Part 4
Von entscheidender Bedeutung für die ganze Zukunft des Unternehmens war deshalb der Zutritt des Mannes, unter dessen Leitung es bald den kräftigsten Aufschwung nehmen sollte. =G. H. Pertz= aus Hannover hatte im Jahre 1818 in Göttingen seine Studien vollendet und 1819 die Geschichte der Merowingischen Hausmeier mit einer Vorrede und lebhaften Empfehlung seines Lehrers =Heeren= vom 4. September 1818 veröffentlicht. Eine Aufforderung Büchlers zur Theilnahme an den Arbeiten der Gesellschaft erwiderte er am 5. Juli 1819 mit freudiger Zustimmung und dem Erbieten zur Bearbeitung der wichtigsten Quellenschriften aus der karolingischen Periode[9]. Auf Büchlers Mittheilung nahm Stein dieses Anerbieten bereitwillig an, und forderte am 21. December Pertz nicht nur zur Uebernahme der Schriftsteller aus der karolingischen Periode, sondern auch zu einer Reise nach Wien auf, weil die Benutzung der auf der Hofbibliothek befindlichen Handschriften zunächst nothwendig war[10]. Diese Reise, welche den reichsten Ertrag gewährte, wurde nicht nur auf andere österreichische Bibliotheken, sondern auch auf Italien ausgedehnt. Hier war der Freiherr vom Stein bereits selbst gewesen, hatte von den Schätzen des Vatican vorläufige Kunde verschafft und Mitarbeiter zu gewinnen gesucht, auf deren Unterstützung damals noch stark gerechnet wurde. Diese Theilnahme der Italiener erwies sich indessen später als gänzlich illusorisch, und nicht viel mehr Erfolg hatten die Zusagen, welche Pertz in Oesterreich gemacht wurden. Seine Reise aber gewährte die erste feste Grundlage für das Unternehmen; allein aus den päbstlichen Regesten gewann er 1800 ungedruckte Briefe[11]. Seine Reiseberichte zeigten so entschieden eine meisterhafte Handhabung der Kritik in scharfem Gegensatze zu den vielen dilettantischen Beiträgen anderer, daß ihm nach seiner Rückkehr die Redaction sowohl des Hauptwerks als auch der Zeitschrift übertragen wurde, da Büchler und Dümge beide von ihrem Großherzog abberufen waren[12].
[9] Steins Leben V, 364. Vgl. über Pertz: W. Arndt, Im neuen Reich 1876, II, 651-657. G. Waitz im N. Archiv II, 454-473, vorzüglich zur Charakteristik seiner Thätigkeit als Herausgeber. Necrolog von Giesebrecht, Münch. SB. 1877, S. 65-74. Wattenbach, Allg. D. Biogr. XXV, 406-410.
[10] Steins Leben V, 412. 416. 478-483.
[11] Archiv V, 352.
[12] Eine außerordentlich warme und lebhafte Darstellung von Pertzens Verdiensten um das Unternehmen findet sich in einem Briefe Boehmers an Gfroerer bei Janssen, Boehmers Briefe, 450. Nach dem Necrolog des Raths Schlosser ib. II, 480, war dieser Mitstifter und bewirkte durch seinen Einfluss vorzüglich, daß Pertz bei der Ausführung an die Spitze kam.
Im Jahre 1824 wurde der definitive Plan des Werkes veröffentlicht, und 1826 erschien der erste Band desselben. Aus 5 Abtheilungen soll die ganze Sammlung bestehen, nämlich I. Schriftsteller, II. Gesetze, III. Kaiserurkunden, IV. Briefe, V. Antiquitäten. Für alle sind bedeutende Vorarbeiten gemacht worden, und während Pertz nur die beiden ersten Abtheilungen wirklich begonnen hatte, sind sie seit der neuen Organisation jetzt alle in der Ausführung begriffen.
Eigentlich hätten die ältesten Annalen des Mittelalters und die Geschichtschreiber der Gothen, Merowinger und Langobarden das Werk eröffnen sollen; die Vorarbeiten dazu waren aber so schwierig, und die Benutzung so unentbehrlicher Handschriften noch nachzuholen, daß diese ganze Abtheilung einstweilen übergangen wurde, um nicht zu lange mit dem wirklichen Beginn der Publicationen zögern zu müssen. Jetzt erst, nach wiederholten Reisen durch Frankreich, Belgien, England, Spanien, Italien, Rußland, sind die Vorbereitungen der Vollendung nahe gerückt, und die Herausgabe dieser sehnlich erwarteten Quellen ist ernstlich in Angriff genommen, größtentheils schon erfolgt.
