Die Brücke im Dschungel

Part 3

Chapter 33,993 wordsPublic domain

Durch das Rufen Manuels werden auch die übrigen Gruppen aufgescheucht, sie beginnen sich zu bewegen und an dem Tanze, dessen erste Takte sich noch schwerfällig hinschleppen, teilzunehmen.

Der Pumpmeister geht zu dem offenen Schuppen, wo die Pumpe und der Kessel stehen, und leuchtet mit einigen Zündhölzern herum. Alle sehen hinter ihm her und erwarten, daß er den Jungen jetzt gleich da irgendwo am Arme hervorzerren wird. Als er aber wieder zurückkommt, sieht jeder ein, daß es unsinnig war, zu erwarten, der Junge würde sich zwischen dem verölten und verschmierten Eisengestrüpp verkrochen haben.

Gequält sieht die Garza von einem zum andern. Sie hält eine Faust am Munde und nagt daran herum. Ihre Augen werden wie die eines Tieres, das instinktiv eine Gefahr herannahen fühlt. Ein Gedanke kommt ihr. Sie nimmt die Faust vom Munde fort, birgt sie in die linke Hand, hält so beide Hände eine Weile vor der Brust und dreht sich dann rasch entschlossen um. Sie geht schnell auf die Brücke zu. Nach wenigen Schritten bleibt sie stehen, läßt Kopf und Arme entmutigend sinken und kommt mit schweren schleppenden Schritten zurück zu der Gruppe.

Garza weiß nicht, was er tun soll. Er dreht sich endlich gedankenlos eine Zigarette.

„Carlos! Carlos!“ hört man hin und wieder aus verschiedenen Richtungen her Manuels Stimme. Das veranlaßt mehrere Burschen nach anderen Richtungen auszustreifen, und bald vernimmt man von überall her den Ruf „Carlos!“ Nach jedem Ruf folgt ein Schweigen, und manchmal scheint es, als ob selbst der Dschungel für kurze Momente mitschwiege, um ein Menschenkind retten zu helfen.

6

„Senjora! Senjora Garza!“ ertönt da die rufende Stimme zweier Jungen, die offenbar von drüben, von der anderen Seite herangesaust kommen.

„Also, da ist er ja, der Junge“, ruft die Pumpmeisterin aus. Alle Gesichter entspannen sich, und eilige Worte fliegen hin und her, um rasch etwas zu sagen, ehe die heranspringende Neuigkeit einem die Möglichkeit nimmt, etwas ungemein Wichtiges auszusprechen.

Ein paar Burschen und Mädchen entfernen sich von der Gruppe, gelangweilt. Es war ja die Aufregung wahrhaftig nicht wert. Wie kann denn der Junge verlorengehen.

Die Garza schluckt, und sie leckt sich die trockenen Lippen. Dann holt sie tief Atem, als habe sie seit Stunden nicht geatmet. Dennoch läßt sie sich nicht überwältigen. Es steigt Hoffnung in ihrem Gesicht auf, aber der Zweifel bleibt die stärkere Empfindung. Sie hat sich so sehr in Gewißheit hineingearbeitet, daß sie nicht leicht herausfinden kann.

Nun sind die Jungen heran. Atemlos reden sie drauflos: „Senjora, Sie suchen Ihren Chiquito, Ihren kleinen Carlos?“

„Ja doch, wo ist er denn?“ rufen die Umstehenden, während die Mutter mit weiten verglasten Augen auf die Jungen starrt, als kämen sie aus einer andern Welt.

„Aber der Carlos ist doch nach Magiscatzin geritten“, sagt der größere der beiden Jungen.

„Ja, das ist er,“ bestätigt der kleinere, „das ist er ganz bestimmt.“

„Na ja also“, sagt die Pumpmeisterin gedehnt und klopft der Garza freundschaftlich auf die Schulter.

„Habe ich doch schon gesagt“, spricht eine andere Frau. „So ein Junge kann doch nicht so ganz einfach aus der Welt herausfallen.“

Die Männer sagen nichts, und die meisten entfernen sich von der großen Gruppe, um wieder ihre unterbrochenen Gespräche aufzunehmen.

