Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Erster Band (von 2)

Part 21

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Fast zwanzig Jahre waren schon seit Alcuins Tod vergangen, als auf den Wunsch eines Abtes, wahrscheinlich des Abtes Alderich von Ferrières, der unter Alcuin dort Mönch geworden war, und 829 das Erzbisthum Sens erhielt, nach Benedicts von Aniane Tod (11. Feb. 821), ein Schüler Sigulfs, dem nach Alcuins Tod die Abtei zugefallen war, es unternahm, das =Leben Alcuins= zu beschreiben. Gesehen hatte er selbst ihn nicht mehr, aber Sigulf hatte ihm viel erzählt, und das ist, außer dem Briefwechsel über den Adoptianismus, seine einzige Quelle. Daher ist es nicht zu verwundern, daß wir hier viel von Alcuins Frömmigkeit, von Askese und von Wundern finden, keineswegs aber ein Bild seiner fruchtreichen Thätigkeit in den Jahren seiner Kraft. Erbauung für Mönche ist der Zweck des Büchleins, und dem entspricht es leider nur zu sehr. Doch finden sich darin auch manche nicht unwichtige Nachrichten vorzüglich über seine Jugendzeit, welche wir dankbar annehmen müssen. Die Sprache ist im damaligen Schulgeschmack gesucht und mit frommem Schmuck überladen[14].

[14] Neue Ausg. Bibl. VI, 1-34. MG. SS. XV, I, 182-197, von Arndt.

§ 6. Paulus Diaconus.

Sein Leben ist erst genauer bekannt geworden durch die von Lebeuf entdeckten und in der Dissertation sur l'histoire de Paris 1739 herausgegebenen Gedichte. Bethmann, Paulus Diaconus Leben und Schriften, Archiv X, 247-334. Bethmann, Die Geschichtschreibung der Langobarden, ib. 335-414. Langob. Regesten, nach Bethmanns Nachlaß bearb. v. Holder-Egger, NA. III, 225-318. L. Ranke, P. D. Ges. Werke LI, 77-92. F. Dahn, Des Paulus D. Leben u. Schriften, 1876 (die Gedichte in sehr schlechten Texten). Vgl. die Anz. von G. Waitz, GGA. 1876 S. 1513-1523. Ebert II, 36-56. Bursian, Gesch. d. Philol. I, 19. Balzani S. 66-90. Pasq. Del. Giudice 1880, wiederholt in: Studi di storia e diritto (1890) S. 1-43. -- Die Gedichte Poet. Lat. I, 27-86, vgl. NA. IV, 102-112. 573. X, 165. XVII, 397-401. Traube, Karol. Dicht. S. 62. 63. NA. XV, 199 (Die Verse „Multa legit“ zu streichen). Ein grammat. Gedicht Poet. lat. I, 625-628, vgl. II, 698. Der Lobgesang auf den h. Mercur kann nach Dümmler nicht von P. D. herrühren, vgl. Dahn S. 17.

Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres Volkes Urgeschichte, die alten Sagen, die Großthaten der Väter, besonders aber, worauf sie den größten Werth legten, die Folge und Verwandtschaft der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich vom Vater auf den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte Arbeit, mochte überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke lebten; doch gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts, um 670 hat ein Langobarde aus ihnen die Geschichte seines Volkes entnommen, und der =Langobarden Herkunft=, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzählung, aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehrsamkeit, welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat[1]. Man hatte darin doch etwas mehr als in dem kahlen Königsverzeichniß, welches König Rothar 643 seinem Gesetzbuch vorangestellt hatte; des Volkes Aelteste, welche das Recht sprachen und das Andenken der Vergangenheit festhielten, trugen darum auch dieses Schriftchen in ihr Rechtsbuch ein, wie wir das so häufig wiederfinden in den Handschriften des Mittelalters, bei den Gesetzen der Westgothen und Franken so gut wie beim Sachsenspiegel.

