Part 52
[1] Mab. V, 150-186. Excc. ed. L. v. Heinemann SS. XV, 2, 586-588. Ueber die jüngeren Bearbeitungen Sackur, NA. XV, 105-116. Ueber seine Wirksamkeit Sackur, Die Cluniacenser (Halle 1892) S. 43 ff. Ueber den Odo zugeschriebenen _Tractatus de reversione b. Martini de Burgundia_ vgl. C. v. Kalckstein, Robert der Tapfere (Berl. 1871) S. 312.
[2] Mab. V, 786. Auszüge MG. SS. IV, 649-655.
[3] NA. XVII, 402-407.
[4] Acta SS. Maj. II, 683.
[5] W. Schultze für Odilo, Forsch. XXIV, 153-172. Sackur f. Syrus NA. XII, 503-516. Entgegnung von Schultze NA. XIV, 545-564. -- Epistola de morte Maioli NA. XVI, 180. -- Vgl. Sackur, Die Cluniac, I, 209 ff.
Sein Nachfolger =Odilo= (994-1049) fand mehrere Biographen in ähnlichem Stile[6]; er selbst verfaßte außer dem Leben des Majolus auch ein sogenanntes Epitaphium der Kaiserin =Adalheid=[7]. Er hat derselben sehr nahe gestanden, besonders in der letzten Zeit ihres Lebens, in welcher sie sich fast ganz frommen Uebungen und Klosterstiftungen hingab. Hierüber enthält seine Schrift viele Lobpreisungen, über ihr Leben in der Welt ist sie sehr kurz und begnügt sich mit den allgemeinsten Umrissen; nur bei den Leiden und Gefahren ihrer Gefangenschaft und Flucht verweilt Odilo etwas länger. Der geschichtliche Gewinn aus dieser Arbeit ist daher nicht bedeutend, und nur einige wenige brauchbare Nachrichten lassen sich daraus entnehmen.
[6] _Jotsaldi de vita et virtutibus Odilonis abb. libri III_, Mab. VI, 1, 679 bis 710. Ein Brief der Mönche von Souvigny (Silviniacensium) über Odilo's letzte Handlungen u. die Wunder ib. p. 673. Exc. aus Jotsald SS. XV, 812. Vgl. Sackur, NA. XV, 117-126. Cluniac. I, 300 ff. -- Widmungsverse von Odilo an einen Kaiser Otto bei Jäck, Beschr. d. Bamb. Hss. S. 119.
[7] _Odilonis Epitaphium Adelhaidis_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 633-645. Uebersetzung von Hüffer, 1856; 2. A. 1891, Geschichtschr. 35 (X, 8). Giesebr. I, 789. Das zweite Buch bilden in dem von ihr gestifteten Kloster Seltz zwischen Straßburg und Speier aufgezeichnete _Miracula S. Adalheidis_. Vorangeschickt ist S. 636 ein metrisches _Epitaphium Ottonis Magni_.
§ 12. Italien. Liudprand.
Liudprandi Opera ed. Pertz, MG. SS. III, 264-363 und besonderer Abdruck in Octav. Neue Ausg v. Dümmler 1877. Koepke, De vita et scriptis Liudprandi, Berol. 1842. Uebersetzt (die Antapodosis im Auszug) von Freih. v. d. Osten -- Sacken, mit Einleitung von Wattenbach, Berlin 1853; 2. A. 1889, Geschichtschr. 29 (X, 2). Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 99. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 779. 781. Maurenbrecher S. 46-55. Peiper, Forsch. XII, 443 über einige Entlehnungen aus Boethius, nebst Emendationen. Liudprand von Cremona und seine Quellen, von C. Dändliker u. J. J. Müller, in M. Büdingers Untersuchungen zur Mittl. Gesch. I (L. 1871), über welche ich das ablehnende Urtheil E. Dümmlers, HZ. XXVI, 273 bis 281 theile. Gegenbemerkungen von Büd. XXVIII, 233-238. Fr. Koehler, Beiträge zur Textkritik L. im NA. VIII, 47-89. L. Ranke, Weltgesch. VIII, 634-655. Nicht gesehen habe ich Hantsch, Progr. d. Gymn. zu Leoben 1888, Colini Baldeschi, Liudprando, Giarre 1889.
