Part 42
=Herford= hatten wir schon früher (S. 253) zu erwähnen wegen der Uebertragung der heiligen Pusinna. Hier ward Hathumod erzogen, und es wird von Agius gerühmt. Hier wurde auch die Königin =Mahthild= unter der Aufsicht ihrer gleichnamigen Großmutter, der Aebtissin des Klosters, erzogen und unterrichtet. Als Witwe stiftete die Königin das Kloster =Nordhausen=, und hier wurde im nächsten Jahrzehnt nach ihrem Tode (28. Febr. 968) ihr Leben beschrieben, entweder von einer Nonne des Stiftes oder von einem Priester, der ihr nahe gestanden hatte und von der Aebtissin Ricburg die übrigen Nachrichten erfuhr. An den Kaiser Otto II ist es gerichtet und natürlich ganz panegyrischer Art. Auch die Form ist ungeschickt, aber in dieser Zeit war es noch ein nicht häufiges Verdienst, überhaupt schreiben zu können. Der Inhalt genügt freilich unseren Wünschen bei weitem nicht; die gewöhnlichen Schilderungen klösterlicher Frömmigkeit nehmen den größten Raum ein, und wie Einhard die Worte Suetons benutzt hat, um den Kaiser Karl zu schildern, so finden wir hier ganze Stellen aus Sulpicius Severus und aus dem Leben der Radegunde angewandt. Herzog Heinrich ist von Jaffé entlarvt als der Pamphilus aus Terenz Andria[6]. Das Formelhafte dieser Lobpreisungen tritt dadurch hier noch mehr als sonst hervor, und an einer Stelle ist sogar die Geschichte selbst dadurch sehr wesentlich berührt worden, indem Otto I eine gewaltsame Thronbesteigung zum Vorwurf gemacht wird. Diese Behauptung, welche früher einigen Anstoß erregt hatte, wird nun niemand mehr irren, seitdem Jaffé, der jene fremden Federn überhaupt zuerst entdeckte, hier eine Stelle des Sulpicius Severus nachgewiesen hat, welche den Kaiser Maximus angeht. Seitdem hat nun H. Heerwagen auch noch die Plünderung der Vita S. Gertrudis ans Licht gebracht, und dadurch Koepke's Ansicht von einer Benutzung des Widukind in dieser Biographie die letzte Stütze entzogen. Er hat zugleich auf die zahlreichen Fragmente von Hexametern hingewiesen, welche bedeutende Vertrautheit mit alten Dichtern zeigen, während dagegen der von Loeher angeregte Gedanke an eine ursprünglich metrische Bearbeitung durch die musivische Zusammensetzung mit jenen Plagiaten unmöglich wird[7].
[6] Forschungen IX, 343-345.
[7] Heerwagen: Einige Bemerkungen zu den beiden Lebensbeschreibungen der Königin Mathilde, Forschungen VIII, 367-384. Sehr beachtenswerth für die schablonenmäßige Natur der Legenden überhaupt, und zur Warnung, daß man auf die stereotypen Wendungen derselben kein Gewicht zu legen hat.
Dennoch gewährt uns diese Schrift einige schätzbare Nachrichten, und es ist deshalb sehr erfreulich, daß R. Koepke sie in einer Göttinger Handschrift entdeckte[8]. Früher kannte man nur eine spätere Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfalls dem Kloster Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformte und manches veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, Mahthilds Lieblingssohn, ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Heinrich II, zu Liebe, welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte[9]. Daß hierzu Gumpolds Wenzellegende benutzt war, hat zuerst Loeher bemerkt, der jedoch eine gemeinsame Quelle annahm; R. Koepke hat das richtige Verhältniß festgestellt. Die genaueste und sehr lehrreiche Analyse der ganzen Vita hat aber Heerwagen angestellt. Die Bildung ist inzwischen schon bedeutend mehr clerical geworden; nicht mehr vergilische Anklänge herrschen hier, sondern die kirchliche Reimprosa des Chorgesangs. Der Ausdruck ist geglättet, und die wörtlichen Entlehnungen sind mehr verwaschen, dafür aber andere dazugekommen, und wieder ist es derselbe gelehrte Apparat, vermehrt jedoch durch Sedulius (ep. ad Macedonium), mit welchem auch der Ueberarbeiter wirthschaftet. Recht lebhaft tritt uns hier entgegen, wie frei für kirchliche Zwecke und zur verzierenden Ausschmückung die Ueberlieferung behandelt und wie bereitwillig der Schmeichelei für das regierende Haus die Wahrheit geopfert wird. Den Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit hat diese jüngere Vita vollständig eingebüßt.
