Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 3

Chapter 33,128 wordsPublic domain

In viele einzelne Staaten zerspalten hatte =Italien= keine umfassende Sammlung von Geschichtsquellen erhalten; auch ging hier der Patriotismus gerne gleich über die Zeiten des Mittelalters hinaus in die antike Welt hinüber. Die =römische Kirche= aber konnte vom Mittelalter nicht lassen und noch weniger ihren Gesichtspunkt durch enge Grenzen beschränken lassen. Ihre Geschichte, vom Cardinal =Baronius= geschrieben, umfaßte die ganze christliche Welt, und jedes Volk fand hier die wichtigsten Aufschlüsse über seine Vergangenheit aus den Schätzen des Vaticanischen Archivs. Viele Geschichtsquellen Italiens zog =Ughelli= zuerst ans Licht in dem großen Werk der _Italia Sacra_, welches später von =Coleti= umgearbeitet und sehr vermehrt wurde[1]. Gleichzeitig mit diesem wirkte =Ludwig Anton Muratori=, der mit der umfassendsten Gelehrsamkeit, rastlosem Fleiße und unermüdlicher Thatkraft die Grundlagen der italienischen Geschichte legte, auf denen noch heute fortgebaut wird. Seine _Scriptores Rerum Italicarum_ in 21 Folianten, 1723-1751, sind die erste umfassende planmäßig angelegte Sammlung der Geschichtsquellen eines ganzen Landes, und bis jetzt die einzige, welche ihre Vollendung erreicht hat; das große Verdienst, durch eifrige Unterstützung der Sache, auch durch wissenschaftliche Mitwirkung die Ausführung möglich gemacht zu haben, gebührt den bescheiden im Hintergrund gebliebenen Socii Palatini[2]. Neuestens hat auch Italien eine Darstellung seiner Chronistik erhalten durch =Ugo Balzani=[3].

[1] Ughelli, Italia Sacra, 9 Bände f. 1644-1662. Neue Ausg. v. Coleti in 10 Bänden, 1717-1721.

[2] S. über diese L. Vischi im Arch. stor. Lombardo 1880, S. 391-566.

[3] Ein Band der durch die Society for promoting Christian Knowledge veranlaßten Sammlung: Early chronicles of Europe, 1883; auch ins Ital. übersetzt. Anderer Art, auch die Byzantiner, die Gesetze und Urkunden umfassend, ist die Schrift von =Costanzo Rinaudo=: Le Fonti della storia d'Italia dalla caduta dell' imperio Romano d'Occidente all' invasione dei Longobardi (476-568). Torino 1883.

Erstrebt war freilich schon früher ähnliches in =Frankreich= durch die Sammlung von =Duchèsne= in 5 Folianten (1636-49); doch genügte diese nicht, so werthvoll auch ihr Inhalt ist. Colbert faßte bereits 1676 den Plan einer neuen umfassenderen Sammlung, der jedoch erst später zur Ausführung kam, als die Congregation der =Mauriner= auch diese Aufgabe übernommen hatte. Nachdem diese fleißigen und gelehrten Mönche bereits für die Geschichte ihres Ordens und der Kirche das außerordentlichste geleistet, und in verschiedenen Sammlungen unendliches Material zugänglich gemacht hatten, erschien von 1738 an der _Recueil des Historiens des Gaules et de la France_ von Dom =Bouquet= und seinen Nachfolgern, eine Sammlung, deren Fortführung in neuester Zeit wieder aufgenommen ist, und die bis jetzt aus 23 Folianten besteht.

In =Deutschland= waren die vielversprechenden Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts durch die inneren Spaltungen gehemmt und endlich durch den dreißigjährigen Krieg fast gänzlich erstickt worden. Die folgende Zeit des Reichthums und der fürstlichen Stellung der Geistlichkeit brachte wohl einige Stiftshistorien, aber nichts, das sich mit dem Wirken der Mauriner in Frankreich irgend vergleichen ließe. Wohl reizte das Beispiel zur Nachahmung, aber alle Versuche scheiterten theils an der Trägheit der in Reichthum und Ueppigkeit versunkenen Stifter, theils an der Eifersucht der Landesfürsten, welchen es bedenklich erschien, die Geistlichkeit ihrer Territorien in nähere Verbindung mit den Ordensbrüdern anderer Gebiete treten zu lassen. Und geradezu unmöglich war es für die Reichsabteien, selbst wenn sie es gewollt hätten, sich einer gemeinsamen Leitung und wechselnden Aebten unterzuordnen. Das erfuhren namentlich die Gebrüder Bernhard und Hieronymus =Pez=[4] in Melk bei ihren Bemühungen, neues Leben in den alten Orden der Benedictiner zu bringen, und die Stiftung einer Congregation, welche es möglich gemacht hätte, die vorhandenen Kräfte zu vereinigen und, wie in Frankreich, planmäßig für gemeinsame Zwecke zu verwenden, scheiterte an solchen Hindernissen.

