Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 19

Chapter 193,419 wordsPublic domain

[19] Für die Jahre 802-805 nach Heigel Auszug einer ausführlicheren Version der Königsannalen, welche in den Ann. Mett. erhalten ist. S. Heigel: Ueber die aus den alten Murbacher Annalen abgeleiteten Quellen. Forsch. V, 397-403; zustimmend, gegen Arnold, Waitz, Forsch. XX, 391. Seraphim S. 32-61. -- Der von Pertz im Arch. VII, 1018 angeführte Murbacher Bibliothekskatalog saec. IX vel X ist gedruckt bei Senebier. Cat. de la bibl. de Genève S. 77; vollständig von H. Hagen, Neue Jahrbb. f. Philol. CXVI (1877), 865-871. Doch bemerkt schon Pertz, Arch. VIII, 257, daß er nach Reichenau zu gehören scheine. Geschichtlich ist darin nur Greg. Turon. und Vita et gesta Caroli.

[20] _Ann. Guelferbyt._ 741-790, MG. I, 22-31; 40-44 neben den _Alam._ und _Nazariani_; dann folgen die weiteren Fortsetzungen der Guelf. und Alamannici. Neue Ausg. der Alam. nach dem in Zürich wiedergefundenen Original von Henking, Mitth. z. vaterl. Gesch. XIX, S. 224-265. Arnold, S. 37-42, leitet die Forts. 771-790 und 790-799 von den Hofannalen ab; desgl. Seraphim S. 32-39. Nach Dünzelmann wären die Alam. erst um 800 compilirt u. schöpften aus den Lauresh. u. Guelferbytanis, NA. II, 511. Untersuchung von Henking a. a. O. S. 347 ff. Danach ist bis 799 noch eine gemeinsame Quelle kenntlich, Fortsetzung der vorhergehenden, welche theils in Gorze, theils in Murbach überarbeitet wurde. Vgl. über die weitere Verbreitung dieser Annalen Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 51.

Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift des Klosters St. =Germain-des-Prés= entdeckten Annalen[21], welche im Anfang des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift abgeschrieben sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen Annalen benutzt wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze Annalen von =Lindisfarne= (643-664), einem Bisthum auf einer der kleinen Inseln an der Ostküste von Northumberland, jetzt Holyisland bei Berwick, welches von Hy aus begründet war. Darauf folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury. Nach Pertz' Vermuthung war es =Alcuin=, welcher diese Handschrift mit sich an Karls Hof brachte, wo er von 782 bis 787 (792) die Namen der Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte. Daran haben nun die Mönche von St. Germain ihre eigenen Annalen gefügt[22], als deren Grundlage jetzt Annalen von =Saint-Denis= bis 887, mit einer Fortsetzung 919-997 erkannt sind[23]. Jene Notizen über die Osterfeier von 782 bis 787 aber finden wir auch in einer anderen Handschrift wieder, jedoch ohne die Bemerkungen aus Canterbury. Dieses Exemplar nämlich hat Arn, der Freund Alcuins, nach =Salzburg= mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 genannt, und dann schließen sich Salzburger Nachrichten daran[24]. In Salzburg selbst hatte man damals aber bereits einheimische ältere Annalen, deren Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden[25]. Scheinbar bieten sich uns in diesen viel reichere und vollständigere Aufzeichnungen dar, allein es läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß diese erst im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen und gelehrter Berechnung zusammengestellt wurden, um die Dürftigkeit der alten Annalen zu ergänzen. Wie bedeutende alte Quellen aber verloren, und so lange sie noch vorhanden waren, unbeachtet geblieben sind, zeigen uns die von Riezler nachgewiesenen, sehr wichtigen Fragmente, welche Aventin aus einem Buch von „Herzog Thessels Kanzler mit Namen =Crantz=“ gerettet hat[26].

[21] MG. SS. IV, 2, _Ann. Alcuini_. Ein ähnliches Exemplar bis 792, mit Verbesserungen, aus Saint-Benôit-sur-Loire, bei Delisle, Catal. du Fonds Libri, p. 70.