[1] _Origo Gentis Langobardorum_, zuerst in: Edicta regum Langobardorum ed. opera et studio Caroli Baudi di Vesme, Aug. Taur. 1855, vgl. p. LXXI bis LXXXII. Ausg. v. F. Bluhme mit Chron. Goth. 1868 in MG. Legg. IV, 641-647. Ausg. v. Waitz, SS. Lang 1-6 (verwirft die früher mit Baudi de Vesme angenommene erste Abfassung unter Rothari). -- Uebersetzung von Abel bei P. D. S. 1-8; vgl. Bethmann S. 351-365 und über die Sagen im Allgemeinen S. 335-349. Hieraus geschöpft, aber erweitert auch mit Benutzung des Isidor, und mit einer Lobrede auf Karl und Pippin versehen ist das c. 810 geschriebene sog. _Chron. Gothanum_, d. h. aus der einst Fulder, jetzt Gothaer Handschr. der Volksrechte, in sehr barbarischer Form und Sprache; als _Historia Langobardorum codicis Gothani_ bei Waitz S. 7-11. Fragm. aus einer and. Hs. bei Calligaris, s. unten. Platner, Forsch. XX, 172, vermuthet erste Abfassung der Origo im 6. Jahr Agilulfs (597), weil nur so weit im Chron. Goth. benutzt. Mommsen, NA. X, 74 ff. sieht in der Origo einen Auszug aus dem Werke des Secundus mit einer Fortsetzung, aus diesem habe auch Paulus geschöpft; aber mir erscheinen die Gegengründe von Waitz ib. S. 421 überwiegend. Für Mommsen L. Schmidt, Zur Gesch. d. Langobarden (Diss. Lips. 1885), NA. XIII, 236. 391-394.

Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der Langobarden, verfaßt von dem Knechte Gottes =Secundus=, Abt in Trient († 612), aller Wahrscheinlichkeit nach, wie R. Jacobi bemerkt, demselben, welcher in Pabst Gregors I Briefe vorkommt[2]; wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer gedenkt, und sie scheint wenig Verbreitung gefunden zu haben. Ein so frommer Mann römischer Abkunft erzählte schwerlich von Wodan und Freia, und mit der römischen Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam befreundet. Ein Römer scheint es auch gewesen zu sein, der im Jahre 641 die oben S. 84 erwähnte Fortsetzung des Prosper verfaßte. Von litterarischer Thätigkeit im langobardischen Reiche finden sich weiter keine Spuren, man müßte denn etwa des Abtes Jonas von Susa Schriften, deren wir schon oben (S. 118) gedachten, dazu rechnen, der aber auch ein Romane war. Sonst liegt noch ein um 698 verfaßtes rhythmisches Gedicht in rohester Form vor, in welchem ein Magister =Steffan= den König Kunincpert feiert, der das Schisma von Aquilegia beendigt hatte; auch seiner Vorfahren, die Arianer und Juden verfolgten, wird rühmend gedacht[3]. Nicht minder roh in der Form ist eine bald nach 738 verfaßte rhythmische Beschreibung von Mailand, worin König Liutprand und Bischof Theodor gepriesen werden[4].

[2] R. Jacobi, Quellen der Langobardengeschichte, S. 63-84, stellt zusammen, was er von Paulus Werk für Secundus in Anspruch nehmen zu können glaubt, und bekämpft Bethmanns Meinung, daß der Contin. Prosperi Havn. ihn gekannt habe. L. Schmidt hält sein Werk für eine annalistische Fortsetzung des Prosper.

[3] Aus 2 Hss. aus Bobio bei Oltrocchi, Eccl. Medol. hist. Ligustica (1795) II, 536. 579. 624 mit ausführlichem Commentar. Waitz, SS. Lang. p. 189-191. Paulus D. hat es nicht gekannt. Manitius S. 397.

[4] Neu herausgeg. v. L. Traube, Karol. Dicht. S. 119-122. Manitius S. 398.

Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten ihre Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt bewahrte.

