Die Anthropophagie

Part 11

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Das mag genug sein, um festzustellen, daß die Indianer im Osten der Felsengebirge in geschichtlicher Zeit und bis auf unsere Tage herab nicht frei zu sprechen sind von Kannibalismus, wenn auch hervorgehoben werden muß, daß derselbe nur in geringem Umfange sich zeigt. Es hindert uns aber nichts anzunehmen, daß die Anthropophagie einst weit häufiger war, worauf auch die Spuren prähistorischen Kannibalismus hindeuten.

Diese zuerst nachgewiesen zu haben ist das Verdienst des Prof. ~Jefries Wyman~, welcher die uralten Muschelhügel am St. Johns River im östlichen Florida untersuchte und dabei zahlreiche Menschenknochen fand, die keineswegs, nach ihrer zerstreuten Lage zu schließen, von Begräbnissen herrühren konnten. Fast alle waren zerbrochen und oft fehlten wichtige Teile des Skelettes. Die Art und Weise, wie das Zerbrechen stattgefunden hatte, entsprach jener der Tierknochen, die in den Küchenabfallen (als welche die Muschelhügel zu gelten haben) vorkommen; die Knochen von Hirschen und Alligatoren waren wie die Menschenknochen behandelt und überall zeigte sich Methode, welche das Zerbrechen der Knochen etwa durch Tiere ausschloß. Wie in ähnlichen Fällen in Europa schließt ~Wyman~ aus dieser Art der Knochenbehandlung auf Kannibalismus der alten Bewohner von Florida, welche ihre Küchenabfälle in den Muschelhügeln hinterließen.[270]

+Nordamerikas Westküste.+ Kannibalismus ist auch bei den kalifornischen Indianern bekannt gewesen. Noch existieren unter ihnen Sagen von Menschenfressern und die das Land erobernden Spanier erzählten, daß die Wappo (oder Ash-o-chi-mi) in den heißen Quellen des Calistoga-Thales einst Menschenfleisch kochten, daher der frühere spanische Name Carne Humana für diese Quellen.[271]

In Nordwestamerika ist die Vancouverinsel, das Küstengebiet von Britisch-Columbia mit seinen Fjorden, sowie das benachbarte Inselgewirr der Sitz einer ganz eigentümlichen Art von Anthropophagie, die hier mit sozialen Rangstufen und einer Art von Kultus verknüpft ist. Dort wohnen die in ethnologischer Beziehung sehr ausgezeichneten Quakult, Tschimsian und Bella Coola-Indianer, über die wir Kapitän ~Jacobsen~ eingehende Nachrichten verdanken. Der letztere Stamm ist von ihm 1885, vertreten durch neun Individuen, in verschiedenen deutschen Städten gezeigt worden und es hat sich herausgestellt, daß die Art der von ihm betriebenen Anthropophagie identisch ist mit derjenigen, welche die Quakult auf Nordvancouver üben, die ~Jacobsen~ ausführlich geschildert hat.[272]

Diese Indianer, die durch ihre künstlerischen Leistungen hervorragen, sind Menschenfresser bis auf unsere Tage gewesen, wo die überhand nehmende Herrschaft der Engländer ihrem Kannibalismus ein Ziel setzt. Sie haben unter sich eine Anzahl gesellschaftlicher Rangstufen, deren höchste die der „Hametze“ oder Menschenfresser ist. Diejenigen, welche dieser Kaste angehören, sind stolz darauf und genießen unter ihrem Stamme besondere Ehren. Freilich ist bei ihnen jetzt die Zeit vorüber, in der sie Sklaven oder Kriegsgefangene schlachten und verzehren konnten, ohne daß Jemand sie daran hinderte; aber sie entschädigen sich auf weit gräßlichere Weise, indem sie bei ihrem Feste menschliche Leichen verzehren, die bereits ein oder mehrere Jahre alt sind.

