Part 10
Daß der Kannibalismus sich nach Süden zu bis an den la Plata erstreckte, dafür haben wir abermals ~Pigafetta~s Zeugnis.[240] Unter 34½ Grad fanden die Weltumsegler einen großen Fluß von süßem Wasser -- den la Plata -- und „gewisse Leute, die man Kannibalen nennt und die Menschenfleisch essen. Unter anderen sahen wir einen derselben von unserem Schiff, der so groß wie ein Riese war und eine Stimme hatte wie ein Stier“. Der Name Kannibalen für Anthropophagen war also damals -- 28 Jahre nach Entdeckung der Neuen Welt -- schon gang und gäbe.
Nehmen wir eine der alten Reisebeschreibungen, eines der zahlreichen Flugblätter zur Hand, die im Beginn des 16. Jahrhunderts, kurz nach der Entdeckung Brasiliens, erschienen und von dieser handeln, so finden wir unfehlbar Berichte über die dort herrschende Menschenfresserei.
So zeigt ein um jene Zeit zu Nürnberg oder Augsburg gedrucktes Blatt das Bild eines brasilianischen Indianers nebst Erläuterung, in der es heißt: „Sy streiten auch miteinander. Sy essen auch einander selbst die erschlagen werden und hencken dasselbig Fleisch in den rauch.“[241] Keiner aber hat die Anthropophagie der Tupivölker besser und eingehender geschildert als unser Landsmann ~Hans Staden~ aus Homburg in Hessen, der als Abenteurer im Jahre 1547 beschloß, „Indien zu besehen“ und zehn Monate lang Gefangener der Tupinamba im heutigen Brasilien war, die er gründlich kennen lernte.[242]
Im 25. Kapitel des zweiten Teiles erläutert ~Hans Staden~ „warumb ein Feind den andern esse“ und er giebt darauf die Antwort: „Sie thuen das nicht aus Hunger, sondern nur aus großem Haß und Neid. Treffen sie im Kriege aufeinander, so rufen sie einander zu, daß sie ihrer Freunde Tod aneinander rächen, die Feinde erschlagen und verzehren wollen.“ ~Staden~, der selbst nur durch ein Wunder dem Tode unter den Tupinamba entrann, hat wiederholt den Kannibalenmahlzeiten beigewohnt, er spricht als unverdächtiger Augenzeuge und schildert im 38. Kapitel des zweiten Teils „mit was Ceremonien sie ihre Feinde tödten und essen“. Dort heißt es:
„Wenn sie ihre feinde erstmals heimbringen, so schlagen sie die weiber und die jungen. Darnach vermalen sie ihnen mit grawen federn, scheren im die augenbrawen über den augen ab, danzen umb in her, binden inen wol, das er inen nicht entläufft, geben im ein weib, das in verwaret, und auch mit im zu thun hat. Und wann die schwanger wirdt, das kind ziehen sie auf biß es groß wird. Darnach wann es inen in den Sinn kompt, schlagen sie es todt und essen’s. Geben im wol essen, halten inen eine zeitlang, rüsten zu, machen der gefeß vil, da sie die geträncke in thun, backen sonderliche gefeß, darin thun sie die reidtschaft, darmit sie in vermalen, machen fedderqueste, welche sie an das holtz binden, darmit sie in todtschlagen, machen eine lange schnur, Massurana genant, da binden sie inen ein, wann er sterben sol. Wenn sie alle reidschaft bey einander haben, so bestimmen sie ein zeit, wann er sterben sol, laden die wilden von andern dörfern, daß sie auff die zeit dahin kommen. Dann machen sie alle gefeße voll geträncke, und einen tag oder zwen zu vorn. Ehe dann die weiber die getrencke machen, führen sie den gefangen ein mal oder zwey auff den platz tantzen umb inen her.“
