Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 51

Chapter 513,499 wordsPublic domain

[24] Vermuthlich eine Gesta. S. C. v. Kalckstein, Geschichte d. frz. Königthums unter den ersten Capetingern, I (1877) S. 476-482, wo seine ganz entstellten Nachrichten von K. Odo besprochen sind.

[25] Vgl. die Dissertation von Reimann, worin Richers Unzuverlässigkeit im einzelnen nachgewiesen ist, namentlich auch die Unechtheit seiner Zusätze zum Ingelheimer Concil.

Aeußerlich war also Richer für diese Zeit vortrefflich ausgerüstet, um ein Geschichtswerk von nicht gewöhnlichem Werthe zu schreiben, aber leider fehlte es ihm gänzlich an der inneren Befähigung. Es fehlte ihm vor allen Dingen ganz an geschichtlichem Sinn. Nicht die Thatsachen, nicht die Wahrheit sind ihm das wesentliche, sondern mehr noch die Form der Darstellung. Das Studium der Alten, vorzüglich des sehr stark von ihm benutzten Sallust[26], führte ihn, wie wir das im Mittelalter nur zu häufig wahrnehmen, bloß zu dem Bestreben, in der äußeren Form ihnen nachzueifern, namentlich erdichtete Reden den handelnden Personen in den Mund zu legen und alterthümliche Benennungen anzuwenden, wo sie nicht an ihrem Orte sind, nämlich für die eigenthümlichen Zustände und Verhältnisse der Gegenwart. Bei Richer aber geht das Streben nach rhetorischem Schmucke so weit, daß die Darstellung der Thatsachen dadurch wesentlich beeinträchtigt wird. Schilderungen von Schlachten und Belagerungen, sowie besonders auch von Krankheiten, bei denen er seine medicinische Gelehrsamkeit zur Schau trägt, wiederholen sich in übertriebener Weitschweifigkeit, und bei genauerer Untersuchung findet man bald, daß der Verfasser sich hier nicht selten ganz seiner Phantasie überläßt. Dieses führt uns auf den zweiten großen Fehler Richers, nämlich seinen Mangel an Wahrhaftigkeit und Genauigkeit. Eine unbefangene Darstellung darf man bei seinem Standpunkte überhaupt nicht erwarten, aber auch da, wo keine Parteirücksichten ihn verleiteten, begeht er die größten Fehler, welche besonders deutlich hervortreten, wo wir seine Quelle, die Annalen Flodoards, zur Vergleichung bei der Hand haben. Flüchtig und ungenau erscheint er da im höchsten Grade. Tritt nun aber gar noch ein bestimmter Beweggrund hinzu, von der Wahrheit abzuweichen, so sehen wir ihn jedem Antrieb der Art folgen; er übertreibt und vergrößert, was er bei Flodoard vorfindet, aber er geht auch so weit, sein eigenes Werk zu verfälschen, um eine krankhafte nationale Eitelkeit zu befriedigen. Ein besonders günstiges Geschick hat uns seine eigene Handschrift aufbewahrt, und diese zeigt uns, wie er im ersten Buche das, was er früher geschrieben hatte, verändert hat, um anstatt Giselberts und der Lothringer den König Heinrich und die Deutschen dem westfränkischen Könige unterworfen erscheinen zu lassen. Doch bleibt es zweifelhaft, ob hier wirklich eine absichtliche Entstellung anzunehmen ist, oder ob er sich selbst durch seine ganz falsche Auffassung der älteren Geschichte irre leiten ließ; gewonnen wird aber für ihn auch dadurch nicht viel, wenn man annimmt, er habe einer oberflächlichen Theorie zu Liebe die überkommenen Thatsachen willkürlich verändert[27].

[26] F. Vogel in Actis Sem. Erlang. II, 418-421.

[27] Nach Wittich in den Forschungen III, 105-141 hätte Richer I, 34 bis 40 eine lothringische Quelle benutzt, und weil er von Giselberts Erhebung erst bei dem Eintritt dieser Quelle berichtet, die Stellen, wo er vorher erwähnt wurde, verändert, um oberflächlich die Einheit herzustellen. Vgl auch Waitz, Heinrich I, 3. Ausgabe, S. 26 ff.

