Part 9
Oben ist die Ausübung des Opferns in seiner einfachsten Form geschildert worden; allein es liegen auch Berichte vor, daß der Akt mit ganz besonders barbarischen Bräuchen umgeben wurde. So erzählt ~Sahagun~[214]: „Man band ihnen Hände und Füße. So gefesselt nahmen die Priester oder ihre Gehilfen sie auf ihre Schultern und führten unter diesem Gewicht verschiedene Tänze um ein großes Feuerbecken auf. Plötzlich warf man das Opfer in das lodernde Feuer, ließ es eine Weile schmoren, ergriff es dann noch lebend mit einem Haken und schleifte es über den Boden weg zum Opferstein, wo man ihm das Herz herausriß.“ Bei anderen Gelegenheiten baten die Gehilfen, daß die Opferung auf ihrem Rücken, statt auf dem Steine stattfände, damit sie recht von dem Opferblute überströmt wurden. ~Sahagun~ berichtet auch, daß man den Geopferten häufig die Haut abzog und daß sich damit irgend ein kräftiger Mann wie mit einer Kleidung bedeckte.
Im Gegensatz zu dieser Barbarei stand die aufmerksame Behandlung, welche häufig die zum Abschlachten Bestimmten vor ihrem Tode erlitten, und so gleich einer _demonstratio ad oculos_ der Vergänglichkeit menschlicher Freuden und Lüste erscheint; denn so kann man die ein Jahr lang dauernde Behandlung des Gefangenen vor seiner Opferung auffassen. Man wählte zu diesem Zweck einen schönen, jungen Gefangenen von tadelloser Körperbeschaffenheit und von aufgewecktem Geiste aus. Man lehrte ihn, berichtet ~Sahagun~, das Flötenspiel, man gewöhnte ihn an das Rauchen nach Art der Großen und Prinzen, die besten Speisen wurden ihm vorgesetzt, die schönsten Kleider angelegt und während der letzten Lebensmonate führte man ihm die schönsten Mädchen zu. War aber das Freudenjahr abgelaufen, dann fand unwiderruflich seine Opferung statt, nicht in der Hauptstadt Mexiko, sondern in einer Stadt zweiten Ranges. Er wurde in einem Schiffe über den See gefahren und in dem Maße, als er dem Bestimmungsorte sich näherte, entäußerte man ihn seiner Kleidung, bis er zuletzt nackt anlangte. Am Tage seiner Hinrichtung wurde sofort ein neuer Gefangener auserwählt, der anstatt des Geopferten nun ein Jahr lang in Herrlichkeit und Freuden lebte. Oft fanden beim Opfer auch Tänze statt, an denen man den Gefangenen zwang teilzunehmen.
Gewöhnlich waren es Kriegsgefangene, die man den Idolen opferte; mehrere Gefährten des ~Bernal Diaz~ sind so gemordet worden. Doch kamen auch freiwillige Opferungen vor, wie es denn sich ereignete, daß sogar hochgestellte Personen ihr Leben den Göttern darbrachten. Blutopfer der Priester selbst für die Götter waren nichts ungewöhnliches; sie schnitten sich z. B. die Ohren ab und brachten sie dem Idole dar, oder nahmen Blut von der Zunge, um das Götzenbild damit zu bestreichen.
Die Leichname der Geopferten wurden auf bestimmte Art verteilt und verzehrt. Sobald das Herz dem Gotte und das Blut den Tempelpriestern verteilt war, warf man den Kadaver auf die Stufen des Gebäudes. Hier wurde er von Priestern zerstückelt und unter die Anwesenden verteilt; war viel Menschenfleisch vorhanden, so wurden die nicht gleich zur Verwendung gelangenden Überreste eingesalzen oder getrocknet, wie ~Bernal Diaz~ wiederholt versichert.