Auch Italien beginnt in dieser Periode sich wieder zu schriftstellerischer Productivität zu erheben, und nach langer Unterbrechung erscheint hier wieder ein Geschichtschreiber, welcher den bedeutendsten seiner Zeitgenossen zur Seite tritt. Es ist Liudprand, der so den italienischen Namen wieder zu Ehren brachte. Wie Paulus Warnefrids Sohn, stammte auch er aus vornehmem langobardischen Geschlechte; auf die Römer sieht er als ganz entartet mit tiefer Verachtung herab. Aber ein Italiener ist er ganz und gar, und vollständig zeigt sich in ihm jener Charakter der dort herrschenden grammatischen Ausbildung, deren wir im vorigen Abschnitt gedachten. Auch erhielt er wie Paulus seinen Unterricht nicht in einer Klosterschule, sondern am Hofe zu Pavia, wo er früh die Aufmerksamkeit des Königs Hugo auf sich zog und durch seine schöne Stimme die Gunst desselben gewann.
Obwohl es in seinen Schriften nicht an Bibelstellen fehlt und er den Griechen mit orthodoxem Eifer entgegen tritt, so hat doch seine Gelehrsamkeit, die er nur gar zu gern zur Schau trägt, einen überwiegend weltlichen Charakter, und Horaz, Vergil, Terenz, Ovid, Juvenal, Cicero sind die Schriftsteller, deren Aussprüche ihm immer gegenwärtig sind, die er mit Vorliebe anführt[1]. Nach dem Muster des Boethius schmückt er seine Schriften gern mit Versen in vielförmigen Metren, und er zeigt darin eine solche Gewandtheit, daß man an jene früher erwähnte Aeußerung des Panegyristen Berengars erinnert wird, daß auf Verse jetzt niemand Werth lege, weil jedermann dergleichen zu machen verstehe.
[1] Diese Nachweise sind von Koehler in der oben angeführten Abhandlung bedeutend vermehrt.
Schon Liudprands Vater und Stiefvater waren als Gesandte in Constantinopel gewesen und hatten dort mancherlei Verbindungen angeknüpft, welche dann Liudprand, als eine Sendung des Königs Berengar, dessen Kanzler (V, 30) er geworden war, ihn 949 nach Byzanz führte[2], erneute und benutzte, um sich nicht nur mit der griechischen Sprache, sondern auch mit der Geschichte und den Einrichtungen des Reiches bekannt zu machen. Später hat er sich mit Berengar und mehr noch mit der Königin Willa erzürnt; er suchte und fand eine Zuflucht am Hofe des Königs Otto, und hier traf er im Februar 956 zusammen mit dem spanischen Bischof Recemund von Elvira[3], der ihn aufforderte, ein Werk über die Geschichte seiner Zeit zu verfassen. Zwei Jahre später 958 machte sich Liudprand wirklich an die Arbeit in Frankfurt, und ungeachtet eines vielbewegten Lebens und mancher Unterbrechungen arbeitete er daran fort bis zum Jahre 962, auch noch, als Otto schon zum Kaiser gekrönt war und ihn zum Bischof von Cremona erhoben hatte. Bald darauf aber, so scheint es, legte er dieses Werk bei Seite, welches ohnehin durch den großen Umschwung der Dinge in Italien seinen Zweck großentheils verloren hatte. Denn dieser hatte vorzüglich darin bestanden, allen denen, welche ihm gutes oder böses erwiesen hatten, nach Verdienst zu vergelten, besonders aber seinem Hasse gegen Berengar und Willa Luft zu machen; darum nannte er es das Buch der Vergeltung, =Antapodosis=. Er hat darin auch weidlich auf seine Feinde gescholten; was aber eigentlich Berengar und Willa ihm angethan hatten, erfahren wir nicht, da er in den sechs Büchern seines Werkes nicht weiter gelangt ist, als bis zu jener Gesandtschaftsreise an den griechischen Hof im Jahre 949.
