Die Brücke im Dschungel

Part 1

Chapter 13,809 wordsPublic domain

B. TRAVEN Die Brücke im Dschungel

BÜCHERGILDE GUTENBERG

Satz und Druck von der Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin SW 61

Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Nachdruck verboten. Copyright 1929 by B. Traven, Tamaulipas (Mexiko)

DIE BRÜCKE IM DSCHUNGEL

Den Müttern! jedes Volkes jedes Landes jeder Sprache jeder Rasse jeder Farbe jeder Kreatur die lebt!

1

Wann und wo ich Sleigh eigentlich zum erstenmal getroffen hatte, weiß ich so genau nicht mehr zu sagen. Doch wenn ich mich recht erinnere, so war es an einem moderigen Pfuhl im Dschungel, wo ich meine Pack-Mules tränken wollte. Ja, so war es. Es fällt mir jetzt ein, daß, als ich zum Pfuhl geritten kam, ich in die Mündung eines auf mich gerichteten Sixshooters sah. Sleigh hatte gehört, daß sich jemand nähert, und im Dschungel oder im Busch läßt man es nicht darauf ankommen, sondern man sieht sich rechtzeitig vor. Man weiß ja nicht, wer der Ankömmling ist und welche Absichten ihn leiten. Ich hätte es genau so gemacht.

„Stick ’em up, boy! Die Flossen hoch!“

Seelenruhig zog er mir meinen Shooter aus der Tasche des Patronengürtels und schob ihn in seinen Gurt. Wir wechselten ein paar Worte. Er erzählte mir, daß er auf weiter Fahrt sei.

Als dann sein Pferd getränkt war und er den Wasserbeutel gefüllt hatte, saß er auf und sagte: „Zweihundert Schritt, da können Sie Ihren Klicker abholen; ich bin kein Bandit, aber ich weiß ja nicht, ob Sie vielleicht einer sind. Savvy?!“ Ich folgte ihm, und als zweihundert Schritte zwischen uns lagen, winkte er, ließ meinen Revolver fallen und sauste ab. Ich ging zurück zum Pfuhl, ohne ärgerlich auf ihn zu sein; denn ich hätte es ganz genau so gemacht. Er hatte das Trommelröhrchen nur früher hoch als ich, und das entschied, wer das Recht zum Kommandieren hatte. Daß er ein ehrlicher Bursche war, bewies er; denn er konnte mir meine Mules abnehmen und den letzten Faden vom Leibe ziehen. Dann hätte ich noch dankbar sein müssen, wenn er mir den Hut, meine Hose und meine Stiefel gelassen hätte, weil, würde einem auch dieses genommen, man im Dschungel schon lieber um den Gnadenschuß ersucht.

Drei Monate später ritt ich, in einer ganz anderen Gegend, durch ein Indianerdorf. Vor einer grasgedeckten Lehmhütte sah ich einen Weißen stehen, den einzigen Weißen im Dorf. „Hallo!“ rief er herüber. Es war Sleigh.

Ich mußte in seine Hütte kommen, um seine Familie kennenzulernen. Seine Frau war Vollblutindianerin, und sie hatten drei Kinder. Die Frau mußte mir ein Ei backen und etwas vorsetzen, das er Kaffee nannte.

Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder zwischen ihnen. So genau ließ sich in der kurzen Zeit, die ich in seiner Hütte verbrachte, das wahre Verhältnis nicht feststellen.

Ein Jahr darauf etwa machte ich von Matehuala über Tula eine ziemlich beschwerliche Reise, um an den Tamesi zu kommen mit der Absicht, Alligatoren zu jagen. Es war aber nicht viel los damit; teils war der Dschungel so dicht und undurchdringlich, daß man den Fluß nicht erreichen konnte, teils war die Gegend so sumpfig und morastig, daß man es aufgeben mußte, an die eigentlichen Jagdgebiete heranzukommen. Ich ritt deshalb weiter den Fluß hinunter, um die größeren Nebenflüsse abzusuchen.

