Die Brücke im Dschungel

Part 6

Chapter 63,862 wordsPublic domain

Die Pumpmeisterin löst sich nun aus den Armen der Garza und betrachtet den Kleinen, der immer noch mit den Füßen hochgehalten wird, weil man nicht weiß, was man Besseres tun soll. Sie hebt den Kopf an, streicht das Haar zurück und streichelt das Gesicht. Über ihre Hände läuft das wässerige Blut, und mit ihrem Kleide wischt sie dem Kleinen den blutenden Mund und die blutbeschmierte Nase ab. Das Blut läuft aber gleich wieder nach.

Der Kleine hat die Stiefelchen an und kurze neue Strümpfchen. Das kurze Höschen ist alt, geflickt und hat eine Menge Löcher, wie die Hose eines jeden kleinen Jungen, der nur die eine Hose hat für den allgemeinen Gebrauch. Hosenträger hat er nicht. An deren Stelle ist eine Strippe, die von einem vorderen Knopf rechts nach einem hinteren Knopf links über die Schulter geht. Dann hat er noch ein weißes zerrissenes Hemdchen an.

Während er jetzt so hoch hängt, rutscht aus einer der Hosentaschen ein kleines Holzpfeifchen hervor. Als es herunterfallen will, fängt es die Garza auf, und als sie es betrachtet, fängt sie an zu weinen, diesmal in einem stillen wehmütigen Zuge, der sie durch und durch schüttelt. Sie schiebt das Pfeifchen oben in ihre offene Brust.

„Hat er keinen Hut gehabt?“ fragt einer der Männer.

Erregt und als ob sie von einem Zauberbann erlöst wären, drängen die Männer, die diese Frage gehört haben, heran. Es gibt Arbeit. Sie dürfen ins Wasser springen, um den Hut zu suchen und herauszufischen.

Aber die Hoffnung auf Tätigkeit war verfrüht, denn die Mutter sagt, daß der Hut im Hause sei. Das sei mit einer der Gründe gewesen, warum sie nicht geglaubt habe, daß er fortgeritten sei. Die Hälfte von dem, was sie sagt, muß man sich freilich selbst zusammenreimen.

Wir stehen noch am Ufer, dicht neben dem Anfang der Brücke. Durch die Laterne, die hier einer hochhält, wird ein Teil der Brücke beleuchtet. Ich sehe auf, weil ich an Sleigh denke, der, wie mir erscheint, vor einer Woche zu mir gesagt hat, daß er Kaffee kochen gehen wolle.

Da kommt einer von der anderen Seite des Flusses über die Brücke. Er geht schwer und schleppend wie ein sehr alter Mann. Wenn er den Fuß hebt, so ist es, als klebe der Fuß fest und als müsse er ihn erst jedesmal losreißen. Den Kopf hält er ganz tief gebeugt. Ehe ich sehe, wer es ist, kenne ich ihn an seinem städtischen Texashute. Manuel.

Jetzt hat er den Anfang der Brücke hier erreicht. Eine Weile steht er still, dann kommt er langsam heran, ohne aufzusehen. Er ist bleich, soweit es die Farbe seiner Haut nur zuläßt. Sein Gesicht ist ganz schmal geworden. Seine Augen sind matt und müde.

Die Garza sieht auf zu dem großen Jungen. Ihre Augen stehen dick mit Wasser. Sie öffnet den Mund und will etwas sagen. Aber dann läßt sie den Mund zuklappen wie ein Automat.

Manuel steht nun ganz dicht vor den beiden Männern, die den Jungen halten. Den Kopf ganz tief auf die Brust gesenkt, hebt er langsam die Arme und streckt sie weit vor sich hin mit den offenen Handflächen nach oben.

Der Indianer, der den Jungen hochhält, sieht Manuel an wie einen Geist, der plötzlich erschienen ist. Dann stützt er den Kopf des kleinen Leichnams mit der einen Hand, hält den Körper wagerecht und legt ihn schweigend in die hingestreckten Arme des großen Bruders.

Niemand sagt ein Wort. Aber alle Männer und Burschen, die inzwischen ihre Hüte wieder aufgesetzt hatten, nehmen jetzt die Hüte ab, auch die beiden Männer, die sich bis zu diesem Augenblicke mit dem Kleinen beschäftigt hatten.

