Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 50

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Aus der Altaicher Schule kam auch =Piligrim=, ein Neffe des Erzbischofs Friedrich, aus vornehmer Familie, welcher 971 in =Passau= auf Adalbert folgte, wo er am 22. Mai 991 gestorben ist. Für Passau eröffneten sich nach der Ueberwältigung der heidnischen Ungern große Aussichten; schon Adalbert hatte sich einen Bischof von Lorch genannt, wovon man in der Vita Severini las, Laurentius trat als Schutzpatron dem h. Stephan zur Seite, und dem viel jüngeren Salzburg gegenüber glaubte Pilgrim, der sich ebenfalls Bischof von Lorch nannte, die Errichtung, oder wie er es darstellte, die Herstellung eines Erzbisthums Lorch erreichen zu können. Auch Fälschungen scheute er zu diesem Zwecke nicht, doch blieben seine Bestrebungen erfolglos[29]. Pilgrims Name aber blieb gefeiert in Passau und ist sogar in die Nibelungensage gekommen, über welche er zuerst ein lateinisches Epos durch seinen Sänger Conrad dichten ließ.

[29] Vgl. oben S. 51.

In =Eichstedt= ließ Bischof =Starchand= (933-966), ein Freund Ulrichs von Augsburg, viele Bücher abschreiben und verfaßte selbst Gebete; sein Nachfolger =Reginold= (bis 989) wird wegen seiner Beredsamkeit Chrysostomus genannt; er verstand griechisch und hebräisch, besonders aber war er ein großer Musiker und soll zur Uebertragung des h. Willibald ein gar schönes Gedicht verfertigt haben, auch Wunnibald und Blasius hat er besungen[30].

[30] Anon. Haser. MG. SS. VII, 255. 257.

Bei einer so lebhaften litterarischen Thätigkeit kann es auch an geschichtlichen Aufzeichnungen nicht ganz gefehlt haben; viel ist jedoch nicht vorhanden gewesen, da wir sonst doch bei den späteren Schriftstellern Spuren davon antreffen müßten, und größere Geschichtswerke scheinen hier nicht entstanden zu sein. Jene grammatisch-philosophische Bildung, welche vielfach hochgeschätzt und eifrig erstrebt wurde, befördert durch Italiener wie Gunzo und Stephan, führte zur Geschichtschreibung nur, insofern sie zu dem erforderlichen Bildungsgrade verhalf; eine unmittelbare Beziehung zur Geschichte hatte sie nicht und leitete eher ab von der Beschäftigung mit der eigenen einheimischen Vorzeit, wie wir denn auch gesehen haben, daß die Hauptpunkte dieser gelehrten Studien, wie Reichenau, St. Gallen, Lüttich, keineswegs auch die productivsten für Geschichtswerke waren.

§ 10. Frankreich. Reims.

An gelehrter Thätigkeit hat es in dieser Periode in Frankreich nicht gefehlt; trotz aller Verheerungen und Unglücksfälle erhielt sich ein bedeutender Grad von Bildung, der sich durch eine große Anzahl von Lehrern, Scholastern fortpflanzte. Diese waren in Frankreich wie in Deutschland wohl alle von geistlichem Stande; es scheint jedoch, daß sie dort nicht so allgemein wie hier bestimmten Stiftern angehörten, sondern mehr nach italienischer Weise in unabhängiger Stellung Schüler um sich sammelten. Ihre ganze Richtung ging vorherrschend auf Grammatik, Dialektik und Rhetorik, und trug daher ebenso wenig Frucht für die Geschichte, wie die verwandten Bestrebungen in deutschen Klöstern.

