Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 40

Chapter 403,404 wordsPublic domain

[31] Im Chron. Gozec. I, 2 (MG. SS. X, 142) heißt es von der Agnes von Weimar, Gemahlin des 1036 verstorbenen Pfalzgrafen Friedrich von Sachsen: more antiquorum tam litteris quam diversarum artium disciplinis apud Quidelingeburg pulchre fuit instructa. Ueber Kunigunde s. unten V § 15. Die Quedlinburger Schatzmeisterin Hazecha verfaßte eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche sie Bischof Balderich von Speier (970 bis 987) übergab. S. unten S. 324.

[32] Chron. Ebersp. MG. SS. XX, 14. Aehnlich heißt es in der Vita S. Pauli Virodun. (aus dem 7. Jahrh.), in welcher Berthar angeführt wird, Hugo Flavin. aber noch nicht: „liberalium studiis litterarum, sicut olim moris erat nobilibus, traditur imbuendus“. Mab. Act. II, 268. Auch der Vater Odo's von Cluny war nach der Vita auct. Joh. mon. I, 5 ein angesehener Rechtskundiger am Hofe des Grafen Wilhelm von Poitiers.

Finden wir also das Ottonische Kaiserhaus wissenschaftlicher Bildung geneigt und günstig, so überstrahlt doch alle, sowohl durch seine eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine fruchtreiche Thätigkeit für Kirche und Schule, der große Erzbischof =Brun=, Otto's des Großen jüngster Bruder[33].

[33] S. über ihn und seine Wirksamkeit W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 321-331, vgl. 817; 401-403. 431-436, vgl. 826. 829. Vogel, Ratherius I, 156 ff. Jasmunds Vorwort zur Uebersetzung des Ruotger. Ern. Meyer de Brunone I, Diss. Berol. 1867. Dümmler, Otto I, S. 396 bis 399. Bursian, Gesch. d. Philol. S. 44. K. Martin, Beiträge zur Gesch. Bruns, Diss. Jen. 1878.

Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balderich erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhalten hatte, wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und 953, als er Erzbischof wurde, auch zum Erzcaplan erhoben; bald lag in seinen Händen fast die ganze Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der königlichen Kanzlei zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, hat er in den Aeußerlichkeiten der Urkunden, den Daten namentlich, eine arge Unordnung einreißen lassen[34]; dagegen fand er doch noch Zeit für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für den wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft, die, wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammenfanden. Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von Elvira, wurden durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt, nahmen aber während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den wissenschaftlichen Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter Griechen benutzte Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon vertraut war, zu lernen; besonders aber verehrte er als seinen Lehrer einen irländischen Bischof Namens Israel, vielleicht denselben, welcher, aus seiner Heimath vertrieben, in St. Maximin Mönch wurde[35].

[34] Sickel, Wiener SB. XCIII, 732.

[35] Hontheim, Prodr. hist. Trev. II, 975. Dümmler in d. Neuen Mitth. XI, 252.

Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht, auch selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zeiten, eine Hofschule[36], wenn auch in anderer Weise, weil für die Grundlage des Lernens jetzt an vielen Orten besser gesorgt war. Aber die Söhne vornehmer Familien, welche nach alter Weise an den Hof gebracht wurden, werden schwerlich ganz ohne Unterricht gelassen sein, und die königliche Kanzlei wurde zu einer Pflanzschule trefflicher Bischöfe, deren Wichtigkeit für das Reich nicht hoch genug anzuschlagen ist, denn mit diesen Bischöfen regierten die Kaiser von nun an bis zu den Zeiten Heinrichs IV ihr Reich, und fast allein in ihnen bildete sich ein Element der Stätigkeit in der Reichsregierung aus, welches von dem Wechsel der Personen unabhängig war.

[36] Mir scheint das aus Ruotgeri V. Brun c. 5-7 hervorzugehen. Freilich darf man kaum an eine dauernde geregelte Organisation denken, aber E. Meyer geht zu weit, wenn er sie ganz leugnet. Ihm stimmt freilich jetzt auch Dümmler bei, Otto I, S. 545, aber wenn Ruotger sagt: „Latialem eloquentiam non in se solum, ubi excelluit, set et in multis aliis politam reddidit et inlustrem“, so muß doch Brun lat. Unterricht gegeben haben. Die eigentliche Schule hatten die Hofcapläne schon hinter sich, aber wenn wir Ruotger irgend glauben dürfen, war doch am Hofe noch viel für sie zu lernen.

Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Cöln, wo er noch 12 Jahre wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei fremd zu werden, bis er am 11. Oct. 965 kaum 40 Jahre alt starb. Die schwierigsten Aufgaben ruhten auf ihm, denn das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner Leitung anvertraut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich, baute fast allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die Thatkraft seines großen Bruders vermißte, vergaß er doch über den weltlichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirchliche und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit größter Sorgfalt gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege litterarische Treiben, welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.

Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden unter so guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen Stürme noch überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten Klöster, welche wie Corvey, Gandersheim, St. Gallen weniger gelitten hatten, und neben ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten litterarischer Bildung[37].

[37] Wohl konnte deshalb Brun zum König sagen:

Deciderat Studium veterum Et vigilancia paene patrum, Caecaque saecula barbaries Saeva premebat et error iners. At tua dextra ubi sceptra tenet, Publica res sibi tuta placet, Exacuit calamos studium Fertque quod apparat ad solium.

Verse hinter einer Abschrift des Frontin, bei Haase, Ind. lectt. Vratisl. hiem. 1860, p. 20. Leider bleibt es ungewiß, ob der Bruno _tuus_ dieser Bruno ist; der _Caesar_ ist nicht genannt. Diese Anrede setzt übrigens nicht nothwendig die Kaiserkrönung voraus.

So verpflanzte nach =Speier=, wo schon Bischof Godefrid (950 bis 961) seiner Kirche ein Werk des Beda geschenkt hatte[38], Bischof =Balderich= (970-987), gebürtig aus Säckingen, die Studien der Sanctgaller Schule, aus welcher er stammte. Sein Wohlgefallen und seine Aufmerksamkeit erregte der Knabe =Walther=, den er zu aller heidnischen und christlichen Wissenschaft anleitete. „Cum primum regno successit tertius Otto“, also 983, übergab er ihm, der nun Subdiaconus war, eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche die Nonne Hazecha, Schatzmeisterin von Quedlinburg, ihm zur Correctur überreicht hatte; aber entweder wurde sie wirklich verloren, wie Walther an Hazecha schrieb, oder er fand sie zu schlecht: genug, Walther verfaßte ein eigenes Werk über den h. Christoph in Prosa und in Versen, ganz in dem gespreizten, mit Gelehrsamkeit überladenen Stil der Zeit; in zwei Monaten behauptet er beides vollendet zu haben. Voran schickte er ein Buch mit dem Titel _Scholasticus_, worin er seinen Bildungsgang schildert, dunkel und oft schwer verständlich, aber doch werthvoll für die Kenntniß der damaligen Schulstudien, in welchen eine ansehnliche Zahl classischer Autoren im Vordergrunde steht. Walther schickte später nach des Bischofs Tod sein Werk auch _ad collegas urbis Salinarum_, d. h. doch wohl nach Salzburg, an Liutfred, Benzo und Friedrich[39]. Damals scheint er demnach die Speierer Schule geleitet zu haben; 1004 ist er selbst wahrscheinlich Bischof von Speier geworden.

[38] Brit. Mus. Addit. 23,931, wo nach dem Catalog von 3 Widmungsversen der erste lautet: „Me Godefrid sanctae praesul dedit ecce Mariae“.

[39] _Waltherus Spirensis de passione S. Christophori_, bei B. Pez, Thes. II, 3, 29-122. Prantl, Gesch. d. Logik II. 52 hat auf dieses Werk aufmerksam gemacht; Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier erwähnt es I, 252 unter Bischof Walther, Mabillon sah die Hs. in St. Emmeram, jetzt Cod. lat. Monac. 14,798. Vgl. W. Harster: Walther v. Speier, ein Dichter des 10. Jahrhunderts. Speier 1877. Beigabe zum Jahresbericht der K. Studienanstalt. Da ist nachgewiesen, daß aus einer vielfach mißverständlichen Bearbeitung des griech. Textes sich die spätere Form der Legende entwickelt hat; doch hat Schönbach, Zeitschr. f. D. Alt. XXIV, Anz. S. 155-172, Einwendungen dagegen erhoben. Ausgabe von Harster als Beigabe zum Jahresbericht 1878. Anz. v. Pannenborg, GGA. 1879, No. 20; von Nolte, Zeitschr. f. öst. Gymn. 1879, XXX, 617-629. Acta Graeca, Anal. Boll. I, 121.

