Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 35

Chapter 353,518 wordsPublic domain

Den größten Glanz aber verbreitete über Reichenau der Abt =Walahfrid=, mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der besten Lateiner seiner Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und gewandter Dichter[34]. Ueber sein Leben haben wir leider nur wenig sichere Nachrichten, und so befreundet er auch mit den Sanctgaller Gelehrten war, wird er doch in der Klosterchronik gar nicht genannt; doch ist nach und nach durch neugefundene Verse mehr Licht über ihn gewonnen. Er war ein Schwabe von armer und geringer Herkunft, um 807 geboren; früh ins Kloster gekommen, dichtete er schon mit 15 Jahren eine Epistel an Ebo von Reims im Namen seines Lehrers Tatto[35], aber dieser war hart und strenge, und auch der Abt Erlebold war ihm nicht gewogen. In Wetti verlor Walahfrid seinen väterlichen Freund und Wohlthäter; nach dessen Tod (824) litt er sogar an Nahrung und Kleidung Mangel, und hatte häufig Schläge zu erdulden. Er klagte seine Noth an Grimald, dessen Wohlwollen er schon früher gewonnen hatte, und dieser forderte ihn auf, die Vision Wettins, welche wahrscheinlich er selbst auf Wachstafeln aufgezeichnet hatte, dichterisch zu bearbeiten. Dieselbe Aufforderung kam auch von dem Priester Adalgis, wie wir wissen, seitdem K. Plath das Akrostichon der seiner Antwort[36] zugefügten Verse: _Adalgiso danda_ erkannt und die ganze Sachlage scharfsinnig entwickelt hat[37]. Walahfrid bat ihn um bessere Kleidung und um Pergament, da er das Werk heimlich ausführen müsse; er bat ihn, selbst zu kommen, und Adalgis kam. Unter hartem Drängen vollendete er sein Werk[38], in welchem er reichliche Lobsprüche auf Haito, Erlebold und Tatto anbrachte, und übersandte es Grimald. Nach solcher Leistung und mit solchen Fürsprechern wird er nun auch im Kloster, und bei dem Abt, obgleich dieser kein Freund von Visionen war, mehr Anerkennung gefunden haben. Grimald hat er auch das anmuthige Gedicht _de cultura hortorum_ gewidmet, und in dem Gedicht de imagine Tetrici (v. 228) feiert er ihn unter dem Namen Homer. Später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Im Sommer 829 finden wir ihn am Hofe zu Aachen; von Kaiser Ludwig, sagt er einmal, sei er „paupere de fovea protractus“[39], mag sich das nun auf diese Zeit seines Hoflebens oder auf die Verleihung der Abtei Reichenau 839 beziehen. In Aachen beschrieb er damals in einem merkwürdigen Gedichte die aus Ravenna hingeführte Reiterstatue Theodorichs[40], der hier als Tyrann aufgefaßt wird im Gegensatz zu Ludwig, feiert Hilduin, Grimald, Einhard, widmet aber vor allem dem Kaiser, der Kaiserin Judith und dem kleinen Karl überschwengliches Lob; er wird als Caplan der Kaiserin und als Lehrer des kleinen Karl bezeichnet. Den Rodbern, welcher 834 dem Kaiser zuerst Nachricht von der in Tortona gefangenen Judith unter großen Gefahren brachte, feierte er in einem längeren Gedicht[41]. Mit Thegan, dem Diacon Florus und anderen der classisch und kirchlich gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, Prudentius rühmt er als seinen Lehrer, bittet ihn aus der Ferne um Bücher und eigene Gedichte; zugleich übersendet er ihm Gedichte „Modoini magni“, den er auch in andern an ihn selbst gerichteten Versen feiert[42]. Kaum hatte er die Abtei Reichenau erhalten -- bei seiner geringen Herkunft eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung --, so wurde er auch in die politischen Wirren hineingezogen; als eifriger Anhänger Lothars und der Reichseinheit, deren Herstellung er noch von ihm hoffte, flüchtete er nach Ludwigs Tod und der Ueberwältigung Alamanniens durch Ludwig den Deutschen nach Speier, wo er ein Gedicht voll Lobpreisung an Lothar richtete, in welchem er seinen Klagen und seinen Hoffnungen Ausdruck gab[43]. Lothar hatte in früheren Zeiten einmal persönlich den vermeintlichen Leib des h. Januarius nach Reichenau gebracht, was merkwürdiger Weise im Kloster ganz vergessen wurde und nur durch eine sehr schöne Sapphische Ode Walahfrids bekannt ist[44].