[4] S. Krones, Allg. D. Biogr. XXV. 569-575.

Material war freilich in großen Massen zu Tage gefördert, aber ohne Auswahl, ohne Kritik; die neuen Publicationen fügten nur immer mehr rohe Masse hinzu, in noch mangelhafterer Weise, und niemand verstand es, den Stoff zu bearbeiten. Im siebzehnten Jahrhundert erschienen bei dem Uebergewicht des Partikularismus fast nur noch Sammlungen für die Geschichte einzelner Reichslande. Eine neue Epoche beginnt dann mit =Leibniz=, dem Zeitgenossen Muratori's, und in noch viel höherem Grade würde dies der Fall gewesen sein, wenn nicht seine Forschungen unvollendet und großentheils unbekannt geblieben wären. Wie Muratori von der Geschichte des Hauses Este, so ging Leibniz von den Welfen aus, und wie Muratori wurde er durch diese Untersuchungen immer weiter geführt zu den ausgedehntesten Quellenforschungen, welche die ganze Reichsgeschichte umfaßten, Forschungen, die sich andererseits an seine philosophischen sowohl wie an seine staatsrechtlichen Studien anschlossen. Er durchsuchte alle ihm zugänglichen Archive und Bibliotheken, und ergriff mit dem lebhaftesten Eifer den Plan einer systematischen Sammlung und Ausgabe aller vorhandenen Quellen für die politische und die Rechts-und Kirchengeschichte, auf deren Wichtigkeit und die Nothwendigkeit ihrer gründlichen Erforschung zuerst =Conring= energisch hingewiesen hatte.

Wohl einsehend, daß die Aufgabe die Kräfte eines Einzelnen übersteige, versuchte man wiederholt, Gesellschaften zu diesem Zwecke zusammenzubringen. Schon =Johann Christian von Boineburg=, der Rathgeber des Churfürsten Johann Philipp von Mainz, der Freund Conrings, Leibnizens und Forsters, entwarf den Plan, ein _Collegium universale Eruditorum in Imperio Romano_ mit vorzüglicher Rücksicht auf Geschichte zu stiften, und theilte denselben 1670 mehreren Gelehrten mit. Mainz, wo das Reichsarchiv sich befand, war zum Sitz desselben bestimmt, allein es blieb bei diesen Anfängen und hatte keinen weiteren Erfolg. Neue Anregungen zu Versuchen dieser Art gab bald darauf die kräftige Entwicklung der schon 1651 gestifteten, 1677 vom Kaiser privilegirten _Academia Leopoldina Naturae Curiosorum_. =Paullini= in Eisenach faßte die Idee einer ähnlichen historischen Gesellschaft; er ließ 1687 eine _Delineatio Collegii Imperialis historici gloriose et feliciter fundandi_ drucken und vertheilen. Mit vorzüglichem Eifer gingen =Hiob Ludolf= und =Tentzel= auf diesen Gedanken ein; Ludolf theilte Paullini seine unmaßgeblichen Bedenken mit und von ihm ging die förmliche Aufforderung zur Theilnahme aus, welche 1688 versandt wurde. Er war der Präses der neuen Gesellschaft, welcher mehrere namhafte Gelehrte sich anschlossen. Vor allem aber bedurfte man materieller Unterstützung, ohne die sich wenig ausrichten ließ; man wünschte den Kaiser, den Reichstag dafür zu gewinnen, man suchte nach vornehmen Patronen, aber man fand, wie Ludolf 1695 an Leibniz schrieb, keinen einzigen, welcher einen Pfennig daran wenden wollte[5]. Nur der Herzog von Württemberg gewährte Pregitzer die Kosten zu einer Reise durch Schwaben, die Schweiz, Burgund und Frankreich, um die Archive zu durchforschen; seine Reiseberichte befinden sich auf der Göttinger Bibliothek. Erfolg hatte also auch dieser Versuch nicht, und er konnte kaum Erfolg haben zu einer Zeit, wo die höheren Stände ganz der französischen Bildung hingegeben, und die Gelehrten größtentheils von geistloser Pedanterie erfüllt waren, wo lebhafte Theilnahme für die Erforschung der vaterländischen Geschichte eben so selten zu finden war, wie die Fähigkeit zum richtigen Verständniß der Quellen.