[22] _Ann. S. Germani minores_ 642-919, im Anfang des zehnten Jahrhunderts geschrieben, den Murbacher und besonders den Ann. Aug. brevissimi (SS. III, 136) verwandt (vgl. Seraphim S. 73-75), von geringer Bedeutung; die Fortsetzung 923-1146 sehr dürftig. Die _Annales S. Germani Parisiensis_ 466-1061, III, 166-168, sind im elften Jahrhundert geschrieben und meist localen Inhalts, a. 987 ist, wie Dümmler bemerkt, _captum_ irrig in _Capetus_ verändert. Die _Translatio S. Germani_ (755) bei Mab. III, 2, 104-118, Acta SS. Mai. VI, 788-796, beschreibt die Translation, bei welcher Pippin geholfen und Palaiseau geschenkt haben soll. Daß die Erzählung Karl dem Gr. in den Mund gelegt wird, hielt ich für Fiction, sie wird in Schutz genommen von Oelsner, Pippin S. 501, und jetzt auch von Waitz, Ex translationibus et miraculis S. Germani Excerpta, SS. XV, 5-9. B. Simson, Jahrb. Karls I, 9, verhält sich skeptisch, um so mehr, da Aimoin die Schrift nicht kennt.

[23] _Annales S. Dionysii_, ed. E. Berger, Bibl. de l'École des chartes XL (1879), 261-295; SS. XIII, 718-721 von Waitz die Annalen mit der in die Ann. S. Germ. min. übergegangenen Fortsetzung; aus den weiteren Fortsetzungen nur Auszüge.

[24] _Ann. Juvavenses majores_ 550-855, 976, leider mit einer großen Lücke in der wichtigsten Zeit, MG. I, 87 nach Eckhardt. Benutzung der Ann. S. Amandi, wie Giesebrecht a. a. O. S. 228 meint, scheint mir zweifelhaft. _Ann. Juvavenses minores_ 742-814 (I, 88) sind 816 geschrieben; über eine darin benutzte Quelle s. oben S. 147. Nach Auffindung der Handschrift in Würzburg sind diese beiden Annalen leider nicht neu abgedruckt, sondern SS. III, 122 mit keineswegs erschöpfenden Berichtigungen und Supplementen versehen. -- _Ann. Salisb._ 499-1049 (I, 89) von 784 an gleichzeitig, der Anfang saec. XII ergänzt, vorherrschend local. -- _Annales S. Emmerammi majores_ 748-823. _minores_ 732-1062, MG. I, 92 bis 94. Wiederholt bei Karl Roth, Verzeichniß der Freisinger Urkk. von Corb. bis Egilbert (München 1855) S. 89-92 nach der Handschrift; minores jetzt auch SS. XIII, 47. _Ann. Bawarici breves_ 684-811, MG. SS. XX, 8, ohne Grund in zwei Stücke getheilt, zu derselben Gruppe gehörig; vgl. Arnold S. 50.

[25] Den Ann. S. Rudberti, MG. SS. IX, 758.

[26] Ein verlorenes baierisches Geschichtswerk des 8. Jahrhunderts, Münch. SB. 1881, I, 247-291, vgl. S. 389. Einige Verbesserungen von W. Meyer: Philol. Bemerkungen zu Aventins Annalen (Abh. d. Münch. Ak. I. Cl. XVII, III) S. 762. Ders. weist S. 752 den Titel nach: „Vita Thessaloni III scripta a Creontio, qui Thessalono fuit ab epistolis, inc. ab a. Chr. 771 usque ad a. 796“ unter den von Aventin benutzten Quellen. -- Spuren davon in den Annales Salisb. cod. Monac. SS. XIII, 237. Die Möglichkeit eines in der Form von „Crantz“ wenig verschiedenen Namens zeigt v. Oefele, HZ. LI, 154. Zustimmend Riezler im Nachwort zur Ausgabe von Aventins Werken III, 577.

Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahrbücher von =Fulda= und von =Corvey=; letztere stammen aus der angelsächsischen Stiftung Werden oder aus Münster, aber die 809 beginnenden Notizen reihen sich den alten Namen des siebenten Jahrhunderts nur ganz äußerlich an[27]. Anders in Fulda, wo diese irischen und angelsächsischen Namen nur in zwei Abschriften an die Spitze gestellt sind, im Original aber schon um 760 der Rand der Ostertafel mit den leider fast ganz erloschenen Notizen von angelsächsischer Hand versehen wurde, welche seit 790 von anderen Händen fortgeführt von 742-822 reichen. In einer anderen, jetzt Casseler Handschrift, finden sich diese Annalen bis 814 angereiht an einen Kaiserkatalog, dem auch jene altenglischen Annalen eingefügt sind; diese, ohne die Kaiser, und eine Fortführung bis 833 hat auch die dritte, jetzt Münchener Handschrift aus St. Emmeram[28]. Hier also, wie in so vielen ähnlichen Fällen, sehen wir recht deutlich, wie auch die mangelhaftesten Aufzeichnungen sich verbreiteten und als werthvoll betrachtet wurden, bessere also, auch nachdem sie schon in größerer Anzahl vorhanden waren, doch wenig Verbreitung gefunden haben müssen.

[27] S. die Ausgabe von Jaffé, Bibl. I, 32.

[28] _Annales Fuldenses antiqui_, ed. Pertz, MG. SS. III, 116, in Verbindung mit Sickels Untersuchung der Wiener Handschrift, Forschungen IV, 454-461. Neue Ausgabe von Fr. Kurze, Ann. Fuld. p. 136-138.

Die weitere Entwickelung dieser Annalen gehört einem späteren Abschnitte an; hier waren, wenn auch manchmal schon vorgegriffen wurde, vorzüglich nur die ersten Anfänge zu betrachten, welche noch im höchsten Grade dürftig und armselig sind, wie sie denn auch in ihrer ursprünglichen Gestalt als Randbemerkungen zu Ostertafeln durchaus nicht den Anspruch machen für litterarische Erzeugnisse zu gelten. Erst der lichteren Zeit des großen Karl gehört der Gedanke an, diese Notizen mit anderen Nachrichten zu einem Ganzen zu verbinden, und sie dann mit Absicht und Bewußtsein als gleichzeitige Aufzeichnung der Geschichte weiter zu führen.

§ 4. Karl der Große. Allgemeines.

Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Arch. X, 247-334. C. F. Baehr, De litterarum studiis a Carolo Magno revocatis ac schola palatina instaurata, Heidelb. 1855, 4. Desselben Geschichte der römischen Litteratur im Karol. Zeitalter, Carlsr. 1840. Phillips, Karl der Grosse im Kreise der Gelehrten, im Almanach der Kais. Akad. d. Wiss. 1856. S. 173-221. (Vermischte Schriften III, 93 ff. 415 ff.) F. Dahn, Urgeschichte der germ. u. rom. Völker IV (1889). Litteratur unter Karl d. Großen. Dümmler, Gedichte aus dem Hofkreise Karls des Großen in Haupts Zeitschrift XII, 446 bis 460. S. auch Waitz in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 48 ff. Bernhardy, Grundriß der römischen Litteratur § 61. Wilh. Scherer, Ueber den Ursprung der deutschen Litteratur, Berl. 1864, vgl. Centralblatt Sp. 572. M. Büdinger, Von den Anfängen des Schulzwanges, Zür. 1865. Ger. Meyer von Knonau, Ueber die Bedeutung Karls d. Gr. f. d. Entwicklung der Geschichtschreibung im 9. Jahrh. Züricher Probevorlesung 1867. -- Jahrbücher des Fränk. Reichs unter Karl d. Gr. I. v. S. Abel 1866 (2. Ausg. v. Simson 1888). II. von B. Simson 1883. Dümmler, Poetae Latini aevi Carolini, I. 1881, II. 1884.