=Paulus=, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobardengeschlechte, das im Friaul begütert war, um 720 geboren, wurde wahrscheinlich nach alter deutscher Sitte am Hofe des Ratchis (744-749) zu Pavia erzogen; als seinen Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt[5]. Auch dem König Desiderius soll Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die Zeugnisse dafür unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr wahrscheinlich, daß er in der königlichen Kanzlei Beschäftigung fand und eben dadurch in ein so nahes Verhältniß zu der Herrscherfamilie trat. Im J. 763 verfaßte er rhythmische Verse über die sechs Weltalter, welche akrostichisch die Worte _Adelperga pia_ enthalten[6], den Namen der Tochter des Desiderius, welche seine Schülerin war; dieser und ihrem Gemahl Arichis war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft ergeben, und an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach dem Falle des Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die Königstochter dahin begleitet hatte. Für sie verfaßte er hier seine =Römische Geschichte= bis auf Justinian, deren wir schon oben (S. 52) gedachten[7]. Er hatte der wißbegierigen Königstochter den Eutrop zu lesen gegeben, in welchem sie aber jede Erwähnung der jüdischen und christlichen Geschichte vermißte. Deshalb versah er das Werk mit Zusätzen und mit einer Fortsetzung aus verschiedenen Quellen, und das Geschick nebst der umfassenden Litteraturkenntniß, womit er diese Arbeit ausführte, hat lebhafte Anerkennung bei Th. Mommsen gefunden, auf dessen Anordnung die Ausgabe von H. Droysen die Gestalt von Zusätzen zum Eutrop erhalten hat[8]. Den zusammenhängenden Text des Paulus dagegen finden wir in der Octavausgabe.

[5] Diesen vermuthet Luc. Müller in einem oft angeführten Grammatiker, Neue Jahrbb. f. Philol. XCIII (1866), 561. Dem aber widerspricht sehr entschieden H. Hagen, Anecdota Helv. p. CLXIII.

[6] Waitz l. l. p. 13. Poet. Lat. I, 35.

[7] Wie Del Giudice S. 25 f. nachzuweisen sucht, war er schon Mönch und das Langobardenreich gefallen.

[8] Von geringem Werth ist die Bearbeitung und Fortführung bis 813 von einem unbekannten =Landulfus Sagax= um das Jahr 1000, für die spätere Zeit fast ausschließlich aus der Kirchengeschichte des Anastasius geschöpft, bekannt als _Historia miscella_. (Ausg. v. Fr. Eyssenhardt, Berl. 1869). Seine Originalhs. hat Heinrich II dem Kl. Corvey geschenkt (Cod. Vat. pal. 909). -- Eutropi Breviarium ab U. C. cum versionibus Graecis et Pauli Landolfique additamentis, rec. H. Droysen, MG. Auctt. antiq. II. 1878, 4. Pauli Historia Romana in usum schol. recusa, Berl. 1879, 8. Vgl. Waitz, GGA. 1879, S. 583-602. H. Droysen, Zusammensetzung der H. R., Forsch. XV, 167-180. Mommsen, NA. V, 53.

Um diese Zeit dichtete Paulus auch für Arichis die Inschriften, womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die Grabschrift auf die Königin Ansa[9], welche 774 nach Frankreich abgeführt war, und deren Todesjahr unbekannt ist. Noch feiert er darin Adelchis als die Hoffnung der Langobarden.

[5] Neue Ausgabe von Waitz, SS. Lang. S. 191; Dümmler, Poet. Lat. I, 45.

Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er seinen Beinamen Diaconus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig, wann er in dem großen Mutterkloster des Abendlandes zu Montecassino das Mönchsgelübde abgelegt hat; vielleicht führte ihn dorthin die Anhänglichkeit an König Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg baute, vielleicht die Noth nach der Confiscation der Güter seiner Familie. Das stille Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz für Paulus nach den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, daß er die heilige Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht die politischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.

Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die Franken ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war, und wohl ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein Bruder Arichis gefangen fortgeführt wurde und sein Vermögen verlor. Lange scheint sich Paulus jeder Annäherung an die Franken enthalten zu haben; als aber Karl 781 nach Rom gekommen war, und in der Ordnung der italischen Verhältnisse seine Mäßigung und Milde bewährt hatte[6], da richtete Paulus, sechs Jahre nach jenem Ereigniß, eine Elegie an den König, worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat[7]. Damit begab er selbst sich zum Könige, und schrieb am 10. Januar 783 von den Ufern der Mosel einen Brief an seinen Abt Theudemar[8], worin er noch den festen Entschluß ausspricht, in sein Kloster, nach welchem lebhafte Sehnsucht ihn erfüllte, heimzukehren, sobald er den Zweck seiner Fürbitte erreicht habe. Er rühmt aber sehr die gute Aufnahme, welche er gefunden habe. Es war gerade die Zeit, in welcher Karl die Gelehrten aller Länder an seinem Hofe versammelte, und Paulus ließ sich doch bestimmen, einige Jahre an dieser ersten frischen Entfaltung litterarischer Thätigkeit sich zu betheiligen. Noch haben sich Verse erhalten, welche in Karls Namen Peter von Pisa an ihn richtete[9], wo in scherzhafter Uebertreibung seine Gaben und Kenntnisse gefeiert werden. Eben wolle er seine Tochter nach Griechenland verheirathen, sagt Karl, und Paulus solle ihre Begleiter in dieser Sprache unterweisen. Bescheiden und aufrichtig lehnt Paulus die Lobsprüche und den Auftrag ab, und ebenso wenig wird er, was ihm in ähnlicher Weise zugemuthet wurde, die Bekehrung des Dänenkönigs Siegfried versucht haben. Einige Kenntniß der griechischen Sprache, welche man bei der Nachbarschaft nicht gut entbehren konnte, hatte er, wie er selbst sagt, in der Schule erworben, aber weit wird dieselbe nicht gereicht haben. Er dichtete aber Grabschriften für die Königin Hildegard († 783) und für deren so wie für Pippins Töchter, und verfaßte auf Karls Befehl die Homiliensammlung, welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer Weise zu Hülfe kam[10]. Diese wird er jedoch, wie Dahn nachgewiesen hat, erst in Montecassino ausgearbeitet haben.

[6] „Quod raro fieri adsolet, clementi moderatione victoriam temperavit.“ Pauli Gesta epp. Mett. p. 268.

[7] _Versus ad regem precando_, wiederholt bei Waitz, S. 15; Poet. Lat. I, 47.

[8] Wiederholt bei Waitz, S. 16.

[9] Bei Waitz S. 17; Poet. Lat. I, 48.

[10] Bethmann, Arch. X, 296 u. 301; Poet. Lat. I, 68, und die schönen Widmungsverse eines Exemplars von Ebrard an den h. Germanus, Poet. Lat. I, 432. G. Loeck: Die Homiliensammlung des P. D. als unmittelbare Vorlage des Otfridischen Evangelienbuches, Kieler Diss. 1890.

In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs Angilram von Metz die Geschichte von dessen Vorfahren auf dem Stuhl des heiligen Clemens[11]. „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte er darin die Familie und die Ahnen Karls des Großen, vielleicht,“ wie Bethmann sagt, „auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens ihm zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein durch Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“ Doch hat gegen diese Auffassung Bonnell[12] nicht unerhebliche Gründe geltend gemacht, und nur die Verherrlichung des Ahnherrn Arnulf im Anschluß an dessen ältere Lebensbeschreibung bestehen lassen.

