Part 2
Ganz verwundert war ich über mein Erlebnis, das mir beinahe ein unerwartetes Bad gebracht hätte. Zuerst konnte ich mir gar nicht erklären, wie ich so hatte drauflosdösen können. Aber als ich dann in Ruhe den Vorgang übersah, war es mir durchaus klar: die Brücke kreuzte rechtwinklig zum Flußufer das Wasser; aber in der schwer durchdringlichen Finsternis konnte ich den rechten Winkel nicht fühlen, weil ich weder die Richtung des Ufers noch die der Brücke erkennen konnte. Die Pumpe war nicht unmittelbar am Ausgang der Brücke, sondern etwa dreißig Schritte links vom Ende der Brücke. Vom diesseitigen Ufer aus konnte man nichts weiter erkennen als das Licht der Laterne, die auf dem Platz vor der Pumpe hing. Daß die Pumpe und also das Licht nicht gerade am Ende der Brücke war, hatte ich, ohne darüber nachzudenken, im Gefühl gehabt; was ich aber nicht richtig im Gefühl gehabt hatte, war die wahre seitliche Entfernung der Pumpe von der Brücke. Ich war viel zu scharf auf die Laterne losgegangen, und so war ich auf dem besten Wege, von der Brücke herunter glatt in den Fluß zu laufen. Ein Geländer grenzte sie ja nach den Seiten hin nicht ab. Die Täuschung war so vollkommen, daß, nachdem ich den Sachverhalt erkannt hatte, ich mich nach einigen Schritten schon wieder dicht am Rande befand, weil ich eben das Gefühl nicht los wurde, daß ich mehr auf die Laterne loszugehen habe, um nicht rechts über die Brückenkante zu fallen, wo ja tiefschwarze Nacht lag. Wäre drüben gar keine Laterne gewesen, würde man die Brücke viel sicherer gekreuzt haben. Als wir an das Ende der Brücke kamen, saßen da mehrere halbwüchsige Indianerburschen auf den Planken, ließen die Beine über den Seitenbalken herunterhängen und sangen. Sangen in jener, den Indianern so eigentümlichen Weise, immer innerhalb derselben sechs Töne bleibend, ab und zu aber unvermutet und ohne Übergang die Stimme hoch überschlagen lassend, so daß dieser Ton nicht in derselben Skala lag, wo die übrigen sechs oder sieben lagen, sondern zwei oder gar vier Oktaven höher. Dieser Ton, der den Gesängen die Farbe zu geben hatte, konnte nicht gesungen werden, sondern er wurde geschrillt. Irgendein anderer Gesang würde in den Nächten des Dschungels unnatürlich klingen. Hier tönte er in voller Harmonie nur so, wie er von den Indianern gesungen wird.
Links am Ausgang der Brücke lag die Pumpstation. Rechts der Brücke war ein sandiger, mit dünnem harten Grase bewachsener Platz. Eine Packkarawane war angekommen, die wegen der Nähe des Flusses und der ganz unerwartet schweren Finsternis der Nacht hier Lager zu machen beschlossen hatte. Sie war etwa vierzehn Packesel und drei Reitesel stark. Sie brachte Ware nach den Dschungeldörfern. Die beiden Männer, natürlich auch Indianer, wie alle Leute, die hier herum waren, packten die Tiere ab, während der Junge, der mit ihnen war, ein Feuer anmachte.
Bei der Pumpe sah es jetzt ein wenig bunter aus als eine Stunde vorher. Der Pumpmeister hatte noch eine zweite Laterne aufgehängt. Die Musik war immer noch nicht gekommen, und sie kam jetzt auch auf keinen Fall mehr. Dagegen waren inzwischen zahlreiche Männer, Frauen und Mädchen angekommen. Die Frauen und Mädchen in grünen, roten, blauen und gelben ganz dünnen Kleidchen aus den denkbar billigsten Stoffen. Alle hatten sie Strümpfe an und Schuhe. Keine hatte einen Hut, aber manche hatten ein schwarzes Baumwolltuch. Die Männer waren gekleidet wie immer, denn sie hatten meist ja nur ein Hemd und eine Hose, für Festtag und Arbeitstag dasselbe Zeug. Viele waren barfuß, manche hatten Stiefel, die Mehrzahl aber Sandalen, selbstgemachte. Wer Kinder besaß, hatte sie mitgebracht.