Eine lange Zeit der Finsterniß liegt hinter uns. Nur geringe und dürftige Spuren haben uns Zeugniß gegeben, daß auch in diesen traurigen Jahrhunderten das Bedürfniß historischer Aufzeichnungen nicht ganz erstorben war; wir haben gesehen, daß mit der beginnenden besseren Ordnung der Dinge, der Herstellung des Reiches durch die karolingischen Hausmeier, auch einiges Leben auf diesem Felde sich regte, daß lebensfähige Keime zum Vorschein kamen. Aber noch ist fast alles namenlos; seit Venantius Fortunatus und Gregor von Tours ist uns nirgends eine bedeutende Persönlichkeit entgegengetreten. Das Frankenreich stand noch immer an Bildung weit zurück hinter seinen Nachbarn, als =Karl der Große= zum Throne gelangte, und die erste Hälfte seiner Regierung war auch noch viel zu sehr vom Kriegeslärm erfüllt, als daß er seine Aufmerksamkeit viel nach dieser Seite hin hätte wenden können. Doch hat er in Italien schon im Jahre 776 den Grammatiker =Paulinus=[1] mit einem Landgut beschenkt, und wir finden diesen an seinem Hofe in Gemeinschaft mit Petrus von Pisa, befreundet mit Alcuin, der Angilbert als ihren gemeinsamen Zögling bezeichnet. Wahrscheinlich 787 wurde er zum Patriarchen von Aquileja erhoben. Verschiedene Gedichte kirchlichen Inhalts haben sich von ihm erhalten und ein Buch der Ermahnung, das er an den trefflichen Herzog Herich von Friaul richtete, welcher mit ihm in treuer Freundschaft verbunden war und dessen Tod 799 er eine tiefgefühlte Todtenklage widmete. Am 11. Januar 802 ist er selbst gestorben.

[1] „Venerabilis artis grammaticae magister.“ Er schrieb später gegen Felix, nahm an den verschiedenen Synoden dieser Zeit Theil, und starb am 11. Jan. 802. Opera ed. Madrisi 1737. Migne XCIX. Vgl. Ebert II, 87-91. Dümmler, NA. IV, 113-118; Poetae I, 123-148, darunter der Rhythmus de Herico duce Forojul. S. 131, und die wohl nicht von ihm herrührende Klage um Aquileja S. 142.

Ohne Zweifel hat der Aufenthalt in Italien die Veranlassung gegeben, daß Karl aufmerksam wurde auf die unverkennbare Ueberlegenheit, welche den Italienern ihre höhere geistige Bildung verlieh; er faßte den Entschluß seine Franken von dem Joche der Unwissenheit zu befreien, und von da ab finden wir ihn unablässig bemüht, mit allen Mitteln nach diesem Ziele zu streben[2]. Der feste Grund geordneter äußerlicher Verhältnisse und einer neu gekräftigten, von sittlichem Eifer erfüllten Kirche war bereits vorhanden, und auf diesem Boden gediehen die Pflanzungen Karls mit dem überraschendsten Erfolge.

[2] Einen vermehrten Eifer, neue umfassende Maßregeln weist Scherer nach dem folgenden italienischen Feldzug 787 nach. Ueber die Zusendungen von Werken Gregors I durch Hadrian zu kirchlichem Zweck, aber doch auch litterarisch anregend, s. P. Ewald im NA. III, 440.

Schon regte sichs auch im Frankenreich. =Adam=, Haynhards Sohn aus dem weinreichen Elsaß, Abt von Masmünster, copirte 780 zu Worms des alten Grammatikers Diomedes Werk de oratione et partibus orationis, und widmete es dem Könige in Versen, die metrisch freilich mangelhaft, übrigens aber leidlich sind[3]. Im folgenden Jahre 781, als Karl das Osterfest in Rom feierte, und Pabst Hadrian seinen Sohn Pippin aus der Taufe hob, begann =Godesscalc= jenes Wunderwerk der Kalligraphie, das auf Purpurpergament mit Uncialschrift ganz in Gold und Silber geschriebene Evangeliarium, welches Karl und Hildegard zum dauernden Andenken dieser Feier anfertigen ließen. _Providus ac sapiens, studiosus in arte librorum_ heißt Karl in den Versen, durch welche Godesscalc seinen Namen verewigt hat[4].