In =Reims= waren die beiden Schulen der Domherren und der Landgeistlichkeit nach Flodoards Angabe (IV, 9) gänzlich verfallen, als Hinkmars Nachfolger =Fulko= (882-900) zu ihrer Herstellung zwei Schüler Heirichs von Auxerre[1] berief, Meister =Remigius= von =Auxerre=, der die jungen Cleriker in den freien Künsten unterwies, während der Erzbischof selbst mit ihnen Theologie trieb, und =Hucbald= den Kahlkopf von St. =Amand=. Dieser war ein Mönch in jenem merkwürdigen Kloster, welches auf der Grenzscheide beider Sprachen im Hennegau gelegen, uns zugleich das deutsche Ludwigslied und das älteste Denkmal französischer Dichtung aufbewahrt hat[2]. Ein Neffe und Schüler des =Milo=, der zu Karls des Kahlen Zeit als Schriftsteller gefeiert war[3], übersandte er diesem um 876 seines Oheims Werk _de sobrietate_ mit einer poetischen Widmung[4] und ließ bald ein eigenes ebenso künstliches wie geschmackloses Gedicht _in laudem calvorum_ folgen, in welchem jedes Wort mit C anfängt[5]. Nachdem Fulko, Abt von St. Bertin, zum Erzbischof von Reims erhoben war, erbat dessen Nachfolger Rodulf ihn vom Abt Gauscelin von St. Amand, um seine mangelhaften Schulkenntnisse zu ergänzen[6]; bald nachher aber muß er jenem Rufe nach Reims gefolgt sein, wo er eine Zeit lang als Lehrer wirkte, bis sein Gönner Fulko starb. Heimgekehrt, hat er außer anderen erbaulichen Schriften 907 ein Leben der h. Rictrudis, der ersten Aebtissin von Marchiennes, verfaßt, welches er dem Bischof Stephan von Lüttich übersandte[7] und, wenn die Vermuthung des Herausgebers richtig ist, auf Veranlassung desselben Bischofs, die metrische _Vita S. Lamberti_, worin zuerst die von den früheren Biographen verschwiegene Ursache seiner Ermordung berührt wird[8]. Außerdem verfaßte er ein Leben des angelsächsischen Glaubensboten =Liafwin=, welches besonders durch die Erwähnung der altsächsischen Landesversammlung sehr merkwürdig ist[9]. Dieses in Anlehnung an Altfrids Leben Liudgers mit großer Belesenheit und sorgsamem Fleiße ausgearbeitete Werk widmete er dem Bischof Balderich von Utrecht, und theilte es außerdem dem Archidiaconus Peter von Cambrai und Odilo, dem Mönch von St. Medardus, zur Prüfung mit. Neunzigjährig soll er 930 gestorben sein. Um sein Kloster machte er sich auch dadurch verdient, daß er die Gebeine des von seinem Vater Karl dem Kahlen geblendeten und um 876 verstorbenen Karlmann von Echternach nach Saint-Amand brachte, was in einem Epitaph auf seine und Milo's gemeinsame Grabstätte berichtet wird[10].

[1] Ademari Chron. III, 5. Remigius, als theolog. Schriftsteller bekannt, (Hist. litt. de la France VI, 99 f., vgl. Prantl, Gesch. d. Logik II, 44) ging nach Fulko's Tod nach Paris, wo Odo von Cluny sein Schüler war. Andere Schüler von ihm sind die in Vita Joh. Gorz. erwähnten Hildebold (oben S. 377) und Blidulf, Archidiaconus der Metzer Kirche; auch Erzb. Seulf v. Reims, Flod. IV, 18. Vgl. Huemer: Ueber ein Glossenwerk zum Sedulius, Wiener SB. XCVI, 505-551. Von R. scheinen, wie Dümmler mir mittheilt, die 2 Briefe an Dado von Verdun zu sein, worin von der Herkunft der Ungern die Rede ist, Spicil. XII, 349, Mart. Coll. I. 320, auch im Cod. Vindobon. 156, f. 110. Später lehrte in Auxerre zur Zeit des gefeierten Bischofs Robert der ital. Grammatiker Wido, gest. 1095, s. Dümmler im NA. I, 181-183.

[2] Fragmenta Elnonensia, von Hoffmann, Gent 1837, 4. Neue Aufl. 1845. Facs. bei G. Paris, Les plus anciens Monuments de la langue Française, 1875.

[3] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 521-526. Ebert II, 277-285.

[4] Diese gedruckt bei Mart. Thes. I. 45. Vollständig herausgegeben von Desplanque, Etude sur un poëme inédit de Milon, moine de Saint-Amand, Lille 1871.