Sie waren nun alle da, und irgend etwas mußte geschehen. Garza war mit seiner Geige herübergekommen und fiedelte unermüdlich darauf herum. Aber niemand nahm sich den Mut, nach dieser Fiedelei zu tanzen. Alles wartete, daß irgendein großer Musiker irgendwoher erscheinen würde, um in diese Zusammenkunft Sinn hineinzubringen. Denn bis jetzt waren die Menschen ganz zwecklos hier. Und wenn schon die bunten Gazelümpchen angezogen werden, wenn schon das Haar stundenlang durchgekämmt, eingeölt und dann sorgfältig auffrisiert worden ist, wenn man schon die schönsten Blumen zusammengesucht und in die schwarzen Strähnen geflochten hat, wenn man schon die kleinen Bälger gebadet, und wenn man endlich auf Eseln oder gar zu Fuß meilenweit durch den Dschungel gewandert ist, dann soll doch auch nachher etwas zu erzählen sein. Aber nun so gar nichts, nur weil die Musik nicht gekommen ist.
Die Frauen und Mädchen sitzen herum und schwätzen; die jüngeren stecken die Köpfe zusammen und kichern oder stehen plötzlich zu zweien oder dreien auf, laufen ein wenig herum, kommen zurück und setzen sich wieder. Ein paar Bänke sind da, sehr roh gearbeitete, und drei arme Stühle aus des Pumpmeisters Hütte. Die Mehrzahl der Damen sitzt auf Baumstämmen, Holzklötzen und morschen Eisenbahnschwellen, dem Feuerungsmaterial für die Pumpe.
Die Kinder balgen sich herum, wälzen sich auf der Erde, jagen sich, kreischen, schreien, heulen und quieken. Die größeren Burschen hocken gruppenweise zusammen auf dem Erdboden, prahlen sich gegenseitig etwas vor, hecken irgendwelche Streiche aus oder zeigen sich gegenseitig wichtige Kunststückchen, Talente und Fingerfertigkeiten, biegen sich Daumen um, recken sich die Knöchel aus, verrenken sich Gliedmaßen, Genick und Augen.
Alles raucht Zigaretten. In Maisblätter gerollter Tabak. Alles raucht: Männer, Frauen, Mädchen, Burschen und die kleinsten Kinder. Während die Mütter die Säuglinge an der Brust haben, rauchen sie und blasen den kleinen Engerlingen den Rauch über das Gesicht. Auch schon der Moskitos wegen. Die Männer stehen auch in kleinen Gruppen zusammen und schwätzen und rauchen. Sie halten ihre Frauen unausgesetzt im Auge, um ihnen, wenn nötig, eine Mühe zu erleichtern.
Ich stehe mit Sleigh, dem Pumpmeister und einem Indianer, der bei den Ölbohrern arbeitet, halbenwegs zwischen der Brücke und der Pumpe. Ich habe das Gesicht auf den Fluß zu gerichtet; aber ich kann natürlich weder die Brücke noch den Fluß erkennen.
Bei den Eseltreibern glimmt das Feuer, und ich sehe, wie der Junge Kaffee in den Kessel schüttet, während sich die Männer die Tortillas wärmen, Käse schaben und Zwiebeln schneiden. Durch das Gebüsch am gegenüberliegenden Ufer sehe ich zwei dünne Lichtchen, die aus den Hütten herüberschimmern. Wenn sich das Gebüsch im leichten Winde bewegt, verschwinden die Fünkchen und tauchen wieder auf, gerade als ob jemand mit einer Laterne durch das Gebüsch hin und her huschte. Zuweilen täuscht es, und man sieht nicht die kleinen Lämpchen, sondern sieht die großen Glühkäfer, die, wenn sie entfernt genug sind, auch nicht größer erscheinen als die Lampen.