[34] S. über ihn Dümmler, NA. IV, 270-286. 580 und die gesammelten Gedichte Poet. Lat. II, 259-423. Ebert II, 145-166. Hauck II, 600 ff. Opera Migne CXIII. CXIV. Eine Anleitung zur Metrik mit Beispielen, v. Huemer, NA. X, 166-169. Der von ihm besungene Blaithmaic st. 827; es kamen flüchtige Mönche von Hy nach Reichenau. NA. XVII, 210. -- Dümmler, NA. VII, 402, Zeumer ib. VIII, 496-507, über die Reichenauer Briefformeln, aus Erlebolds u. Walahfrids Zeit mit geschichtlich nicht unwichtigen Briefen. -- Im Jahresbericht über die Erziehungsanstalt des Benedictinerstifts Maria-Einsiedeln 1856/7 ist ein Versuch gemacht, die Jugendgeschichte Walahfrids von ihm selbst schildern zu lassen, welcher zuweilen irregeführt hat, als ob ein Original von ihm zu Grunde liege. Eine angebl. Urk. von W. von 843 ist Fälschung d. 12. Jhs. Brandi, Die Reichenauer Urkundenfälschungen, Heidelb. 1890.

[35] Poet. Lat. II, 350; eine andere, auch in Tatto's Namen, an den Landbischof Degan, S. 351.

[36] Formulae ed. Zeumer p. 376 n. 25.

[37] NA. XVII, 261-279.

[38] Poet. Lat. II, 301-333.

[39] Ad. Loth. v. 31. Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 463. Poet. II, 414, und S. 259 weitere Belege für seine geringe Herkunft.

[40] _Versus de imagine Tetrici_, Poet. Lat. II, 370-378. Früher von C. P. Bock in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinland V (1844), von Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt, XII, 461-470, vgl. XIX, 466. Sehr gewagte Hypothesen von H. Grimm: Das Reiterstandbild des Th. zu Aachen und das Gedicht des W. darauf, Berlin 1869. Dagegen die lehrreiche Abh. von Bock im angef. Jahrbuch L (1871) S. 1-52. Wieder abweichend Jul. v. Schlosser, Wiener SB. CXXIII (1891) S. 164-175.

[41] Bouq. VI, 269; vgl. B. Simson, Lud. d. Fr. II, 99. Dümmler, Hist. Zeitschr. XXXVII, 134; Poet. II, 388. Judith, hier Ioda genannt, schmückte für Ludwig ein Prachtgewand, welches Karl der Kahle der Röm. Paulskirche schenkte, seine Gemahlin Irmintrud vollendete mit gepriesener Kunstfertigkeit dieses und andere Gewänder, ähnlich Lothars Gemahlin Ermengarde, s. die von Dümmler mitgetheilten Verse, Zeitschr. f. D. Alt. XLX, 146-148.

[42] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 82-86. Poet. II, 403. 355.

[43] Dümmler in d. Zeitschr. f. D. Alt. XXI, 462-466. Poet. II, 413.

[44] Dümmler im Anz. d. Germ. Mus. XXIII (1876) 177-188. Poet. II, 415.

Sehr bald hat sich Walahfrid doch auch mit Ludwig dem Deutschen ausgesöhnt, und vielleicht durch Grimalds Einfluß erhielt er 842 die Abtei Reichenau von neuem; im Jahre 849 wurde ihm eine Botschaft des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut. Auf dieser Reise starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August durch einen Unfall beim Ueberschreiten der Loire[45].