[5] _De Collegio nostro historico quod dicam vix habeo, adeo omnia frigent. Scilicet nemo de magnatibus nostris est qui urgeat, multo minus qui obolum impendat. Qui ad nutum alienum laborare debent sine magno autore, sine praemio, sunt difficillimi._ 1695, Dec. 9.

=Leibniz= hatte diesen Bestrebungen von Anfang an große Theilnahme zugewandt; er wies vornehmlich auf den unveränderten Abdruck der reinen Quellenschriften hin, während Ludolf mehr eine Bearbeitung der Reichsgeschichte ins Auge faßte. Leibnizen dagegen war um fremde Darstellungen wenig zu thun; er wußte wohl, daß Urkunden, in denen ein Anderer nichts finden konnte, ihm die bedeutendsten Aufschlüsse gewährten, und rieth deshalb ernstlich, daß man sich nicht bemühen solle, um eine Geschichte _stylo florido et eleganti_ zu schreiben, sondern man solle die Documenta und Urkunden geben, _ut praesens aetas thesaurum quendam relinquat_. Er zuerst erhob sich über den Dilettantismus und die Vielwisserei und verband die ausgebreitetsten Kenntnisse mit staatsmännischem Blick und historischer Einsicht. Und so leistete denn dieser außerordentliche Mann allein einen großen Theil desjenigen, was jene gutgemeinten Unternehmungen bezweckt hatten, ohne zur Ausführung kommen zu können.

Schon 1693 gab Leibniz seinen _Codex juris gentium_ heraus, dem 1700 die zwei Folianten der _Mantissa Documentorum_ folgten. Von 1707-1711 erschienen dann die _Scriptores Rerum Brunsvicensium_, welche theils die niedersächsische Landesgeschichte, theils die welfische Hausgeschichte erläutern sollten, und durch die großartige Stellung des welfischen Hauses, durch die Verflechtung desselben in alle wichtigsten Angelegenheiten des Reiches einen universellen Charakter erhielten, der sie von allen anderen Sammlungen für specielle Landesgeschichte unterscheidet. Eine Anzahl anderer wichtiger Schriftsteller war schon 1698 in den _Accessiones historicae_ zuerst ans Licht gebracht. Aber von den überreichen Sammlungen Leibnizens war dadurch nur ein kleiner Theil erschöpft; nachdem er selbst vom Schauplatze abgetreten war, brachten seine Nachfolger Eckhart, S. Fr. Hahn, Jung, Gruber, Scheidt aus seinem Nachlaß das großartige Werk der _Origines Guelficae_ zu Stande, welches noch jetzt einen ehrenvollen Namen behauptet, in Form und Inhalt aber ganz auf den Vorarbeiten von Leibniz ruht[6].

[6] Die vorstehenden Angaben sind aus den Mittheilungen meines 1863 verstorbenen Freundes Rößler entnommen, welcher sie aus dem in Göttingen und Hannover verwahrten handschriftlichen Material geschöpft hatte, mit Benutzung der Nachrichten über Paullini's Briefwechsel im Serapeum 1856, S. 65. 367, der Schriften Guhrauers u. a. Vgl. auch Lucä, der Chronist Friedr. Lucä (Frankfurt 1854), S. 279-344; Pfleiderer, Leibniz als Patriot etc. S. 632 ff. Mit Benutzung von Paullini's Nachlaß in Jena ist der Aufsatz von Wegele gearbeitet: Das historische Reichscolleg, Im neuen Reich 1881, N. 25. Ueber Leibniz' Reise nach Wien 1708 s. Wilh. Guerrier, Leibniz in seinen Beziehungen zu Rußland (1873) S. 67.

