Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 2

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Vor allen aber war es Kaiser =Maximilian=, welcher die Erforschung der deutschen Geschichte auf alle Weise beförderte und sogar selbst daran Theil nahm. Ueberall ließ er nach alten Urkunden und Chroniken suchen und belohnte jeden Fund; sein Historiograph =Stabius= sollte daraus ein großes Geschichtswerk zusammensetzen[9]. Die bedeutendsten Gelehrten der Zeit suchte er an seinem Hofe zu vereinigen, und die Wiener Universität erreichte unter ihm ihre höchste Blüthe; sie soll damals an 7000 Studenten gezählt haben, und viele der angesehensten Humanisten fanden dort begeisterte Schüler[10]. In seinem Auftrag bereiste von 1498 bis 1505 =Ladislaus Suntheim= aus Ravensburg das südwestliche Deutschland, um die Materialien zu einer genealogischen Geschichte des habsburgischen und anderer deutscher Fürstenhäuser zusammen zu bringen[11]. Seinem gelehrten Arzt Johann Spießhaymer, der sich =Cuspinian= nannte[12], gab Maximilian 1508 den Auftrag, Bücher aus allen Theilen des Reichs zu sammeln, und einen ähnlichen Auftrag hatte auch Dr. Jacob Mennel aus Bregenz (=Manlius=) erhalten[13], von welchem der Kaiser sich Nachts, wenn er an Schlaflosigkeit litt, aus den alten Schriften vorlesen ließ[14]. Auch der talentvolle, aber unstäte Dichter =Conrad Celtis=, welchen Maximilian im Jahre 1497 nach Wien berufen hatte, erhielt im folgenden Jahre vom Kaiser die Mittel zu seiner letzten großen Reise in den fernen Norden, deren Frucht die _Germania illustrata_ sein sollte, Celtis lange versprochenes Hauptwerk, welches er aber bei seinem Tode 1508 unvollendet hinterlassen hat[15]. Doch sind seine eifrigen Forschungen nicht ohne bedeutende Frucht geblieben. Im Kloster St. Emmeram zu Regensburg entdeckte er die Werke der Nonne Hrotsuit, welche er 1501 herausgab. Im fränkischen Kloster Ebrach fand er den Ligurinus, über den er selbst in Wien, seine Freunde in Freiburg, Tübingen, Leipzig Vorlesungen hielten; 1507 besorgten seine Augsburger Freunde den Druck. Ihm danken wir auch die Entdeckung der _Tabula Peutingeriana_, jener merkwürdigen römischen Straßenkarte des dritten Jahrhunderts, mit späteren Zusätzen erhalten in einer Copie des dreizehnten Jahrhunderts, welche sich jetzt in der Wiener Hofbibliothek befindet[16]. Ihren Namen führt sie davon, daß Celtis sie in seinem Testamente dem gelehrten Augsburger Patricier =Conrad Peutinger=[17] vermachte. Dieser, der ebenfalls von Maximilian zu seinem Rath erhoben war und fortwährend für künstlerische und gelehrte Zwecke in Anspruch genommen wurde, war 1506 beim Kaiser in Klosterneuburg, um die alten Briefe des Hauses Oesterreich zu besichtigen, und erhielt ein eigen Gemach in der Wiener Burg, wohin „S. Mt. von allen orten Cronica und historien bringen lassen“. Er selbst besaß die werthvollsten deutschen Geschichtsquellen und beabsichtigte eine umfassende Sammlung derselben herauszugeben; leider kam dies Vorhaben nicht in seinem ganzen Umfange zur Ausführung, doch verdanken wir ihm mehrere vortreffliche Ausgaben, die aber Peutingers Namen nicht auf dem Titel tragen. Nachdem er 1507 bei der Herausgabe des Ligurinus geholfen, erschien 1515 aus der in seinem Besitz befindlichen Abschrift die erste Ausgabe des Chronicon Urspergense, besorgt von Joh. Mader[18]; gleichzeitig erschienen, von Peutinger bearbeitet, Jordanis de Rebus Geticis und Pauli Diaconi historia Langobardorum[19], eine sehr gute Ausgabe, gegen welche die 1514 zu Paris von =Guillaume Petit= besorgte Ausgabe des Paulus weit zurücksteht. Doch verdienen auch die Bestrebungen dieses Buchhändlers, bei welchem 1512 Gregor von Tours, 1513 Sigebert, 1514 außer Paulus noch Liudprand und Aimoin erschienen, unsere Anerkennung.