Eine Weile steht Manuel jetzt so da, den Kopf immer noch tief auf die Brust gesenkt und den Kleinen in den vorgestreckten Armen haltend wie ein Opfer, das dargebracht werden soll. Er ist jetzt der einzige, der den Hut auf hat. Und dieser hellgraue, breitrandige, hohe Hut über dem tiefbraunen Gesicht, das man kaum als Gesicht erkennen kann, läßt den Vorgang unwahrscheinlicher erscheinen als einen fremdartigen Traum.

Mir wird das Bild so unerträglich, daß ich dasselbe Angstgefühl bekomme, das ich für einige Sekunden empfand, während das Brett auf dem Wasser schwamm. Um dieses Gefühl zu zerstreuen, entschließe ich mich, zu handeln, irgend etwas zu tun. Ich gehe rasch auf Manuel zu, berühre seinen Arm und sage: „Bitte!“

Ob Manuel es gehört hat oder nicht, weiß ich nicht. Er verrät durch keine Miene, daß er verstanden hat, was ich sagte. Ich aber lege meine Hand auf die Brust des Kleinen, schiebe das Hemdchen zurück und lege mein Ohr auf die Stelle, wo sein Herz ist. Ich weiß, daß der Junge so gut wie tot war, ehe er das Wasser berührt hatte, und daß er bestimmt tot war, fünf Minuten nachdem ich den Platsch – nein, nachdem ich den Fisch im Wasser hatte hochspringen hören. Denn es war ein Fisch. Zweifellos. Ich möchte nicht, daß dieser Platsch mir mein ganzes Leben hindurch im Ohr klinge, wenn ich für eine Sekunde meine Gedanken ruhen lasse.

Der kleine Körper ist eiskalt, und auch nicht das leiseste Klopfen seines so fröhlichen Herzens ist zu vernehmen. Es hat auch niemand hier gehofft. Aber sie lassen mich handeln. Ich hebe den Kopf hoch, man sieht mich fragend an, und als ob ich nicht ganz sicher gewesen sei, lege ich mein Ohr ein zweites Mal auf die kleine Brust. Diesmal länger, und ich fühle die Kälte des Todes noch stärker als zuvor. Als ich nun wieder den Kopf hebe, wende ich mich ab, ohne jemand anzublicken, obgleich ich weiß, daß alle Augen auf mich gerichtet sind, als ob ich etwas Unerwartetes zu erzählen hätte. Aber man begreift durch mein Abwenden, daß Unerwartetes nun nicht mehr eintreten kann.

Mein Angstgefühl ist verflogen. Durch diese Handlung bin ich in die Trauergemeinde aufgenommen worden, sie zählen mich zu den ihrigen, weil ich an ihrem Schmerze Anteil nehme.

14

Manuel schreitet langsam über die Brücke, mit dem Kleinen vor der Brust. Neben ihm geht die Garza, von einer Frau begleitet, die ihren Arm um die Schulter der trauernden Mutter geschlungen hat. Hinterher folgen alle Männer und Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle der Brücke angekommen ist, unter der Carlos gefunden wurde, bleibt er einen kurzen Moment stehen. Die Garza stößt einen klagenden Schrei aus, und die Frau schlingt sie fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der Männer tritt zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle des Seitenbalkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal. Der Zug geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt über die Dschungellichtung zu dem gekehrten Platze der Hütte, wo am Abend der Garza fiedelte und Carlos dem großen Bruder das Haar zerzauste.

Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der ärmlichsten Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder Tisch noch Stühle noch Bank. Nicht einmal das einfache, zusammenklappbare Holzgestell mit einem darüber gespannten Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen rohen Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten, wird von dem Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte Decke, als Kissen ein Bündel Gras. Der Schlafplatz der Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem Himmel als Decke und Moskitonetz.

In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen. Sie haben Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt und auf Kisten aufgestellt. Die Hütte bekommt dadurch ein feierliches Aussehen, das die Garza, als sie beim Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten Ausbruch des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst weiß sie nicht recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann in jene, ergreift diesen Gegenstand, dann wieder einen andern und legt ihn wieder aus den Händen. Dann endlich geht sie zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht und die der Kleiderschrank der Familie ist, und nimmt einen völlig zerknitterten und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält ihn eine Weile in der Hand und dreht sich suchend um.

Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem Drittel mit Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine Bronzestatue, den Kopf noch immer gesenkt und auf den Armen den kleinen Bruder vor sich.

Sleigh erscheint im Eingang des Jacalito. Auf dem Kopfe trägt er seinen Tisch, den einzigen, den er hat. Er läßt ihn jetzt herunter und bringt ihn in die Hütte, wo er ihn in der Mitte, dem Eingang gegenüber aufstellt. Gleich darauf kommt die Pumpmeisterin mit zwei weißen Bettüchern, die sie auf dem Tisch ausbreitet.

Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht auf ihn nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die Nacht.

Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die zerweicht und alt aussehen, und preßt sie so hart, als wollte sie ihnen damit wieder Wärme einflößen. Nun sieht sie, daß der Kopf flach liegt und daß wieder Blut aus Mund und Nase sickert. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit einer Handvoll Gras zurück, das sie ihm als Kissen unterlegen will. Auf halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und läßt das Gras fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im Augenblick zurück mit einem kleinen schmutzigen Kinderkopfkissen. Die Pumpmeisterin kramt in den Lumpen herum, sucht sich etwas zusammen, und sie näht mit flinken Fingern ein zweites Kissen.

Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große nasse blaßrote Flecken, die sich immer weiter ausdehnen.

Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchen aus, die Strümpfe, die zerflickte und zerlöcherte Hose und das zerrissene Hemdchen.

Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem Kleinen das Haar. Erst macht sie einen Scheitel links, dann gefällt er ihr nicht, und sie macht ihn rechts.

Die Hähne krähen zum zweitenmal in der Nacht. Es ist ein Uhr.

Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der Erde auf und verwandelt ihn zu einem ganz billigen blauen Matrosenanzug, den Sonntagsanzug des Kleinen und sein größter Stolz. Sie zieht ihm das Höschen und das Jäckchen an. Der große Matrosenkragen hat drei schmale weiße Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die Schulter gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah der Junge schön aus, ein echtes Kind des Dschungels. Nun aber sieht er aus, als sei er in einer Fabrik in Manchester, Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nr. 3½ angefertigt worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen unvermischten Indianerblutes triumphieren über die blaßhäutigen Krämer, die eine Welt zu vergiften suchen. Über seinem Gesicht vergißt man die Peitschmeister und Schwitzhöhlen New Yorks, wo die weißen Sklaven sich die Schwindsucht anarbeiten, damit der Sohn des Dschungels in einem billigen Matrosenanzug, dessen Sinn hier niemand versteht, begraben werden kann. Denn zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug nur ein einziges Mal getragen, und das war, als er ein Jahr jünger war.

Weder die Hosen noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil der Anzug lange nicht mehr paßt, und weil der Körper nun auch noch aufgeschwollen ist. Die Garza versucht es immer wieder, und immer wieder ist es vergebens. Endlich preßt sie den Körper so fest zusammen, daß sie zuknöpfen kann, und nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er müsse gleich platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das kleine Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt, und wo ein irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee. Dann zieht sie dem Kleinen die Strümpfe an und endlich auch die neuen Stiefelchen.

Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne ein Taschentuch zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt. Wenn es ihr ein wenig zu viel wird, hebt sie ihr Kleid an und gebraucht es für diesen Zweck, oder sie nimmt einen Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde.

An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt dadurch, daß zwei Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen, während die Hinterkante des Brettes auf zwei kurzen Pflöcken aufliegt. Auf diesem Brett steht, gegen die Staketenwand gelehnt, ein Muttergottesbild ohne Rahmen. Daneben einige kleine Bildchen mit Heiligen und mit einem Spruch oder Gebet auf der Rückseite. Vor dem Muttergottesbilde steht ein Glas mit einem Lichtchen, das nie ausgehen darf. Aber wenn man kein Öl kaufen kann und auf Dinge zu achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so geht das Lichtchen eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in Ordnung gebracht, und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen stehen noch verwelkte Blumen in mehreren zerbrochenen Scherben. Außerdem lag das Nähzeug darauf, das die Pumpmeisterin für das Kissen gebrauchte, der Kamm, Haarnadeln, Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten, darunter das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder aus einem alten Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel, zwei Messingknöpfe, ein abgebrochener Flaschenkork, einige Zigarettenbildchen und die kleine Gitarre, die Manuel mitgebracht hat. An der Seite des Brettes, über die Ecke gehängt, ist ein ganz billiger Rosenkranz.

