Part 43
Dieser stand damals der Schule vor; später wurde er Domdechant und nahm zugleich als Bibliothekar und Notar eine bedeutende Stellung ein; ein großer Theil der bischöflichen Geschäfte ging durch seine Hand, und namentlich in den Jahren von 1000 bis 1002 führten ihn wichtige Aufträge wiederholt an den päbstlichen und kaiserlichen Hof. Seiner besonderen Leitung wurde der junge =Bernward= anvertraut, ein sächsischer Knabe von vornehmster Herkunft, der schon in früher Kindheit der Hildesheimer Kirche übergeben war. Nicht allein in den Wissenschaften, sondern auch in den Künsten, der Schreibkunst, Malerei, Bildhauerei und Baukunst wurde der junge Bernward unterrichtet, und auch hierin zeichnete er sich bald in hohem Grade aus. Denn wie wir das besonders auch in St. Gallen sahen, die Geistlichkeit pflegte und bewahrte in Deutschland damals in ihrer Mitte alles, was überhaupt von höherer Ausbildung irgend vorhanden war; noch mußte sie fast alles, dessen sie bedurfte um den hohen Anforderungen ihrer Stellung zu genügen, selber leisten.
Später hielt Bernward sich einige Zeit bei dem Erzbischof Willigis auf, bei seinem Großvater dem Pfalzgrafen von Sachsen, und bei seinem Oheim, dem Bischof Folkmar von Utrecht; dann begab er sich 987 an den kaiserlichen Hof, und hier vertraute ihm Theophano die Erziehung des königlichen Kindes Otto III.
Am 7. Dec. 992 starb in Como der Bischof Gerdag von Hildesheim, und Bernward wurde zu seinem Nachfolger erwählt. Dreißig Jahre lang hat er dieses Amt verwaltet, und nicht leicht hat ein Bischof ein besseres Andenken hinterlassen. Unter den trefflichen Bischöfen, an welchen diese Zeit so reich ist, war er einer der hervorragendsten. In ihrer Hand waren zum großen Theil die Reichsgeschäfte; Bernward hatte schon als Hofcaplan an der Regierung Antheil gehabt, und als Bischof nahmen ihn die wichtigsten Angelegenheiten vielfach in Anspruch. Dabei aber sorgte er für seinen Sprengel mit unermüdlicher Sorgfalt. Noch war Sachsen nicht gesichert gegen die Einfälle der Wenden und der Normannen, welche grade damals mit verstärkter Wuth sich erneuten, und erst Bernward verschaffte seinem Gebiete durch Befestigungen und zweckmäßige Einrichtungen ausreichenden Schutz, sowie er auch durch vielfache kaiserliche Begnadigungen die Ausbildung des Stiftes zu einem wirklichen Fürstenthume begründete. Ueberhaupt ließ er keine Eigenschaft eines tüchtigen weltlichen Regenten an sich vermissen und war zugleich ernstlich bemüht, Hildesheim immer mehr zu einer Stätte geistiger Bildung zu machen. Er bereicherte die Bibliothek des Stiftes mit zahlreichen Handschriften; leider wurde aber durch einen Brand 1013 der größte Theil der Bibliothek vernichtet[4]. Talentvolle Knaben ließ er in Wissenschaft und Kunst unterweisen; die begabtesten führte er mit sich an den königlichen Hof, um sie von der vielfachen hier gebotenen Gelegenheit zu höherer Ausbildung Nutzen ziehen zu lassen. Mit herrlichen Kunstwerken hat er seine Bischofstadt geziert[5] und ein bleibendes Denkmal errichtete er sich durch die Stiftung des Michaelisklosters, dessen erster Abt Goderamnus, Probst von St. Pantaleon in Coeln, ein Mann von wissenschaftlicher Bildung war[6].
[4] Vgl. darüber Forsch. XVI, 184.
[5] Im Anschluß an Berthier „La Porte de Sainte-Sabine de Rome“ (Frib. Helv. Ind. lectt. 1892) sucht A. Bertram nachzuweisen, daß der Aufenthalt in Rom 1001 bei dem Kaiser auf dem Aventin ihn zu der Schöpfung der Bronzethüren des Hild. Doms angeregt habe. Die Thüren von St. Sabina in Rom das Vorbild der Bernward-Thüren. Hild. 1892.