Die Garza zieht die Stirne zusammen, als fiele ihr das Nachdenken sehr schwer. Sie hält beide Hände vor den Leib und sieht die Jungen an. Die Jungen wollen hinwegtrollen. Aber die Garza hält den einen am Arme fest, und dadurch bleibt der andere von selbst auch stehen.

„Ihr sagt, er ist nach Magiscatzin geritten?“

„Ja freilich.“

„Worauf denn?“

„Auf einem Pferd!“

„Auf einem Pferd? Auf wessen Pferd denn eigentlich?“

Ganz ruhig fragte die Garza das.

„Ein großer Junge kam vorbei auf einem Pferde“, erwidert nun der ältere der beiden Burschen.

„Ja, ein großer Junge“, mischt sich der Jüngere ein. „Und Carlos stand gerade hier, und da sagte –“

„– und da sagte der Junge,“ nun redet wieder der Ältere, „willst du nicht mitkommen, Carlos, ich reite schnell.“

„Was hat denn da der Carlos gesagt?“ fragt die Garza.

„Reitest du nach Magiscatzin? hat Carlos gefragt. Da hat der große Junge genickt, und Carlos sagte, dann könne er sich ja in Magiscatzin Bonbons kaufen, er habe zwanzig Centavos. Und der Junge hat wieder genickt und gesagt, das könne er wohl, und sein Pferd sei ein sehr schnelles Pferd.“ Wenn der eine der beiden Jungen aufhört zu reden, fängt jedesmal gleich der andere an. Die Geschichte scheint ganz wahr zu sein. Das können sich zwei Jungen nicht so gut von selber ausdenken.

Die Leute sind wieder dichter herangekommen. Die Garza blickt eine Weile auf die Jungen, dann sieht sie sich um, blickt in die Gesichter der Umstehenden, die infolge des trüben Lichtes der verräucherten Laternen kaum richtig zu erkennen sind. Inzwischen ist Manuel näher gekommen, weil er hörte, daß hier eine Neuigkeit sei. Der Blick der Garza fällt jetzt auf Manuel und bleibt eine Weile darauf haften, als ob sie bei ihm Rat suche. Dann wendet sie sich rasch zurück zu den Jungen und sagt laut: „Das glaube ich nicht. Das glaube ich nicht. Carlos reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist und Manuel Montag früh schon wieder abreisen muß. Und wenn er wirklich nach Magiscatzin geritten wäre, so hätte er es Manuel gesagt.“

„Er ist aber doch mit dem großen Jungen geritten“, besteht der ältere Bursche auf seiner Behauptung.

„Wer war denn der Junge?“ fragt die Garza.

„Das wissen wir nicht, wie er heißt.“

„So, das wißt ihr nicht?“ sagt die Garza. „Kennt ihr den Jungen?“

„Nein, wir kennen ihn nicht“, sagt der Ältere, während der Jüngere behauptet: „Ich habe ihn aber schon einmal hier vorbeikommen sehen mit einem beladenen schwarzen Esel.“

Nun mischt sich der Pumpmeister ein: „Wie sah denn der Junge aus?“

Bisher haben die Jungen klar und sicher gesprochen. Als sie aber diese Frage beantworten sollen, fangen sie an, sich fortgesetzt zu widersprechen. Sie vermögen nicht genau anzugeben, wie der Junge ausgesehen hat. Sie können nicht einmal sagen, ob er auf einem Sattel saß oder nur auf einer Matte, und über die Farbe des Pferdes und das Brandzeichen wissen sie gar nichts. Dagegen stimmt die Zeit wieder, denn sie behaupten, es sei ungefähr etwas mehr als eine gute Stunde her, seit Carlos fortgeritten sei. Das wäre also um acht Uhr gewesen. Und um diese Zeit lief der Junge aus der Hütte fort, um rüber zur Pumpe zu rennen, wo Manuel war und der Vater die Geige spielte. Seitdem hat ihn die Mutter nicht mehr gesehen. Als alle Anwesenden, mit Ausnahme der Mutter, erklären, daß sie die Erzählung der beiden Jungen für glaubhaft halten, weil mehrere Männer und Burschen vorübergeritten seien und die Jungen gar keinen Grund hätten, zu schwindeln in einer so ernsten Sache, setzt sich Garza aufs Pferd und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu fragen. Es ist möglich, jener Junge auf dem Pferde ist nicht aus der Gegend hier, sondern macht eine Reise und hat Carlos in Magiscatzin abgesetzt, und Carlos kann nicht zurück. Der Junge ist doch nur sechs Jahre alt und mag leicht unüberlegte Streiche dieser Art machen. Nun sitzt er wahrscheinlich in jenem kleinen Dorf und heult, weil er nicht zurück kann in der Nacht. Durch die Beschäftigung des Aufsattelns, durch das Fortreiten ihres Mannes und infolge der Zuversicht aller übrigen Leute wird die Garza ein wenig von ihren schweren Befürchtungen abgelenkt. Sie fühlt sich leichter, setzt sich zu anderen Frauen auf eine Bank und mischt sich in deren alltägliches Geschwätz über alltägliche Dinge.