Den Anfang machten also aus diesen Gründen die =karolingischen Annalen=[13], welche mit ihren Anfängen noch in die merowingische Zeit hinaufreichen und mit den Fortsetzungen zum Theil durch das ganze Mittelalter sich erstrecken. Nur wer die Verwirrung, den verwahrlosten Zustand kennt, in welchem sich früher diese Annalen befanden, an verschiedenen Orten und größtentheils in sehr fehlerhafter Gestalt gedruckt, ohne Unterscheidung ihres echten, gleichzeitig niedergeschriebenen Gehaltes und der späteren Zusätze, nur der kann sich eine richtige Vorstellung machen von dem außerordentlichen Gewinn, welcher der Geschichtsforschung daraus erwuchs, daß nun alle jene Annalen in einem Bande vereinigt, kritisch gesichtet und durch neue Entdeckungen bereichert, zur ungehinderten Benutzung bereitet vorlagen. Daß eben hierdurch auch die Möglichkeit gegeben wurde, über die ursprüngliche Arbeit hinauszugehen und die Kritik weiter zu führen, liegt in der Natur der Dinge.
[13] S. darüber Archiv VI, 251-373. Ausführliche Recension der beiden ersten Bände, von Waitz, in den Jahrbüchern f. wiss. Kritik 1837, S. 694-731.
Nach einer neuen Reise des Herausgebers nach den Niederlanden, Paris und England erschien 1829 der zweite Band[14], welcher die Chroniken und Biographieen der karolingischen Periode enthält. Den Anfang aber bilden die Geschichtsquellen des Klosters =St. Gallen=, bearbeitet von =Ildefons von Arx=[15], welche mit dem alten Leben des Stifters beginnen und bis zum Jahre 1233 unzertheilt beisammen gelassen wurden. Das Leben des heiligen Ansgar bearbeitete für diesen Band =Dahlmann=.
[14] S. Archiv VI, 274-294. Der Plan des Unternehmens war in dieser Zeit noch nicht so ausgedehnt wie später, weshalb hier noch sehr wichtige Stücke, wie die V. Eigilis, fehlen. Diese sind jetzt in den Ergänzungsbänden nachgetragen.
[15] Vgl. (Gerold Meyer von Knonau) P. Ildefons von Arx, St. Gallen 1874, 4, u. dess. Art. in d. Allg. D. Biogr. I, 615.
Einen neuen sehr bedeutenden Fortschritt brachten die beiden Bände =Leges= 1835 und 1837. Auch hier wurden einstweilen die alten Volksrechte noch bei Seite gelassen; erst 1863 erschien der dritte Band, welcher die Gesetze der Alamannen und Baiern von =Joh. Merkel=, der Burgunden von =Bluhme=, der Friesen von =Richthofen= bearbeitet enthält; 1868 im vierten Band das von =Fr. Bluhme= und =Alfred Boretius= bearbeitete Recht der Langobarden; von diesen Volksrechten aber erscheinen jetzt neue Bearbeitungen in der Quart-Ausgabe. Die jüngeren Rechtsbücher blieben der Thätigkeit der Rechtshistoriker überlassen, während die Reichstagsacten seit König Wenzels Wahl von der historischen Commission übernommen sind. Von jenen beiden Bänden aber umfaßt der erste die Capitularien bis 921, der zweite außer neu aufgefundenen Supplementen Reichsgesetze, kaiserliche Verordnungen, Rechtsprüche, Verträge und andere wichtige Urkunden bis 1313; hier ist namentlich aus den Vaticanischen Regesten viel neues von erheblicher Bedeutung mitgetheilt. Ein Anhang enthält in völlig principloser Mischung unechte Capitularien, Synodalbeschlüsse, und einige päbstliche Bullen. Die verfälschte Capitularien-Sammlung des =Benedictus levita= ist hier von dem leider zu früh der Wissenschaft entrissenen Dr. =Knust= herausgegeben, welcher auf der Heimkehr aus Spanien in Paris am 9. October 1841 verstarb[16]. Seine Ausgabe wird ihren kritischen Werth behaupten, aber die in der vorausgeschickten Abhandlung niedergelegten Untersuchungen sind von =Paul Hinschius= in seiner Ausgabe der Decretales Pseudo-Isidorianae (1863) zum Theil widerlegt und berichtigt. Diese beiden ersten Bände der Leges sind längst vergriffen und eine neue Ausgabe war um so nothwendiger, da die ursprüngliche Arbeit in hohem Grade durch Flüchtigkeitsfehler entstellt ist. =Alfred Boretius=, welcher in seiner Schrift: Die Capitularien im Langobardenreich (Halle 1864) diese Mängel nachgewiesen hatte, hat auch die neue Ausgabe der Capitularien besorgt; nach seiner schweren Erkrankung trat für ihn Dr. =Krause= ein. Mit der Bearbeitung der Reichsgesetze ist =L. Weiland= beschäftigt. Als eine überaus werthvolle Ergänzung ist die Ausgabe der Formeln von =K. Zeumer= hinzugetreten.