Als Historiker können wir demnach Richer unmöglich hoch stellen; so sehr er im einzelnen nach rhetorischem Schmucke strebt, so wenig ist er doch auf ein richtiges Verhältniß der Theile bedacht gewesen, und es wird durch ganz zufällige Umstände bestimmt, wo er auf alle Einzelheiten mit größter Ausführlichkeit eingeht, oder wiederum wichtige Ereignisse nur leicht berührt oder ganz übergeht. Dazu ist seine Sprache gesucht und oft durch unpassende Ausdrücke kaum verständlich, so daß wir sein Werk auch nicht in Rücksicht auf die Form loben können, wenn wir von der Wahrhaftigkeit der Darstellung absehen wollten. Demungeachtet aber hat doch Richers Buch für uns einen hohen Werth; er ist unser einziger Berichterstatter über jene hochwichtige Zeit, in welcher die Herrschaft von den Karolingern auf die Capetinger überging, und seine ausführliche Darstellung gerade dieser letzten Jahre enthält eine große Fülle wichtiger Nachrichten, die wir ihm allein verdanken, die freilich nur mit großer Behutsamkeit zu gebrauchen sind, aber doch als eine sehr wesentliche Bereicherung unserer geschichtlichen Kenntniß betrachtet werden müssen[28]. Denn bis auf unsere Tage ist Richers Werk fast ganz verborgen geblieben; nur in großen Zwischenräumen haben Ekkehard, Hugo von Flavigny, Trithemius davon Gebrauch gemacht und dadurch eine sehr unbestimmte Kunde von diesem Schriftsteller erhalten; sein Werk aber galt für verloren, bis Pertz es 1833 in Bamberg von neuem entdeckte und 1839 zum ersten Male bekannt machte[29].

[28] Für die Zeit Otto's II wird seine Glaubwürdigkeit vertheidigt von Ad. Matthaei: Händel Otto's II mit Lothringen, Hall. Diss. 1882; für die Erhebung der neuen Könige (IV, 12. 13) von Julien Havet, Revue hist. XLV, S. 290-297, vgl. NA. XVII, 224.

[29] _Richeri Historiarum libri IV_ ed. Pertz, MG. SS. III, 561-657, mit Schriftprobe. Zwei andere Seiten in W. Arndts Schrifttafeln, t. 47, 2. A. 49. Besonderer Abdruck, Han. 1839. Neue Ausg. von Waitz 1877 mit genauerer Beachtung der in der Handschrift vorgenommenen Aenderungen. Mit französischer Uebersetzung von Guadet, Paris 1845, und publiée par l'Acad. Imp. de Reims avec traduction, notes etc. par A. M. Poinsignon, 1856. Uebersetzung von Freiherr v. d. Osten-Sacken, mit Einleitung von Wattenbach, Berlin 1854; neue Ausg. 1891, Geschichtschr. 37 (X, 10). Reimann de Richeri vita et scriptis, Olsnae 1845. Giesebr. I, 788. Maurenbrecher S. 69-74. Die Handschrift wird schon in dem Catalog der Michelsberger Bibliothek von Ruotger zwischen 1112 u. 1113 (Schannat Vindem. I, 52) erwähnt; auch ein Vegez kam dahin aus Reims: Veget. ed. Lang p. XXXI. Ekkehard hatte jedoch eine von der unserigen verschiedene Handschrift.