[9] Ueber ihn Aschbach, Gesch. d. kais. Univ. zu Wien II, 363-373. Von den Belohnungen spricht Beatus Rhenanus, Rer. Germ. libri. III, p. 113, ed. 1551; p. 202, 203, ed. 1610.

[10] Khautz, Versuch einer Geschichte der Oesterr. Gelehrten (1755), S. 121-125. Vgl. Kink, Gesch. der kais. Univ. zu Wien I, 226. Aschbach, Gesch. ders. Univ. I, 200 ff. Zweiter Band 1877 u. d. Titel: Die Wiener Universität und ihre Humanisten im Zeitalter Maximilians I.

[11] Franz Pfeiffer, Das Donauthal von Ladislaus Suntheim, im Jahrbuch für vaterl. Geschichte (Wien 1861), S. 273-297. Ueber ihn Aschbach II, 377-381. S. 378 die Instruction von 1505.

[12] Ueber ihn Aschbach II, 284-309; Horawitz, Allg. D. Biogr. IV, 662-664; G. Schepss im Archiv f. Unterfranken, 1884.

[13] Der Rath von Freiburg im Breisgau meldet 1509 K. Max, der bestellte Dr. Jacob Mennel könne mit den Chroniken nicht auf den Reichstag nach Worms kommen, weil er nach Oesterreich verreist sei. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrh. XVII, 254. Am 31. März 1510 beauftragte M. ihn mit geschichtlichen Forschungen über die Häuser Oesterreich und Burgund.

[14] M. Freheri SS. ed. Struv. II, 707. Ueber seine eigenen sehr mangelhaften Leistungen Horawitz, Allg. D. Biogr. XXI, 358-362.

[15] Engelb. Klüpfel de vita et scriptis Conradi Celtis Protucii, Frib. 1827. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens wissenschaftlicher Bildung (1830) II, 1-146 und in der Encyklop. von Ersch und Gruber 21, 135. Kink a. a. O. S. 201 f. Aschbach II, 189-270. Joh. Huemer in d. Allg. D. Biogr. IV, 82-88. Ueber die Angriffe auf die Echtheit der von ihm entdeckten Werke s. unten bei Hrotsuit und Ligurinus.

[16] Die ältere Ansicht, welche sie dem Verfasser der Annalen von Colmar zuschrieb, bekämpft Jaffé, MG. SS. XVII, 187. Vgl. Frid. Philippi de tab. Peuting. Diss. Bonn 1876. Die neue Pariser Ausgabe von Des Jardins ist unvollendet geblieben. Konr. Miller, Die Weltkarte des Castorius, gen. die Peut. Tafel. In den Farben d. Orig. u. mit einleit. Text (mangelhaft). Ravensb. 1888. Rec. v. G. Hirschfeldt, Berl. philol. Wochenschrift VIII, 20 u. a. besonders auch gegen die Heranziehung des Namens Castorius.

[17] Ueber ihn s. Th. Herberger, Conrad Peutinger in seinem Verhältnisse zum Kaiser Maximilian. Augsburg 1851. 4. H. A. Lier, Allg. D. Biogr. XXV, 561-568.

[18] O. Abel im Archiv XI, 79, berichtigt von Giesebrecht in d. SB. d. Münch. Akad. 1881, I, 208-210.

[19] Archiv VII, 314.