Manuel steht gegen einen Baum gelehnt. Er weiß nicht recht, was er tun soll. Zu den Mädchen gehen, da herumsitzen und kichern, hat er keine Lust. Endlich aber macht er sich doch auf und geht langsam auf jenes hübsche Mädchen zu, mit der er schon früher am Abend geplaudert hatte.

7

Sleigh war an der ganzen Sache ziemlich uninteressiert gewesen. Was ihn überhaupt lebhaft in Bewegung bringen könnte, habe ich bis heute nicht erfahren können. Aber vielleicht lerne ich etwas mehr von ihm, besser über ihn, wenn ich ihn später wieder einmal treffe. Als die Aufregung sehr hoch ging, sagte er mir, daß er wieder rübergehen wolle, um zu sehen, ob die Kuh jetzt vielleicht hereingekommen sei. Nun ist er zurück. Die Kuh ist noch nicht da, und sein Gespräch dreht sich nur darum, wo die Kuh sein könne und warum sie nicht komme.

Da kommt ein Junge an uns vorüber und geht zu Manuel. Ich folge ihm, um zu hören, was er will.

„Das ist ja gar nicht wahr, daß der Carlos nach Magiscatzin geritten ist“, sagt er sehr laut zu Manuel. „Der Carlos ist mit einem Jungen nach Tamalan geritten, aber nicht auf einem Pferde, nein, auf einem Esel.“

„Hast du es gesehen?“ fragt Manuel mißtrauisch.

„Natürlich habe ich es gesehen, sonst würde ich es dir doch nicht sagen.“

„Warum hast du denn das nicht früher gesagt?“

„Ich habe doch nicht gewußt, daß die andern erzählt haben, Carlos sei nach Magiscatzin geritten“, sagte der Junge entschuldigend.

Die Garza hat das alles gehört. Sie ist aufgeschnellt und kommt so rasch herbei, als sei sie in einem Satz hergesprungen.

„Was sagst du da?“ schreit sie auf den Jungen ein und schüttelt ihn bei beiden Schultern.

Der Junge wiederholt seine Rede und schwört bei allen Heiligen, daß er Carlos habe auf einem Esel fortreiten sehen, in der Richtung nach Ocampo.

Die Garza läßt den Kopf tief zwischen ihren Schultern versinken, und sie erscheint plötzlich ganz klein und zusammengedrückt. Ihr Mund steht weit offen, und ihr Blick flackert irre hin und her.

Der Pumpmeister rüttelt sie energisch am Arm. Er fürchtet, daß sie stehend sterben werde, wenn er sie nicht aufwecke. Dabei sagt er: „Regen Sie sich doch nicht auf, Carmelita, regen Sie sich doch nur nicht auf. Warten Sie doch erst einmal ruhig ab, bis Garza zurück ist.“

Die Frau sagt nichts darauf. Sie hat augenscheinlich überhaupt nichts gehört. Der flackernde irre Blick schweift weiter ruhelos umher.

