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So zog also Karl um das Jahr 782 von allen Seiten die Träger wissenschaftlicher Bildung an sich und arbeitete von nun an unablässig und unverwandt hin auf eine Wiederherstellung der antiken Cultur, deren Herrlichkeit seinen Geist erfüllte[16]. Wie er die alten Kunstwerke nach Aachen führte und seine Bauten nach den Regeln des Vitruv und den Mustern der Kirchen zu Ravenna und Rom ausführen ließ, so ließ er auch die alten Schriftsteller nach den alten Handschriften mit der sorgsamsten Genauigkeit abschreiben. Staunend bewundern wir die Prachtwerke seiner Kalligraphen, und nichts ist vielleicht so charakteristisch für das was man damals erstrebte, wie diese Handschriften[17] mit ihrer Uncialschrift, ihren vollkommen nach antiken Mustern nachgeahmten Verzierungen und Bildern. Ja so wie Eigil von Fulda Modelle der antiken Säulen sich verschafft hatte, welche Einhard benutzte, so wurden auch Sammlungen alter Inschriften mit größter Sorgfalt zusammengestellt und die Siglen der Juristen gesammelt und erklärt[18].
[16] „Quippe qui omnium regum avidissimus erat sapientes diligenter inquirere, et ut cum omni delectatione philosopharentur excolere. Ideo regni a Deo sibi commissi nebulosam, et ut ita dicam paene caecam latitudinem, tocius scientiae nova irradiatione et huic barbariei ante partim incognita luminosam reddidit Deo illustrante.“ Walafridi Praef. ad Einhardi Vitam Karoli, Jaffé Bibl. IV, 507.
[17] Ohne Zweifel auch profane, die sich aber aus Karls Zeit nicht erhalten haben.
[18] Notae juris aus Probus und einer jüngeren Sammlung sind im Cod. Einsidlensis. Schon Karl dem Großen selbst aber überreichte =Magno=, Erzbischof von Sens (801-818), eine Zusammenstellung der bei den Alten in juristischen Schriften gebräuchlichen Abkürzungen, zusammengestellt aus zwei anderen, die ihm in die Hände gekommen waren. Mommsen, Laterculus notarum in Gramm. Latt. ed. Keil IV, 285, 315. Ueber eine durch ihn veranlaßte Formelsammlung Zeumer, NA. VI, 79. Karls Sorgfalt für die Berichtigung verderbter Abschriften preist der Schreiber =Winidharius= im Wiener Codex 743:
Qui sternit per bella truces fortissimus heros, Rex Carolus nulli cordis fulgore secundus, Non passus sentes mendarum serpere libris, Et bene correxit studio sublimis in omni. (Dümmler, Poet. I, 89.)
Am Hofe hatte sich aus alter Zeit immer eine =Hofschule= erhalten[19]. Diese wurde durch Karl neu belebt; er selbst, seine Kinder, seine Hofleute, nahmen an dem Unterrichte und den Uebungen Theil. Es erwuchs daraus neben der eigentlichen Schule eine förmliche Akademie, welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde zu regelmäßigen Sitzungen vereinigte[20]. In ähnlicher Weise wie an den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet, Räthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der Vorzeit, in denen heidnische und christliche Erinnerungen in seltsamer Mischung erscheinen. So hieß Karl selbst David, Alcuin Flaccus, Einhard Beselecl nach dem kunstreichen Erbauer der Stiftshütte, Riculf Damoetas, Beornrad von Sens Samuel, Angilbert Homer; Audulf der Seneschalk und der Kämmerer Meginfrid führten die idyllischen Namen Menalcas und Thyrsis. Naso nannte sich selbst ein Dichter Modoin oder Muadwin, der von 815 bis nach 840 Bischof von Autun gewesen ist. In sehr ungelenken Idyllen feierte er David, den Kaiser, als Friedensfürsten und bewarb sich um dessen Gunst[21]. Die Standesverschiedenheiten der Gegenwart wurden durch solche Verhüllung auf diesem Gebiete in den Hintergrund gestellt. Nicht zu bezweifeln ist, daß Karl selbst eine für jene Zeit nicht unbedeutende Bildung sich angeeignet hatte, aber Einhards ausdrückliches Zeugniß, daß es ihm nicht mehr gelingen wollte, schreiben zu lernen, dürfen wir doch auch nicht unterschätzen. Seine gelehrten Briefe an Alcuin schrieben, gewiß nach seiner Anweisung, die _palatini pueri_[22].