Nicht das Bedürfnis nach Fleischnahrung treibt die Hametzen zu dieser Art von Kannibalismus. Menschenfleisch zu essen gilt bei ihnen als Vorrecht, das nur solchen ausgezeichneten Leuten gestattet wird, die eine ganze Reihe von Kasteiungen und Vorbereitungen durchgemacht haben. Ein aus gewöhnlichem Geschlechte stammender Indianer wird nie zur Hametzenwürde zugelassen, dieses ist nur den Söhnen von Häuptlingen oder sonst hervorragenden Leuten gestattet. Die Vorbereitungen dauern vier Jahre und es erhält der Eintretende als besonderes und ehrendes Abzeichen ein aus Cedernbast gefertigtes Band, welches er über der linken Schulter unter dem rechten Arme durchgehend trägt. Während der letzten vier Monate der Lehrzeit verlassen die angehenden Hametze Haus und Familie, um in stiller Waldeseinsamkeit und unter körperlichen Entbehrungen sich zur letzten großen Ceremonie vorzubereiten. Nachdem diese Periode vorüber, ist der Augenblick gekommen, daß der so vorbereitete „Hametze“ werden soll. Er muß zunächst Menschenblut genießen. „Der künftige Hametze springt plötzlich aus dem Walde hervor, mitten in das Dorf hinein, stürzt sich auf einen der Anwesenden und beißt ihn in den Arm oder das Bein, indem er zugleich etwas Blut aussaugt.“ Der Gebissene hat das Recht Zahlung für diesen Akt zu verlangen, die in Decken (Blankets) bis zu 40 Stück geleistet wird.[273]

Die Hametze genießen besondere Vorrechte. Ihre Tanzmasken, ihre Rasseln, ihre Kopf-, Hals- und Armringe sind besonders schön hergestellt und verziert. Wenn ein Hametze an einem Tanzfest teilnehmen soll, sind vier Häuptlinge nötig, welche ihn viermal hintereinander einladen müssen, ehe er sein Erscheinen zusagt. Beim Feste bilden sie den Gegenstand allgemeiner Hochachtung und sie selbst fühlen sich als Wesen höherer Gattung und lassen sich feiern.

Mit dem Trinken des Menschenbluts hat ein Hametze jedoch noch nicht den höchsten Grad seiner Würde erreicht. Die Ceremonie, bei welcher dieses geschieht, wird von den Hametzen allein in tiefster Einsamkeit gefeiert. Ist das Kannibalenmahl vorüber, so hat der Hametze das Recht an seiner Maske einen kleinen, aus Holz geschnitzten Menschenschädel zu befestigen. ~Jakobsen~ sah Indianer, die nicht weniger als acht solcher Schädel an der Maske trugen. Wenn die Leiche, von der diese Leute einige Bissen zu sich nehmen, genügend alt und mumifiziert ist, so soll der Genuß unschädlich sein, dagegen ist es wiederholt vorgekommen, daß beim Genuß vom Fleische verhältnismäßig frischer Kadaver einige Hametze durch Blutvergiftung ihr Ende gefunden haben.

Noch im Jahre 1859 sah es der Verwalter der Hudsonsbai in Fort Rupert, ~Hundt~, mit eigenen Augen an, daß dort (Nordvancouver) ein gefangener Sklave bei Gelegenheit eines großen Festes an einen Pfahl gebunden und ihm der Leib aufgeschnitten wurde, worauf die Hametze ihre Hände mit dem hervorströmenden Blut füllten und letzteres tranken. Wahrscheinlich wurde der Sklave nachher ganz verzehrt. Zur Strafe für diese Unthat ließ die englische Regierung das Dorf jener Indianer durch ein Kanonenboot zerstören.

Bei den Wintertänzen der Indianer auf West-Vancouver sah ~Jakobsen~ Szenen, wie die eben geschilderte, wenigstens pantomimisch dargestellt.[274]

Das Leichenfressen ist auch bei den Vancouver gegenüber am Festlande wohnenden Tschimsian festgestellt, während bei den nördlicher wohnenden Tlinkit (im ehemals russischen Nordamerika) und bei der Haida (auf den Königin Charlotte-Inseln) nichts sicheres über etwa vorhandene Anthropophagie verlautet.[275]

[210] ~Navarrete~, Coleccion de los viages. Madrid 1825. I. 204.

[211] Histoire générale des Antilles. II. 401.

[212] ~Herrera~ (bei ~Purchas~ His Pilgrims III. 865) berichtet, daß ein Mönch auf Dominica verzehrt worden sei; alle, die von seinem Fleische aßen, wurden krank oder starben. ~Purchas~ macht dazu die Marginalbemerkung: Frier vnwholsome food.