4
Die Burschen, die auf der Brücke sitzen, singen noch immer. Sie singen längst andere Lieder, aber für den Uneingeweihten scheint es stets die gleiche Melodie zu sein. Nicht aber für die Burschen. Rundherum ist Schwatzen, Lachen, Kichern und Quieken.
„Und ich sage Ihnen, die werden gleich wieder zementieren“, spricht Ignacio, der Ölarbeiter, mit Wichtigkeit.
„Wie tief seid ihr denn?“ fragt Sleigh.
„Elfhundert Fuß.“
„Da wird doch noch nicht zementiert,“ sagt der Pumpmeister, „da gibt es doch Bohrungen, wo sie bis auf viertausend Fuß hinuntergehen.“
„Weiß ich doch am besten“, sagt darauf Ignacio mit fachmännischer Sicherheit, obgleich er erst seit fünf Wochen im Ölfeld arbeitet. „Aber ich sage Ihnen, die zementieren Montag oder Dienstag.“
Garza fiedelt unermüdlich, aber keiner folgt seiner Lockung. Das Singen der Burschen ebbt ein wenig schwermütig ab, und in das laute Schwätzen und Lachen der Leute bricht ein verhaltenes Gähnen ein. Nur ein paar der Kinder quieken.
„Warum die zementieren sollen bei elfhundert Fuß, sehe ich nicht ein“, sagt der Pumpmeister noch einmal.
In dem Augenblick tönt vom Fluß, der die ganze Zeit hindurch schlief und schwieg, ein Platsch herüber.
Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand achtete darauf. Und doch war er, als riefe der Fluß: „Vergeßt mich nicht, ich bin noch immer da und werde euch alle überleben!“
Ich sehe Sleigh an, und er sieht mich an. Auch er hat den Platsch gehört, schenkt ihm aber keine Bedeutung.
Es war, als ob von den Jungen, die da auf der Brücke saßen und sangen, einer aus Übermut hineingesprungen oder von andern hineingeschubst worden war. Aber nein, so war es nicht. Ich hörte kein folgendes Plätschern, kein Juchzen oder lachendes Zurufen. Das Wasser gab keinen weiteren, auch noch so leisen Laut von sich. Die Jungen ließen den abgeebbten Gesang wieder anschwellen. Sie waren von dem Platsch nicht beunruhigt worden. Es war also keiner der Jungen hineingesprungen. Wahrscheinlich hatte jemand einen Stein hineingeworfen; das war sicher ein dicker Stein gewesen. Doch wozu? Diese Mühe macht sich niemand.
Garza fiedelt und fiedelt. Ich denke, die Finger müssen ihm ganz lahm sein.
Es kann aber auch ein großer Fisch gewesen sein, der plötzlich hochschnellte und wieder zurückfiel ins Wasser. Nein, das war es nicht. So hatte es nicht geklungen.
„Warum die zementieren werden“, antwortete Ignacio, „das werde ich Ihnen sagen. Die haben schon zwei zementiert, weiter drin. Die bohren so lange, bis sie Öl spüren, und dann zementieren sie sofort und sagen, sie haben nichts gefunden, die Biester.“
Es kann ja auch ein Hund hineingesprungen oder hineingeworfen worden sein?
Der Pumpmeister schüttelt den Kopf und sagt: „Das machen die Gringos nicht. Wenn die Öl finden, dann holen sie es auch raus bis auf das letzte Faß, das sie kriegen können. So eine Bohrung kostet doch wenigstens zwanzigtausend Dollar. Die schmeißen doch ihr Geld nicht weg und bohren da nur zum Spaß, bohren nur bis elfhundert und machen dann dicht, weil sie bis dahin nichts haben. Auf sechzehnhundert oder achtzehnhundert kann ja das dickste Öl liegen.“
Ein Hund kann es auch nicht sein, der würde plätschern, um ans Ufer zu kommen. Aber da war kein Plätschern hinterher, kein Rufen, kein Kreischen, nichts. Nur der eine kurze Platsch und vorbei.
