Die Brücke im Dschungel

Part 4

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Ohne viele Worte zu machen, ohne daß jemand die Führung übernimmt, beginnen sie zu arbeiten wie ein Ameisenvolk. Sie schleppen Holz herbei und zünden auf beiden Ufern große Feuer an, auf jedem Ufer zwei Feuer, so angelegt, daß die Längsseiten der Brücke beleuchtet werden. Einer entkleidet sich und geht in den Fluß. Er beginnt entlang der Brücke zu tauchen. Das ist ein Wagnis und kann das Leben kosten. Das Wasser ist, besonders auf dem Grunde, mit Dornengestrüpp, das sich von den Ufern losgerissen hat, bedeckt und kann sich leicht um die Füße oder Arme des Tauchenden schlingen. Da sind große, grausig aussehende Krebse auf dem Grunde, Schlangen und was sonst noch alles ein Fluß im tropischen Dschungel nur beherbergen mag.

Ein anderer und wieder ein anderer springt in den Fluß. Und bald sind sechs tiefbraune Männer im Fluß. Die Mädchen und Frauen stehen auf der Brücke oder an den Ufern und sehen den Bemühungen der nackten Männer zu.

Die sehnigen schlanken Körper der Männer, die alle so jünglingshaft erscheinen, haben einen stumpfen metallischen Glanz. Das lange strähnige, dichte Haar erscheint noch schwärzer und massiger, wenn die Köpfe auftauchen und von Wasser triefen. Während sie sich an den Brückenpfeilern anklammern, um neuen Atem zu schöpfen, blicken sie zuweilen hinauf zu den Frauen und Männern, die auf der Brücke stehen, und wenn sie auch nichts sagen, so steht doch in ihren traurigen Augen immer wieder die Nachricht: „Nada! Nada! Nichts! Nichts!“

Ein uralter Indianer mit weißem Haar ist unter den tauchenden Männern. Seine Brust ist nicht mehr so voll wie die der jüngeren Männer, und er kann nicht so lange tauchen wie die übrigen, aber wenn die anderen aufgeben wollen, weil jetzt in der Nacht nicht viel zu erwarten sei, ermuntert er sie immer wieder zu neuer Tätigkeit.

Der Pumpmeister kommt mit einem mächtigen Eisenhaken, den er an ein langes Tau gebunden hat, und schrittweise geht er an der Brücke entlang, wirft den Haken weit hinaus in den Fluß und zieht ihn langsam heran. Aber immer, wenn man glaubt, er hat den Körper gefunden, so ist es nur dickes moderiges Dschungelgebüsch, das der Haken gepackt hat.

Von den Ufern lodern die Feuer, und auf der Brücke stehen Männer und Burschen, halten flammende Holzscheite hoch empor, um das Wasser zu erleuchten. Andere laufen mit brennenden Scheiten auf der Brücke entlang, andere an den Ufern, teils um ausgehende Leuchtscheite wieder anzuflammen, teils um dort das Wasser zu erleuchten, wo besonders gefährliche und unübersichtliche Stellen sind und von wo aus die tauchenden Männer nach Licht rufen.

Ich sehe Sleigh an der Pumpe stehen und gehe hinüber zu ihm. „Hätte man ein Boot,“ sage ich, „könnte man mehr tun. Es ist schade, daß der Pumpmeister keines hat.“

„Da ist ein Boot, weiter unten am Fluß,“ sagt Sleigh, „der Holländer hat eins. Das ist aber einige Meilen runter. Da können wir vor Sonnenaufgang nicht hin.“

Er geht zu einer Gruppe von Männern, die über andere Dinge reden und augenblicklich keine Teilnahme an dem Ereignis nehmen, weil man ja nicht immerfort dasselbe tun kann.