Einer der Eseltreiber des Packzuges sagt nun: „Ich kenne den Weg nach Tamalan. Es ist ein ganz verfluchter Weg. Wenn man ihn nicht genau kennt, kommt man in der Nacht nicht mehr wieder. Habt ihr eine Mula oder einen Esel, dann will ich rüberreiten und nach dem Jungen herumhören. Meine Esel sind müde.“

Sogleich wird ihm ein Esel angeboten. Als er abreitet, kommt noch ein Junge mit einem Esel an, um ihn zu begleiten.

„Habt ihr auch Zündhölzer?“ ruft der Pumpmeister hinter ihnen her.

„Wir haben genug“, wird ihm zurückgerufen.

Die Garza wird immer aufgeregter. Die leise Hoffnung, die sie hatte, als die Leute alle so zuversichtlich waren, der Junge müsse in Magiscatzin sein, ist völlig verflogen. Stark war in ihr diese Hoffnung ja nie gewesen. Nun aber fällt die Frau zurück in jenen Zustand der Gewißheit, den sie besaß von jenem Augenblicke an, als sie den Kleinen vermißte. Was niemand sonst wissen kann, sie, die Mutter, weiß es: der Junge kommt nie wieder! Herz und Instinkt sagen ihr die Wahrheit. Alle mögen leugnen und zweifeln, sie zweifelt nicht. Sie hat ernsthaft keine Sekunde lang gezweifelt.

Mit dieser endgültigen Wiederkehr der Gewißheit verfliegt der irre flackernde Blick aus ihren Augen. Sie rafft sich zusammen. Sie muß etwas tun für ihr Kind, wäre es auch nur, um seinen kleinen Körper noch einmal zu liebkosen.

Sie eilt hinweg, zurück über die Brücke, heim in die häusliche Hütte. Eine Minute darauf sieht man sie auf der anderen Seite des Flusses mit einer Laterne durch die Gebüsche am Ufer streifen. Bald kriecht sie tiefer in den Dschungel, bald wieder kommt sie näher zum Ufer. Mit weit ausgestrecktem Arm leuchtet sie in das Wasser. Zuweilen ruft sie den Namen des Kindes. Es klingt gespensterhaft. Hier auf dieser Seite haben die Leute das Gefühl, als ob auf das Rufen eine Antwort folgen würde, die grauenhaft sein müsse.

Eine Weile steht sie dann drüben am Ufer, überlegend, was wohl zu tun sei. Die Laterne hängt am Arme herunter und beleuchtet die so festlich gekleidete Frau. Das Gesicht aber, das von unten her sein Licht empfängt, während oben und von allen Seiten die tiefen schwarzen Schatten der Nacht liegen, ähnelt weder einem menschlichen, noch einem tierischen Antlitz. Es ist eine grausige Fratze und Maske, die sich mit keinem Dinge auf Erden vergleichen läßt.

Hier, auf dieser Seite des Flusses, stehen die Leute in Gruppen und sehen hinüber zu der einsamen Mutter, die mit der Laterne am Ufer steht, um nach ihrem einzigen Kinde zu suchen. Zwei feindliche Lager, durch den Fluß getrennt; zwei gegenüberstehende Welten. Die eine Welt in ihrem tiefsten Schmerze, die andere hilfsbereit, aber doch im Herzen froh, daß es der andere ist, den es traf.

Es gehen einige Männer hinüber, um der Frau beim Suchen zu helfen. Sie kriechen ziellos in dem Dornengebüsch herum. Daß sie den Jungen dort finden könnten, glaubt keiner von ihnen; sie wollen nur der Mutter zeigen, daß sie nicht allein sei, daß man alles tun wolle, was nur in der Macht der Menschen liegt, um ihr zu helfen.