[19] Für Pippins Zeit nachgewiesen von Léon Maitre, Les écoles episcopales (Paris 1866) S. 34-37. Vgl. Rud. Sohm: Die fränkische Reichs- u. Gerichtsverfassung S. 342 über das _commendare ad regem_. Simson II, 570 ff.
[20] Oebeke, De Academia Caroli Magni. Aachener Gymn.-Progr. 1847.
[21] Diese früher ganz unbekannten Dichtungen sind durch E. Dümmler zuerst bekannt geworden, Poet. I, 382-392, und nach Entdeckung der Darmst. Hs. wieder NA. XI, 75-91 herausgegeben; vgl. Ebert II, 64-68. Trotz der sehr fehlerhaften Form sind die Gedichte nicht unbeachtet geblieben, und wurden von Ermanrich stark ausgebeutet.
[22] Ep. Alcuini, Jaffé Bibl. VI, 459.
Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Akademie zu Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein großer Unterschied. Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie einen Gegenstand des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein Briefwechsel mit Alcuin zeigt uns, daß seine Akademie auch praktisch wichtige Fragen behandelte, und oft einem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ähnlich wird. Der Herstellung des alten Glanzes und der Reinheit der Kirche mußten alle seine gelehrten Freunde mit ernstlicher Arbeit dienen[23]. Allein das war doch auch wieder nur eine Seite der Bestrebungen des Königs; ihm war es voller Ernst, sein ganzes Volk auf eine höhere Stufe der Bildung zu heben, und deshalb legte er überall Schulen an, und sorgte unermüdlich für die Pflege und Hebung derselben[24]. Sogar von Alcuin trennte er sich aus diesem Grunde, und verlieh ihm 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, wo er von nun an als Leiter einer blühenden Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen Bisthümer und Abteien des Frankenreiches erhielten von hier aus ihre Vorsteher, und wo in der nächsten Folgezeit von litterarischer Thätigkeit etwas zu melden ist, da können wir mit Sicherheit darauf rechnen, einen Schüler Alcuins zu finden. Weit genug erstreckte sich der Wirkungskreis dieser Schule; doch errichtete Karl für die entfernteren Theile seines Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche von seinem Scharfblick Kunde geben, wie alles was er gethan. In Italien besaß =Pavia= schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese Schule erhielt jetzt neuen Glanz durch den Schotten =Dungal=[25]; ihr Fortleben und bleibendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna verdunkelte Ruhm der Rechtschule von Pavia.
[23] Ueber die _Libri Carolini_, welche uns ferner liegen, bemerke ich nur, daß ihre Echtheit durch Auffindung des Cod. Vat. festgestellt ist, s. Reifferscheid im Ind. lectt. Vrat. hib. a. 1873. Vgl. Leibn. Ann. Imp. Occ. ad. a. 794. H. Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung im Mittelalter I (1875) S. 10 bis 13. Abdr. Migne XCVIII.
[24] Ebert II, 8 über Karls Verordnungen. Simson II, 567 über das Sendschreiben an Baugulf. Diekamp im Hist. Jahrb. V, 259 gegen die unbegründete Verdächtigung desselben durch Harttung, Dipl. hist. Studien, S. 319. 338 ff.
[25] S. oben S. 153 Anm. 5.
Ein echt karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums Hamburg an der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter seinem Nachfolger zu Stande kam; aber gerade in den fernsten Osten ließ er Alcuins ebenbürtigen Freund, Arn, den Abt von St. Amand, ziehen, dem Tassilo 785 das Bisthum =Salzburg= verlieh[26]. 798 errichtete er hier dann ein Erzbisthum, welches bestimmt war, ein fester und segensreicher Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer Beziehung zu werden. =Arn= erfüllte seine Mission in vollem Maße; aus den Urkunden wie aus den Briefen Alcuins an ihn[27] tritt uns das Bild des bedeutenden, nach allen Richtungen thätigen Staatsmannes und Kirchenfürsten klar entgegen, und wenn ihm auch zu schriftstellerischer Thätigkeit kaum Zeit blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die Sammlung eines Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für Schule und Lehre[28], wobei ihm von 797 bis 801 Alcuins Schüler Wizo hülfreich zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen, dann des ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen im Osten, haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen lassen, doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des bairischen Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.