Bei den Mexikanern war es außerdem ein Zeichen des Sieges, wenn sie ihren toten Feind verzehrten. Zu den Spaniern sagten sie: „bald werden wir euch verschmausen“. Aber außerdem war das Verzehren von Menschenfleisch bei ihnen auch Sache der Leckerei, denn bei großen Tafeln durfte es nicht fehlen. ~Bernal Diaz~ erwähnt auch die Käfige aus Holz, in welchem die zur Opferung bestimmten Sklaven eingeschlossen waren; man nährte sie gut, damit sie der Tafel ihres Herrn keine Schande machten. Dieser selbst, der die Sklaven gewissermaßen als seine Kinder betrachtete, aß jedoch nicht von ihrem Fleisch, das seine Freunde verzehrten. Hervorzuheben ist, daß die Mexikaner nur von dem Fleische rituell Geopferter aßen -- kein anderes Menschenfleisch, abgesehen von demjenigen der im Kriege erschlagenen Feinde. Bei der Belagerung Mexikos durch ~Cortez~ herrschte die größte Hungersnot, die zum Verzehren der Baumwurzeln zwang, aber die zahlreichen Leichen in der Stadt blieben von den Belagerten unberührt. Damit stimmt denn allerdings nicht, wenn ~Sandoval~ auf seinem Zuge gegen die Otomi fand, daß deren Krieger „Mais und gebratene Kinder als Proviant mit sich führten“.[215]
Die Anthropophagie verbreitete sich in Mexiko auch über die Nebenstämme des Landes aus, in einer Form, welche religiösen Beigeschmack hat. Nach ~Mendieta~ töteten nämlich die in der Gegend des heutigen Veracruz wohnenden Totonaken alle drei Jahr einige Kinder, deren Herzblut mit Ullisaft (von Cassidea elastica) und gewissen Kräutern zu einem Teig gemischt wurde, der für heilig galt und Toyolliaytlaqual hieß. Diese Speise mußten alle sechs Monate die Männer, welche über 25, die Frauen, welche über 16 Jahre alt waren, genießen. Welchen Zweck damit die Totonaken verbanden, giebt ~Mendieta~ nicht an.[216]
Man darf +Yukatan+ nicht ausschließen, wenn von der Anthropophagie im Kreise altamerikanischer Kulturvölker die Rede ist. ~Waldeck~ vernahm zu Merida aus glaubwürdiger Quelle, daß zu Ende des vorigen Jahrhunderts dort noch Kannibalismus vorgekommen sei; er berichtet Einzelheiten, läßt uns aber über die Beweggründe im Unklaren. Derselbe Reisende fragte weshalb die Lancadones und Cholos eine große Affenart verzehrten und erhielt von einem Indianer die Antwort: seit durch die Spanier das Menschenessen verhindert worden sei, hätten ihre Vorfahren „die kleinen Waldmenschen“ angegriffen und verzehrt.[217] Auch die Mittelamerikaner haben dereinst sich anthropophagen Genüssen ergeben.
+Centralamerika.+ Im September des Jahres 1528 hielt, wie ~Oviedo~ uns berichtet, der Fray ~Francisco de Bobadilla~, ein großes Examen mit den Indianern Nicaraguas ab, um die Natur ihrer Religion zu ergründen. Es waren Leute vom Stamme der Niquirans, wahrscheinlich mexikanischen Ursprungs, die ihm die vorgelegten Fragen beantworteten. Quiateot war der Regengott und auf des Priesters Frage, wie er veranlaßt würde, daß es regne, antworteten die Indianer: „Wir gehen in seinen Tempel und opfern ihm einige junge Kinder. Nachdem wir diesen die Köpfe abgeschnitten haben, besprengen wir mit deren Blut die Bildnisse und Steinidole in dem Hause der Götter, das in unsrer Sprache Teobat heißt.“ Frage des Priesters: „Was beginnt ihr mit den Körpern der Geopferten?“ -- Antwort der Indianer: „Diejenigen der Kinder begraben wir; die der Männer werden von den Kaziken und Häuptlingen verzehrt, doch nicht von dem übrigen Volke.“ Hiernach wurden also auch Männer geopfert, die in der ersten Antwort nicht erwähnt sind. Die Weiber waren von allen Dingen, welche die Tempel anging, ausgeschlossen und doch wurden auch ihre Körper in den Tempeln geopfert, indessen die Abschlachtung erfolgte im Vorhofe. Das Fleisch der Weiber wurde aber niemals angerührt, da sie in religiösen Dingen für unrein galten. Schlachtopfer waren aber nur Sklaven und Kriegsgefangene.[218]