So kam ich eines Tages an eine kleine Pumpstation, die das Flußwasser viele Meilen weit zu einer anderen Station pumpt, von wo aus es wieder weitergepumpt wird, bis es die Eisenbahnlinie erreicht. Ein Teil des Wassers dient zur Auffüllung der Lokomotivkessel; der größere Teil des Wassers jedoch wird von der Bahn in Tankwagen zu einigen Dutzend von Dörfern und kleinen Städten, die an der Bahnlinie liegen, gefahren, um die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen.

Der Pumpmeister war ein Indianer. Mit Hilfe eines vierzehnjährigen indianischen Jungen bediente er die Pumpe. Der Kessel wurde mit Holz geheizt, und das Holz wurde von einem anderen Indianer mit Maultieren von der fernen Bahnlinie herangeschafft.

Der Kessel machte den Eindruck, als ob er jeden Augenblick aus den Nähten gehen würde, und die Pumpe, die zweihundert Jahre alt zu sein schien, ächzte, stöhnte, schwitzte, quietschte, keuchte und blubberte, daß den Alligatoren und Jaguaren der Aufenthalt hier in der Nähe sicher nicht zum Paradiese wurde.

Dem Pumpmeister konnte das nur angenehm sein, denn er wohnte ja hier dicht neben seiner Pumpe in einer Hütte, vereint mit seiner ganzen Familie. Je mehr die Pumpe stöhnte und ratterte, um so sicherer konnten seine Kinder sich hier herumtummeln und im Flusse schwimmen.

In der Nähe der Pumpe führte eine Brücke über den Fluß. Die Brücke war breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen konnten; aber sie hatte kein Geländer. Das wäre auch eine ganz überflüssige Geldausgabe gewesen.

„Hay muchos caimans, Senjor“, sagte der Pumpmeister.

„Wo?“ fragte ich.

„Weiter rauf oder runter. Natürlich nicht gerade hier an meiner Pumpe. Das wäre mir gar nicht einmal lieb. Die würden mir die kleinen Schweinchen und die Hühner alle wegstehlen.“

„Was ist denn da drüben auf der anderen Seite?“ fragte ich.

„Da ist Prärie. Ein Cattle-Ranch. Eine Viehweide. Gehört einem Amerikaner. Dahinter kommt dann wieder Dschungel. Und dann etwa zwanzig Meilen durch den Dschungel, da kommt ein Camp, da bohren sie auf Öl. Die haben hier die Brücke gebaut. Die müssen ja hier rüber, wenn sie das Material von der Bahn holen.“

„Wer ist denn auf dem Rancho?“

„Ein Gringo.“

„Ach was, ich meine, wer nach dem Vieh sieht?“

„Das habe ich Ihnen doch soeben gesagt: Ein Gringo.“

„Wo wohnt er denn?“

„Gleich da hinter dem Busch.“

„Muy bien! Da will ich doch mal rüber, sehen, wie es ihm geht.“

Hinter dem Gebüsch waren sechs oder acht der üblichen Indianerhütten, rauchende Indianerfrauen und herumjagende nackte braune Kinder die Menge. Hier war Gras und Wasser im Überfluß; also fanden auch die Indianer ihren Lebensunterhalt. Die Weide gehörte ihnen zwar nicht, aber daran störten sie sich nicht. Jede Familie hatte ein paar Ziegen, einige Esel, ein Dutzend Hühner, und im Wasser waren so viele und so schwere Fische, daß die Leute um ihre Mahlzeiten nie verlegen zu sein brauchten. Ein umgebogener Nagel mit einem kleinen Fisch daran und einem Stück Schnur war das ganze Angelgerät. Die Männer arbeiteten bei den Ölsuchern, oder sie brannten Holzkohle, um die Bedürfnisse zu befriedigen, die ihnen die Zivilisation gebracht hatte. Aber diese Bedürfnisse beschränkten sie auf das Allernotwendigste. Weder die müßig auf dem Erdboden hockenden Frauen, noch die kreischenden Kinder ließen sich durch mich stören. Nach meinem Manne zu fragen, hielt ich für überflüssig, denn im Hintergrunde sah ich eine Hütte, die zwar nach Indianerart gebaut, jedoch größer und sorgfältiger angelegt war. Kein Zweifel, da wohnte mein Amerikaner.