[3] Keil, Grammatici Latini I, p. XXIX; Delisle, Cabinet des Manuscrits I, 3. Dümmler, NA. IV, 147; Poetae I, 93. Erst 30 Jahre alt, hatte er durch Karls Güte die Abtei Masmünster (Masunuilare) erhalten, doch wohl zur Belohnung und Förderung seiner Studien.

[4] Früher in Saint-Sernin de Toulouse, jetzt Bibl. Nat. s. Bibl. de l'École des chartes XXXV, 85. Die Gemälde sind nach antiken Mustern, die Randverzierungen jedes Blattes theils ebenfalls römischen, theils irisch-englischen Ursprungs. Vgl. Piper, Karls des Großen Kalendarium S. 36. Bastard, pl. 81-86. Dümmler, Poet. I, 94. Benutzung der Schreiberverse der Mensuratio orbis nachgewiesen von Traube, Münch. SB. 1891, S. 406.

In diesem denkwürdigen Jahre traf auch Karl in Parma mit =Alcuin= zusammen, den er schon früher als Boten des Yorker Erzbischofs kennen gelernt hatte, und veranlaßte ihn an seinen Hof zu kommen; von demselben Heereszuge brachte er =Paulus Diaconus= und den Grammatiker =Peter von Pisa= mit nach Frankreich[5]; er lehrte am Hofe Grammatik, unter welcher Bezeichnung die ganze Beschäftigung mit der lateinischen Litteratur verstanden wurde. In Freundschaft mit Paulus wechselte er scherzhafte Verse mit ihm, und Karl selbst genoß seinen Unterricht und bediente sich seiner, wenn er an diesem poetischen Verkehr theilnahm. Aus Spanien flüchtig, wie es scheint, kam =Theodulf= zu Karl, dessen geistreiche und formgewandte Dichtungen das lebhafteste Bild von Karls Hof gewähren, während er als Staatsmann und Bischof von Orléans eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete. Sein Gedicht an Karl nach dem Sieg über die Avaren 796 gewährt uns die eingehendste Schilderung des Hofes[6], während das lange und ausführliche Gedicht an die Richter[7] für die Zustände der Zeit ungemein lehrreich ist, und sein Capitulare[8] die Ermahnungen und Vorschriften für die Geistlichkeit seines Sprengels enthält, welche uns die reformatorischen Bestrebungen dieser Zeit zeigen. Unter Ludwig in Ungnade gefallen und der Theilnahme an Bernhards Aufstand beschuldigt, verlor er sein Bisthum und ist um 821 gestorben.

[5] Diesen Petrus hörte Alcuin schon vor Karls Zeit in Pavia mit einem Juden disputiren: „Idem Petrus fuit qui in palatio vestro grammaticam docens claruit.“ Alc. ep. ap. Jaffé, Bibl. VI, 548; cf. Einh. V, Caroli c. 25. Damals (799) war er schon todt. Gedichte von Angilbert u. Karl an ihn nach seiner Heimkehr nach Italien hat Dümmler herausgegeben, Zeitschr. f. D. Alt. XVII, 141. 146; Poet. I, 75. 76. Wohl von ihm ist die lat. Grammatik eines Petrus Grammaticus bei H. Hagen, Anecdota Helvetica (Suppl. ad Keilii Gramm. lat.) S. 159-171. vgl. XCVI-XCVIII; Dümmler, Poet. I, 73. Seine Gedichte sind bei Dümmler S. 48-56 mit denen des Paulus Diac. verbunden, vgl. S. 29.