+Peru.+ Wenn wir ~Antonio de Herrera~ Glauben schenken dürfen, so wurde der Kannibalismus auch von den Eingebornen am Cauca, im heutigen Columbia, in einer schauderhaften Weise ausgeübt; der Bericht ist jedenfalls übertrieben, wie ~Herrera~ denn gern in seinem Werke über Westindien Märchen einfließen läßt. Er sagt nämlich[219]: „Das Volk des Landes ist so fleischermäßig, daß die Lebendigen das Grab der Toten sind; denn es ist gesehen worden, daß der Mann sein Weib ißt, der Bruder den Bruder oder die Schwester, der Sohn den Vater, und wenn sie einen Gefangenen gemästet haben, so holen sie ihn an dem Tage, an dem er gefressen werden soll, mit mancherlei Gesängen herbei, und der Herrscher befiehlt, daß ein Indianer ihm jedes Glied abschneiden muß, und so fressen sie ihn bei lebendigem Leibe. Nach der Aussage der Einwohner von Arma haben sie mehr als achttausend Indianer verzehrt, und einige Spanier haben diese Qual auch ausgestanden.“
Wir erwähnen diese Erzählung des ~Herrera~ nur, weil sie uns geeignet erscheint, den Übergang zu der Anthropophagie der Inkaperuaner zu machen. Denn sowie bei dem hochstehenden Volke auf der Hochebene von Anahuac Menschenopfer und Kannibalismus herrschten, so kamen sie auch in Peru vor. ~Garcilasso de la Vega~ entwirft ein abschreckendes Bild von der Wildheit der ältesten Urbewohner Perus vor dem Auftreten der Inkas, indem er die Opferfeste beschreibt, bei denen Menschen zu Tode gemartert und gefressen wurden. Selbst unter den Inkas hatten die Peruaner diese blutige Sitte noch, obgleich dieses traurige Erbteil einer barbarischen Vorzeit unter einer humaneren Regierung schon vor der Ankunft der Europäer mehr und mehr in Vergessenheit geraten war.[220]
+Gebiet des Amazonas.+ Auf den Antillen (abgesehen von rückfälligen Negern), in Mexiko, im Gebiete der Cordilleren ist unzweifelhaft heute die Anthropophagie erloschen. Dagegen ist sie, was man mit Unrecht bezweifelt hat, noch weit in den Tiefebenen Südamerikas, zumal bei den umherstreifenden Horden im Gebiete des Amazonas und seiner Nebenflüsse vertreten. Zu den Zweiflern gehört in erster Linie der verdiente ~Eduard Pöppig~, welcher von den am Ostabhange der Anden lebenden Indianervölkern bemerkt: „Der ungewöhnliche Grad von Bildungsfähigkeit der meisten den Anden näher lebenden Stämme wird wohl am besten durch die Thatsache bewiesen, daß vor kaum 150 Jahren noch unter ihnen Gewohnheiten herrschten, die sie der Anthropophagie dringend verdächtig machten. Wenn man mit allem Ernste annimmt, daß dergleichen Völker die niedrigsten und wildesten sind, so ist es um so mehr Beweis ihrer guten Anlagen, wenn die Zucht der Europäer sie in ungewöhnlich kurzer Zeit von ihren Lastern zu entwöhnen und bis zu einem unverhältnismäßig hohen Grade zu civilisieren vermag“.[221] Andere, wie ~Azara~, haben die Anthropophagie der Südamerikaner ganz ableugnen, und alles darüber gesagte den sensationsbedürftigen Übertreibungen der Eroberer und Missionare zuschreiben wollen.[222] Die Thatsachen indessen beweisen, daß noch heute im östlichen Peru Menschenfresser wohnen, und daß mit Nichten anthropophage Völker zu den „wildesten und niedrigsten“ gehören. Im Gegenteil, wenn auch nicht immer, nehmen gerade diese sehr häufig eine höhere Stufe als ihre Nachbarn ein, die der Menschenfresserei nicht ergeben sind. Unter den neueren ist es ~Woldemar Schultz~, welcher, mit philanthropischem Blicke auf die südamerikanischen Indianer schauend, deren Anthropophagie in der Gegenwart in Abrede zu stellen versucht.[223]