[6] Ihm gehörte die alte Vitruvhandschrift, jetzt im Brit. Mus. Harl. 2767, s. Catal. of ancient Manuscripts (1884) S. 72 und das Facs. pl. 55. Auch Thangmar hinterließ dem Michaelskloster 55 Bücher.
Tief betrauert starb Bernward am 20. November 1022, und seinem alten Lehrer Thangmar, der ihn um einige Jahre überlebte, fiel noch die Aufgabe zu, ein Bild seines Lebens zu entwerfen. Die Absicht hatte er schon früher gehabt, und nachdem er mit Mühe Bernwards Einwilligung dazu erlangt, die Materialien dafür gesammelt, wie Beelte nachweist, auch die ersten 10 Capitel schon zwischen 1008 und 1013 geschrieben. Damit verband er nun den Schluß (Cap. 44-56) und schob in die Mitte eine Zusammenstellung seiner gleichzeitig gemachten Aufzeichnungen über den Gandersheimer Streit, weniger deshalb, weil sie für die Biographie nöthig waren, als zum Rüstzeug für den Nachfolger. Einen großen Theil dessen, was er berichtet, hatte er selbst mit durchlebt und an allen Geschäften thätigen Antheil genommen; Bernward aber war, wie Thangmar selbst sagt, von solchem Vertrauen zu ihm erfüllt, wie ein Kind zu seinem Vater, und aus seinem ganzen Leben konnte auch nicht der geringste Umstand ihm verborgen bleiben.
So entstand denn das =Leben Bernwards=[7], eines der schönsten biographischen Denkmale des Mittelalters, welche wir besitzen, und eine der wichtigsten Quellen für einen bedeutenden Zeitraum. Die reichste Fülle des Stoffes tritt hier an die Stelle jener immer wiederkehrenden Phrasen, welche sonst so häufig die Armuth des Schreibenden verdecken; die Sprache ist schlicht und einfach, und während die wärmste Liebe zu dem Verstorbenen das ganze Werk erfüllt, trägt es doch den Stempel der Wahrhaftigkeit. Bernward bedurfte zu seinem Lobe keiner Uebertreibungen. Nur in Bezug auf Heinrichs II Wahl, der Bernward entgegen war, ist Thangmar nicht aufrichtig, und sein Ansehen bei Otto III ist, wie es Biographen zu gehen pflegt, überschätzt. Einen großen Raum nimmt hier, wie im Leben Godehards, der Streit der Hildesheimer mit den Mainzer Erzbischöfen wegen des Diöcesanrechtes über Gandersheim in Anspruch. Leider fehlt es uns darüber ganz an einer Darstellung von der anderen Seite, aber eine gewisse Einseitigkeit und nicht gar zu offenherzige Wahrhaftigkeit werden wir dem Hildesheimer zu gute halten müssen.
[7] _Thangmari Vita Bernwardi_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 754-782: _Miracula_ p. 782-786. Acta SS. Oct, XI, 996-1024 von Jos. van Hecke, ohne neue Hülfsmittel, mit ausführlichem Commentarius praevius. Uebersetzt von Hüffer 1858. Einhards V. Caroli benutzt nach Manitius, NA. XIII, 208. Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 786. Der heilige Bernward, von H. A. Lüntzel, Hild. 1856. Ch. Beelte, Thangmar, sein Leben und Beurtheilung seiner Vita Bernwardi. Progr. d. Gymn. Joseph. in Hild. 1881. Ueber die Handschriften im Domschatz Krâtz, Der Dom zu Hildesheim, 1810; vgl. oben S. 318. Ueber eine in V. Bernw. u. Godeh. benutzte Urk. Heinrichs II Bayer, Forsch. XVI, 178-193. Ueber B.'s kunsthistor. Bedeutung Alwin Schultz in dem Werk von R. Dohme: Kunst u. Künstler des Mittelalters, I, 1877. St. Beissel, Die Kunstthätigkeit des h. B. (Stimmen aus Maria-Laach XXVIII, 1885) S. 131 ff. Ders. Die Bilder der Hs. des K. Otto in Aachen (1886) S. 35-39, über das von B. für St. Michael gestiftete Evangeliar Janitschek, Gesch. d. D. Kunst S. 83, 84.