Ebenfalls im Jahre 1515 besorgte der schon erwähnte =Cuspinian=, zusammen mit dem kaiserlichen Historiographen Stabius, in Straßburg eine vortreffliche Ausgabe des Otto von Freising mit der Fortsetzung des Ragewin. Ebenda waren bereits im Jahre 1508 von dem Breisgauer =Gervasius Soupher= die Gesta Heinrici IV herausgegeben, mit einem Vorwort, welches von stolzem Selbstgefühl den Franzosen gegenüber erfüllt ist. Von ähnlicher Denkungsart zur Ehrenrettung dieses vielgeschmähten Kaisers getrieben, gab =Aventin= 1518 in Augsburg die schöne prosaische Lebensbeschreibung desselben heraus; er war ein Schüler von Celtis und hatte sich nach dessen Vorbild der deutschen Geschichte schon früh eifrig zugewandt[20]. So traten nach einander die vorzüglichsten Geschichtschreiber des deutschen Mittelalters ans Licht; 1521 erschienen in Cöln auch die Werke Einhards, herausgegeben von dem Grafen =Hermann von Nuenar=[21]; in Mainz die Chronik des Regino von =Sebastian von Rotenhan=[22].

[20] Ueber Aventin s. Wegele, Allg. D. Biogr. I, 700-704, u. Bayer. Bibl. X (1890). Ausgabe seiner Werke von Riezler. Vgl. W. Meyer, Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen, u. Aventins Lobgedicht auf Albrecht IV. von 1507, Abh. d. Münch. Ak. I. Cl. XVII. 3. Abth. 1886. Riezlers Entgegnung ebend. III. Cl.

[21] Ueber den Codex Steinveldensis, durch dessen Auffindung Nuenar gegen den Vorwurf willkürlicher Aenderungen gerechtfertigt ist, s. Archiv VII, 364.

[22] Ueber ihn s. Wegele, Allg. D. Biogr. XXIX, 299.

Besonders eifrig aber nahmen die Protestanten diese Bestrebungen auf; sie fanden bald auch unter diesen Schriften Waffen gegen die päbstlichen Ansprüche, und die Streitschriften des elften Jahrhunderts erschienen auch für den veränderten Standpunkt des sechzehnten noch verwendbar. Hatte man doch schon lange im Einklang mit der wachsenden Erbitterung gegen den entarteten Clerus die scharfen Satiren des früheren Mittelalters hervorgezogen, so in Cöln bald nach 1470 und mehrmals wiederholt den Pseudo-_Ovidius de Vetula_ mit seinen Ausfällen gegen sittenlose Prälaten, und den _Brunellus_ mit der schonungslosen Verspottung der Mönche. Die Schrift des Spaniers Alvarus Pelagius _De planctu ecclesiae_, in welcher er unter dem Eindruck seiner Erfahrungen an der Curie in Avignon den verderbten Zustand der Kirche beklagt, 1340 in Portugal zuletzt überarbeitet, erschien schon 1474 in Ulm bei Johann Zainer von Reutlingen, und wurde 1517 in Lyon wiederholt. Lupolds von Bebenburg Schrift _Germanorum principum zelus in christianam religionem_ erschien 1497 in Basel. Die _Epistola Luciferi ad malos principes ecclesiasticos_, eine sehr bittere Satire, welche 1351 in Avignon zum Vorschein kam und in vielen Abschriften verbreitet war, wurde nach einer nicht mehr bekannten Pariser Ausgabe 1507 in Straßburg gedruckt, um 1530 in einem Einzeldruck o. J. wiederholt und 1549 in Magdeburg von =Flacius Illyricus= herausgegeben[23]. Derselbe wiederholte 1550 die deutsche Uebersetzung des Briefes, welche schon 1521 o. O. erschienen war[24]. =Ulrich von Hutten= gab 1520 die Schrift Walrams von Naumburg gegen Gregor VII, _De unitate ecclesiae conservanda_, heraus, welcher bald noch mehrere Schriften verwandten Geistes aus der Zeit des Schisma und der Reformbewegung des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts folgten[25]. So erschien 1521 in Wittenberg der dem Bischof Ulrich von Augsburg untergeschobene Brief unter dem Titel: _Hulderichi Aug. ep. epistola adversus constitutionem de cleri coelibatu_. Der Cölner Humanist =Jacob Sobius= gab 1521 in Basel die Commentare des Aeneas Silvius nebst anderen Stücken von verwandtem Inhalt heraus, eine Sammlung, welche 1535 in Cöln mit neuen Zuthaten von =Ortwinus Gratius= wiederholt wurde, dessen Standpunkt in seinem späteren Leben ein von dem früheren sehr verschiedener wurde[26]. Im Jahre 1529 wurden zu Hagenau die ersten Briefe Peters de Vinea gedruckt, weil sie auch für die Gegenwart zutreffend zu sein schienen. Unbefangener ließ =Melanchthon= es sich angelegen sein, den Schulunterricht in der Geschichte zu fördern. Sehr nachdrücklich spricht er sich über den hohen Werth der Geschichte aus in der an Sigismund von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg, gerichteten Widmung des von ihm 1558 für die Schulen bearbeiteten Chronicon Carionis[27]. Schon 1525 gab =Caspar Churrer= in Tübingen die Chronik Lamberts nach einer Abschrift heraus, welche Melanchthon ihm geschickt hatte, und 1556 begleitete dieser =Siegmund Schorkels= Ausgabe des Helmold mit einem Brief an den Herzog von Stettin.

