Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 33

Chapter 333,344 wordsPublic domain

[22] Jaffé, Bibl. IV, 2. Auch im Wiener Cod. der Bonifaz. Briefe ist eine auf Williberts Weihe bezügliche Notiz, Bibl. III, 11.

[23] S. oben S. 261 Anm. 1. Zu der bei Floß, Urkk. S. 124, erwähnten Verwüstung durch die Normannen 881 ist zu bemerken, daß _nomina_ die Reliquien sind.

Etwas mehr hat sich aus =Lüttich= erhalten, dessen später so berühmte Schule in ihren ersten schwachen Anfängen schon jetzt hervortritt. Noch war es ein unbedeutender Ort, als ihm der Leib des um 672 erschlagenen Bischofs Theodard von Mastricht, welchen sein Nachfolger =Landebert= oder =Lambert= dort bestatten ließ, ein höheres Ansehen gab. An seinem Grabe wurde Lambert selbst 708 (?) erschlagen: er hatte Pippin und seiner Concubine Alpais Vorwürfe gemacht, Pippin war erschüttert und dachte daran, seine rechtmäßige Gemahlin Plectrudis wieder zu sich zu nehmen, da vollbrachte Dodo, der Bruder der Alpais, die Blutthat. Nachdem eine Kirche dort erbaut und die Gebeine des Märtyrers feierlich erhoben waren, mußte eine Legende geschrieben werden, aber noch fehlte es an geeigneten Kräften. Der Autor, welcher die Ausführung nach dem Maße seiner schwachen Kräfte in barbarischem Latein unternahm, griff zur Vita Eligii und brachte mit starker wörtlicher Ausnutzung derselben sein Werk zu Stande[24]. Der erbauliche Zweck ist durchaus vorherrschend. Aber noch regierte Karl Martell, der Sohn der Alpais, und aus Furchtsamkeit verschwieg er den wahren Anlaß des Todes. Auch =Godesscalc=, ein Lütticher Domherr, welcher auf Befehl des Bischofs Agilfrid sein Werk um 770 überarbeitete, folgt einfach seiner Vorlage und beschränkt sich auf stilistische Verbesserung. Aber im Volke erhielt sich die Erinnerung der That, und Ado in seinem Martyrologium hat sie kurz berichtet, vielleicht kannte er schon eine Aufzeichnung, deren später Anselm von Lüttich gedenkt, und deren Inhalt durch ihn überliefert, nun auch in die späteren Bearbeitungen überging; auch schon der Verfasser einer poetischen Version im Anfang des 10. Jahrh. deutet darauf hin. Lange Zeit ist der Hergang in entgegengesetzter Weise aufgefaßt; man glaubte hier ein recht deutliches Beispiel davon zu haben, wie die Legenden mit der Zeit wachsen und tendenziös entstellt werden, bis God. Kurth in, wie mir scheint, durchaus schlagender Weise, gestützt auf den aus einer neugefundenen Handschrift ergänzten Text des Anselm[25], den richtigen Sachverhalt nachgewiesen hat[26]. Dieselbe Reticenz finden wir auch in der =Vita Theodardi=, obgleich sie erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts geschrieben wurde[27].

[24] Nachgewiesen von Kurth in der gleich zu erwähnenden Schrift, S. 102-112; es ergibt sich daraus auch, daß die Translation und Mirakel von dems. Vf. sind. Als diese älteste _Vita Lamberti_ betrachtet Kurth die bei Mabillon, Act. III, 1, 69-76, gedruckte, welche bisher Godesscalc zugeschrieben wurde. Vgl. Fr. Scheibelberger: Die älteste Vita S. Lantperti, Oest. Vierteljahrsschrift f. Kath. Theol. (1871) X, 222-224, über den älteren einfacheren Text eines Linzer Codex. NA. II, 256 über den Brüsseler Cod. 9368. -- Ein Plagiat der V. Lamberti ist die älteste _V. Remaeli_, wie Kurth nachgewiesen hat im Bulletin de la Commission roy. d'histoire, 4. Série, tome III, n. 3.

[25] In Anselms c. 8, MG. SS. VII, 195, muß es am Schluß der aus Regino (der aus Ado schöpfte) entlehnten Stelle: „ab iniquissimo Dodone et aliis viris de palatio missis improvise conclusus intra domum ecclesiae in Leodio vico occiditur“ heissen: Qua vero de causa regiam domum increpaverit, sic habet adhuc alterius scripturae relatio nobis a prioribus relicta u. s. w. Notice sur un manuscrit d'Hariger et d'Anselme conservé à l'abbaye d'Averbode. Bull. de la Comm. roy. 4. Série, II, n. 7. Kurth vermuthet eine Aufzeichnung in Stablo, wo Lambert früher, als er aus Mastricht vertrieben war, eine Zuflucht gefunden hatte; keine Vita Lamberti.

[26] Étude critique sur S. Lambert et son premier biographe. Mém. couronné. Anvers 1876.

[27] Kurth, Étude, p. 67 ff.

Lambert aber wurde nun der Schutzheilige von Lüttich, wohin von Mastricht der Sitz des Bisthums verlegt wurde. Auch das Leben seines Nachfolgers, des 727 verstorbenen Bischofs =Hugbert= oder =Hubert=, ist von einem Zeitgenossen beschrieben und noch in seiner ursprünglichen, sehr barbarischen Form vorhanden[28], nebst dem Bericht über seine erste Translation 743. Wie darin die Vita Arnulfi und Vita Lamberti ausgeplündert sind, haben Demarteau und Krusch gezeigt.

[28] W. Arndt, Kleine Denkmäler aus der Merowingerzeit (1874) S. 52 bis 70. Ausg. von De Smedt, Acta SS. Nov. I; vgl. Krusch, HZ. LXV, 103-105.

Bischof =Waltcaud= (810-831) übertrug 825 den h. Hubert nach dem neugestifteten Kloster Andagium, später =Saint-Hubert= in den Ardennen, und nun bedurfte man einer Biographie, welche den gesteigerten Anforderungen der karolingischen Zeit genügte. Dazu gelang es ihm, den Bischof =Jonas von Orléans= zu bewegen, der zugleich auch diese neue Translation beschrieb[29]. In der Widmung sagt Jonas zu ihm: _cum assit vobis palatina scolasticorum facundia_. Doch ist das vielleicht nur Phrase, oder bezieht sich, wie Dümmler, Ostfr. III, 650 annimmt, auf die Hofschule. Lüttich war eine Station für die nach Rom pilgernden Irländer, und es haben sich noch Bittschreiben solcher Wanderer erhalten[30]. Wenn aber in dem einen der Bittsteller, auf die Empfehlung des Kaisers, vermuthlich Karls des Kahlen, sich berufend, mit bitterer Klage über die allzu schmale Kost, den Brüdern der Kirche gleichgestellt zu werden wünscht, so ist auf einen dauernden Aufenthalt und Verwendung der gelehrten Fremdlinge für den Unterricht zu schließen.

[29] _Translatio S. Huberti_, Mab. IV, 1, 295 (278 ed. Ven.). Vorrede zu dem ganzen Werk Forsch. VI, 126, und bei Arndt a. a. O. nebst Inhaltsverzeichniß u. Translatio, S. 70-82; Transl. MG. SS. XV, 234-237, von L. v. Heinemann. Ueber Jonas s. Ebert II, 225-230. Seine Schriften _de institutione laicali_ und _de institutione regia_ (834 für K. Pippin verfaßt) sind sehr lehrreich für die Kenntniß der damaligen Zustände; vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 381; K. Amelung, Leben u. Schriften des Bisch. Jonas v. Orléans, Progr. d. Vitzthumschen Gymn. zu Dresden 1888 (NA. XIV, 219).

[30] Dümmler, NA. XIII, 360-369, aus d. Zeit d. Bischofs Franco.

Schon Bischof =Hartgar= (840-854), der Erbauer eines neuen, mit Gemälden schön geschmückten Bischofshofes, nahm in Lüttich den Iren =Sedulius= und mehrere seiner Landsleute auf; wir werden sie oder ihre Genossen in Mailand wiederfinden, und vielleicht machten sie unterwegs Station in Salzburg. Sedulius, der Verfasser verschiedener theologischer Werke und eines Fürstenspiegels[31], war nicht ohne mancherlei Gelehrsamkeit und metrische Gewandtheit, des Griechischen kundig, aber doch incorrect, oft schwülstig und dunkel, ein Freund willkürlich neugebildeter Worte. Seine adulatorische Hofpoesie, der es zuweilen nicht an ergötzlichem Humor fehlt, feiert Hartgar und seinen Nachfolger =Franco= (854-901), Gunther von Cöln, bei dem er sich auch einige Zeit aufgehalten hat, Adventius von Metz, den gelehrten Markgrafen Eberhard von Friaul und andere Zeitgenossen; auch Kaiser Lothar und dessen Familie. Ohne Zweifel gebührt ihm und seinen Genossen ein Antheil an der späteren Blüthe der Lütticher Schule, aber auch an der gesuchten und verkünstelten Schreibart, welche dort lange herrschend blieb[32].

[31] _Sedulii liber de rectoribus christianis_, ed. A. Mai, Spicil. Rom. VIII, 1-69. Nach Dümmlers Vermuthung vielleicht für Lothar II bestimmt; ältere Hss., welche die Entstehung nach Ludwigs d. Fr. Tod bestätigen, NA. III, 188. Entlehnungen aus der Hist. Aug. stammen nach Mommsen im Hermes XIII, 298-301, aus der Sammlung von Excerpten, welche sich in einer Cusaner Hs. erhalten hat. -- Vgl. Ebert II, 191-202; Dümmler, NA. IV, 315-320.

[32] Nachdem die Gedichte des Sedulius von Dümmler, Grosse, Pirenne einzeln herausgegeben waren, sind sie jetzt vereinigt von Traube, Poet. Lat. III, 151-237, und über die sehr merkwürdige Persönlichkeit des Sedulius handelt ders. in O. Roma nobilis, S. 338 ff.

Bischof Franco erhob in =Eika= (Alteneyk bei Maaseyk) die ersten Aebtissinnen =Harlindis= und =Reinila=, welche angeblich von Willibrord und Bonifatius geweiht waren, deren Leben bald darauf, noch vor der Verwüstung durch die Normannen, beschrieben ist, und für den Mangel an geschichtlichem Inhalt durch culturhistorische Züge entschädigt[33].

[33] Acta SS. Mart. III, 386-392, und daraus Mab. III, 1, 654-663. Ueber die Bestätigung der Nachrichten durch Denkmäler Friedrich, Kirchengeschichte II, 346.

Einen merkwürdigen Mann finden wir in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts in der Brüderschaft der Klöster Stablo und Malmédy, =Christian=, nach Sigebert aus Aquitanien stammend, einen würdigen Vertreter karolingischer Bildung. Mit umfassender Gelehrsamkeit, auch der griechischen Sprache nicht unkundig, hat er mit merkwürdig freier Denkweise und nüchterner Verständigkeit einen Commentar zum Matthaeus geschrieben, aus welchem Dümmler allerlei für die Zeitgeschichte lehrreiche Aeußerungen zusammengestellt hat[34]. Ausserdem besitzen wir eine bald nach 850 geschriebene Beschreibung der Wunderthaten des h. Remaclus, zu welcher, nachdem das Kloster von der Zerstörung durch die Normannen 881 sich erholt hatte, weitere Zusätze gemacht sind[35].

[34] Ueber Chr. von Stavelot u. seine Auslegung zum Matthaeus, Berl. SB. 1890, S. 935-952.

[35] _Ex Miraculis S. Remacli Stabulensibus_, ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 1, 431-443.

Außer der kurzen, vom Probst =Liuthard= verfaßten Erzählung von der =Uebertragung des h. Justus= bald nach 900 nach =Malmédy=[36] ist schließlich nur noch die =Bisthumsgeschichte von Verdun=[37] zu erwähnen, von =Berthar=, der erste Versuch einer Localgeschichte, an denen später Lothringen so reich war, nach der traurigen Zeit der feindlichen Verwüstungen, denn der Verfasser schrieb erst nach dem Brande der Domkirche im Jahre 916 oder 917; sein Werk reicht aber nur bis in die Zeit des Kaisers Arnulf und ist wegen des fast gänzlichen Mangels an älteren Quellen sehr dürftig[38]. Veranlaßt war er zu seinem Unternehmen durch den Bischof =Dado= (880-923), den Freund Salomons III von Constanz, von dessen eigenen Aufzeichnungen über seine und seiner Vorgänger Geschichte ein Fragment sich erhalten hat. Aus Metz besitzen wir Briefe und ein Epitaphium des Bischofs =Adventius= (858-875), den auch Sedulius gepriesen hat[39]; aus Toul sind uns einige Briefe des Bischofs =Frothar= (813-848) erhalten[40].

[36] Martene. Coll. VI, 833; MG. SS. XV, 1, 566. Spät geschrieben und fabelhaft ist die _Translatio S. Quirini Malmundarium_, angeblich 808, mit einem fingirten Briefe Hildebalds von Cöln an Karl den Großen. Mart. Thes. III, 1685-1690.

[37] _Bertharii Gesta episcoporum Virdunensium_, ed. Waitz, MG. SS. IV, 36. Benutzung von Fortunats Gedichten NA. XII, 591. _Nomina epp. Virdun._ SS. XIII, 307.

[38] Ueber die fabelhafte _Vita S. Mengoldi_ s. oben S. 174.

[39] Poet. Lat. III, 225. Ueber Adventius s. Baehr S. 110; aus einer Briefsammlung, die sich auf Lothars II Ehehandel bezieht, sind bei Baronius noch mehr Briefe, alle von Dümmler sorgfältig benutzt und angeführt. -- NA. IV, 526.

[40] Du Chesne II, 712-723. Bouquet VI, 386-397. Vgl. Ch. Pfister in Annales de l'Est 1890, S. 261 ff.

§ 18. Schwaben.

Stälin I, 235-240. Baehr S. 118-122. Ild. v. Arx, Geschichte von St. Gallen. Weidmann, Geschichte der Bibliothek von St. Gallen, 1841. G. Scherrer, Verz. der Handschriften d. Stiftsbibl. Halle 1875. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der Schweizer Bibliotheken, in den Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII, 3. 1851. Dümmler, Das Formelbuch des Bischofs Salomo III von Constanz, 1857. Derselbe, St. Gallische Denkmale aus der Karolinger Zeit, Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft XII, 6. 1859. G. Meier, Gesch. d. Schule von St. G. im Mittelalter, im Jahrb. f. Schweizer Gesch. X. St. Gallische Geschichtsquellen, neu herausgeg. v. G. Meyer von Knonau. 1870-1877. Rec. von Dümmler, HZ. XXXVIII, 327-343. Uebers. von Ekk. Casus nebst Proben aus den übrigen Theilen, von M. v. Knonau, 1878, Geschichtschr. 38 (X, 11). Ueber Sanct-gall. Formelsammlungen Zeumer, NA. VIII, 505-553.

Wenden wir unsern Blick nach dem Süden Deutschlands, so zieht vor allem =St. Gallen= unsere Aufmerksamkeit auf sich, nebst dem nahe gelegenen =Reichenau=. Hatten wir früher schon in dem alten Leben des heiligen Gall wenigstens einen ersten Versuch litterarischer Thätigkeit zu erwähnen, so finden wir nun auch hier einen Schüler Alcuins, Grimald, als Abt (841-872); Sanctgaller Mönche, wie Werinbert und Hartmut, Otfrids Mitschüler, besuchen, wie es scheint, die berühmte Schule des Klosters Fulda, und Hrabans Schüler Walahfrid wird Abt von Reichenau (842-849). Hierzu kommt noch der Unterricht gelehrter Iren, welche auch die Kenntniß des Griechischen hier heimisch machen, während der lebhafte Verkehr mit Italien nicht minder anregend wirkt. Die Sanctgaller Schule war vielleicht von allen die bedeutendste, und glücklicher Weise besitzen wir zugleich von ihr das lebendigste Bild in der reichhaltigen Klosterchronik[1], welche von verschiedenen Verfassern bis 1330 fortgeführt wurde. Die Schule war hier lange Zeit der Mittelpunkt des Klosterlebens, der Stolz und die Freude der Sanctgaller Mönche, und die Lebensnachrichten von den bedeutenderen Lehrern nebst mannigfachen Schulgeschichten verschiedener Art nehmen einen sehr hervorragenden Raum in der Chronik ein. Doch die Aufzeichnung dieses Theiles derselben gehört einer späteren Zeit an; von Ekkehard (IV) im elften Jahrhundert nach mündlicher Ueberlieferung aufgezeichnet, ist er in allen Einzelheiten unzuverlässig, giebt aber doch ein culturhistorisch unschätzbares, im Gesammteindruck auch sicher zutreffendes Bild. Der erste Theil dagegen bis zum Jahre 883, von Ratpert verfaßt, ist erfüllt von den äußeren Schicksalen des Klosters, den langen Kämpfen um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche den Bischöfen von Constanz nur mit Mühe abgerungen war, und gegen verschiedene Anfechtungen vertheidigt wurde. Das Verhältniß zu den Bischöfen, welche formell völlig im Rechte waren, hat Ratpert, der schon ganz entstellten Klostertradition folgend, durchaus umgekehrt dargestellt, wie kürzlich Sickel auf die Urkunden gestützt nachgewiesen hat[2]; seine Aufmerksamkeit aber war diesem Gegenstand so vorwiegend zugewandt, daß er auch aus der späteren Zeit der Blüthe wenig über das innere Leben des Klosters berichtet.

[1] _Casus S. Galli_ ed. Ild. v. Arx, MG. SS. II, 59-183 (bis zum Jahre 1233). Zwischen 833 und 890 ist ein Stück verloren, auf welches sich Ekkehard in seiner Fortsetzung MG. II, 83 mit den Worten bezieht: _Kerhaldo_ (corr. _Bernhardo_) _itaque abbate, ut alias in alio libro relatum est, deposito_ (890). In d. neuen Ausg. c. 11 S. 37 fehlen die Worte _in alio libro_. Nach G. Scherrer, Verz. S. 9 u. 166, hat Jod. Metzler († 1639) noch eine verlorene Quelle gehabt. -- _Ratperti Casus S. Galli_ nach obiger Ausgabe bei Migne CXXVI, 1055-1080. Neue Ausg. von G. Meyer von Knonau in den St. Galler Mittheilungen zur vaterl. Gesch. XIII. mit ausführl. Commentar u. Excursen. Desgleichen _Ekkeharti_ (IV) _Casus S. Galli_ ebenda XV. XVI. 1877. Mit den Vitis et miraculis Galli et Otmari auch besonders ausgegeben als St. Gall. Geschichtsquellen. -- _Catal. abb. S. Galli, Augiensium, epp. Constantt._ MG. II, 34-39; ersterer neu herausgegeben u. bearbeitet von G. Meyer von Knonau, Mittheil. XI, 125-138; v. Holder-Egger SS. XIII, 326-330; Aug. ib. p. 331; Const. p. 324. -- Mitth. XI, 1-124 St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen, von E. Dümmler und H. Wartmann; S. 6 über das um 817 angelegte Verbrüderungsbuch. Dieses ist jetzt von P. Piper herausgegeben, MG. Libri Confraternitatum, 1884, 4. Verz. d. Constanzer Domgeistlichkeit s. XI. NA. XI, 408.

[2] Th. Sickel, St. Gallen unter den ersten Karolingern, in den Mittheilungen zur vaterl. Gesch. IV. 1865. Daß die Bischöfe doch auch über ihre formelle Berechtigung hinaus sich, wie es fast immer geschah, Uebergriffe erlaubt haben mögen, hebt Monod zu Ratperts Gunsten hervor, Revue crit. 1873, II, 409-413.

Die ersten Zeiten des angestrengten und oft unglücklichen Kampfes waren der litterarischen Entwickelung nicht günstig. Eine Zierde des Klosters war jedoch schon damals =Waldo=, der zum Abt erhoben, nach Ratperts Darstellung wegen der Bedrängung durch den Bischof nach 1-1/2 Jahren (784) die Abtei Reichenau erhielt, welcher er 22 Jahre vorstand, endlich aber als Abt von Saint-Denis bis an seinen Tod 813 an dem litterarischen Treiben des Hofes Theil nahm[3].

[3] Verse von König Ludwig und von dem Schotten Dungal an Baldo hat Dümmler herausgegeben im Arch. d. W. Ak. XXII, 289, vgl. S. 283, u. (mit Froben) auf ihn bezogen, folgt jedoch Poet. Lat. I, 412 Foltz, Gesch. d. Salzb. Bibl. S. 13, welcher den Salzburger Lehrer Baldo unterscheidet; s. unten S. 292.

Die neugewonnene Freiheit unter dem selbständigen Abte =Gozbert= (816-837) erwies sich für das Gedeihen des Klosters sehr förderlich; 830 begann Gozbert den Bau der neuen Kirche, zu welcher er den noch vorhandenen Grundriß[4] entwerfen ließ; der Urheber desselben, welcher den Musterplan eines großen Benedictinerklosters darstellt, ist unbekannt, eine Widmung, gerichtet, wie es scheint, an den jüngeren =Gozbert=, des Abtes gleichnamigen Neffen. Dieser beschrieb um diese Zeit das Leben des ersten Sanct Galler Abtes Othmar, welcher am 16. November 759 in der Verbannung gestorben war, und fügte auch zum Leben des heiligen Gallus, welches der Reichenauer Wetti für Gozbert bearbeitet hatte (oben S. 120), ein Buch über die Wunder desselben hinzu. Doch genügten ihm selber diese Arbeiten nicht, und er bat den berühmten Abt von Reichenau, Walahfrid, beide zu überarbeiten[5]. Uns liegt daher das Leben Othmars nur in Walahfrids reiner Sprache vor; es enthält einige schätzbare Nachrichten über die damaligen Verhältnisse von Alamannien, doch tilgte leider Walahfrid die Namen der Gewährsmänner als zu barbarisch. Begreiflich ist es, daß man daneben auch des heiligen Gallus Leben in seiner schlichten unsauberen Gestalt nicht mehr ertragen konnte: wenn es bei der Mahlzeit oder am Gedächtnißtage des heiligen Mannes verlesen wurde, störten die Germanismen und Sprachfehler die Andacht der Zuhörer. Walahfrid mußte deshalb auch dieses Buch nebst den dazu gefügten Wundergeschichten in eine zeitgemäße Form bringen[6]; doch hat sich auch Wettins Arbeit erhalten. Auch in Versen wollte Walahfrid denselben Gegenstand behandeln, ist aber nicht mehr dazu gekommen. Dagegen hat es auf das ungestüme Andrängen des jüngeren Gozbert, des Kahlkopfs, ein ungenannter Mönch unternommen und in der That Walahfrids Werk im Jahre 850 in Hexameter umgesetzt, doch stand sein Können bei weitem tiefer und entsprach nicht seinem guten Willen[7].

[4] F. Keller, Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahr 820. Zürich 1844. Von dem etwas späteren Bau Grimalds heißt es im cod. 397: Aula palatinis perfecta est ista magistris, Insula pictores transmiserat Augia clara.

[5] Sie sind nur in dieser Form vorhanden, _V. S. Othmari_ MG. II, 41 bis 47, und von G. Meyer von Knonau Mitth. XII, 94-113. Uebers. v. Potthast mit Vita S. Galli. _Miracula S. Galli_ ib. 21-31 u. 62-93.

[6] Gedruckt bei Mabillon Act. II, 227-250. Neue Ausg. von R. Thuli, St. Gall. Mitth. XXIV (1890) S. 1-76. Daran knüpft sich eine Kritik in dem wunderlichen Dialog, welcher Notker u. Hartmann in den Mund gelegt, aber viel jünger ist, höchst confus u. voll chronolog. Widersprüche, bei Weidmann, Gesch. d. Stiftsbibl. S. 483-493 (S. 486 l. _stropha_ statt _scropha_).

[7] Nur der Anfang MG. II, 31. Vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler, Poet. Lat. II, 428-473, vgl. p. 266.

Nach dem Bürgerkriege verlieh Ludwig der Deutsche die Abtei seinem Erzkaplan =Grimald= (841-872), der sich das Wohl derselben sehr angelegen sein ließ, so daß jetzt die rechte Blüthezeit des Klosters und namentlich der Schule beginnt[8]. Da er selbst nicht Mönch war und in der Regel am Hofe lebte, vertraute er Hrabans Schüler Hartmut die unmittelbare Verwaltung des Klosters an, und nach Grimalds Tod stand dieser demselben bis 883 als Abt vor. Beide sorgten eifrig für die Bereicherung der Bibliothek, und als der erste bedeutende Lehrer wird unter ihnen =Iso= genannt[9]; ihm zur Seite der Schotte =Moengal=, auch =Marcellus= genannt[10], welcher in der inneren Schule die für das Mönchskleid bestimmten Knaben unterwies, während jener in der äußeren Schule die Söhne des Adels für ihren Beruf als Domherrn und Bischöfe vorbereitete.

[8] Vgl. oben S. 222. Gegen Scherers einseitige Hervorhebung des Einflusses der Fulder Schule, s. Dümmler Ostfr. III, 655. Ein für Grimald scotice geschriebener Priscian bei F. Keller l. c. tab. XI, 2. Libri quos Gr. de suo dedicavit, bei Weidmann S. 396-400. Ein Recept de libro Grim. Zeitschr. f. D. Alt. XX, 214.

[9] Urkundlich in St. Gallen erwähnt von 852-868.

[10] Von 848-865 urkundlich erwähnt. Er war vorher Abt von Bangor in Ulster u. starb 871. NA. XVII, 211. -- Sehr barbarische Verse von =Dubduin= zum Preise seiner Landsleute NA. X. 341.

Im Jahre 864 wurde Othmars Leib erhoben und in der neuen Kirche des heiligen Gallus feierlich beigesetzt, bis 867 die ihm bestimmte eigene Kirche vollendet war, welche auch Grimalds Ruhestätte wurde, der 870 zuletzt als Kanzler erscheint, und den Rest seiner Tage in St. Gallen zubrachte. Von jener Erhebung Othmars mit den Wundern, die dabei natürlich nicht fehlten, berichtet uns eine bald nachher verfaßte Schrift Iso's[11]. Später soll dieser jedoch das Kloster verlassen, und als Lehrer im Kloster Grandval eine große Wirksamkeit und außerordentlichen Ruf erlangt haben, bis er am 14. Mai 871 starb.

[11] _Ysonis de miraculis S. Othmari libri II_, MG. SS. II, 47-54. Mitth. XII, 114-139 im Auszug. Ekkehards Erzählung von Iso's Wirksamkeit in Burgund bezweifelt Dümmler Denk. S. 260, weil er 868 noch in St. Gallen war. M. v. Knonau jedoch, der zum Ekkeh. S. 116-126 über Iso handelt, hält seine Thätigkeit in Moutier-Grandval für gesichert durch die Tradition, nur kann nicht Rudolf von Burgund ihn eingeladen haben, sondern der Bischof von Basel.