In besonderer Ausführlichkeit tritt uns hier eine Richtung der Studien entgegen, welche wir noch an vielen Orten, wie z. B. in Lüttich, zu berühren haben werden.

Sehr bald aber ließen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die classischen Studien eiferten. Hatte schon Hieronymus im Traume für die Vorliebe büßen müssen, womit er Plautus und Cicero gelesen[40], ein Geschichtchen, welches immer wieder benutzt wird und noch bei der Bekämpfung der Humanisten eine Rolle spielt, so finden wir in karolingischer Zeit den alt gewordenen Alcuin in gleichem Sinne eifernd; so auch jenen alten Schulmeister Johannes zu Fulda (oben S. 231). Ermenrich sah, wenn er den Vergil unter sein Kopfkissen gelegt hatte, im Traume den Dichter als Teufel, in der Hand ein Buch, hinterm Ohr die Feder, der ihn triumphirend verhöhnte; doch meinte er, daß man, wie für den Ackerbau den Dünger, so auch den Koth der heidnischen Poesie mit Nutzen verwerthen könne[41]. Notker dagegen empfahl dem jungen Salomo den Prudentius: _non sunt tibi necessariae gentilium fabulae_[42]. Abt Odo von Cluni wurde durch einen Traum von der Beschäftigung mit Vergil abgeschreckt[43], und ebenso verwarf, der Tendenz dieser Congregation entsprechend, Majolus die einst auch ihm lieb gewesenen Studien[44], und ähnliches wird vom Abt Hugo berichtet[46].

[40] Hieron. ad Eustochium, Opp. ed. Vall. I, 113. Vgl. im allg. Comparetti, Virgilio nel Medio Evo I, cap. 6.

[41] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 207. Ermenrici ep. p. 29. 31.

[42] Dümmler, Formelbuch S. 73.

[43] Vita auct. Joh. mon. I § 12.

[44] „Legerat isdem vir Domini libros olim antiquorum philosophorum Virgiliique mendacia, que nolebat nec ipse jam audire nec alios legere: Sufficiunt, inquiens, divini poetae vobis, nec egetis luxuriosa Virgilii vos pollui facundia“, Vita S. Majoli I, c. 14.

[45] R. Lehmann über die Vitae Hugonis S. 48.

Auch Hrotsuit schrieb ihre Dramen über Gegenstände aus der heiligen Geschichte, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen[46]. Etwas später wurde der sterbende Schüler Gozo von Dämonen in der Gestalt des Turnus und Aeneas beunruhigt[47], und als ein Mönch des Lütticher Lorenzklosters mit seinen Schülern den Terentius las, bemühte sich S. Laurentius selber, um ihn zu züchtigen[48].

[46] Die fleißige Beschäftigung mit Terenz wird auch bezeugt durch das wunderliche Gedicht, welches Riese in der Zeitschr. f. österr. Gymnasien 1867, S. 442-446, e cod. saec. X. herausgegeben hat, und schon 1840 Magnin in d. Bibl. de l'École des chartes, I, 524-531.

[47] Vita Popponis c. 32. MG. SS. XI, 314.

[48] Reineri Palmarium Virginale bei B. Pez, Thes. IV, 3, 85.