[16] Seine sehr reichhaltigen und anziehenden Reisebriefe sind im Archiv VIII, S. 102-252, gedruckt.
In besserer Weise wurde mit Benutzung tüchtiger jüngerer Kräfte die Reihe der Scriptores fortgeführt; in rascher Folge erschienen 1839 und 1841 der dritte und vierte Band, welche =die Periode der sächsischen Kaiser= enthalten. Bei diesen trat =G. Waitz= als Mitarbeiter ein, während =Lappenberg=, der die Geschichtsquellen der niederelbischen Lande übernommen hatte, hier als Erstling den Thietmar von Merseburg bearbeitete, dem später Adam von Bremen u. a. folgten. Für die Zeit der Karolinger hatten zwei Bände genügt und ebenso noch für die Zeit der Ottonen zwei von etwas stärkerem Umfange; die Salier dagegen, mit Lothar, erforderten acht Bände, die von 1844 bis 1856 erschienen; so sehr wächst um diese Zeit die Masse des Stoffes. Neben Waitz finden wir hier auch =C. L. Bethmann= thätig, der schon längere Zeit an den Vorarbeiten Theil genommen und namentlich in den Bibliotheken Frankreichs und Belgiens gearbeitet hatte; es gelang ihm u. a. die Urschrift der Chronik des Sigebert zu entdecken, welche mit allen ihren Fortsetzungen im 6. Bande erschien. Eine längere Reihe jüngerer Mitarbeiter hat sich den schon genannten angeschlossen, in den letzten Jahren häufiger wechselnd; von der ersten Generation ist nur =G. Waitz= fortwährend noch als Herausgeber einzelner Werke betheiligt geblieben. So ersprießlich nun auch für die rasche Ausführung des Unternehmens sich die thatsächlich durchaus monarchische Leitung anfänglich erwiesen hatte, so zeigte sich im Verlaufe desselben immer deutlicher, daß seine große Ausdehnung die Kräfte eines Mannes überstieg[17], wie denn auch die ursprünglichen Statuten eine ganz andere Form vorgeschrieben hatten. Nachdem schon am Bundestage nach dem Referate Roberts von Mohl eine Aenderung der Leitung in Angriff genommen war, nahm nach den Kriegsjahren der neue Bundesrath sich der Sache an, und im Januar 1875 ist unter der Vermittelung der Berliner Akademie der Wissenschaften eine neue Organisation ins Leben gerufen. Die Leitung des ganzen Unternehmens hat jetzt eine Centraldirection, deren Vorsitzender bis an seinen Tod =G. Waitz= war, jetzt =E. Dümmler=; die einzelnen Abtheilungen sind besonderen Leitern selbständig übergeben. =Waitz= selbst übernahm die Scriptores und provisorisch die Leges, =Th. Mommsen= die 'Auctores antiquissimi' der Uebergangszeit als eigene Abtheilung, =Sickel= die Diplomata, =Wattenbach= die Briefe, =Dümmler= die Antiquitates. Als beschlossen war, auch die Concilien der Merowingerzeit aufzunehmen, übernahm =Maaßen= die Vorbereitung der Ausgabe. Für solche Serien, welche neu begonnen werden, ist ein bequemeres Quartformat eingeführt. Als Fortsetzung des =Archivs= der Gesellschaft erscheint das =Neue Archiv=, von welchem jährlich ein Band ausgegeben wird; dasselbe beginnt mit einem Bericht über die Neugestaltung der Direction und bringt regelmäßig Berichte über die jährlichen Versammlungen der Centraldirection und den Stand der Arbeiten.
[17] Vgl. darüber die Anzeige von SS. XXIII. und Arch. XII. von L. Weiland, GGA. 1877, S. 769-796.