9

Es ist ein Bild, unvergleichlich in seiner Großartigkeit. Da sind die lodernden Feuer. Dunkelrote und braune Burschen stehen herum, werfen neue Scheite auf oder stirren das Feuer, um ihm mehr Leuchtkraft zu geben. Auf der Brücke stehen Männer mit brennenden Ästen, die sie hoch empor halten, oder die sie, auf der Brücke kniend, zum Wasser richten, das die wechselnden Bilder widerspiegelt. Frauen und Mädchen, in ihren bunten Tanzkleidern und mit Blumen im Haar, Säuglinge im Arm oder Kinder an der Hand, stehen auf der Brücke oder wandern umher, sprechend zu anderen Frauen, oder in das Wasser blickend oder schnell zu einem Punkte laufend, wo gerufen worden ist, als habe man etwas gefunden oder entdeckt. Die flackernden, flammenden Scheite werfen das Licht bald hierhin, bald dorthin, wie der leichte Wind es weht. Die eine oder andere Gestalt, die man ins Auge fassen will, steht bald im vollsten Lichte da, bald im schwärzesten Schatten, bald im schwelenden Rauch halbverschleiert, bald in einer lächerlich grotesken Form, hervorgebracht durch wechselnde Streifen von hellem Licht, tiefem Schatten und wehendem Rauch.

Dann tauchen die braunen nackten Gestalten im Wasser auf oder unter, klammern sich an den Brückenpfeilern fest, um sich für eine Weile auszuruhen oder die Pflanzen, die sich ihnen um die Beine geschlungen haben, abzuzerren. Hin und wieder kriecht einer an das Ufer und geht zum Feuer, um die erstarrten Hände anzuwärmen. Breitbeinig steht er am Feuer, den Rücken dem Flusse zugekehrt und streckt die offenen Hände vorwärts zum Feuer, während ihm ein Bursche eine angezündete Zigarette in den Mund schiebt.

Hier drüben fängt ein Kind, das eingeschlafen war, zu weinen an, und ein zweites wacht davon auf und schreit. Schnell kommen die Mütter herbei und geben ihnen zu trinken. Die kleineren Kinder sind nun alle eingeschlafen und liegen zusammengekauert auf dem Erdboden. Manche sind eingewickelt in ein Tuch, manche in eine Decke, manche in eine Reitmatte, manche liegen auf einem leeren alten Sack, und wieder andere liegen auf dem nackten Erdboden. Die größeren Kinder, soweit sie nicht interessiert an dem Tauchen der Männer sind, wo sie sich in einem fort darüber streiten, ob Sanchez bis sechzig unter Wasser war oder ob Jose diesmal bis hundert unten bleiben würde, drücken sich herum und besprechen Streiche, die sie an anderen Jungen verüben wollen, oder sie probieren irgend eine neue Schleuder aus. Andere musizieren auf einer Mundharmonika.

Die Esel des Packzuges grasen in der Nähe des Ufers, und wenn sie gerade nichts weiter wissen, trompeten sie in die Nacht. Sie fühlen sich außerordentlich wohl, in der Nähe so vieler lodernder Feuer und herumlaufender Menschen zu sein. Käme jetzt ein Jaguar vorüber, sie würden ihn dreist einladen, er möge ihnen doch ein wenig Gesellschaft leisten, denn sie haben gar keine Angst vor ihm.

Die Pumpmeisterin steht in ihrer Küche und kocht Kaffee. Was sie Küche nennt, und was die Mehrzahl der anwesenden Leute eine großartige Küche nennen würden, ist ein offener Raum. Nein, Raum kann man nicht sagen. Die Küche hat nur eine Wand, und diese Wand ist gleichzeitig die Wand der Hütte. Das Grasdach der Hütte ist hier weit überhängend und bildet so die Küche. Damit das überhängende Dach infolge der Schwere nicht herunterbrechen kann, ist es an beiden Ecken sowie in der Mitte mit einem Stamm gestützt. Durch diese drei rohen Stämme wird die Küche abgegrenzt. Der Küchenofen ist eine große flache Kiste, die mit Erde ausgefüllt ist und auf vier Pfählen ruht in einer Höhe, daß sie recht handlich für die Frau ist. Auf dieser Erde in der Kiste brennt ein offenes Holzfeuer, dessen Flammen durch einige rohe Steine zusammengehalten werden, damit die Hitze dicht an die Blechkanne kommt, die unmittelbar auf dem brennenden Holze steht. In einem irdenen Topfe, der neben der Kanne auf dem Feuer steht, sind schwarze Bohnen zum Kochen aufgestellt, für den Fall, daß jemand Hunger bekommen sollte. Ein Blech steht bereit, auf dem die Pumpmeisterin Tortillas anzuwärmen gedenkt. Der Schilfkorb, in dem sie die Tortillas, die vom letzten Mahle übriggeblieben sind, aufbewahrt, hängt an einem Draht, der an einem der Stämme befestigt ist, die das Gras des Daches halten.