[2] Aus seinen damaligen Mittheilungen sind nach Dümmlers Vermuthung die Nachrichten des Constantinus Porphyrogenitus de admin. imp. c. 26 über König Hugo geschöpft. Wiener SB. XX, 358: vgl. Dändliker S. 53.
[3] S. darüber Dümmler, Jahrbb. unter Otto I. S. 278.
Als seine Absicht bezeichnet Liudprand, alles zu berichten, was sich seit Kaiser Karls des Dritten[3] Zeit begeben, die Thaten der Kaiser und Könige von ganz Europa, wie er selbst sagt. Er erzählt von allem, was ihm bekannt geworden, von Deutschland, mit besonderer Vorliebe vom griechischen Reiche, am meisten und eingehendsten aber doch natürlicher Weise von Italien. Eigentliche Ordnung ist nicht darin zu finden, und auch die chronologische Folge sehr ungenau. Ueberhaupt darf man sich nirgends auf ihn verlassen; wie Widukind schreibt er nur nach mündlicher Kunde und verfällt besonders über ferner liegende Vorfälle in große Irrthümer. Aber Widukind ist frei von der Leidenschaft, welche den rachsüchtigen Italiener nur zu oft hinreißt. In seinem Ingrimm hält er sich bei den einzelnen, oft unbedeutenden Vorfällen übermäßig auf; er gefällt sich in der Mittheilung von Anekdoten, besonders wenn sie boshaft und anstößig sind, in der rhetorischen Ausmalung der Begebenheiten, in gezierten, den Umständen wenig angemessenen Reden. Im einzelnen ist sein Urtheil oft richtig und treffend, seine Ansicht von den geschichtlichen Verhältnissen wohl begründet, wie er denn auch in Otto dem Großen sogleich den Mann erkannte, von dem allein Italien Abhülfe seiner Leiden und Gebrechen, die Herstellung der Zucht und Ordnung erwarten konnte, und diesem ohne Wanken treu blieb. Seine Erwiederungen auf die leeren Anmaßungen der Griechen sind ungemein treffend. Aber von einer höheren Begabung zum Geschichtschreiber giebt doch sein Werk, als Ganzes betrachtet, kein günstiges Zeugniß. Dafür gewährt uns andererseits gerade seine behagliche, memoirenartige Art zu erzählen einen Einblick in die Sitten, Zustände und Denkweise der Zeit, der vom höchsten Werthe ist.
[3] Der Beiname des Dicken kommt erst im 12. Jahrh. vor, und ist deshalb nach Dümmler Ostfr. II, 292 nicht mehr erlaubt.
Als Otto der Große sich dauernd und ernstlich mit den italienischen Verhältnissen zu befassen begann, fand er die Hülfe des gelehrten und in den politischen Verhältnissen des Landes erfahrenen Mannes sehr schätzbar; er verlieh ihm schon 961 das Bisthum Cremona[4] und übertrug ihm 963 eine Gesandtschaft an den Pabst Johann XII; bald darauf war er zugegen in der Kirchenversammlung, durch welche dieser Pabst entsetzt wurde, und über diese Vorgänge (960 bis 964) hat er eine eigene Schrift verfaßt[5]. Hier versuchte er eine würdigere Sprache anzunehmen, er bringt weder griechische Floskeln noch Verse an und mäßigt seine Leidenschaftlichkeit; doch blickt sein eigenthümlicher Stil überall durch, und der Anspielungen auf römische Dichter hat er sich auch hier nicht enthalten. Da er in höherem Auftrage oder doch für das Auge des Kaisers schrieb, so ist seine Darstellung keineswegs unbefangen; er verschweigt manches, und man darf nicht vergessen, daß diese scheinbar so rein objective und actenmäßige Erzählung doch nur eine Parteischrift ist, daß er es namentlich vorzieht, manche Vorfälle und Umstände nicht zu erwähnen. Aber im wesentlichen hat sich dennoch, was er mittheilt, als richtig bewährt.
[4] Hierhin übertrug Liudprand den auf recht niederträchtige Weise gestohlenen S. Hymerius aus Ameria. Die später geschriebene kurze Erzählung MG. SS. III, 266 aus Ughelli.