Schon früher als Saint-Remi war das Kloster =Fleury= oder =Saint-Benôit-sur-Loire= durch Odo von Cluny der strengeren Zucht unterworfen worden; von hier hatte St. Remi seinen ersten Abt Hinkmar erhalten. In Fleury wurde 988 =Abbo= Abt, der, in der Klosterschule ausgebildet, schon als Lehrer gewirkt hatte, als er sich noch nach Paris und Reims zu weiteren Studien begab. In der Astronomie machte er Fortschritte, fand aber übrigens seine Erwartungen nicht befriedigt. In Orléans vervollkommnete er sich in der Musik, und übernahm dann eine Mission nach England, wo Erzbischof Dunstan die klösterliche Zucht herstellte. Heimgekehrt, gewann er als Abt eine große Wirksamkeit, und übernahm auch für den König eine Gesandtschaft an den Pabst, deren er 996 in einem Briefe an den Abt Hatto III von Fulda[30] gedenkt; mit diesem, der um dieselbe Zeit einen ähnlichen Auftrag auszuführen hatte, war er in Reims bekannt geworden, und hatte einen Austausch von Reliquien mit ihm beredet. Vor dem Tode des Königs Hugo (996) verfaßte er für diesen und seinen Sohn eine Sammlung von kanonischen und anderen Aussprüchen, mit besonderer Betonung des königlichen Amtes und des den Mönchen gebührenden Schutzes[31]. Endlich wurde er 1004 in dem Priorat La Réole an der Garonne in einem Tumult der Aquitanen erschlagen. Sein Leben beschrieb =Aimoin=[32], ein Mönch seines Klosters, der ihn auf seiner letzten Reise begleitet hatte, mit einem Briefe an Herveus, Schatzmeister von St. Martin, der unter Abbo in Fleury gebildet, die 1001 verbrannte Martinskirche wieder herstellte. Sie wurde 1008 eingeweiht, 1012 starb Herveus[33].

[30] Baluzii Miscell. I, 409. Schannat, Hist. Fuld. p. 132.

[31] Conrat (Cohn) Gesch. d. Quellen u. Litt. d. röm. Rechts (1889) I, 259-261.

[32] _Vita Abbonis abb. Floriacensis auct. Aimoino._ Mab. VI, I, 37-58. Abbo ließ des Josephus Bell. Jud. durch den Laien Rotbert abschreiben, Hagen, Catal. Bern. p. 240. Ausführl. handelt bes. über Abbo, Cuissard-Gaucheron: L'École de Fleury-sur-Loire à la fin du 10. siècle, Mém. de la Soc. Arch. de l'Orléanais XIV (1875) 551-717. Sackur, Die Cluniac. I, 274 ff. Vom Jahre 626 an bis 1060 war auch in Fleury eine Ostertafel mit Annalen versehen, gedruckt als _Chron. Floriacense_, Duchesne III, 355 bis 357. Pertz giebt mit Weglassung des aus der Hist. miscella, den Ann. S. Amandi und S. Columbae entnommenen den Rest II, 254 von 853 an als _Annales Floriacenses_. Andere, größtentheils übereinstimmend, bis 1044, vom Rande einer Ostertafel in Bern als _Ann. Flor. breves_ SS. XIII, 87. Catal. abb. bis 818 SS. XV, I, 500.

[33] S. Hugonis archidiaconi Tornacensis dialogus ad Fulbertum (ep. Carnot.) de quodam miraculo, quod contigit in translatione S. Martini, Mab. Anall. ed. II. p. 213 seqq.

Nach Fleury war aus Montecassino, während es von den Langobarden verwüstet in Trümmern lag, der Leib des heiligen Benedict entführt worden, eine Thatsache, welche freilich später von den Cassinesen hartnäckig geleugnet wurde (vgl. oben S. 306). Die Geschichte dieser Uebertragung, welche einen großen Aufschwung des Klosters zur Folge hatte, verfaßte schon im neunten Jahrhundert Adrevald oder Adalbert[34], und fügte ein Buch über die Wunder des heiligen Benedict hinzu, welches von Adelerius fortgesetzt wurde. Diesen schloss sich nun auch Aimoin an, indem er im Jahre 1005 ein zweites und drittes Buch der Wunder schrieb. Geschichtliche Nachrichten über die Könige von Frankreich kommen gelegentlich darin vor[35] und wurden, obwohl sie weder genau noch ausführlich sind, doch bei dem Mangel an anderen Quellen, besonders da auch Richers Werk nur wenig bekannt geworden war, von Späteren häufig benutzt[36].

[34] Adrevaldus qui et Adalbertus. Die von Mabillon geleugnete Identität erweist E. de Certain in der Ausgabe für die Société de l'histoire de France: Les Miracles de Saint Benoît, Paris 1855. _Ex Adventu corporis S. Benedicti in agrum Flor._ SS. XV, I, 480-482. 574^{b}.