Wer könnte auch in Abrede stellen, daß in den römischen Dichtern vieles zu lesen ist, was sich namentlich für Klosterschulen nicht eignet. Besonders beliebt war Ovid, und nach einigen Citaten könnte man sich versucht fühlen anzunehmen, daß seine _Ars amandi_ das gelesenste Buch in den Klöstern war, wobei jedoch in Anschlag zu bringen ist, daß viele einzelne Sentenzen gelehrt und gelernt wurden, ohne daß man wußte, woher sie stammten. Doch war auch die ganz übermäßige Beschäftigung mit der unübersehlichen Fülle von Mythen, um jede Anspielung erklären zu können, für Mönche wenig förderlich, und selbst Boethius und Cicero stimmten nicht immer mit den Kirchenlehrern überein. Sogar den Erzbischof Bruno sah der Hofcaplan Poppo in einer Vision wegen seiner eifrigen Beschäftigung mit der Philosophie verklagt, aber S. Paulus trat für ihn ein[49].

[49] Thietmari Chron. II, 10.

Der Abt Smaragdus, der 819 das Kloster Castellio nach Saint-Mihiel-sur-Meuse verlegte, bekämpfte den Widerstand gegen die grammatischen Studien; in seiner Grammatik aber nahm er die Beispiele aus kirchlichen Schriftstellern[50]. Doch fühlte man allgemein, daß man die heidnische Litteratur nicht entbehren könne, ohne in Barbarei zu verfallen; Hraban trat sehr entschieden dafür ein, und selbst Anselm von Canterbury (ep. I, 55) hat einem Mönche gerathen, den Vergil zu lesen. War der geistliche Stand einmal der allein lehrende, so mußte er auch diesen Gefahren sich aussetzen. Nur an einzelnen Orten und bei einzelnen Männern drang jene ascetische Richtung durch; in den Schulen behaupteten sich bis ins dreizehnte Jahrhundert Vergil und Horaz, Terenz, Ovid, Sallust, und verlockten immer von neuem die jugendlichen Gemüther durch den Zauber ihrer Anmuth von den trockneren Vätern der Kirche.

[50] S. über ihn Hauréau, Smaragdus (Singularités p. 100-128); NA. IV, 250-253; Ebert II, 108-112. Seine Gedichte sind gedruckt Poet. Lat. I, 605-619; sie sind ausgeschrieben von Angelomus, ib. II, 675-677. Die Vorrede des Smaragdus zu seiner Via regia ist, wie Dümmler bemerkt, gedruckt bei Denis, Codd. bibl. pal. I, 1050.

Die Gewandtheit im Ausdruck, der leichte Fluß der lateinischen Rede, im karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren jedoch in der fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thätigkeit verloren gegangen; mit großer Anstrengung mußte man wieder von neuem beginnen. Die mühsam erworbene gelehrte Bildung ist fast überall kenntlich; man war stolz auf die neue Kunst und trug sie gern zur Schau. Die schwerfälligen Phrasen sind erfüllt von ungeschickt eingefügten Ausdrücken der alten Schriftsteller, man prunkt gern mit Citaten und bringt die gelehrten Reminiscenzen auch da an, wo sie am wenigsten passend sind, wie z. B. Liudprand die Ungern in ihrem Kriegsrath mit pedantischer Affectation griechische Worte einmischen läßt. Schulmäßig gekünstelte Reden sind besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert der gesuchte Ausdruck das Verständniß des Inhaltes. Aber die frische Lebenskraft, welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung erfüllte Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu verkennen[51].

[51] Vgl. über den Charakter der Litteratur dieser Zeit W. Giesebrecht, Kaiserzeit I, 309.

Leicht genug scheinen der Nonne Hrotsuit ihre Hexameter entströmt zu sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdichtung, welche in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehlt der ottonischen. Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I und Heinrich in einem halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behandelt[52], und auch die Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht[53], beide aber (in Bezug auf das erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereignissen schon so fern stehend, daß wir hinter ihnen uns eine Fülle deutscher Lieder zu denken haben, von jenen _Mimi_ gesungen, deren Widukind gedenkt[54].

[52] Leich von den beiden Heinrichen, ed. Lachmann bei Koepke, Jahrbb. Otto's I S. 97. W. Wackernagel, Lesebuch 4. Aufl. I, 110. Müllenhoff u. Scherer 3. Ausg. I, 39, vgl. II, 99-106. Seelmann im Niederd. Jahrb. XII, 75-89, bezieht es auf den Augsb. Reichstag von 952; Bedenken dagegen von Steinmeyer a. a. O. S. 105.

