Part 39
In der Form der Darstellung schließt sich der Panegyrist durchaus den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er zeigt die genaueste Bekanntschaft mit Vergil, Statius und Juvenal, und hat unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht. Auch stand er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs vereinzelt da: Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich jetzt um deine Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande wie in der Stadt zu machen.
Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus seinem Werke nicht mit Sicherheit hervor; wahrscheinlich ist er Schulmeister in =Verona= gewesen. Für die Schule ist auch dieses Werk bestimmt, und ist deshalb, wie das des Abbo mit einer erläuternden Glosse versehen, welche derselben Zeit angehört[32]. Darin tritt eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, und auch Kenntniß der griechischen Sprache, deutlicher als im Gedicht selbst hervor. Einige geschichtliche Erklärungen werden gegeben, vorzüglich aber grammatische, bei denen Servius stark benutzt ist. Bei der Erläuterung der Mythen, welche in allen Commentaren des früheren Mittelalters eine Hauptrolle spielt, übergeht der Glossator vieles, weil das ja allgemein bekannt sei.
[32] Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr. zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV, 138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit hingewiesen.
Wir begegnen hier einer Bildung, die durchaus nicht von der Kirche herrührt, sondern fortgepflanzt wird durch jene einzeln stehenden Grammatiker, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es ist W. v. Giesebrechts Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu haben, daß diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und unter den Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man diesseit der Alpen nicht kannte. In Italien, sagt Wipo im elften Jahrhundert, geht die ganze Jugend ordentlich zur Schule und nur in Deutschland hält man es für überflüssig oder unanständig, einen Knaben unterrichten zu lassen, wenn er nicht zum geistlichen Stande bestimmt ist. Der italienische Laie las seinen Vergil und Horaz, aber er schrieb keine Bücher, während die Geistlichkeit theils in Rohheit versank, theils zu sehr in den politischen Händeln befangen war, um an den wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit Theil zu nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel litterarischer Productivität und die Dürftigkeit der vorhandenen Litteratur, während andererseits bei jenem Panegyristen und etwas später bei Liudprand plötzlich eine überraschende Fülle klassischer Gelehrsamkeit und große Gewandtheit im Ausdruck hervortraten, namentlich im Versemachen, welches ein Hauptgegenstand der Schulbildung war. Denn einzelne vom geistlichen Stande naschten auch von jener verbotenen Frucht; im allgemeinen aber stand der Clerus im Gegensatz zu diesem Treiben, in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element erkannte. Die Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche genommen; sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast ausschließlich formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.
III. Die Zeit der Ottonen.
Von Heinrich I bis zum Tode Heinrich II, 919-1024.
§ 1. Allgemeines.
=Contzen=, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg 1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik, und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht. -- Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 97-103. -- W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. -- Guil. Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl. Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.
Mit dem Jahre 906 endigt Regino's Chronik, ein Jahr, bevor Herzog Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den Ungern erschlagen wurde. Ein schwaches Kind saß auf dem Throne und vermochte nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein, als ob die ganze von Karl dem Großen neu gepflanzte Kultur bereits dahin sinken sollte. Ein Stift nach dem anderen wurde den Normannen zur Beute, und was übrig blieb, rissen die räuberischen Großen an sich, die in ihren gegenseitigen Fehden verheerten, was dem äußeren Feinde noch entgangen war. Die Sitze der Bildung und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie der gänzlichen Verödung entgingen, ließ doch die nagende Sorge um die stets gefährdete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.
Schlimmer noch als in Deutschland, sah es in den Nachbarländern aus; die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten in Frankreich und Lothringen, ohne Widerstand zu finden, während der Süden von sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bretonen und Waskonen schüttelten das fränkische Joch ab, und die Ungern streiften auf ihren schnellen Rossen bis an den Ocean. In Italien begegneten spanische und afrikanische Sarazenen den Ungern, und die innere Zwietracht war in beiden Ländern noch ärger als in Deutschland.