[35] Benutzt ist dazu das _Fragm. ex antiqua membrana Flor. monasterii_, s. J. Havet, Revue hist. XLV, 290-297.

[36] _Ex Miraculis S. Bened. Floriac._ SS. XV, I, 474-500. _Ex Aimoini Flor. Mir._ SS. IX, 374-376. Vgl. H. Hahn: Ein übersehener Brief des Pabstes Zacharias, NA. I, 580-583.

Von zweifelhaftem Werthe ist der Bericht über die =Illatio S. Benedicti=, d. h. die Uebertragung in die Marienkirche, und nach der Flucht vor den Normannen 883, die Rückbringung aus Orléans an demselben 4. December, voll von Wundergeschichten, von dem Hersfelder Mönch =Diederich= nach längerem Aufenthalt in Fleury verfaßt für den Abt Richard von Amorbach, der von 1018 bis 1039 auch Abt von Fulda gewesen ist[37].

[37] Bei Mab. Act. IV, 2, 50-55. Vgl. C. v. Kalckstein, Forsch. XIV, 120. Im Cod. Vat. Christ. 586 f. 71 heißt der Verf. Diedericus nach Reifferscheid, Wiener SB. LIX, 139. Eine Hs., wo or Thiadericus genannt wird, war in der Klosterbibl. von Amelungsborn, Dürre im Progr. d. Gymn. zu Holzminden 1876 S. 23.

Die Aufzeichnung der Wunder des h. Benedict hatte Aimoin nach dem 4. Cap. seines dritten Buches abgebrochen, um auf den Wunsch seiner Klosterbrüder eine Geschichte der Aebte von Fleury zu schreiben, wovon uns nur das Leben Abbo's erhalten ist. Seine Arbeiten nahm etwas später =Andreas= wieder auf, indem er 1041 das Leben des Abtes =Gauzlin= beschrieb, Hugo Capet's Bastard, welcher auf Abbo folgte und 1030 als Erzbischof von Bourges gestorben ist[38]. Doch behielt er auch als Erzbischof die Abtei, welche 1026 abbrannte und unter seiner Leitung neu gebaut wurde. Seine Biographie enthält viele für Kunstgeschichte und Litteraturgeschichte wichtige Nachrichten; auch von dem gefeierten Scholasticus =Constantin=, dem Freund Gerberts, erfahren wir hier, daß er von dem Bischof Arnulf von Orléans die Abtei Saint-Mesmin de Micy erhalten hat[39]. Die Mirakel aber führte Andreas, häufig sich selbst wiederholend, fort bis 1043; von anderer Hand sind nach 1056 Zusätze dazu gemacht[40]. Endlich hat noch =Radulfus Tortarius=, geb. 1063, ein fruchtbarer Dichter[41], die Mirakel bis 1114 fortgeführt und das ganze Werk in Verse gebracht; den Schluß bilden einige Aufzeichnungen von =Hugo de Sancta Maria=.

[38] Ausg. von L. Delisle in den Mémoires de la Société archéologique de l'Orléanais, T. II, 1853. Der Anfang NA. II, 605 in der irrigen Meinung, daß es ungedruckt sei. Weil die Ausg. wenig zugänglich und nach einer fehlerhaften Abschrift gemacht war, ist im NA. III, S. 349-383, eine Ausgabe von P. Ewald gedruckt. Ueber das schöne, ihm aus Ramsey geschickte Sacramentar, Delisle, Sacram. p. 216.

[39] Ein Gedicht an ihn, ein zweites an einen unbekannten Bovo, ed. Dümmler NA. II, 222-228. Beide auch bei H. Hagen, Carmina Medii Aevi p. 130-136. Verbesserungen zum ersten Romania 1877 S. 286.

[40] Dieser Theil ist nur in der Ausg. von Certain gedruckt; Berichtigungen nach der Hs. Cod. Vat. Christ. 592 NA. III, 344-349, von P. Ewald.

[41] Eine Abhandlung über ihn von Certain, Bibl. de l'École des chartes I, 489-521.

Doch von =Aimoin= haben wir noch ein Werk anzuführen.