Die Garza ist zu ihrer eigenen Hütte gegangen. Was sie dort sucht oder erwartet, weiß sie selbst nicht zu sagen. Sie kommt jetzt wieder über die Brücke zurück, die Laterne an der herunterhängenden Hand tragend. Eine Weile sieht sie den Tauchenden zu, dann geht sie weiter zur Pumpe, völlig gedankenlos und in einer Weise, als ginge sie das alles, was hier geschieht, nichts an.

Manuel sitzt stumpf und brütend auf einer Bank. Als er die Garza plötzlich vor sich sieht, blickt er sie groß mit leeren Augen an wie irgendeine Fremde. Dann, als ob ihm etwas einfiele, steht er rasch auf, geht über die Brücke und wandert auf dem sandigen Wege, der auf der anderen Seite durch den Dschungel zu fernen Dörfern führt, in die Nacht hinaus.

Der Pumpmeister wirft unermüdlich seinen schweren eisernen Haken hinaus in den Fluß und zieht ihn sorgfältig ein, manchmal leer, manchmal mit einer Last Wasserpflanzen und Gestrüpp beladen.

Die Tauchenden fangen an müde zu werden. Immer seltener tauchen sie unter, und immer länger müssen sie sich an die Brückenpfeiler klammern oder in der Nähe des Ufers ausruhen, wo das Wasser weniger tief ist und wo sie stehen können. Da das Wasser nun kühler wird, fangen sie auch noch an zu frieren. Der weißhaarige Alte muß aufgeben. Bald schwimmen auch die jüngeren ans Ufer, holen sich ihre Hosen, Hemden und Sandalen und laufen zu den Feuern, die ebenfalls Zeichen von Müdigkeit zeigen und lange nicht mehr so lodernd und lebhaft brennen wie eine Stunde bevor. Denn die Burschen und Männer müssen immer weiter in den Dschungel kriechen, um das notwendige Holz heranzuschleppen.

Schließlich fallen die Feuer gänzlich zusammen, und sie sind bald nur noch Gluthaufen. Die flammenden Äste und Scheite, die auf der Brücke als Fackeln dienten, sind nur noch funkensprühende Keulen, die ausgedient haben und wertlos sind, nun ins Wasser geschleudert oder in die Gluthaufen am Ufer geworfen werden.

An der Pumpe ist eine der Laternen ausgegangen, und ein Junge läuft mit der Laterne zu den Hütten, um Petroleum zu borgen.

Zwei der Taucher stehen an einem Gluthaufen auf dieser Seite und rauchen. Sie haben sich nicht angekleidet, sondern nur das Hemd um die Hüften gewickelt, um wieder bereit zu sein, sobald sie gerufen werden sollten. Denn es kann ja jemand einen neuen Gedanken haben.

Die Leute alle, insbesondere die Männer, die im Fluß getaucht haben, halten nun die Geschichte, die die Garza erzählte, für wahrscheinlich, und dennoch glaubt niemand, daß der Junge im Wasser ist. Sie haben keinen andern Gegenbeweis als allein nur den, daß ein Mensch, auch wenn er nur ein Junge ist, nicht so leicht und geräuschlos stirbt. Der Tod ist ein so großer Vorgang, daß er nie schweigend sein kann. Da ist immer Geschrei damit verknüpft oder Schießen oder Stechen oder Mit-dem-Pferde-Stürzen oder der Krach eines gefällten Baumes oder das Plätschern und Kreischen eines ins Wasser Gefallenen oder das Herumwälzen des an den Blattern Erkrankten. Daß der Tod inmitten von sechzig oder mehr Menschen, die sich zum Tanze versammelt haben, so ganz still erscheinen kann, ohne daß sich auch nur die Luft bewegt, das begreift keiner von diesen Leuten. Man hat auch nur alles das getan, um der Mutter zu zeigen, daß sie nicht allein auf der Welt ist, und daß man das einzige Hemd, das man hat, hergeben würde, könnte man ihr dafür den Sohn zurückbringen.

