Part 38
In auffallendem Gegensatze gegen die beiden fränkischen Reiche steht Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Bonifazischen Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vornehmlich von den Angelsachsen ausgehend, die fränkische Kirche durchdrungen hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im neunten Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen Antheil. Eben so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeutende Einwirkung, und niemand machte auch nur den Versuch, die Reichsgeschichte in zusammenhängender Darstellung für die Nachwelt aufzuzeichnen. Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor, wo die amtlichen Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen Päbste, deren wir schon früher gedachten, immer fortgesetzt[1], und gerade in diesem Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so daß sie sich mit den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug auf die Darstellung und historische Kunst stehen sie aber weit dagegen zurück; es scheint den Verfassern ein solches Bestreben ganz fern gelegen zu haben. Doch finden wir auch hier in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts eine nicht unbedeutende wissenschaftliche Thätigkeit, einen Kreis von gelehrten Geistlichen, wie er uns lange nicht wieder begegnet. Der Bibliothekar =Anastasius=[2], dem man früher die ganze Sammlung der Pabstleben zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschiedene Werke aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der Verfasser des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Pabstes, der den schwachen Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen Stuhles schon dem Ziele nahe führte. Auf den Wunsch eines =Diaconus Johannes=, der eine Kirchengeschichte schreiben wollte, stellte er nach dem Vorgang des Cassiodor, den er jedoch nicht nennt, aus griechischen Quellen eine neue _Historia tripartita_ zusammen[3]. Dieser Johannes ist vermuthlich derselbe, welcher auf Befehl Johannes VIII mit Benutzung der schon früher gemachten Auszüge aus dem Registrum die _Vita Gregorii Magni_ verfaßte. Die von ihm begonnenen _Gesta S. Clementis_ vollendete Bischof =Gauderich= von =Velletri=[4].
[1] Oben S. 59. _Liber pontificalis_ oder _Gesta pontificum Romanorum_ bis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol. Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI, 425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V. Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816); nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach 829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43) s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist. Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827) vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont. benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod. Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnte _Scriptura de querimonia Romanorum_ über Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.
[2] Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.
[3] Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis Chronologia II, 400.
[4] Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin. 234.
Vorzüglich besaß man am römischen Hofe, wo man sich nie durch ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenken ließ, eine außerordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewann eine ungemeine Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbste geben davon Zeugniß, und die erhaltenen größeren Sammlungen aus den Zeiten Nikolaus I und Johannes VIII sind in ihrer Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon erhielt sich auch später bei zunehmender Barbarei die Tradition, obgleich mit dem Ende des neunten Jahrhunderts die Einwirkung des päbstlichen Hofes auf die Kirche diesseit der Alpen fast ganz verschwand, und wie hier die Annalen, so verstummten auch in Rom die Pabstleben mit dem Jahre 891.
In der nächstfolgenden Zeit veranlaßten noch die Streitigkeiten über die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke des Pabstes Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm ertheilten Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxilius und Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten der Pabstgeschichte, die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchenfürsten[5]. =Auxilius= war ein von Formosus geweihter fränkischer Priester, der in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassino gestorben ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung ausgerüstet, vertheidigte er ca. 908-912 Formosus und die von ihm geweihten Priester in verschiedenen Schriften. =Eugenius Vulgarius= hat in demselben Sinn geschrieben, später aber Sergius III, der Theodora u. a. kriechend geschmeichelt, endlich in der _Invectiva in Romam_ (wenn sie von ihm ist) unter Johann X (914-928) noch einmal für Formosus geeifert. Er war ein italienischer Grammatiker, der wahrscheinlich auch in Neapel lebte; sein Latein und vorzüglich seine Verse sind unerträglich gesucht und verkünstelt.
[5] Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. Die _Invectiva in Romam_ giebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl. 66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.
Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, alles in Schweigen, und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom aus[6].
[6] Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters, Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle 1876.
Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].
[7] „Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus, ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.
Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach Frankreich[8] hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung des Ps. Anastasius ist[9].
[8] _Translatio S. Benedicti_, Anal. Bolland. I, 75-84.
[9] NA. XII, 129-141.
In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichte des Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis 872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom Abt =Johannes= (914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schrieb =Erchempert= eine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser Fortsetzung[13] anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt und benutzt.
[10] Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.
[11] Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u. sonst, als _Chronica Sancti Benedicti Casinensis_ bei Waitz, SS. Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt 175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff., wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt bei Waitz gesammelt finden.
[12] _Hystoriola Langobardorum Beneventum degentium_ ed. Pertz, MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. Als _Erchemperti historia Langobardorum Beneventanorum_ bei Waitz, S. 231-264, wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII, 768).
[13] SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.
In =Neapel= versuchten sich verschiedene Verfasser an einer Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem achten Jahrhundert zugerechnet werden kann -- sein Werk ist noch in Uncialschrift abgeschrieben --, wurden die dürftigen Notizen des alten Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung des =Johannes Diaconus= bis 872 an, welcher aus Tradition und eigener Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des Subdiaconus =Petrus= ist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872) ist auch eine ausführlichere Biographie[15] vorhanden, mit welcher die in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X. Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue Umstände mitgetheilt. Jener =Johannes Diaconus= aber verfaßte auch eine Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim, welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht, wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift über das Leben des h. Januarius[17].