Noch bei Lebzeiten Abbo's verfaßt und diesem gewidmet ist ein früheres Werk von ihm, eine Geschichte der Franken, welche bis zur Thronbesteigung Pippins reichen sollte, die aber unvollendet blieb und nur bis in die Mitte des siebenten Jahrhunderts geführt ist[42]. Selbständigen Werth hat sie deshalb durchaus nicht; sie gleicht vielmehr den damals so häufigen Ueberarbeitungen alter Legenden, und ist wie diese mehr eine sprachliche und formale als eine geschichtliche Leistung. Eine später im Kloster St. Germain-des-Prés hinzugefügte Fortsetzung bis 1040 ist aus bekannten Quellen zusammengesetzt, mit einigen Zusätzen über die Geschichte des Klosters; eine weitere Fortsetzung reicht bis 1165.

[42] _Aimoini Historia Francorum_ ed. Breulius, 1603 f. und in Frehers Corpus Franc. Hist. mit den Fortsetzungen. Ohne dieselben Duchesne III, 1-120. Bouq. III, 21-139. Ueber die Handschriften Waitz, Archiv XI, 314. Vgl. oben S. 110.

Schon frühzeitig, seit dem Anfange des neunten Jahrhunderts, wurden Annalen im Kloster der heiligen =Columba= zu =Sens= geschrieben[43], und mit Hülfe derselben in einer uns nicht erhaltenen ausführlicheren Gestalt bis 956 verfaßte ein unbekannter Geistlicher eine etwas ausführlichere, aber doch immer sehr magere Chronik des westfränkischen Reiches von der Schlacht bei Tertry, mit besonderer Beziehung auf das Erzbisthum Sens, bis zum Ende des Jahrhunderts nach mündlicher Ueberlieferung und persönlicher Erinnerung fortschreitend; wichtig ist dagegen wieder der von einem Zeitgenossen herrührende Theil von 1000 bis 1015[44]. Dieses Werk wurde nicht nur in der wenig späteren Chronik des Odorannus von Sens[45], sondern auch von Hugo von Fleury und Anderen viel benutzt, von Ordericus Vitalis vollständig in sein Werk aufgenommen[46].

[43] _Ann. S. Columbae Senonensis_ 708-1218 ed. Pertz, MG. SS. I, 102 bis 109. Bis 840 in den Ann. S. Maximini ausgeschrieben, oben S. 363. Nach einem vollständigeren Exemplar bis 922 sind sie von Albricus benutzt, s. MG. SS. XXIII, 661. Verwandte Notizen aus einem Martyrologium bei Delisle, Notice sur plus. Manuscrits de la bibl. d'Orléans, Not. et Extr. XXXI, 1, 68-70. Sacram. p. 164.

[44] Nach Lot, Les derniers Carolingiens, Paris 1891, NA. XVII, 631. Das Buch selbst war mir nicht zugänglich.

[45] _Odoranni monachi S. Petri Vivi Senonensis Chronicon collectum a._ 1045. Duchesne II, 636. Mit seinen übrigen Schriften bei Duru, Bibl. hist. de l'Yonne II, 187-446. Daraus auch bei Migne CXLII. Eine Folge der Erzbb. mit Notizen aus der Stockh. Hs. im Anz. d. Germ. Mus. XXII, 39. Delisle, Sacram. p. 106 u. 371. Obedienz-Erklärungen für die Erzbischöfe von Sens, NA. III, 199-202, und von Besançon S. 196-198.

[46] _Historia Francorum Senonensis a._ 688-1015 (1034) ed. Waitz, MG. SS. IX, 361-369. Siméon Luce, La Continuation d'Aimoin et le Ms. lat. 12711 de la Bibl. Nat. (Not. et Doc. pour la Soc. d'hist. de France), Paris 1884, p. 57-70, über das Exemplar mit Interpolationen aus St. Germain-des-prés, woraus die ältesten Ausgaben genommen sind, vgl. B. Krusch, HZ. LVI, 367. _Chronicon S. Petri Vivi auct. Clario monacho_ -- 1124, cont. -- 1179 -- 1267 ex cod. bei Duru II, 449-597; Excerpte MG. SS. XXVI, 30-36. Chronique de l'Abbayie de Saint-Pierre-le Vif de Sens, rédigée vers la fin du 13. siècle, par G. de Courlon. Texte et trad. par G. Juilliot. Sens 1876.