[45] Epitaphium ed. Dümmler, Zeitschr. f. D. Alt. XIX, 113. Poet. II, 423.

Die von Walahfrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus und Othmar, sein Vorwort zu Einhards und zu Thegans Werken erwähnten wir schon; selbständige geschichtliche Werke hat er so wenig wie Hraban verfaßt, aber sein Buch über Ursprung und Entwickelung der kirchlichen Einrichtungen enthält viel beachtenswerthes über die Verfassung der Kirche in jenen Zeiten, ähnlich dem Werke Hrabans, aber noch lehrreicher, weil er durchgängig die kirchlichen Einrichtungen mit den weltlichen vergleicht[46].

[46] Das sprachlich interessante Cap. 7 theilt Dümmler in d. Zts. f. D. Alt. XXV, 99, berichtigt mit. Neue Ausg. v. Al. Knoepfler, München 1890, vgl. Dümmler, NA. XVII, 224. Eine andere wird für MG. Capitularia II vorbereitet.

Eines der merkwürdigsten Zeugnisse für den ernstlichen Eifer, mit welchem man in diesen Klöstern damals das Studium des classischen Alterthums betrieb, bietet uns die durch Mabillon bekannt gewordene =Handschrift von Einsiedeln=, deren Urschrift aus Reichenau zu stammen scheint. Wohl ein Schüler Walahfrids, im vollen Besitz der damaligen Schulbildung und auch des Griechischen kundig, hat mit einer Beschreibung des damaligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen Feste auch antike Inschriften aus Pavia und Rom mit größter Genauigkeit und Sorgfalt nach älteren Vorlagen hier zusammengestellt[47].

[47] Mab. Anal. p. 358. Hänel in Jahn und Seebode's Archiv, 5. Supplementband, S. 115. Mommsen in den Berichten über die Verhandlungen d. K. Sächs. G. d. W. Phil. Cl. 1850, IV, 287. Rhein. Museum 1854, IX, 296. Urlichs, Codex urbis Romae topographicus, Wirceb. 1871, S. 59-78. H. Jordan, Topogr. d. Stadt Rom II behandelt den topographischen Theil. De Rossi, Inscriptt. christt. II, 1. 1888.

Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch =Ermenrich= aus, ein Ellwanger Mönch, dessen Leben uns recht anschaulich die Beweglichkeit der jungen mönchischen Studenten in jener Zeit vor Augen führt[48]. Wie Walahfrid, ging auch er nach Fulda, wo er Hrabans und Rudolfs Schüler wurde. Besondere Freundschaft verband ihn mit Hrabans Neffen, dem Diacon und königlichen Caplan Gundram, welcher der fuldischen Zelle Solenhofen an der Altmühl im Eichstädter Sprengel vorstand, und diesem, der den Stifter seiner Kirche, =Sualo=, feierlich erhoben hatte, zu Liebe, schrieb er das Leben desselben und übersandte es Hraban zur Durchsicht[49]; Rudolf, den er als seinen Lehrer preist, sollte die Fehler verbessern. Sualo, den Ermenrich willkürlich =Solus= nannte, gest. 3. Dec. 794, gehörte zu den Begleitern des h. =Bonifaz=; Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen über ihn zu Gebote, und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher unbedeutend. Wo er, damals noch Diaconus, dieses Werk geschrieben hat, wissen wir nicht; es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch zu den Hofcaplänen gehört hat, und von dieser Zeit her den Erzkanzler Gozbald (829-833) als seinen Lehrer bezeichnet, sowie er auch Grimald als seinen Herrn und Meister verehrt[50].

[48] Vgl. über ihn E. Dümmler: Ueber Ermenrich von Ellwangen u. seine Schriften, Forsch. XIII, 473-485. XIV, 403. 404. NA. IV, 321. Er schrieb den Stiftungsbrief Salomons für Wiesensteig nach Bossert, Württ. Vierteljahrshefte 1889, S. 142.