[23] Anz. d. Germ. Mus. XVI (1869), Sp. 9. Ueber diesen u. andere Teufelsbriefe s. Wattenbach, SB. d. Berl. Ak. Febr. 1892.

[24] E. Weller, Die ersten deutschen Zeitungen, S. 90.

[25] Strauß, Ulrich von Hutten II, 47. 55. 166. 320. 358.

[26] David Clement, Bibliothèque curieuse (1759) VIII, 241 weist die Autorschaft des Jacobus Sobius nach, S. 243 die des Ortw. Gratius, welcher sie nie geleugnet hat. S. auch Ennen, Gesch. d. Stadt Cöln, IV, 87-92; L. Geiger, Allg. D. Biogr. IX, 600-602. Reichling, Ortwin Gratius, Heiligenstadt 1884.

[27] Zuletzt bei Bretschneider, Corpus Reformatorum XII, 707. Vgl. G. D. Hoffmann, Abhandlung von Philipp Melanchthons Verdiensten um die teutsche Reichs-und Staatsgeschichte, Tübingen 1760. Schon 1532 schreibt er: _Misit Carion ad me farraginem quandam negligentius coacervatam, quae a me disposita est_. Ueber Carions Leben und Schriften Strobels Miscell. Lit. Inhalt, 6. Samml. S. 139 ff. A. Stern in d. Allg. D. Biogr. III, 781. Daß Melanchthon auch die Ausgabe des Nauclerus 1516 besorgt habe, bestreiten Herm. Müller, Forsch. XXIII, 595, u. M. Spieß ib. XXVI, 138-140: Winsheim verwechselte in seiner Gedächtnißrede Carion u. Nauclerus.

In Basel, wo schon 1529 =Sichardus= die Chroniken des Hieronymus, Prosper, Cassiodor, Hermannus Contractus mit einer Widmung an den Cardinal Albrecht von Brandenburg herausgegeben hatte, besorgten die Buchhändler =Heerwagen=, die auch Melanchthons Verleger waren, 1531 eine Sammlung, welche den Prokop, Agathias und Jordanis enthält, mit einer Vorrede von =Beatus Rhenanus= aus Schlettstadt. Dieser hatte auch zum Otto von Freising das Titelblatt entworfen und ist dadurch zu dem unverdienten Ruhme gekommen, als ob er der erste Herausgeber deutscher Geschichtsquellen gewesen wäre. Die Handschriften aber zu jener Sammlung hatte =Conrad Peutinger= aus Augsburg geschickt[28].