Vieles was im Leben Bernwards steht, findet sich übereinstimmend, aber kürzer, auch in den =Hildesheimer Annalen=[8], einer sehr schätzbaren Geschichtsquelle, welche wir vermuthlich der Anregung Bernwards verdanken. Wenigstens sind sie in der noch erhaltenen Urschrift bis zum Jahre 994, wo sie mit einem unvollendeten Satze schließt, von einer Hand geschrieben und also wohl bald, nachdem Bernward Bischof geworden war, zuerst verfaßt. Die Beschaffenheit dieses ersten Theiles ist ganz dieselbe, welche wir schon bei den Quedlinburger Annalen sahen und überall wiederfinden; der Verfasser hielt eine bis auf Adam zurückreichende annalistische Grundlage für nothwendig, ohne jedoch darauf irgend welche Sorgfalt zu verwenden; er ließ nur auf Rufi Festi breviarium einen Auszug aus der Chronik des Isidor[9] folgen, schon hier mit Benutzung der Hersfelder Annalen; sodann einen Pabstcatalog. Darauf schrieb er die kleinen Lorscher Annalen ab und excerpirte von da an, wo diese aufhören, die Hersfelder Annalen, nicht ohne eigene Zusätze. Daran schließt sich dann die Fortsetzung, welche den Werken dieser Art allein einen Werth verleiht, abgesehen von den einzelnen Notizen, welche durch den Mangel besserer Quellen zufällig Bedeutung erlangen. Die Nachrichten sind gut und zuverlässig, bei weitem nicht so ausführlich wie die Quedlinburger, aber übrigens ähnlicher Art. Die Verfasser haben die großen Begebenheiten der Zeit im Auge und berichten darüber, was sie erfahren; dazu setzen sie alles, was ihnen merkwürdig vorkommt, großes und kleines; von einer eigentlichen Verarbeitung, einer gleichmäßig fortgeführten geschichtlichen Erzählung ist nicht die Rede.
[8] _Annales Hildesheimenses_ ed. Pertz, MG. SS. III, 22-116. Uebersetzt von Ed. Winkelmann 1862. Vgl. Waitz im Archiv VI, 663 ff. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten. III, 299. 307. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 784. II, 557. 566. Neue Ausgabe von G. Waitz, 1878.
[9] Ueber die hier benutzte, von anderen abweichende Form s. Waitz NA. IV, 163.
Nur bis zum Jahre 1040 stammen diese Annalen aus Hildesheim und zwar aus dem von Bernward gestifteten Michaeliskloster; der Rest bis 1137 ist den Sanct Albaner und Paderborner Annalen entnommen. Von jenem Theile aber von 995 bis 1040 nahm Pertz an, daß er in dieser Handschrift (Paris 6114) von verschiedenen Händen den Ereignissen gleichzeitig eingetragen sei. Nachdem jedoch mehrere Bedenken diese Annahme als unwahrscheinlich erscheinen ließen, hat nun eine erneute Prüfung der Handschrift ergeben, daß Pertz sich geirrt hat, und daß vielmehr das Stück von 1000 bis 1040 von einem Copisten eingetragen ist[10]. Deshalb steht nun kein Bedenken mehr der Thatsache entgegen, auf welche mit zunehmender Sicherheit die scharfsinnigen Untersuchungen von H. Pabst[11], E. Steindorff[12], W. v. Giesebrecht und H. Breßlau führten, daß es nämlich größere vollständigere Hildesheimer Jahrbücher gegeben hat, von welchen uns nur ein Auszug erhalten ist. Wir werden darauf später zurückkommen; rückwärts hat sie Breßlau bis 1023 verfolgt, H. Lorenz aber und besonders Fr. Kurze, gestützt vorzüglich auf die Annales Altahenses, auch schon für die frühere Zeit. Es sind danach also die Hersfelder Annalen bis 984 in Hildesheim mit Zusätzen[13] und einer Fortsetzung bis 994 versehen, und dieses Werk ist in einen Auszug gebracht, zu welchem später ein weiterer Auszug aus denselben, inzwischen fortgesetzten größeren Jahrbüchern hinzugefügt ist. Zweifelhaften Ursprunges bleiben nur die Jahre 995 bis 997, welche nach Waitz von einer zweiten Hand geschrieben sind, während eine dritte zu 998 eine kurze Eintragung machte, Notizen zu 996 und 999 etwas später geschrieben sind.