[49] Als Hraban noch Abt war, also vor 842. _Erm. Sermo de Vita S. Sualonis_, ed. Holder-Egger SS. XV, 151-163. Im Anfang ist Sedulii Carmen paschale benutzt, nach Manitius, Wiener SB. CXXI, 6.

[50] Dümmler, St. Gall. Denkm. S. 248. Gundram nennt er _eximii ministerii conlevita_.

An Gozbald, jetzt (841-855) Bischof von Würzburg, sandte er, schon als Priester, eine kleine Schrift, in Form eines Dialoges der Consolatio des Boethius nachgebildet, dem Inhalt nach völlig sagenhaft, über die Gründung seines Klosters =Ellwangen=, das Leben des Stifters =Hariolf=, König Pippins Zeitgenossen, Bruders und später Nachfolgers des Bischofs Erlolf von Langres, und die Wunder, welche man ihm zuschrieb[51]. Er gehörte nämlich zu Gozbalds Familie.

[51] _Vita Hariolfi_ ed. Pertz, MG. SS. X, 11-15. Ermanrich u. Mahtolf, die Träger des Dialogs, sind beide im St. G. Verbrüderungsbuch ed. Piper, p. 44, col. 111. -- Ausg. v. Giefel, Württ. Geschichtsqu. II. 1888.

Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau als Schüler Walahfrids; als dieser seine unglückliche Reise nach Frankreich antrat, schickte ihn Grimald nach St. Gallen, um dort seine Studien fortzusetzen. Hier verfaßte er zum Dank für die gute Aufnahme, die er in beiden Klöstern gefunden und zum Preise Grimalds ein Sendschreiben an denselben, geschrieben zwischen 850 und 855, in welchem er seine ganze Gelehrsamkeit, die nicht unbedeutend, aber schlecht verarbeitet war, zur Schau trägt, von Philosophie, Grammatik und vielen anderen Dingen handelt, in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten der damaligen Zeit; eine Schreibart, die auch das Leben des h. Solus entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs hervortritt[52]. Er prahlt mit Griechisch, das er aber offenbar nicht versteht, und eignet sich aus Alcuin, Priscian und Ausonius falsche Gelehrsamkeit an, kennt aber Pindarus Thebanus und Lucretius nebst vielen anderen Schriften. Verse von Theodulf und Naso verwendete er ohne Scheu. Es enthält aber dieser Brief auch einige wichtige geschichtliche Daten und eine Lobpreisung Grimalds und der gelehrten und kunstreichen Sanctgaller Mönche, welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient. Am Schluß geht er in Verse über, und feiert den h. Gallus, wozu auch ihn Gozbert, der Kahlkopf, gedrängt hatte. Doch ist dieser Theil mehr entworfen und begonnen als wirklich ausgeführt[53].

[52] Dieses erwähnt Ermenrich in dem Briefe mit folgenden Worten: „Adjunxi autem et huic operi breve opusculum, quod de inceptione nostri coenobii et fratrum ibidem Deo famulantium vita conscripsi ipsaque dicta viro per omnia doctissimo Gozbaldo episcopo vel approbanda seu refutanda commendavi.“ Diese Worte lassen kaum daran zweifeln, daß die Vita Hariolfi gemeint ist, obgleich von den Ellwanger Mönchen nur wenig darin vorkommt; es spricht auch, wie Dümmler bemerkt, dafür die Stelle der Vita l. c. p. 11: „quis primus hujus loci cum Deo inceptor fuerit, quantique viri Deo amabiles sub eo exstiterint“. Daß ein anderer Ermenrich aus Reichenau zu derselben Zeit eine Geschichte dieses Klosters verfaßt und ebenfalls an Gozbald gesandt haben sollte, ist unglaublich.