Die Frau bewegt sich langsam auf die Brücke zu. Während sie über die Brücke geht, leuchtet sie bei jedem Schritt in das Wasser hinunter. Aber das Wasser ist dick und gelb; der Schein der Laterne dringt nicht eine Handbreit unter die Oberfläche. Sie ist nun wieder auf dieser Seite. Die Pumpmeisterin legt ihr die Hand auf die Schulter und redet tröstend auf sie ein: „Wir wollen doch erst einmal sehen. Der Kleine ist wirklich mit den Jungen fortgeritten, das ist ganz sicher. Kommen Sie, setzen Sie sich auf die Bank und denken Sie jetzt nicht mehr daran; das können wir noch immer genug tun, wenn die Leute zurück sind.“

„Carlos ist nicht fortgeritten“, die Garza sagt es mit fester Bestimmtheit. „Er reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist.“

„Ach, Kinder!“ erwidert die Pumpmeisterin. „Sie haben nur das eine, da wissen Sie nicht viel über Kinder. Ich weiß das besser von meinen Gören. Woran man gar nicht denkt, das tun sie gerade zuerst.“

Die Garza hat die Laterne vor sich auf den Erdboden gestellt. Sie dreht sich um und blickt mit schweren müden Augen zum Fluß hinüber. Dann wendet sie ihr Gesicht wieder der Gruppe zu, in der sie steht. Unschlüssig und ratlos sieht sie alle der Reihe nach an. Den Kopf legt sie schwerfällig in den Nacken und schließt für eine Weile die Augen. Plötzlich aber reckt sie sich zusammen und ruft mit keuchender Stimme: „Der Junge ist im Fluß. Er ist ertrunken!“

Erstarrt stehen die Anwesenden, als habe der Blitz zwischen sie eingeschlagen. Die Pumpmeisterin kann vor Entsetzen kaum schlucken. Endlich sagt sie: „Segne Sie Gott, Carmelita, wie können Sie nur so etwas Sündhaftes und Schauderhaftes sagen!“

Die Garza jedoch stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie fühlt sich erlöst von einem Klumpen, der ihr seit langem in der Kehle gelegen hat und sie zu ersticken drohte. Sie reckt und dehnt den Hals, und ihr Blick wird mit einem Male sachlich und brutal nüchtern. Alles Irre und Flackernde ist daraus verschwunden. Sie steht bewußt und sicher in der Welt wie vielleicht nie zuvor im Leben.

Während die Leute noch wie entgeistert sind, nicht wissen, was sie tun oder sprechen sollen, redet die Garza frisch weg, um sich noch mehr Luft zu schaffen.

„Der Junge war ja so wild und ausgelassen den ganzen Abend. Er wußte ja kaum, was er tat, und wo er rannte. Ich konnte ihn nicht halten im Hause, er mußte wieder hinüber zu Manuel und rannte fort wie ein Wirbelwind. Er kennt den Weg und die Brücke ganz genau. Aber da hat er die neuen Schuhe an und war nicht ganz sicher auf den Beinchen. Als ich vorhin zum ersten Male hier über die Brücke kam, wäre ich beinahe ins Wasser gefallen. Ich sah die Laterne hier hängen und ging drauf zu; erst als ich gegen den Balken stieß, fiel mir ein, daß die Brücke gar nicht auf die Laterne zuläuft, sondern weit ab. Und als ich das bemerkte, da kam mir der Gedanke, wenn der Junge so wild drauflosläuft, dann fällt er sicher ins Wasser. Und als ich dann hier drüben ankam, war meine erste Frage die nach dem Jungen. Ich würde sonst vielleicht gar nicht an ihn sofort gedacht haben. Aber ich wußte gleich, es ist schon zu spät, denn mein Herz war ganz voll Angst.“

Niemand hat sie unterbrochen, und eine gute Weile spricht kein einziger der Zuhörenden. Dann aber sagt die Pumpmeisterin: „Aber das ist ja ganz unmöglich, man würde doch gehört haben, wenn der Junge in den Fluß stürzt.“

Ich blicke seitwärts, und meine Augen treffen die des Sleigh, der im gleichen Moment aufschaut und mich ansieht. Weder er noch ich fühlen das Bedürfnis, irgend etwas zu sagen.