[26] Karls Zustimmung war ohne Zweifel erforderlich, um so mehr, da Arn die Abtei Saint-Amand behielt. Zu A. Huber: Ueber das Vorleben Arno's im Arch. d. W. Akad. XLVII, 197-217, ist zu bemerken, daß in der Urk. v. 779 (Meich. n. 57) _dd David_ und nicht _archidiaconus_ bedeutet, der Diakon Arn ein anderer ist, und daß in d. Urk. v. 776 (Meich. n. 48) _nobis_ auf den Aussteller Bisch. Aribo geht, und also für die Verwandtschaft Arns nichts austrägt. Vgl. auch Graf Hundt a. a. O. S. 187.
[27] Leider sind uns keine Briefe von Arn an Alcuin erhalten, Bibl. VI, 870 ein hübscher Brief von ihm an Cuculus, wie ein leichtfertiger Schüler Alcuins, wahrscheinlich Dodo, genannt wurde. Wichtige urkundliche Quellen aus seiner Zeit sind _Indiculus Arnonis_ und _Breves notitiae Salzburgenses_, nach den bekannten und bisher unbenutzten Handschriften herausgegeben und mit Erläuterungen versehen von Friedrich Keinz, München 1869; vgl. meine Anzeige in d. Heidelb. Jahrbb. 1870 S. 20-25.
[28] Mehr als 150 Bücher ließ er nach Angabe des Necrologs schreiben, MG. SS. IX, 770; vgl. Alcuins Brief Frob. 76. Bibl. VI, 525. Darunter ein Formelbuch, herausgegeben von Rockinger, Quellen zur bayerschen Geschichte, Bd. VII, von De Rozière, Revue hist. de droit français et étranger, 1859, nach der Münchener und Kopenhagener Handschrift. Ueber Arn Büdingers Oesterreichische Geschichte I, 147 ff., über Wizo 149; Allg. D. Biogr. I, 573. Zeißberg, Alcuin und Arno, Zeitschrift für österreichische Gymnasien, 1862, S. 85-98. Derselbe, Arno, erster Erzbischof von Salzburg, Wiener SB. (1863) XLIII, 305-381. W. Giesebrecht, Königsannalen S. 199-202; vgl. unten § 9.
Ein wunderbarer Erfolg krönte diese Bemühungen Karls, und er hatte das Glück, die Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein Phänomen in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des neunten Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben Bücher, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte lang nicht wieder vorkommt[29].
[29] Zu warnen ist vor dem immer wieder (noch von Prantl und L. Maitre) angeführten unechten Diplom über die Errichtung griechischer und lateinischer Schulen in Osnabrück, dessen Unechtheit zuletzt wieder von R. Wilmans, Kaiserurkunden d. Provinz Westfalen, s. besonders S. 368, und Sickel, Acta Carol. II, 428 nachgewiesen ist. Auch Bass Mullinger wiederholte S. 70 unbekümmert die alte Fabel, hat sich aber in der Revue hist. X, 183 selbst berichtigt.
Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast eben so plötzlich wie er gekommen war, aufs neue bedeckte Finsterniß das Land, aber gerade in dieser Finsterniß bewährte sich die feste Begründung von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder verloren ging, es blieb noch immer genug übrig, um als Grundlage für alle Folgezeit zu dienen. Wir haben schon oben bemerkt, daß Karl sein Werk nicht erst begann, daß er den Boden vorbereitet fand durch die Befestigung und Ordnung des Staates, durch die Herstellung der Kirchenzucht, und daß er nur dadurch im Stande war, so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits einige Keime litterarischer Thätigkeit, als er auftrat, aber ihre rasche und glänzende Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit Unrecht sagte man im Mittelalter von ihm, daß er den Sitz der Studien von Rom nach Paris verpflanzt habe[30]. Zu einer Zeit, wo die Pariser Universität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der richtige Gedanke aus, daß Karl der Stifter einer neuen Culturperiode gewesen war.
[30] Zuerst bei Jordanus de praerogativa Romani imperii, ed. Waitz p. 70. In Vincentii Bellovac. Speculo hist. XXIII, 173 und daraus bei Mart. Oppav. wird Alcuin die Verlegung des Studiums von Rom nach Paris beigelegt. Vgl. auch G. Paris, Hist. poétique de Charlemagne p. 66.
§ 5. Alcuin.
