Part 34
Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten zwei Schüler des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht minder als in der Wissenschaft, auch in der Musik und anderen Künsten unterwies, deren er als Irländer Meister war. Diese waren der berühmte Erfinder der Sequenzen, Notker der Stammler[12], später Marcellus' Gehülfe, Verfasser des oben erwähnten Martyrologiums und anderer Werke, die wir gleich zu erwähnen haben werden, und der kunstreiche Tutilo[13]. Als dritten nennt Ekkehard auch =Ratpert=, einen Züricher, der aber vielmehr sein Zeitgenosse war, und bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der Klosterschule vorstand. Dieser hat, wie schon erwähnt, den ersten Theil der Klosterchronik verfaßt. Die Einweihung der von der Aebtissin Bertha, Ludwig des Deutschen Tochter, neu erbauten Fraumünsterkirche in Zürich verlockte ihn zu einer Wallfahrt, die er in Versen ausführlich beschrieb[14]; übrigens aber war er so eifrig in seinem Amte, daß er jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht mehr als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte; selbst die Messen und Gebete versäumte er darüber, denn sagte er, wir hören die besten Messen, wenn wir andere lehren sie zu feiern. Unnachsichtig handhabte er den Stock, der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine große Rolle in der Erziehung spielte, und doch wußte er sich durch seine Berufstreue und wahres Wohlwollen auch die Liebe seiner Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem Todbette lag, hatte gerade das Fest des heiligen Gallus (Oct. 16) die Geistlichkeit Alamanniens im Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler umgaben das Sterbelager ihres Lehrers[15].
[12] S. über ihn Dümmler Denkm. S. 244 ff. 258 ff. NA. IV, 546. Meyer v. Kn. zu Ekk. S. 126 ff. und Der h. Notker v. St. Gallen, Neujahrsbl. 1877. Er starb 912. Autograph von ihm bei W. Arndt, Schrift. 15^b.
[13] Dessen berühmtes Diptychon abgebildet in: Das Kloster St. Gallen I. Herausgegeben vom historischen Verein in St. Gallen, 1863, und bei Alwin Schultz: Tuotilo von St. Gallen in: R. Dohme, Kunst und Künstler des Mittelalters und der Neuzeit, I, 1877; doch vgl. dazu Rahn: Nachlese zur Gesch. der bildenden Künste in der Schweiz, S. 787-790. u. M. v. Knonau zu Ekkeh. S. 93 u. 129. Jul. v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII, S. 180 bis 185.
[14] Erhalten ist nur ein Bruchstück, die Beschreibung der neuen Kirche und der Uebertragung von Reliquien der hh. Felix et Regula vom Großmünster nach Fraumünster, herausgegeben v. G. von Wyß, Geschichte der Abtei Zürich (Mittheil. VIII), Beilagen S. 11; vgl. Dümmler Denkm. S. 255. Ostfr. II, 427. G. Meyer von Knonau in d. Vorrede der Casus. Sein Lobgesang auf den heiligen Gallus in Ekkehards lat. Uebersetzung bei Müllenhoff und Scherer I, 217. II, 78. Vgl. Dümmler, NA. IV, 541. G. R. Zimmermann, Ratpert der erste Zürchergelehrte (Basel 1878) ohne wissensch. Werth nach Dümmler im Centralbl. Sp. 1314.
[15] Das Jahr des Todes ist wegen der vielen gleichnamigen Mönche ganz ungewiß.
Als Karl III 883 das Kloster besuchte[16], fand er in St. Gallen einen alten Mönch, dessen Gedächtniß noch in die Zeit des großen Karl reichte und der die Geschichten zu erzählen wußte, welche er einst von des tapferen Gerolds Waffengefährten, von Adalbert und dessen Sohne, dem Priester Werinbert, gehört hatte. Karl III, von dem sonst wenig löbliches zu berichten ist, hatte an diesen Geschichten solche Freude, daß er den guten Alten veranlaßte, sie aufzuschreiben; emsig ging er an die Arbeit, scheint sie aber nicht vollendet zu haben. In diesem Mönche hat man schon früh =Notker= den Stammler erkannt, aber Pertz widersprach dieser Annahme, weil der Stil gar zu roh und grammatisch fehlerhaft ist, und weil Notker damals noch nicht alt genug war, um durch Zahnlosigkeit zum Stammler geworden zu sein. Es scheint jedoch, daß er durch einen Naturfehler gestammelt hat, und die Vergleichung der Ausdrucksweise hat den vollkommen überzeugenden Nachweis gestattet, daß wirklich Notker der Verfasser dieses anmuthigen Buches gewesen ist, an welchem man schon früh und vielfach Gefallen gefunden und es trotz seiner mangelhaften Form mit Einhards Meisterwerk verbunden hat.