Nun beginnen einige Männer mit einer langen Stange, die sie sich geschaffen haben dadurch, daß sie zwei dünne Stämme mit Bast zusammenbanden, den Grund des Flusses an der Brücke entlang abzutasten, weil jemand den Gedanken hatte, man könne mit einer Stange den Körper deutlich fühlen, falls er überhaupt im Wasser sei.

Das Bild hat sich inzwischen völlig verändert.

An den glimmenden verlöschenden Feuern sitzen oder stehen die braunen Gestalten herum, rauchend und redend. Sie sind so ungewiß beleuchtet, daß man nur bewegende Schatten sieht. Ein erregtes Gespräch hebt an, das plötzlich abbricht, als habe es die Nacht verschlungen, um bei einer anderen Gruppe auszubrechen, als sei es unterirdisch hinübergekrochen. Dann hört man nur halblautes Reden, aber man sieht heftige und eindringliche Gesten. Auf der Brücke sitzen andere, kauern oder halten die Beine über den Rand der Brücke und schaukeln mit den Füßen. Andere wieder, die nichts Besseres zu tun wissen, wehen die verglimmenden Äste durch die schwarze Luft und zeichnen funkelnde Figuren.

Irgendwo in einem Winkel der Nacht wird auf der Mundharmonika gespielt. Aus einem anderen Winkel der Finsternis hört man das Kichern eines Mädchens und das hastige, unterdrückte und erregte Sprechen eines Mannes. Dann wieder, von einem anderen Winkel her ein hartes, abweisendes Hin- und Herreden eines Paares, das sich verkrochen hat. Von ferner her tönt das unternehmende lustige Pfeifen eines Burschen, der in der Stimmung eines Siegers zu sein scheint. Auf dem Pumpplatze haben sich wieder Gruppen gebildet, die meist mit langen Pausen sprechen, weil schon alles zwanzigmal gesagt worden ist. Die Frauen und Mädchen sitzen herum oder gehen, ohne sich jedoch vorzudrängen, zur Küche der Pumpmeisterin, wo sie heißen Kaffee in kleinen Emailletassen erhalten. Der Kaffee ist schwarz, und jedesmal, wenn die Frau eine Tasse hinreicht, deutet sie auf eine Konservenbüchse, die mit Zucker gefüllt ist, und neben der ein kleiner Löffel liegt.

Die Pumpmeisterin hat nur fünf Tassen, alle verschieden in Form und Farbe, und mit diesen fünf Tassen versorgt sie alle Frauen mit Kaffee. Aber der Kaffee ist bald alle, und die Pumpmeisterin beeilt sich, frischen zu kochen.

Niemand trinkt mehr als eine kleine Tasse, manche der Frauen trinkt die Tasse nur halb und reicht die andere Hälfte ihrer Nachbarin; denn die Nacht ist nun recht hübsch kühl geworden, und jedem wird ein Schluck heißer Kaffee wohl tun.

Auf der Brücke sind einige der Männer immer noch damit beschäftigt, die Längsseiten der Brücke Schritt für Schritt mit der Stange abzutasten.

Jetzt krähen die Hähne zum erstenmal in der Nacht. Also ist es elf Uhr.

10

Der Pumpmeister hat sein Suchen und Fischen mit dem Haken aufgegeben. Der Haken liegt verlassen auf der Brücke, und der Pumpmeister steht nun auch bei den Gruppen in der Nähe der Pumpe. Er erzählt von einigen Todesfällen, die er erlebt hat, die aber in gar keiner Beziehung zu diesem Ereignis stehen.