„Wenn sie nun alle bey einander sein, die von außen kommen, so heyßet sie der oberste der hütten wilkommen, spricht: so kompt helfet unsern feindt essen. Des tages zuvor, ehe sie anheben zu trincken, binden sie dem gefangenen die schnur Massurana umb den Hals. Desselbigen tages vermalen sie das holtz, Iwera Pemme genant, darmit sie ihn todt schlagen wöllen. Ist lenger denn ein klaffter, streichen ding daran, das klebet. Dann nemen sie eyerschalen, die sin graw, und sein von einem vogel Mackukawa genant, die stoßen sie klein, wie staub, und streichen das an das holtz. Dann sitzet ein fraw und kritzelt in dem angeklebten eyerschalen staub. Dieweil sie malet, stehet es vol weiber umb sie her, die singen. Wenn das Iwera Pemme dann ist, wie es sein sol, mit fedderquesten und anderer reidschaft, hencken sie es dann in eine ledige hütte über die erden an einen reidel, und singen dann darum her die ganze nacht.“
„Dasselbigen gleichen vermalen sie den gefangenen sein angesicht. Auch dieweil das weib an im malet, dieweil singen die andern. Und wann sie anheben zutrincken, so nemen sie den gefangenen bey sich, der trinket mit inen und sie schwatzen mit im.“
„Wann das trinken nun ein ende hat, des andern tages darnach ruhen sie, machen dem gefangnen ein hütlin auff den platz, da er sterben sol, da liegt er die nacht inne, wol verwart. Dann gegen morgen ein gute weil vor tage, gehen sie tanzen und singen umb das holtz her damit sie in todtschlagen wöllen, bis das der tag anbricht, dann zihen sie den gefangenen aus dem hütlin, brechen das hütlin ab, machen räum, dann binden sie im die Mussurana von dem hals ab und binden sie in umb den leib her, zihen sie zu beiden Seiten steiff. Er stehet mitten darin gebunden, irer viel halten die schnür auff beiden enden. Lassen in so ein weil stehen, legen steinlein bey ihn, damit er nach den weibern werfe, so umb ihn herlaufen und dräwen im zu essen. Dieselbigen sein nun gemalet und darzu geordiniret, wenn er zerschnitten würd, mit den ersten vier stücken um die hütten her zulaufen. Daran haben die andern kurtzweil.“
„Wann das nun geschehen ist, machen sie ein fewer ungefehrlich zweier schritt weit von dem Schlaven. Das fewer muß er lehen. Darnach kompt ein fraw mit dem holtz Iwera Pemme gelauffen, keret die fedderquesten in die höhe, kreischt von freuden, läuft vor dem gefangenen uber, das er es sehen soll.“
„Wann das geschehen ist, so nimpt eine mannsperson das holtz, gehet mit vor den gefangenen stehen, hält es vor in, daß er es ansiehet, dieweil gehet der, welcher in todtschlagen wil, hin, selb XIIII oder XV und machen iren leib graw mit äschen, dann kompt er mit seinen zuchtgesellen auf den platz bey den gefangenen, so uberliffert der ander so vor dem gefangnen steht, diesem das holtz, so kompt dann der könig der hütten und nimpt das holtz und steckts dem, der den gefangen soll todtschlagen, einmal zwischen den beynen her, welches nun eine ehr unter inen ist. Dann nimpt er wiederumb das holtz, der den todtschlagen sol, und sagt dann: Ja hie bin ich, ich wil dich tödten, denn die deinen haben meiner freunde auch viel getödtet und gessen, antwortet er: Wenn ich todt bin, so habe ich noch viel freunde, die werden mich wol rechen, darmit schlecht er inen hinten auf den kopff, das im das Hirn darauß springt, alsbaldt nemen in die weiber, ziehen in auf das fewer, kratzen ihm die haut alle ab, machen in ganz weiß, stopfen in den hintersten mit einem holtze zu, auf daß im nichts entgeht. Wann im dann die haut abgefegt ist, nimpt in eine mannsperson, schneidet im die Beine über den knien ab, und die arme an dem leibe, dann kommen die vier weiber, und nemen die stücke, und laufen mit um die hütten her, machen ein groß geschrey von freuden, darnach schneiden sie im den rücken mit den hintersten von den vorderleib ab, dasselbige theilen sie dann unter sich, aber das eingeweyd behalten die weiber, sieden, und in die brühe machen sie einen brey, mingau genannt, den trinken sie und die kinder. Das eingeweyd essen sie, essen auch das fleisch um das haupt her, das hirn in dem haupt, die zungen, und was sie sonst daran genießen können, essen die jungen. Wann das alles geschehen ist, so gehet dann ein ieder wiederumb heim, und nemen ir theil mit sich. Derjenige, so disen getödtet hat, gibt sich noch einen namen.“