„Nein, nein,“ sagt jetzt ein Mann, „das würde man sicher gehört haben. Das platscht doch, wenn so ein Junge in den Fluß fällt. Auch fällt so ein Junge nicht rein und ist gleich lautlos verschwunden. Der schreit und strampelt und macht Lärm.“

„Natürlich“, mischt sich nun der Pumpmeister ins Gespräch. „Ich kenne doch den Jungen, es verging doch kein Tag, wo er nicht hier herumgeschwommen und herumgeplantscht hat im Wasser. Er ist wie ein Fisch. Der hätte sich schon herausgekrabbelt, und wenn er das nicht gekonnt hätte, dann hätte er geschrien. Er ist doch Wasser gewöhnt.“

Die Garza hört dem allen zu, als ob über etwas gesprochen würde, das sie gar nicht berühre. Nun aber fühlt sie sich verpflichtet, ihren Jungen zu verteidigen: „Gewiß hätte er sich herausgearbeitet, oder hätte er geschrien, aber er konnte es ja nicht mehr. Er hatte doch die neuen Stiefelchen an. Er hat gewiß, als er so ausgelassen drauflostrabte, mit den Stiefeln gegen den Balken gestoßen. Wäre er barfuß gewesen, hätte er sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt. Ehe er wußte, was überhaupt geschah, da war er übergekippt und hatte mit dem Kopf auf den Balken geschlagen, und ehe er zur Besinnung kam, war er schon unter dem Wasser. Er hat gar keine Zeit gehabt, zu strampeln oder zu schreien.“

Mit dieser Rede schließt die Garza ihre Erzählung ab. Sie hat nichts mehr zu sagen, und niemand kann sie überzeugen, daß es anders wäre oder daß der Junge nicht im Flusse sei.

8

Die Leute freilich geben sich keineswegs zufrieden. Man erinnert sich der Jungen, die auf der Brücke saßen und sangen, gerade zu der Zeit, als das Unglück sich zugetragen haben solle. Aber die Jungen haben nichts gehört und nichts gesehen. Sie saßen am Ende der Brücke mit dem Gesicht zum Wasser und dachten nur an ihr Singen. Dicht in ihrer Nähe ist der Junge nicht hineingefallen. Außerdem ist es so schwarze Nacht, daß sie es auch kaum bemerkt haben würden, wenn sie die Brücke im Auge gehabt hätten. Einen Platsch haben sie auch nicht gehört. Wenn sie ihn gehört haben, so haben sie ihn nicht aufgenommen, denn hochspringende große Fische platschen ebenfalls. Aber daß diese Burschen, die am nächsten waren, nichts bemerkt haben, veranlaßt die Leute, der Garza einzureden, sie bilde sich Dinge ein, die gar nicht geschehen könnten.

Die Garza sagt nichts darauf.

Jeder der Anwesenden weiß einen neuen Gedanken aufzubringen, um zu beweisen, daß es so, wie die Garza annimmt, nie gewesen sein könne, daß es überhaupt ganz und gar ausgeschlossen sei, daß der Junge in den Fluß gefallen sei, und vor allen Dingen, daß es undenkbar wäre, daß er so geräuschlos in den Fluß gestürzt sein könne. Niemand unterstützt die Mutter in ihrer Meinung. Man glaubt den Jungen an den allerunmöglichsten Stellen, an denen ein Junge nur sein könne, selbst im Feuerloch des Dampfkessels der Pumpe, aber im Fluß glaubt ihn niemand.

Schließlich wenden sich ein paar der Männer an mich, weil ich gar nichts sage, und fragen mich geradezu, was ich von der ganzen Sache denke. Ich weiß, wo der Junge ist, und Sleigh weiß es auch. Sleigh blickt mir gerade ins Gesicht, während ich gefragt werde von den Männern, die mir am nächsten stehen in der Gruppe. Ich sehe, daß Sleigh die Achseln zuckt, als ob man die Frage an ihn gerichtet hätte.

Und ich antworte: „Was kann ich da sagen? Ich kenne ja nicht die Schlupfwinkel hier herum, in die sich der Junge verkriechen könnte.“

Ja, ob ich denn glaube oder es für möglich halte, daß der Junge in den Fluß gefallen sei?