Die Garza war die erste, der Kaffee angeboten wurde. Sie ist der respektierte Ehrengast der Pumpmeisterin. Und die Pumpmeisterin ist hier in dieser Dschungelsiedlung ungefähr dasselbe, was eine Baronin in einem armseligen Bergdörfchen in einem europäischen Lande ist. Sie kann ein wenig lesen und ein wenig schreiben, und sie ist deshalb eine hochgebildete Frau, die in die Schule gegangen ist. Ihre Kinder haben keine Läuse oder nur hin und wieder ein paar, und sie laufen nur selten nackt herum. Wenn sie auch nicht gerade immer ein Hemd an haben, so doch wenigstens eine Hose oder ein Röckchen. Das kann man nicht einmal von den Kindern Sleighs sagen. Die Frau Pumpmeisterin selbst hat vier verschiedene Musselinkleider und wenigstens drei Hemden. Mehr hat sie nicht, das weiß jeder. Hosen hat sie sogar vier, von denen zwei aber nicht mehr ganz für voll gerechnet werden können. Sie hat Ohrringe, echtes Gold. Auch hat sie einen spanischen Kamm fürs Haar, der mit Perlchen besetzt ist. Diese Perlchen, weiß auch jeder, sind aber nicht echt. Der Pumpmeister hat einen Sonntagsanzug mit einer Jacke. Sie haben eine Uhr im Hause, eine Weckuhr, ferner einen Spiegel, sogar ein Messer, nicht zu reden von den beiden Gabeln, die sie haben. Und was das größte ist, ein eisernes Bett mit Drahtmatratze. Wer hat das sonst noch? Vielleicht der Präsident in der Hauptstadt. Aber kein Wunder, der Pumpmeister gehört ja zur Eisenbahn. Da ist nichts in der Welt, das größer wäre. Und was die Pumpmeisterin sagt, ist mehr wert, als was der Priester sagt, bei dem man nie weiß, was er meint und was er vielleicht hintennach beabsichtigen mag. Wenn man mit der Frau Pumpmeisterin gut befreundet ist, kann man die Königin von England leicht entbehren. Ob die Königin von England zwei Paar gelbseidene Strümpfe hat und drei Taschentücher, von denen eines gestickte Kanten hat, das soll erst noch bewiesen werden. Denn was die Leute so erzählen, darf man noch lange nicht immer glauben.

In eine Gruppe, die weiter ab von der Pumpe steht, kommt plötzlich Bewegung. Man hört schnelles Sprechen und Fragen.

„Der Junge war nicht da?“ klingt nun eine Stimme deutlich heraus.

Der Eseltreiber und der ihn begleitende Junge sind von Tamalan zurückgekommen.

„Nein, er war nicht dort.“

„Habt ihr denn überall herumgefragt?“

„Ganz natürlich. Alles schlief, und wir sind in jede Hütte gegangen, haben die Leute aufgeweckt und nach dem Kleinen gefragt.“

„Habt ihr euch auch erkundigt, ob vielleicht der Kleine durchgekommen ist?“

„Auch das haben wir getan. Es ist heute niemand aus Tamalan hier herum gewesen und auch niemand aus der hiesigen Gegend dort vorbeigekommen. Die Hunde würden gelärmt haben, wenn da jemand in der Nacht durchgeritten wäre.“

„Und auf dem Wege?“

„Auf dem Wege war keine frische Spur, wir haben abgeleuchtet. In der Richtung nach Tamalan sind die nicht geritten.“ Die redende Gruppe kommt näher heran, bis sie im Licht der Laterne steht. Das Gespräch ebbt ab, weil man nichts mehr zu fragen weiß.

Die Garza steht auf von ihrem Sitz und sieht auf den Eseltreiber, der seine Augen verlegen von einem zum andern wandern läßt. Er will jetzt etwas zur Garza sagen. Aber in diesem Augenblick setzt sie sich wieder. Sie weiß es schon. Der Eseltreiber wendet sich langsam um. Er hat einen Ausdruck im Gesicht, als ob er am Tode oder wenigstens am Verschwinden des Kleinen schuld wäre. Erst als er ganz aus dem Gesichtskreis der Frau heraus ist, sich zwischen eine Gruppe von Männern gemischt hat und eine Zigarette raucht, fühlt er sich wieder wohler.

