Part 32
[21] Nach dem sehr werthvollen, vom Beginn des Klosters bis 1146 fortgeführten Verzeichniß der Aebte und der unter jedem aufgenommenen Mönche, neu herausgegeben bei Jaffé, Bibl. I, 66-72, MG. SS. XIII, 274. Bovo war wahrscheinlich Bischof von Châlons-sur-Marne, † 947, Bruder der Königin Frideruna, Oheim des B. Berengar von Cambrai, s. MG. SS. VII, 431, im Necr. Merseb. zu Dec. 20, Neue Mitth. XI, 250.
[22] Herausgegeben von A. Mai, Class. Auct. III, 332-342. Der Abt ist nur durch B. bezeichnet, kann aber kaum ein anderer sein.
Begreiflich ist es, daß bei noch wachsender Bedrängniß auch hier die Feder ruhen mußte, daß von Bovo's Ruhm und seinen Werken nur eine dunkle Erinnerung blieb, und daß eine neue Zeit erst anbrach, als die Thaten der Ottonen neuen Anstoß zu schriftstellerischer Thätigkeit gaben.
Dasselbe war der Fall in einem andern Kloster, welches den Ludolfingern noch näher stand als Corvey, in =Gandersheim=, wo Graf Ludolf selbst um 850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und Prinzessinnen seines Hauses als Aebtissinnen walteten. Die erste, bis zum Jahre 874, war Ludolfs Tochter =Hathumod=, deren Leben von ihrem Bruder =Agius= beschrieben wurde, der nach einer Vermuthung von Pertz wahrscheinlich Mönch in dem nahe gelegenen Kloster Lammspring war, aber, wie Dümmler bemerkt, ebenso gut Corvey angehört haben kann. In der Form ahmte er, wie Traube bemerkt[23], das Vorbild des Paschasius Radbertus nach, indem er zu der in Prosa geschriebenen Biographie Elegieen hinzufügte, die eine tiefgefühlte rührende Todtenklage enthalten[24]. Sowohl die reine und fehlerfreie Sprache, die gewandte Ausdrucksweise, der fließende, wenn auch nicht ganz correcte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des Verfassers, den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester verbunden hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz; die mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser zahlreichen und ausgezeichneten Fürstenfamilie geben ihnen außerdem noch einen größeren Werth für den Geschichtsforscher.
[23] O Roma nobilis, S. 310.
[24] _Agii Vita Hathumodae_ ed. Pertz, MG. SS. IV, 165-189. Uebersetzung von Rückert, Stuttg. 1845, von Grandaur bei Vita Eigilis. Benutzung des Fortunat, NA. IV, 527; in der Prosa der V. Martini ib. XIV, 166. -- Ausg. des Dial. von Traube, Poet. Lat. III, 2, 369-388.
Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, daß wohl derselbe Agius jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahrbücher metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes finden sich darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift stammt aus dem Kloster Lammspring[25]. Doch ist sie kein Original, und jene Annahme nicht ohne Bedenken. Deutlich aber bezeichnet der ungenannte Dichter sich als einen Sachsen, den in den ersten Jahren der Regierung Königs Arnulfs die Dankbarkeit gegen den großen Sachsenbekehrer, welchem er nicht allein den Glauben, sondern auch die litterarische Bildung allein verdankte, zu dem Unternehmen getrieben habe, Karls Leben und Thaten in Versen zu verherrlichen. Er hält sich dabei ganz genau an die Einhardischen Annalen und an das ausdrücklich citirte Leben Karls von Einhard, welchem das letzte, in Distichen verfaßte Buch entnommen ist; nur wenige Schilderungen aus eigener Kenntniß beleben die reizlose Paraphrase. Von 801 an haben ihm jedoch, wie Bernhard Simson nachgewiesen hat, jene Annalen nicht mehr vorgelegen, sondern dürftigere, den Hersfelder verwandte, vermuthlich Halberstädter Annalen, aus welchen die falsche Angabe über den 803 zu Salz mit den Sachsen abgeschlossenen Frieden sich erklärt[26]. Pückert (S. 172 bis 180) nimmt Benutzung des verlorenen Werkes (oben S. 226) in einer Metzer Bearbeitung und Angehörigkeit des Verfassers zu St. Arnulf in Metz an.