[10] S. H. Breßlau im NA. II, 563-566, und die neue Ausgabe von Waitz.
[11] De Ariberto (1864) p. 10-16.
[12] Jahrbücher unter Heinrich III, I, 421 ff.
[13] Merkwürdig ist besonders die Stelle über Bennopolls NA. XIII, 623 (Arch. VIII, 606), verglichen mit dem kurzen Auszug der Ann. Hild. (minores) ad a. Tiberii 6. Ich hatte schon früher auf die offenbar aus solchen Ann. Hild. maj. stammende Nachricht der Ann. Quedl. 992 hingewiesen.
Hildesheim wurde das Glück zu Theil, daß auf Bernward der nicht minder ausgezeichnete Bischof Godehard folgte, und es behauptete auch in der folgenden Periode eine hervorragende Stellung.
§ 5. Magdeburg. Merseburg.
An der Ostgrenze Sachsens hatte Otto, auch hierin Karls Beispiel folgend, Magdeburg ausersehen zum geistigen Mittelpunkte für die wendischen Länder. In das Moritzkloster, welches die Grundlage dazu bildete, berief er 937 Mönche aus St. Maximin bei Trier, einem Kloster, das freilich auch verweltlicht und verwildert, aber schon 934 zur klösterlichen Ordnung zurückgeführt war. Auch der erste Erzbischof =Adalbert= (968-981) war ein Mönch von St. Maximin und Abt von Weißenburg; in beiden Klöstern zeigt sich Sinn für Geschichtschreibung, und von Adalbert, unter dem die Magdeburger Schule einen hohen Aufschwung nahm, vielleicht selbst Verfasser eines ausgezeichneten Geschichtswerkes, möchte man annehmen, er werde auch dafür gesorgt haben, daß die merkwürdigen Ereignisse, deren Mittelpunkt Magdeburg war, nicht in Vergessenheit geriethen, doch ist davon keine Spur vorhanden. =Ohtrich= oder Otrich, der Vorsteher der Domschule[1], galt bei seinen Verehrern für den größten Gelehrten seiner Zeit; er wetteiferte mit Gerbert und disputirte mit ihm (980) vor dem Kaiser Otto II. Denn in Magdeburg hatte er sich mit dem Erzbischof nicht vertragen können; sein Ehrgeiz, wie es scheint, trieb ihn an des Kaisers Hof, wo außer dem Ruhme der Gelehrsamkeit auch Bisthümer zu erhaschen waren: nach Adalberts Tod traf ihn auch wirklich die Wahl, aber Gisiler von Merseburg wußte ihn zu verdrängen, und kurz darauf starb er in Benevent am 7. October 981. In Magdeburg hatten bei seinem Abgang die vielen durch ihn dahin gezogenen Fremden die Stadt verlassen, doch scheint die Schule unter Ekkehard dem Rothen[2] und Geddo immer eine achtungswerthe Wirksamkeit geübt zu haben.
[1] Ueber ihn s. Büdinger, Ueber Gerbert S. 51-60. Oesterreich, Geschichte I, 319. Grosfeld, Disquisitiones historicae de statu rerum ecclesiasticarum in marcis Winedis imp. Ottone II, im Programm des Gymnasiums zu Recklinghausen 1856-1857, S. 10, macht es wahrscheinlich, daß Otrich 979 an den Hof kam. Für 978 Uhlirz, Gesch. d. Erzbisth. Magd. unter den Kaisern aus dem Sächs. Hause (1887) S. 83.
[2] Vgl. Holstein, Gesch. d. Domgymn. in Magdeburg (Magd. 1875) S. 73. Uhlirz a. a. O. S. 80 ff. vermuthet in Ekkehard einen Concipienten kais. Privilegien für Magdeburg.