+Botokuden.+ Die Botokuden, wie sie von den Portugiesen nach dem Stöpsel (_botoque_) in ihrer Unterlippe bezeichnet werden, sind unzweifelhaft Anthropophagen bis zum heutigen Tage. Dieses Volk haust in der Provinz Minas Geraes in dem weiten Raum zwischen dem Rio Doce und Rio Jequitinhonha, vom 17. bis 20.° s. B. Um über ihren Kannibalismus aufgeklärt zu werden, können wir uns an die Berichte deutscher Reisender halten: ~Eschwege~, ~Neuwied~, ~Tschudi~, welche uns die besten Nachrichten über sie vermittelt haben. ~Eschwege~ drang 1811 in die Wälder dieser Anthropophagen vor. Damals lebten die Botokuden mit ihren Nachbarn, Portugiesen wie Negern, in fortwährenden Kriegen, fielen über dieselben her, mordeten und fraßen sie. „Ein Augenzeuge der Greuelthaten erzählte mir, daß ihre Anzahl nicht sehr beträchtlich war, so daß sich alle an einem einzigen Neger, den sie brateten, satt aßen; von anderen schnitten sie Arme und Beine ab und nahmen sie als Lebensvorrat mit sich. Die getöteten Weißen hatten sie alle liegen lassen, aber alle Teile des Körpers querüber eingeschnitten, so ungefähr, wie man Fische zuzubereiten pflegt, wenn man sie einsalzen will. Den Getöteten saugen sie zuerst das Blut aus und dieses scheint ihnen das leckerste zu sein. Überhaupt hat man aber bemerkt, daß, sobald sie Negerfleisch haben, sie das Fleisch der Weißen nicht achten. Bei großem Überflusse schneiden sie den Negern auch nur die Waden und das Inwendige der Hände aus, welches wahre Leckerbissen sein sollen.“[243]
Prinz ~Maximilian zu Wied~, der 1815-1817 das Land am Rio Doce und Mucury durchstreifte, brachte unzweifelhafte Beweise der Anthropophagie der Botokuden mit. „Sie schälen das Fleisch vom Körper ihrer Feinde ab, kochen es in ihren Töpfen oder braten es; den Kopf stecken sie auf einen Pfahl.“ ~Neuwied~ hebt hervor, daß die Botokuden keineswegs aus Wohlgeschmack am Menschenfleisch zu Kannibalen geworden sind, dagegen spräche, daß sie einzelne Gefangene am Leben lassen; nur wilde Rachgierde treibe sie zu der schauderhaften Sitte.[244]
Bei ~J. J. v. Tschudi~, der die Botokuden am Mucury besuchte, erscheint die Anthropophagie dieses Volkes nicht in so grausigem Lichte wie bei ~v. Eschwege~. „Die Botokuden,“ sagt er, „werden zu den Anthropophagen gezählt und sie sind in der That Menschenfresser, aber nicht in der grausam blutdürstigen Bedeutung, die man gewöhnlich mit diesem Begriff verbindet, sondern bloß aus unersättlichem Heißhunger und aus Rache. Ich glaube nicht, daß sie einen Feind erschlagen, um ihn zu fressen, sondern daß sie einen erschlagenen Feind auffressen, weil er ihnen gerade wie gelegen und bequem Nahrung darbietet und sie überhaupt alles fressen, was sie nur verdauen können. -- -- -- Das Verzehren der Feindesleichen war und ist meistens in erster Linie eine Folge des heftigen Dranges den Hunger zu stillen, dann aber mag auch eine Befriedigung des Rachedurstes dazu kommen und in diesem Falle werden nur gewisse Körperteile des getöteten Gegners als Leckerbissen dem Siegesmahle beigefügt. Auffallenderweise sucht jeder Stamm den Vorwurf dieser scheußlichen Sitte von sich ab und auf andere Horden zu wälzen. Es mag doch vielleicht bei ihnen das Gefühl vorhanden sein, daß sie sich durch das Auffressen ihresgleichen selbst unter die Tiere stellen.“[245] Darnach stimmen ~Neuwied~ und ~v. Tschudi~ überein und wir dürfen bei den Botokuden Rachgier als den Beweggrund des Kannibalismus annehmen.