Diesem gegenüber haben wir festzustellen, daß bei den auf tiefer Gesittungsstufe stehenden Jagd- und Fischernomaden des südamerikanischen Kontinentes, zumal bei den schwachen Horden, die verborgen in den Urwäldern am Amazonas und seinen Nebenströmen hausen, die Anthropophagie noch jetzt eine sehr verbreitete ist. Bei der atomistischen Zersplitterung dieser Völkerschaften kann nicht die Rede davon sein, alle einzeln in ihrer Beziehung zur Anthropophagie hier aufzuführen, doch genügt wohl eine Anzahl aus der Menge hervorgegriffener Beispiele. ~Karl Friedrich Philipp von Martius~ hat uns bewiesen, daß die physiologische Entschuldigung für die Anthropophagie bei den südamerikanischen Indianern in Wegfall kommt. „Nur selten, sagt er, verfällt der Mensch in diesen fruchtbaren und fischreichen Gegenden einem Hunger, der ihn zwänge, auf seines gleichen wie auf ein zahmes Wild Jagd zu machen. Die weibliche Bevölkerung ist mit so instinktivem Fleiße dem Anbau von Nährpflanzen und der Mehlbereitung ergeben, daß es nicht leicht zu jener Extremität des Hungers kommt. Aber außer allen übrigen Veranlassungen zu Streit und Krieg zwischen den Söhnen des Waldes, reizt ihn die Aussicht seine Gefangenen vorteilhaft zu verkaufen, zu fortwährenden Kämpfen und ein bei dieser Veranlassung getöteter Widersacher wird als Edelwild, das sich zur Wehre gesetzt hat, wie im Triumph verspeist. Es ist also weder dringender Hunger noch Nationalhaß, sondern Berechnung einer seltenen, leckeren, den rohen Stolz befriedigenden Mahlzeit, in gewissen Fällen vielleicht auch Blutrache und Aberglauben, was diesen Wilden zum Kannibalen macht. In der Kette ungünstiger Verhältnisse, welche ihn in seiner Entmenschung erhalten, ist die Anthropophagie eines der mächtigsten Glieder. Von allen tierischen Zügen in der sittlichen Physiognomie des Menschen ist sie der tierischste und obgleich sie ehemals vielleicht bei allen Völkerschaften Brasiliens im Schwange ging, ist sie doch gegenwärtig bei den meisten verabscheut. Die europäische Kultur kann sich rühmen erfolgreich gegen diese entmenschte Sitte angekämpft zu haben“.[224]
Die Kaschibos am Ucayale, denen wir uns zuerst zuwenden, haben wahrlich keinen Mangel an Wild, und der Fluß liefert ihnen Fische und Schildkröten in Menge, dessenungeachtet sind sie Kannibalen. Allerdings sind die Nachrichten darüber nicht immer bestimmt. _The Cashibos are said to be cannibals_ meint ~Herndon~[225], während Professor ~Raimondi~ angiebt, daß sie nur ihre Alten aus religiösen Gründen verzehren.[226] ~J. J. v. Tschudi~ dagegen behauptet, daß sie Kriege führten, um sich Gefangene zum Verzehren zu verschaffen. Auch Leute des eigenen Stammes verzehren sie, dagegen niemals Weiber, wie 1842 die Missionare von Ocopa aussagten, nicht etwa aus Rücksicht und Schonung, sondern weil sie die Weiber für etwas untergeordnetes und ihr Fleisch für giftig halten.[227]
Am Cosiabatay, einem Nebenflüßchen des Ucayale, fand ~Marcoy~ einen gekreuzigten Kaschibo-Indianer, die Schetibos hatten ihn hier lebendig ans Kreuz geschlagen. _C’etait une vieille coutume des Schetibos de tuer tout Cachibo qu’ils rencontraient, et cela pour punir la nation dans l’individu, de son goût décidé pour la chair humaine._ ~Marcoy~ bildet die ekelhafte Scene, wie die Aasgeier den Gekreuzigten zerfleischen, auch ab.[228]