[53] =Modus Ottinc=, _Magnus caesar_, auch Otto II u. III feiernd, Lachm. im Rhein. Mus. III, 432. Coussemaker, Hist. de l'harm. 106 u. pl. VIII, 1. Müll. u. Scherer 3. Ausg. S. 46.

[54] Ueber die lat. Hof- u. Klosterpoesie vgl. Wackernagels LG. S. 70 bis 74, über Volkslieder S. 75. Ueber die _modi_ des Cod. Cantabr. Bartsch, Die lat. Sequenzen des MA. S. 145-165. Auf Heriger von Mainz (913 bis 926) _Heriger urbis_, nicht historisch, Jaffé in d. Zeitschr. f. D. Alt. XIV, 455. Müll. u. Scherer, 3. Aufl. S. 53. -- Kirchliche Lieder auf Heinrich II, _Lamentemur_ u. _Judex summe_, bei Jaffé a. a. O. 458-461; _Summe Caesar_ NA. IV, 399. Anspielungen auf Heinrichs II Zusammenkunft mit K. Robert von Frankreich im =Ruodlieb=, bei Grimm u. Schmeller, Lat. Gedichte des 10. u. 11. Jahrh., vgl. Giesebr. II, 624. Jahrbb. Heinrichs II, II, 225. III, 261. Ausgabe von F. Seiler, Halle 1882. Ueber Ecbasis captivi s. unten § 6. Verse auf Heribert von Cöln zur kirchlichen Feier, doch noch saec. XI, _Qui principium_ bei Jaffé S. 456.

Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestaltung des Reiches naturgemäß dahin geführt hatte, die Begebenheiten der Gegenwart aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfniß empfand, sie festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause unter den Ottonen. Auch jetzt suchte man zunächst die Zeitgeschichte festzuhalten; die Weltgeschichte zu umfassen, versuchte man noch kaum. Aber überall begann man um die Mitte des Jahrhunderts, die Zeitereignisse aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiserlichen Hofe wirkten auch hier anregend, aber nirgends erhob man sich doch zu einem so klaren Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn die karolingischen Reichsannalen zeigen; nur der Fortsetzer des Regino reiht sich denselben an. Der Königshof übte wieder einen kräftigen Einfluß, die Reichsgeschichte ist überall im Vordergrunde, aber weit mehr als in karolingischer Zeit herrschen doch locale Gesichtspunkte vor, und es entwickeln sich selbständige Mittelpunkte gelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir nach einander die einzelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen, von welchem die Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.

§ 2. Sachsen. Corvey.

Das Kloster Corvey, von Anfang an in enger Verbindung mit dem Hause der Ludolfinger und ihrer Gunst und ihres Schutzes sich erfreuend, hatte von der Ungunst der Zeiten weniger gelitten als andere Stifter. Doch verschwand auch hier nach Bovo II, mit Ausnahme der dürftigen Annalen[1], jede Spur litterarischer Thätigkeit, bis der Glanz von Otto's des Großen Thaten ein Geschichtswerk aus diesem Kloster hervorrief, wie noch keines in Sachsen ans Licht getreten war, dessen Form aber zugleich einen bedeutenden Verfall der grammatischen Schulbildung bekundet.

[1] Oben S. 254. Durch ihren Inhalt sind sie bei dem Mangel anderer Nachrichten wichtig.