Südlich von den Botokuden treffen wir, gleichfalls noch in der Provinz Minas Geraes unter 21.° s. Br. an den oberen Zuflüssen des Parahyba, speziell am Rio Xipolo zwischen der Serra Geraldo und Serra do Onça auf die Coroatos-Indianer, ein sehr rohes Volk, welches im Beginn unseres Jahrhunderts noch 1900 Köpfe zählte. Bei ihnen, die einst wohl mehr der Anthropophagie ergeben waren, finden wir gleichsam die Ausläufer kannibalischer Gewohnheiten, da sie bei ihren Festen an dem abgeschnittenen Arme eines erlegten Feindes, der zuvor in Maiswein getaucht wird, zu saugen pflegen. „Der Arm des Puri geht beim Tanze in der Reihe herum, wird auch wohl aufgestellt und mit Pfeilen nach ihm geschossen, andere tauchen ihn in das Getränk, saugen davon und mißhandeln ihn auf alle mögliche Art.“[246] Unschwer ist aus dieser Schilderung zu erkennen, wie es sich auch hier um einen Racheakt handelt.
Die Puris, die am Parahybastrome hausen und stark dem Einflusse der Brasilianer ausgesetzt sind, erscheinen heute nicht mehr als Anthropophagen; daß sie es einst waren, beweist ihr Name, denn Puru oder Puri bedeutet nach ~Varnhagen~ einfach Anthropophage.[247] Noch zu ~Neuwied~s Zeit kamen bei ihnen Fälle von Kannibalismus vor.[248]
Es mag hier und da in Brasilien außer den angeführten noch Horden geben, welche kannibalischen Gewohnheiten fröhnen[249]; im allgemeinen läßt sich aber darthun, daß in Südamerika teils durch Verdrängung der Ureinwohner, teils durch Sittigung derselben die Anthropophagie ganz außerordentlich abgenommen hat, wie ein Vergleich mit den Berichten der ersten Besucher des Landes ergiebt.