[25] Die nachträglich gefundene Brüsseler Handschrift (Archiv III, 379) scheint der Lammspringer zu entstammen, wenigstens hat sie dieselben Lücken. Zur Zeit des Probstes Gerhard u. der Aebt. Judith (1178-1191) schrieb hier die Nonne Ermengarde einige Schriften des h. Augustin ab, Cod. Helmst. 204, s. O. v. Heinemanns Wolfenb. Catalog I, S. 185.
[26] _Poetae Saxonis Annales de Gestis Caroli magni imperatoris_, ed. Pertz, MG. I, 225-379. Wieder abgedruckt bei Migne XCIX, 683-736. Jaffé, Bibl. IV. 542-627. Ebert III, 125-129. Simson, Der Poeta Saxo und der Friede zu Salz, Forschungen I, 301-326. Pannenborg vermuthet, daß der Verfasser der Gesta Heinrici IV dieses Werk gekannt und nachgeahmt habe. Brieden, Geschichtl. Werth des Poeta Saxo. Progr. d. Laurentianums zu Arnsberg, 1878.
§ 17. Lothringen.
Richbod von =Trier= (795-804) ist als Schüler Alcuins bekannt, und wird als ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit und Bildung gerühmt; Alcuin warf ihm vor, daß er die Aeneide besser kenne, als die Evangelien. Ohne Zweifel wird er sich um die Schulen in seinem Sprengel verdient gemacht haben. Auch Amalarius (809 bis 814) machte sich als Schriftsteller bekannt[1]; an seinen Nachfolger Hetti (814-847) schickte Einhard mit einem freundschaftlichen Briefe (ep. 10, bei Jaffé 23) einen Theil seiner kostbaren Reliquien, vermuthlich für die von ihm gestiftete und 836 eingeweihte Castorkirche zu Koblenz. Von ihm hat sich eine Anleitung zum kirchlichen Unterricht in Gesprächform erhalten[2]; ihm zur Seite stand als Landbischof Thegan, der schon erwähnte Biograph Ludwigs des Frommen. Sein Neffe und Nachfolger war Thietgaud (847-863), Grimalds Bruder, aber sehr unvortheilhaft bekannt durch seine Mitschuld an Lothars II Scheidungsgeschichte. Am Ende des Jahrhunderts, nach der entsetzlichen Verheerung durch die Normannen 882, war =Ratbod= Erzbischof (883-915), welcher den vertriebenen Abt von Prüm, =Regino=[3], zu gelehrten Arbeiten veranlaßte.
[1] Außer verschiedenen Schriften kirchlichen Inhalts (s. NA. XIII, 305-323, XVII, 456) schrieb er nach der Gesandtschaftsreise, die er 813 mit Abt Peter von Nonantula nach Constantinopel unternahm, die dunkeln und in der Ueberlieferung verderbten _Versus marini_, gedruckt in Alcuins Werken, ed. Froben II, 525; Jaffé, Bibl. IV, 426; Dümmler, Poet. Lat. I, 426.
[2] Herausgegeben von Dr. Nolte im Jahresbericht d. Ges. f. nützl. Forsch. in Trier f. 1872/73 (1874) S. 50-58.
[3] Baehr S. 184-186. 535-538. Dümmler in der Vorrede zur Uebersetzung der Chronik. H. Ermisch, Die Chronik des Regino bis 813, Gött. 1872. Vergl. unten S. 260.