Ich ritt zur Hütte, bis ich in respektvoller Entfernung der Tür war, wo ich ruhig hielt, ohne die Bewohner durch Rufen zu stören. Eine Tür war es ja eigentlich nicht, sondern es war eine türgroße Öffnung in der Wand. Aber da die Leute eine solche Öffnung Tür nennen, fühle ich mich nicht berechtigt, ihr einen anderen Namen zu geben.

Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam eine Frau, eine Indianerin, heraus und sagte: „Pase, Senjor!“

Ich stieg ab, und als ich in die Hütte trat, fand ich, daß die Frau die Gattin meines alten Bekannten Sleigh war. Sie begrüßte mich mit großer Herzlichkeit, lud mich zum Niedersitzen auf einem ächzenden Korbstuhl ein und sagte mir, daß ihr Mann gleich kommen würde, er sei auf der Pastura, um einen Stier hereinzubringen, der gedoktert werden müsse, der Stier sei von einem anderen Stier gespießt worden, und nun könne man in die Wunde schon die ganze Faust tief hineinstecken, und es seien bereits fingerdicke Würmer drin.

Es dauerte auch nicht allzulange, da kam Sleigh an mit seinem Stier, den er mit Hilfe eines Indianerjungen in den Korral trieb. Dann stieg er vom Pferde und schüttelte mir die Hand. „Haben Sie nicht vielleicht eine Zeitung bei sich?“ fragte er gleich darauf. „Ich habe seit acht Monaten kein Stück Zeitung in der Hand gehabt, und manchmal möchte man ja doch gern wissen, was los ist.“

„Ich habe den Brooklyn Eagle hier, ist aber auch schon fünf Wochen alt, alles, was ich habe.“

„Geben Sie her, der ist ja noch ganz warm von der Presse, wenn er erst fünf Wochen alt ist.“

Er setzte sich seine Brille auf. Das tat er sehr bedächtig und umständlich, denn sie war – für ihn wenigstens – mehr wert als ein dicker Brillantring. Während er sie an den Ohren zurechtrückte, sagte er: „Rosita, gib dem Senjor etwas zu essen, er hat Hunger.“

Von jeder Seite las er zwei Zeilen, dann nickte er, um seine volle Zustimmung mit dem darin Gedruckten zu bekunden, sehr nachdenklich, faltete die Zeitung zusammen, setzte die Brille ab und sagte gedankenschwer: „Es ist doch gut, daß man wieder einmal eine Zeitung gelesen hat.“

Sein Wunsch nach einer Zeitung war nunmehr vollkommen befriedigt. Von den paar Zeilen, die er gelesen hatte, hatte er auch nicht einen einzigen Gedanken aufgenommen oder auch nur gefaßt. Was kümmerte ihn dieser Trubel der Welt, der sich in den Zeitungen austobte? Hätte er in der Zeitung gelesen, die ganzen Vereinigten Staaten und Kanada seien durch eine Wassersflut von der Erdoberfläche hinweggespült worden, so würde er gesagt haben: „Wer hätte so etwas denken können, wir haben hier gar nichts davon gemerkt. Ich wollte vorige Woche noch an meine Schwester schreiben, die ist Sekretärin bei einer Methodistengemeinde, aber das ist ja nun nicht mehr notwendig. Wer hätte auch so etwas denken können!“ Dabei würde er auch nicht eine Miene seines Gesichts verzogen haben.

„Ich bin hier auf Alligatoren“, sagte ich.

„Großartig, Mann! Massenhaft. Die können Sie hier herdenweise schießen. Aber wir könnten ja erst einmal auf einen Hirsch gehen.“

„Warum nicht. Haben Sie denn viel Wild hier?“

„Massenhaft! Bleiben Sie nur ein paar Tage hier und sehen Sie sich um. Was haben wir denn heute? Donnerstag. Da kommen Sie gut. Meine Frau geht morgen früh mit den Kindern auf Besuch zu ihrer Mutter. Ich bringe sie bis zur Station. Den Morgen darauf bin ich wieder zurück, dann sind wir hier ganz allein und haben die ganze Hütte für uns. Eines von den Nachbarmädchen kommt herüber zum Kochen. Da können wir hier ganz angenehm hausen.“

2

Am Samstag morgen kam Sleigh zurück. Ich hatte inzwischen ein wenig gefischt und alle Hütten gut versorgt.