Diese Kaschibos (Carapuchos, Callisecas, Fledermausindianer) reichen vom Pachitea bis zum Aguaita (linkes Ucayaleufer) und sind, wie Dr. ~Abendroth~, der sich unter ihnen aufhielt, versichert, gegenwärtig die einzigen Anthropophagen in Peru.[229] Noch 1865 wurden die peruanischen Offiziere Juan Tavara und Alberto West am Ucayale von den Kaschibos ermordet und gefressen, und als 1866 die ersten Dampfer vom Amazonas aus in den Ucayale einfahrend bis zu diesen wilden Indianern kamen, wurden sie von ihnen angefallen. In einem Gefechte kamen 25 Kaschibos um, die auch nach dem Berichte dieser Dampferexpedition „unzweifelhaft Kannibalen“ sind. Über die Motive des Kannibalismus bei den Kaschibos bleiben wir im Unklaren.
Kannibalischen Gewohnheiten ergeben sind, wie ~Martius~ bezeugt, die Miranhas und nach ~Marcoy~s Berichten die ihnen benachbarten Mesayas. Beide Völker, noch verhältnismäßig zahlreich, haben der Civilisation und den Seuchen Stand gehalten, beide leben in arger Feindschaft miteinander und verzehren gegenseitig ihre Gefangenen aus Rachsucht. Sie leben am Japure und an dessen Mündung in den Amazonenstrom sowie an letzterem selbst.
Die Mesayas gehören zu dem weit verbreiteten Stamme der Umaüas und sollen nach ~Marcoy~ noch tausend bis zwölfhundert Köpfe zählen. Ihre Ältesten erzählen den Ursprung der Anthropophagie bei ihnen folgendermaßen: Vor langer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, trieb sich eine Horde Miranhas am Japure umher und fand dort einen auf dem Sande schlafenden Umaüa. Diesen schlugen die Miranhas, welche sehr hungrig waren, tot und fraßen ihn auf. Die Umaüas erhielten Kunde von diesem Vorgange durch einen Vogel, den Surucua; sie begannen von nun an einen Rachekrieg gegen die Miranhas, und wer von diesen in ihre Gewalt geriet, wurde aus Rache und Wiedervergeltung aufgefressen. Dabei ging oder geht man mit ausgesuchtem Raffinement zu Werke. Der Gefangene wurde im Dorfe der Mesayas streng überwacht, aber nicht etwa eingesperrt. Man gab ihm eine Frau, die ihn recht gut und vollauf füttern mußte, damit er wohlbeleibt werde. Nach etwa einem Vierteljahre führte man ihn Abends bei Vollmond in den Wald; dort mußte er selber das Holz sammeln, mit welchem er gebraten werden sollte. Wenn er mit seiner Last im Dorfe angekommen war und dieselbe niedergelegt hatte, bezeichneten die Krieger, die ihn bisher bewachten, mit rotem Oker jene Körperteile, die sie am andern Tage verspeisen wollten, und nachher wurde bei Mondschein ein Tanz aufgeführt, an welchem der Gefangene teilnahm. Inzwischen brachten die Frauen das zum Schmause notwendige Geschirr herbei, und nach Mitternacht mußte der Miranha in seine Hütte gehen. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene gerufen; sobald er aus der Hütte trat, erhielt er sofort mehrere Keulenschläge auf die Schläfe und sank leblos nieder. Dann schnitt man ihm den Kopf ab, der auf eine Lanze gesteckt und im Dorfe umhergetragen wurde; den Körper schleppte man zu den Kochkesseln, wo er zerlegt wurde; auch die Knochen wurden entzwei geschlagen, damit man das Mark genießen könne. Von dem Schlachtopfer durfte nichts übrig bleiben als der mit Farbe bemalte Kopf, der in der Hütte des tapfersten Kriegers als Trophäe aufbewahrt wurde. Aber was geschah unmittelbar nach dem Schmause? Alle Mesayas waren bemüht, das genossene Menschenfleisch so rasch wie möglich wieder von sich zu geben; sie ekelten sich selber vor der abscheulichen Speise, und damit ist der Beweis geliefert, daß sie dieselbe nicht aus Gier nach Menschenfleisch verzehrt hatten, sondern lediglich der Rache und der Wiedervergeltung wegen. Der letzte Kannibalenschmaus soll nach ~Marcoy~ im Jahre 1846 stattgefunden haben.[230]