[16] Hierhin gehören wohl die Verse von Ratpert, Hartmann, Notker Balbulus u. a., die sich vielleicht alle auf diese Gelegenheit beziehen, neu herausgegeben von Dümmler, Denkm. S. 218-221, vgl. 255 ff. und ein späteres vielleicht von 887 S. 221, vgl. 257. Das von Waldram verfaßte _Rex benedicte_ S. 220, ist aber Weihn. 911 an Konrad gerichtet, nach Heidemann S. 454, vgl. M. v. Knonau, Jahrbuch 1867 S. 129. Litanei aus König Konrads Zeit bei Dümmler, Denkm. S. 222, vgl. 258. NA. IV, 510. 551.
Ferner aber ist es wegen der auffallendsten Uebereinstimmungen in Ausdruck und Auffassung als vollkommen sichergestellt anzusehen, daß Notker auch der Fortsetzer der oben S. 219 erwähnten Chronik Erchanberts gewesen ist[17]. Er fügte nämlich eine kurze Uebersicht über die Theilungen und die Regentenfolge im karolingischen Reich hinzu, bald nach der Kaiserkrönung Karls III (881), von dem er mit lebhafter Verehrung spricht, wie denn auch damals noch kein Grund war, an seinen guten Erfolgen zu zweifeln.
[17] MG. SS. II, 329. Uebers. bei dem Mönch von St. Gallen. Notkers Autorschaft nachgewiesen von B. Simson u. Zeumer, s. Waitz-Aufsätze S. 113; NA. XII, 428.
Des Kaisers Besuch erschien als ein Höhepunkt der Blüthe des Klosters, und nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet Meyer von Knonau, daß eben hierdurch Ratpert zur Abfassung der Gesta veranlaßt sei, welche mit diesem Besuche abschließen. Auch mit des Kaisers Günstling, Bischof Liutward von Vercelli, einem geborenen Schwaben, standen die Mönche in gutem Vernehmen und Notker widmete ihm seine Sequenzen[18].
[18] Vgl. Meyer v. Knonau, Mitth. XIII, 60. XV, 161.
Am Schlusse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler[19] =Salomo= III, von 890-920 Bischof von Constanz und zugleich Abt von St. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben, der kluge und gelehrte Freund Hatto's von Mainz, der das schöne und blühende Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere uns erhaltene Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm und zugleich von der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil seines Schülers in den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe ausgesetzt war. Eine Mustersammlung von Urkundenformeln und Briefen[20], in welcher uns einige auch für die Geschichte der Zeit wichtige Briefe aufbewahrt sind, während die Urkunden über mannigfache Verhältnisse reichen Aufschluß gewähren, schrieb Dümmler Salomo um das Jahr 896 zu, während nach Zeumers Ansicht Waldo mit seinem Bruder Salomo sie 877 und 878 während ihres Aufenthalts bei Salomo II von Constanz und Liutbert von Mainz zusammengebracht haben, Notker nachträglich noch einige Briefe hinzugefügt hat. Schon war man in Reichenau[21] und an andern Orten mit ähnlichen Sammlungen vorangegangen, aber die Sanctgaller Sammlung läßt sie durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der späteren Zeit besitzen wir von Salomon zwei schöne poetische Episteln an den Bischof Dado von Verdun, deren ansprechender, von wahrem Gefühl getragener Inhalt die ziemlich incorrecte Form übersehen läßt; die Ueberschrift „Versus Waldrammi ad Dadonem episcopum a Salomone episcopo missi“ läßt jedoch vermuthen, daß sie nur im Auftrag und nach Anweisung Salomons in dessen Namen von =Waldram= verfaßt sind. In der einen[22] beklagt der Bischof in elegischer Form voll tiefer Trauer den Tod seines letzten Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906), an den nach Zeumer mehrere der Briefe in der Formelsammlung gerichtet sind; in der anderen[23], schon früher geschriebenen, schildert er mit den lebhaftesten Farben das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind ist, dessen Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem Kampfe in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert das Land verheerend durchziehen. Auch St. Gallen wurde von ihnen 926 verheert.