[213] ~D. Jourdanet~, Histoire véridique de la conquete de la Nouvelle-Espagne par Bernal Diaz. Seconde édition. -- -- suivie d’une étude sur les sacrifices humains et l’anthropophagie chez les Aztèques etc. Paris 1878.

[214] Tom. I. lib. II. cap. X.

[215] Drei Berichte von ~F. Cortez~ an ~Karl V.~ Deutsch. Berlin 1834. 337.

[216] ~Fray Geronimo de Mendieta.~ Ed. ~Icazbalceta~. Mexico. Lib. II. cap. 16. 19 und ~H. Strebel~, Alt-Mexiko. 12.

[217] ~Waldeck~, Voyage pittoresque et archéologique dans le Yucatan. 1838. Nach ~Kottenkamp~, Geschichte der Kolonisation Amerikas. I. 24.

[218] Nach ~Squier~ in Transact. Americ. Ethnolog. Soc. III. 138. 139. (New York 1853.)

[219] ~Herrera~ bei ~Purchas~ His Pilgrims, The Third Part. London 1625. 890.

[220] ~Garcilasso de la Vega~, Histoire des Yncas rois du Perou. Traduit de l’Espagnol. Cap. IX. 21. ~Prescott~, Eroberung von Peru. I. 81.

[221] ~E. Pöppig~, Reise in Chile, Peru und auf dem Amazonenstrome. Leipzig 1835. II. 449.

[222] ~Azara~, Voyages dans l’Amérique meridionale. II. 2.

[223] ~Woldemar Schultz~, Natur- und Kulturstudien über Südamerika und seine Bewohner im 4. und 5. Jahresbericht des Vereins für Erkunde zu Dresden. 1868. 72.

[224] ~v. Martius~, Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde Amerikas. Leipzig 1867. I. 538.

[225] ~Herndon~, Exploration of the Amazon. Washington 1854. 209.

[226] Anthropological Review. I. 38 (1863).

[227] ~J. J. v. Tschudi~, Peru. II. 222.

[228] ~Paul Marcoy~, Voyage de l’océan pacifique à l’océan atlantique à travers l’Amérique du Sud, im Tour du Monde. XI. 220.

[229] Dr. ~Abendroth~ im Globus. XIX. 379.

[230] ~Paul Marcoy~ im Tour du Monde. XV. 135.

[231] ~Paul Marcoy~ a. a. O. 138.

[232] ~Marcoy~ a. a. O. 139.

[233] ~Keller-Leuzinger~, Vom Amazonas und Madeira. Stuttgart 1874. 32. 99.

[234] ~A. R. Wallace~, Amazon and Rio Negro. London 1853. 498. -- ~v. Martius~, Beiträge zur Ethnographie Amerikas. I. 600.

[235] Nach Panama Star and Herald vom 12. April 1883 im Ausland 1883. 437.

[236] The Naturalist on the Amazonas. London 1864. 454.

[237] Expédition dans les parties centrales de l’Amérique du Sud. Paris 1850. III. 314.

[238] Relation du voyage d’Améric Vespuce aux cotes du Brésil fait en 1501 et 1502, adressée a Lorenzo di Pierfrancesco de Medici. ~Charton~, Voyageurs anciens et modernes. III. 198. Paris 1863. Der Brief ward bereits 1503 in Paris gedruckt.

[239] ~Anton Pigafetta~: Erste Reise um die Welt durch ~Ferdinand Magelhan~. Aus dem Italienischen. In ~C. M. Sprengel~s Beiträgen zur Völker- und Länderkunde. Leipzig 1784. IV. 13.

[240] A. a. O. 16.

[241] Vierter und Fünfter Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Dresden. 1868. 14.

[242] Warhafftig historia und beschreibung einer landschafft der wilden, nacketen, grimmigen menschenfresser leuthen, in der newen weit America gelegen, vor und nach Christi geburt im Land zu Hessen unbekannt, bisz auff dise II nechst vergangene jar, da die ~Hans Staden~ von Homberg ausz Hessen durch sein eygne erfarung erkant, und ietzund durch den truck an tag gibt. Franckfurt am Main durch Weygandt Han. 1556. Herausgegeben von Dr. ~K. Klüpfel~ in der Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart. Band 47. Stuttgart 1859.

[243] ~W. C. v. Eschwege~, Journal von Brasilien. Weimar 1818. 89.

[244] ~Maximilian Prinz zu Neuwied~, Reise nach Brasilien. Frankfurt a. M. 1821. II. 49. 50.

[245] ~Joh. Jak. v. Tschudi~, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866. II. 280.

[246] Hauptmann ~Marlier~s Bericht bei ~v. Eschwege~ a. a. O. 121. 127. 201.

[247] ~A. v. Varnhagen~, Historia geral do Brazil etc. Rio de Janeiro 1854. Tom. I. 100. ~Schulz~, Natur- und Kulturstudien über Südamerika. 15.

[248] ~Neuwied~ a. a. O. I. 161.

[249] Nach Dr. ~Couto da Magalhaes~ fressen die Chavantes am Araguay die Leichen ihrer verstorbenen Kinder, weil sie wähnen, daß dadurch die Seele dieser Kinder in die ihrige übergehe. (Brazil and River Plate Mail 21. Febr. 1874.)

[250] ~E. Reuel Smith~, The Araucarians. New York 1855. 274.

[251] ~Charles Darwin~s Naturwissenschaftliche Reisen. Deutsch von ~Dieffenbach~. Braunschweig 1844. I. 230.

[252] ~Lubbock~, Die vorgeschichtliche Zeit. Jena 1874. II. 240.

[253] A two years’ cruise off Tierra de fuego. London 1857. II. 358.

[254] Transact. Ethnolog. Soc. New Series. I. 264 (1861).

[255] Bulletins de la société de géographie. 1875. 501.

[256] Revue d’Ethnographie. IV. 552.

[257] Anthropological Review. III. 145 (1865).

[258] ~Samuel Hearne~s Tagebuch seiner Reise von Fort Prinz Wallis in der Hudsonsbai nach dem nördlichen Weltmeer. In „Auswahl der Nachrichten zur Aufklärung der Völker- und Länderkunde“ von ~M. C. Sprengel~. Halle 1797. VII. 126.

[259] A. a. O. 127.

[260] ~J. Long~s See- und Landreisen, enthaltend eine Beschreibung der Sitten und Gewohnheiten der Nordamerikanischen Wilden. Aus dem Englischen. Hamburg 1791. 115.

[261] ~Alexander Mackenzie~s Reisen von Montreal durch Nordwestamerika nach dem Eismeer und der Südsee in den Jahren 1789 und 1793. Aus dem Englischen. Hamburg 1802. 144.

[262] ~P. Kane~, An artist among the Indians. London 1859. 58. 60.

[263] ~H. Faraud~, Dix-huit ans chez les sauvages. Paris 1866. Danach Bull. d. l. soc. d’Anthropologie. 1885. 38.

[264] ~William Keating~, Exped. to the source of St. Peters River. London 1825. I. 103. ~Keating~ war Mitglied der großen Ver. Staaten Expedition unter Major ~Stephen Long~.

[265] ~Keating.~ I. 412.

[266] Nach ~Schoolcraft~ sollen indessen die Sioux (Dakotas) früher wenigstens das Herz des Feindes gefressen haben. Indian tribes. III. 241. Und, wie die amerikanischen Zeitungen berichteten, hat der berühmte Sioux-Häuptling ~Sitting Bull~ noch vor wenigen Jahren das Herz der im Kampfe gefallenen amerikanischen Offiziere verzehrt, um so tapfer wie sie zu werden.

[267] ~Keating~. I. 103.

[268] ~Drake~, The book of the Indians. Boston 1854. III. 37.

[269] Archaeologia Americana. Worcester, Mass. 1820. I. 353.

[270] Human Remains in the Shell Heaps of the St. Johns River. In Seventh Annual Report of the Peabody Museum. Cambridge, Mass. 1874. 26.

[271] Contributions to North American Ethnology. III. 196. 344.

[272] Kapitän ~Jacobsen~s Reise an der Nordküste Amerikas. Leipzig 1884. 47 ff.

[273] Bei den von ~Jacobsen~ 1885 umher geführten Bella Coola sah ich zahlreiche auf diese Art von Hametzen herbeigeführte Bißnarben auf Armen und Brust mehrerer Individuen.

[274] ~Jacobsen~s Reise. 109.

[275] ~Krause~, Die Tlinkit-Indianer. Jena 1885. 318.

+Ergebnisse+.

Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß die Beweise für ein Vorkommen der Anthropophagie in vorgeschichtlicher Zeit noch wenig zahlreich und teilweise nicht recht beglaubigt sind, so liegt dies vor allem in der ungenügenden Zahl der Untersuchungen, sowie in der Schwierigkeit derselben. Immerhin aber mag nach dem angeführten Beweismaterial die Anthropophagie prähistorischer Menschen angenommen werden dürfen und diese Annahme hat nichts überraschendes, wenn wir gewahren, wie weit verbreitet heutzutage der Kannibalismus noch ist und wie derselbe sich einst über weit ausgedehnte Landstriche erstreckte. Wenn es sich auch nicht absolut beweisen läßt, so kann man doch annehmen, daß die Anthropophagie eine der Kinderkrankheiten des Menschengeschlechts war; daß dieselbe auch einst weit über unsern, heute davon freien Erdteil sich verbreitete, dafür sprechen die zahlreichen sie erwähnenden Stellen der alten Schriftsteller, die, mögen sie auch hier und da auf Übertreibung beruhen oder gar Fabeln sein, doch vereinigt mit dem, was Mythen und Sagen, Märchen und Volksüberlieferungen aller Art uns lehren, in ihrer Gesamtheit den Beweis herstellen. Allenthalben zeigt ja die Volkslitteratur der europäischen Völker Anklänge an anthropophage Gewohnheiten und nicht nur von dem rein materiellen Genüsse des Menschenfleisches ist darin die Rede, sondern auch jene abergläubigen Wahnvorstellungen, die bei den Naturvölkern mit dem Kannibalismus verknüpft sind, desgleichen die Anthropophagie aus Rachsucht haben darin ihren Platz gefunden als Niederschlag und Überlebsel des einst auch bei Europas Urvölkern vorhandenen Kannibalismus.

Alle jetzt noch vorhandene Anthropophagie -- und sie ist nur noch über einen verhältnismäßig geringen Bruchteil der Menschheit verbreitet -- erscheint aber nur als Überrest der einst allgemein vorhandenen. Diejenigen Völker, bei denen wir sie noch finden, haben sie seit Urzeiten, über die ersten Vorkommnisse bei ihnen liegen keine Nachrichten vor und nirgends läßt sich erkennen, daß erst neuerdings der Kannibalismus eingeführt worden sei.

Kein Erdteil ist vom Kannibalismus frei zu sprechen; wo er heute nicht mehr herrscht, da bestand er früher, reiche und arme Länder kannten ihn oder kennen ihn noch, er kommt in Amerika vor von den eisigen Gegenden des Hudsonbaigebietes durch die Tropen bis zur Südspitze des Kontinents. In allen Zonen ist die Anthropophagie verbreitet, doch ist sie heute wesentlich im Gebiete der Tropen zu Hause, wenn wir auch keinen genügenden Grund hierfür anzugeben im stande sind. Sie ist bei seßhaften, ackerbautreibenden Völkern, wie in Afrika, im günstigen Schwange und findet sich nicht minder bei umherschweifenden Horden, wie in Amerika und Australien.

Wie die Anthropophagie aus dem Hunger sich heraus zur Gewohnheit entwickelt und durch die physikalischen Verhältnisse eines Landes bedingt wird, kann an dem Beispiele von Australien gezeigt werden. In Australien liegt der Fall vor, daß unfruchtbare Landstriche häufig genug die dürftige Nahrung versagen, von der sonst die dünn gesäte Bevölkerung das kümmerliche Leben fristet. Mit der eintretenden oft alle Lebenskeime versengenden Dürre verschwanden die Tiere, die neben dürftigen Vegetabilien den Unterhalt der Schwarzen ermöglichte. Geht die Horde, durch Nahrungsmangel gezwungen, nicht sofort zum Kannibalismus innerhalb des eigenen Stammes über, so wandert sie aus und sucht andere Landstriche auf, die weniger oder nicht von der Trockenheit gelitten haben und Erhaltungsmittel darbieten. Von gleichen Gründen getrieben, ziehen aber auch andere, feindlich gesinnte Stämme nach denselben Gegenden, wo nun um das Jagdrecht ein Streit entsteht. Der Kampf beginnt und die Hungernden verzehren das Fleisch der gefallenen Feinde, das ihnen willkommene Nahrung bietet. Jetzt ist auch der Augenblick gekommen, daß die +Rachsucht+ als Beweggrund der Anthropophagie einsetzt. Der getötete Feind soll gänzlich vernichtet werden und der Australier ißt mit Vorliebe „Zunge und Herz“ des erlegten Feindes[276], die Organe, von denen die Feindschaft und die Schmähreden des Getöteten ausgingen. Und weiter kommt der +Aberglaube+ zur Geltung: er reibt seinen Körper mit dem Nierenfett des Erschlagenen ein, in dem Wahne, dadurch die Stärke jenes auf sich zu übertragen oder er verzehrt das Fett aus demselben Grunde. So reihen Aberglauben und Rachsucht sich den Motiven an, die zum Kannibalismus treiben.