„Heute abend ist Tanz,“ sagte Sleigh, „drüben an der Pumpe. Der Pumpmeister hat Musik bestellt. Er hat auch einen Kasten Bier und zwei Kasten Limonade herangeschafft, damit er die Kosten für die Musik herauskriegt.“

„Wie stark ist denn das Orchester?“

„Ein Geiger und ein Gitarrespieler.“

„Die können doch soviel nicht kosten.“

„Ja, denken Sie denn, daß er an dem Bier und der Limonade viel verdient?“

Das Indianermädchen kam, um für uns zu kochen. Sie brachte ihren Säugling mit, obgleich sie selber kaum aus den Säuglingsjahren heraus war.

„Der Mann ist ihr davongelaufen, dem armen Ding“, sagte Sleigh.

Sie war sehr häßlich, und das ist eine Ausnahme hier unter den indianischen Mädchen, die an Schönheit miteinander wetteifern.

„Ihr Mann hat sie sicher nur des Nachts gesehen, und als er sie bei Tageslicht betrachtete, da ist er so aus allen Himmeln gefallen, daß er sich in Nebel verflüchtete, so will mir scheinen“, sagte ich. „Sie soll eigentlich jener Nacht dankbar sein, denn auf andere Weise wäre sie nie zu einem Kinde gekommen, und seit sie nun ein Kind hat, findet vielleicht ein anderer Gefallen an ihr, unter der Suggestion, daß sie verborgene Schönheiten haben müsse.“

„Sie haben ganz recht“, erwiderte Sleigh. „Ihren Spaß hat sie gehabt, und sie ist eigentlich nicht darum mißgestimmt, daß der Bursche abgezogen ist, als vielmehr, daß der Spaß nicht dauernd ist.“

Dann aßen wir unsere Tortillas und Frijoles.

Nachmittags ritten wir auf die Prärie hinaus, um uns das Jungvieh anzusehen und nach frischen Antilopenfährten zu suchen.

Am Abend, als wir wieder bei unseren Tortillas und Frijoles saßen, fragte ich Sleigh, ob an dem Tanzvergnügen nur die Leute teilnehmen, die hier herum wohnen. Er erklärte mir aber, daß wenigstens hundert oder hundertzwanzig Personen anwesend sein werden, die aus allen Richtungen herkommen, aus den verstecktesten Hütten im Dschungel und von den schmalen Flußarmen und Standpfuhlen, fünf bis acht Meilen im Umkreise.

Wir gingen nun rüber zur Pumpstation. Als wir an einer der Nachbarhütten vorüberkamen, sahen wir, daß vor dem Eingang an einem Pfahl eine Laterne hing, die den sandigen Platz vor der Hütte hell erleuchtete. Auf einer rohen Bank saß ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen Vollbart und spielte auf einer Geige Tanzmusik. Er spielte herzlich schlecht, hielt aber gut den Takt.

„Ja, ist denn der Tanz hier?“ fragte ich Sleigh.

„Das glaube ich doch nicht.“

„Die haben hier aber den Platz gefegt, und da hängt doch eine Laterne. So großartig gehen die nicht mit dem Petroleum um, daß sie aus purem Vergnügen hier Licht machen.“

„Wir werden ja gleich beim Pumpmeister hören. Vielleicht machen die hier einen Tanz für sich. Da sind doch immer zwei oder drei Parteien. Kann sein, daß sie den Pumpmeister nicht mögen.“

An der Pumpstation hing eine düstere verräucherte Laterne. Der Platz war gefegt. Ein paar Burschen saßen herum. Auf einer Bank quetschten sich einige Mädchen in bunten Musselinkleidern. Musik war keine da.

„Was ist denn los?“ fragte Sleigh den Pumpmeister.