[5] Wieder abgedruckt bei Watterich, I, 49-63. Vgl. auch Giesebr. I, 830. Auf Leo VIII bezogene Spottverse NA. VIII, 383.
Im Sommer 968 ging Liudprand abermals nach Constantinopel als Brautwerber für Otto II, und über diese Sendung stattete er dem Kaiser einen Bericht ab, der ebenfalls erhalten ist, aber wie jene beiden anderen Werke, am Schlusse unvollständig; der Gesandtschaftsbericht ist nur aus der Ausgabe des Canisius bekannt und daher auch der Text unzuverlässig. In diesem Bericht nun hat sich Liudprand wieder ganz der üblen Laune überlassen, welche durch die schlechte Behandlung, die ihm in Constantinopel widerfuhr, in ihm erregt war, und er strömt über von Spott und Hohn. Der Uebermuth der Griechen hatte ihn aufs tiefste gekränkt, und er bietet alle seine Beredsamkeit auf, um die Kaiser zur Züchtigung derselben zu bewegen und diese Aufgabe als leicht und mühelos darzustellen. Uebertrieben ist daher seine Schilderung; das Bild namentlich, welches er vom Kaiser Nikephorus entwirft, ist nur in Bezug auf seinen Geiz zutreffend, seine kriegerischen Eigenschaften und die Wehrkraft des Reiches unterschätzt er durchaus. Aber im übrigen ist seine Schilderung wahr, und gewährt uns ein so eigenthümliches und lebendiges Bild des griechischen Reiches, daß Giesebrecht sie mit Recht fast vollständig in seine Geschichte der Kaiserzeit (I, 523-546) aufgenommen hat, als Seitenstück zu der Gesandtschaft des Abtes Johannes von Gorze an den Kalifen von Córdova[6].
[6] Aufsatz von Zanelli im Arch. stor. Ital. XIII (1884), 2. Heft, die Richtigkeit der Thatsachen anerkennend. Erklärung des Wortes „mandrogerontes“ c. 55 als Gaukler, aus der Com. Querolus entnommen, nachgewiesen von L. Havet, Revue crit. 1878, I, 197 (NA. IV, 210).
Liudprands Bericht endet mit seiner Abreise von Korfu am siebenten Januar 969; im Sommer desselben Jahres überbrachte er als Bote (nuncius) des Kaisers Briefe von diesem und vom Pabste, die sich auf eine römische Synode vom 26. Mai 969 beziehen, an eine Synode zu Mailand, deren Beschlüsse Otto am 9. Nov. 969 bestätigte[7]. Ueber seine weiteren Schicksale ist nichts bekannt, nur eine Nachricht von sehr zweifelhaftem Werthe läßt ihn an der glänzenden Gesandtschaft Theil nehmen, welche endlich 971 die kaiserliche Braut wirklich in Empfang nahm, und auf dieser Reise sterben.
[7] Mitgetheilt von C. Cipolla, Mem. Acad. Taurin. 2 Ser. 42. Bd. s. NA. XVII, 450.
Im Jahre 984 musterte der Bischof Odelrich von Cremona die Urkunden und Bücher im Schatzhaus seiner Kirche: viel war _malorum manibus_ entfremdet, und geschichtliche Werke finden sich nicht im Verzeichniß, auch nichts von Liudprand, aber „turibulum quod Luizonis fuit, de manu raptorum liberavimus[8].“ Bekanntschaft mit seinen Schriften ist in Italien nur bei Gregor von Farfa nachgewiesen.
[8] Hist. patr. Mon. XIII. C. D. Langobardiae p. 1442-1445. Arch. stor. Lomb. 1880, fasc. 26, p. 252-254.
In Deutschland sind Liudprands Schriften frühzeitig bekannt geworden und von den gelehrteren, vielbelesenen Schriftstellern benutzt, während sie der größeren Menge unbekannt blieben. Schon Hrotsuit scheint die Antapodosis gekannt zu haben; dann haben der Biograph Gerhards von Brogne, Ekkehard und Sigebert, Ragewin[9], Magnus von Reichersberg, Alberich und Heinrich von Herford, Dietrich von Niem[10] und endlich Trithemius aus dieser und der Historia Ottonis geschöpft.