Was die Miranhas betrifft, so herrscht seit langer Zeit in ihrem Lande Hungersnot. Zu Ackerbauern haben sie sich nie emporgeschwungen, sie sind Jäger und Fischer. Seit langem nun giebt es in ihrem Gebiete am rechten Japureufer, wie ~Marcoy~ erzählt, weder Tapire noch Peccaris mehr, weder Affen noch große Nagetiere, selbst der Jaguar kommt nicht mehr vor, und da wird es begreiflich, wenn den Miranhas nachgesagt wird, sie fräßen ihre Kranken und Alten. Der Grund aber, weshalb sie ihr armseliges Gebiet nicht verlassen, ist die Feindschaft der angrenzenden Stämme, die jeden Miranha niedermachen, der sich bei ihnen blicken läßt.[231] Nachbarn der Miranhas waren die jetzt untergegangenen Yamas. Diese zerbrachen die Knochen ihrer Todten, um das Mark auszusaugen, und sie thaten dieses, weil sie meinten, im Marke stecke die Seele des Verstorbenen, und diese gehe in den Menschen über, welcher das Mark verzehrt.[232]
Am Madeira sind die wilden, in den Wäldern hausenden, von allem europäischen Einflüsse noch völlig unberührten Parentintins bei Crato unzweifelhaft Kannibalen, die einen brasilianischen Seringueiro (Kautschuksammler) bei Crato überfielen und auf einer Sandbank brieten und verzehrten, wobei sie von den Verfolgern überrascht wurden. Desgleichen gelten die Araras für Anthropophagen und beide Stämme sind Ursache, daß die Seringueiros nicht in die ausgedehnten, reichen Kautschukwälder der Nebenflüsse des Madeira vorzudringen wagen.[233]
Am Uaupés sind die Cobeus echte Kannibalen; sie verzehren die Leichen der im Kriege erschlagenen Feinde, ja sie führen Kriege zu dem ausgesprochenen Zwecke sich Menschenfleisch zu verschaffen. Haben sie mehr davon, als sie auf einmal verzehren können, so räuchern sie den Rest über Feuer und bewahren ihn lange auf.[234]
Die Indianer am Putumajo -- auf columbischem Gebiete im Territorium von Caqueta -- haben im Jahre 1883, wie aus einem amtlichen Berichte hervorgeht, einen jungen Columbianer Namens Portés erschlagen und verzehrt. „Die Indianer sind in der That Kannibalen, essen aber nur ihre Kriegsgefangenen, um Rache an denselben zu üben. Besondere Vorliebe für Menschenfleisch ist nicht vorhanden.“[235]
Am Jauari sind die Majorunas noch jetzt Kannibalen, wofür ~Bates~ die Beweise beibringt.[236]
Alle Tupivölker waren bei der Entdeckung Südamerikas Kannibalen und so kann es nicht Wunder nehmen, wenn nun auch heute noch die zu ihnen zählenden Stämme kannibalischen Sitten ergeben sind, so die im Gebiete des Tapajoz wohnenden Apiacas, die zu den Centraltupis gerechnet werden. Ihr Name stammt von dem Tupiworte Apiaba, Mensch und ihre Sprache ist der herrschenden lingua geral so nahe verwandt, daß über ihre ethnische Stellung keine Zweifel aufkommen. Wie ~de Castelnau~ berichtet[237], töten sie im Kriege alle ihre Feinde, gleichviel welchem Geschlechte dieselben angehören, um deren Leichname dann zu braten und zu verzehren. Die Kinder der Feinde führen sie aber mit in ihre Aldeas, um sie gleich ihren eigenen Kindern zu behandeln und mit diesen zu erziehen. Wenn aber diese gefangenen Kinder das Alter von 12 bis 14 Jahren erreicht haben, so dienen sie zu einer Kannibalenmahlzeit, welche von dem ganzen Dorfe unter großen Feierlichkeiten begangen wird. Mit Arafedern schön geschmückt zieht die Bevölkerung auf, die Kriegstrompeten erklingen und die unglücklichen Kinder werden in einem Kreis vor die tanzende Menge geführt. Hinter den armen Geschöpfen stehen die Pflegeeltern, welche sie aufgezogen und diese sind es auch, welche sie erschlagen. Während der nächtliche Tanz fortdauert, werden die Leichen zerstückelt und verzehrt. Auch junge Weiber hält man zuweilen jahrelang gefangen, ehe sie geschlachtet und gefressen werden.