Von dem Deutschen Reich und Oesterreich sind bedeutende Geldmittel bewilligt, welche eine gesteigerte Betreibung der Arbeiten durch zahlreiche Gelehrte ermöglichen.
Werfen wir nun einen Blick auf die Art der Ausführung, so treten uns besonders zwei Hauptprincipien entgegen, welche im Vergleich mit den älteren Sammlungen einen bedeutenden Fortschritt bezeugen: die genaue Wortkritik und die strenge Sichtung des Inhalts mit Bezug auf die Herkunft und Glaubwürdigkeit der Nachrichten.
Zum ersten Male sind hier die mittelalterlichen Schriftsteller mit einer Genauigkeit behandelt, wie sie früher nur classischen Autoren zugewandt wurde. Von Anfang an wurde der Grundsatz aufgestellt und in der Regel auch befolgt, für jeden Schriftsteller alle erreichbaren handschriftlichen Hülfsmittel zusammenzubringen, ohne Rücksicht auf frühere Drucke nur die beste Handschrift zu Grunde zu legen, und durch Vergleichung der übrigen die möglichste Reinheit und Sicherheit des Textes zu erstreben.
Wenn auch durch frühere Sorglosigkeit, durch die Verwüstungen der Bauernkriege und die stürmischen Zeiten am Ende des vorigen Jahrhunderts viel zu Grunde gegangen ist, so hat sich doch, wie die unternommenen Reisen nach und nach ergaben, mehr erhalten, als man irgend erwartet hatte. Und wenn auch jetzt manche Handschrift vermisst wird, welche den Maurinern noch vorlag, so bietet dagegen unsere Zeit den Vortheil, daß fast alle Bibliotheken und Archive der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, während jene noch häufig über die eifersüchtige Verweigerung des Eintritts Klage führten. Hat doch selbst Mabillon in Salzburg, so festlich er auch dort empfangen wurde, keine Handschrift zu sehen bekommen[18].
[18] Vgl. darüber B. Pez, Thes. I. Diss. Isagog. p. V.
Von nicht geringerer Wichtigkeit als die Correctheit der Texte ist aber zweitens die genaue kritische Analyse der Quellen. Nicht nur sind dadurch mehrere früher allgemein benutzte Schriften als untergeschoben gänzlich ausgeschieden worden, sondern auch die echten Chronisten werden erst dadurch dem Geschichtsforscher recht brauchbar, daß ihm auf den ersten Blick entgegentritt, was jedem eigenthümlich, was von anderen entlehnt ist, und woher er es entnommen hat. Zuerst in der Ausgabe des Regino, und seit dem vierten Bande der Scriptores in consequenter Durchführung, wird alles von anderen unmittelbar entlehnte auch durch Petitdruck kenntlich gemacht, was die Benutzung ungemein erleichtert. Das wird jeder zu würdigen wissen, welcher irgend Gelegenheit gehabt hat, andere Sammlungen und Ausgaben zu benutzen, wo der gewissenhafte Forscher diese Arbeit stets von neuem vornehmen muß, während freilich viele es sich leichter machen und ohne Unterscheidung gleichzeitige, spätere und abgeleitete Nachrichten benutzen.
Die =Reihenfolge= der Quellen ist =chronologisch=, und zwar in zweifacher Weise, zuerst nach den angegebenen größeren Perioden und dann wieder innerhalb der kleineren Abtheilungen. In einer solchen Periode werden nämlich zuerst die Annalen gegeben, streng nach Jahren geordnete, oft gleichzeitige, in der Regel kurze Aufzeichnungen[19]. Darauf folgen die Chroniken und Geschichten, welche zum Theil noch die annalistische Form beibehalten, doch nur als äußere Gestalt, denn sie sind meistens nicht gleichzeitig und unterbrochen, sondern zusammenhängend, im Rückblick auf einen größeren Zeitraum aufgezeichnet, und versuchen, über die bloße Aufzeichnung der Thatsachen hinausgehend, deren pragmatische Verbindung und innere Entwicklung nachzuweisen. Den allgemeineren Werken dieser Art schließen sich die Localchroniken an, deren wir aus der älteren Zeit manche von Klöstern und Bisthümern besitzen, während später die Chroniken der Länder und Städte beginnen, und allmählich ganz das Uebergewicht gewinnen. Den Schluß bilden die Biographieen und kleineren Erzählungen verschiedener Art, welche nebst den Localchroniken in das lebendige Treiben der Zeit einführen, und denen wir größtentheils das Fleisch und Blut zu dem chronologischen Gerüste der Annalen verdanken.
