während sie, zweifellos, dumpf die geheimnisvollen Wege des Schicksals empfindet, daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene Gabe gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu ersticken und nun, zum erstenmal, seit der Kleine vor ihren Augen ist, stößt sie einen markerschütternden Schrei aus, der die tiefe Nacht des Dschungels aufzureißen scheint.

Die wenigen Sekunden Schweigen, die diesem Wehschrei folgen, wirken so beklemmend, als versänke die Welt. Und abermals stößt die Garza einen Schrei aus. Diesmal ist er aber nicht so gell, jedoch mehr gezogen und klagend.

Die Männer, die herumstehen, fühlen sich gedrückt und scheu. Sie schlagen die Augen nieder, tasten an ihrem Gesicht oder an ihren Kleidern verlegen hin und her. Angesichts des Schmerzes der Garza schrumpfen sie in sich zusammen und werden ganz klein und ärmlich. Sie ahnen den Schmerz der Mutter, denn sie alle haben eine Mutter gehabt, eine Mutter, die, wie alle Mütter nichteuropäischer Völker, ihre Kinder mit einer, uns tierisch anmutenden, Zärtlichkeit lieben und behandeln. Sie ahnen das Weh der Mutter, aber weil sie Männer sind, können sie das Weh nicht fühlen. Und weil sie in diesem Gefühl von der Natur benachteiligt wurden, kommen sie sich jetzt allesamt so arm, so erbärmlich und so schuldbewußt vor. Keiner wagt die Mutter zu berühren oder sie zu trösten, sie stehen da wie kleine Jungen, die sich schämen.

Da kommt die Pumpmeisterin herbei, umarmt die Garza, als ob sie sie zerpressen wollte, und küßt sie wie wild auf den Mund, auf die Backen, auf die tränenden Augen. Sie hebt ihr feines Kleid auf und trocknet der Garza die Tränen und die Nase und küßt sie wieder und wieder. Dann haben sie beide ihren Kopf auf die Schulter der anderen gelegt, halten sich fest umarmt und schreien und schreien.

Wer hätte geglaubt, daß die feine Pumpmeisterin sich je so gehen lassen würde. Die Mütter. Die Mütter. Und die Männer werden noch kleiner, noch beschämter, noch ärmer und haben nur einen Wunsch: Auch weinen zu können. Sie verzerren die Gesichter und möchten am liebsten zehn Meilen weit entfernt sein.

Die Männer beneiden die beiden, die den kleinen Leichnam hochhalten und sich damit beschäftigen können. Nur etwas zu tun haben. Und die Männer fangen an, sich zu drehen und auf den Beinen hin und her zu treten, sie sehen sich um, ob nicht irgendwo eine Arbeit für sie wartet. Sie klauben Holz auf und werfen es wieder fort, weil es ja nun nicht mehr nötig ist, ein Feuer anzuzünden.

Sleigh kommt heran, steht eine Weile unschlüssig da und sagt dann zu mir: „Ich werde Kaffee kochen gehen, damit die Garza was Warmes kriegt.“