Durch Aufstellen von dünnen Stämmchen, die mit Bast verbunden und oben am Dache befestigt sind, ist auf dreiviertel Breite der Hütte eine Wand geschaffen worden, die einen schmalen Raum der Hütte abtrennt, in dem alte Säcke liegen, Sattel- und Zaumzeug, ein alter Korb, in dem die Hühner die Eier hineinlegen und ausbrüten. Außerdem hängt hier das Wochentagskleid der Garza. Die paar Lebensmittel, die im Hause sind, etwas Kaffee, brauner Rohzucker, Reis, Fett und Bohnen sind in einem zerrissenen Schilfkorbe, der an einem Drahte in der Hütte hängt, damit die Ratten und Mäuse nicht heran können. Dieser Korb baumelt so im Wege, daß er immerfort in Bewegung ist, weil immerwährend von jemand, der größer ist als die Garza, mit dem Kopfe daran gestoßen wird. Aber niemand denkt daran, den Korb für diese Zeit anderswo hinzuhängen. Gegenüber dem Feuer auf der Erde, an der Wand, steht das Blech zum Backen der Tortillas, drei braune Tontöpfe, von denen einer halb zerbrochen ist, eine eiserne alte Pfanne und der große Stein, auf dem mit einem knüppelartigen kleineren Stein der Mais zermahlen wird.

Es sind inzwischen noch mehr Kerzen gebracht worden, vier brennen neben dem Leichnam und zwei sind vor das Muttergottesbild gestellt worden. Durch diese brennenden Kerzen, durch die vielen Leute, die in der Hütte sind, aus- und eingehen und durch die Frauen, die alle ihre Sonntagskleider anhaben des Tanzes wegen, sieht der Jacalito, die Hütte, gar nicht mehr so arm aus. Er sieht wahrhaft festlich aus und reich, und man vergißt zuweilen ganz, weshalb diese festliche Stimmung hier in der Hütte lagert.

15

Die Mehrzahl der Leute ist vor der Hütte geblieben, wo sie auf dem Erdboden hocken, rauchen und schwätzen. Ab und zu kommen einige hinein, während andere wieder hinausgehen.

Der mittlere Junge, der halbverrückte, hockt gleich rechts beim Eingang der Hütte auf dem Boden und heult still vor sich hin. Niemand achtet auf ihn, und er selbst macht sich nicht bemerkbar, faßt nirgends zu und kümmert sich um gar nichts. Ob er um den kleinen Stiefbruder weint, oder darum, weil er die Frauen weinen sieht, oder weil er nichts Besseres zu tun weiß, oder weil er glaubt, es sei seine Pflicht zu weinen, genau so gut wie es sonst seine Pflicht ist, zu essen, wenn er gerufen wird, das weiß niemand zu sagen. Aber niemand interessiert sich auch für ihn. Er ist der Fremde hier, der einzige Fremde seit dem Augenblicke, wo ich zur Trauergemeinde zähle.

Manuel kommt jetzt still hereingeschlichen. Er sieht auf den Kleinen, geht dann zu dem Altarbrett, nimmt den halbabgebrochenen Blechkamm herunter und kämmt dem Kleinen den Scheitel wieder auf die andere Seite. Er gebraucht dazu eine unglaublich lange Zeit. Die Pumpmeisterin steht dicht daneben, zwischen dem Leichnam und dem Altarbrett, und näht aus Pappstreifen und aus goldenem, silbernem, rotem und blauem Papier, das sie sich zu verschaffen gewußt hat, eine Krone zusammen mit einem Kreuz darauf. Das Kreuz hat einer der Männer mit seinem Messer aus einer Konservenbüchse geschnitten und mit Hilfe tropfenden Stearins mit Goldpapier beklebt. Die Pumpmeisterin nimmt unzählige Male Maß rund um das Köpfchen herum, damit das Krönchen auch passen möge. Die Tränen kollern ihr immer über das bunte Papier, das sie verarbeitet; aber immer, wenn sie das Krönchen aufpaßt und es bei jedem Aufsetzen schöner aussieht, lächelt sie. Und jedesmal, wenn sie es zurückgenommen hat von dem Kopfe des Kleinen, kommt ihr eine neue Idee, um wieviel schöner und lieblicher noch sie das Krönchen gestalten könne. Zwei Männer sind damit beschäftigt, dem Kleinen die Knie, die noch immer zu spitz nach oben stehen und verkrampft aussehen, durchzubiegen. Nach einer Weile glückt es auch, und man legt ein Brettchen, das mit einem Steine belastet ist, über die Knie, um sie eine Zeit so zu halten, damit sie nicht wieder zurückknicken.