[19] In den letzten Bänden ist unter der Leitung von Pertz der Begriff der Annalen immer weiter und, wie mir scheint, übermäßig ausgedehnt, z. B. auf Albert von Stade, Vincenz von Prag.
Es versteht sich von selbst, daß diese Gattungen durch keine scharfe Grenzen gesondert sind, und manches Stück so sehr in der Mitte steht, daß es nur nach zufälligen Umständen hier oder dort seine Stelle findet.
Innerhalb dieser Kategorieen ist die Anordnung wiederum chronologisch, nach dem Endjahr, doch wird dieser Grundsatz nicht pedantisch durchgeführt, sondern durch mancherlei Rücksichten beeinträchtigt. Nicht nur wird nachträglich mitgetheilt, was während der Arbeit neu entdeckt wird, sondern es bleibt auch oft das gleichartige zusammen. Namentlich wird die Fortsetzung nicht vom Hauptwerk getrennt, wenn sie nicht ganz selbständiger Art ist. So sind die Casus S. Galli bis 1233 beisammen geblieben, und Sigebert mit seinen Fortsetzern, so auch Cosmas und die österreichischen wie die schwäbischen Annalen.
Dom Bouquet und seine ersten Fortsetzer haben das entgegengesetzte Princip verfolgt. Sie gaben zu jeder Periode alles darauf bezügliche aus allen Schriftstellern, wodurch scheinbar ein großer Vortheil für den Geschichtschreiber erreicht wird, da er seinen ganzen Stoff übersichtlich vor Augen hat. Dagegen aber wird es ihm außerordentlich schwer, ein kritisches Urtheil über die Quellen zu gewinnen, weil er sie nirgends vollständig beisammen hat; und doch kommt bei der geschichtlichen Forschung gerade darauf so viel an: es ist wenig damit gewonnen, die Worte einer historischen Nachricht zu haben, wenn man nicht weiß, wie viel Glauben der Schriftsteller verdient, und wie die ganze Art und Weise seiner Auffassung und Darstellung beschaffen ist.
Während nun bei Bouquet z. B. der Sigebert in viele Bände vertheilt ist, bleibt in den Mon. Germ. jeder Schriftsteller so viel wie möglich in seiner Integrität; man hat auch nicht, wie Stenzel früher vorschlug, dasjenige weggelassen, was der Verfasser nur aus anderen bekannten Quellen entlehnt hat; sondern man hat es wenigstens bei den bedeutenderen Schriftstellern vorgezogen, diese Theile nur durch kleineren Druck kenntlich zu machen, weil es für uns auch von Wichtigkeit ist zu wissen, wie die Schriftsteller der Zeit die Vergangenheit behandelten, aus welchen abgeleiteten Quellen die Folgezeit ihre Kenntniß schöpfte, und wie auf diese Weise die Kunde der Geschichte allmählich verengt und entstellt wurde. So hat z. B. die Chronik des Martin von Troppau fast gar keinen eigenen Werth, aber sein Compendium der Pabst-und Kaisergeschichte ist nichtsdestoweniger sehr wichtig, weil es Jahrhunderte lang die Hauptquelle der Geschichtskenntniß blieb.
In manchen Fällen jedoch war es nicht rathsam oder thunlich, die ganzen Werke aufzunehmen, und dann hat man sich auf Auszüge beschränkt; wenn nämlich die Hauptmasse der deutschen Geschichte fern liegt, fremde Länder oder zu entlegene Zeiten betrifft, wenn zwischen theologischen und anderen Betrachtungen sich nur vereinzelt geschichtliche Nachrichten finden, oder wenn eine wüste Compilation vorlag, welche keinen Anspruch darauf machen kann, als litterarisches Erzeugniß behandelt zu werden. Deutsche Hauptschriftsteller dagegen, welche durch ihre ganze Persönlichkeit bedeutend sind, haben ein wohlbegründetes Recht darauf, in ihrer ganzen Individualität aufgefaßt zu werden, und Männern wie Otto von Freising darf man ihre Werke nicht verstümmeln[20].
[20] Sehr verständig äußert sich darüber am 21. Jan. 1821 Herr von Buchholz in Wien, der mit lebhafter Theilnahme dem Unternehmen zugewandt war, Archiv III. 327, und schon früher E. M. Arndt in Steins Leben VI, 2, 129; vgl. V, 273. 366. Ebenso auch Niebuhr, Arch. V, 729.