Von grösserem Werthe, aber der deutschen Geschichte und unserer Aufgabe schon sehr fern liegend, ist die Chronik der Normannen von Rollo bis auf den Tod Richards I (996), von =Dudo=, Decan zu St. Quentin, am Anfange des elften Jahrhunderts verfaßt. Er schrieb nach mündlicher Ueberlieferung, hauptsächlich nach den Erzählungen des Grafen Rudolf von Ivri, des Bruders Herzog Richards I, und giebt uns eine wahre Volksgeschichte in reichhaltiger lebendiger, wenn auch mit viel Schönrednerei aufgeschmückter Erzählung[47]. In dieser schwülstigen Ueberladung und in der Verzierung mit inhaltlosen Versen in vielförmigen Metren nach dem Vorbild des Boethius, entspricht Dudo ganz dem Charakter der Schulen seiner Zeit, die unter Rollo's frommen Nachfolgern auch in der Normandie wieder auflebten. Schon die Ermordung des Herzogs Wilhelm Langschwert (942 Dec. 17) veranlaßte ein gleichzeitiges, ziemlich rohes Gedicht, welches Dudo's Darstellung bestätigt[48]. Bald begegneten sich am erzbischöflichen und herzoglichen Hofe, wie einst bei Karl dem Großen, Irländer und Franken in heftiger Feindschaft. Moriuth gewann die Gunst des sehr weltlichen und lebenslustigen Erzbischofs Hugo (942-989) und der Fürsten durch seine Lobverse; =Warnerius= dagegen, ein Mönch von Saint-Ouen, sehr gelehrt in seiner Weise, widmete sich ganz dem Dienste des Erzbischofs Robert (989-1037), Herzog Richards Sohn, und bekämpfte mit beißenden Versen den Gegner, dem er grobe Unwissenheit vorwarf[49].

[47] _Dudonis libri III de moribus et actis primorum Normanniae ducum_, Duchesne SS. Normannici, Paris, f. 1619. Excerpt bei Bouq. X, 141, MG. SS. IV. 93-106. Neue Ausg. in 4 Büchern von Jules Lair, Caen 1865, 4. Migne CXLI. -- Unbedeutend, weil ganz aus den Bertin. und Vedast. Annalen genommen, ist das _Chronicon de Gestis Normannorum in Francia_ 820-897. MG. SS. I, 532-536.

[48] Complainte sur l'assassinat de Guillaume Longue-épée, duc de Normandie. Poème inédit du X. siècle. Entdeckt von G. Paris, herausgegeben von Jules Lair in der Bibl. de l'École des chartes XXXI, 389-406. L. Delisle, Notice sur des Mss. du Fonds Libri cons. à la Laurent. à Florence (1886) p. 40 über ein älteres u. besseres Exemplar, mit Facsimile.

[49] _Warnerii ad Robertum archiep Rotom. satira in poetam Scotum nomine Moriuth_, cod. Paris. 8121 A. Jules Lair, Et. hist. p. 15; er verspricht eine Ausgabe. Ein zweites Gedicht desselben W. an Rob. ist NA. II, 601 erwähnt.

Aus ähnlicher Schule war auch Dudo hervorgegangen. Seine Erzählung, ganz ohne schriftliche Quellen, ist natürlich in den Anfängen ganz sagenhaft und auch später sehr unzuverlässig, dabei normannisch ruhmredig in hohem Grade; den Charakter ihres Ursprungs verleugnet sie nirgends. Sehr eingehend ist das mit scharfer und besonnener Kritik von E. Dümmler nachgewiesen[50]; der gleichzeitige Versuch von J. Lair, von Dudo's Nachrichten für die Geschichte etwas mehr zu retten, steht dagegen sehr zurück.