[28] Ueber B. Rhenanus s. A. Horawitz in d. Wiener SB. LXX. 189 bis 244. LXXII, 323-376. LXXVIII, 313-340. Horawitz u. Hartfelder, Briefwechsel des B. Rh. Leipz. 1886. Gény u. Knod, Die Stadtbibl. zu Schlettstadt, 1889.

Im Jahre 1532 erschien in demselben Verlage eine zweite Sammlung, welche den Widukind, Einhard und Liudprand enthält, herausgegeben von dem Professor =Martin Frecht= zu Tübingen.

Es würde uns zu weit führen, wenn wir fortfahren wollten, die Ausgaben des sechzehnten Jahrhunderts aufzuzählen, denn ihre Zahl ist nicht gering; besonders die =Wechel=sche Buchhandlung in Frankfurt verlegte eine ganze Reihe von Sammlungen dieser Art. Unsere Absicht war nur, zu zeigen, mit welchem Eifer man damals bestrebt war, die echten Quellen der Geschichte wieder ans Licht zu ziehen; mit richtiger Auswahl wurden die besten derselben zuerst herausgegeben und mit derselben Sorgfalt behandelt, welche die ersten Ausgaben der alten Classiker auszeichnet. Es war ein trefflicher Anfang gemacht, hinter dem der größte Theil der späteren Leistungen weit zurückblieb, und an die Ausgaben schloß sich sogleich auch die geschichtliche Verwerthung, getragen von demselben Geiste wahrheitsuchender Kritik, die sich vorzüglich der Prüfung der kirchlichen Ueberlieferung zuwandte. Hervorzuheben ist unter diesen Werken die nach Jahrhunderten eingetheilte Kirchengeschichte der sogenannten Magdeburger =Centuriatoren=, =Mathias Flacius=, =Wigand= u. a. (Basil. 1559-1574, 13 Voll. fol.), weil sie durch scharfe Kritik und umfassende Forschung geradezu epochemachend wirkte, und durch Mittheilungen aus einem reichen handschriftlichen Material noch jetzt schätzbar ist[29].

[29] Vgl. Rinck in Pertz Archiv III, 52-56. W. Preger, M. Fl. Ill. u. seine Zeit, 2 Bde. Erl. 1859-1861: Allg. D. Biogr. VII, 95. W. Schulte, Beitr. z. Entstehungsgesch. d. Magdeb. Cent. Neisse 1877. Flacius gab auch nach dem Vorgang des Engländers Bale und von ihm unterstützt die Satiren des 12. und 13. Jahrhunderts gegen Pabst und Clerus heraus unter dem Titel: Carmina vetusta ante trecentos annos scripta, quae deplorant inscitiam evangelii etc. Viteb. 1548, vermehrt 1557 als: Varia doctorum piorumque virorum de corrupto ecclesiae statu poemata.

Freilich waren nicht alle gleich bereit, die geschichtliche Wahrheit anzunehmen, und unter die Ausgaben der echten Quellen mischten sich bald auch falsche. Schon 1498 erschien in Rom der nachgemachte Berosus und anderes Machwerk des berüchtigten =Annius von Viterbo=. Nicht ganz so plump erfunden waren die Megenfrid, Benno und andere Schriftsteller, auf welche =Trithemius= sich in seiner Hirschauer Chronik (1514) berief, und seine Angaben führen deshalb noch jetzt nicht selten irre; hat doch sogar sein Hunibald, dessen lächerliche Larve schon der Graf von Nuenar durchschaute, noch im neunzehnten Jahrhundert Vertheidiger gefunden! Zum ärgsten Unfug dieser Art aber gehört das 1530 erschienene Turnierbuch von =Rüxner=[30], dessen freche Lügen von den ahnensüchtigen Herren begierig aufgenommen wurden und noch heutiges Tages hin und wieder gespensterhaft erscheinen.

[30] S. darüber Waitz, Heinrich I, 3. Ausg. S. 265-272. Ein Theil der Fabeln ist älteren Ursprungs, schon 1518 in Baiern ein Werk der Art entstanden, aber Rüxnern bleibt doch eine ansehnliche Vermehrung derselben.