Die Anthropophagie erscheint unter sehr verschiedenen Formen, die indessen nicht notwendigerweise sich auseinander entwickelt haben müssen, sondern die auch parallel nebeneinander laufen können. Bedingt sind diese verschiedenen Formen aber durch die Beweggründe, die zur Anthropophagie führten oder nach denen sie ausgeübt wird und diese geben auch die Grundlage für eine Einteilung ab.

Daß der Hunger zu allen Zeiten und bei allen Völkern in unglücklichen Verhältnissen Menschen zum Kannibalismus getrieben hat, ist natürlich und braucht nicht an Beispielen hier näher erörtert zu werden. Nur in den äußersten Fällen griff man aber zur Ernährung durch Menschenfleisch, wenn die anderweitige, gewohnheitsmäßige Nahrung fehlte und der notgedrungene Kannibalismus hörte auf, wenn mit dem gänzlichen Nahrungsmangel die Ursache zu demselben schwand. Bei manchen Völkern und in manchen Gegenden aber kehren Not und Hunger, bedingt durch physikalische Verhältnisse so oft, ja regelmäßig wieder, daß das, was vielleicht anfangs aus Widerwillen geschah, zur Gewohnheit und Sitte wurde.

Gewiß ist der Hunger eines der treibenden Motive gewesen, das bei den Feuerländern nach ~Darwin~, den Rothäuten des Hudsonbaigebietes nach ~Hearne~, den Botokuden nach ~v. Tschudi~ zur Anthropophagie führte. Menschenfleisch ist an und für sich nicht ungesund und die meisten Urteile stimmen darin überein, daß es sogar wohlschmeckend sei. Die Fan sagen (nach ~Winwood Reade~), es schmecke wie Affenfleisch, die Battas loben es (nach ~Bickmore~) vor allen anderen Speisen und dasselbe behaupten die Melanesier der Neu-Hebriden und der Fidschi-Inseln (nach ~Wilkes~). Die Botokuden (nach ~v. Tschudi~), wie die Bewohner der Neu-Hebriden (nach ~Turner~) ziehen das Fleisch der Schwarzen dem der Weißen vor. Aber es fehlt auch nicht an gegenteiligen Behauptungen, wie denn die Manjuema ~Livingstone~ versicherten, Menschenfleisch sei nicht gut, man träume nach dem Genusse und die Niam-Niam sagten ~Schweinfurth~ allgemein, Menschenfleisch wirke berauschend.

Aber der Hunger, der die physiologische Entschuldigung der Anthropophagie abgeben soll, ist in verhältnismäßig wenigen Fällen als die wirkliche Ursache derselben zu betrachten. Die meisten Völker und Stämme, welche demselben huldigen, leben im Überfluß, es mangelt ihnen nicht an animalischer wie vegetabilischer Nahrung. Das trifft bei fast allen Kannibalen der Südsee wie Afrikas zu und auch die höhere oder tiefere Gesittung ist von keinerlei Einfluß auf die abschreckende Erscheinung. Die Niam-Niam in Centralafrika ragen weit hervor über viele benachbarte Negerstämme, wie Dor, Schilluk, Dinka u. s. w., und doch sind letztere keineswegs Anthropophagen, während erstere Kannibalen in der vollsten Bedeutung des Wortes sind. Auch die Fidschi-Insulaner haben verhältnismäßig entwickelte Zustände, überragen viele Polynesier, bei denen die Anthropophagie bereits auch ohne Zuthun der Weißen verschwand. Endlich die Battas auf Sumatra, bei denen jeder Reisende sich wundert, neben einer Schrift und Litteratur den Kannibalismus in Gesetzesform gebracht zu sehen. Daß selbst kultivierte Völker ihr huldigten, ist an den Azteken gezeigt worden.