[8] _Vita Mahthildis antiquior_ ed. Koepke, MG. SS. X, 575-582: vgl. G. Waitz in den Goett. Nachrichten 1852, N. 13. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit, I, 782-784. 835. Uebersetzung von Jaffé 1858, wo die fremden Federn des Verfassers zuerst bemerkt und nachgewiesen sind; 2. A. 1891, Geschichtschr. Bd. 31 (X, 4). R. Koepke, Forsch. VI, 147 bis 171 verficht seine Ansicht, daß der Verf. unter Otto III schrieb. Verbesserungen des Textes von Heerwagen, Forsch. VIII, 382; aus der Handschrift von Jaffé, Forsch. IX, 344. Vgl. auch Wilmans, Kaiserurkk. S. 439 ff. über das Stift Enger.
[9] _Vita Mahthildis reginae_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 283-302. Daraus Migne CXXXV. Varianten der älteren und besseren Düsseldorfer Handschrift giebt B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrheins VII, 159-163. R. Koepke, Forsch. VI, 170, setzt die Abfassung in das erste Jahr Heinrichs II. Ranke, Weltgesch. VIII, S. 628-634, legt den Angaben der jüngeren Vita über Heinrichs Anspruch auf die Krone grössere Bedeutung bei, als ihnen m. E. Widukind gegenüber zukommt.
Bedeutender als Herford und Nordhausen tritt =Quedlinburg= hervor, ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aebtissin (966-999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die Tochter Otto's des Großen, welcher Widukind seine Geschichte widmete. Hier wurde die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der Bischof Thietmar von Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt, wie denn häufig in damaliger Zeit zum geistlichen Stande bestimmte Knaben die Anfänge des Unterrichts von den Frauen ihrer Familie erhielten[10]. Wir haben schon oben (S. 321) der gelehrten Nonne Hazecha gedacht, von welcher es fast den Anschein hat, als ob sie der Studien wegen sich in Speier aufgehalten habe.
[10] Auch der Pole Sbignew wurde um 1090 (adultus iam aetate) von der Herzogin Judith, seiner Stiefmutter, nach Sachsen geschickt, um in einem Nonnenkloster seinen Unterricht zu erhalten. Chron. Pol. II, 4, SS. IX, 446.
Die bedeutende Stellung, welche die Aebtissin von Quedlinburg im Reiche einnahm, besonders als Otto III ihr während seines Römerzuges die Verwaltung der Geschäfte übertrug, konnte nicht fehlen, hier das Bedürfniß nach geschichtlichen Aufzeichnungen hervorzurufen, so wie an Nachrichten hier kein Mangel sein konnte.
Verschiedene Jahrbücher hatte man zu diesem Zwecke zur Verfügung; als bequemste Grundlage aber erwählte man die =Hersfelder Annalen=. Diese sind uns in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht erhalten, aber, während locale Nachrichten die Herkunft feststellen, durch wörtliche Uebereinstimmung als gemeinsame Quelle zu erkennen bei dem Hersfelder Mönch Lambert, in den Annalen von Hildesheim, Quedlinburg und Weißenburg, welche deshalb von Pertz bis 984 neben einander abgedruckt sind[11]. Als fünftes Exemplar kommen die sog. Annalen von Ottobeuern hinzu, welche hessischer Herkunft sind; als sechstes die Altaicher. In den Annalen von Fulda (S. Bonifacii), Lobbes, Ellwangen, Münster im Gregorienthal, bei Marianus Scotus, beschränkt sich die Uebereinstimmung auf den fast werthlosen älteren Theil und wird nur auf Benutzung derselben Fulder Grundlage beruhen, deren wir oben (S. 241) gedachten.