Alcuini Opera ed. Frobenius (Froben Forster, Fürst-Abt zu St. Emmeram), 4 Bände, fol. Ratisb. 1777. Danach bei Migne, C. CI. Neue Ausgabe der Briefe u. hist. Schriften nach Jaffé's Vorarbeit von Dümmler und Wattenbach, Bibl. VI. 1873. Alcuins Leben von F. Lorentz, Halle 1829. Monnier, Alcuin et Charlemagne, Paris 1853. 1863. J, Bass Mullinger, The schools of Charles the Great and the restoration of education in the ninth century, London 1877. A. F. Théry, l'École et l'Académie Palatines. Alcuin, Amiens 1878. Dümmler, Art. Alcuin, Allg. D. Biogr. I, 343-348. K. Werner, Alcuin u. sein Jahrh. 2. Ausg. 1881. Ganz fabelhafter Brief über die Herkunft der Beneventaner unter Alcuins Namen NA. I, 169-172. -- Vgl. Ebert II, 12-36. Cantor, Gesch. f. Mathematik I, 712-721. Hauck II, 119-145.
Alchuine, wie die ursprüngliche Form lautete, oder Alcuin, nannte sich gern in mehr lateinisch klingender Form Albinus. Verwandt mit Willibrord, dessen Leben er auch beschrieben hat, wurde er um das Jahr 735 in York geboren. Seine Bildung verdankte er der ausgezeichneten Domschule in seiner Vaterstadt unter der Leitung Egberts, der seit 732 Erzbischof war, und Aelberts, der Alcuin mit sich nach Rom nahm, als er nach der Sitte dieser Angelsachsen dahin reiste, um Handschriften auf dem dortigen Markte zu erwerben, der noch immer bedeutend und damals wohl der einzige im Abendland war. Im Jahre 766 wurde Aelbert zum Erzbischof erhoben, und Alcuin folgte ihm in der Leitung der Domschule. Der Auftrag, für Eanbald das erzbischöfliche Pallium vom päbstlichen Hofe zu holen, führte ihn 781 wieder nach Rom, und auf dieser Reise war es, wo er zu Parma mit Karl zusammentraf, an den er schon früher einmal eine Botschaft gebracht hatte[1], und von ihm die Einladung erhielt, welche ihn vermochte, im folgenden Jahre mit seinen Schülern Wizo[2], Fridugis[3] und Sigulf[4] an Karls Hof zu kommen; die Einkünfte der Abteien zu Ferrières und des heiligen Lupus zu Troyes sicherten ihm hier eine ansehnliche Stellung, während er in der Hofschule vor alten und jungen Zuhörern seine Vorträge hielt. Auch hier war es durchaus nicht allein auf dilettantische Belehrung der Hofleute abgesehen, sondern die vielen Söhne vornehmer Franken, welche nach alter Sitte zur Erziehung an den Hof gebracht wurden, erhielten hier allen Ernstes ihre Ausbildung zu Staatsmännern und Bischöfen. Nach Alcuins eigener Angabe war sein vorzüglichster Beweggrund nicht etwa wissenschaftlicher Eifer, sondern die Sorge für Aufrechterhaltung der kirchlichen Orthodoxie im Frankenreiche[5], wie denn überhaupt der kirchliche Standpunkt bei ihm durchaus maßgebend ist.
[1] Vita c. 6. Dass der 773 von Karl an den Pabst geschickte Albinus Alcuin gewesen wäre, wie Jaffé p. 144 n. 1 annimmt, scheint mir unmöglich. Leibniz Ann. Imp. I, 40 hält ihn nach Albericus für den Bischof von Angers.
[2] Genannt Candidus, von 797-801 bei Arn in Salzburg.