[19] Diese Ansicht Dümmlers bekämpft Dammert, Forsch. VIII, 327 bis 366 u. will vielmehr Roudker, den Ekkehard als Mentor Salomons bezeichnet, auch die Briefe zuschreiben. Meyer v. Knonau hat diese Ansicht S. 21 als chronologisch unmöglich widerlegt. Ebenso bekämpft er S. 4 auch Notker, aber hier ist die Chronologie ganz unsicher, und mir erscheinen die Gründe für Notker auch jetzt noch überwiegend, u. so auch Zeumer, NA. VIII, 513-517. -- Ueber Salomons Familie s. Graf Zeppelin, Thurgauische Beitr. XXX, 42.
[20] Früher _Formulae Alsaticae_ genannt. Zum ersten Mal kritisch und vollständig herausgegeben von Dümmler: Das Formelbuch des Bischofs Salomo III, Leipzig 1857. Verbesserungen St. Gallische Denkm. S. 261. Verse von Notker (?) an Salomo S. 225. Ueber Salomo Formelbuch 103 ff. Denkm. 262 ff. Eine populäre Schilderung in: Das Kloster St. Gallen, vom historischen Verein, II, 1864, mit schöner Abbildung seines grossen C in Sintrams Evangelium longum. Das Formelbuch nach der Münchener Handschrift ed. Rockinger, Quellen zur bayerischen und deutschen Geschichte VII, und in De Rozière's Sammlung. Vgl. auch Heidemann, Salomon III von Constanz vor Antritt des Bisthums, Forsch. VII, 425-462. Dammert ib. VIII, 327-366. Vorzüglich aber jetzt Zeumer, Formulae Salomonis, NA. VIII, 506-540, u. seine Ausgabe MG. Form. p. 390-437. Ein merkwürdiges Denkmal der St. Galler Gelehrsamkeit und Schreibkunst ist das Psalterium, welches Salomo 909 schreiben ließ, mit 3 lateinischen Versionen und dem griechischen Text in lateinischen Buchstaben, mit einem einleitenden Gedicht; dieses neu herausgegeben von Dümmler, Ostfr. (1. Ausg.) II, 681, von Hamann: Canticum Moysi ex psalterio quadruplici Salomonis III (Lips. 1874), p. 18. Frühzeitig ist eine um 6 Verse am Anfang verstümmelte Abschrift der Verse verbreitet, s. Bianchini, Vindiciae p. CCLI, Codd. Colon. p. 3. 4.
[21] Zeumer, Reichenauer Formeln, NA. VIII, 481-505. Daselbst S. 547 ff. Nachweis, daß Iso nur irrthümlich Formeln zugeschrieben sind.
[22] Nach Canis. (II, 3, 245) berichtigt nach der Handschrift von Dümmler, Denkm. S. 239, mit dem größtentheils aus Reminiscenzen von Venantius bestehenden Trostgedicht von Waldram, und anderen Gedichten desselben. Vgl. Scherrers Verz. 73 über den Cod. 197. NA. IV, 550-554.
[23] Bei Dümmler, Denkm. S. 230-239 (v. 9. l. iterare, v. 42: si domui conjuncta domus primordia sumpsit.); vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 174, Dümmler, Ostfr. III, 527. Ueber die Salomo zugeschriebene Encyclopädie (_Glossae Salomonis_) s. Stälin I, 404, Scherrers Verz. S. 321 bis 323. Sie ist von älterem Ursprung und die Benennung ungerechtfertigt, doch könnte S. vielleicht diese Sammlung veranlaßt haben. Als Ableitung eines älteren Glossars nachgewiesen von G. Götz: Der liber glossarum, Leipz. 1891 (Abh. d. philol.-hist. Cl. der K. Sächs. G. d. W. XIII).