[9] Die von Prutz über Radewin, S. 48, vermißten Stellen sind Antapod. I, 37 u. III, 14.
[10] Nach Lindner, Forsch. XXI, 90. 91.
Für die kritische Bearbeitung des Textes, mit Ausnahme der Legatio, von welcher keine Handschrift sich erhalten hat, glaubte Pertz eine vollkommen sichere Grundlage gefunden zu haben in der Freisinger Handschrift, welche für die griechischen Stellen vom Schreiber gelassene Lücken zeigt, die von einer anderen Hand ausgefüllt sind. Diese Hand konnte nach der Ansicht von Pertz nur die Hand des Autors sein, und von derselben ist die Historia Ottonis vollständig geschrieben. Diese Meinung war allgemein angenommen und galt für unzweifelhaft, bis R. Koehler im NA. VIII, S. 47 bis 89, vollkommen schlagend und überzeugend nachwies, daß sie durchaus unhaltbar sei. Es kommen Fehler und Versehen vor, welche ganz unmöglich von dem Verfasser selbst herrühren können. Da nun Koehler in Metz Excerpte griechischer Stellen aus Liudprand gefunden hatte, welche auf ein correcteres Exemplar zurückgehen, und eine Beschäftigung mit dieser Schrift im zehnten Jahrhundert beweisen, so hat er daran die schon oben S. 373 angeführte Vermuthung geknüpft, daß Bischof Dietrich den Nachlaß Liudprands gerettet und die Abschrift besorgt haben möge. Nach seiner Meinung wäre auch die Umschrift der griechischen Worte nach der Aussprache mit lateinischen Buchstaben erst hier hinzugefügt, allein dieselbe findet sich auch in der aus anderer Quelle stammenden Berliner Handschrift. Die Manuscripte werden schon etwas beschädigt gewesen sein, und dadurch erklärt es sich, daß sowohl der Legatio wie der Historia Ottonis der Schluß fehlt, in beiden Fällen aber nur ein kleines Stück.
Es ist selbstverständlich, daß nun eine neue Ausgabe ein dringendes Bedürfniß ist; die ganze Grundlage der Kritik ist verändert, und wenn schon früher einzelne Verbesserungen nicht zu umgehen waren, so werden nun überhaupt die oft viel besseren Lesarten anderer Handschriften nicht mehr als willkürliche Correcturen eines Ueberarbeiters betrachtet werden können. Eine Anzahl einleuchtender Emendationen hat schon R. Koehler vorgeschlagen, viel mehr aber bleiben noch übrig. Doch wird es immer schwer sein, die ursprüngliche Form und alte Emendationen zu unterscheiden[11].
[11] Die aus der Ashburnhamschen Bibl. nach Florenz gekommene Hs. ist eine Abschrift der Freising-Münchener nach Holder-Egger, NA. XI, 260. 264. Von der mit der Classe 5 verwandten Berliner Hs. 1 Seite in Arndts Schrifttafeln 23; 2. A. 24.
Für die Zeit des Königs Hugo nicht ohne Bedeutung ist das Buch von den =Wundern= des h. =Columban=[12]. Der König Hugo verlieh nämlich um das Jahr 930 die Abtei =Bobio= seinem Kanzler Gerlannus, aber alle Stiftsgüter waren von räuberischen Machthabern in Besitz genommen. Unfähig, ihrer Herr zu werden, rief Gerlan den Heiligen selbst zu Hülfe und brachte ihn in feierlichem Aufzuge nach Pavia: er ließ sein Kloster nicht im Stich und that die gewünschten Wunder. Da entfiel den Räubern der Muth und sie steckten die Stäbchen (fustes), welche symbolisch den Verzicht bedeuteten, in die Pilgertasche (pera) des Heiligen, der nun im Triumph wieder nach seiner Ruhestätte gebracht wurde. Von Dauer ist freilich auch die Wirkung dieses Auftrittes nicht gewesen.
[12] Mab. II, 40-55. Rosetti, Bobbio illustrato III, 149-181. Verse aus B. ohne geschichtl. Inhalt NA. V, 623.