Ich gehe zur Brücke, wo ein Indianer weiter mit der Stange tastet, während ein anderer dicht neben ihm auf der Brücke kniet und mit einer Laterne immer da ins Wasser leuchtet, wo der andere mit der Stange hineinfühlt.

Da mit einemmal läßt der Mann die Stange auf dem Grunde, dreht sich um, sieht mich mit großen Augen an und sagt halblaut: „Senjor, ich habe ihn. Da fühlen Sie selbst.“

„Seien Sie ganz ruhig, Perez,“ gebe ich zur Antwort, „sonst haben wir gleich alle Leute hier, und wir können nichts tun. Wir wollen erst durchaus sicher sein. Halten Sie die Stange ruhig an der Stelle.“

Ich trete nun dicht an seine Seite und nehme ihm die Stange behutsam ab. Ich taste am Grunde und fühle in der Tat etwas, das ein menschlicher oder tierischer Körper sein könnte. Vorsichtig, um den Grund nicht aufzurühren und den Körper vielleicht fortschwemmen zu lassen, hebe ich die Stange und führe sie, leise suchend, wieder nach unten, um das Gefühl voll in die Fingerspitzen zu lenken. Und wieder fühle ich den Körper.

„Na?“ fragt Perez.

„Sicher bin ich noch nicht“, erwidere ich.

Ich taste nun weiter, ob dieser Fund auch die Ausdehnung eines menschlichen Körpers hat, denn bis jetzt haben wir ja nur einen Ballen, der die Brust oder der Unterleib sein kann oder der Oberschenkel. Aber der Fund hat keine Ausdehnung in der Länge, sondern die Ausdehnung geht gleichmäßig nach jeder Richtung, und nach langem geduldigen Abfühlen komme ich zur Überzeugung, daß der vermeintliche Körper ein versandeter Ballen Gras oder dünner Strauchäste ist, der sich dort unten irgendwie festgehakt hat. Was immer es auch sein mag, der Körper eines Kindes ist es nicht. Perez sieht ein, daß er sich geirrt hatte. Er gibt jetzt auch auf, setzt sich auf die Brücke und dreht sich eine Zigarette.

Nach einer Weile gehen wir zur Pumpe, und die Pumpmeisterin bietet uns Kaffee an, Bohnen und Tortillas; denn inzwischen waren die Männer an die Reihe gekommen, Kaffee trinken zu dürfen. Der Kaffee steht in den fünf Tassen eingegossen auf einem hölzernen Gegenstand, den die Pumpmeisterin ihren Küchentisch nennt. Wer von den Männern Durst auf Kaffee empfindet, kommt heran, nimmt sich eine Tasse, schüttet Zucker hinein, und wenn er sie ganz oder halb ausgetrunken hat, stellt er sie wieder auf das Brett, damit ein anderer trinken kann. Auf Frijoles und Tortillas habe ich augenblicklich keinen Appetit, dagegen tut der Schluck Kaffee mir so wohl, daß die Pumpmeisterin mir das Behagen ansieht und lächelnd fragt: „Mas?“ Da ich sehe, daß drei volle Tassen unberührt dastehen und die Männer offenbar alle schon getrunken haben in der Zeit, während ich mit Perez an der Brücke fischte, kann ich dem Angebot nicht widerstehen, wofür mich die Pumpmeisterin dankbar anblickt, daß ich ihren Kaffee für so gut befinde.

Die Brücke ist nun ganz verlassen. Niemand ist in ihrer Nähe. Hier stehen die Leute wieder in Gruppen umher und schwatzen. Die Mädchen und Frauen sitzen herum, wo sie etwas zum Sitzen gefunden haben, und schwatzen und lachen. Durch den Kaffee ist alles mehr lebendig geworden. Die Welt scheint nicht mehr so düster auszusehen. Man hat vollständig vergessen, was während der letzten Stunden alle Anwesenden erfüllte. Die zunehmende Müdigkeit der Leute, die alle seit Sonnenaufgang auf den Beinen sind, läßt die Gefühle erschlaffen. Man sieht die Garza sogar zwei- oder dreimal lachen. Es hat sich dadurch, daß der Junge im Fluß nicht gefunden wurde, die Gewißheit festgesetzt, daß der Kleine nicht ins Wasser gefallen ist, sondern daß er entweder nach Magiscatzin geritten ist, wie die beiden Jungen behaupten, oder aber, daß er in irgendeinem Winkel sich hingelegt hat und eingeschlafen ist.