Von auswärtigen Geschichtsquellen sind von Anfang an nicht selten Auszüge mitgetheilt; in der Periode der Staufer haben diese einen sehr großen Umfang gewonnen. Es bedarf zu ihrer Bearbeitung einer sehr großen Arbeit voll Selbstverleugnung, da gewöhnlich zur Gewinnung der Auszüge das ganze Werk kritisch untersucht werden mußte. Für die Benutzung aber ist bei der oft schwierigen Zugänglichkeit der Ausgaben diese Zusammenstellung eine große Wohlthat, und ein gegen dieses ganze Verfahren gerichteter Angriff hat deshalb von vielen Seiten eine scharfe Zurückweisung hervorgerufen; es genügt hier, auf die Schrift von =O. Holder-Egger= zu verweisen: „Die Monumenta Germaniae und ihr neuester Kritiker“ (Hann. 1888).
Von manchen der bedeutenderen Quellen sind nun neben der großen Sammlung auch =Octavausgaben= veranstaltet, ursprünglich ohne den kritischen Apparat, jetzt aber mit demselben. Auch werden in dieser Form neue Ausgaben veranstaltet und einzelne ferner liegende Quellen vorläufig mitgetheilt.
Ueber diesen ganzen reichhaltigen, aber wegen verschiedener Umstände nicht systematisch geordneten und schwer zu übersehenden Inhalt gewährt jetzt ein ungemein dankenswerthes =Repertorium= die vortrefflichste Uebersicht, gemeinschaftlich verfasst von =O. Holder-Egger= und =K. Zeumer=[21].
[21] Indices eorum quae in Monumentorum Germaniae historicorum tomis huiusque editis continentur. Hannov. et Berol. 1890. 4.
Sehr zu rathen ist, die wichtigeren, jetzt so leicht zugänglich gemachten Quellenschriften auch wirklich zu lesen, weil das bloße Nachschlagen und Benutzen einzelner Stellen zu so vielen Irrthümern und Mißverständnissen Anlaß giebt, und nur das Lesen im Zusammenhang die richtige Anschauung gewährt; nur dadurch gewinnt man ein lebendiges Bild von den einzelnen Schriftstellern, wie von der ganzen Zeit und der damals herrschenden Art der Anschauung und Auffassung.
Noch besser wird vielleicht in manchen Fällen dieser Zweck erreicht durch die schon von =Stein= gewünschten[22] =Uebersetzungen= aus denen uns der Inhalt der Schriften weit reiner entgegentritt, indem der Leser hier nicht durch die einzelnen Schwierigkeiten beschäftigt wird, die sonst leicht seine Aufmerksamkeit zerstreuen. Auch wird man durch die Uebersetzungen nicht selten auf Stellen aufmerksam gemacht, die man früher übersah, und wenn die Uebersetzung gelungen ist, bietet sie kein unbedeutendes Hülfsmittel dar zum richtigen Verständniß des Textes, welches häufig gar nicht so leicht ist, wie der erste Anschein glauben läßt. Denn das mittelalterliche Latein hat viel eigenthümliches, und nicht nur in diese Sprache überhaupt, auch in den Sprachgebrauch der einzelnen Schriftsteller muß man sich erst mit Sorgfalt hineinlesen, um ihn ganz zu verstehen.
[22] In einem Brief an Büchler vom 23. Juli 1827. Steins Leben VI, 1, 415. Böhmer legte der Centraldirection den Plan zu einer solchen Sammlung vor, s. Janssen, Böhmers Leben S. 129.
Die Wichtigkeit dieser seit 1849 unter dem Titel der =Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit= erscheinenden Sammlung von Uebersetzungen ist deshalb unverkennbar, aber die Ausführung ließ viel zu wünschen übrig. Die Ungleichartigkeit der einzelnen Arbeiten ließ den Mangel einer eigentlichen Leitung sehr empfinden, und manche Uebersetzung war voll von Fehlern. Von den auf dem Titel genannten berühmten Namen hat nur Pertz sich der Sache wirklich angenommen, doch begreiflicher Weise nur als Nebensache. Jahrelang hat dann dieses Unternehmen gänzlich geruht, ist jedoch, seit einigen Jahren wieder in Angriff genommen. Die Nützlichkeit desselben bewährt sich auch dadurch, daß von vielen einzelnen Bänden neue Auflagen nöthig geworden sind, und gegenwärtig erscheint, von =Wattenbach= geleitet, eine chronologisch fortschreitende neubearbeitete Auflage der ganzen Sammlung.
§ 5. Andere Arbeiten des neunzehnten Jahrhunderts.