„Ich weiß nicht,“ antwortete der, „die Musik ist nicht gekommen. Jetzt ist es zu finster, jetzt kommt sie nicht mehr, der ganze Weg geht ja durch Dschungel. Die haben es mir doch so bestimmt versprochen, aber vielleicht sind sie an der Station hängengeblieben und machen da Musik.“

„Was ist denn drüben beim Garza los, macht der einen Extratanz?“

„Möglich. Der große Junge ist heute abend auf Urlaub gekommen, er arbeitet in Texas. Der alte Garza sucht immer nach einer Gelegenheit, wo er seine musikalischen Talente zeigen kann.“

Wir gingen nun wieder zurück zu Sleighs Hütte, denn er wollte sehen, ob eine bestimmte Kuh, die er am Nachmittag auf der Prärie nicht finden konnte, hereingekommen sei.

Garza saß noch immer vor seinem Jacalito und wimmerte auf der Fiedel. Neben ihm hockte auf dem Erdboden „der große Junge von Texas“. Er war ein zwanzigjähriger Bursche, gut gewaschen und gekämmt, hatte ein neues Hemd an und fühlte sich sonnig, der verwöhnte Gast in seiner Familie zu sein. Auf dem linken Knie hatte er eine Tasse mit schwarzem Kaffee, und auf das rechte Knie stützte er den rechten Ellbogen. In der rechten Hand hatte er eine mit Queso und Chile gefüllte Tortilla. So, jede überflüssige Kraftverschwendung peinlichst vermeidend, führte er bald die linke, bald die rechte Hand, alles auf Kugellagern laufend, an den Mund, um sein Nachtmahl einzunehmen und sich für den anstrengenden Zehnstundentanz zu stärken. Irgendwie würde es ja wohl zum Tanzen kommen; denn wo eine Violine in der Nähe war, da war auch Tanzmusik möglich.

„Bist du denn immer noch nicht fertig, Manuel?“ rief jetzt eine Kinderstimme. Und hinter der Hütte kam ein sechsjähriger Junge vorgesaust und sprang dem zufriedenen Manuel wie ein Panther auf den Nacken, so daß Kaffee und Tortilla, oder was davon noch übrig war, in den Sand kollerten.

Der Kleine saß fest im Nacken, zerraufte dem armen Manuel das strähnige Haar und trommelte ihm mit den kleinen Fäusten auf den Kopf und die Schultern, daß Manuel endlich aufstehen mußte. Carlos rutschte den Rücken hinunter, stellte sich vor den großen Bruder hin und begann, ihn zum Boxkampf herauszufordern. Aber Carlos war nicht ganz auf der Höhe. Gewöhnt, immer barfüßig herumzulaufen, stand er jetzt nicht sicher auf den kleinen Füßen. Manuel hatte ihm von Texas ein Paar echt amerikanische Stiefelchen mitgebracht, und Carlos hatte sie natürlich sofort anziehen müssen, um seinen großen Bruder zu ehren.

Garza, unbekümmert um die Dinge, die da in seiner Nähe sich abspielten, kratzte unermüdlich auf seiner Fiedel herum.

„Der Kleine ist ganz verrückt nach seinem erwachsenen Bruder“, sagte Sleigh, während wir auf seine Behausung zugingen. „Eigentlich sind sie gar nicht einmal Brüder. Der Große ist von der ersten Frau, der und noch ein anderer Junge von fünfzehn. Der Junge von fünfzehn ist nicht ganz richtig im Kopf, er hat zuweilen ganz verrückte Tage. Der Kleine ist von der zweiten Frau des Garza, eine noch ziemlich junge Frau. Aber der Große und der Kleine würden sich am liebsten auffressen vor Liebe. Der Manuel ist nur des Kleinen wegen auf Urlaub gekommen. Er hat seinen ersparten Lohn auf der Bahn verfahren, um ihm die Schuhe zu bringen und eine kleine Gitarre. Der mittlere, der Halbverrückte, ist gegenüber beiden, und selbst gegenüber seinem Vater, völlig indifferent. Ich glaube, er haßt den Kleinen fürchterlich, und wenn er ihm irgend etwas Hinterlistiges antun kann, so läßt er es sich nicht entgehen.“