Dieser Regino war von Jugend auf im Kloster Prüm erzogen, wo schon unter dem Abte =Markward= (829-853) litterarische Thätigkeit bemerkbar wird. Verwandt mit Lupus, war nämlich auch Markward in Ferrières Mönch geworden, wo damals Alderich, später Erzbischof von Sens, Abt war, und nach Markwards Erhebung zum Abt von Prüm folgte sein Klosterbruder Ado, der als Erzbischof von Vienne seine Neigung zur Geschichtschreibung bewährt hat, der Einladung, eine Zeit lang in Prüm zu wirken. Markward selbst war Hüter und Lehrer Karls des Kahlen gewesen, als dieser 833 nach dem Siege Lothars nach Prüm verwiesen war[4]; Lupus (ep. 85) sendet ihm Grüße von demselben und schickte ihm Knaben zur Ausbildung. Schon bevor er Abt wurde, hatte Lupus 839 das Leben des h. Maximin verfaßt und seinem Freunde Waldo gewidmet, vielleicht demselben, welcher später Abt von St. Maximin wurde (oben S. 236).
[4] Vgl. darüber B. Simson, Ludwig d. Fr. II, 63 Anm. 2.
In Prüm verfaßte auf Markwards Veranlassung =Wandalbert= (geb. 813) 839 die geschichtlich nicht ganz unwichtigen Wunder des heiligen Goar, welche er zu der Ueberarbeitung der alten Legende hinzufügte; den Schluß bildet ein ausführlicher Bericht über die Erwerbung der Cella S. Goaris durch Verleihung Pippins und Bestätigung Karls des Großen[5]. Auch besitzen wir von Wandalbert das schon oben (S. 60) erwähnte metrisch bearbeitete Martyrologium, welches er auf Antrieb eines sonst nicht bekannten Otricus begann, als er sich in Cöln aufhielt, und nachdem es vollendet war, mit einer Commendation an Lothar versah, 5 lustra nachdem dieser Kaiser geworden, also 848. Die künstlichen Versmaße der dazu gehörigen Gedichte zeugen von seiner Gelehrsamkeit, und während die Hauptmasse ihrer Natur nach fast reine Prosa ist, bieten uns namentlich die Beschreibungen der Monate anziehende Schilderungen ländlicher Beschäftigung in leicht fließenden Versen[6]. Markward aber übertrug im Jahre 844 die Gebeine der heiligen Chrysanthus und Daria nach Münstereifel, welches damals zu Prüm gehörte; Theganbert oder Thegan war es, der sie hier am 25. October feierlich beisetzte, und der Abt versäumte nicht, für die Aufzeichnung dieser Begebenheit zu sorgen oder, wie Holder-Egger vermuthet, sie selbst aufzuzeichnen[7]. Unter Abt Eigil (853-860) brachte der Tod des Kaisers Lothar in der Kutte eines Prümer Mönches dem Kloster hohen Ruhm und reiches Gut; Eigil selbst, ein gelehrter Mann, an den Hraban eine Abhandlung gerichtet hat, entsagte 860 seiner Würde, vielleicht, wie Mabillon vermuthete, weil er die Entscheidung gegen Thietberga unterzeichnet hatte. Er folgte dann einer Einladung Karls des Kahlen und erhielt die Abtei Flavigny, wohin er 864 von Alise-Sainte-Reine die h. Regina übertrug; die Geschichte der Uebertragung sammt den Wundern ließ er aufzeichnen, nachdem er 865 Erzbischof von Sens geworden war[8].
[5] Die werthlose alte _Vita S. Goaris_ bei Mab. II, 276-280; dann folgt die von Wandalbert mit den Wundern. _Miracula S. Goaris_, ed. Holder-Egger, SS. XV, 361-373, mit der Vorrede der Vita.
[6] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 305-312; Ebert II, 185-191; das Martyrol. Poet. II, 567-622. Die von Rettberg bezweifelten Verse über die Cölner Märtyrerinnen sind sicher echt. Uebersetzung der Verse über die Monate von Paul Herzsohn in d. Westd. Zts. 1, 277-290.
[7] _Historia translationis Chrisanthi et Dariae_, Mab. IV, 1, 611-618. Acta SS. Oct. XI, 490-495 ed. B. Bossue, Annalen f. d. Gesch. d. Niederrheins XX, 96-217, Ausg. u. Abhdlg. von Floß. Auszug MG. SS. XV, 373. 374.