[6] Dümmler, Poet. I, 483; II, 694-697. Ich begnüge mich jetzt, auf diese so lange schmerzlich vermißte neue Ausgabe seiner Gedichte, mit dem Vorwort, zu verweisen, S. 437-581; ein Nachtrag NA. VII, 401. Vgl. Ebert II, 70-84, Traube, Karol. Dichtungen (1888) S. 66. 67. De Rossi bemerkt, daß I, 557 das Epit. Damasi papae, von ihm selbst verfaßt, irrthümlich unter Th's Gedichte gerathen ist. (NA. XI, 213). Anklänge an ältere Dichter bei ihm, Manitius, NA. XI, 561. Ein franz. Werk von Cuissard über ihn war mir nicht zugänglich.

[7] Poet. I, 493. Neue Ausg. v. H. Hagen in einem Berner Univ.-Progr. v. 1882, vgl. NA. VIII, 422.

[8] Theodulfi Opera ed. Sirmond, p. 1-28.

Eine etwas sagenhafte Nachricht über Computisten und Grammatiker, welche Karl aus Rom in sein Reich berief, giebt Ademar von Chabanne (SS. IV, 118). =Schotten= aus Irland hat er, wenn wir dem Mönch von St. Gallen glauben dürfen, schon früher an sich gezogen[9]; hervorragend unter ihnen ist =Dungal=, der unter Waldo's Obhut zu Saint-Denis lebte, und 810 an den Kaiser über die Sonnenfinsterniß dieses Jahres schrieb, vielleicht derselbe, welcher 825 in Pavia lehrte und 827 gegen Claudius schrieb[10]; einer von ihnen lebte am Hofe in heftiger Feindschaft mit Theodulf und Angilbert. =Joseph=, schon in England Alcuins Schüler und mit Liudger befreundet, richtete an Karl als König einige sehr gekünstelte Verse mit Akrostichen[11]. Er ist vor Alcuin, also vor 804, gestorben.

[9] Cap. 1. Ueber =Donat=, 816 Bischof von Fiesole, nachdem er vorher als Lehrer gewirkt hatte, s. Ozanam, Documents inédits p. 48-57. Seine Vita vollständig Acta SS. Oct. IX, 655-662.

[10] Ueber ihn und den _Hibernicus exul_, welcher ein leider sehr fragmentarisch erhaltenes Gedicht auf Tassilo's Abfall an Karl richtete, s. Dümmler, NA. IV, 142. 254-256; Poet. I, 393-413. II. 664. Traube, „O Roma nobilis“ (Abb. d. Münch. Ak. I Cl. XIX, 2, S. 332-337).

[11] Zuerst in H. Hagen's Carmina Medii Aevi (Bernae 1877) p. 116 bis 124; jetzt bei Dümmler, Poet. I, 149-159. Einige Anklänge nachgewiesen von Manitius, NA. XI, 558.

Vielleicht gehört zu ihnen auch =Dicuil=, in dessen 825 verfaßter Schrift _de mensura orbis terrae_[12] der von Harun an Karl geschenkte Elephant erwähnt wird. Er verfertigte auch Verse grammatischen Inhalts und ein poetisches Handbuch der Astronomie in 4 Büchern, welches er in den Jahren 814 bis 816 vollendete und Kaiser Ludwig überreichte. Dieses ist bis jetzt noch ungedruckt geblieben.

[12] Ausg. von G. Parthey, Berl. 1870. Benutzung der Mensuratio orbis, Traube, Münch. SB. 1891 S. 407. Vgl. Dümmler, NA. IV, 256 u. Poet. I, 666; auch Zimmer: Ueber die frühesten Berührungen der Iren mit den Nordgermanen, Berl. SB. 1891 S. 279 ff.