Inzwischen waren wir zur Hütte gekommen, wo das Mädchen sich auf dem Erdboden ihr Lager zurechtmachte. Sleigh ging hinaus, um nach der Kuh zu sehen. Das Mädchen, ohne sich um meine Anwesenheit zu kümmern, streifte ihr Kleid von den Schultern herunter bis dicht an die Hüften und gab ihrem Säugling zu trinken. Dann schob sie das Kleid wieder hoch, kroch mit dem Würmchen im Arm unter das Moskitonetz und, wie ich an dem Gewoge des Netzes bemerken konnte, zog sie sich darunter aus. Darauf streckte sie, mit einem wohligen Seufzer, der dem vollbrachten Tageswerk galt, alle viere von sich. Ob diese kleine Welt da draußen vor der Hütte einer Tanzlustbarkeit oder einer mysteriösen Tragödie entgegeneilte, war ihr durchaus gleichgültig.

Es fing an, langweilig zu werden. Das kleine rauchige Lämpchen – ein Stückchen Docht in einer kleinen Blechflasche mit Petroleum – machte die Hütte gespenstisch. Die Decke war trockenes Gras. Die Wände waren dünne Stämmchen, durch die man in die Nacht hinaussehen konnte. Käfer, Motten und Schmetterlinge, so groß wie beide ausgebreiteten Hände, kamen auf das flackernde und rußende Flämmchen zugeflogen. Hin und wieder gluckste es in dem nahen Flusse, wenn ein Fisch hochsprang oder ein Tierchen vom Ufer hineinplanschte. Der ganze Erdboden und die umgebende Atmosphäre war angefüllt mit einem nimmer ermüdenden Zirpen, Pfeifen, Quietschen, Winseln und Wimmern. Ein Esel begann kläglich zu trompeten, und einige andere antworteten ihm, um sich Mut gegen die Gefahren der Nacht einzuflößen. Dann brüllte eine Kuh. Ein Mule kam wild angetrabt, von einer eingebildeten oder wirklichen Bestie in Angst gejagt. Als es einige Schritte von der Hütte stand und jemand drin sitzen sah, war es beruhigt, schnüffelte eine Weile auf dem Boden herum und trottete gemächlich wieder hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher Reden und Laute klangen heran und wieder hinweg. Ein gelles Lachen, das scharf durch die Nacht schlug und alles andere übertönte, einen Moment schrill über dem Erdboden hing und sofort hinweggeschluckt wurde, schien die Dunkelheit aufzufärben. Aber als es so hart abgeschnitten verlöscht war, lastete die Dunkelheit schwärzer und wuchtiger als zuvor. Zuweilen wehten einige Noten von der Geige durch die Nacht. Sie schwirrten tänzelnd und krächzend, kamen und gingen, ohne eine Verbindung mit Musik zurückzulassen.

Plötzlich stand Sleigh in dem türlosen Eingang wie ein Schatten. Alles, was man von dem Schatten sehen konnte, war das helle Gesicht.

„Ob das Mädel noch einen Schluck Kaffee zurückgelassen hat?“ fragte er. „Ich habe Durst.“

Das Mädchen verstand nicht Englisch, aber Kaffee hatte sie verstanden und aus dem fragenden Tonfall heraus instinktiv begriffen, was er meinte. Sie hatte geschlafen, denn ich hörte sie schnarchen. Aber das leise Herankommen Sleighs, das ich nicht gehört hatte, das hatte sie im Schlafe deutlich vernommen, und sie war dadurch wach geworden.

„Da steht noch Kaffee auf dem Feuer“, rief sie unter ihrem Netz hervor.

„De veras?“ sagte Sleigh. Dann ging er zum Feuer, wo die Kanne in den glimmenden Holzstückchen stand.

Er goß sich eine Tasse voll.

„Wollen Sie auch noch haben, Gale?“

„No, thanks just the same.“

Das Mädchen schnarchte bereits wieder.