Aber Leibniz hinterließ auch noch ein anderes Werk, welches allein ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Menschen berühmt zu machen, die _Annalen_ des abendländischen Reiches, zu welchen ihn seine Forschungen über die Welfen ebenso hinführten, wie Muratori die Geschichte des Hauses Este zur Verfassung der Annalen Italiens veranlaßte. Dieses Werk, welches Leibniz viele Jahre lang vorzüglich beschäftigte, reicht von 768-1005, denn weiter ist er leider nicht damit gekommen. Es ist durchaus ein Meisterwerk, welches alle früheren Leistungen weit hinter sich läßt; auch hegten die Zeitgenossen große Erwartungen davon, und lange war von dem Druck desselben die Rede, der aber dennoch zum großen Schaden der Wissenschaft unterblieb, bis in neuester Zeit Pertz das fast schon in Vergessenheit gerathene Werk herausgab[7], nachdem ein großer Theil der darin enthaltenen Forschungen von neuem gemacht worden war. Aber noch immer ist das Werk sehr brauchbar, da es mit der vollständigen Uebersicht und Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen Stoffes gearbeitet ist, während die sichere Methode, der durchdringende Scharfsinn und die geistvolle Behandlung des großen Verfassers den Leser durchgehends fesseln und zur Bewunderung fortreißen.

[7] G. W. Leibnitii Annales Imperii Occidentis Brunsvicenses, ed. G. H. Pertz. 3 Tomi. Hannov. 1843-1846. Mit einer sehr lehrreichen Vorrede des Herausgebers. Vgl. Giesebrecht I, 797. Viele Nachrichten über die Geschichte dieses Werkes, über die schlechte Behandlung, welche Leibniz zu erfahren hatte, und die Intriguen Eckharts, welche dieselbe hauptsächlich veranlaßten, enthält: Leibnizens Briefwechsel mit dem Minister v. Bernstorff etc. von R. Doebner. Hann. 1882, und in d. Zeitschr. d. hist. Vereins f. Niedersachsen 1881.

Die Fehler der früheren Sammlungen, von denen auch die Leibnizsche nicht ganz frei ist, den Mangel an kritischer Sichtung des Stoffes, an systematischer Auswahl und Zusammenstellung, die Unzuverlässigkeit der Abdrücke, schilderte niemand schärfer und eindringlicher als Joh. G. =Eckhart=[8], Leibnizens Gehülfe, dann Convertit und fürstlich Würzburgischer Rath. Dennoch vermied er in seiner eigenen Sammlung, dem _Corpus historicorum medii aevi_ (1723) keinen jener Fehler, vermehrte aber das vorhandene Material durch sehr werthvolle Beiträge.

[8] Wegele in d. Allg. D. Biogr. V, 627-631; zu ergänzen aus der eben erwähnten Publication von Doebner.

=J. B. Mencke= veröffentlichte 1728 und 1730 noch eine sehr schätzbare Sammlung, =B. G. Struve= gab 1717 und 1726 die älteren Sammlungen von Pistorius und Freher neu heraus; immer mehr wuchs die Masse des größtentheils rohen, ungeordneten, ungesichteten Materials; immer schwieriger wurde es, eine Uebersicht über dasselbe zu gewinnen. Dieser Uebelstand veranlaßte das Erscheinen von Schriften, die als Wegweiser dienen sollten: =J. P. Fincke's= _Index in Collectiones Scriptorum Rerum Germanicarum_, Lips. 1737, 4 und das vielgebrauchte _Directorium_ von =Freher=, zuletzt 1772 von =Hamberger= neu herausgegeben. Desselben Hambergers Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern, Bd. 3. 4. 1760, sind von geringer Brauchbarkeit, dagegen des trefflichen =Joh. Alb. Fabricius= _Bibliotheca Mediae et Infimae Latinitatis_ 1734-1746, 8, und ed. Mansi 1754, 4 noch jetzt unentbehrlich und von großem Nutzen. Eine neue vermehrte Ausgabe derselben mit Berücksichtigung der seitdem erschienenen Sammlungen und Ausgaben wäre sehr wünschenswerth und würde einem dringenden Bedürfniß entgegenkommen. Zurechtfinden aber können wir uns jetzt in der historischen Litteratur des Mittelalters mit großer Leichtigkeit, seitdem =Potthasts= _Bibliotheca historica medii aevi_ (Berlin 1862, Supplement 1868) erschienen ist, ein höchst dankenswerthes Werk, das Product des angestrengtesten und mühsamsten Sammelfleißes, welches, obschon nicht frei von manchen Schwächen und Mängeln, doch als ein ungemein nützliches Hülfsmittel allgemeine Verbreitung und Anerkennung gefunden hat.

§ 4. Die Monumenta Germaniae Historica.