„Möglich,“ sage ich, „möglich ist alles, und möglich ist durchaus, daß der Kleine ins Wasser gefallen ist. Wo Wasser ist, kann immer jemand hineinfallen, ob er will oder nicht.“

„Der Senjor hat recht,“ antwortet einer der Männer, „im vorigen Jahr ist doch hier in demselben Wasser, nur weiter unten, der Ägypter ertrunken, der dort seine Hütte hatte und Gemüse pflanzte.“

„Das lag aber ganz anders,“ erwidert einer, „der Ägypter badete und kam an eine tiefe Stelle, wo er versank und nicht wieder heraufkam.“

Ein alter Indianer kommt etwas näher und fragt mich: „Was denken Sie denn, Senjor, was wir tun könnten?“

„Ich denke, wir suchen den Fluß ab. Wenn der Junge im Fluß ist, müssen wir ihn ja finden, und dann wissen wir wenigstens, wo er ist. Wenn die Männer zurückkommen und haben ihn nicht gefunden, und wir finden ihn im Flusse auch nicht, dann müssen wir wohl den ganzen Dschungel absuchen.“

Die Garza ist mit ihrer Laterne schweigend zur Brücke gegangen, sie hat die Brücke überquert, und sie steht jetzt an der anderen Seite der Brücke, nicht weit vom Ufer. Nach einer Weile leuchtet sie über den Rand in das Wasser hinunter, und dann stößt sie einen markerschütternden Schrei aus.

Ein paar Jungen rennen hinüber und kommen zurück mit der Botschaft, daß die Frau durchaus nichts im Wasser gesehen hat. Es war kaum nötig, uns das zu sagen; denn jeder wußte, daß sie an jener Stelle nichts sehen konnte, selbst wenn der Junge dort versunken sein sollte.

Nun beginnt die Frau unausgesetzt gellend zu schreien. Wenn der eine Schrei verklungen ist, ertönt gleich darauf der folgende. Es ist das Wehklagen indianischer Frauen, die einen Toten beweinen. Es klingt nicht wie Weinen, es klingt vielmehr wie ein den Himmel anklagendes langgezogenes Schreien. Viele große Säugetiere, denen der Gefährte oder das Junge erschossen, erschlagen oder geraubt wurde, schreien und klagen in genau der gleichen Weise. Hört man dieses wehklagende Schreien der Frauen zum ersten Male, glaubt man nicht, daß es ein Schreien des Trauerns wäre. Lebt man länger unter den Indianern, hört man den tiefen Schmerz aus dem Schreien so deutlich heraus wie aus dem stillen Weinen einer europäischen Frau.

Wäre der Tod des Jungen gewiß oder hätte man gar seinen kleinen Leichnam gefunden, so würden sofort alle Frauen in dieses Schreien, das man kilometerweit hören kann, mit einstimmen. Einstimmen mit all dem Mitgefühl und der Mittrauer, die eine Mutter und eine Gattin der anderen aus der Tiefe eines warmen und stark empfindenden Herzens zeigen kann.

Aber die Frauen, noch nicht überzeugt von dem Tod des Jungen, bleiben ruhig und tasten nur nach ihren Kindern und legen die Säuglinge sofort an die Brust als den sichersten Platz, den sie ihnen bieten können.

Zwei Männer gehen hinüber und führen die unaufhörlich schreiende Frau zart und besorgt auf diese Seite des Flusses, um sie auf eine Bank zu setzen.

Die Pumpmeisterin kommt sofort heran, gibt ihr Wasser zu trinken und streichelt sie mütterlich.

Die Männer stehen eine Weile herum, nicht wissend, was zu tun. Sie fühlen sich unbehaglich in Anwesenheit der Mutter, die ihr Kind verloren hat und die, trotz der Zartheit, mit der sie behandelt wird, jetzt eigentlich ganz allein in der Welt ist. Es überkommt die Männer nach und nach ein Schuldbewußtsein, daß sie mehr für die Mutter hätten tun können. Sie stehen herum, drücken sich herum und reden kaum. Sie zwingen sich, nicht nach der Mutter zu sehen, und wenn die Frau hin und wieder aufschreit, werden ihre Gesichter zerquält. Das Unbehagen, das sie belästigt, wird endlich so stark, daß sie das einzige tun, was Männer auf der ganzen Erde tun, welche Hautfarbe sie auch immer haben mögen, sobald sie sich überflüssig zu fühlen beginnen. Sie fangen an, tätig zu werden, sich zu beschäftigen, nur um nicht in Gegenwart der Mutter so schuldbewußt dazustehen.