Nicht ohne Wahrscheinlichkeit ist vermuthet worden, daß bald nach dem Tode Gisilers (1004), dessen Ehrgeiz die kirchlichen Schöpfungen Otto's in betrübender Weise zerrüttet hatte[3], in Magdeburg ein Geschichtswerk entstanden sei, welches nach Urkunden und eigener Kenntniß gearbeitet, über die Stiftung und die nächstfolgenden Schicksale des Stiftes Auskunft gab; daß dieses schon Thietmar vorgelegen habe, und im Chronographus und Annalista Saxo so wie im Magdeburger Chronicon theilweise zu erkennen sei[4]. Darauf hat jedoch F. van Hout behauptet und sehr wahrscheinlich gemacht, daß der erste, bis zu Gero's Tod 1023 reichende Theil des Chronicon Magdeburgense unter dessen Nachfolger Hunfrid im Zusammenhang und mit Benutzung der Chronik Thietmars verfaßt sei, wie wir denn auch diesen Theil allein beim Chronographus Saxo wiederfinden[5]. Wird nun dadurch die Voraussetzung einer älteren Gründungsgeschichte nicht berührt, und bleibt es zweifelhaft, wie weit der Text der Chronik unverändert geblieben sei, so verlieren doch andererseits auch W. Giesebrechts Beweise dadurch theilweise ihre Kraft. Wir werden zu der vorsichtigen Aeußerung Lappenbergs zurückgeführt, daß über die Thietmar vorliegenden Magdeburger Aufzeichnungen ein sicheres Urtheil sich nicht gewinnen lasse, weil in den uns vorliegenden Quellen überall schon Thietmars Chronik wieder benutzt sei. Auf die Existenz einer metrischen Fundatio möchte ich jedoch nicht mit C. Günther, der auch selbst diese Vermuthung wieder aufgegeben hat, aus den eingemischten Hexametern schließen, da dergleichen im elften Jahrhundert so sehr häufig ist. Sie reichen nur bis zu Gisilers Tod, und lassen sich daher als Argument für frühere Abfassung verwerthen[6].
[3] Vgl. Fraustadt: Die Auflösung des Bisthums Merseburg u. dessen Wiederherstellung 1004, Weber's Archiv f. Sächs. Gesch. N. F. IV (1878), S. 133-168.
[4] W. Giesebrecht in den Rankeschen Jahrbüchern II, 1, 157-162, vgl. Kaisergesch. I, 785. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 304.
[5] Ferd. van Hout: De Chronico Magdeburgensi, Diss. Bonn. 1867. In einigen Punkten, besonders über das Verhältniß zum Chronogr. Saxo abweichend, C. Günther: Die Chronik der Magdeburger Erzbischöfe, erster Theil bis 1142. Diss. Gott. 1871. Zweiter Theil 1142-1371, Progr. der Albinus-Schule in Lauenburg a. d. Elbe 1877 (S. 5). Schum, Vorr. zu den Gesta archiepp. Magd. SS. XIV, 363. Das angebliche Epitaphium Ottonis I ist entnommen aus der V. Mahometi von Embricho, nach O. Hertel, Magd. Gesch. Bl. 1889 S. 369 ff.
[6] Dem widerspricht F. Kurze, weil er in diesen Versen die sprachliche Eigenthümlichkeit des jüngeren Bearbeiters erkennt.