§ 13. Italien. Chroniken.
Bei manchen Schwächen bewies doch Liudprand einen tüchtigen und auf das wahre Beste des Landes gerichteten Sinn, indem er sich mit aller Entschiedenheit dem Manne anschloß, von welchem allein die Herstellung eines geordneten Zustandes in Italien sowohl wie in der römischen Kirche zu hoffen war. In höchst merkwürdiger Weise spricht sich das Verlangen nach der alten kaiserlichen Gewalt, wie Karl der Große und seine nächsten Nachfolger sie geübt hatten, auch in einer kleinen Schrift aus, welche in =Sant Andrea= um die Mitte des zehnten Jahrhunderts verfaßt zu sein scheint, ehe noch Otto eine neue Ordnung der Dinge begründet hatte[1]. Erzählt wird darin von der alten guten Zeit, wo noch der Kaiser oder sein Stellvertreter in Rom die übermüthigen Großen im Zaum hielt und jedem zu seinem Rechte verhalf, wo man sogar gegen Verwandte des Pabstes Recht bekommen konnte. Ueber die älteren Zeiten ist der Verfasser schlecht unterrichtet, aber die Verhältnisse unter den Karolingern schildert er, als ob er sie genau kennte, mit eindringlicher Einfachheit bis zu dem unglücklichen Moment, wo, wie er es darstellt, durch Karls des Kahlen Usurpation die kaiserliche Autorität in Rom dahin gegeben wurde. Allein diese Preisgebung hat, wie F. Hirsch nachgewiesen hat, gar nicht stattgefunden, und der Verfasser malt sich die alte Zeit nur nach seinen Wünschen aus.
[1] _De imperatoria potestate in urbe Roma._ MG. SS. III, 719-722. Vgl. Wilmans in Ranke's Jahrbüchern II, 2, 235. Giesebr. I, 344. 782. Benutzung bei Bened. de S. Andrea u. in dem mit Unrecht bezweifelten Priv. Otto's III für Silvester II ist erwiesen in dem Aufsatz von J. Jung, Forsch. XIV, 409-456, dessen Ansichten aber in manchen Stücken angegriffen und widerlegt sind von F. Hirsch, Forsch. XX, 127-164. Derselbe rechtfertigt HZ. LVII, S. 258-261, seine Kritik gegen A. Gasquet: Jean VIII et la fin de l'empire Carolingien, 1886. -- Benutzung bei Ekkehard nachgewiesen von B. Simson, Forsch. XXV, 374.
Ueber die Ottonischen Einrichtungen in Rom belehrt uns eine Schrift, welche unter Otto III entstanden ist und mit einer Beschreibung von Rom Nachrichten über die damalige Verfassung verbindet[2]. Auf ein schon von Bethmann im Arch. IX, 623 mitgetheiltes, aber ganz übersehenes Fragment aus =Ivrea= hat L. Weiland aufmerksam gemacht[3]; es bezieht sich auf die Usurpation des Franco (Bonif. VII) und dessen Bekämpfung durch den 974 von Otto II abgesandten Grafen Sicco, sowie die Verdrängung Benedicts VII durch ihn im J. 980.
[2] _Graphia aureae urbis Romae_ bei Ozanam, Documents inédits p. 155 bis 183; gehört auch die Beschreibung in der vorliegenden Form dem 12. Jahrhundert, so paßt doch der zweite Theil nur in die Zeit Otto's III nach Giesebr. I, 866. Ueber die Fortsetzung der Pabstgeschichte ib. p. 782. Watterich I, p. XIV-XXIII. Wunderliches Gedicht aus Rom zu Marie Himmelfahrt viell. 999 _Sancta Maria quid est_ bei Gies. I, 890.
[3] Nachrichten von d. k. Ges. d. Wiss. in Gött. 1885, S. 69-72, mit Zuziehung von Benedicts VII Epitaph bei Baronius a. 984, Watterich I, 86.