Man hat sich darüber geeinigt, daß man warten wolle, bis Garza von Magiscatzin zurück ist. Sollte er den Jungen nicht bringen und auch nichts erfahren haben, so wolle man bis Sonnenaufgang hier beieinander sitzenbleiben und dann bei Tageslicht von neuem den Fluß absuchen. Die Stimmung ist im Grunde die gleiche, die bis zu jenem Augenblick herrschte, an dem der Junge vermißt wurde.

Ein paar Männer, denen das Herumstehen zu langweilig wurde, haben sich wieder zur Brücke aufgemacht und fangen abermals an, mit der Stange zu tasten und mit dem Haken zu fischen. Plötzlich fängt auch die Garza wieder an zu schreien, und sie rennt wie rasend zu der Brücke und gebärdet sich, als ob sie hineinspringen wolle. Sie schwenkt die Laterne über das Wasser, während sie sich weit hinüberlehnt, und schreit unaufhörlich: „Mein Kleiner! Mein Liebling! Ninjo, ninjo mio!“ Der Pumpmeister und noch ein anderer Mann laufen herbei und halten sie fest. Sie wehrt sich, schlägt um sich und kreischt: „Laßt mich los! Was wollt ihr denn von mir?“

11

In der Nähe der Pumpe bildet sich jetzt eine Gruppe von Männern, die immer größer wird. Es wird lebhaft geredet, zugestimmt, genickt, gestikuliert. Der Wortführer ist jener weißhaarige alte Indianer, der mit den jungen Männern getaucht und endlich, ganz blau gefroren, hatte aufgeben müssen. Die Gruppe, den heftig redenden Alten in der Mitte, bewegt sich der Hütte des Pumpmeisters zu.

Auch die Brücke wird wieder belebter, obgleich sich doch nichts Neues ereignet hat. Überall sieht man eine merkwürdige Geschäftigkeit. Hier auf der Brücke weiß man nicht, was jene Gruppe beabsichtigt. Aber man legt offenbar keinen Wert darauf, es zu erfahren. Es wird immer emsiger gefischt und getastet.

Nun gehe ich hinüber zur Pumpe, und ich höre, wie der Alte zu der Pumpmeisterin sagt: „Eine starke Kerze, ja.“

„Ich habe nur ein paar dünne im Hause“, antwortet die Frau.

„Wer hat denn wohl hier eine dickere Kerze?“ fragt der Alte.

„Ich glaube nicht, daß jemand hier überhaupt Kerzen hat, und wenn da noch welche sind, dann auch nur die dünnen. Aber die fallen ja immer zusammen“, erklärt die Pumpmeisterin.

„Ja, wenn wir nur eine Kerze hätten“, wiederholt der Alte.

„Oiga!“ sagt nun die Pumpmeisterin. „Ich habe noch eine Kerze, aber das ist eine geweihte, die ich noch hier habe von einem Corpus-Christi-Fest.“

„Die ist um so besser,“ nickt der Alte, „bringen Sie die nur her.“

Die Pumpmeisterin nimmt eine Laterne und verschwindet in ihrer Hütte.

Der Alte sieht sich um und entdeckt eine Kiste, die bisher als Sitz diente. Er schleift die Kiste unter das Licht der Laterne und bricht ein Brett heraus. Es ist ein ganz dünnes Brett, etwas länger als breit. Er sieht über die Fläche und untersucht, ob das Brett auch ganz eben ist, ob auch alle vier Ecken gleichmäßig aufliegen.

„Das Brett wird gehen“, sagt er zu den Umstehenden, die nicht wissen, was er vorhat.