Mit großer Bestimmtheit hat nun Fr. Kurze[7] wiederum die Abfassung der ältesten Bisthumschronik bis 1004 behauptet, und zwar von dem Erzbischof =Tagino= selbst, gestützt auf die Worte bei Thietmar V, 44 (26), daß dieser vom Pabst persönlich hätte geweiht werden sollen „ut scriptura ejus testatur“. Es ist schwer zu glauben, daß Thietmar, wenn ihm wirklich eine von Tagino verfaßte Geschichte als wichtige und vielbenutzte Quelle vorlag, das nicht irgendwo erwähnt haben sollte, und jene „scriptura“ möchte man lieber auf ein Privileg oder auch auf einen Brief deuten, da eben nur bei diesem einzigen Umstand eine solche Berufung vorkommt. Was aber die andere Stelle des Chronogr. Saxo zu 981 betrifft, daß er sich scheue, bei ausführlicherem Eingehen auf Gisilers Handlungen den Unwillen derer zu erregen, welche wegen durch ihn erhaltener Lehen[8] ihm günstig gesinnt wären, so paßt das allerdings nicht zu der Zeit des Compilators, wäre aber immerhin nach zwanzig bis dreißig Jahren noch denkbar, und vielleicht damals die Gefahr größer als unmittelbar nach der Einsetzung des vom König beschützten neuen Erzbischofs. Die Ueberarbeitung und Fortsetzung bis 1023 in blüthenreicher, oft gereimter Schreibweise und mit eingemischten Versen lag dem Nienburger Annalisten vor, und Kurze vermuthet deshalb als Verfasser oder doch Veranlasser =Brun=, den jüngsten Bruder des Geschichtschreibers Thietmar, Abt der Klöster in Magdeburg und Nienburg von 1025 bis 1034. Den Beschluß der Abhandlung macht ein Versuch der Wiederherstellung dieser Geschichte und der darin enthaltenen ursprünglichen, dem Tagino zugeschriebenen.
[7] Die älteste Magdeburger Bisthumschronik, Mitth. d. Inst. Ergänzungsband III, S. 397-450. Vgl. NA. XVII, 631.
[8] Das ist doch wohl unter „beneficia temporalia“ zu verstehen.
Einer von Otrichs Schülern war =Adalbert=, der schwärmerisch fromme Freund Otto's III, der vergeblich als Bischof von Prag seine Landsleute, die Böhmen, zu lenken versuchte und zuletzt 997 in Preußen den ersehnten Tod als Märtyrer fand. Sein Leib wurde durch Herzog Boleslaw nach Gnesen gebracht, wo man nicht säumte das wunderbare Ereigniß aufzuzeichnen; ganz kurz wird hier der frühere Lebenslauf des Märtyrers berichtet, dann etwas ausführlicher die Umstände seines Todes und die Erwerbung der Reliquien mit den beginnenden Wundern. Kein Wort von des Kaisers Pilgerfahrt nach Gnesen, der Stiftung des Erzbisthums, so daß die Abfassung dieser Legende wohl noch vor das Jahr 1000 zu setzen ist. Schmucklos geschrieben und ungenügend für die Verehrer des Heiligen, welche mehr von seiner Person erfahren wollten, verfiel sie bald der Vergessenheit, nachdem in Italien die ausführliche Biographie geschrieben war, deren wir später noch zu gedenken haben werden. Den Verfasser hält Giesebrecht für einen slavischen Mönch des Klosters Meseritz, ich möchte Gnesen vorziehen; Zeißberg ist geneigt mit W. v. Kentrzynski und Lohmeyer anzunehmen, daß nur der Auszug eines deutschen Geistlichen aus der größeren Arbeit eines Polen vorliege, welche auch der sog. Martinus Gallus benutzt haben könnte. Die Handschrift, welche nach Giesebrechts Vermuthung 1005 durch Heinrich II aus Meseritz nach Tegernsee gekommen sein könnte, ist in München zuerst 1857 von Bielowski, dann unabhängig davon von G. Voigt entdeckt, von W. v. Giesebrecht in ihrem Werth erkannt und herausgegeben worden[9]. Durch jenes in Rom verfaßte Leben Adalberts wurde aber auch einer seiner ehemaligen Genossen auf der Schule zu Magdeburg angeregt, aus eigener Erinnerung und nach den Mittheilungen von Adalberts Freunden und Gefährten Radla und Gaudentius die ihm vorliegenden Lebensnachrichten zu ergänzen, und so eine neue Bearbeitung zu Stande zu bringen, in welcher das Ende des Märtyrers schon von der einfachen Wahrheit sich weiter zu entfernen scheint. Der Verfasser derselben war =Brun=, aus dem Hause der Edelen von Querfurt, welcher von derselben weltverachtenden Frömmigkeit und derselben Sehnsucht nach dem Märtyrertode beseelt war. Er benutzte eine Aufzeichnung des Prager Domprobstes Willico, welche auch Johannes Canaparius (unten § 19) vorgelegen hat.