Auch =Baiern= hatte unter den Agilolfingern, in enger Verbindung mit Italien, bereits einen höheren Grad der Bildung erreicht. Herzog Odilo hatte Cassinenser Mönche nach =Mondsee= berufen, und Reichenauer nach =Nieder-Altaich=; von hier entnahm Tassilo den ersten Vorsteher seiner herrlichen Stiftung =Kremsmünster=. Vor allem aber glänzte =Freising= unter seinem Bischof =Arbeo= oder =Aribo= (764 bis 783) durch die Pflege der Wissenschaft[13]. Aribo selbst verfaßte in ungelenker und schwülstiger, aber von angestrengtem Studium zeugender Schreibart die Lebensbeschreibungen der alten Glaubensboten Emmeram und Corbinian, deren wir oben (S. 123) schon gedachten; als Diaconen aber finden wir an seiner Kirche =Arn= und =Leidrad=, und auch diese folgten einem Rufe des großen Frankenkönigs. Arn erscheint in den Freisinger Urkunden zuletzt 778; 782 erhielt er die Abtei von St. Amand. Leidrad schrieb noch 782 eine Urkunde für Tassilo[14], dann finden wir auch ihn im Frankenreiche wieder, wo er neben Theodulf das Amt eines königlichen Sendboten verwaltete, und von 799 bis 813 dem Bisthum zu Lyon vorstand, welches er dann seinem Schüler Agobard überließ, um sich in das Kloster des h. Medardus zurückzuziehen, wo er am 28. Dec. 816 gestorben ist. In Lyon war =Claudius= bei ihm und begann seinen Commentar zur Genesis, den er an des jungen Ludwigs Hof in Aquitanien vollendete, in Casanolio palatio bei Poitiers, wo 811 Faustinus das Buch abschrieb[15].

[13] Er erscheint von 754-760 als Schreiber in der bischöflichen Kanzlei; als Freund der Franken fiel er gegen das Ende der Regierung Tassilo's bei ihm und Liutbirg in Ungnade, s. Graf Hundt, Ueber die Bayr. Urkunden aus der Zeit der Agilolfinger, Abh. d. Ak. III. Cl. XII, 182. 186, und was aus seinem Nachlaß im 44. u. 45. Jahresbericht des hist. Vereins von Oberbayern (1883) S. VII-XVII aus einer unvollendeten Abhandlung über Arbeo mitgetheilt ist. -- Fabelhaft und von dürftigem Inhalt ist die _Vita Gamulberti_, eines Gutsherren und Pfarrers aus Pippins Zeit in Michelsbuch, unweit des Einflusses der Isar in die Donau, Acta SS. Jan. II, 591-595, doch dürfte vielleicht aus den alten Hss. in München und Admunt eine bessere Form zu gewinnen sein.

[14] Ueber beide s. Meichelbecks Historia Frisingensis; über Leidrad Baehr S. 361, Graf Hundt a. a. O. S. 181; seine Schriften gesammelt bei Migne XCIX, 853-886. Giesebrecht erinnert dabei auch an jenen alten Agilolfinger =Wicterb=, Bischof und Abt von St. Martin zu Tours, der 754 _jam senex, puto nonagenarius aut supra, dolentibus membris et caliginantibus oculis_ ein geistliches Werk für einen Regenten, doch wohl Tassilo, abschrieb und unermüdet weiter schrieb, bis er 756 starb. Rettberg II. 269. Daß er Abt zu Tours war, darf nach der Notiz im Cod. Masciac. der Ann. Petav. (MG. SS. III, 170) nicht bezweifelt werden; auch hatte damals dieses Kloster seinen eigenen Bischof (Gallia christ. XIV, 153), so daß er unter die Regensburger Bischöfe wohl nur durch Mißverständniß gerathen ist, und durch ein ähnliches Mißverständniß auch an die Spitze des erst spät zusammengestellten Verzeichnisses der Aebte von Groß Sanct Martin in Coeln. -- Ein merkwürdiges Schreiben eines (Irländers?) =Clemens= an Tassilo, den bair. Episcopat u. Adel in Bezug auf die Eroberung und Bekehrung der Carantanen hat Zierngibl in d. Neuen hist. Abh. d. baier. Akad. I, 246 herausgegeben, und Riezler, Gesch. Baierns I, 155, zuerst benutzt.

[15] Epistola ad Dructeramnum abb. (von St. Chaffre) als Vorrede. Delisle, Cab. des Manuscrits I, 4, Anm. 11.