[11] MG. SS. III, 22-66. Vgl. Waitz im Archiv VI, 663-688. In Weißenburg schließt sich eine selbständige locale Fortsetzung 985-1075. 1087. 1147. an, S. 70-72. Andere kurze _Ann. Weissenburgenses_ 763-846, MG. I, 111 aus dem Cod. Weissenb. 81 in Wolfenbüttel, aber ohne Beziehung auf das Kloster, dagegen mit Hervorhebung des B. Drogo von Metz. Berichtigungen von Mone nebst kalendarischen Weißenburger Nachrichten aus derselben Handschrift in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrh. XIII, 492. _Catal. abb._ SS. XIII, 319. Bücherverzeichniß unter Abt Folkmar († 1043) e cod. Weiß. 30 bei Knittel, Ulphilae Fragmenta p. 243-245; der ausgeliehenen p. 246 e cod. 35; dieses berichtigt bei Kelle, Otfrid, II, p. XVI. Becker, Catalogi S. 37 u. 133. Recht unbeholfene Schulverse aus Weißenburg saec. X. hat Dümmler herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 115-118.
Wie man nun auf Grundlage dieser Compilation, nebst einigen Notizen aus älterer Zeit, die am Rande der Ostertafel vorhanden sein mochten, sie fortsetzend das so weit verbreitete Annalenwerk aufgebaut hat, das ist eine schwierige Frage, welche den Scharfsinn mehrerer Forscher beschäftigt hat, unter denen ich nur Ehrenfeuchter in seiner Dissertation über die Annalen von Nieder-Altaich (1870) nenne. Genaueren Nachweis findet man in den gründlichen und sorgfältigen Untersuchungen von Hermann Lorenz[12] und Friedrich Kurze[13]. Begonnen sind sie nach diesem kaum vor 955 und im Anfang aus den Annalen von Corvey, Regino und dessen Fortsetzung geschöpft, sehr dürftig, doch finden sich hin und wieder, und besonders um die Mitte des zehnten Jahrhunderts, neben localen Notizen auch nicht unwichtige Nachrichten; von 960 bis 973 ist die Erzählung gleichzeitig und ausführlicher als vorher.
[12] Die Annalen v. Hersfeld, Leipz. Diss. 1885. S. 83-103 Herstellung der Annalen von 708-973; S. 104-105 von 974-984.
[13] Die Hersfelder und die größeren Hildesheimer Jahrbücher. Progr. d. Gymn. zu Stralsund 1892.
So weit stimmen alle Ableitungen überein, doch ist unverkennbar, daß den Hildesheimer und Quedlinburger Jahrbüchern die vollständige Urform, den übrigen Ableitungen eine abgekürzte Form zu Grunde liegt.
Von hier an nahm man bisher zwei ganz verschiedene Fortsetzungen an, eine in Hersfeld geschriebene bis 984, und eine davon verschiedene Hildesheimer, allein F. Kurze hält beide für identisch und hat (S. 13-25) den Versuch gemacht, den gemeinsamen Ursprung der Nachrichten nachzuweisen, welche in diesem Theile besonders ausführlich und werthvoll, auch in den Altaicher Annalen am besten, wenn auch stilistisch aufgeputzt, uns erhalten sind. Hier endeten die originalen Hersfelder Aufzeichnungen, vielleicht, wie Kurze vermuthet, in Folge von des Abtes Gozbert (970-984) Rücktritt. Von ihm rühmt Lambert in seiner Geschichte von Hersfeld, daß er das Stift mit vielen Büchern bereichert habe, und schildert dann die Verwilderung unter seinem Nachfolger. Dagegen beginnen jetzt die Hildesheimer Eintragungen, welche um 1040 von einem Hersfelder Epitomator in einen Auszug gebracht, den originalen Annalen angehängt, und mit ihnen von Lambert und den Urhebern der Altaicher und Ottobeuerer Annalen benutzt sind.