Ich sehe, daß der Mund weit offen hängt. Es stört mich durchaus nicht, und ich finde, daß diese Geste für einen kleinen Jungen, der so plötzlich in eine neue Welt sieht, ganz natürlich ist und er gut seine Reise so antreten kann, ohne daß es ihm jemand übelnehmen wird. Aber die Mutter denkt anders darüber, und sie stellt sich eine schöne Leiche feierlicher vor. Sie versucht, den Mund zu schließen. Aber der Mund will nicht halten. Ich lasse mir einen Streifen von einem alten Hemd geben und binde ihn dem Kinde über den Unterkiefer und den Scheitel.

Wenn irgendein Indianer sich an dem Jungen betätigt, so wird kaum darauf geachtet, und man sieht sehr gleichgültig zu. Sobald ich aber herankomme und das Kind auch nur berühre, drängen sie alle um mich herum, und was nur in der Hütte Platz findet, strömt von draußen herein. Es macht auf mich ganz den Eindruck, als ob sie alle von mir erwarten, daß ich ein großes Wunder verrichten, den Kleinen gar wieder ins Leben zurückrufen würde. Denn der Gedanke, daß ich dem Jungen etwa gar nachträglich noch etwas Böses durch den Blick meiner Augen oder durch die Berührung meiner Hände antun könnte oder möchte, ist lange verschwunden. Ich kenne die Leute hier nur seit drei Tagen, aber sie kennen mich alle. Mein Ruf ist bis hierher gedrungen, lange, ehe ich kam. Und dieser Ruf wurzelt in einer Geschichte, die sich in einem fern von hier liegenden Indianerdorfe, das aber zu demselben Flußgebiete gehört, vor längerer Zeit zugetragen hat. Im Mittelpunkt jener Geschichte war auch ein toter Indianer, den ich, nachdem er schon acht Stunden tot war, wieder zum Leben, oder richtiger, zum Atmen brachte, und den ich auch, das ist unerschütterlicher Glaube der Leute jenes Dorfes, ins Leben zurückgerufen haben würde, wenn sich nicht ein Teufel von einem nichtswürdigen Spanier hineingemischt hätte, der eine gegenteilige Behandlungsweise anordnete, der man folgte, und die den Indianer innerhalb von zwanzig Minuten, was alle Anwesenden mit eigenen Augen sahen, tötete. Daß jene Geschichte bis in dieses ferne Dschungeldorf schon gedrungen war, erfuhr ich erst einige Tage später.

Jedenfalls wird dieses Hochbinden des Unterkiefers anerkennend beurteilt, und ich rutsche dadurch in den engeren Kreis der Trauergemeinde.

Die Pumpmeisterin, mit Hilfe eines Mannes, biegt nun die Ärmchen über die Brust und bringt die kleinen Hände zum Falten. Weder die Arme, noch die Hände wollen halten. Deshalb werden sie nun mit einem Bindfaden, der in das Fleisch einschneidet, zusammengebunden.

Dem Kleinen ist das Krönchen aufgesetzt worden. Verwunderlich, mit wie geringen Mitteln die Frau ein solches kleines Kunstwerk zuwege gebracht hat. Wenn man nicht ganz dicht dabeisteht, kommt man nicht auf die Idee, daß die Krone aus Papier ist. Würde der Kleine nicht diesen entsetzlichen Matrosenanzug aus New Jersey oder Crimmitschau anhaben, der einen mehr zum Weinen als zum Lachen bringen kann, würde das Kind aussehen wie der in einer armen Hütte aufgewachsene Sohn eines entthronten texkukischen Königs, der im Tode seine Würde zurückerhalten hat.