Ekkehards lebendige Schilderung hat die Sanctgaller Schule unsterblich gemacht; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon wissen, und ohne Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein ganz ähnliches Treiben, von dem nur niemand uns Nachrichten aufbewahrt hat. So vor allem in =Reichenau=, welches schon in hoher Blüthe stand, als St. Gallen noch schwach und unbedeutend war[24]. Abt =Waldo= (784-806), ein vornehmer Herr, mit Grimald nahe verwandt und vorher Abt von St. Gallen (oben S. 269), hatte schon den Mönch Wadilcoz nach dem Martinskloster zu Tours geschickt, der von dort Bücher für die Bibliothek übersandte, welche Waldo mit großem Eifer zu bereichern bestrebt war[25]; unter ihm begann der fleißige =Reginbert= seine musterhafte Thätigkeit für dieselbe, welche er bis an seinen Tod 846 rastlos fortsetzte, theils durch eigene Arbeit, theils durch Geschenke die Sammlung zu sehr ansehnlichem Umfang vermehrend[26]. Ihm übersandten seine Schüler Grimald und Tatto die Klosterregel nebst den Beschlüssen des Reichstages von 817, der wohl ihre Aussendung veranlaßt hatte[27]. Auf seinen Antrieb schrieb Walahfrid das bedeutende Werk _de rebus ecclesiasticis_, wie dieser es in den Worten ausspricht: _Dura Reginberti jussio adegit eum_. Als Lehrer war neben ihm =Heito= thätig, ein Bruder jenes Wadilcoz, Waldo's Nachfolger als Abt und Bischof von Basel, welches Bisthum Waldo ebenfalls verwaltet hatte. Karl der Große sandte ihn 811 nach Constantinopel, und über diese Sendung verfaßte er eine Reisebeschreibung[28], die leider verloren ist; 823 entsagte er seinem Bisthum und zog sich in sein altes Kloster zurück, wo er 836 gestorben ist. Die Abtei übergab er =Erlebold= (823-838), der bei einem leider ungenannten Schotten große Gelehrsamkeit erworben, und Heito auf seiner Reise begleitet hatte. Der Schule standen jetzt =Tatto= († 847) vor, den Walahfrid seinen Lehrer nennt, in dessen Namen er Verse an Ebo von Reims und an Thegan richtete[29], und =Wetti=, ein naher Verwandter Grimalds und Waldo's. Wie mangelhaft jedoch noch seine grammatische und metrische Bildung gewesen ist, haben wir jetzt erst mit Verwunderung erfahren, da durch das von Bücheler entdeckte Akrostichon (oben S. 120) festgestellt ist, daß er der Verfasser der Vita S. Galli und ihrer Widmung in ganz barbarischen Hexametern ist, welche man für viel älter gehalten hatte. Wetti hatte kurz vor seinem Tode am 3. November 824 eine Vision, indem er, wie so viele andere vor und nach ihm, Himmel und Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen gesehen zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete. Heito hatte diese Vision in Prosa[30], Walahfrid in Versen bearbeitet[31], und der Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war außerordentlich groß; hatte er doch sogar den großen Kaiser Karl im Fegefeuer Schlimmes leiden gesehen, auch Waldo. Beide werden, nebst einigen anderen, von Walahfrid nur durch Acrosticha bezeichnet. Unter den Märtyrern dagegen erscheint darin =Gerold=, der Königin Hildegard Bruder, welcher im Kampfe gegen die Avaren gefallen war, ein geborner Alamanne, und des Klosters Hort und Beschirmer. Eine vielleicht von Walahfrid verfaßte Grabschrift auf ihn[32] findet sich in einer Handschrift neben dem Epitaph des =Bernald=, an den die Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten. Dieser Bernald war nämlich ein geborner Sachse, aber in Reichenau erzogen; er kam dann in die kaiserliche Capelle, und erhielt um das Jahr 821 das Bisthum Straßburg. Zu den treuen Anhängern des alten Kaisers gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rätien, 832 nach Rom gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als einen klugen und gelehrten Mann, der auch die deutsche Sprache zur Unterweisung des Volkes verwandte[33].
[24] Die älteste Lebensbeschreibung des Stifters, =S. Pirmin=, mit der Gründungsgeschichte von Reichenau (um 724) zuerst gedr. von Mone, Quellens. I, 30-36, ist nach Mone im neunten Jahrhundert in Reichenau verfaßt; in den Nachträgen S. 528 verlegt jedoch derselbe den Ursprung nach Hornbach und trifft darin zusammen mit Rettberg (II, 51), welcher ihre geschichtliche Werthlosigkeit nachweist, Dümmler verweist auch auf Wal. Visio Wett. v. 30 für den Ursprung in Hornbach. Dafür auch Holder-Egger in der Ausg. _Vita Pirminii_ I. et II. cum miraculis MG. SS. XV, 17-35; vgl. p. 574^a. Vgl. O. Breitenbach im NA. II, 170-174 über die von Gallus Oehem benutzte Bearbeitung. Sehr merkw. Predigt von ihm bei Caspari, Kirchenhist. Anecdota (1883) S. 151-159 (Dicta Priminii).