[5] Herausgegeben von J. Desilve, Valenciennes 1875. Dess. Schrift De schola Elnonensi, 1889, habe ich nicht gesehen.

[6] Zur Sicherung seines Unterhaltes wies der Abt ihm 889 ein Landgut an, welches er später den Mönchen von St. Bertin überließ. Folq. ed. Guérard p. 131. MG. SS. XIII, 623.

[7] _Vita S. Rictrudis_, Mab. II, 939-950. Acta SS. Mai III, 81-89.

[8] Vie de S. Lambert, écrite en vers par Hucbald de Saint-Amand, et documents du X siècle, par J. Demarteau, Liège 1878. Vgl. oben S. 264, u. Dümmler, NA. IV, 555.

[9] _Hucbaldi Vita S. Lebuini_ ed. Pertz, MG. SS. II, 360-364 im Auszug aus Sur. VI, 277-286, doch nach der Handschrift berichtigt. Der Rest ist aus den Lebensbeschreibungen von Willibrord, Bonifaz, Gregor und Liudger erweitert. Uebersetzung des Auszuges von Arndt hinter der Vita Bonifacii. Vgl. über seine Quellen u. besonders die Versammlung zu Marklo, W. Kentzler, Forsch. VI, 343-354 u. Entgegnung von S. Abel 355. 356. Eine Schrift über die Vita u. den Ursprung von Deventer von Verloren wird Revue hist. XXXI, 236 angeführt.

[10] Acta SS. Jun. III, 36. S. über Hucbald Hist. litt. de la France VI, 210-221; Dümmler, NA. IV, 560-563. -- Hans Müller, Hucbalds echte und unechte Schriften über Musik (Leipz. 1884, 4) weist nach, daß die Schrift de harmonica institutione, aber nicht die Musica enchiriadis, von ihm ist.