+Araukaner.+ Noch haben bei diesen sich wenigstens Spuren erhalten, die auf ehemals weiter verbreitete Anthropophagie hinweisen. Als Genugthuung für die Manen der im Kriege gefallenen Tapferen des eigenen Stammes bringen sie Menschenopfer dar, zu denen Gefangene des feindlichen Stammes benutzt werden. Dem mit einer Keule erschlagenen Opfer wird das Herz aus der Brust gerissen und frisch dem Toqui dargereicht, der einige Tropfen Blut daraus saugt, um es alsdann den übrigen Häuptlingen zu geben, die damit ein gleiches thun.[250]
+Feuerländer.+ Unmöglich ist es nicht, daß der Kannibalismus sich einst durch ganz Südamerika bis zur Magalhaesstraße und darüber hinaus erstreckte. Nach ~Charles Darwin~ sind die Feuerländer demselben infolge häufiger Hungersnot ergeben, auch herrscht bei ihnen Elternmord[251], wie dieses auch Admiral ~Fitzroy~ bestätigt. „Fast immer im Kriege mit den Nachbarstämmen begriffen, treffen sie sich selten, ohne daß ein feindlicher Zusammenstoß erfolgt. Diejenigen, welche besiegt und gefangengenommen worden sind, werden, falls sie nicht schon tot sind, von den Siegern erschlagen und verzehrt. Arme und Brust essen die Frauen, die Beine erhalten die Männer und der Rumpf wird ins Meer geworfen.“ Auch im strengen Winter nehmen sie, wenn sie keine andere Nahrung finden können, „das älteste Weib aus ihrer Mitte, halten ihr den Kopf über dichten, durch grünes verbranntes Holz erzeugten Rauch, pressen ihr die Kehle zu und ersticken sie. Sie verzehren dann das Fleisch bis auf den letzten Bissen, den Rumpf aber werfen sie, wie bei dem vorhergehenden Falle, ins Meer“.[252] Auch ~W. Parker Snow~, der gute Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen, sagt, daß sie nur im Falle von Hungersnot die alten Weiber, zuletzt aber ihre Hunde fressen[253] und an anderer Stelle sagt derselbe: _They are cannibals from necessity, but, I believe, not from choice._[254] Ein neuerer Beobachter, der Franzose ~Marguin~, der längere Zeit unter ihnen lebte, spricht sie gänzlich frei. _On les dit anthropophages, mais rien pour moi ne justifie cette accusation_[255], und so auch Dr. ~Hyades~, der gleichfalls einige Zeit unter ihnen lebte und das Verzehren der alten Weiber für Fabel erklärt.[256]
+Eskimos.+ Bei den Eskimos mag wohl gelegentliche Anthropophagie aus Not und Hunger vorkommen, aber vom Kannibalismus aus anderen Beweggründen sind sie freizusprechen. Sie sind kein kriegerisches Volk, das seinen Rachedurst durch das Verzehren des überwundenen Feindes stillt, wie etwa ihre südlicher lebenden indianischen Nachbarn, die unter gleichen äußeren Bedingungen (bis zum Eismeer hin) leben, jedoch kriegerischer und rachdürstiger Natur sind. Ob aber unter den Eskimos Anthropophagie herrschte, läßt sich jetzt nicht mehr nachweisen. Die Anklänge einiger Legenden in dieser Richtung, sowie die von Eskimos selbst gezeichneten und ausgeführten Holzschnitte, welche das Menschenfressen darstellen[257], erscheinen nicht als genügender Beweis.
+Nordamerika.+ Bei den Indianern Nordamerikas mag in früheren Zeiten die Anthropophagie viel weiter verbreitet gewesen sein, als sie jetzt noch vorhanden ist. In der That war sie zur Zeit der Entdeckung schon auf ein geringes zusammengeschmolzen. Heute ist nur wenig von derselben vorhanden, und auf Rachsucht am Feinde als Beweggrund zurückzuführen, abgesehen von dem durch Not erzeugten Kannibalismus. So systematisch wie in Mexiko oder weit ausgedehnt wie bei den Jagdnomaden der Südhälfte des Kontinents scheint die Anthropophagie im Norden überhaupt nie vertreten gewesen zu sein.