Immer lebhafter empfand man in Deutschland während des 18. Jahrhunderts das Bedürfniß einer planmäßig geordneten, kritischen Sammlung der echten und ursprünglichen Geschichtsquellen; das Beispiel von Muratori in Italien und den Maurinern in Frankreich reizte zur Nachfolge, aber alle Wünsche und Versuche scheiterten, wie jene eben erwähnten ersten Anfänge, an der Zerstückelung Deutschlands, an der Unmöglichkeit, ein Zusammenwirken vieler Gelehrten herbeizuführen, an dem Mangel ausreichender Geldmittel. Die Nachrichten über diese Bestrebungen findet man gesammelt im ersten Bande des Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Namentlich hatte der Hallische Theologe =Semler= einen solchen Plan, und bezeichnet in seinem „Versuch den Gebrauch der Quellen in der Staats-und Kirchengeschichte der mittleren Zeiten zu erleichtern“ (1761) scharf und treffend die Mängel der vorhandenen Sammlungen, die Nothwendigkeit, Originalquellen von Ausschreibern zu sondern, mit Sorgfalt und gesunder Kritik eine Reihe der bedeutendsten Autoren durchnehmend. Durch ihn angeregt gab 1797 sein College =Krause= den Lambert heraus als Anfang und Specimen einer solchen Sammlung; aber er starb bald nachher und es blieb bei diesem ersten Bande. Im folgenden Jahre 1798 gab =Rösler= in Tübingen eine kritische Bearbeitung der ältesten Chroniken des Mittelalters, allein die Aufgabe einer umfassenden Sammlung war für die Kräfte einzelner Männer viel zu groß, als daß etwas genügendes hätte zu Stande kommen können.

Die lange Fremdherrschaft in Deutschland und die Befreiung davon durch die vereinten Anstrengungen des ganzen Volkes weckten endlich in höherem Grade das Bewußtsein eines gemeinschaftlichen Vaterlandes. Mit neuer Liebe wandte man sich der Erforschung der Vorzeit zu; =E. M. Arndt=, die Gebrüder =Grimm= bestärkten in dieser Richtung durch die kräftigste Anregung. Eifrig und dringend wies =Johannes von Müller= auf die Nothwendigkeit des Quellenstudiums hin. Auch der =Freiherr vom Stein= empfand das lebhafte Bedürfniß, eine genügende Anschauung der deutschen Geschichte sich zu verschaffen. Die vorhandenen Darstellungen reichten dazu nicht aus; er suchte die Kenntniß aus den Quellen selbst zu schöpfen, stieß aber dabei auf unüberwindliche Schwierigkeiten wegen des verwahrlosten Zustandes derselben. Es war nicht seine Art, wegen solcher Hindernisse einen Gedanken aufzugeben, und seine Entfernung von den Staatsgeschäften trug dazu bei, daß er ihn um so entschiedener festhielt und verfolgte. Der Gedanke an sich selbst, seinen eigenen Vortheil und Genuß, trat dabei bald völlig zurück; er hatte nur noch sein Volk im Auge, der Wunsch erfüllte ihn, „den Geschmack an deutscher Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu erleichtern und hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und dem Gedächtniß unserer großen Vorfahren beizutragen“. Mit der ganzen Energie seines gewaltigen Geistes faßte er den Plan, eine umfassende und kritisch bearbeitete Sammlung der deutschen Geschichtsquellen zu veranstalten, und er ließ nicht ab, bis er denselben zur Ausführung gebracht hatte[1]. Im Februar 1818 brachte er ihn zuerst zur Sprache; es gelang ihm, mehrere seiner westfälischen Freunde zu bedeutenden Geldbeiträgen zu bewegen; er selbst hat nach und nach an 10,000 Fl. darauf verwandt. Mehrere der damaligen Bundestagsgesandten gingen auf Steins Vorschläge ein, und am 20. Januar 1819 trat zu Frankfurt die =Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde= zusammen. Der badische Legationsrath =Büchler= wurde zum Secretär, der Archivrath =Dümge= zum Redacteur bestimmt; beide begannen sogleich die Herausgabe der Zeitschrift, welche vom wesentlichsten Nutzen für das Unternehmen gewesen ist. Sie heißt das =Archiv= der Gesellschaft und führt mit Recht diesen Namen, weil darin alle Vorarbeiten für das große Unternehmen, Nachrichten über Handschriften, Untersuchungen über die einzelnen Quellenschriften niedergelegt wurden[2].