=Reims= war in diesem Jahrhundert auch der Mittelpunkt der französischen Politik und namentlich für die lothringischen Händel von der größten Bedeutung. Hier konnte man unmöglich ohne geschichtliche Aufzeichnungen auskommen; hier bedurfte man anderer Werke als rhetorisch ausgeschmückter Legenden, und Hinkmar selbst hatte das beste Beispiel gegeben. Er fand einen Nachfolger an =Flodoard= (894-966), der als Archivar der Kirche sowohl, wie durch seine sehr angesehene Stellung ganz besonders zu dieser Aufgabe befähigt war. Begonnen hatte auch er in derselben Weise wie so viele seiner Zeitgenossen. Unter Pabst Leo VII (936-939) besuchte er Rom, wo er vom Pabste sehr gut aufgenommen wurde, und als Denkmal seiner Frömmigkeit, seiner umfassenden Gelehrsamkeit und seiner Dankbarkeit verfaßte er in leidlichen Hexametern ein gewaltiges Werk, dessen erste zwei Theile die Thaten Christi und der ersten Heiligen in Palästina und Antiochien feiern, während der dritte in 14 Büchern die Geschichte der römischen Päbste in Verse bringt, verbunden mit zahlreichen Legenden der Heiligen. Noch bei Lebzeiten seines Gönners Leo VII hat er die Arbeit vollendet, welche er dem Erzbischof Rotbert von Trier widmete[11]; der letzte Theil derselben ist nicht ohne geschichtlichen Werth[12]. Derselbe Erzbischof von Trier war es auch, der zur Zeit des Concils von Ingelheim Flodoard dringend aufforderte und mahnte, die =Geschichte der Reimser Kirche=[13] zu schreiben, mit welcher Flodoard noch 952 beschäftigt gewesen ist. Schon in jenem Gedicht hat Flodoard auch urkundliche Nachrichten der Reimser Kirche benutzt, deren Beziehungen zum päbstlichen Stuhl sorgfältig hervorgehoben werden. Das sind die Anfänge der Studien, aus welchen diese bis 948 geführte Geschichte der Reimser Kirche hervorging, ein Werk, in welchem die Rücksicht auf die Form ganz zurücktritt gegen die Vollständigkeit und Zuverlässigkeit des Inhalts, denn diese Geschichte ist eine urkundliche in so hohem Grade, daß sie für die Zeit der Erzbischöfe Hinkmar und Fulko großentheils geradezu aus Regesten der wichtigsten Urkunden, besonders päbstlicher Schreiben besteht. Auch für die frühere Zeit lag ihm noch einiges urkundliche Material vor, vorzüglich war er hier jedoch auf Hinkmars Vita Remigii und einige andere Legenden angewiesen; Wundergeschichten erzählt er gerne und mit großer Gläubigkeit. Die Verarbeitung des Stoffes muß man als mangelhaft bezeichnen; sie läßt sich oft ganz vermissen, aber der materielle Werth seines Werkes ist dadurch um so größer für uns. Derjenige Theil desselben, welcher die Geschichte seiner Zeit behandelt, findet sich großentheils wiederholt in seinem zweiten Hauptwerke, den =Annalen=, welche von 919-966 reichen[14]. Doch hatte er diese, wie G. Monod (Revue Crit, 1873, II, 263) nachgewiesen hat, schon früher mit den Ereignissen gleichzeitig begonnen und darin Rücksichten zu nehmen gehabt, welche für die Historia Remensis nicht mehr nothwendig waren; er unterbrach sie, um die Historia zu schreiben, und nur der Bericht über 948 scheint dann umgekehrt wieder aus der Historia in die Annalen herübergenommen zu sein. Ob der Anfang der Annalen verloren ist, ob ein anderes Werk vorhanden war, welches die Geschichte bis zum Jahre 919 führte, ist unbekannt; unmöglich wäre es ja nicht, daß der Anfang frühzeitig zu Grunde gegangen wäre, und ohne die Annahme einer bis dahin reichenden Aufzeichnung ist gerade dieser Anfangspunkt unbegreiflich. Sicher aber ist, daß auch Richer nicht mehr Hülfsmittel für die Zeit von 882 an, wo Hinkmars Jahrbücher aufhören, vor sich hatte; nicht einmal die Annalen von St. Vaast waren ihm bekannt. Für jenen Zeitraum nun berichtet Flodoard mit der größten Treue Jahr für Jahr die Ereignisse, wie er sie erfuhr, grosse und kleine, ohne auf ihren inneren Zusammenhang einzugehen, in derselben objectiven Weise, die wir schon bei anderen ähnlichen Werken bezeichneten, in einfacher ungesuchter Sprache. Was ihn aber auszeichnet, ist die Fülle seiner Nachrichten, nicht über Frankreich allein, sondern auch über Lothringen und das ostfränkische Reich, mit dem er manche Berührung hatte, und ferner seine fleckenlose Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit. Er war in höherem Alter in das Kloster Saint-Basle eingetreten, wo 952 wieder Mönche anstatt der Canoniker eingeführt wurden und legte 963 die Prälatur, wie er sagt, siebenzigjährig nieder. Drei Jahre später ist er gestorben, und fast bis an den Tag seines Todes hat er das Werk fortgesetzt, dann ist noch ein Zusatz über die Jahre von 976-978 nachgetragen worden: darauf aber verging lange Zeit, bevor sich ein Nachfolger fand. In den politischen Wirren, von welchen auch die Metropole, lange Zeit ein Zankapfel der Parteien, viel zu leiden hatte, gingen Zucht und Lehre fast zu Grunde, bis der Beginn einer besseren Zeit in dem nahen Lothringen auch hierher seine Einwirkung erstreckte. Zwei Metzer Domherren, welche nacheinander auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben wurden, Odelrich, 961-969, und besonders Adalbero von 969-988, ein Zögling der Klosterschule zu Gorze[15], stellten die Ordnung wieder her, und bald zog der neu erwachte Glanz der Reimser Schule Schaaren lernbegieriger Jünglinge zu der alten Kathedrale.

[11] Nach handschriftlicher Ueberlieferung freilich Rotger, s. oben S. 365. Es mag ursprünglich, wie in der Widmung der Reimser Geschichte, nur R. gestanden haben.

[12] Dieser ist gedruckt bei Mab. III, 2, 569-608 und bei Muratori III wiederholt. Stücke bei Mab. II, 30. 127. 1095-1100. Vollst. jetzt bei Migne CXXXV, 494-886. Vgl. über das ganze Werk Hist. litt. de la France VI, 318-321. Entlehnung der Characteristiken aus den Epitaphien der Päbste, NA. XIII, 236.