+Anthropophagie der Tupi zur Zeit der Entdeckung.+ Sowohl in dem Berichte ~Marcoy~s über die Behandlung der zum Verzehren bestimmten Gefangenen, als in dem, was ~de Castelnau~ über die Apiacas sagt, erkennt man wesentliche Züge aus den eigentümlichen Gebräuchen wieder, die von den ersten Entdeckern uns geschildert werden, als sie die kannibalischen Gewohnheiten der Tupivölker kennen lernten.
~Amerigo Vespucci~, der 1501 die brasilianische Küste besuchte, bringt in einem Briefe an ~Lorenzo Medici~ ausführliche Mitteilungen über die Anthropophagie der Tupivölker, mit welchen er zusammentraf.[238] Nachdem er über die Kämpfe der Eingeborenen untereinander gesprochen, fährt er fort: „Wenn sie Sieger sind, schneiden sie die Besiegten in Stücke, verzehren dieselben und versichern, daß es ein sehr vortreffliches Gericht sei. Sie ernähren sich auch vom Menschenfleisch; der Vater verzehrt den Sohn und der Sohn den Vater, je nach Umständen und den Zufällen des Kampfes. Ich habe einen abscheulichen Menschen gesehen, der sich rühmte, mehr als 300 Leute verzehrt zu haben. Ich habe auch einen Ort gesehen, den ich etwa 27 Tage bewohnte und wo Stücke gesalzenen Menschenfleischs an den Balken der Häuser hingen, wie wir bei uns getrocknetes oder geräuchertes Schweinefleisch, Würste oder andere Eßwaren aufhängen. Sie waren höchst erstaunt, daß wir nicht gleich ihnen das Fleisch unserer Feinde verzehrten; sie sagten, daß nichts vortrefflicher schmecke als dieses Fleisch und daß man nichts saftigeres und delikateres haben könne.“
~Pigafetta~, welcher mit ~Magalhaes~ auf der ersten Weltumsegelung die brasilianische Küste berührte und zwei Monate im Hafen Sta. Lucia blieb, erzählt uns ein Geschichtchen[239] -- das den Ursprung der Anthropophagie bei den Tupivölkern erklären soll. „Die Einwohner haben den Gebrauch Menschenfleisch zu essen, üben aber diese Grausamkeit nur gegen ihre Feinde aus, und sagen, diese Gewohnheit habe ihren Anfang durch eine Frau genommen, deren einziger Sohn ermordet war. Als man nachher verschiedene von den Thätern gefangen zu der Alten geführt, wäre sie als ein wüthender Hund auf einen von ihnen gestürzt und hätte ihm einen Teil der Schulter abgefressen. Dieser wäre nachher zu den Seinigen entflohen und hätte ihnen seine Schulter gewiesen, worauf sie alle angefangen, das Fleisch ihrer Feinde zu verzehren. Doch essen sie solches nicht auf einmal, sondern schneiden es in Stücken und hängen es in den Rauch, und einen Tag essen sie ein Stück gekocht, und den andern gebraten, zum Andenken ihrer Feinde.“