Die Pumpmeisterin betrachtet den Knaben eine Weile lächelnd, und es kommt ihr ein neuer Gedanke. Der Kleine ist noch nicht schön genug. Sie geht hinaus, bricht einen dünnen Zweig von einem Strauche und beginnt nun, mit dem Papier, das sie noch zur Hand hat, jenen Zweig auszuschmücken. Und als es getan ist, da ist ein goldenes Zepter entstanden mit einem kleinen Kreuz am oberen Ende.

Sie bindet dem Kleinen die Hände los. Die Arme spreizen ein wenig auseinander, und die Händchen, die dadurch auch auseinandergehen, stehen starr über der Brust frei in der Luft. Durch das Ineinanderfalten der Hände sind die Finger gespreizt worden. Sie sind in dieser Form erstarrt und sehen aus wie Krallen, die irgend etwas über der Brust packen wollen. Die Frau legt das Zepter in die kleinen Hände, schließt sie wieder, biegt sie abermals zum Falten ineinander und bindet sie endlich zusammen.

Gerade als sie damit fertig ist, tritt Garza, der von Magiscatzin zurückgekommen ist, in den Eingang der Hütte.

Er steht ganz still im Eingang. Dann blickt er, ohne mit der leisesten Geste in seinem Gesicht zu verraten, was in ihm vorgeht, auf seinen Prinzen und sein Nesthäkchen. Nun nimmt er langsam den Hut ab und kommt ganz nahe heran. Die Garza, die Pumpmeisterin und alle übrigen, die in der Hütte sind, sehen ihn an. Sie alle wissen, wie sehr er den Kleinen, das einzige Kind, das er von seiner jungen Frau hat, liebt.

Mit leeren Augen, als ob da nichts wäre, sieht er auf den kleinen Leichnam. Er versteht das nicht und faßt es nicht. Es kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß der Junge tot ist, daß er ihn nie wieder herumlärmen hören wird. Nach einer Weile dreht er sich um und blickt auf den Boden, als ob er etwas suche. Als er wieder aufsieht, kollern ihm die Tränen aus den Augen wie kleine Kieselsteine. Er fragt nicht wann, er fragt nicht wo, er fragt nicht wie. Er ist ganz interesselos. Er wendet sich ab, macht eine scharrende Bewegung mit dem einen Fuß, steht dann eine Weile am Eingang, mit dem Kopf gegen den Stamm gelehnt, und geht hinaus.

Ein paar Männer, seine näheren Freunde, kommen auf ihn zu. Er aber sieht sie nicht. Er verläßt den Hof, setzt sich wieder auf sein Pferd und reitet fort.

Ich gehe nun hinüber zu Sleigh. Hier vor der Hütte liegen die Leute herum und schlafen. Andere sitzen und schwätzen. Wieder andere gehen oder kommen. Aus allen Hütten sieht man Licht schimmern. Die Esel schreien kläglich, und der Dschungel singt sein ewiges Lied, unbekümmert, was um ihn herum vor sich geht. Ihm gegenüber zählen die Menschen für nichts, er verachtet sogar ihren Dünger, den er gar nicht annimmt, sondern den Fliegen und Käfern überläßt.

Sleigh pustet am Feuer und hat nun endlich den Kaffee fertig.

„Wollen Sie eine Tasse trinken?“ fragt er mich.

„Bringen Sie den nur erst einmal da rüber zu den Frauen, damit die etwas bekommen“, sage ich.

„Gut,“ erwidert er, „ich koche gleich eine zweite Kanne, dann können Sie davon haben.“

Das Mädchen schläft auf dem Boden unter ihrem Moskitonetz ruhig weiter. Wahrscheinlich hat ihr Sleigh das von dem Jungen erzählt. Aber das läßt sie kühl.

„Wollen Sie nicht so gut sein und die Tassen bringen?“ Sleigh deutet auf das Brett, wo einige Emailletassen stehen. „Zwei lassen Sie nur hier für uns.“