Die eifrig kaiserliche Gesinnung der lombardischen Bischöfe, welche durch die kirchenfeindlichen Angriffe Arduins von Ivrea zu größter Lebhaftigkeit angefacht wurde, spricht sich in zwei rhythmischen Gedichten aus, welche aus der Umgebung des Bischofs =Leo von Vercelli= (999-1026) stammen, eines auf Otto III und den durch ihn erhobenen Pabst Gregor V, das andere eine Klage um Otto's III frühen Tod[4], nebst der Verherrlichung seines Nachfolgers Heinrichs II, von dem die Niederwerfung Arduins erhofft wird[5].
[4] Hs. in Halle, NA. VIII, 383.
[5] Es genügt jetzt, die kritische Ausgabe Dümmlers anzuführen, Anselm der Peripatetiker S. 72-82. Brief des Bischofs Leo von Vercelli an Heinrich II nach Arduins Tod, Forsch. VIII, 387. Excommunication des Grafen Ubert Forsch. XIII, 600-602. Vgl. S. Löwenfeld: Leo von Vercelli, Gött. Diss. 1877. Ueber die Zeitbestimmung zweier Briefe von ihm, Schnürer, Piligrim v. Cöln, Diss. Monast. 1883. Hinzuweisen ist auch auf die Schriften seines Vorgängers Atto von 924 bis c. 960 (Opera ed. Burontius, Verc. 1768 f.) vorzüglich _de pressuris ecclesiasticis_ II, 322-352. Gött. Diss. über ihn von J. Schultz 1886, vgl. NA. XI, 641.
Während es also in Italien durchaus nicht an Männern fehlte, welche leidlich zu schreiben verstanden, verfaßte um das Jahr 968 ein Mönch des Klosters St. =Andrea= am Berg Soracte[6], =Benedict=, eine Chronik, welche an Rohheit der Gedanken wie der Sprache unübertroffen ist[7]. Wäre die Ausführung nicht gar zu ungeschickt, so könnte man in dem Versuche, eine Weltgeschichte seit Christi Geburt zusammenzustellen, einen Fortschritt erkennen, aber es ist nur eine Compilation der dürftigsten Art. Wie wenig geschichtlichen Sinn der Verfasser besaß, zeigt sich auch darin, daß er zuerst die Sage von Karls Zug nach dem Morgenlande aufnahm; mitten zwischen Stellen aus Einhards Werken schiebt er sie ein, ohne einen Widerspruch darin zu gewahren. Im Mittelpunkt aller Dinge und Begebenheiten steht ihm einzig sein Kloster; zu allen weiß er es in Beziehung zu bringen. Gegen die fremden Herrscher, welche nach Italien kommen, ist er sehr aufgebracht, worin Maurenbrecher seinen Patriotismus erkennt, während J. Jung (Forsch. XIV, 426) vielmehr seinen klerikalen Standpunkt darin findet: er begeistert sich für den Pabstkönig, und ist deshalb auch gegen Alberich sehr eingenommen. Ueber seine eigene Zeit, über Alberich und die Stadtgeschichte von Rom gewährt übrigens Benedict bei dem Mangel an anderen Quellen wichtige Aufschlüsse, welche man aus seiner verworrenen und aller Grammatik hohnsprechenden Schreibart mit Vorsicht und Mühe zu entnehmen hat.
[6] S. Andrea in flumine, in der Ebene, nach Tomasetti, Arch. Rom. VII, 382.
[7] _Chron. Benedicti de S. Andrea_, entdeckt von Pertz und zuerst gedruckt MG. SS. III, 695-722 mit Weglassung des Anfanges; vgl. Archiv V, 146, X, 381, Giesebr. I, 782. Auszüge daraus bei O. Abel, Paulus Diaconus S. 203; Wattenbach, Der Mönch von St. Gallen S. 98. Benutzt von Martinus Pol. nach Weiland, Arch. XII, 33. Die Hs., welche Pertz für sein Autograph hielt, ist in schöner regelmässiger Bücherschrift geschrieben, 2 S. facs. bei Ern. Monaci, Arch. paleogr. Ital. II, t. 3. Das im Chron. S. 697 enthaltene Epigramm des Pabstes Damasus wird emendirt von de Rossi, Bull. di Archeol. Christ. IV, 3, 1, S. 30.