Allein die Keime, welche einst Karl der Große gelegt hatte, waren bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe Wurzeln geschlagen, daß sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettung aus. Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludolfingern in festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde Herr zu werden. Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der Königin Mahthild, schlug die Dänen so, daß sie nicht wiederkamen. Die Wenden, welche die Ostgrenze bedrängten, wurden zurückgeworfen. =Heinrich= I stellte, wie einst Karl Martell und Pippin, das Reich her und wies die Ungern zurück; was er begonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren und äußeren Feinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch für die Feder kein Raum, aber nach dem Siege konnte =Otto= an die Herstellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die verödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit weniger gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst eine gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war kriegerisch gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid (26. Januar 946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen[1]; reden konnte er die Sprache der Gelehrten nicht[2]. Auf der Synode zu Ingelheim 948 wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreiben in deutscher Sprache verlesen[3], und auch in seinem Alter ließ er sich einen lateinisch geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto II übersetzen[4].
[1] Widuk. II, 36. Vgl. Dümmler, Otto I S. 515. Ich glaube nicht, daß man bei _litteras discere_ und _libros legere et intelligere_ an andere als lateinische Bücher denken darf.
[2] Liudpr. Hist. Ott. 11.
[3] Flodoard h. a. MG. SS. III, 396.
[4] Casus S. Galli MG. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die Kaiserin Adelheid, _nam litteratissima erat_; ib. p. 146.
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu ziehen. So bemühte er sich lange vergeblich, den =Gunzo= von =Novara=, einen jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zu bekommen. Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, und schrieb hier, aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli († c. 960) eine Schrift über Ehehindernisse[5]. Bei seiner persönlichen Anwesenheit in Italien gelang es Otto endlich, ihn zu gewinnen[6]. An hundert Bücher behauptet Gunzo mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato und Aristoteles; doch vermuthlich in lateinischer Uebersetzung. Trotz seiner Gelehrsamkeit geschah es ihm zuweilen, durch das Italienische verleitet, daß er die Casus verwechselte[7] und deshalb wurde er in St. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt, denn er hatte statt eines Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen rechtfertigte sich nun Gunzo in einem sehr langen und sehr pedantischen Briefe an die Mönche von Reichenau, in welchem er seine ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau stellt.
[5] D'Achery, Spicil. I, 437.
[6] So erzählt Gunzo selbst in seiner _Epistola ad Augienses fratres_ bei Martène, Coll. I, 294. Der Codex aus St. Amand ist jetzt in Valenciennes, Mangeart p. 302. Eine zweite Hs. in Maihingen, NA. IX, 286. Man hatte ihn auch in Stablo, Gottlieb, Mittelalt. Bibliotheken S. 440. Obgleich er Otto nur König nennt, zieht doch M. v. Knonau zu Ekk. S. 328 das J. 965 vor. Vgl. Gatterers Commentatio de Gunzone Italo, Norimb. 1756; Bursian, Gesch. d. Philol. S. 43. Daß er der Ebersberger Probst Guntheri oder Gunzo gewesen sei „Graecis ac Latinis litteris doctus, qui fuit conscolasticus Gerberti pape“ (Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 18) scheint der Zeit nach kaum möglich, da dieser nach Gr. Hundt von 1002 bis 1013 Probst war.
[7] „Falso putavit S. Galli monachus me remotum a scientia grammaticae artis, licet aliquando retarder usu nostrae vulgaris linguae quae latinitati vicina est.“ M. v. Knonau vermuthet, daß Ekkehard II (palatinus) sein Gegner war.
Einen Landsmann von ihm Namens =Stephan=, der in Pavia gebildet war, in Novara und Pavia gelehrt hatte, beriefen König Otto und Bischof Poppo von Würzburg (941-961) aus Italien, und der Ruf seiner Vorträge über Marcianus Capella zog den jungen Wolfgang aus Reichenau nach Würzburg[8]. Seine Bücher, welche aber nicht zahlreich waren, vermachte er dem h. Kilian[9]. Einige Auskunft über sein Leben und Wirken gewährt die Grabschrift, welche er für sich selbst verfaßt hat[10]. Sie steht in einer Handschrift des Domcapitels zu Novara, einer von Stephan geschriebenen Canonensammlung; denn er hat sich nach 970 wieder in seine Heimath begeben, wo er 985 eine Schenkung des Bischofs Aupald unterzeichnete. Die Grabschrift lautet:
Novariae natus, Papiae moenibus altus, Urbe velut potui, doctor utraque fui. Me rex Otto potens Francorum duxit in urbem, Qua legi multos mente vigente libros. Hinc me digressum, proprium suscepit alumnum Virgo salus mundi, mater et alma dei. Protinus amissam studui reparare sophiam, Erudiens pueros instituensque viros. His igitur cunctis Christo tribuente peractis, Sum pulvis modicus, jussit ut ipse deus. Quisquis hac graderis, Stephani memor esto jacentis, Ac sibi posce poli regna beata dari. Insuper adde diem quae contulit ultima finem. Hanc si scruteris, hinc mage cautus eris.
[8] V. Wolfkangi c. 5.
[9] Nach den Versen bei Schannat, Vind. litt. I, 229 u. Oegg, Versuch einer Korographie der Stadt Würzburg I, 542, die eine Art von Testament enthalten:
Novaria genitus..... prae moenibus alta, Utraque ut patuit, doctor in urbe fui. Ast Popo antistes hanc me perduxit in urbem, Qua sophiae studiis dogmata crebra dedi. Quos habui paucos decrevi tradere libros, Martyr sancte Dei, en Kiliane tibi. Caetera quae restat mihimet sat parva supellex, Cedat fraternis usibus apta nimis. Quisquis ades nostri, rogito, possessor ovilis, Adde diem mortis, quem deus ipse sapit.
Actum anno dom. inc. 970. 17 Kal. Aug.
Das fehlerhafte erste Distichon ist nach dem Epit. zu verbessern.
[10] Nebst einem Epitaph auf seinen Vater Leo, bei Giov. Andres, Lettera al Sig. Abbate Morelli, Parma 1802, u. bei Reifferscheid, Wiener SB. LXVIII, 623 mit Auslassung des ersten Hexameters: „Prodolor hoc parvo claudit sua membra locello“. Dagegen ist der Schluß von Stephans Epitaph fälschlich dazu gezogen.
Die politischen Verwickelungen führten auch den gelehrten Bischof =Rather= von Verona und vor Berengar flüchtend =Liudprand= an Otto's Hof, wo sie gute Aufnahme fanden, und auch =Gerbert= wurde von Pabst Johann XIII im Jahre 971 zum Kaiser gesandt, verweilte aber damals nur kurze Zeit am Hofe, weil er vorher noch in Reims seine philosophische Ausbildung zu vollenden wünschte[11].
[11] Richer III, 44. 45. Vgl. Büdinger über Gerbert S. 44.
Gern gesehen an Otto's Hofe war =Ekkehard= (II) von St. Gallen, den man deshalb im Kloster den Höfling (palatinus) nannte; er war einer der Lehrer =Otto's= II[12]. Dieser hatte unter der Leitung Volcolds, und nach dessen Beförderung zum Bischof von Meißen des Willigis[13], einen vollständigen wissenschaftlichen Unterricht erhalten; er liebte und beförderte die Wissenschaften und nahm lebhaften Antheil an den gelehrten Problemen, welche damals die Menschen beschäftigten[14]. Hrotsuit feiert ihn als einen zweiten Salomo. Er zog =Gerbert= wieder an sich, und noch ist uns ein Fragment der Disputation erhalten, welche dieser 980 vor dem Kaiser zu Ravenna hielt gegen den berühmten Magdeburger Lehrer =Otrich=, den Otto ebenfalls an seinen Hof berufen hatte[15]. Auch der Abt =Adso= von Montier-en-Der, einer der berühmtesten Gelehrten Frankreichs, war dabei zugegen, nebst einer großen Menge von Scholastern oder Grammatikern[16]. Auch von S. Wolfgang wird uns berichtet, daß er vor diesem Kaiser gegen einen Ketzer disputierte. Den Bischof Gumpold von Mantua veranlaßte er, das Leben des heiligen Wenzeslaus zu beschreiben.
[12] Casus S. Galli p. 126. Bei der Unzuverlässigkeit derselben u. den chronol. Widersprüchen ist es unsicher, ob Ekk. nicht erst nach 973 an den Hof kam; s. G. Meyer v. Knonau zu seiner Ausg. p. LXXI.
[13] Tietm. IV, 5.
[14] Richer III, 67.
[15] Richer III, 55 ff. Vgl. Büdinger S. 52 ff.
[16] In Frankreich soll um diese Zeit Fulco bonus von Anjou (938 bis 958) vom König verlacht sein, als er in choro S. Martini mit den Canonikern sang. Er schrieb darauf dem König: „Noveritis domine, quia rex illiteratus est asinus coronatus“. Gesta consulum Andegavensium c. 5; vgl. Doctrina Abaelardi bei Wright und Halliwell, Reliquiae antt. I, 16, und das Schachbuch, Zeitschr. f. D. Alt. XVII, 204.
Kurz vor dem Tode des alten Kaisers, im Jahre 972, besuchten Vater und Sohn das Kloster St. Gallen. Der Vater fragte nach dem alten Notker, dem gelehrten Maler und Arzte, mit dem Beinamen Pfefferkorn; schwach und erblindet saß er auf einem Sessel. Auf das Geheiß des Vaters führte der junge Kaiser ihn herbei, und der Alte leitete ihn nach zärtlicher Umarmung sorgsam ins Kloster und setzte ihn an seine Seite. Otto II aber ließ sich nun hier die Bibliothek öffnen und nahm, von den reichen Schätzen derselben gelockt, eine Anzahl der besten Bücher mit sich fort; einige gab er auf Ekkehards Bitte später zurück[17].
[17] Casus S. Galli, MG. SS. II, 147.
=Otto III= endlich wurde von seiner Mutter Theophano, von dem Calabresen Johannes und Bernward von Hildesheim auf das sorgfältigste erzogen[18], und sein wissenschaftlicher Verkehr mit Gerbert ist weltbekannt; wie es nur zu leicht geschah, wendeten ihn diese ganz auf fremdländischen Grundlagen beruhenden Studien vom vaterländischen Wesen ab, und störten die harmonische Entwickelung seines Geistes[19].
[18] Giesebrecht Kaiserzeit I, 670. 846. Lüntzel, Bernward S. 14. Vgl. H. Düker, Der liber mathematicalis des h. Bernward im Domschatze zu Hildesheim, Hild. Progr. 1875. Dieses Buch, welches B. für den Unterricht gebraucht haben soll, ist die Arithmetik von Boethius mit Glossen. Vgl. die Verse bei Giesebr. I, 889, und über die von Joh. Calaber an Otto III gekommenen Bücher Val. Rose im Hermes VIII, 46; Giesebr. I, 850.
[19] Ueber ein von Liuthar ihm dargebrachtes Evangeliar, und über die Bilder von Otto III und Theophano auf dem kostbaren Einband des goldgeschriebenen Evangeliar in Echternach, jetzt in Gotha, s. Lamprecht, Der Bilderschmuck des Cod. Egberti u. des Cod. Eptern. im Jahrbuch d. Vereins v. Alterthumsfreunden im Rheinland, LX (1881) S. 56-112.
=Heinrich= II war in seiner Kindheit zum geistlichen Stande bestimmt, und erhielt in Hildesheim, später unter Bischof Wolfgangs Leitung in Regensburg eine gelehrte Erziehung[20]; wissenschaftliche Thätigkeit förderte er nicht unmittelbar[21], aber seine Bestrebungen für die Reform verwilderter Klöster kamen auch den Schulen zu Gute, wovon namentlich die Geschichte des Bischofs Godehard von Hildesheim ein Beispiel giebt, und die Stiftung des neuen Bisthums zu Bamberg, welchem er es auch an Büchern nicht fehlen ließ, eröffnete den gelehrten Studien eine neue Stätte[22]. In 54 schwerfälligen und schwülstigen Hexametern pries Abt =Gerhard= von =Seon= zwischen 1012 und 1014 die neue Stiftung[23], und mit nicht minder gesuchten und pedantischen Anreden in Prosa und in Versen begleitete der Bamberger Diaconus =Bebo= Abschriften von Büchern, welche der Kaiser hatte machen lassen; er rühmt darin Heinrichs Bemühungen, den Landfrieden herzustellen, und seine Schilderung von Benedicts VIII Besuch in Bamberg 1020 ist von Adalbert in seiner Biographie Heinrichs II benutzt worden[24].
[20] Hirsch, Heinrich II, I, 90-92. Giesebr. Kaiserzeit II, 78, 604.
[21] Giesebr. II, 605.
[22] Ausführlich handelt darüber Giesebrecht, II, 52-65, vgl. 600, und Hirsch, Heinrich II, Band II. Ein dazu gehöriger Catalog NA. V, 624.
[23] Hirsch, Heinrich II, I, 554. Jaffé, Bibl. V, 482.
[24] Gedr. v. Gutenäcker im 25. Bericht d. hist. Vereins zu Bamberg S. 138. Hirsch a. a. O. S. 545-554. Jaffé, Bibl. V, 484-497. Ergänzt Giesebr. II, 581.
Auch in der Todtenklage um =Constantius= den Scholasticus von =Luxeuil= schildert =Gudinus= den Kummer des Kaisers, daß seines gleichen nicht mehr zu finden sei[25]. Dem Kloster Corvey schenkte ein Kaiser Heinrich, der aber auch ein späterer sein kann, eine Handschrift aus Unteritalien, welche das Autograph von Landolfs Historia miscella (oben S. 166) und Vegetius enthielt[26].
[25] „Heinricus in Romano residens palatio et arcana sapientum comprobans ingenio, dolet nusquam inveniri similem Constantio.“ Mab. Anal. p. 217. Duméril (1843) S. 280; vgl. über Constantius die Unterschrift des Cod. Bern. 87: „Ego Constantius peccator et indignus sacerdos S. Petri Luxov. coenobii scripsi ad serviendum ei hos libros Boetii de geometria diebus tantum XI infra Idus Jun. et VI. Kal. Jul. a. M. IIII. ab inc. Domini, conversionis autem nostrae II. praecepto pii patris Milonis. Sit ergo utenti gratia, scriptori venia, fraudatori anathema.“ Cantor, Mathem. Beiträge (1863) S. 404, und correcter bei Grandidier, Oeuvres hist. (1865) II, 236, Hagen, Catal. Bern. p. 107. Die Handschrift hatte Bischof Werinhar der Straßburger Kirche geschenkt.
[26] Cod. Pal. 909, Arch. XII, 344. Nach Bethmann wäre die Inschrift aus dem elften Jahrhundert, nach H. Droysen im Hermes XII, 387 (Auctt. antiquiss. II, p. LXII) aus dem Anf. des 12. und hätte dieselbe Hand den Text mit Randglossen, wie _cave princeps, attende princeps, himitare princeps_ versehen, welche auf den Unterricht eines Fürsten deuten. Danach wäre ein späterer Heinrich anzunehmen.