[53] Das Sendschreiben ist vollständig zuerst herausgegeben von Dümmler im Haller Preisvertheilungsprogramm von 1873, und bes. Abdruck. Es ist voll von grammatischen Fehlern, die zum Theil vom Abschreiber herrühren mögen. Vgl. M. Haupt im Hermes I, 403 und Dümmler in d. Forsch. a. a. O.

In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand zu dem Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat deshalb nicht ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, daß der Verfasser identisch ist mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig der Deutsche 867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am 26. Dec. 874 sich in alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbuche von Reichenau verzeichnet findet[54].

[54] Dümmler, Piligrim von Passau S. 144.

Ermenrichs Name ist auch gemißbraucht in einer häßlichen Betrügerei, dem angeblichen =Leben des h. Magnus=, eines der Genossen von Columban und Gallus, von Theodorus, das bei der Uebertragung der Gebeine in der Mitte des neunten Jahrhunderts in St. Magnus Grab soll gefunden sein. Der Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Ellwanger Mönch Ermenrich veranlaßt haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuern. So wird dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird, macht es aber nicht wahrscheinlich, daß wirklich er selbst zu dieser Fälschung seine Hand geboten habe. Dümmler vermuthet, Forsch. XIII, 475, daß doch etwas daran sei und Ermenrich an der formalen Bearbeitung Theil habe, doch bemerkt er selbst, daß die Legende nichts von dem ihm eigenthümlichen Gepräge zeige. Ich halte die angebliche ältere Legende überhaupt für leeres Vorgeben des Fälschers, welcher ein von den gröbsten chronologischen Fehlern erfülltes Plagiat aus den Vitae Columbani und Galli für das Werk eines Zeitgenossen ausgab[55].

[55] Mabillons treffliche Kritik ist bestätigt und ergänzt durch Rettberg II, 147-151, wo Plac. Brauns Versuch, den zweiten Theil zu retten, widerlegt ist. Für denselben sind neuerdings eingetreten Fr. Pfeiffer, Freie Forschung S. 295 aus Germania I, und Friedrich KG. II, 351-366. Das letzte Stück mit der Translationsgeschichte MG. SS. IV, 382. 425-427. Ueber eine jüngere Bearbeitung Archiv XI, 270. Nach einer Mittheilung von Baumann ist dessen Ansicht, daß man bei der Erhebung der Magnusreliquien um 851 im Kloster Füssen durch einen Ellwanger Mönch die Volksüberlieferung, wie sie bis dahin sich entwickelt hatte, niederschreiben ließ; in St. Gallen wollte man, als die Magnuskirche um 890 gebaut wurde, auch eine Legende haben, verwechselte ihn mit dem Maginold der Vita S. Galli und brachte so den Wechselbalg zu Stande.

Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien, doch scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die älteste dieser Geschichten (=Miracula S. Genesii=) ist von Dr. A. Holder in Carlsruhe in einem von Reginbert herrührenden Codex entdeckt, und von mir in der Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins XXIV, 1-21 herausgegeben[56]. Sie berichtet von der Uebertragung der heiligen Genesius und Eugenius aus Jerusalem durch den Grafen Gebahard von Treviso, der 798 seine Boten aussandte, aber vor deren Rückkunft starb. Der heimkehrende Diacon fand in Porto seinen Bruder, der den Grafen Scrot von Florenz[57] nach Rom begleitet hatte; mit Einwilligung des Pabstes Leo erhält Graf Scrot den rechten Schenkel des Genesius, während der Rest nach dem bei Treviso dafür schon bereiteten Kloster gebracht wird. Graf Scrot aber bringt seinen Theil in seine Heimath am Bodensee, und stiftet hier das Kloster =Schienen=, welches durch Ludwig das Kind an Reichenau gekommen ist. Da Wunder nicht ausblieben, veranlaßte Abt Erlebold (822-838) einen ungenannten Mönch zur Aufzeichnung dieser denkwürdigen Begebenheiten. Während nun aber von diesen Reliquien weiterhin nicht mehr die Rede ist, behauptete man später in Reichenau, daß die ganzen Leiber der hh. Senesius und Theopompus, welche in unklarer Weise an die Stelle von Genesius und Eugenius getreten sind, 830 durch Bischof Ratolf von Verona nach Radolfzell übertragen seien, da doch ganz unbekümmert darum dieselben 911 von Treviso aus dem inzwischen durch die Ungern zerstörten Kloster nach Nonantula übertragen wurden. Ebenso wenig wollte man ihnen glauben, daß der heilige Valentin, von dem ihre alten Annalen noch allein reden, der heilige =Marcus= selber sei, welcher, wie sie behaupteten, in demselben Jahr 830 aus Venedig zu ihnen gebracht sein sollte; und ihre eigene Erzählung läßt den Betrug deutlich genug erkennen[58]. Den h. =Januarius= sollte, wie wir oben S. 281 sahen, Kaiser Lothar selbst gebracht haben; davon verlautet weiter nichts, dagegen aber ein Bericht, nach welchem ihn und seine Genossen im Jahre 871 ein wackerer Reitersmann aus Schwaben auf einer Heerfahrt unter Kaiser Ludwig II aus einer verödeten Kirche geraubt und nach der Reichenau gebracht haben sollte. Man traute ihm aber dort vermuthlich selbst nicht, da in jüngeren Handschriften anstatt ihrer die h. =Fortunata= mit ihren Brüdern in derselben Erzählung erscheint. Aber auch diese waren bereits 780 nach Neapel in das Nonnenkloster des h. Gaudiosus übertragen, wo sie fortfuhren die schönsten Wunder zu thun[59]. Unbestritten blieb den Reichenauern nur ein Krug von der Hochzeit zu Cana, den ein griechischer Mönch ihnen aufgeschwatzt hatte[60].

[56] Im Sanctgaller Catalog saec. IX bei Weidmann S. 385 erwähnt als _Commemoratio de miraculis S. Genesii._ Als _Ex Miraculis S. Genesii_ ed. Waitz, SS. XV, 169-172.

[57] Dieser wird, wie Dümmler bemerkt, bei Herrgott, Geneal. III, 832, als Wohlthäter von Reichenau erwähnt. Er erscheint im Verbrüderungsbuch S. 294, col. 466.

[58] _Miracula S. Marci_ bei Mone, Quellens. I, 62-67: im Auszug MG. SS. IV, 449-452. Vgl. auch Quellens. III, 135.

[59] Mone, Quellens. I, 232 cf. Acta SS. Sept. VI, 787. Auf Fortunata und das Jahr 874 angewandt auch in der ersten Ausgabe dieses Buches S. 150 aus 2 Münchener Handschriften, da ich sie für ungedruckt hielt; vgl. Acta SS. Oct. VI, 456. Beide MG. SS. XV, 473, v. Holder-Egger.

[60] Auszüge aus der gänzlich fabelhaften _Vita Simeonis Achivi_ ed. Waitz MG. SS. IV, 459. _Annales Aug. breviss._ 541-817 ib. III, 136 sind ohne Werth.

Sehr deutlich tritt uns in diesen Geschichten die lebhafte Verbindung mit Italien entgegen, welche in hohem Grade anregend wirken mußte[61]; Reichenau lag gerade an einer der besuchtesten Pilgerstraßen nach Rom, und auch Schottenmönche werden nicht gefehlt haben, wenn sie auch in Reichenau selbst kein Andenken hinterlassen haben. Dagegen wurde in =Rheinau= gegen das Ende dieses Jahrhunderts das Leben eines Schottenmönches, des h. =Findan=, aufgezeichnet († 878), welches für das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und durch einige Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber sehr fabelhaft und geschichtlich wenig bedeutend ist[62]. Größerer Ruhm ist dem h. =Meginrat= zu Theil geworden, dessen Leben, wie aus dem Alter der Handschriften hervorgeht, schon im zehnten Jahrhundert ein Reichenauer Mönch beschrieben hat[63]. Er wurde nach dessen Bericht in Reichenau von Erlebold unterrichtet, und als dieser als Abt auf Heito folgte, als Mönch eingekleidet. Der Abt schickte ihn nach einer Reichenauer Zelle am Züricher See, nach der Tradition Bollingen, um da Schule zu halten. Er aber ging statt dessen als Eremit ins Gebirge, wo Räuber ihn 861 erschlugen. Das noch jetzt blühende Kloster Meinradszell oder Einsiedeln bewahrt sein Andenken.