[8] _Translatio S. Reginae_ bei Mab. IV, 2, 238, Acta SS. Sept. III, 40, nebst einer Urk. Eigils über eine daran sich schließende Stiftung zu Corbiniacum. Auszug v. Holder-Egger SS. XV, 1, 449-451.
Auch Annalen sind um diese Zeit in Prüm geschrieben; anfangs aus älteren Annalen ausgezogen, bringen sie locale Nachrichten bis 860, bis zu welchem Jahre sie in Stablo ausgeschrieben sind, und wurden dann in Prüm bis 922 fortgeführt; damals hat sie, wie es scheint, der zum Bischof von Lüttich erhobene Abt Richarius nach Lüttich mitgenommen, wo sie weiter fortgesetzt wurden. Aus der Chronik des Regino sehen wir, daß es ein ausführlicheres Exemplar dieser Annalen gegeben haben muß, welches Regino benutzte[9].
[9] _Annales Prumienses_ a. 122-1044 ed. O. Holder-Egger, SS. XV, 2, 1289-1292. Es folgen noch _Ann. Prum. brevissimi_ a. 906-919. 1226 bis 1238. Vgl. F. Kurze, NA. XV, 318.
Allein im Jahre 882 und noch einmal 892 erlag auch dieses herrliche Kloster den räuberischen Dänen; der Abt Farabert legte nach der Zerstörung desselben sein Amt nieder, und zu seinem Nachfolger wurde =Regino= gewählt. Aber die Parteikämpfe, welche damals Lothringen zerrissen, ließen auch ihm keine Ruhe; er mußte 899 seinen Gegnern weichen, und fand eine Zuflucht in Trier, wo er im Kloster St. Maximin 915 bestattet ist[10]. Der Erzbischof übergab ihm das ebenfalls von den Normannen verwüstete Martinskloster, welches unter seiner Leitung hergestellt sein soll[11]; vorzüglich aber scheint er sich seiner Gelehrsamkeit bei der Verwaltung seines kirchlichen Amtes bedient zu haben. Oft, sagt Regino, habe er gesehen, wie der Erzbischof sich erzürnt habe über den unmelodischen und fehlerhaften Gesang in den Chören seiner Sprengel, zu welchen er ihn also vermuthlich auf Visitationsreisen begleitet hat. Und wie er diesem Mangel durch seine Schrift _de harmonica institutione_[12] abzuhelfen suchte, so verfaßte er auf Ratbods Wunsch sein umfassendes und lehrreiches Werk über die Kirchenzucht zu dem praktischen Zwecke, bei Visitationen, welche wegen der argen Verwilderung der Geistlichkeit wie der Laien dringend nothwendig waren, alle erforderlichen Vorschriften des canonischen Rechtes in mäßigem Umfang darzubieten[13]. Diese um 906 unternommene Schrift widmete er Hatto von Mainz, dem damaligen Regenten des Reichs; an den Erzieher des jungen Königs, den gelehrten Bischof Adalbero von Augsburg, sandte er 908 seine Chronik von Christi Geburt bis zum Jahre 906. Dieses Werk verdient unsere Beachtung als einer der frühesten Versuche die Weltgeschichte in einer ziemlich ausführlichen Erzählung zusammenzufassen, eine Aufgabe, an welche sich damals nicht leicht jemand wagte und deren Schwierigkeiten außerordentlich groß waren. Die Ausführung ist freilich auch sehr mangelhaft geblieben und namentlich die Chronologie in der höchsten Verwirrung; auch versucht er gar nicht wie Frechulf eine Verarbeitung seiner Quellen, sondern begnügt sich mit wörtlichem Ausschreiben, was von nun an immer mehr üblich wurde. Beda, die Thaten der Frankenkönige, und andere bekannte Quellen bilden die Grundlage seines Werkes, welches anfangs nach den Regierungen der Kaiser angeordnet ist; weiterhin geht er, der Natur seiner Quellen folgend, in die annalistische Form über und fährt auch selbst in dieser Weise fort. Darin ist seine Chronik den auch von ihm benutzten Reichsannalen ähnlich, aber sie unterscheidet sich sehr wesentlich dadurch, daß er nicht gleichzeitig mit den Begebenheiten schrieb und deshalb auch gerade in der chronologischen Anordnung derselben wenig zuverlässig ist[14].