[50] Forschungen VI, 361-390, IX, 651, vgl. die frühere Untersuchung von Waitz: Ueber die Quellen zur Geschichte der Begründung der normannischen Herrschaft in Frankreich, Gött. Nachr. 1866, N. 6. G. Körting: Wilhelms von Poitiers Gesta Guilelmi ducis Norm. et regis Anglorum, Progr. der Dresd. Kreuzschule 1875. Mit Dudo beschäftigt sich auch Joh. Steenstrup: Normannerne, Kop. 1876; vgl. die Rec. von E. Beauvois, Revue hist. IV, 426-430. In dem an dieses Buch anknüpfenden Aufsatz von Karl von Amira: Die Anfänge des normannischen Rechts, HZ. XXXIX, 241-268, wird S. 245 f. die Glaubwürdigkeit des Dudo gegen Dümmler und Waitz in Schutz genommen und die vermeintliche altnordische Ueberlieferung über die Herkunft Rollo's zurückgewiesen. Vgl. auch HZ. XLIV, 188.

Gewidmet hat Dudo sein Werk dem Bischof =Adalbero von Laon= (977-1030), der wegen seines politischen Verhaltens übel berüchtigt, in seinen alten Tagen (nach Mabillon um 1006) ein langes Gedicht in der Form eines Gesprächs mit König Rotbert verfaßte, worin er seinem ganzen Groll gegen Odilo und seine Cluniacenser, ihre Begünstigung durch den König und die Erhebung mönchischer und niedrig geborener Bischöfe Luft gemacht hat. Für die Kenntniß der Sitten und Zustände ist es nicht unergiebig[51].

[51] Bouq. N. 64-67 mit ausführlichem Commentar von Adr. Valesius. Ueber einen von ihm an Bischof Fulco von Amiens gerichteten dialectischen Tractat s. Prantl, Gesch. d. Logik II, 58. HS. aus St. Emm. in München, lat. 14272; Frgm. in Orléans, cod. 169, beschr. v. Samuel Brandt, Wiener SB. CX, 167-174.

§ 11. Cluny.

Als die herrschende Richtung in den französischen Schulen im zehnten Jahrhundert trat uns jene rhetorisch-philosophische Bildung entgegen, welche auf den Lehren der alten Grammatiker beruhte und nicht auf kirchlichem Grunde erwachsen war. In scharfem Gegensatze zu diesem Treiben entfaltete sich gleichzeitig in Cluny eine streng mönchische Askese, welche das Studium des profanen Alterthums für sündlich erklärte, geistesverwandt mit der auf gleicher Grundlage ruhenden Klosterreform in Lothringen, mit welcher auch häufige Berührungen stattfanden. Die Geschichtschreibung konnte nicht gedeihen, wo man alles Irdische verachtete und verwarf, aber indem man die Tugenden der gefeierten Häupter dieser Richtung anderen zum Vorbilde aufstellte, entstanden doch Lebensbeschreibungen, welche um so wichtiger sind, je größer auch für die weltlichen Angelegenheiten damals die Bedeutung jener Männer war. Aber auch die Kenntniß dieser ganzen Richtung und namentlich die Entstehung und das Wachsthum der Cluniacenser Congregation, welche bald eine so außerordentliche politische Bedeutung gewann, ist von unmittelbarer Wichtigkeit für den Geschichtsforscher; nur ist zu bedauern, daß der legendenartige, auf Erbauung abzielende Ton der Biographieen uns gerade über diejenigen Umstände, welche geschichtlich bedeutend sind, am wenigsten Aufklärung finden läßt. Ueber das Leben des ersten Abtes =Odo= (927-942) besitzen wir eine Schrift seines Schülers Johannes[1]. Das Leben des Abtes =Majolus= (949-994) beschrieb bald nach seinem Tode, nicht ohne gute Nachrichten von ihm nahestehenden Zeitgenossen zu erhalten, in blüthenreicher salbungsvoller Rede der Mönch =Syrus=[2], dessen Schrift aber nach der Untersuchung von L. Traube[3] unvollendet blieb und von Aldebald aus Heirici Vita et miracula S. Germani interpoliert ist, welche Verunstaltung er in einer zweiten Bearbeitung noch vermehrte. Den echten Text des Syrus haben wir also nicht, wohl aber kannte ihn Odilo, der in seinem Elogium[4] die falschen Zuthaten des Aldebald unbeachtet gelassen zu haben scheint. Dadurch wird eine Revision der Untersuchungen von W. Schultze und Sackur nothwendig[5].