Für das Vorkommen der Anthropophagie in den Hudsonsbai-Ländern bei den dortigen Indianern haben wir das Zeugnis des heldenmütigen ~Samuel Hearne~, der auf sehr beschwerlichen, an Entbehrungen überreichen Reisen 1770-1771 von Fort Churchill an der Hudsonsbai bis zur Mündung des von ihm entdeckten Kupferminenflusses in das Eismeer vordrang. Er berichtet[258]:“Diejenigen, welche mit der Geschichte der Hudsonsbai bekannt sind, und das Elend kennen, welches die Bewohner dieser Gegenden häufig erfahren, werden darin nur die alltäglichen Begebenheiten des Lebens der Wilden finden, die nicht selten durch die Not gezwungen werden, einander zu verzehren. Die südlichen Wilden -- es sind die Tinnévölker gemeint -- haben über diesen Punkt die sonderbare Meinung, daß sobald einer ihres Stammes, durch Not gedrungen, Menschenfleisch genossen hat, bekommt er davon einen solchen Geschmack, daß sich niemand unter seiner Gesellschaft des Lebens sicher glaubt. Und ungeachtet es allgemein bekannt ist, daß nur die Not zu diesem schrecklichen Genusse treibt, so werden doch diejenigen, die daran Teil genommen haben, allgemein vermieden und durchgängig verabscheut und verachtet. Kein Wilder erlaubt ihnen, sein Zelt neben dem seinigen aufzuschlagen, sie werden oft sogar heimlich ermordet. Ich habe mehrere dieser Unglücklichen gesehen, die vorher allgemein geschätzt, im besten Ansehen standen und nun so verachtet und vernachlässigt wurden, daß nie ein Lächeln ihren Blick erheiterte, eine tiefe Schwermut herrschte in allen Zügen, und in dem kummervollen Auge lag deutlich die Frage: „Warum verachtet ihr mich wegen meines Unglücks? Die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo die Not auch euch dazu verleiten kann.“ ~Hearne~ war 1775 Zeuge in Cumberland House -- westlich vom Winnipegsee --, daß ein Indianer in Gefahr geriet, von seinen Gefährten umgebracht zu werden, da er im Verdachte stand, Menschenfleisch genossen zu haben.“[259]
~J. Long~, ein britischer Holzhändler, welcher gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Canada und die Region der großen Seen Nordamerikas durchstreifte, ein mit den Sprachen und Sitten der Rothäute außerordentlich vertrauter Mann, führt die Anthropophagie der Chippeways auf Blutdurst und Rachsucht zurück. Nachdem er verschiedene Mordgeschichten erzählt, fährt er fort[260]: „Ein Missionar der Jesuiten erzählte mir über diesen Gegenstand eine Geschichte, die niemand ohne Schaudern anhören wird. Ein indianisches Weib in seiner Mission fütterte ihre Kinder mit einem gefangenen Engländer, den ihr Mann eingebracht hatte. Sie hieb ihm sogleich einen Arm ab und gab den Kindern das strömende Blut zu trinken. Als der Jesuit ihr die Grausamkeit dieser Handlung vorhielt, sah sie ihn an und sagte: ‚Ich will Krieger aus ihnen haben, und darum füttere ich sie mit Speise von Menschen.‘“ Hier liegt also ein abergläubiges Motiv zu Grunde.
Eine Autorität wie ~Alexander Mackenzie~, den seine Entdeckungsreisen und sein langer Aufenthalt in Britisch Nordamerika wohl zu einem maßgebenden Urteil befähigen, leugnet die Anthropophagie der Chippeways im allgemeinen und giebt nur Fälle zu, in denen Hungersnot zu derselben trieb. „Wenn man,“ sagt er, „bei irgend einem Volke, nach dem unfruchtbaren Zustande seines Landes, voraussetzen könnte, daß es von Natur kannibalisch wäre, so möchte man bei der zuweilen eintretenden Schwierigkeit, sich Nahrung zu verschaffen, dieses Volk (die Chippeways) dem Vorwurf unterworfen glauben. Aber bei aller meiner Bekanntschaft mit ihnen erfuhr ich nie ein Beispiel dieser Neigung; auch sah und hörte ich unter allen Eingeborenen, die ich auf meinem Wege von 5000 (englischen) Meilen traf, nie von einem Beispiele von Kannibalensinn, sondern nur von solchen, die von der unwiderstehlichsten Notwendigkeit herrührten, die, wie man weiß, auch Menschen von den civilisiertesten Völkern einander zu verzehren zwingt.“[261] Auf solchem Boden steht auch ~P. Kane~, der bei den Chippeways nur Kannibalismus verursacht _from absolute want_ zuläßt, dabei aber darauf hinweist, daß unter den Chippeways ein Stamm als „Windigo“ bezeichnet werde, was bedeutet „Einer, der Menschenfleisch verzehrt“, worin eine geschichtliche Reminiscenz an früheren Kannibalismus erkannt werden mag.[262] Wie weit die Ableugnungen ~Mackenzie~s und ~Kane~s berechtigt sind, mag das Folgende ergeben.