[11] _Gesta episcoporum Mettensium_ ed. Pertz, MG. SS. II, 260-270. Im Auszuge übersetzt bei O. Abel, Einhards Jahrbücher S. 1-8. Ueber die von Freher benutzte Hs. (jetzt in Bremen) Dümmler, NA. III, 187. Andere nachgewiesen im Catal. des Mss. des Départ. V, p. LXII. Die nach Bethmanns Vermuthung im Arch. X, 294 von ihm herrührenden _Versus de episcopis Mettensibus_ bis auf Angilram, Poet. Lat. I, 60. SS. XIII, 303-305. -- Durch weitere Ausführung mißverstandener Worte des Paulus entstand aus den Gesten mit Benutzung des Fredegar und seiner Fortsetzer unter Ludwig dem Frommen die _Domus Carolingicae genealogia_, MG. SS. II, 308, XIII, 243 von Waitz als _Genealogia regum Francorum_, welche nach Bonnell, Die Anfänge S. 6 ff. mit Ludwigs aquitanischem Königreich in Verbindung steht, indem sie ihm romanische Ahnen giebt und an südfranzösische Heilige anknüpft. Ueber die Leipz. Hs. Rethfeld, NA. XIII, 243. Die _Genealogia S. Arnulfi_ ib. ist eine Fälschung von Vignier, NA. XI, 631. Waitz hat ausser dieser andere ähnliche Stücke hinzugefügt, welche in Geneal. d. franz. Könige u. Grafen von Flandern übergehen. S. 726-729 _Historiae Francorum Steinveldenses_. SS. XXV, 381-384 _Genealogia Carolorum Mettensis_ von 1164 ed. Heller; daran anschliessend _Geneal. ducum Brabantiae_, p. 385-413. Durch dieselbe Genealogie ist als später entstanden kenntlich der _Libellus de Maioribus domus_. Mit der Gen. sind in der Ausgabe von Pertz verbunden die Versificirung derselben zu Ehren Karls des Kahlen: _Origo et exordium gentis Francorum_ (wiederholt Poet. Lat. II, 141) und _Regum Merowingorum genealogia et catalogus_, p. 307; cfr. III, 19. 214. X, 138, und dazu die Bemerkung von Ermisch, Die Chronik des Regino S. 22; weitere Catalogi regum et imperatorum SS. XIII, 264-271. 742.

[12] Die Anfänge des Karolingischen Hauses, S. 45.

Paulus gab in diesem Werke das erste Beispiel und Vorbild der Bisthumsgeschichten. Auch eine Biographie Gregors des Großen hat Paulus nach seiner eigenen Angabe geschrieben[13]; daß er aber auch derjenige Paulus gewesen wäre, welcher eine kritisch verbesserte Auswahl aus Gregors Briefen an Adalhard schickte, ist mindestens sehr unsicher[14]. Dagegen bemerkt Dümmler, daß er wohl der in einem Schreiben Hadrians I (Bibl. IV, 274) erwähnte Paulus grammaticus sein könne, welcher Gregors I Sacramentar für Karl von ihm erbeten hatte.

[13] S. darüber Bethmann im Arch. X, 303; NA. XII, 603 über die neue Ausgabe von Grisar, Zts. f. kath. Theol. XI, 162-172, worin mit den Interpolationen auch alle Andeutungen auf den Aufenthalt des Vfs. in Rom fortgefallen sind. Die Autorschaft des P. D. ist ganz ungewiss.

[14] S. Ewald, NA. III, 472 ff. 484. 624. u. NA. VI, 246 über die in Petersburg wiedergefundene Handschrift.

So wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein scheint, welche den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines Volkes verband, auf immer ließ er sich doch nicht am Hofe fesseln. Die immer zunehmende, endlich bis zum Kriege gesteigerte Feindschaft zwischen Arichis und Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufenthalt daselbst vollends verleidet haben, obwohl sein persönliches Verhältniß zum Könige auch durch diese Vorfälle nicht gestört wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder in Montecassino, wo er die schöne Grabschrift für den am 25. August verstorbenen Fürsten Arichis verfaßte[15]. Den Abend seines Lebens widmete er von nun an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und der Geschichte seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung der Klosterregel[16] und verfaßte die sechs Bücher seiner =Geschichte der Langobarden=[17], die er leider unvollendet hinterlassen hat. Er erfüllte damit das schon in der Widmung der Römischen Geschichte der Adelperga gegebene Versprechen, sie bis auf seine Zeit fortzusetzen.

[15] Poet. Lat. I, 66.

[16] Gedr. Bibl. Casin. IV. Floril. p. 1-173. Der Brief an Karl im Namen des Abts Theudemar ist facs. bei der Beschreibung des cod. 179 p. 39-41. Ueber diesen Commentar u. die Epit. Festi s. K. Neff: De Paulo D. Festi epitomatore. Diss. Erl. 1891.