[25] Neugart Ep. Const. I, 142 aus Oheims Chronik, und jetzt Gallus Oheims Chronik von Reichenau ed. Barack (1866) S. 43. Oheim muß über die Bereicherung der Bibliothek und eingetretene Mönche in dieser Zeit, von Waldo bis Rudhelm, eine jetzt verlorene Quelle gehabt haben, die bis c. 840 reichte und vielleicht von Reginbert herrührte, s. O. Breitenbach, NA. II, 201. Waldo hat danach eine Zeit lang auch das Bisthum Pavia verwaltet. In der Visio Wettini büßt er für die Sünde des Geizes. Das Diptychon aus Erlebalds Zeit NA. IV, 72, ist das von Piper herausgegebene Verbrüderungsbuch.
[26] S. den 821 begonnenen Catalog bei Neugart I, 536-552, vgl. S. 152 und Mommsen, Die Chronik des Cass. Senator S. 573-585 über die von ihm angelegte hist. mathematische Sammlung. Auch die Carlsruher Vita Bonif. stammt daher, s. d. Inschrift MG. II, 332, Jaffé Bibl. III, 425. Fragment des Liber sextus in Libri's Auctionscatalog (1859) S. 246 mit Facsimile. Die Verse, welche er in die Bücher eintrug, Poet. Lat. II, 424, vgl. NA. XIII, 665.
[27] Baluzii Capit. II, 1382. Reginbert wird von ihnen _flos juvenum forma speciosus amoena_ genannt. Das Buch nebst einem zweiten von denselben geschenkten im Catalog S. 550. Das Martyrologium ed. A. Holder, Röm. Quartalschrift III, S. 204-261. Oben S. 60.
[28] Herm. Contr. a. 811, vgl. über ihn Neugart I, 142-148, Rettberg II, 93-96, und die Reichenauer Inschriften bei Mone, Quellens. III, 133. Dümmler, NA. IV, 284. Poet. Lat. II, 425. O. Seebass vermuthet in ihm den Vf. der Statuta Murbacensia, Zts. f. Kirchengesch. XII, 322 (NA. XVI, 645). -- Gleichzeitige Aufzeichnung darüber, daß am 21. Dez. 823 das Bisthum Basel Odalrich commendirt wurde, in Mone's Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins II, 384; MG. SS. XIII, 374 cum catal. epp. Basil.
[29] Poet. Lat. II, 350. Ein Brief von Tatto Bibl. III, 323.
[30] _Heitonis Visio Wettini_, abgedr. mit dem früher hier mitgetheilten Prolog bei Dümmler, Poet. Lat. II, 267-275. Walahfrids Bearbeitung ist durch seine Zuthaten besonders wichtig für die Geschichte des Klosters. Vgl. über die Anspielungen auf Bedränger desselben, und über die Nachahmung des Prudentius, Bock im Jahrb. d. Alterthumsfr. im Rheinland L, (1871) S. 7. -- Meistens mit dieser Vision verbunden, findet sich im Cod. S. Galli 573, Lambac. qu. 77, Monac. Lat. 536 u. 18 546, Brux. 10 687, Run. 51, folgende:
VISIO CUIUSDAM PAUPERCULAE MULIERIS.