[1] Vgl. Archiv I. VI, 294. MG. SS. I, Praefatio. Stein und die Monumenta Germaniae Antrittsrede von Pertz 6. Aug. (rect. 6. Juli) 1843, gedr. in d. Allg. Preuß. Zeitung 1843 N. 53 vom 22. August. Steins Leben von Pertz V, 57. 264 ff. u. s. w. an vielen Stellen. E. Dümmler: Ueber die Entstehung der MG. Im neuen Reich 1876, II, 201 ff. Alfred Stern, Briefe des Freih. vom Stein an N. F. von Mülinen, NA. IX, 257-268.

[2] Eine sehr nützliche Arbeit ist das Register über alle darin besprochene Bibliotheken von Dr. H. Kohl im NA. II, 629-634.

Der ungeheuere Umfang des Unternehmens, die Nothwendigkeit vieler und ausgedehnter Reisen, zeigten sich erst während der Arbeit in zunehmendem Maße; bald sah man, daß Privatmittel, so bedeutend auch die Beitrage der Gründer waren, doch nicht weit genug reichten. Die Bundesversammlung war gleich anfangs um Unterstützung ersucht worden und hatte in Ermangelung eigener Geldmittel zu solchem Zwecke das Werk den einzelnen Regierungen zur Förderung empfohlen, allein fast ohne Erfolg. Man befürchtete von der einen Seite Mißbrauch des Unternehmens für revolutionäre Zwecke -- denn die Geschichte könne ebensogut zum Umsturz der Monarchie, wie zu ihrer Erhaltung verwerthet werden -- von anderer witterte man etwas Serviles darin, und der alte Voß sah darin eine große Verschwörung, die Geschichte für oligarchische und katholische Zwecke auszubeuten[3]. In Oesterreich galt das Unternehmen als revolutionär, und nachdem eine anfänglich beabsichtigte besondere Direction für Oesterreich fallen gelassen war, blieb für die einheimischen Gelehrten eine förmliche Betheiligung an der Gesellschaft unmöglich[4]. 1828 hatte man sogar Bedenken, den fertig gewordenen ersten Band der Bundesversammlung zu überreichen[5]. Der König von Baiern hatte noch 1829 gar nichts dafür gethan[6], während doch Baden die Dienste des Archivraths Dümge gleich anfangs auf einige Jahre der Gesellschaft überließ, und der König von Preußen von 1821 an einigemal einen Beitrag von 1000 Thalern bewilligte[7]. Mit Bitterkeit gedachte Stein daran, daß er schon im Herbst 1818 eine vom russischen Kaiser angebotene Unterstützung abgelehnt hatte[8], und erst nach des Stifters Tode (29. Juni 1831) scheinen die verschiedenen Regierungen sich nach und nach zu den Beiträgen entschlossen zu haben, welche den Bestand der Sache sicherten; auf einer Ministerconferenz in Wien 1834 hatte der Fürst Metternich sich dem Unternehmen günstig erwiesen.

[3] A. Stern im NA. IX. 265.

[4] Steins Leben V, 580 ff. Vgl. Anz. d. Germ. Mus. XXII (1875) S. 31.

[5] VI, 499.

[6] VI, 751.

[7] V, 567. 790. VI, 954.

[8] VI, 779.

In den gelehrten Kreisen fand das Unternehmen gleich anfangs lebhafte Theilnahme, aber lange dauerte es, bis ein ausführbarer Plan zu Stande kam. Ein Vorschlag nach dem andern wurde im Archiv veröffentlicht; während man sich zu orientiren suchte, fing man erst an, den Umfang der Arbeit zu übersehen, die Masse des Stoffes, die Schwierigkeit ihn zu bearbeiten, namentlich wegen der in so vielen Bibliotheken und Archiven zerstreuten Handschriften und Urkunden, welche sich viel zahlreicher erwiesen, als man anfänglich geglaubt hatte.

Nach dem ursprünglichen Plan vertheilte man die einzelnen Schriftsteller an verschiedene Gelehrte zur Bearbeitung, aber es zeigte sich bald, daß auf diese Weise weder Einheit in Plan und Methode, noch ein rascher Fortschritt in der Ausführung zu erreichen war. Die ersten Bände des Archivs sind voll von Versprechungen und Anerbietungen, von denen aber die meisten ohne Resultat blieben.