Bei den =Frauen= fand man im früheren Mittelalter weit eher als bei den Männern aus dem Laienstande die Anfänge einer gelehrten Bildung, die schwierige Kunst des Lesens und Schreibens, nebst einer Kenntniß der allgemeinen Schriftsprache, welche zum Verständniß des Psalters ausreichte[27]. Leicht knüpfte sich mehr daran, und auch der Einfluß, welchen Geistliche über weibliche Gemüther so leicht erlangen, begünstigte ihre Beschäftigung mit dem besonderen Erbtheile dieses Standes, den Büchern. Die Frömmigkeit der Königinnen =Mahthild=[28] und =Edid= ist bekannt; Heinrichs I Tochter =Gerberga= veranlaßte den Abt Adso zur Abfassung seiner Schrift über den Antichrist; =Adelheid= aber, die Burgunderin, und =Theophano=, die Griechin, zeichneten sich durch eine in Deutschland seltene litterarische Bildung aus, die sich auch in der sorgsamen Erziehung ihrer Kinder erkennen läßt. Ganz besonders wird uns die hohe Bildung der schönen Herzogin =Hedwig= von Schwaben gerühmt, der Tochter von Otto's des Großen Bruder Heinrich von Baiern. Wie man sich in St. Gallen erzählte, war sie als Kind zur Braut eines griechischen Kaisers bestimmt, und wurde durch Kämmerlinge, welche dieser eigens deshalb gesandt hatte, im Griechischen unterrichtet, zerriß aber diese Verbindung, welche ihr mißfiel. Diese Geschichte freilich ist so, wie sie erzählt wird, nicht möglich. Später mit Herzog Burchard vermählt und früh (973) verwittwet, waltete sie auf ihrer Feste Hohentwiel mit männlicher Festigkeit, ja mit Härte, und ihre wechselnden Launen waren sehr gefürchtet. Ihre liebste Beschäftigung aber bestand darin, mit dem Sanctgaller Mönche Ekkehard, den sie sich dazu vom Abte ausgebeten hatte, die alten lateinischen Dichter zu lesen. Den jungen Burchard, der später Abt wurde, lehrte sie selbst griechisch und beschenkte ihn zum Abschied mit einem Horaz[29].
[27] Vgl. Giesebr. II, 546. Weinhold, Die deutschen Frauen S. 91. V. Bardonis maj. c. 1. Der Regensburger Marianus Scottus schrieb „multa manualia psalteria viduis indigentibus ac clericis pauperibus ejusdem civitatis“. Frau Ute in Lorsch „las an ir salter alle ir tagezît“, Diu Klage v. 1840. „Saltere und alle buche, di zu gotis dinste horen, die vrowen phlegen zu lesene“, gehören nach dem Sachsenspiegel I, 24, 3 zur Gerade. Verständniß der Sprache war jedoch mit dem Lesen nicht nothwendig verbunden, so verstand Hildegard vor ihrer Erleuchtung den Inhalt nicht: „solum psalterium legere didicerat more nobilium puellarum a quadam inclusa in monte Dysibodi“. Alberici Chron. ad a. 1141. Im 13. Jahrh. wird einem Scholaren der Rath gegeben: „Si vero grammaticam nequis scire plene, Defectu ingenii, defectu crumene, Horas et psalterium discas valde bene, Scolas si necesse est puellarum tene.“ Peiper in der Zeitschrift f. Deutsche Philologie V, 183.
[28] „Domesticos omnes famulos et ancillas variis artibus, litteris quoque instituit; nam et ipsa litteras novit, quas post mortem regis lucide satis didicit.“ Widuk. III, 74. Anskar schickte der Liutbirg (oben S. 254) junge Mädchen zur Unterweisung im Psalmsingen und Handarbeit.
[29] Casus S. Galli MG. SS. II, 122-126. Vgl. die Anmerkungen von Meyer von Knonau S. 319 ff. u. Allg. Deutsche Biogr. X, 308.
Ihre Schwester =Gerbirg=, die Aebtissin von Gandersheim, war, so sagt Hrotsuit, wie es der Nichte des Kaisers gebührte, von höherer wissenschaftlicher Bildung und unterwies mich in den Autoren, welche zuvor die gelehrtesten Meister mit ihr gelesen hatten[30].
[30] „Gerberga, cujus nunc subdor dominio abbatiae, aetate minor sed ut imperialem decebat neptem, scientia provectior, aliquot auctores quos ipsa prior a sapientissimis didicit, me admodum erudivit.“ Praef. ad vitam b. Mariae.
Auch Heinrichs II Gemahlin =Kunigunde= zeichnete sich durch Kenntniß und Verständniß der kirchlichen nicht nur, sondern auch der weltlichen Schriftsteller aus, und in der späteren Zeit betrachtete man die feine Bildung der vornehmen Frauen als einen besonderen Vorzug dieses Zeitalters[31]. Aber auch über seine Standesgenossen klagte Graf Udalrich von Ebersberg († 1029) in seinen alten Tagen: in seiner Jugend, sagte er, habe jeder Edelmann sich schämen müssen, wenn er die Rechtsbücher nicht zu lesen und anzuwenden gelernt hätte[32].