_Fuit namque in Laudonico pago quaedam mulier paupercula, quae in extasi rapta rediens multa ac miranda narravit. Ducebat autem illam, ut ipsa referebat, quidam homo in monachico habitu constitutus, ubi requiem sanctorum et poenam iniquorum cernebat, talem qualem Paulus apostolus in epistola sua scribit: quod oculus non vidit nec auris audivit nec in cor hominis ascendit. Ibi etiam videbat quendam principem Italiae (Karl d. Gr. ganz ähnlich wie in der Visio Wettini) in tormentis, multosque alios notos, quosdam in poena, quosdam in gloria. Interrogavit illa eundem ductorem illius, si ille ad aeternam ultra vitam redire debuisset. At ille: Utique debet. Nam si Hlodouuicus, inquit, imperator, natus ejus, septem agapes pro illo pleniter dispensat, resolutus est. Pichonem (al. Picconem) vero hujus regis qui quondam fuit amicus, supinum jacere in tormentis, taetrosque spiritus duos aurum liquefacere et in os ejus infundere dicentes: Hinc sitisti in saeculo nec saturari potuisti; modo bibe ad saturitatem! Irmingartam namque reginam aeque in tormentis, quae super se habebat cautes tres quasi molares, unum super caput, alterum super pectus, tertium super dorsum, qui semper eam in profundum mergebant. Mira namque dicturus sum. Clamavit namque ad istam dicendo: Vade et dominum meum roga imperatorem, ut me misellam adjuvare dignetur. Et da ei signum ut sciat a me missam te fore, istud quod meae depositionis (desponsationis?) tempestate sola cum ipso loquebar in uno pomerio, et hoc statim bene cognoscet, quia adhuc hodie cunctos latet eadem locutio nisi nos tantum. Cumque_ _inde pergerent, ostendit ei ductor illius murum cujus cacumen coelum usque tendebat, et post eum alterum qui totus scriptus erat aureis caracteribus. Interrogavitque illa quid hoc esset. Terrestris, inquit, paradisus est, ubi nullus intrabit nisi qui hic scriptus reperitur. Imperavitque illi ut legeret. At illa ait: Non didici litteras. Scio inquit, sed tamen lege. Legit namque illa, et invenit nomen Bernharti quondam regis tam luculentis litteris exaratum sicut nullius ibidem fuit. Postea Hlodouuici regis tam obscurum et oblitteratum, ut vix agnosci potuisset. At illa: Quid est, inquit, quod istud nomen tam oblitteratum est? Antequam, ait, in Bernhartum homicidium perpetrasset, nullius ibi nomen clarius erat. Illius interfectio istius oblitteratio fuit. Vade et cave diligenter, ne horum quid regem celaveris. Illa vero non ausa conticuit. Non post multum rursum ammonuit eam, que ut prius conticuit. Tertia vero vice venit et dixit: Quid est quod non gestis obsecundare verbo Domini? Quae respondit: Domine, vilis sum persona, et ista non audeo in medum proferre. Ex hoc ait illi: Luminum tuorum non gaudebis, donec ea coram rege exponis. Cujus ilico pupilla caligine obducta est. Post dies multos venit in praesentiam regis, cuncta tradidit, lumenque recepit._
Diese Visio ist wieder abgedruckt bei Malfatti: Bernardo rè d'Italia, Firenze 1876 (Nuova Antologia). Irmgard st. den 3. October 818; ihr schreibt auch Andreas Berg. c. 8. Bernhards Tod zu, der in den Ann. Aug. 817 und im Necrol. zum 17. Apr. verzeichnet ist. Daß Irmgard sich zur Zeit ihres Todes mit Ludwig gerade in einem Baumgarten unterhalten habe, scheint mir kaum wahrscheinlich. Ueber Picho oder Bego s. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 11 Anm. 8. Nach freundl. Mittheilung des H. Prof. Sievers in Jena steht die Visio auch im cod. Aug. 111 (Carlsr. 185) saec. X mit dem Schluß: _Hinc quedam que mihi narravit minus commoda supersedenda sunt, ut ea introducantur, unde tota oratio sumpsit exordium._ Danach scheint es ein Bruchstück aus einem unbekannten Werk zu sein. Es folgt auch hier die Visio Wettini, im cod. Sangall. die _Visio Baronti_ von 680 (Acta SS. Martii III, 570). Mit dieser ist in einer Petersb. Hs. verbunden die _Visio Rotcharii_, viell. aus Fleury, worin Karl unter den Seligen erscheint, s. Anz. d. Germ. Mus. XXII, 73; Auszug bei Mabillon, Act. IV, 1, 667. Aehnlicher Art ist die _Visio Bernoldi_ von Hincmar, s. Ebert II, 256, der, wie Dümmler bemerkt, bei der Aufzählung der Visionen Alcuin de Sanctis Euboric. eccl. v. 875-1006 übersehen hat. -- Inhaltsangaben bei C. Fritzsche, Die lat. Visionen des Mittelalters, in Vollmöllers Roman. Forsch. II.
[31] Poet, Lat. II, 301-334.
[32] Herausgegeben von Mommsen im Rhein. Museum 1854, IX, 299. Poet. Lat. I, 114.
[33] Vgl. Dümmler, Ostfr. I, 322. Poet. Lat. II, 420.