[13] _Flodoardi Historia Remensis ecclesiae_, mit Anhang bis auf Adalbero, ed. Sirmond. 1611: Colvener. Duaci 1617, Bibl. Patrum Lugd. XVII, 500: Bouquet VIII, 154-175 unvollständig; edd. Heller et Waitz, MG. SS. XIII, 405-599 (ohne den Anhang). Kritik von Longnon im Répert. des travaux historiques. Die II, 19 aufgenommene _Visio Raduini_ (oben S. 211) kommt abgesondert vor u. ist NA. XI, 262 gedruckt. Der Ausg. von Pithou (1588) sind _Visiones Flotildae_ von 940 angehängt. -- Oeuvres de Flodoard ed. Le Jeune (Text mit Uebersetzung) Reims 1854. -- _Series archiepp. Rem._ (nur Namen) SS. XIII. 381. 750. _Annales Remenses_ 830-999, nicht gleichzeitig, ib. 81; _Ann. S. Dionysii Remenses_ 845-1190, p. 82-84; _Ann. S. Nicasii Rem._ 1197-1309, p. 84 bis 86.

[14] _Flodoardi Annales_ ed. Pertz MG. SS. III, 363-408. Baehr, S. 188. Giesebr. I, 779. Ueber den von Pertz nicht benutzten Cod. Paris. Fonds latin 9768, nach Nithard, s. NA. VI, 482. Cod. Christ. 633, NA. X, 224.

[15] Gesta epp. Camerac. I, 102.

Bald nach Flodoards Tod, um das Jahr 967, hatte ein junger Mönch, =Gerbert=, das Kloster Aurillac in der Auvergne verlassen, um in der spanischen Mark Lehrer aufzusuchen, welche namentlich seiner Liebe zu mathematischen Studien genügten. Im Jahre 970 folgte er dem Grafen von Barcelona und dem Bischof Hatto von Vich, seinem Lehrer, nach Rom und wurde hier bereits als ein ausgezeichnet begabter Jüngling vom Pabste dem Kaiser Otto zugesandt. Noch fehlte es ihm aber an philosophischer Ausbildung, und deshalb begleitete er den Reimser Archidiaconus Garamnus[16], einen berühmten Lehrer der Logik, nach Reims, wo er einige Zeit seine Studien fortsetzte, bald aber selbst als Lehrer einen außerordentlichen Ruf gewann[17]. Ganz Gallien, sagt Richer, erglänzte von ihm durchleuchtet, wie von einem strahlenden Lichte. Nachdem er sich später einige Zeit bei Otto II aufgehalten und von ihm die Abtei Bobio erhalten hatte, die er nicht behaupten konnte, kehrte er zurück[18], und nahm während der Minderjährigkeit Otto's III in Reims eine sehr bedeutende politische Stellung ein. Diese Periode ist es besonders, über welche uns seine =Briefsammlung= die wichtigsten Aufschlüsse giebt, obgleich viele der darin enthaltenen Anspielungen uns jetzt unverständlich sind, und durch die absichtliche Dunkelheit der Schreibart die Benutzung sehr erschwert wird[19]. Als später (991) der Erzbischof Arnulf von Reims entsetzt und Gerbert sein Nachfolger wurde, zeichnete dieser selbst die Verhandlungen der Synoden zu St. Basle, Mouson und Coucy auf, welche durch diese Verhältnisse veranlaßt wurden[20], und die außerordentliche Klarheit, Schärfe und Gediegenheit der Darstellung, sowie die Meisterschaft im Ausdruck lassen uns sehr bedauern, daß er uns außerdem keine Werke geschichtlichen Inhaltes hinterlassen hat. Besonders merkwürdig sind die Acten der Synode von St. Basle durch die heftige und rücksichtslose Opposition gegen den römischen Stuhl, welche sich darin ausspricht, und die eine nicht minder heftige und charakteristische Entgegnung von Seiten des römischen Abtes Leo hervorrief[21].