Außer diesen Annalen sind in Hersfeld auch im Anfang der Regierung Otto's I =Wunder des h. Wigbert= aufgezeichnet worden, welche für Heinrichs I Zeit einige Bedeutung haben[14].
[14] Excerpta ed. G. Waitz, MG. SS. IV, 224-228. Berichtigung in Bezug auf den Abt Megingoz, der schon 935 sein Amt niedergelegt hat, bei H. Lorenz S. 55.
Jene Annalen nun wurden in Quedlinburg als Grundlage einer Compilation benutzt, welche durch andere Materialien aus den Einhardschen Annalen, den Corveyer und Reichenauer, Notizen aus Gandersheim und von 781 an aus einer verlorenen Halberstädter Chronik vermehrt und bereichert wurden[15]; den Eingang bildete hier, wie bei Lambert, ein mageres Excerpt der Weltgeschichte, welche am Anfang der Hersfelder Annalen stand: von 708 an beginnt erst die annalistische Form. So wurde, als Heinrich II schon König war und Otto's III Schwester Adalheid dem Stifte vorstand, eine Compilation verfertigt, welche unter dem Namen =Quedlinburger Annalen= noch zum Theil erhalten ist[16].
[15] S. Lorenz S. 26-32.
[16] MG. SS. III, 22-90. Es gibt nur eine Hs. aus dem 16. Jahrh. mit Lücken von 875-909 u. von 962-983. Uebersetzt (von 984 an) von Ed. Winkelmann, 1862; 2. Aufl. 1891, Geschichtschr. Bd. 36 (X, 9). Vgl. Lappenberg im Archiv VI, 635-653. Waitz S. 686-688. W. v. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 784. II, 557. Sprachliche Anklänge NA. XII, 592.
Der Verfasser wird einer der zahlreichen Geistlichen gewesen sein, welche den Gottesdienst versahen oder als Kapläne der Aebtissin zur Seite standen. Ihm lagen, als er seine Arbeit unternahm, die Thaten der Frankenkönige und Einhards Leben Karls vor; auch Widukinds Werk kann ihm nicht unbekannt gewesen sein. Allein er machte keinen Versuch, nach der Weise dieser Vorgänger die Geschichte der Vorzeit darzustellen, sondern schloß sich einfach der bequemen Form der Hersfelder Annalen an, von welchen er ein Exemplar mit der Fortsetzung bis 990 besaß. Diese excerpirte er in sehr roher Weise, und vermehrte sie wiederum mit zahlreichen Zusätzen, aber es kam ihm doch nicht in den Sinn, auch eine innerliche Verknüpfung zu erstreben.
Auch hier finden wir Stücke aus der alten Heldensage, die zum Theil mit Widukinds Erzählung übereinstimmen, aber sie sind hier nur ganz äußerlich eingeschoben. Es fällt darunter vorzüglich (S. 31) eine Bemerkung über Dietrich von Bern auf, _de quo cantabant rustici olim_, was zum elften Jahrhundert schlecht paßt, und eine lange Erzählung vom Thüringerkriege, welche ganz aus dem Charakter des übrigen Werkes heraustritt. Hiervon hat nun L. Hoffmann[17] nachgewiesen, daß weder Ekkehard noch der Sächsische Annalist und Chronograph sie in ihrem Exemplar gelesen haben, daß dagegen der Verfasser des Chronicon ducum Brunsvicensium sie gekannt hat. Wenn nun, wie man vermuthet, dieser sie aus den Nienburger Annalen entnommen hat, so muß sie im 12. Jahrhundert vorhanden gewesen sein. Aber zum ursprünglichen Werke gehört sie nicht, und die Bemerkung über Thiderik von Berne ist ein noch viel späterer Zusatz[18].