§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben.

Während einerseits die neu erwachende kritische Richtung willkommene Waffen in der Litteratur des früheren Mittelalters fand, bot sich andererseits hierin auch der katholischen Kirche ein schöner Schatz ascetischer Schriften dar, und die Briefe der alten Päbste, wie die alten Vorkämpfer ihrer Ansprüche, waren noch immer zu brauchen. So finden wir denn, nachdem die katholische Kirche sich wieder ermannt und auch wissenschaftlich neue Kraft gewonnen hat, auch von dieser Seite viele Publicationen; der Cardinal =Caesar Baronius= setzte den Magdeburger Centuriatoren seine _Annales ecclesiastici_ entgegen, welchen die aus dem Vaticanischen Archiv und anderen Quellen mitgetheilten Actenstücke hohen Werth verleihen[1]. Durch gute Ausgaben wichtiger neu entdeckter Quellen machten sich besonders =Heinrich Canisius=[2], =Brouwer=[3], =Sirmond=, =Tengnagel=, =Gretser=[4] verdient. Auf einzelnes einzugehen, würde hier zu weit führen; nur einen besonderen Zweig der Litteratur scheint es erforderlich hier näher zu betrachten.

[1] Bis 1198 in 12 Folianten 1588-1607 erschienen. Die Fortsetzung von Raynaldus in 9 Folianten bis 1565 erschien von 1646-1677. Ausgabe von Mansi mit Pagi's Kritik, Lucae 1738-1759.

[2] Neffe des berühmteren Petrus, s. v. Schulte in d. Allg. D. Biogr. III, 749.

[3] Kraus in d. Allg. D. Biogr. III, 368.

[4] Werner in d. Allg. D. Biogr. IX, 645.

Schon unter den ältesten Incunabeln finden sich Legendarien und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder bieten sie ein brauchbares Körnchen dar; im ganzen aber erscheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, daß das Triviale, allen Gemeinsame, überhand genommen hat, das Geschichtliche oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. Die zahlreichen Wunder, die vielen Fabeln und Albernheiten machten diese Litteratur gerade ganz besonders zum Gegenstand lebhafter Angriffe, und bald empfand man, daß sie allen Werth und Nutzen verlieren werde, wenn man sich nicht zu einer Sichtung des überkommenen Stoffes entschließen werde. Nachdem schon der Mailänder =Boninus Mombritius= auf alte Handschriften zurückgegangen war, die er mühsam aufsuchte, und durch deren unveränderten Abdruck[5] er sich verdient gemacht hatte, ohne Nachfolger zu finden, erschien ein Jahrhundert später die Sammlung des Cölner Karthäusers =Laur. Surius= († 1578): _Vitae Probatorum Sanctorum_, die viel brauchbaren geschichtlichen Stoff zuerst ans Licht brachte, und wenn auch der lateinische Stil etwas überarbeitet ist, so berührt das doch kaum den Inhalt. Von Kritik aber ist in diesem Werke keine Rede, und die herrschende Meinung der Gebildeten verwarf alle diese Mönchsgeschichten als leere Fabeln.

[5] Sanctuarium, in 2 großen Folianten o. J. (um 1475). Vgl. Tiraboschi, Tomo VI, l. II, c. 32. Von demselben rührt die erste Ausgabe des Prosper her, welche Holder-Egger im NA. I, 22 erwähnt, nach J. A. Saxii Hist. litter. typogr. Mediol. p. 146.