Ignacio ist wissend. Er kennt die Geheimnisse der Ölmagnaten. „So können Sie nur reden,“ sagt er zum Pumpmeister, „weil Sie durchaus nichts von Öl verstehen. Wenn die nicht bis auf dreitausend Fuß bohren, sondern schon vorher zementieren, so beweist das gerade, daß sie auf Öl gestoßen sind, oder aber, daß sie es fühlen. Dann machen sie rasch dicht und sagen, es sei überhaupt kein Öl da.“
Manuel steht bei einem Mädchen, schwatzt auf sie ein, und sie lacht, lacht in einem fort. Er ist doch ganz anders als die anderen Burschen hier herum. Das macht eben, er arbeitet in Texas, er sieht die Welt und lernt, die schönen Mädchen von den weniger schönen zu unterscheiden.
„Das müssen Sie mir nun nicht einreden, Ignacio,“ antwortet der Pumpmeister, „die Gringos mag alle der Teufel holen, da kehre ich mich nicht darum, aber stupid sind sie nicht, das können Sie mir nicht erzählen.“
„Das behaupte ich ja gar nicht,“ widerspricht Ignacio eifrig, „eben das ist es, sie machen ja gerade die Bohrlöcher dicht, weil sie nicht stupid sind. Sie zementieren nur deshalb, weil sie noch nicht das ganze Land hier herum in Vorpacht haben. Das machen sie, um die Bohrungspachten niedrig zu halten. Sobald sie alles Land in Pacht halten, dann kommen sie raus mit dem Öl, dann brechen sie die ganzen Zementierungen wieder aus, und dann sollen Sie mal sehen, wie das Öl hier flutet.“
Weder Sleigh noch ich mischten uns in das Gespräch der beiden. Der Pumpmeister machte große Augen und sah Ignacio an wie einen Weltweisen. Dann sagte er in einem Ton, aus dem deutlich die Bewunderung vor der Klugheit des Ignacio herauszuhören war: „Ich glaube, Sie haben recht, Ignacio. Das sieht ihnen ganz ähnlich, diesen Americanos. Ich sage es ja, stupid sind die ganz gewiß nicht, wenn sie auch sonst niederträchtige Biester sind.“
Darauf antwortete Ignacio triumphierend: „Ja, man muß nur die Augen und Ohren aufmachen, dann kann man schon etwas lernen und sehen, auf welche Weise die ihr Geld machen. Mir können die alle nichts vormachen, ich bin ihnen weit über, diesen Burschen.“
Inzwischen hatte sich ein anderer Mann neben Garza gesetzt und ihm die Geige aus der Hand genommen. Die Mädchen sahen alle auf, weil er so tat, als ob er nun einmal zeigen wolle, wie man zum Tanze aufzuspielen habe. Ein paar Takte schien es auch, daß er wirklich hervorragend spielen könne, und die Mädchen zupften bereits an ihren Kleidern herum. Aber dann war es auch schon aus, und er spielte schlechter als Garza.
Zwei Mädchen wagten es endlich, zu tanzen. Nach zehn Schritten aber setzen sie sich wieder. Wenn wenigstens eine Gitarre da wäre, dann ließe sich so etwas wie Musik zusammenstoppeln.
Dennoch denkt niemand an Aufbruch. Man ist einmal hier, und irgend etwas wird ja wohl geschehen. Wo so viele Leute beieinander sind, geschieht immer etwas. Vielleicht kommt doch noch der große Musikmeister, auf den sie alle in einem unbestimmten Gefühl warten.
Ignacio hat sich von uns entfernt. Er sucht sicher eine andere Gruppe auf, die er mit seiner großen Entdeckung auf die Knie zwingen kann.
Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu. Sie hat ein meergrünes Gazekleid an, durch das man den weißen Unterrock schimmern sieht. In dem schwarzen, sorgfältig durchgekämmten Haar hat sie zwei dicke rote Blumen, und sie trägt einen kleineren Blumenstrauß an die Brust gesteckt und einen mit dicken roten Blumen am Gürtel.
„Haben Sie Carlos nicht gesehen?“ Sie fragt es ganz leichthin. „Er hat noch nicht sein Abendbrot gegessen. Er ist ja ganz aus dem Häuschen vor Aufregung, weil Manuel gekommen ist. Das geht in einem fort: „Buenas noches!“ und „Adios!“ und „Bonito!“ und „Bonita!“ und immer gleich wieder auf und davon.“
„Hier war er nicht, ich habe ihn nicht gesehen“, sagt der Pumpmeister.
„Kann sein, daß er hier war,“ sagt Sleigh, „aber ich habe nicht auf ihn geachtet.“
Ein anderer Mann kommt auf uns zu, und wir reden von dem neuen Dampfkessel, der dem Pumpmeister schon seit zwei Jahren versprochen wurde, aber immer noch nicht angelangt ist.
Die junge hübsche Frau sieht Manuel und geht zu ihm rüber. Ich sehe, wie er den Kopf schüttelt und dann wieder auf sein lachendes Mädchen einredet.
Die Frau – es ist die Gattin Garzas und die Mutter des kleinen Carlos – geht nun zu ihrem Manne. Er dreht sich gerade eine Zigarette, hört gleichgültig zu und schüttelt dann mit dem Kopfe.
Eine Weile steht die Frau unschlüssig und nachdenklich da. Dann sieht sie sich zwischen den Leuten und den Kindern um. Alle die Personen sitzen, stehen und laufen in dem trüben Licht herum wie bunte gespenstische Schatten. Die Gesichter, die alle tiefbraun, viele beinahe schwarz sind, sind weniger zu erkennen als die grellfarbigen Kleider der Mädchen und die hellen Hemden und Hosen der Männer. Zuweilen sieht es aus, als ob Kleidungsstücke herumlaufen, über denen ein großer Hut hängt und mitläuft, denn die Gesichter und Hände verlaufen in der Nacht.
Einige Male sehe ich noch die Frau Garza zwischen den Gruppen hin und her streifen, dann aber achte ich nicht mehr auf sie.
Garza hat die Fiedel wieder genommen. Man sieht ein, daß er von allen, die es nun versucht haben, immer noch am besten spielt.
Aus irgendeinem Winkel der Nacht heraus bläst jemand auf einer Mundharmonika. Wieder versuchen einige Mädchen zu tanzen, und wieder stellen sie den Versuch nach einer Runde ein.
Die Frau des Pumpmeisters steht auf, nimmt eine Laterne fort und geht damit ins Haus. Der Platz wird dadurch noch gespenstischer. Drüben bei den Eseltreibern ist das Feuer am Verlöschen, und die beiden Männer und der Junge kommen näher heran, um unter Menschen zu sein. Sie finden gleich Bekannte, stellen sich bei ihnen hin, spucken aus und mischen sich in das Gespräch.
Da kommt die Garza in der Richtung von der Brücke auf uns zu. Sie geht sehr eilig und sagt, noch während sie geht: „Der Junge ist nicht da. Ich kann ihn nicht sehen. Wo steckt er nur?“ Ihr Gesicht, das vorhin noch nebensächlich, alltäglich geschäftig war, nimmt jetzt einen auffallend deutlichen Ausdruck der Besorgnis an. Sie zieht die Stirne hoch, öffnet ihre Augen weit und richtet sie fragend auf uns. In diesen Augen schimmert ein leiser Verdacht, gegen den sie sich noch zu wehren sucht. Und ein zweiter Verdacht glimmert hindurch, ob wir vielleicht etwas ahnen, aber unsere Ahnung vor ihr verbergen wollen. Hilflos sieht sie sich nach allen Seiten um, wo sie noch suchen könnte. Dann blickt sie uns wieder an. In ihren Augen ist eine Wandlung vor sich gegangen. Der Verdacht, die leise Ahnung fangen an, Gestalt anzunehmen.
Der große Musikmeister ist erschienen! Der größte, den die Menschen haben. Gleich wird er zum Tanze aufspielen. Zu einem wirbelnden Tanze, bei dem die Fanfaren des letzten Tages der Welt zu hören sein werden.
Die Tänzer beginnen sich langsam aufzustellen. Zuerst nur die, wie bei jedem Tanze, die gehört haben, daß die Musik eingesetzt hat.