Der apostolische Vikar ~H. Faraud~, der achtzehn Jahr lang als Missionar in der Athabaska-Region verlebte, bestätigt nämlich auf das entschiedenste den jetzt noch vorhandenen Kannibalismus der nördlichen Indianer. Derselbe sei allerdings teilweise aus Not im Winter bei Nahrungsmangel verursacht, dann schlachte man gewöhnlich Weiber oder Kinder -- teilweise aber sei er eine Folge der Rachsucht im Kriege. Und hier beschuldigt er Kris und Schwarzfüße, die auf dem Schlachtfelde, nachdem sie den getöteten Feind skalpiert, diesem das Herz herausreißen und an Ort und Stelle verzehren.[263]
Gewöhnlich scheint der Kannibalismus nur bei den Chippeways, Miamis, Potowatomis und überhaupt bei den Rothäuten vom Algonkinervolke gewesen zu sein; bei den Potowatomis hingegen scheint er nur das Privilegium einer Gesellschaft oder Brüderschaft zu sein. Die Mitglieder dieser Brüderschaft sind nicht allein mit großen Heldentugenden begabt, sondern sie sollen diese auch durch Zaubersprüche mitzuteilen imstande sein.[264]
Wie ~Keating~ bezeugt, ist bei den Chippeways Kannibalismus nach einer Schlacht stets allgemein gewesen; ja, fügt er hinzu, man hat unter ihnen Beispiele, wo das Menschenfleisch gedörrt und Jahre lang aufgehoben wurde, um nach langer Zeit einen Schmaus daraus zu bereiten, zu dem sie Gäste einluden.[265] Die Dakotas (Sioux) spricht er dagegen frei von der Anklage des Kannibalismus.[266] Sein Führer und Dolmetscher, ein Halbblutindianer ~Renville~, versicherte ~Keating~, daß er dabei zugegen war, als die Briten im Jahre 1813 in Verbindung mit einem Corps von etwa 3000 Indianern das Fort Meigs belagerten, letztere einen gefangenen Amerikaner schlachteten und in so viele Teile teilten, als Nationen gegenwärtig waren, indem sie den tapfersten unter jeder Nation aufriefen, um seinen Anteil an dem Kopf und Herzen zu empfangen. Der dazu aufgeforderte Dakota aber äußerte hierüber seinen Abscheu, weigerte sich das Fleisch zu essen und entfernte sich. Der englische Oberst ~Dickson~ aber, welcher die Truppen kommandierte, ließ den Winnebago rufen, der die Sache angeregt, machte ihm Vorwürfe und schickte ihn aus dem Lager fort.[267]
Furchtbare Rachsucht, die über das Leben hinaus den Feind noch verfolgen will, war der wesentlichste Beweggrund des Kannibalismus der Rothäute und so sind denn unter ihnen darauf zielende Ausdrücke wie „das Herz des Feindes verzehren“ oder „Feindesblut trinken“ sehr verbreitet. Algonkiner und Irokesen sind ganz entschieden in diesem Sinne Anthropophagen gewesen und die Mohawks, die zu den Irokesen gehören, haben sogar ihren Namen davon, denn er lautet richtig Mauquawog = Menschenfresser.[268] Nach Dr. ~Samuel Mitchills~ Berichten waren die im Staate New-York einst lebenden Indianer Anthropophagen. Die Ottawas kochten Suppe aus dem Fleische gefangener Irokesen. Unter den Miamis bestand ein Ausschuß von sieben Kriegern, _whose business it was to perform the maneating required by public authority_. Ihr letztes Kannibalenfest, bei dem ein Weißer aus Kentucky verzehrt wurde, fand gegen Ende des vorigen Jahrhunderts statt. Im Beginne unseres Säculums lebten noch Mitglieder des Menschenfresserkomitees der Miamis.[269]