[17] Jahresbericht über die höhere Bürgerschule zu Rathenow (1872): Zur Geschichte des alten Thüringerreiches. Von Dr. L. Hoffmann. Uebers. dieses Stücks in der 2. Ausg. des Widukind, S. 127-130.
[18] Gegen den Widerspruch von H. Lorenz, Germania XIX (1886) S. 137-150, s. NA. XII, 428.
Gewiß fehlte es in Quedlinburg nicht an Hülfsmitteln, um besseres zu leisten, aber vielleicht eben deshalb und weil der Verfasser gar nicht daran dachte, die ausführlicheren Werke über die Vorzeit durch das seinige ersetzen zu wollen, begnügte er sich mit dem dürftigsten annalistischen Gerippe, welches ihm diente, um nach Bedürfniß hier und da Bemerkungen und Zusätze einzutragen. Mit Heinrichs I Zeit werden die selbständigen Eintragungen häufiger[19], durchweg panegyrisch für die Ludolfinger; nach einer Lücke von 961-983, die sich aus dem späteren sächsischen Chronographen zum Theil ergänzen läßt, finden wir den Verfasser schon 993 als Augenzeugen redend, und von da an beginnt nun eine sehr ausführliche Geschichtserzählung, die von Jahr zu Jahr fortschreitet, und wenn nicht immer gleichzeitig, so doch nicht sehr fern von den Ereignissen aufgezeichnet ist. Von 1004 an tritt eine lebhafte Abneigung gegen Heinrich II hervor, welche sich vorzüglich an seine rücksichtslose Klosterreform anknüpft; noch bis in den Anfang von 1016 scheint dieselbe völlig gleichzeitige Hand kenntlich zu sein. Der weitere Fortsetzer aber ist ein eifriger Bewunderer des Kaisers; die nächsten Jahre sind weit kürzer und nicht fehlerfrei, wohl nachträglich ergänzt von demselben, welcher 1020 mit breitem pomphaften Redefluß fortfährt[20].
[19] Nach H. Detmer, Otto II bis zum Tode seines Vaters. Leipz. Diss. 1878, Excurs, beginnen aus Quedlinburg selbst stammende Notizen nicht vor 913, und können nicht vor 967 (Kaiserkrönung Otto's II) geschrieben sein. Jahresbericht f. Geschichtswissenschaft I, 138.
[20] Ich folge hier jetzt der gegen H. Pabst zu Hirsch's Heinrich II, II, 443-449 gerichteten Ausführung von Usinger, Forsch. IX, 346-360. Der Text von 1014 und 1015 ist S. 351 in Ordnung gebracht mit Hülfe des Chronogr. Saxo, und mit Hinweis auf Zeißberg: Die Kriege Heinrichs II mit Bol. von Polen, SB. LVII, 397.
Vieles erinnert in diesen Jahrbüchern an die alten Reichsannalen, allein es fehlt doch die gleichmäßige Einheit, es fehlt auch der umfassende Ueberblick über das ganze Reich. Wenn man auch die Beziehung der fürstlichen Aebtissin zum Kaiserhofe wahrnimmt an der zuverlässigen Kunde von entfernten Ereignissen, so überwiegt doch das Interesse für die nähere Umgebung, namentlich die Kämpfe mit den Slaven, und die unbedeutendsten localen Vorfälle treten ohne Unterscheidung zwischen die großen geschichtlichen Begebenheiten. Zugleich artet die Sprache häufig in unerträgliche Schwülstigkeit aus, wodurch vollends alles Ebenmaß verloren geht. Doch müssen wir diese Jahrbücher zu den bedeutenderen Erscheinungen der Historiographie zählen, und sachlich sind sie vom höchsten Werthe, ihr plötzliches Abbrechen mit dem Jahre 1025 läßt eine sehr empfindliche Lücke zurück. Ob sie viel weiter gereicht haben, ist sehr zweifelhaft[21]; uns ist nur eine Abschrift aus später Zeit erhalten, und der gänzliche Verlust, der hier so leicht erfolgen konnte, legt den Gedanken nahe, wie manche andere Aufzeichnung der Art spurlos verschwunden sein mag. Namentlich läßt sich das mit Sicherheit von =Halberstadt= annehmen, wo gewiß auch geschichtliches geschrieben wurde. Hier war 840 bis 853 =Haimo= Bischof, ein Schüler Alcuins, Hrabans Freund, ein sehr gelehrter und fruchtbarer theologischer Schriftsteller, der unter anderm aus Rufins Kirchengeschichte einen Auszug in zehn Büchern verfaßte; doch ist es zweifelhaft, ob diese Schriften ihm mit Recht zugeschrieben werden[22]. Von ihm gab es eine Biographie, aber leider ist nur ein kleines Fragment davon erhalten[23]. Der Verfasser, =Rochus=, war jedoch Mönch im Kloster Ilsenburg, welches erst 998 gegründet ist, und schrieb also mindestens anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode des Bischofs. Auf den wegen seiner Frömmigkeit sehr verehrten Bischof Bernhard (924 bis 968) folgte (968 bis 996) =Hildeward=, welcher in St. Gallen höhere wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte. Wir besitzen von ihm einen Brief an den Bischof Adalbero II von Metz (984 bis 1005)[24], worin er, eingedenk der mit seinem Vorfahr Dietrich geschlossenen Verbrüderung, ihm ein Buch, um welches er gebeten hatte, überläßt, zugleich aber bittet um ein Theilchen von dem Blute des h. Stephan, und um Reliquien der h. Glodesinde „quatenus pietas divina, quae aliis in Gallia Hunorum devastatione pereuntibus vestram horum interventu civitatem protexit, nos etiam eorundem precibus a prevalidis Sclavorum, quibus undique premimur, infestationibus omnibusque periculis liberare dignetur“. Beide Kirchen verehrten den h. Stephan als ihren Schutzpatron.
[21] H. Pabst de Ariberto p. 10 suchte in Uebereinstimmung mit Waitz und Koepke aus Annalista und Chronographus Saxo Forts. bis 1030 nachzuweisen, aber diese Nachrichten werden jetzt für die Ann. Hild. majores in Anspruch genommen. Daß 1034 nicht dazu gehört, zeigt Steindorff, Forsch. VI, 493.
[22] Hauck II, 597, Anm. 3. Traube, Poet. Lat, III, 422, Anm. 4. Der Lehrer Heirichs von Auxerre kann er nicht gewesen sein.
[23] Archiv XI, 285. Schon Leibniz hatte es Papebroch mitgetheilt, s. Lucä, Der Chronist Fr. Lucae, S. 294.
[24] Labbe, Nova Bibl. MSS. I, 682.
Unter diesem Bischof nun ist nach Weilands Forschungen eine =Bisthumschronik= geschrieben, welche schon Thietmar benutzt hat, da er vielfach nach Jahren der Halberstädter Bischöfe rechnet; auch in den Quedlinburger Annalen soll sie schon benutzt sein. Diese Chronik wurde bis 1140 fortgesetzt, bis 1113 vom Annalista Saxo benutzt. Andere Fortsetzungen folgten; erweitert durch Benutzung von Thietmar, Ekkehard u. a. wurde sie 1209 in den Auszug gebracht, welcher allein uns erhalten ist[25].
[25] _Gesta episcoporum Halberstadensium_ ed. Weiland MG. SS. XXIII, 73 bis 123, vgl. p. VII u. GGA. 1877 S. 786. Scheffer-Boichorst, Forsch. XI, 498-506 wies auf diese alten Halb. Nachrichten hin, die er für Annalen hielt. Vgl. oben S. 256 über vermuthete Spuren Halb. Annalen beim Poeta Saxo.