[16] Der Name ist Hypothese, Richer hat nur den Anfangsbuchstaben, und in den Reimser Urkunden der Zeit findet sich nur dieser Name.

[17] Er war auch Lehrer des Königs Robert nach der Satire des Bischofs Adalbero von Laon, wo er Neptanebus genannt ist, was auf Gerbert gedeutet wird. Péchenard de schola Rem. X saeculi Par. 1876 habe ich nicht sehen können.

[18] Vor Otto's II Tod, nach D. J. Witte, Lothringen in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts (Diss. Gott. 1869) S. 43, wo auch viel Widerspruch gegen Olleris neue Anordnung der Briefe ist.

[19] _Gerberti epistolae_ bei Duchesne II, 789-844. Opera ed. Olloris, 1867, 4. Verse von ihm in N. Jahrb. f. Philol. 1867, XCV, 708-710. Die Briefsammlung von Gerbert als eine Geschichtsquelle. Krit. Monogr. Nach den Hss. von N. Bubnow, Petersb. 1888 (russisch). Lettres publ. avec une introd. et des notes par Jul. Havet, Paris 1889 (NA. XV, 223). Anz. beider von Kehr, HZ, LXIV, 274-277. Zur Zeitbestimmung der Briefe auch Sickel, Mitth. d. Inst. XII, 209 ff. Vgl. Wilmans in Ranke's Jahrbüchern II, 2, 141-175. Giesebr. I, 787. Hock, Gerbert oder Pabst Sylvester II und sein Jahrhundert, Wien 1837. M. Büdinger, Ueber Gerberts wissenschaftliche und politische Stellung, Cassel 1851. Cantor, Mathematische Beiträge S. 304 ff. eingehend über seine mathematischen Schriften; Gesch. d. Mathematik I, 728-751; Zts. f. Math. u. Physik, Hist. litt. Abth. XXXIII, 3, 101 ff. gegen die Verwerfung der Geomotria Gerberti von H. Weissenborn, Gerbert. Beiträge zur Kenntniß d. Math. d. MA. Berl. 1888. Prantl, Gesch. d. Logik II, 53-57, H. Reuter, Gesch. der relig. Aufklärung im Mittelalter (1875) I, 78-84. K. Schultess, P. Silv. II als Lehrer u. Staatsmann. Wiss. Beil. zum Osterprogr. d. Wilh. Gymn. in Hamb. 1891. Ders. Die Sagen von P. Silvester II, Hamb. 1893. A. Graf, Die Quellen der Legenden von S., Nuova Antologia 1890 Mz. 16. Daß der _Sermo de dignitate sacerdotali_ nicht von ihm sein kann, erweist Jul. Harttung, NA. I, 587-593. Ders. bezweifelt Forsch. XVII, 390 seinen Aufruf zum Kreuzzug; dagegen H. v. Sybel, Gesch. d. ersten Kreuzzuges (1881) S. 458. Die _Questio Girberti papae_ im Pariser Cod. 10444 enthält eine philos. Untersuchung, NA. II, 625. Cod. Vat, 3101, Arch. XII, 232. Merkwürdige Sagen über Gerbert bei Gualt. Mapes de nugis curialium ed. Wright (Camden Society) 1850. Vgl. auch Döllingers Pabstfabeln. Ein Gedicht über seine Magie e cod. Salem, s. XIII, _Ortus remensis_, bei Gerbert, Iter Alem. (1765) p. 246. ed. II p. 258. Mone's Anz. II, 188.

[20] MG. SS. III, 658-693.

[21] MG. SS. III, 686-690. Vgl. oben S. 306. Im Cod. Christ. 1283 (Arch. XII, 315) folgen auf einen Bericht über Arnulfs Absetzung u. Gerberts Nachfolge sehr bittere Verse _Tres contra Dominum_, die K. Palm Forsch. XIII, 579 aus einer Abschrift mitgetheilt hat. Der Cod. hat nach Mitth. von Dümmler immer _Gilb._ u. v. 7 _cupiere_; außerdem vor v. 10 den tautologischen Vers „Romam vexat adhuc census amor immoderatus.“. Sie finden sich aber auch bei Giesebr. III, 1263 (von v. 7. an) auf Wiebert angewandt, und scheinen mir dahin besser zu passen.