[3] Genannt Nathanael, von 819-832 Kanzler; wahrscheinlich führte er das bessere Latein in die Kanzlei ein und veranlaßte vielleicht die Sammlung der Carpentierschen Formeln in tiron. Noten, jetzt MG. Formulae p. 285 als Formulae imperiales e curia Lud. Pii: vgl. Sickel Acta Kar. I, 89-95 u. 160, B. Simson, Ludw. d. Fr. II, 235-238. Max Ahner, Fredegis von Tours, Leipz. 1878. Ueber seine Schrift _de nihilo et de tenebris_ Prantl, Gesch. d. Logik im Abendland II, 17-19; Reuter, Gesch. d. relig. Aufklärung im Mittelalter I, 274; Ebert II, 221. Er war Alcuins Nachfolger als Abt von St. Martin, wo Canoniker an die Stelle der Mönche traten und die Schule verfiel; wenigstens ist in schroffem Gegensatz gegen Alcuins Zeit kein Schüler bekannt. Bei Herolds Taufe in Mainz erscheint er mit seinen Schülern. Bücher schrieb unter ihm und für ihn =Adalbaldus= presb., der sich _artifex_ nannte, Delisle, Notice des Mss. de Tours, p. 81-83; L'école calligr. de Tours p. 20. Desnoyers u. Delisle in Comptes rendus des Séances de l'Acad. des Inscr. 1886 mit Monogramm. Album pal. pl. 21. Ein sehr schlechtes Andenken hinterließ er in St. Bertin, wo er gleichfalls Abt war, s. Folcwini Gesta abb. S. Bert. MG. SS. XIII, 614, und daraus in Folcards V. S. Bertini und bei Bovo, De elevatione S. Bertini. Nach seinem Tode 834 folgte in St. Martin Adelard, unter dem durch Amalrich, der 849 Erzb. v. Tours wurde, die Schule wieder aufblühte (vgl. unten § 20). Dann folgt 845 Graf Vivian als erster Laienabt.
[4] Genannt Vetulus, später als Alcuins Nachfolger Abt von Ferrières und Stifter der dortigen Schule. Er räumte seinen Platz Adalbert, der die Bened. Regel einführte, und wurde selbst unter ihm Mönch: dann folgt Alderich bis 829, Odo, der abgesetzt wird, an dessen Stelle 22. Nov. 842 Lupus tritt.
[5] Ep. 35 u. 140 bei Jaffé, Bibl. VI, 255 u. 541, u. daraus Vita c. 5, p. 16.
Im Jahre 789 kehrte Alcuin nach England zurück; aber die heftigen Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung veranlaßten Karl, ihn von neuem dringend einzuladen, und die inneren Unruhen, welche England zerrissen und Alcuin sogleich wieder in die ihm verhaßten politischen Händel verflochten hatten, machten diesen geneigt, seine Heimath zu verlassen. Er erschien 794 auf dem zu Frankfurt gegen Felix und Elipand versammelten Concil als Abgesandter der englischen Kirche und bewährte sich durch mehrere Schriften als tapferer Streiter gegen die Irrlehren[6]; noch zog es ihn zurück in sein Vaterland, aber die Ermordung Ethelreds 796 verleidete ihm die Heimkehr, und von nun an widmete er sich ganz dem Frankenreiche. Nach Iterius Tod erhielt er 796 die Abtei des heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem Tode, am 19. Mai 804, vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern, entfaltete er hier die segensreichste Thätigkeit und bildete eine außerordentliche Zahl von Zöglingen, welche im ganzen weiten Reiche Karls neue Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten. Seinen Schüler Wizo schickte er nach England, um Bücher zu holen, die er zu Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriften vervielfältigen ließ. Zugleich aber blieb er in fortwährender Verbindung mit Karl, der ihm das größte Vertrauen schenkte. Als unschätzbares Denkmal ist uns seine =Briefsammlung= erhalten, welche zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte dieser Zeit gehört, wenn gleich der stoffliche Inhalt geringer ist, als wir wünschen möchten. Die größte Masse ist aus den letzten Jahren, in welchen Alcuins Frömmigkeit immer mehr überhand nahm, und fromme Ermahnungen sind in hohem Grade vorherrschend. Eben diese gaben in jenen Zeiten Anlaß, sie als Vorbilder zu sammeln und abzuschreiben; es zeugt aber von der hohen Bedeutung des Mannes, daß nicht wie bei anderen Briefsammlungen, die Hauptmasse einem Conceptbuch des Verfassers entstammt, sondern wie Sickel nachgewiesen hat, seine Schüler und Verehrer, ein Arno, Adalhard, Angilbert, dazu Angelsachsen es gewesen sind, welche die ihnen zugänglichen Briefe sammelten und dadurch vor dem Untergang bewahrten[7].