[14] _Gesta epp. Neap._ Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso, Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.
[15] _Vita et Translatio Athanasii ep. Neap._ Waitz, SS. Langob. p. 439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.
[16] _Translatio S. Severini_, ib. p. 452-459.
[17] Nur diese _Translatio S. Sosii_ abgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im Text heisst er Sossius.
Der =Petrus subdiaconus=, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910 zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer des Herzogs =Johannes= (928 ff.), von dem der Archipresbyter =Leo= im Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].
[18] _Ex Miraculis S. Agrippini_, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen. -- Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor (1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete, s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.
[19] Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben, Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur Unteritaliens (1886) S. 6.
Auch in =Ravenna= verfaßte gegen die Mitte des neunten Jahrhunderts =Agnellus= eine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern, doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin. Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig, was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die oben S. 57 erwähnte Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.
[20] Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die besondere Bedeutung von _monasterium_ bei ihm s. F. Wickhoff, Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX, 513-539, vgl. XI, 599-603.
Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das Kloster =Farfa= in blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.
[21] _Constructio Farfensis_, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl. Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II, 409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von I. Giorgi und U. Balzani erschienen.
Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des Priesters =Andreas von Bergamo=, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22]. Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seine Nachrichten durch Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer nicht zu rechnen sind[23]. =Schottenmönche=, mit jenen, die in Lüttich hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden auch in =Mailand= Aufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit. Vorzüglich der Erzbischof =Tado= (860-868) wird von ihnen verherrlicht und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom Ambrosiuskloster[25] (858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?) sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].
[22] _Andreae presb. Bergomatis Chronicon_, ed. Pertz, MG. SS. III, 231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS. Langob. 220 bis 230.
[23] Ebenso wenig kann man das sogenannte _Chronicon Brixiense_, oder wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 als _Catalogus Brixiensis_. -- Die _Translatio S. Habundii Mart._ von Foligno nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu Pavia unter Lothar.
[24] Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. -- Ueber Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159. Traube, O Roma nob. S. 348-353.
[25] Giulini, Mem. di Milano, II, 76.
[26] NA. VIII, 340.
Einige Verse, die zum Preise des Bischofs =Azo von Ivrea= um 876 verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form bemerkenswerth[27].
[27] Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.
Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wenn man nach diesen Proben arger Barbarei den allgemeinen Standpunkt der Bildung in Italien beurtheilen wollte. Gelehrte Studien wurden namentlich in =Verona= gepflegt, wo ein Archidiaconus =Pacificus= († 844), dessen Gelehrsamkeit gepriesen wird, 218 Handschriften zusammengebracht hatte[28]. Von dort besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des Bischofs =Adalhard= in sapphischem Versmaße, aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, dessen Correctheit für diese Zeit in Erstaunen setzt, wenn auch einzelne Fehler vorkommen[29]. Und im überraschendsten Gegensatze zu der Barbarei eines Andreas von Bergamo tritt uns aus dem Anfange des zehnten Jahrhunderts (zwischen 916 und 922) ein Werk entgegen, welches in Rücksicht der Form den meisten Dichtungen karolingischer Zeit ebenbürtig zur Seite steht, nämlich das =Lobgedicht auf den Kaiser Berengar=[30], dessen ungenannter Verfasser die Sprache nicht ohne Gewandtheit behandelt und regelrechte Hexameter ohne Anstoß zu fertigen verstand. Andere freilich finden sich darunter, welche holprig genug sind[31], und gesuchte Ausdrücke, verkünstelte Constructionen verdunkeln nicht selten den Sinn. Der Unterschied ist nicht schwer zu bemerken, wenn plötzlich der melodische Wohllaut Vergils oder die kunstvollen Verse des Statius sich vernehmen lassen. Das sind fremde Federn, mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder und einzelne Schlachtenscenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.
[28] _Epitaphium Pacifici_, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden Gedichte _O Roma_ und _O admirabile Veneris_ nach Verona ins 10. Jahrhundert.
[29] Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S. 134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen Einfluss.
[30] _Carmen panegyricum Berengarii_, ed. Valesius, cum Adalberonis ep. Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189 bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert in: _Gesta Berengarii Imperatoris_. Beiträge zur Geschichte Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl. NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.
[31] Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E. Bernheim, Forsch. XIV, 142.
Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die Krone Italiens sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach schrieb er bald nach der Kaiserkrönung seines Helden im Nov. oder December 915. Er war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzelheiten nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lobredner und zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten zu können. Die Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit arger Entstellung, so gewandt, daß Berengar als der allein berechtigte und legitime Herrscher erscheint. Es ist merkwürdig, daß, während thatsächlich die Gewalt allein den Ausschlag gab, doch nachträglich man ängstlich bemüht war, vor der Welt den Anschein einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir haben ähnliches schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es in noch auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.