[61] Vgl. darüber das schöne Werk des Prof. F. Adler: Baugeschichtliche Forschungen in Deutschland. I. Die Kloster-und Stiftskirchen auf der Insel Reichenau, Berlin 1870 folio. Marmor: Kurze Geschichte der kirchlichen Bauten und deren Kunstschätze auf der Insel Reichenau, Konstanz 1873. Der Text ist selbst für einen praktischen Arzt zu schlecht.

[62] _Vita Findani_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 502-506. Vgl. Zeuss, Gramm. Celt. ed. II, p. 1003.

[63] _Vita S. Meginrati_ ed. Holder-Egger, SS. XV, 444-448.

Fast überall finden wir theils die ascetische, theils die formale Richtung vorherrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen Sinn aber noch wenig entwickelt.

Doch fehlte es auch in St. Gallen und Reichenau nicht ganz an Annalen. Die in ihrem älteren Theil aus Murbach stammenden =Annales Alamannici= (oben S. 147) enthalten 802-858 dürftige Reichenauer Notizen; 860-926 werden sie mit zunehmender Reichhaltigkeit in St. Gallen fortgesetzt. Die aus denselben Annalen entnommenen =Annales Sangallenses breves= 708-815[64] gewährten den Anfang (bis 791) der =Annales Augienses=, welche bis 939 in Reichenau fortgesetzt wurden. Sie waren auf den Rand der Ostertafeln geschrieben, welche =Reginbert= in seine oben S. 276 erwähnte historisch-mathematische Sammlung aufgenommen hatte, die er von 820 bis gegen sein Todesjahr 846 zusammengebracht hat. Diese jetzt verlorene Handschrift benutzte Hermannus Contractus. Für Friedrich von Mainz abgeschrieben, wurde sie zu 937 mit einer Notiz über Friedrichs Weihe, 953, 954 mit Aufzeichnungen des Erzbischofs Wilhelm vermehrt; benutzt wurde diese Handschrift vom Fortsetzer des Regino, von Marianus Scottus, und nebst den eingehefteten Annales S. Albani vom Verfasser der Disibodenberger Annalen[65]. Wir finden ferner die Annales Augienses bis 939 benutzt in den Annales Colonienses, jedoch so, daß einzelne Eintragungen vielmehr auf die Ann. Alamannici, Sangallenses und Hermann deuten, wodurch die Vermuthung entsteht, daß eine reichhaltigere Aufzeichnung allen zu Grunde liegt[66].

[64] Edd. Ild. v. Arx et G. H. Pertz, MG. I. 63-66; ed. Henking, St. Gall. Mitth. XIX, 220-223. Local, aber sehr dürftig sind (MG. I, 69. 70), die _Annales brevissimi Sangallenses_ 768-889 (ed. Henking, ib. p. 206 bis 209; Vf. nach S. 208 =Albrich=) und 814-961 (ib. S. 210-212), während die Fortsetzung der _Ann. S. G. Baluzii_ (oben S. 141) 768-814 allgemeiner Art ist. Kurze Aufzeichnungen an Ostertafeln 690-856 ed. Dümmler, NA. V, 428.

[65] S. die berichtigte Ausgabe von Jaffé, Bibl. III, 700-706.

[66] Ecclesiae Colon. Codd. p. 127. Mit dieser beschäftigt sich W. Erben, NA. XVI, 613 ff.