Hildewards Nachfolger =Arnold= oder =Arnulf= (996 bis 1023) weihte die angeblich von Heinrich II aus Liebe zu dem Einsiedler Wanlef erbaute Stephanskirche zu Wanlefsrode, welche später als Probstei an das nahe Ilsenburg kam[26]. Von ihm besitzen wir einen ausführlichen, vortrefflich geschriebenen Brief, durch welchen er im J. 1007 den Bischof Heinrich von Würzburg zu bestimmen suchte, sich die Stiftung von Bamberg gefallen zu lassen[27].
[26] S. die merkwürdige Urk. des Erneuerers der Kirche, B. Reinhard von Halberstadt, vom 9. Mai 1110 bei Delius. Untersuchungen über die Gesch. d. Harzburg (1826), Urkk. S. 1-5, vgl. Text S. 280-287. Dieselbe jetzt bei Jacobs, Urkundenbuch v. Ilsenburg (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen VI) S. 11.
[27] Ussermann, Ep. Bamb. I^{b}, S. 8. Jaffé, Bibl. V, 472-479; vgl. Giesebrecht II, 59.
Zu nennen ist von anderen sächsischen Klöstern nur noch =Werden= an der Ruhr, wo =Uffing= außer einigen Versen zum Preise des h. Liudger und seines Klosters auch das schon oben (S. 253) erwähnte Leben der h. Ida zwischen den Jahren 980 und 983 verfaßte.
§ 4. Hildesheim.
Hildesheim, in der karolingischen Periode noch nicht durch litterarische Leistungen bekannt[1], gewann in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts einen glänzenden Namen unter den Pflanzstätten höherer Bildung, den es dann lange behauptete. Als erstes Denkmal ist uns die Geschichte der =Uebertragung des h. Epiphanius= erhalten[2]. Der Eifer für die Erwerbung von Reliquien, der schon im neunten Jahrhundert so manche kleinere geschichtliche Aufzeichnung veranlaßt hatte, gewann in der folgenden Periode einen neuen Anstoß durch die Römerzüge der Ottonen, und der an solchen Schätzen reiche italische Boden wurde mit allen Mitteln ausgebeutet.
[1] Für Bischof Reginbert (834-835 (?) Feb. 12) wurde eine canonistische Hs. geschrieben, welche später Bischof Biso von Paderborn an B. Sigismund von Halberstadt schenkte. W. Arndt, Schrifttafeln, t. 41. 42.
[2] _Translatio S. Epiphanii_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 248-251; vgl. Dümmler, Otto I, S. 343, wo er sich mit Leibniz und Brower gegen Pertz, der 964 vorzog, für 962 erklärt.
=Otwin=, einst Mönch in Reichenau, der zweite Abt des Mauriciusstiftes zu Magdeburg, der 954 den Hildesheimer Bischofstuhl bestiegen hatte, begleitete den Kaiser auf seiner zweiten Heerfahrt nach Italien und benutzte 962 seinen Aufenthalt zu Pavia, um sich durch Einbruch und Kirchenraub den Leib des =h. Epiphanius= zu verschaffen, den er als herrlichste Beute nach Sachsen brachte.
Allein nicht nur an Reliquien, sondern auch an Büchern war Italien noch immer das reichste Land, und auch diesem Schatze stellte Otwin eifrig nach; auch davon brachte er einen großen Vorrath mit nach dem bis dahin bücherarmen Hildesheim, und dadurch legte er den Grund zu der kräftigen Entwicklung der dortigen Schulen[3]. Die erste Frucht dieser neuen Thätigkeit, welche uns bekannt geworden ist, verherrlicht eben jene Uebertragung; es ist eine im schlichten kirchlichen Stil der Zeit geschriebene Erzählung, die jedoch erst nach Otwins Tode (1. Dec. 984) verfasst ist, vielleicht, wie Beelte vermuthet, von =Thangmar=.
[3] „Librorum nihilominus tam divinae lectionis quam philosophicae fictionis tantam convexit copiam, ut qui illorum penuria inerti ante torpebant otio, frequenti nunc studii caleant negotio.“ Transl. c. 2.