$Widukind.$

Widukindi Res gestae Saxonicae ed. Waitz, MG. SS. III, 408-467. Bes. Abdruck, neue Ausg. 1882. Uebersetzung von Schottin, mit Einleitung von Wattenbach 1852, 1882, mit Nachtr. 1891. Geschichtschr. 33 (X. 6). Facs. d. Dresd. Hs. in E. Berners Gesch. d. Pr. Staats I, 1890. Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 100. L. Giesebrecht, Wend. Geschichten III, 295. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 779. Maurenbrecher S. 32-43. W. v. Korvei (Ottonische Studien I) von R. Koepke, 1867. Vgl. Waitz, GGA. 1867 S. 1429-1438. Waitz: Ueber das Verhältniß von Hrotsuits Gesta Oddonis zu Widukind, Forsch. IX, 335-342. Alfred Kirchhoff: Ueber den Ort der Ungarnschlacht. Forsch. XII, 573-592; Wyneken, ib. XXI, 239-250; Grandaur zur V. Uldalrici. Vgl. auch Jul. Voigt, Die Pöhlder Chronik und die in ihr enthaltenen Kaisersagen, Diss. Hal. 1879 (NA. V. 468). Zu I, 12 (Hirmin) Krause, NA. XVI, 611; zu I, 16 O. v. Heinemann: Die Niederlage der Sachsen durch die Normannen 880, Mitth. d. Vereins f. Hamb. Gesch. 1880, S. 58-65 (NA. VI, 203). Zu I, 36 (Lunkini) Virchow, Verhandl. d. Berl. Anthropol. Ges. 1886, S. 422 ff. Zu I, 40 (Chnuba) R. v. Liliencron, Der Runenstein von Gottorp, Kiel 1888 (NA. XIII, 654). Zu II, 1 (Krönung Ottos) Beissel über den Aachener Königstuhl, Ann. d. Aach. Geschichtsvereins, 1888, S. 14 ff. Zu II, 10 (Schöppenkampf) B. Simson, Forsch. XXV, 369-373. Planck, Münch. SB. 1886, S. 155-180.

Im Jahre 967, als Kaiser Otto auf der Höhe seiner Macht stand, unternahm es Widukind, Mönch im Kloster Corvey, die Geschichte seines Volkes zu schreiben, nachdem er vorher sich mit der Bearbeitung von Heiligenleben beschäftigt hatte[2]. Dadurch, so sagt er selbst, habe er seinem Berufe genug gethan; jetzt erfülle er die Pflicht gegen seinen Stamm und sein Volk, indem er die Thaten ihrer Fürsten niederschreibe. In der Widmung an die Aebtissin von Quedlinburg, des Kaisers Tochter Mahthild, bezeichnet er genauer als seinen Gegenstand die Thaten Heinrichs und Otto's; die Ueberschrift aber bezeichnet sein Werk als die Geschichte der Sachsen. Denn Volk und Herrscher waren auf das innigste verbunden, und in dem Ruhme des Kaisers fühlte das ganze Volk sich gehoben, wie es denn auch seinen reichen Theil daran hatte. Gänzlich fern lag es Widukind, nach der Weise der Chronisten an das römische Reich anzuknüpfen, sondern völlig dem Verlaufe der geschichtlichen Entwickelung entsprechend, nimmt er zum Ausgangspunkte seiner Erzählung die Urgeschichte der Sachsen. Ihre alten Sagen zeichnet er auf, und obgleich er es nicht lassen kann, sie durch übel angewandte Schulgelehrsamkeit zu entstellen, so erkennt man doch in jedem Worte die Freude des Mönches an seinen alten heidnischen Vorfahren, an diesem kraftvollen Geschlechte, vor dem schon damals die Franken sich fürchteten. Heiden freilich durften sie nicht bleiben, und darum mußten sie nach tapferer Gegenwehr den Franken unterliegen, um durch die Taufe nun mit ihnen ein Volk zu werden. Aber das Gefühl der Unterdrückung lastet dennoch auf ihnen, bis nun S. Veit zu ihnen kommt, und mit ihm das Glück, welches die Westfranken jetzt verläßt. Unter seinem Schutze gedeihen und erstarken die Sachsen und werden unter ihrem großen König Heinrich aller übrigen Völker und selbst der Franken Herr; kein fremder Gebieter beschränkt hinfort ihre Freiheit.

[2] Es sind alte Legenden, die er nur stilistisch umformen konnte. Er muss sich also darin mehr zugetraut haben, als wir ihm zugestehen können. Leider sind sie nicht bekannt und wir wissen also nicht, ob sein Stil darin nicht ein ganz anderer war.

Gegen Otto erheben sich noch einmal alle Stämme, schon schwindet die Hoffnung, daß das Reich ferner bei den Sachsen bleibe, aber mit Gottes Hülfe überwindet Otto alle seine Widersacher, er bändigt die Slaven, die Ungern, die Westfranken, bringt auch Italien wieder ans Reich, und beherrscht nun, von Gott und S. Veit beschützt, mit seinen Sachsen die Christenheit.