„Machen Sie sich doch keine Sorgen, Carmelita,“ sagt der Pumpmeister, „der Junge ist müde geworden und hat sich hingelegt zum Schlafen.“
„Im Hause ist er nicht, ich habe jeden Winkel durchsucht.“
„Er wird bei andern Leuten sein.“
„Nein, auch nicht.“
„Vielleicht irgendwo unter eine Decke gekrochen, oder er liegt auf einem Dache, wo er eingeschlafen ist, und wo es kühl ist“, sagt jetzt Sleigh.
An das Dach hat die Frau nicht gedacht. Das kann sein, er schläft ja oft mit dem andern Jungen auf dem Dache, sie hat ihm ja oft den Fetzen Decke hinaufwerfen müssen. In ihre Augen kommt ein Schein von Hoffnung. Sie eilt davon. Wieder über die Brücke zurück.
Die Pumpmeisterin ist mit der Laterne aus der Hütte zurückgekommen, und der Platz wird wieder ein wenig heller.
5
Garza fiedelt noch immer. Der Junge ist schon hundertmal nicht zum Abendessen gekommen, man hat ihn schon dutzende Male wer weiß wo suchen müssen, oft hat er sich einen Esel genommen und ist auf und davon geritten aus reinem Vergnügen. Die Frauen haben immer gleich den Sack voll Angst. Obgleich niemand zu tanzen versucht, er ist nicht beleidigt oder verärgert, unverdrossen spielt er weiter. Wenn einer besser spielen kann als er, so mag er sich doch melden, er will ihm gern seine Geige leihen. Aber da soll erst einmal einer kommen, der besser spielt. Das ist ja eben die Sache, man muß spielen können, und er kann spielen, besser als alle hier in der Runde. Die Onesteps, Twosteps, Walzer und Foxtrotts schieben sich ja alle ein wenig ineinander, so daß man immer erst eine Weile hinhören muß, was er eigentlich spielt; und wenn man dann überzeugt ist, daß er einen Foxtrott meint, dann ist es ein Walzer.
Ab und zu spielt wieder einer auf der Mundharmonika, die von Hand zu Hand oder richtiger von Mund zu Mund zu gehen scheint, denn zwischendurch hört man immer sprechen und zuweilen etwas lauter: „Gib mir mal, du kannst ja nicht.“
Die Jungen auf der Brücke singen nicht mehr. Vielleicht sitzen sie noch da und erzählen sich etwas, vielleicht auch haben sie sich zu den Mundharmonikaspielern gesellt oder zwischen die Gruppen hier gemischt.
Die Garza kommt schon wieder zurück. Da wir ja am nächsten zur Brücke stehen, muß jeder, der zum Pumpplatz will, an uns vorbei.
Sie kommt so natürlich zuerst auf uns zu. Ihr Gesicht hat den ersten Schimmer von Angst angenommen. Die Augen sind starr und weit auf uns gerichtet mit einer ganz stillen Hoffnung, daß wir, während sie drüben auf der anderen Seite des Flusses war, etwas erfahren haben könnten. Ihr Haar, das so sorgfältig geordnet war, ist an der einen Seite ein wenig aufgezaust. Sie ist auf das Dach geklettert, und sie hat zwischen Gestrüpp gesucht.
„Er ist auch nicht auf dem Dache, Senjores. Die andern haben auch überall nachgesehen. Sie haben ihn nicht gefunden.“ Sie sagt es so, als ob die Worte Blei wären. „Drüben ist er nicht.“ Sie geht hinüber zu ihrem Manne. Während er ruhig weiterfiedelt, redet sie auf ihn ein. Dann schweigt sie plötzlich und sieht ihn groß fragend an, seine Meinung erwartend.
Er zieht noch einen langen Strich, dann setzt er den Bogen ab und läßt die Hand aufs Knie fallen. Die Geige hat er noch an der Brust, denn kein Indianer hier hält die Geige gegen das Kinn. Über die Geige hinweg sieht er mit seinen schwermütigen Augen seiner jungen Frau ins Gesicht. Plötzlich ruckt er zusammen. Er hat mehr in den Augen gelesen, als sie für ihn hineingeschrieben hatte. Er öffnet den Mund weit, und der Unterkiefer scheint zu erschlaffen. Jetzt endlich nimmt er die Geige auch herunter und stützt sie aufs Knie; und während er den Kopf sinken läßt, übergibt er die Fiedel dem großen Meister, den er jetzt kommen sieht.