[9] Eine bisher unbekannte Lebensbeschreibung des heiligen Adalbert (_Passio S. Adalberti_). Separatabdruck aus den Neuen Preußischen Provinzialblättern, 3. Folge, V. Band 1. Heft, Königsb. 1860. Wiederholt im SS. Rer. Pruss. I, 235-237; vgl. II, 412. Aus demselben Cod. lat. Mon. 18897 in den Mon. Poloniae hist. ed. Bielowski I, 151-156 mit Facsimile. Fontes Rerum Boh. (Pragae 1873) I, 231-234. Ed. Waitz, SS. XV, 2, 705 bis 708. Uebers. von Wattenbach, Geschichtschr. X, 7 (Bd. 34) 1891. Vgl. Zeißberg, Poln. Geschichtschreibung S. 19-22. Giesebr. I, 789. Das erste Wunder der Passio wird, wie Bielowski nachgewiesen hat, in der Chronik von Moyenmoutier SS. IV, 92, doch nicht ganz übereinstimmend, erwähnt.
Dieses Leben Adalberts[10] ist in einer widerlich blumenreichen und salbungsvollen Sprache verfaßt, aber charakteristisch für diese aufs äußerste getriebene Ascetik und in seinem Inhalte lehrreich; Brun verfaßte es in Ungern um das Jahr 1004, als er im Begriffe war, dem Beispiele seines Freundes zu folgen. Zum Erzbischof der Heiden geweiht, ging er zuerst gegen Ende des Jahres 1007 von Ungern aus durch Rußland zu den Petschenegen, und nachdem er diese seiner Meinung nach bekehrt hatte, zu Boleslaw von Polen, von dessen Hofe aus er einen sehr merkwürdigen und lehrreichen Brief an Kaiser Heinrich II schrieb[11]. Auch verfaßte er im Jahre 1008 eine ausführliche Schrift über die fünf Einsiedler, welche am 11. Nov. 1003 in Polen, vermuthlich bei Meseritz, von Räubern erschlagen waren. Die inhaltreiche Schrift, welche für die Geschichte Otto's III und seiner schwärmerischen Freunde mancherlei enthält, ist von R. Kade entdeckt und herausgegeben[12].
[10] _Vita S. Adalberti auct. Brunone_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 577. 596 bis 612. Bielowski I, 184-222 mit Benutzung einer Handschrift aus Ochsenhausen in Koenigswart. Fontes Rer. Boh. I, 266-304. Vgl. Giesebr. I, 789. -- _Miracula S. Adalberti_ aus dem dreizehnten Jahrhundert, SS. IV, 613-616 und nach einer Danziger Handschrift verbessert von Toppen SS. Rer. Pruss. II, 412-420, wo c. 4 _perterriti_ statt _pertriti_ zu lesen ist und _perstiterant_ statt des unsinnigen _prescierant_. Fontes Boh. I, 305-312 mit dens. Fehlern; Versus de Adalberto _Quattuor immensi_ p. 313-334. Hymnus _Laudem dignam_ NA. X, 180-185.
[11] Zuerst von Hilferding in einer russischen Zeitschrift herausgegeben, dann mit Emendationen von Jaffé bei Miklosich und Fiedler, Slav. Bibl. II, 307, und endlich von demselben nach der Handschrift berichtigt in W. Giesebrechts dritter Ausgabe II, 667-670, in d. vierten 689-692, vgl. S. 104-109. Bielowski I, 223-238 mit Facsimile. Erzbischof Brun-Bonifacius, der erste deutsche Missionar in Preußen. Ein Vortrag von W. Giesebrecht, Deutsche Reden S. 29-54. Ausführlich über Brun, Zeißberg: Die Kriege Heinrichs II mit Boleslaw, SB. LVII, 346 ff., vgl. dens. in d. Zeitschr. f. oest. Gymn. 1867 S. 331 ff. über die von Bruno erwähnte heilige Lanze, u. 1868 S. 89 ff., wo S. 96-98 bemerkt wird, daß der Bericht über Miseco's Verheerungen Ann. Magd. 1030 eine direkte Antwort auf den Brief Bruns enthält.