Sleigh setzte sich mir gegenüber und sagte nach einer Weile: „Blitz und Donner noch mal, ich habe das dreckverfluchte Luder von Kuh nicht gesehen. That fucking son of a bitch hat doch ein Kalb hier. Kommt jeden Abend herein, auch des Mittags. Das Kalb ist fest. Ich glaube, wir haben einen Löwen herum. Vielleicht gar ein Pärchen. Dann geht’s bitter. Dem Pena ist vor ein paar Nächten eine feine Milchziege ausgeblieben. Nie wiedergekommen. Die Kuh ist sonst sehr pünktlich.“

„Wie alt ist denn das Kalb?“ fragte ich.

„Acht Wochen. Aber die hängen hier bei uns vier, fünf Monate an der Milch herum. Da ist ganz bestimmt etwas nicht in Ordnung. Ich werde ja morgen sehen. Jetzt in der Nacht kann ich doch nichts tun. Wir wollen uns was erzählen.“

Eine Minute darauf schlief er, nickte aber zu meinem Gespräch, runzelte die Stirn, zog den Mund zu einem Lächeln und machte vorschriftsmäßig alle die Gesten, die ich auf das, was ich sagte, von ihm erwartet hätte, wenn er völlig wach gewesen wäre. Aber er schlief seelenruhig.

„He!“ rief ich plötzlich laut. „Wenn Sie schlafen, brauche ich doch nichts zu sagen.“

„Schlafen?“ fragte er verwundert und mit einem beleidigten Ton in der Stimme. „Ich habe alles gehört, was Sie gesagt haben. Den Ladron Gomez kenne ich persönlich ganz gut, ich habe ja in Cuichapa Vanille gebaut, und in Huatusco war ich zwei Jahre mit einem Kakaofarmer.“

„Was ist denn nun eigentlich mit der Tanzgeschichte? Wird getanzt oder wird nicht getanzt? Wenn nicht, dann fange ich jetzt an zu schlafen. Das ist ja zum Auswachsen.“ Ich wurde in der Tat ungeduldig.

„Wir gehen jetzt wieder rüber zur Bomba, zur Pumpe. Da werden wir nun sehen, was los ist. Der Pumpmeister wird wohl Rat geschafft haben.“

Er zog sich gemächlich die ledernen Cowboy-Hosen herunter, kramte irgendwo einen zerbrochenen Kamm hervor, kratzte sich damit durch das Haar, und dann gingen wir los.

Als wir an der Hütte des Garza vorüberkamen, hing die Laterne noch vor dem Haus; aber Garza selbst saß nicht mehr da. Auch von den Jungen sahen wir keinen. In der Hütte war trübes Licht, und ich sah durch die Staketen, daß die Frau darin Toilette machte.

„Scheint doch Tanz zu sein,“ sagte ich zu Sleigh, „die Senjora da drin zieht sich ihr Bestes an.“

3

Es war dicke schwarze Nacht. Der Himmel war klar, und die Sterne standen hell in der schweren Finsternis.

Als wir zum Flußufer kamen, mußten wir nach der Brücke tasten. Drüben von der anderen Seite sahen wir die Laterne vom Pumpmeister herüberwinken. Endlich hatten wir die Brücke.

„Ei verflucht noch mal!“ sagte ich. „Da muß man verteufelt vorsichtig sein. Jetzt wäre ich doch wahrhaftig gleich in den Fluß gestürzt. Ist der denn tief?“

„Acht bis fünfzehn Fuß, an den Ufern ziemlich flach. Im Durchschnitt wohl sechs Fuß, an den tiefsten Stellen sicher nicht mehr als fünfzehn“, sagte Sleigh.

„Das ist tief genug, um für immer zu verschwinden“, erwiderte ich.

Ich war geradezu auf die Laterne des Pumpmeisters losgegangen, bis ich plötzlich dicht zu meinen Füßen Sterne funkeln sah. Darüber war ich so erstaunt, daß ich mit einem Ruck stehenblieb, um das Wunder zu betrachten. Aber diese Sterne, die da so merkwürdig glitzerten, war die Spiegelung des Flußwassers, das leise dahinwellte. Sleigh ging weiter rechts neben mir. Ich konnte ihn nur undeutlich sehen, hörte aber seine Tritte auf den Holzplanken der Brücke.