Der Junge ist noch keine Stunde fort. Er ist dutzende Male halbe Tage fortgewesen und hat sich hunderte Male viele Stunden lang wer weiß wo herumgetrieben, aber noch nie hat Garza seine Frau so gesehen wie jetzt.
„Manuel!“ ruft die Frau.
Manuel kommt von seinem lachenden Mädchen, der er noch ein lustiges Wort zurückruft, langsam heran.
Lachend sagt er: „Was ist denn, Mutter?“
„Wir können Carlos nicht finden“, sagt sie, ängstlich in seinem Gesicht suchend, ob er nicht das erlösende Wort sprechen würde.
Das Lächeln auf dem Munde Manuels wird um einen Grad leichter, und er sagt: „Ich habe ihn ja gerade eben noch gesehen.“
„Wo?“ ruft die Mutter, während sich ihr Gesicht merkwürdig aufhellt, als wäre es plötzlich von strahlender Mittagssonne getroffen worden.
„Ja, hier, er wollte sich an meinem neuen Taschentuch die Nase abputzen. Das tat er auch. Dann schob er mir das Tuch wieder in die Hosentasche. Da, hier ist es. Dann puffte er mich in die Seite, trat mich auf den Fuß, und fort war er wie ein Coyote.“
„Du sagst, gerade eben noch?“ drängt die Mutter auf ihn ein.
„Ja, natürlich, gerade eben noch. Oder –“
„Was oder? Was oder?“ Die Mutter schüttelt ihn heftig an den Armen.
„Oder – Warte mal, das kann auch schon zehn Minuten her sein.“
Die Garza läßt kein Auge von seinen Lippen.
„Laß mich mal denken. Es kann auch eine halbe Stunde her sein. Vielleicht noch mehr. Ja, ich glaube, es ist länger her. Seit dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
Das Gesicht der Garza verdunkelt sich mit einem Ruck. Die Stirne zieht sich über der Nasenwurzel zusammen wie in einem Krampf, und das ganze Gesicht scheint zusammenzuschrumpfen, als ob es verwelke.
„Nachdem war er noch drüben bei mir. Er reichte mir den Faden, damit ich die Blumen zusammenbinden konnte. Das war nachher –“ Trotz ihrer fliegenden Angst rekapituliert die Frau so genau, als läse sie das aus einem Buche. „Das war nachher, denn er sagte mir, daß er dir das Taschentuch aus der Tasche gezogen habe, und wenn du nicht so ein guter Manuel wärest, dann würde er es dir sicher stehlen.“
Nun sieht sich Manuel besorgt um, dreht sich und hofft augenscheinlich, den kleinen Bruder im selben Augenblick irgendwoher aus der Nacht auftauchen zu sehen, denn er hat ihn zu lebensdeutlich vor Augen.
Garza ist aufgestanden und steht unschlüssig da, er weiß nicht, was er tun soll. Seine Geige hat er gedankenlos auf die Bank gelegt.
Die Pumpmeisterin ist näher gekommen, mit ihr einige andere Frauen. Es kommen jetzt auch Männer näher heran, um zu hören, was hier los sei. Die Pumpmeisterin redet beruhigend auf die Garza ein, sie hat selbst Kinder, und die sind alle Augenblicke zu suchen, manchmal an Stellen, wo es kein Mensch vermuten würde. Auch die übrigen Frauen sprechen ihre Erfahrungen aus: „Das kleine Kroppzeug kommt immer wieder. Nur ja keine Angst, Carmelita. Wenn er Hunger hat oder sich irgendwo ausgeschlafen hat, dann werden Sie ihn schon erscheinen sehen.“
Manuel hat sich entfernt. Nach einer Weile hört man ihn aus der Finsternis herausrufen: „Carlos! Carlos!“
Alle, die hier herumstehen, hören auf zu sprechen und lauschen auf die Antwort. Aber man hört nur das Singen und Wimmern des Dschungels und das Sprechen der mehr abseits stehenden Gruppen.