[17] Die lange erwartete neue Ausgabe ist von Waitz vollendet: SS. Rer. Langob. et Ital. saec. VI-IX. ed. G. Waitz 1877. 4; S. 193-197 _Epitomae_, S. 198-220 _Continuationes_, von geringer Bedeutung. Anz. v. Bishop im Dublin Review, Apr. 1879, von Monod, Revue crit. 1879, I, 272-276. Uebersehene Hs. der Classe D. Christ. 597, NA. X, 165. 231. Cod. 96 = 105 ist jetzt in Paris Nouv. acquis. lat. 1602. Ueber die umgearbeitete Bamberger Hs., welche Spruners Uebersetzung zu Grunde liegt, s. Waitz im Arch. IX, 673-703, über eine verwandte in Oxford R. Pauli im NA. II, 161-168. G. Calligaris über eine Hs. in Turin im Bull. dell'Istituto stor. Ital. n. 10, S. 31 ff. u. Studien zur Kritik des Paulus in Mem. della R. Deputazione di storia patria per la Venezia 1890 (NA. XVII, 224). -- Uebers. v. O. Abel 1849, 2. A. v. Reinh. Jacobi 1878, Geschichtschr. 15 (VIII, 4). -- Ueber den Weg, auf welchem die Lang. gekommen, Virchow in Verh. d. Berl. Anthropol. Ges. v. 17. Nov. 1888, S. 508-532 (NA. XV, 211). Chroust, Ortsbestimmung, nach Pogatschnigg, NA. XV, 585.

Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich nicht betrachten. Die Sprache weiß er in seinen Gedichten mit Leichtigkeit und Anmuth, wenn auch nicht fehlerfrei, zu behandeln[18] und in der Erzählung zieht uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten Gelehrsamkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter ist seine gelehrte und sprachliche Bildung außerordentlich hoch anzuschlagen[19]. Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung dürfen wir bei ihm nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe von Metz berichtet er anfangs die fabelhafte Localtradition, ohne ein Urtheil darüber auszusprechen, als Sage, dann schöpfte er seine Nachrichten aus Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der neueren Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze Werk über einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch seines Gönners verfaßt, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.

[18] Die von Dümmler NA. X, 165 nachgetragenen Verse sind in scherzhafter Absicht, im Anschluß an vorhergehende ähnlicher Art, mit Vernachlässigung aller metrischen Regeln gemacht.

[19] Waitz: Ueber die handschriftliche Ueberlieferung und die Sprache der H. Langobardorum, NA. I, 533-566. Die Ausgabe bietet doch nicht die barbarische Sprache, welche die ältesten Handschriften enthalten. Es kommen allerdings grobe grammatische Fehler vor, und zwar in den letzten Büchern zunehmend. Da ist in Anschlag zu bringen, daß das Werk unvollendet blieb.

Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden. Leider reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744), und es fehlt uns also die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durchlebt hat. So weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden wir auch hier nur einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der mündlichen Ueberlieferung und schriftlichen Quellen, wie der Origo, Gregor von Tours, Beda, den Leben der Päbste u. a. m.[20]. Aus diesen nimmt er ganze Stücke auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu verarbeiten; in der Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei Benutzung seiner Gewährsmänner erscheint er schwach, höchst verwirrt in der Chronologie, und obwohl seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der Langobarden ist, nimmt er ohne rechtes Maß doch auch fernerliegendes auf. Läßt er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel zu wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr wesentliche Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die lautere Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Geradheit berichten läßt, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche sich auch ohne ruhmredige Verherrlichung besonders in der Aufzeichnung der alten Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends auf den materiellen Werth seiner Geschichte, so ist derselbe unbedenklich als ganz unschätzbar anzuerkennen, wir verdanken ihm eben die Bewahrung jenes reichen, durch keine spätere Gelehrsamkeit verfälschten Sagenschatzes, und über die Geschichte der Langobarden, was er aus dem Secundus von Trident und anderen verlorenen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung mündlicher Ueberlieferung: rettungslos würde alles dieses nach dem Sturze des Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten Mönches Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.