[6] Ueber seine Bekämpfung des Adoptianismus s. Größler, Die Ausrottung des Adopt. im Reiche Karls d. Großen, Progr. d. Gymn. zu Eisleben 1879. Ob die _libri Carolini_ (oben S. 157) von ihm verfaßt sind, ist zweifelhaft; vgl. die Anm. von Dümmler, Bibl. VI, 222. Ueber den ganzen Gegenstand Hauck II, 283-299.
[7] Neue Ausgabe Bibl. VI, 132 ff. Vgl. Sickel, Hist. Zeitschr. XXXII, 355-365, u. Alcuinstudien I, Wiener SB. LXXIX, 461 ff. Ein Facs. aus Harl. 208 in Thompson's Catal. of ancient Lat. mss. (1884) pl. 51, Beschr. S. 86; S. 87 von Reg. 8. E. XV. Einen Brief über Felix, vermuthlich an Theodulf gerichtet, hat Loewenfeld gefunden und Bibl. de l'École des chartes XLII herausgegeben (s. NA. VII, 242). -- Dümmler, Alchvinstudien, Berl. SB. 1891, S. 495-523 als Vorbereitung der neuen Ausgabe.
Viel und gern versuchte Alcuin sich auch in Gedichten, welche freilich sehr incorrect, aber doch nicht ohne Leichtigkeit im Ausdruck und gefällige Anmuth sind[8]. Sie bieten uns manchen Einblick in die Zustände der Zeit, und das umfangreichste darunter, über die Bischöfe der Kirche zu York, reich an schönen Stellen und belebt durch die warme Liebe zur Heimath, gewährt mannigfache Belehrung über die Stiftschule zu York und Alcuins Leben vor seiner Berufung nach Frankreich[9]. Seine übrige schriftstellerische Thätigkeit dagegen war mehr auf Theologie, Philosophie[10] und Grammatik[11] gerichtet als auf Geschichte. Sein lateinischer Stil, der noch sehr fehlerhaft ist und von seinen eigenen Schülern bald übertroffen wurde, fand bei seinen Zeitgenossen hohe Bewunderung; und auf Bitten Angilberts bearbeitete er das Leben des h. Richarius, auf den Wunsch des Abtes Rado[12] das Leben des h. Vedastus. Bei beiden beschränkte er sich auf Glättung und Ausschmückung der überlieferten Darstellungen, und der erbauliche Zweck ist die Hauptsache, wie nicht minder auch in dem schon oben (S. 132) erwähnten Leben des h. Willibrord. Daß man ihm auch ein Leben Kaiser Karls zugeschrieben hat, beruht auf einer Verwechselung mit Einhard.
[8] Ausg. von Dümmler, Poet. Lat. I, 160-351, cf. II, 690-693. Die S. 692 nachgetragenen sind aber von Prosper, s. Manitius. NA. XI, 553; von dems. ib. S. 558 Anklänge in Alcuins Gedichten. Vgl. Traube, Karol. Dichtungen, S. 47-51, 61-110. A. Largeault, Inscriptions métr. composées par et pour les monastères de St. Hilaire de Poitiers et de Nouaillé (Poitiers, Guillois 1885); darüber u. dazu Traube, NA. XIX, 447. J. B. de Rossi: L'inscription du tombeau, d'Hadrien I (von Alcuin) Extr. des Mél. d'archéol. et d'hist. publ. par l'École franç. de Rome, 1888, mit Berichtigungen zu A.'s Gedichten. Vgl. NA. XIV, 447.
[9] Bibl. VI, 80-131; Poet. Lat. I, 169-206.
[10] Vgl. Prantl, Gesch. d. Logik II, 14-17.
[11] Jos. Zechmeister: Scholia Vindobonensia ad Horatii Artem, Vind. 1877, glaubt diese Alcuin oder seiner Schule zuschreiben zu können, aber der Stil erscheint mir sehr verschieden. S. 15, 23 l. _colantes culices_, nicht _volantes_.
[12] Für diesen, Karls Kanzler (Sickel I, 80), ist auch die jetzt in Wien verwahrte Biblia Radonis geschrieben.
In seinen alten Tagen versank Alcuin mehr und mehr in Frömmelei, und das Studium Vergils, den er selbst einst eifrig nachzuahmen gestrebt hatte, verwarf er später als höchst gefährlich, wenigstens für Mönche[13].
[13] Diese Ansicht bekämpft Ebert II, 345, allein mir erscheinen die Angaben der Vita c. 10 zu bestimmt und zuverlässig überliefert, als daß wir sie verwerfen dürften.