[10] Weil sein Grabstein da gefunden ist, hat man geglaubt, daß er in diesem Kloster Aufnahme gefunden habe, aber es lag damals nach der Verwüstung durch die Normannen in Trümmern.
[11] Vita S. Magnerici, MG. SS. VIII, 208; vgl. Archiv III, 291. Regino soll nach späteren Aufzeichnungen aus Altrip am Rhein gebürtig sein.
[12] Gedruckt, doch ohne den _tonarius_, bei Gerbert, SS. eccl. de musica sacra I, 230-247. Neue Ausg. mit Facs. des tonarius bei Coussemaker, Scriptores de Musica Medii Aevi Paris (1867) II, 1-73. Hs. s. X. in Brüssel 2751, nach Dümmler. Die Schrift war für den Erzbischof, als gelehrten Musiker, und für tüchtige Sänger bestimmt, nicht für Walcaud: _frustra enim lyra asino canitur_. -- Walcaud presb. im Cal. S. Maximini zum 10. August, Archiv XI, 290. Vgl. W. Brambach: Die Musiklitteratur des Mittelalters bis zur Blüthe der Reichenauer Sängerschule (500-1050) 1883.
[13] _Reginonis libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis_, ed. Wasserschleben, Lips. 1840.
[14] _Reginonis Chronicon_, ed. Pertz, MG. I, 536-612. Ausg. von Fr. Kurze 1890, 8. Vgl. von dems. Ueberlieferung u. Quellen der Chronik Regino's u. seines Fortsetzers, NA. XV, 293-330. Uebersetzung von Dümmler, 1857. 1890. Geschichtschr. IX, 12, Bd. 27. Ueber Benutzung des Justin s. Rühl, Verbreitung des Justin im Mittelalter, S. 12-14. Von der Fortsetzung s. unten III, 6.
In dieser Beziehung hat bei ihm wie bei manchem anderen das Vorbild der Annalen nachtheilig gewirkt; denn für die Aufzeichnung unbestimmt gewordener Ueberlieferungen ist die annalistische Form nicht nur hinderlich, sondern die scheinbare Bestimmtheit verleitet auch dazu, den Angaben mehr Gewicht beizulegen, als ihnen zukommt. Bis zum Jahre 814 hat Regino die Lorscher Annalen benutzt; von da an aber fehlten ihm außer den oben erwähnten kurzen Annalen seines Klosters schriftliche Hülfsmittel, was wohl nur durch die Verheerungen der Normannen zu erklären ist, und er mußte sich zur Ausfüllung der großen Lücke von Karls des Großen Tode bis auf seine Zeit allein auf die so unsichere mündliche Tradition verlassen; nur über die Händel, welche Lothars II ärgerliche eheliche Verhältnisse veranlaßten, standen ihn Urkunden zu Gebote[15].
[15] Die Actenstücke hierüber und besonders über die nach Gunthars Absetzung am 7. Jan. 870 vollzogene Wahl Williberts von Cöln sind vermehrt durch die von Floß, Die Pabstwahl unter den Ottonen, Urkunden S. 24-102 herausgegebenen Schreiben. -- Dümmler, Ostfr. III, S. 170, giebt aus einer Londoner Handschrift der Chronik des Regino die von Lappenberg entdeckte Grabschrift des Grafen Heinrich († 886); jetzt auch in d. Ausgabe v. Kurze. S. 126.
Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist es dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen weiß, während er von den Westfranken viel und eingehend erzählt, und namentlich die Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand, den Dümmler durch die dort gelegenen Besitzungen der Mönche von Prüm erklärt. Ueber das, was er selbst mit erlebt hat, giebt Regino sodann ausführliche und schätzbare Nachrichten. Daß er von den entfernteren Ereignissen nur unsichere Kunde erhalten hat, wird man ihm nicht zum Vorwurfe machen; über Lothringen aber war er genau und zuverlässig unterrichtet, und würde gewiß noch tiefer in die dortigen Verhältnisse blicken lassen, wenn ihn nicht die Besorgniß vor dem Zorne der Machthaber verhindert hätte, die ganze Wahrheit zu sagen. Als diesen Machthaber, welchen er fürchtet, hat Harttung mit Wahrscheinlichkeit Karl den Einfältigen nachgewiesen, der nach einer Angabe des Trithemius seine Absetzung veranlaßte, weil er ein Anhänger von K. Odo's Bruder Robert war. Sein Rival war Richar, der Bruder von Gerhard und Matfrid, später Bischof von Lüttich; durch verleumderische Angaben über schlechte Verwaltung soll er ihn verdrängt haben, nach Inhalt eines Briefes von Regino, der den Magdeburger Centuriatoren noch bekannt und wahrscheinlich in einem Exemplar der Chronik abgeschrieben war. Zur Zeit aber, als Regino seine Chronik schrieb, gehörte Lothringen zu Karls Reich[16]. Seine Zurückhaltung hat Regino jedoch nicht davor schützen können, daß aus seinem Werke z. J. 892 ein bedeutendes Stück, in welchem er von seinen eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten und vernichtet wurde.
[16] Harttung, Forsch. XVIII, 362-368.
Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstande angemessen, und wenn es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte in wirklich historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für die ihm näher liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick und gesundes Urtheil; die eigenen Erfahrungen und die freundschaftliche Beziehung zu einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn über die gewöhnlichen Annalisten, und sein Werk steht am Ende der karolingischen Zeit als eine bedeutende Erscheinung da, der sich wohl weitere Fortschritte angeschlossen haben würden, wenn nicht gerade jetzt die äußere Noth für lange Zeit alle wissenschaftlichen Bestrebungen erdrückt hätte.
Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste umfassende Behandlung der Weltgeschichte ist Regino's Chronik bis ins zwölfte Jahrhundert viel benutzt worden und hat große Verbreitung gefunden, wobei denn auch seine großen chronologischen Irrthümer manchen irre geleitet haben.
Man kann wohl nicht bezweifeln, daß Lothringen mit seinen bedeutenden Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichtswerk hervorgebracht hat, welches in den furchtbaren Verheerungen des Landes durch Normannen und Ungarn zu Grunde gegangen ist; die blühendsten Klöster verödeten und kamen in Laienhände, so daß eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat, welche später der kecken Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig sind auch in dieser Beziehung die =Annalen von Xanten=[17], weil sie nirgends erwähnt oder benutzt sind, und völlig spurlos verschollen sein würden, wenn nicht Pertz sie 1827 in einer angebrannten Handschrift der Cottonschen Bibliothek entdeckt hätte. So war auch dieser vereinzelte Rest der höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange schon ganz nahe gewesen. Nach Xanten sind diese Annalen benannt, weil die Zerstörung des Stiftes durch die Normannen 863 ausführlich erzählt ist, aber sonst ist gar nicht von Xanten die Rede, und auch hier findet sich die falsche Jahreszahl 864, wie überhaupt eine Verschiebung der Jahreszahlen, welche annehmen läßt, daß nur eine Compilation uns vorliegt. Einem Auszug aus den Reichsannalen schließt sich hier eine selbständige Fortsetzung von 831 bis 873 an, von verschiedenen Verfassern gleichzeitig aufgezeichnet, hin und wieder ziemlich ausführlich. Reichsgeschichte zu geben war die Absicht, aber es fehlte die Verbindung mit dem Hofe; Zusammenkünfte der Könige werden erwähnt, aber die Beschlüsse bleiben dem Schreiber unbekannt; zu gleichmäßiger Berichterstattung fehlen ihm die Hülfsmittel. Viel ist von Himmelserscheinungen, Ueberschwemmungen, Heuschrecken die Rede, vom Elend der Zeiten sind die Verfasser sehr erfüllt. Der Cölner Sprengel wird vorzüglich berücksichtigt, daneben der benachbarte von Münster. Vielleicht hat einer der vertriebenen Xantener Chorherren, die nach Cöln flüchteten, dort Aufzeichnungen vorgefunden und fortgesetzt.
[17] _Annales Xantenses_ ed. Pertz, MG. II, 217-235. Uebers. bei den Fulder Annalen. Hans Steffen: Beiträge zur Kritik d. X. Annalen, NA. XIV, 87-109. Der Anfang 640 bis 789 ist jüngeren Ursprungs, von einem Mönch des Klosters Egmond, von wo die Hs. stammt, und nach Bonnell, Anfänge S. 149, aus Sigebert genommen, mit Einschaltungen aus Regino und Legenden. Bestätigend Oelsner, Pippin S. 518. Doch vgl. B. Simson, NA. II, 628; Waitz ib. V, 493. Ueber die Ortsbezeichnung _Gronneorum_ s. Meyer von Knonau über Nithard S. 143. -- Kirchweihnotizen aus Xanten 1081-1411 als _Notae S. Victoris Xant_. MG. SS. XIII, 43-45.
In =Cöln= hat Karls des Großen Erzkaplan Hildebald[18], der von Theodulf unter dem Namen Aaron gefeiert wird, wissenschaftliche Studien begründet. Er ließ die vom Pabst an Karl geschickten Manuscripte für seine Kirche abschreiben; viele davon sind noch vorhanden und jetzt dem Cölner Domcapitel zurückgegeben[19]. Es sind auch kurze Annalen daraus gewonnen[20]. Die Erzbischöfe Hilduin (842-849) und Gunthar (863 entsetzt) werden von Sedulius gepriesen, Gunthar machte selbst Verse und bei ihm erhielt sein Neffe Radbod, später Bischof von Utrecht, den ersten Unterricht[21]. Willibert (870-889) ließ für sich den Codex Carolinus abschreiben[22], und sorgte auch für die Aufbewahrung der Correspondenz, welche durch Gunthars Entsetzung und die folgenden Ereignisse veranlaßt war[23]. Aber von litterarischen Erzeugnissen, wozu jene kleinen Annalen kaum zu rechnen sind, ist nichts auf uns gekommen, wenn nicht vielleicht die Xantener Annalen hierher gehören.
[18] Die Angaben über sein Sterbejahr schwanken zwischen 818 u. 819, Sept. 3. B. Simson, Ludw. d. Fr. S. 232 für 818.
[19] Hartzheim, Catal. bibl. Colon. (Col. 1752); cf. Archiv VIII, 617 ff. Rettberg I, 540. Jaffé et Wattenbach, Ecclesiae Colon. Codices manuscripti, Berol. 1874; vgl. das Verz. der „libri praestiti de armario S. Petri“ saec. XI, ed. Dümmler e cod. Ampl. 64, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 466.
[20] Davon gehören hierher _Ann. S. Petri Coloniensis_ 798. 810-818, nur einzelne Notizen e cod. 83 II, MG. SS. XVI, 730, Codd. p. 29. 30, und bei Krusch, Studien zur christlich-mittelalterlichen Chronologie (Leipz. 1880) S. 197. _Ann. Col. brevissimi_ 814-870, I, 97 aus Eckh. Comm. de rebus Franciae orientalis.
[21] Dümmler, Ostfr. II, 10. Höchst wahrscheinlich ist er der Gunthar, dem Meginhard ein Werk widmete, s. oben S. 240. Ein gleichzeitiges Gedicht in roher Form zum Preise Gunthars e cod. S. Galli 904 ed. Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XVIII, 10; vgl. NA. IV, 319; wiederholt von Traube, Poet. Lat. III, 239.