Hat aber Gerbert nicht selbst Geschichte geschrieben, so veranlaßte er doch, daß nach langer Unterbrechung in Reims diese Thätigkeit wieder aufgenommen wurde. Er beauftragte damit einen seiner Schüler, den =Richer=, einen Mönch von Saint-Remi[22], der sich mit nicht gewöhnlichem Eifer dem Studium der alten Lateiner und der Philosophie, der Medicin und der Mathematik hingab. Von seinen Vorgängern wich Richer ab, indem er die schlichte annalistische Form verließ; ihm schwebte das höhere Ziel einer künstlerisch durchgebildeten und das innere Wesen der Dinge erfassenden Geschichtschreibung vor. Nachdem er die Widmung an Gerbert und den Anfang seines Werkes (bis II, 78) geschrieben, scheint eine Unterbrechung eingetreten zu sein, worauf er, bevor noch 997 König Robert sich von Gerbert abwandte, diesen Anfang noch einmal überarbeitete und bis zum Jahre 995 fortführte; einige kurze Notizen über die folgenden Jahre auf dem letzten Blatte seiner Handschrift, in welchen die veränderte Stimmung gegen den König sich deutlich zeigt, deuten die Absicht einer weiteren Fortsetzung an, zu welcher er aber, vielleicht durch Gerberts Absetzung (998) verhindert, nicht mehr gekommen ist. Nach Monod's Vermuthung hat er ihn zum Kaiserhof begleitet[23].

[22] Hier war 945 die Regel durch Erzbischof Hugo mit Rath des Abts Erchambold von Fleury hergestellt und Hinkmar († 967) als erster selbständiger Abt eingesetzt. Gerhard von Brogne (oben S. 388) wird dabei von Flodoard auffallender Weise gar nicht erwähnt. Schon 948 führte Berner Mönche von St. Remi nach Homblières im Vermandois, da die dortigen Nonnen zu liederlich waren und trotz aller Mühe blieben, s. _Inventio, translatio et miracula S. Hunegundis a. 946 auct. Bernero_, Mab. V, 214-221. Andere kamen 952 nach St. Basle und durch Erzbischof Adalbero 971 unter Lietald nach Mouson, 972 nach St. Thierry, dit du Mont d'or.

[23] S. G. Monod, Études sur l'hist. de Hugues Capet. Les sources historiques. Revue hist. XXVIII, 241-272.

Zum Ausgangspunkte seines Werkes nahm Richer nach einer kurzen Einleitung das Ende von Hinkmars Werk (882); er versuchte es, die Lücke zwischen diesem Zeitpunkte und Flodoards Annalen (919) auszufüllen, was aber nur sehr unvollkommen gelingen konnte, weil es ihm offenbar an schriftlichen Denkmälern über diese Periode, außer Flodoards Geschichte von Reims, fast gänzlich fehlte. Er hatte, vermuthlich in Chartres, wohin ihn das Studium der Medicin führte, sagenhafte Nachrichten über die Herkunft des Grafenhauses von Blois erfahren[24], und sonst noch einige Notizen, welche er mit äußerster chronologischer Verwirrung ganz willkürlich in Verbindung brachte; wie sehr ihm jede Entstellung zuzuschreiben ist, zeigt der folgende Abschnitt, wo Flodoards Annalen seine Quelle sind, nebst einigen ungeschickt eingeschobenen Stellen der Geschichte von Reims[25]. Wo diese enden, (966), erreicht er die Zeit, welche er schon selbst mit durchlebt hatte, und je mehr er sich der Gegenwart näherte, desto mehr hatte er Ereignisse zu berühren, deren Mittelpunkt großentheils der erzbischöfliche Stuhl von Reims gebildet hatte. Hier konnte es ihm, der im Auftrage Gerberts seine Geschichte schrieb, an zuverlässiger Kunde nicht fehlen; für die frühere Zeit kam es ihm auch zu statten, daß sein Vater Rudolf ein Dienstmann König Ludwigs IV gewesen war, dessen Gunst er sich durch seine Tapferkeit und Klugheit erworben hatte.