Diesen Angriffen gegenüber faßte nun der Jesuit =Heribert van Roswey= den Plan, durch strenge Sichtung des ganzen vorhandenen Materials und Aufopferung des falschen das echte zu retten und zu sichern. Er selbst gab u. a. das Martyrologium Romanum heraus; besonders aber veranlaßte er seinen Ordensbruder =Johann Bolland= in Antwerpen zu dem großartigen Unternehmen der _Acta Sanctorum_, wovon 1643 der erste Band erschien. Noch 5 Bände gab Bolland selbst heraus; dann hinterließ er die Fortsetzung =Daniel Papebroch= und =Gotfried Henschen=, von welchen der gediegenste Theil des Werkes gearbeitet ist. Sie gewannen bei ihrer Arbeit eine solche Sicherheit der historischen Kritik und verfuhren mit so wenig Schonung, daß sie bald vielfache Angriffe erfuhren und die spanische Inquisition sogar im J. 1695 die bis dahin erschienenen 14 Bände verbot. Man versuchte auch den Pabst zu einem Verbote desselben zu bewegen, aber vergeblich; nur Papebrochs Chronologia Pontificum Romanorum wurde wirklich verboten[6]. Mit dem unermüdlichsten, mühsamsten Fleiße setzten auch später die Antwerpener Jesuiten, welche man gewöhnlich als =Bollandisten= bezeichnet, das begonnene Werk fort; ihre Abhandlungen wurden immer weitschichtiger und verloren an innerem Werthe, während das ganze immer langsamer vorrückte. Doch sind noch viele sehr tüchtige Arbeiten und unermeßliches historisches Material darin. Durch die Aufhebung des Ordens wurde das Unternehmen gestört; andere führten es weiter, dann aber machte ihm die Occupation Belgiens durch die Franzosen ein Ende. In neuester Zeit hat man es wieder aufgenommen, aber mit der übertriebensten Weitschweifigkeit. Bis jetzt sind mehr als 60 Folianten erschienen, welche bis in den November reichen, denn das ganze Werk folgt der Ordnung des Kalenders. Die Auffindung eines bestimmten Heiligen war früher nicht leicht; man bedurfte dazu der Kenntniß seines Tages, wozu das Heiligenlexicon (von =Schmauß=) Gött. 1719, 8, brauchbar ist, welches zugleich zur vorläufigen Orientirung dienen kann. Gegenwärtig aber bietet =Potthasts= _Bibliotheca historica_ in dem Artikel _Vita_ S. 575-940 ein nicht allein auf den Umfang des Mittelalters beschränktes Repertorium sämmtlicher von den Bollandisten besprochener Personen, dem ein Register der übrigen in jenem Riesenwerke enthaltenen Abhandlungen beigefügt ist. Außerdem aber enthält jetzt ein Supplementband der Acta Sanctorum zum October Generalregister über das ganze Werk von =Rigollot=.

[6] S. Rettberg, Art. Papebroch in der Encyklopädie von Ersch und Gruber. A. Scheler, Zur Geschichte des Werkes Acta Sanctorum, Serapeum VII, 305 ff. Potthast, Bibl. historica, p. 23-25. Baehr, Gesch. d. Röm. Litt. IV, 227.

Neben den Jesuiten begannen auch die französischen =Benedictiner= ein ähnliches Werk, nachdem ihr Orden in der =Congrégation de Saint-Maur= einen neuen, außerordentlich kräftigen Aufschwung genommen hatte. Die Erforschung der Geschichte ihres Ordens wurde bald ein Hauptgesichtspunkt der Congregation und ihr Bibliothekar Dom =Luc d'Achery= sammelte dafür viele Jahre mit Unterstützung der ganzen Genossenschaft unschätzbares Material. Zur Bearbeitung desselben wurde ihm 1664 Dom =Jean Mabillon= beigegeben, den dann wieder =Germain= und =Ruinart= unterstützten. Von ihnen erschienen 1668-1701 die _Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti_ in 9 Folianten, welche bis zum Jahre 1100 reichen und vom größten Werthe für die Geschichte sind. Abweichend von der Anordnung der Bollandisten ist diese Sammlung nach der Zeitfolge geordnet; sie beginnt natürlicher Weise erst mit der Entstehung des Ordens der Benedictiner, die ersten Jahrhunderte der Kirche aber behandelte Ruinart selbständig in seinem trefflichen Werke: _Acta primorum martyrum sincera_, 1689, 4.

§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte.